•Franciscus de Pedemontium• (~Francesco di Piedimonte~), geboren

in San Germano in der Terra di Lavoro, wahrscheinlich ein Zögling

Salernos und Leibarzt des Königs Robert und Professor in Neapel (†

um 1320), verfaßte eines der besten mittelalterlichen Lehrbücher der

speziellen Pathologie und Therapie, in welchem die Vereinigung der

salernitanischen mit der arabischen Medizin deutlich hervortritt,

ohne daß der scholastischen Beweisführung ein allzugroßer Raum

zugewiesen ist: ~Supplementum Mesuae~, eine Ergänzung zu dessen

Practica medicinarum particularium s. liber de appropriatis ═ lib.

II des Grabadin (vgl. S. 226), die dort einsetzt, wo Peter von Abano

aufgehört hat (vgl. S. 405), also mit den Herz-, Baucheingeweide-,

Leber-, Gebärmutter- und Gelenkkrankheiten (gedr. c. Mesue opera).

Das Werk ist überwiegend kompilatorischen Charakters (erwähnt

wird eine stattliche Zahl von Autoren, antike, byzantinische,

arabische, salernitanische und spätere), an eigenen Beobachtungen

(Krankengeschichten) bietet es nur wenig, hingegen eine Unmasse von

Rezepttherapie (darunter vieles „ex inventione nostra” empfohlen). Von

Interesse ist namentlich der geburtshilfliche Teil (im Abschnitt de

aegritudinibus matricis). Wichtig ist die Vorschrift, daß die Hebamme

bei normalen Geburten der Natur nicht vorgreife (et dimittat naturae

obstetrix et nihil agat), sie solle nur beobachten und etwaigen

Gefahren vorbeugen. Zu den geburtsfördernden Mitteln (~Geburtsstuhl~

mit einem Ausschnitt) zählen Einlagen, Räucherungen, Einfettung,

Niesemittel, instrumentelle Dilatation des Muttermundes, Sprengen der

Fruchtblase. Bei vollkommener Fußlage sind die Arme, wenn sie nicht

an den Schenkeln anliegen, herunterzustrecken; bei unvollkommener

Fußlage und bei Seitenlage ist die Wendung auf den Kopf anzustreben

(Reposition des Fußes, Schüttelung); bleibt dieses Verfahren

erfolglos, dann Herabholen des zweiten Fußes und Extraktion, ansonst

ist das Kind herauszubefördern wie ein totes. Zum Herausbefördern des

toten Kindes sind zunächst Arzneien anzuwenden, falls diese im Stiche

lassen, ist die Extraktion mit Haken bezw. Zerstückelung am Platze.

Zur Herausbeförderung der Nachgeburt sind nur medikamentöse Mittel

empfohlen. Neben den rationellen Maßnahmen spielen ~abergläubische~

Prozeduren noch eine sehr bedeutende Rolle.

•Matthaeus Sylvaticus•, „der Pandectarius” aus Mantua († 1342),

widmete dem König Robert von Neapel seine berühmt gewordenen

~Pandectae medicinae~ (Opus pandectarum medicinae), eine (um 1297

begonnene, 1317 fertiggestellte) die ~Synonymik~ berücksichtigende,

alphabetisch geordnete Arzneimittellehre in ca. 720 Artikeln (auch

unter dem Titel Liber cibalis et medicinalis pandectarum, Neap.

1474, Vicent. um 1475, Venet. 1480, 1484, 1492, 1498, 1499 u. ö.,

Papiae 1521, Lugd. 1524, 1534, 1541, die Ausgaben weichen nicht

unerheblich voneinander ab durch Einschiebsel aus Simon Januensis'

Clavis sanationis und sonstige spätere Entstellungen), möglicherweise

rühren die etymologischen Erklärungen gar nicht vom Verfasser selbst

her. Matthaeus Sylvaticus kompilierte sein Werk aus einer sehr großen

Zahl von Autoren, die er zitiert, unternahm wahrscheinlich auch im

Interesse seiner Arbeit weite Reisen. In seiner späteren Lebenszeit

wohnte er als „miles et physicus regius” in Salerno, wo er einen

botanischen Garten unterhielt.

Schule von Bologna.

•Guielmus Brixiensis• (Guglielmo da Brescia, G. de Corvis, 1250

bis um 1326), aus Canneto bei Brescia, war zuerst Lehrer der Logik

in Padua, studierte sodann Medizin in Bologna bei Taddeo Alderotti,

von dem er die Laurea empfing, und wurde später Leibarzt der Päpste

Bonifaz' VIII., Clemens' V. und Johanns XXII. (in Avignon), welche

ihn mit geistlichen Pfründen überhäuften; am Ende seines Lebens zog

er sich nach Paris zurück. Großes Ansehen erlangte seine ~Practica

ad unamquamque egritudinum a capite ad pedes~, gewöhnlich als

~Aggregator Brixiensis~ bezeichnet (Patav. 1505, 1515, Venet. 1510),

ein von scholastischem Geiste durchwehtes Sammelwerk, welches über

die verschiedenen Kapitel der speziellen Pathologie und Therapie

die Anschauungen der maßgebendsten Autoren zusammenstellt, zumeist

ohne zu einer selbständigen Kritik vorzudringen. Mit dem Hauptwerke

wurden öfters noch einige andere Schriften, ~Tractatus de febribus~,

~de peste~, ~de consilio observando tempore pestilentiali ac etiam

de cura pestis~, gedruckt.

•Bartolomaeus Varignana•, † um 1320, Schüler des Thaddaeus

Florentinus, ein auch an den politischen Angelegenheiten hervorragend

beteiligter Arzt und berühmter Lehrer; von seinen Schriften

(Kommentare und Kollegienhefte -- Recollectiones -- über Galen und

Avicenna, ferner Consilia) sind nur einige Proben gedruckt (bei

Puccinotti, Storia della medicina, Livorno 1855, Vol. II, P. 1 App.,

p. CXIII ff., ~Quaestiones super libro Galeni de complexionibus~;

~quaestio: Utrum medicina nutriat~).

•Guilielmus Varignana•, † 1330, Sohn des Vorhergehenden. ~Secreta

sublimia medicinae ad varios curandos morbos~, Venet. 1520, Lugd.

1526, Basil. 1597. ~Ad omnium interiorum et exteriorum partium

morbos remediorum praesidia et ratio utendi eis pro circumstantiarum

varietate~ (Basil. 1531). Zusammengefaßt in ~Opera medica de curandis

morbis universalibus et particularibus, febribus, venenis, faciei et

totius corporis mundificationibus~ (Basil. 1545, 1595, Lugd. 1560).

G. de Varignana war einer der Ersten, welcher die Isolierung der

Pestkranken forderte. Sein Sohn Guilielmo und seine Enkel Pietro und

Matteo waren gleichfalls Professoren der Medizin in Bologna.

•Dinus de Garbo• (Dino ═ Aldrobandino del Garbo, Dinus de

Florentia), geboren in Florenz als Sohn des Chirurgen Buono oder

Bruno, Schüler des Thaddaeus, wirkte als gefeierter Lehrer in Bologna,

vorübergehend auch in Siena und Padua und erfreute sich der besonderen

Gunst des Königs Robert von Sizilien, dem Mäzen aller Gelehrten. Er

starb in seiner Geburtsstadt 1327 (wenige Tage nach dem Feuertode

seines wissenschaftlichen Gegners und Konkurrenten, des Dichterarztes

und Astrologen ~Cecco di Asculo~, dessen Verurteilung durch die

Inquisition er befördert haben soll). Dino, einer der feingebildetsten

und bedeutendsten Aerzte in den Augen der Zeitgenossen, zeigte

sich als starrer Anhänger der Tradition (secutus est Galenum sicut

Evangelium, sagt sein etwas freier gesinnter Sohn von ihm). Von

seinen Schriften sind gedruckt: ~Chirurgia cum tractatu ejusdem de

ponderibus et mensuris nec non de emplastris et unguentis~ (Ferrar.

1485, Venet. 1519, 1536), hauptsächlich aus Avicenna geschöpft,

~Super IV. Fen. primi Avicennae praeclarissima Commentaria~ etc.

(Venet. 1514), ~Expositio super Canones generales de virtutibus

medicamentorum simplicium secundi Canonis Avicennae~ (Venet. 1514) --

von diesem Werke stammt der Beiname „Expositor” --, ~Recollectiones

in Hippocratis librum de natura foetus~ (Venet. 1502, 1518),

Ennarationes in guidonem de Cavalcantibus de natura venerei amoris

(Venet. 1498)[2], De coena et prandio (Rom 1545), Proben aus seinem

~Kommentar zu den Aphor. des Hippokrates und zu Galens de malicia

complexionis diversae~ (bei Puccinotti l. c. p. LXXXIX ff.). Dinus

de Garbo wurde übrigens beschuldigt, die Werke seines Zeitgenossen

Turisanus usurpiert zu haben.

[2] Erläuterung zu Guido Calvacantis bekanntem Gedicht über die

Natur der Liebe, beginnend mit den Worten: „Donna mi prega”.

•Thom. de Garbo• (~Tommaso del Garbo~, † 1370), Sohn und Nachfolger

des Vorigen, ein sehr beliebter Praktiker, Landsmann und Freund des

Petrarca, mit dem er einen interessanten Briefwechsel unterhielt.

Petrarca spricht ihn an einer Stelle seiner Rer. senil. libri

folgendermaßen an: „Scis tu, quem medicinae ars omnium, non dico

maximum, ne de ignotis judicem, sed haud dubie famosissimum nunc

habet.” Bei einer anderen Gelegenheit sagt er von ihm: „illum alterum

medicorum modo principem, si quid famae credimus, Thomam compatriotam

meum.” Hauptwerk ist die unvollendete ~Summa medicinalis~ (Venet.

1506, 1521 u. ö., Lugd. 1529); der erste Band handelt de rebus

naturalibus et de eis annexis humani corporis pertinentibus, der

zweite de rebus non naturalibus appellatis ab extra inevitabiliter

humano corpori occurentibus; in manchen Ausgaben der Summa sind auch

gedr.: ~de reductione medicamentorum ad actum~ und ~de restauratione

humidi radicalis~ (z. B. Venet. 1529). Ein ~Pestkonsilium~, das

angeblich von ihm herrührt, ist in mehreren Ausgaben des Marsilius

Ficinus de pestilentia beigefügt (neu herausgegeben, Bologna 1866).

Ferner die Kommentare: Expositio super capitulo de generatione

embryonis III. Canon. Fen. XXV Avicennae und Comm. in libb. Galeni

de febr. diff. (Lugd. 1514).

•Torrigiano di Torrigiani• (~Petrus Turisanus~, Trusianus, de

Turrisoniis etc. aus dem Hause Rustichelli und Valori, daher auch

Torrigiano Rustichelli oder Trusianus Valorius), hervorragender

Schüler des Taddeo Alderotti, „primus inter ceteros Taddei auditores”,

lehrte eine Zeitlang in Paris, kehrte dann nach Bologna zurück und

wurde schließlich Karthäusermönch, angeblich wegen seiner Mißerfolge

in der Praxis; er starb um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Von seinen

Schriften ist der berühmte Kommentar zur Ars parva gedruckt, ~Trusiani

plusquam Commentum in librum Galieni qui microtechni intitulatur~

(Venet. 1504, 1517, 1526 u. ö.). Dieser Kommentar bildet geradezu

das Paradigma der medizinischen Scholastik, entbehrt aber doch nicht

der eigenen Kritik (gegenüber manchen Lehrmeinungen des Aristoteles,

Galen und Avicenna). Gegen Galen verteidigt er z. B. die Ansicht,

daß die Wirkung der Laxativa nicht durch direkten Kontakt (sozusagen

mechanistisch), sondern indirekt (dynamisch), vermöge Anregung der

Naturheilkraft zu stande komme: Purgatio non fit a virtute naturali

attractiva, quae est in medicine, sed a stimulatione et punctione

multa, quam facit circa orificia venarum mesenteriacarum, ex qua

sequitur ea laxari, ut contineri non possint; naturam quoque modo

stimulatum exprimere illuc humores sicut ad locum dolentem. Sed

expulsio nulli attribuitur medicinae sed naturae tantum. Im Gegensatz

zu Aristoteles nimmt er den Sitz der Empfindung im Gehirn an etc.

Derselbe Nerv leite Empfindung und Bewegung, die Kräfte der Organe

seien nicht selbständig, sondern untergeordnete Kräfte der Seele

etc. Wegen solcher (sachlich allerdings recht bedeutungslosen)

Selbständigkeit hielt sich der Verfasser berechtigt, das Werk Plusquam

commentum zu betiteln („quoniam in hoc dicto nostro libro non solum

mentem Galeni proponimus comminisci, sed saepe disgredientes aliqua

faciemus intercipi medicis non inutilia scire” ideo plusquam commentum

appellavimus), daher sein Beiname der ~Plusquamcommentator~. In

der Coll. Venet. de balneis sind aus seinem Kommentar die ~canones

balneandi~ besonders abgedruckt.

•Nicolaus Bertrucius• (Bert[r]ucci, Bertuccio[3], Vertuzzo u. s.

w.), lehrte die Medizin in Bologna (wo er auch Guy de Chauliac zu

seinem Schüler hatte) und starb 1347 an der Pest. Seine historische

Bedeutung liegt darin, daß er die anatomischen Sektionen in der Art

seines Meisters Mondino fortsetzte[4]. Er verfaßte ein Handbuch der

Pathologie und Therapie mit einleitenden Kapiteln (de commendatione

artis medicae, de informatione medici, de corpore medicando sine

regimine sanitatis et variis medici actibus). ~Collectorium artis

medicae tam practicae quam speculativae~ (Lugd. 1509, 1518, Colon.

1537), ferner die Schriften ~In medicinam practicam introductio~

(Argent. 1533, 1535), ~Methodi cognoscendorum tam particularium quam

universalium morborum~ (Mogunt. 1534), ~Diaeta seu regimen sanitatis

de rebus non naturalibus et advertendis morbis~ (Mogunt. 1534).

Die Schriften stehen unter arabischem Einflusse und erfreuten sich,

besonders die an erster Stelle genannte, langanhaltender Beliebtheit;

bemerkenswert ist die stark hervortretende Abneigung gegen größere

chirurgische Eingriffe, trotzdem deren Beschreibung mitgeteilt wurde.

[3] Diminutivum von Alberto.

[4] Guy de Chauliac (Tr. I, Doctr. I, cap. 1) sagt: Et ipsam (sc.

anatomiam) administravit multoties magister meus Bertrucius

in hunc modum. Collocato corpore mortuo in scamno, faciebat de

ipso quatuor lectiones. In prima tractabantur membra nutritoria,

quia citius putrent. In secunda membra spiritualia. In tertia

membra animata. In quarta extremitates.

•Petr. de Tussignana• (Tussignano, Tussiano). Unter diesem Namen

gehen Schriften, die vielleicht von drei verschiedenen Trägern

dieses Namens herrühren. Einer derselben war Lehrer des Guilielmus

de Saliceto (also in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts) und

schrieb ein ~Regimen sanitatis~ (Lugd. 1535, Paris 1539, 1540), von

einem zweiten rührte die Abhandlung über die Thermen von Bormio, ~de

balneis Burmi apud Vulturenos~ (in Coll. de balneis, Venet. 1553),

aus dem Jahre 1336 her, außerdem existieren noch die Schriften: ~de

medicamentorum formulis~ (Venet. 1518), ~Tabulae super problemata

Aristotelis~ (Venet. 1515, 1518), ~Receptae super nono Almansoris~

(Venet. 1497, 1517), ~Consilium pro peste vitanda~ (abgedr. auch

bei Joh. de Ketham Fasc. medicinae), ~Compositiones et remedia ad

plerosque omnes affectus morbosque sanandos~ (Lugd. 1587). Verfasser

derselben ist wahrscheinlich ein dritter Pietro de Tussignana, welcher

als berühmter Lehrer in Bologna, Pavia und Ferrara wirkte und 1410

starb.

Schule von Padua.

•Gentilis Fulgineus• (~Gentile da Foligno~, de Gentilibus), Sohn

eines Bologneser Arztes, Schüler des Taddeo, glühender Verehrer

des Pietro d'Abano, wirkte zuerst in Bologna und Perugia, sodann

(1337-1345) in Padua als Lehrer; er starb in Perugia 1348 an

der Pest („ex nimia infirmorum requisitione”). Von seinen Werken

sind die ~Consilia~ (Papiae 1492, Venet. 1503) am berühmtesten;

dieselben enthalten manche gute Beobachtung, freilich umstrickt

von scholastischer Spitzfindigkeit. Wenn sich der Ehrentitel „anima

Avicennae” auf ihn (und nicht auf den früher lebenden Gentilis da

Florentia) bezieht, so sind ihm auch die ~Expositiones in Canonem

Avicennae~ (Pap. 1477, Venet. 1520) zuzusprechen. Gentilis de

Foligno verfaßte ferner: einen ~Kommentar zu den Lehrgedichten des

Aegidius Corboliensis de urinis, de pulsibus~ (in den alten Ausgaben

derselben enthalten), Introductorium practicae ~de febribus~;

~Quaestiones subtilissimae in artem parvam Galeni~ (Venet. 1576),

~de proportionibus medicinarum~ (in den Venediger Ausgaben des Joh.

Mesuë), de utilitatibus aquae balnei de Porrecta (in Coll. de baln.,

Venet.), handschriftlich ist ein Tr. de corde vorhanden.

•Jacobus• (~de Dondis~) •Dondus• (~Giacomo de' Dondi~) „der

~Aggregator~”, berühmt als Arzt, Astronom und Mechaniker, wurde 1298

in Padua geboren, machte daselbst seine Studien und übte zuerst in

Chioggia, sodann in seiner Vaterstadt die Praxis aus; wahrscheinlich

wirkte er daselbst auch als Lehrer der Medizin. Er starb 1359. Sein

Hauptwerk ist der ~Aggregator Paduanus~ de medicinis simplicibus

(zum Unterschied vom Aggregator Brixianus vgl. S. 421), auch unter

dem Titel Promptuarium medicinae (Venet. 1481, 1494, 1543, 1576;

italien. Venet. 1536, 1540), eine aus griechischen und arabischen

Autoren geschöpfte Aufzählung der Heilmittel (meist mit schlechten

Abbildungen versehen). Ferner schrieb er de causis caliditatis aquarum

Aponensium, de modo conficiendi salis ex aquis calidis Aponensibus (in

Coll. de balneis, Venet. 1554) -- Anfänge einer exakten Balneologie.

Die seesalzhaltigen Thermen von Albano erregten seine Aufmerksamkeit

und er unternahm es daher, das Salz derselben durch Verdampfung zum

Arzneigebrauch zu extrahieren -- ein Projekt, das er in den genannten

Abhandlungen zu rechtfertigen suchte.

•Johannes• (~de Dondis~) •Dondus• (~Giovanni de' Dondi~), der Sohn

des Vorigen, wurde 1318 in Chioggia geboren, erfreute sich eines ganz

außergewöhnlichen Ruhmes als Arzt und Astronom und wurde mit Ehren

überhäuft. Unter anderem ernannte ihn Karl IV. schon 1349 „propter

summam doctrinam” zu seinem Leibarzt. Er lehrte (Astronomie, Logik,

Medizin) teils in Padua, teils in Pavia und starb unter Hinterlassung

eines großen Vermögens 1389. Wegen eines außerordentlich kunstvollen

Planetariums, das er nach sechzehnjähriger Arbeit herstellte, erhielt

er und seine Familie den ehrenden Beinamen dell' Orologgio. Gedruckt

ist von seinen wenigen Schriften nur de fontibus calidis agri Patavini

(in Coll. de balneis, Venet. 1553). Das Bestreben, unabhängig von

den Autoritäten durch eigene Erfahrung Kenntnisse zu erlangen, im

Bunde mit seiner Begeisterung für das klassische Altertum, hatte

ihm die vielbedeutende Achtung und Freundschaft Petrarcas erworben.

Der große Verächter der Aerzte seines Zeitalters ließ sich bei einer

Fieberkrankheit, die ihn im 66. Jahre überfiel, von Giovanni Dondi

behandeln und befolgte wenigstens zum Teil dessen Ratschläge, ja er

rechtfertigte sich in einem Schreiben (Senil. lib. XII, ep. 1), daß

er über einen medizinischen Gegenstand mit dem „principe medicorum

hujus temporis” zu streiten wage; auch an anderen Stellen bringt er

ihm die höchsten Achtungsbeweise entgegen. Dondi richtete an Petrarca,

mit dem er durch innige Freundschaft verbunden war, mehrere Sonette.

•Marsilius de Sancta Sophia• (~Marsilio de S. Sophia~), Sprößling

einer berühmten Aerztefamilie[5], lehrte den größten Teil seines

Lebens in Padua, später in Pavia und Piacenza, zuletzt in Bologna

(daselbst † 1405) und erfreute sich eines großen Rufes als Erklärer

des Hippokrates, Galen und Avicenna. Von seinem umfangreichen

Schrifttum sind gedruckt: ~Luculenta ... expositio in divi Hippocratis

particulam tertiam~ s. l. et a., ~Quaestiones~ zu den Aphorismen

des Hipp. (mit dem Kommentar des Jacobus Faroliviensis vgl. unten),

~Tractatus de febribus~ (Lugd. 1507, Venet. 1514).

[5] Der Ruf der (angeblich aus Konstantinopel eingewanderten)

Paduaner Aerztefamilie Sophia reicht weit zurück. Besonderes

Ansehen erlangte zuerst ~Nicolo~ † 1315), der selbst schon von

namhaften Aerzten abstammte. Söhne Nicolos waren ~Giovanni~

(† 1389), Professor in Padua und Bologna und der oben erwähnte

~Marsilio~. Auch deren Nachkommen wirkten in hervorragender

Weise als Aerzte und Professoren, so ~Galeazzo~, Bartolommeo

und Francesco, die Söhne des Giovanni, und Guglielmo und Daniel,

die Söhne des Marsilio.

•Galeatius• (Galeazzo) •de S. Sophia• († 1427 an der Pest), Neffe

des Vorigen[(1)], lehrte in Bologna (Logik) und Padua, sodann von 1398

bis 1406 in Wien, seit 1407 wieder in Padua. Von seinen Schriften

sind ein von eigener botanischer Forschung zeugendes Werk über die

~Simplicia~ und ein ~Tractatus de febribus~ (Venet. 1514, Lugd. 1517)

zu erwähnen. Zweifelhaft ist es, ob ihm der Kommentar zum neunten

Buche des Liber ad Almansorem (gedruckt unter seinem Namen, Hagenau

1533, ~opus medicinae practice~ antehac nusquam impressum Galeatii

d. S. Sophia in nonum tractatum libri Rhasis ad regem Almanaorem

etc.[6]), das Consilium tempore pestilentiae (vgl. L. Senfelder in

„Die ältesten Pesttraktate der Wiener Schule”, Wr. Klin. Rundsch.

1898) und der Traktat über die Seekrankheit resp. Verhaltungsmaßregeln

für Seereisende (Consilium magistri G. cuidam domino ituro per mare,

ed. von L. Senfelder mit deutscher Uebersetzung, Wr. Klin. Rundsch.

1898) zuzusprechen ist.

[6] Möglicherweise rührt dieses Werk von Marsilio oder von

Bartolommeo her.

* * * * *

•Jacobus Foroliviensis• (~Giacomo della Torre~ aus Forli, † 1413),

einer der berühmtesten Kommentatoren des Hippokrates, Galen und

Avicenna, lehrte (Philosophie und Medizin) an verschiedenen Orten

Italiens, zuletzt in Bologna und Padua unter ungewöhnlichem Beifall.

Zu seinen bedeutendsten Schülern gehörten Ant. Guainerio und Giov.

Mich. Savonarola. Gedruckt sind von seinen Schriften: ~Expositio in

primum Avicennae canonem cum quaestionibus ejusdem~ (Pap. 1488, Venet.

1479, 1495, 1547), ~Expositio super I, II et III Tegni Galeni~ (Pap.

1487, Venet. 1491), ~Expositio in aphorismos Hippocratis~ (Pap. 1485,

Venet. 1490), Expositio in Avicennae aureum capitulum de generatione

embryionis etc. (Pap. 1479, Venet. 1501, 1502, 1518). Gesamtausgabe

Venet. 1547. Sein Kommentar zur Ars parva (Mikrotechne) diente neben

dem Kommentar des Rodoam und des Torrigiani lange Zeit als Grundlage

des akademischen Unterrichts. Die überschwengliche Inschrift, die

man unter sein Grabdenkmal setzte, begann folgendermaßen:

Forlivius jacet hic Jacobus, quo clarior alter

Non fuit Latio et Graecia doctior illo;

Alter Aristoteles Italis, Hippocras fuit alter.

•Nicolaus Florentinus• (Nicolaus Nicolus Fl., N. Falcutius, de

Falconiis, Niccolò Falcucci, † um 1412), berühmter Florentiner Arzt,

verfaßte (außer Kommentaren zu den Aphorismen des Hippokrates) auf

Grund enormer Belesenheit ein umfassendes Repertorium der gesamten

Medizin, welches alles bis dahin Bekannte zu vereinigen bestrebt ist,

~Sermones medicinales~ (Papiae 1484, Venet. 1491, 1494, 1507, 1515,

1533). Die Bedeutung dieses Kolossalwerkes, in welchem alle paar

Zeilen die überaus zahlreich benutzten Autoren, sehr oft mit ihren

eigenen Worten, angeführt werden, ist nicht gering anzuschlagen,

es bietet eine in seltenem Grade vollständige Zusammenfassung

der mittelalterlichen Medizin, von originellen, dem Verfasser

eigentümlichen Anschauungen dagegen verhältnismäßig wenig. Nicolaus

teilt sein Werk in Sermones (mit den Unterabteilungen Tractat, Summa)

ein. Der erste handelt „de subjecto medicinae et ejus conservatione”,

der zweite betrifft die Fieberkrankheiten (auch in die Coll. Venet.

de febribus 1570 aufgenommen), der dritte die Affektionen des Kopfes

(dem Kopfschmerz sind allein 26 Folioblätter gewidmet), der vierte

die Brustleiden, der fünfte die Affektionen der Baucheingeweide

(den Magenkrankheiten sind 71 Folioblätter gewidmet), der sechste

die Affektionen der Geschlechtsorgane, der siebente Chirurgie und

Kosmetik. Die einzelnen Sermones, bezw. mehrere derselben zusammen,

erschienen auch gesondert. Ob der sermo VIII, welcher nach des

Verfassers Worten (in der Vorrede) die Arzneimittellehre enthalten

sollte, jemals geschrieben wurde, ist zweifelhaft. Zitiert sind unter

anderen folgende Autoren: Hippokrates, Aristoteles, Galen, Oribasius,

Paulus, Alkindi, Johannitius, Rhazes, Isaac Judaeus, Serapion,

Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna, Avenzoar, Averroës, Maimonides,

Constantinus Africanus, Roger, Rolando, Salernitani, Gilbert, Brunus,

Hugo von Lucca, Theoderich, Saliceto, Dinus de Garbo, Gentilis,

Bernard de Gordon, Dondi.

•Silanus• (Syllanus) •de Nigris• aus Pavia. ~Expositio super nono

Almansoris~ (Venet. 1483, 1490, 1497).

Frankreich.

Chirurgie.

•Experimenta magistri Jo. Pickaert• (~Jean Pitard~) qui habuit

receptas a rege Francie et valent contra omnes plagas. ~Manual der

französischen Wundärzte~, auch französisch ed. ~K. Sudhoff~ (Arch.

f. Gesch. d. Med. II, 1909, p. 211-278).

•Henricus de Amondavilla• (Mondavilla, Hermondavilla u. s. w.) --

•Henri de Mondeville•. Ausgaben: Pagel, Die Anatomie des Heinrich

von Mondeville, Berlin 1889; Pagel, Die Chirurgie des Heinrich von

Mondeville etc., Berlin 1892; A. Bos, La chirurgie de maitre Henri

de M., Traduction contemporaine de l'auteur etc., Paris 1897-1898

(Ausgabe einer altfranzösischen Uebersetzung); Uebersetzungen:

Nicaise, Chirurgie de maitre H. de M., traduction française avec des

notes etc., Paris 1893; deutsche Uebersetzungen einzelner Abschnitte

in zahlreichen, von Pagel inspirierten Dissertationen 1894-1898

(Albers, Diestel-Laemmer, Herda, Hering, Kahle, Kauffmann, Kleinhans,

Krahmer, Leßhafft, Margoniner, Neuhaus, Niendorf, Osterroht, Pankow,

Rawitzki, Rogge, Rudolph, Ruppin, Wachsmuth, Wagner, Weber, Wernicke,

Zimmermann).

Die Anatomie des H. liegt in zwei Fassungen vor, von denen die

erste (vgl. Pagels Ausgabe, Die Anat. d. H. v. M.) einen im Jahre

1304 gehaltenen Schulvortrag enthält, während die zweite, in etwas

geänderter Gestalt und mit Zutaten (besonders literarischen) versehen,

den Traktat I seiner umfangreichen Chirurgie darstellt.

Inhalt der (1306 in Paris begonnenen und unvollendet gebliebenen)

Chirurgie: ~Traktat I~ Anatomie, ~Traktat II~ Behandlung der

Wunden, Kontusionen und Geschwüre. Von ~Traktat III~ (welcher die

spezielle chirurgische Pathologie und Therapie mit Ausschluß der

Wunden, Geschwüre und Knochenleiden enthalten sollte) ist nur die

erste und zweite Doktrin, sowie das Vorwort zur dritten ausgeführt:

Lehre von den Inzisionen, der Kauterisation, Venäsektion etc.,

Amputation, Einbalsamierungsverfahren, Kosmetik, Dermatologie,

Abszeß- und Geschwulstlehre. ~Traktat IV~ fehlt (sollte die Lehre

von den Frakturen und Luxationen enthalten). ~Traktat V~ behandelt

die Arzneimittellehre und enthält Rezepte sowie ein Verzeichnis von

synonymen Arzneistoffen und Ersatzmitteln.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 69 / 76 段