kelchartige ~Harnglas~, das •„Urinal”•, geradezu das ~Emblem der
ärztlichen Kunst im Mittelalter~, und wiewohl die medizinischen
Autoritäten davor warnten, stützten die Praktiker ihre Diagnose
und Behandlung oft ganz einseitig allein auf die Harnschau.
Die ärztliche Konsultation bestand nicht selten nur darin, daß
das „Wasser” des Patienten durch einen Boten zur Besichtigung
überbracht wurde. Die Unsicherheit der Methode eröffnete
begreiflicherweise der Scharlatanerie, ja den plumpsten
Betrügereien Tür und Tor; lügenhafte Harnpropheten erweckten
und verstärkten beim Volke stets aufs neue den Glauben, daß
der Kundige aus dem Harn alles ersehen könne. Mancher tüchtige,
aufgeklärte Arzt mag, gegen seine eigene Ueberzeugung, nur unter
dem Drucke der schwindelhaften Konkurrenz, den Schwächen des
Publikums entgegengekommen sein. Insbesondere in Deutschland war
der Glaube an die Harnschau tief eingewurzelt, so daß „kluge”
Praktiker (z. B. in Frankfurt) ein Harnglas als Aushängeschild
gebrauchten.
Vgl. S. 304, 309, 314. In Handschriften des 14. und 15.
Jahrhunderts finden sich ~kolorierte~ Abbildungen, welche über die
Uroskopie (Urocritica), soweit sie sich auf die ~Farbe des Urins~
stützte, orientieren. Es sind dies die sog. ~Harnglasscheiben~
(Harnschauscheiben, Harnglastafeln), vgl. Sudhoff, Tradition und
Naturbeobachtung (Studien zur Geschichte d. Mediz., Heft 1), Leipzig
1907, Tafel I zeigt beispielsweise eine solche Harnglasscheibe, die
im Cod. lat. 11229 der Pariser Nationalbibliothek (um 1400) enthalten
ist. Man sieht an einem zentralen Baume sieben runde Scheibchen an
Stamm und Aesten postiert, um diese gruppieren sich im Kreise 20
Harngläser, jedes mit entsprechend gefärbtem Inhalt und mit einer
Legende im Kreisausschnitt. Der Text beginnt folgendermaßen: Ex
coloribus urine sunt gradus citrinitatis sicut paliaris citrinus post
flavus deinde rufus postea citrangularis postea igneus qui tincturae
croceae assimilatur. Et saepe quidem est vehementer citrinus post
croceus qui assimilatur capillis safrani. Et iste est quem vocant
rubeum clarum. Omnes autem qui sunt post citrinum significant
caliditatem ... Die Typen der Harnglasscheiben und ihre Begleittexte
differieren in den Handschriften nicht unbedeutend. Aus der Farbe
des Harns wurde auf das Vorherrschen einer der vier Qualitäten
bezw. Kardinalsäfte oder, wie aus den Legenden der Harnglasscheiben
zu ersehen ist, auf den ~Grad der Kochung~ (digestio) der Säfte
geschlossen. Vgl. Vieillard, L'urologie et les médicins urologues,
Paris 1903.
Die Behandlung war teils eine ~hygienisch-diätetische~, teils eine
~medikamentös-chirurgische~. Sie beruhte auf den ätiologischen,
pathogenetischen Ideen ~der Elementarqualitätentheorie, der
Humorallehre~[55] und hatte das ~Contraria contrariis~ zum obersten
Leitprinzip. Das Maß für das therapeutische Handeln bestimmten die
individuellen Verhältnisse des Patienten.
[55] Vgl. zu dem folgenden die Grundprinzipien der galenischen
Therapie, auf welche (durch das Medium der arabischen) die
gesamte spätmittelalterliche Behandlungsweise zurückzuführen
ist.
In der Sprache der mittelalterlichen Medizin ausgedrückt,
kamen folgende Momente für die Therapie in Betracht: 1. die
(7) ~res naturales~ (Elemente, Temperamente, Kardinalsäfte,
Körperteile, Kräfte, Funktionen, Lebensgeister), d. h. die
anatomisch-physiologischen Verhältnisse bezw. deren Störungen, 2. die
(6) ~res naturales~ (Luft, Getränke und Speisen, Bewegung und Ruhe,
Schlaf und Wachen, Exkretion und Retention, Affekte) und deren (5)
Adnexe (Jahreszeit, Klima, Geschlechtsleben, Beruf und Lebensweise des
Patienten, Bäder), d. h. die hygienisch-diätetischen Verhältnisse, 3.
die (3) ~res praeternaturales~ (Krankheiten, die Ursachen und Zeichen
derselben), d. h. die pathologischen Zustände im engeren Sinne des
Wortes.
Ungemein sorgfältige, die feinsten Einzelheiten berücksichtigende
hygienisch-diätetische Vorschriften[56] bildeten stets ein Hauptstück
der ärztlichen Verordnungen, ja bisweilen bestand die ganze Therapie
darin. In der Regel wurde aber von den Arzneimitteln nur allzu oft
und allzu reichlich Gebrauch gemacht -- unterließ es denn auch kein
bedeutender Autor, seinem Werke ein Antidotarium anzuhängen[57].
In der Rezepttherapie überwogen nach arabischem Muster weitaus die
kompliziertesten Arzneikompositionen -- Simplicia kamen verhältnismäßig
selten zur Verwendung, --, was nicht überrascht, wenn man sich vor
Augen hält, welche Fülle von Indikationen jeder einzelne Fall infolge
der damaligen höchst verwickelten Krankheitsauffassung darbot. Hatte
man doch -- um nur einiges hervorzuheben -- die bestehende Intemperies
je nach ihrer Elementarqualität zu bekämpfen, die abnorme Menge oder
Mischung der Säfte durch Verdünnung, Zerteilung, Purifizierung, durch
Ableitung oder Ausleerung zu beseitigen, neben den allgemeinen lokale
Wirkungen auszuüben, wobei die gesamte Komplexion und der Kräftezustand
des Patienten, das Temperament des erkrankten Organs u. s. w. zu
beachten und in der Rezeptierung noch überdies pharmazeutische Momente
in Rechnung zu ziehen waren. Zur Erfüllung der vielen Bedingungen bot
die fiktive aber streng systematische Arzneimittellehre -- mit ihren
so zahlreichen und so vielfach differenzierten, nach Qualitäten und
Graden gruppierten Heilstoffen -- anscheinend genügende Handhaben[58].
[56] Diese Vorschriften bezogen sich -- unter Vermeidung einer
allzu brüsken Aenderung der bisherigen Lebensweise -- auf
den Aufenthaltsort (Lüftung, Temperatur, Räucherung des
Krankenzimmers -- Klimawechsel), die Bettruhe oder die
Leibestätigkeit des Patienten, die Wahl und Zubereitungsweise
seiner Nahrung, die psychische Beeinflussung u. s. w. Wie
pedantisch genau -- im Geiste der Qualitäten- und Säftelehre
-- namentlich die ~Krankenküche~ geregelt wurde, ersieht man
aus den meisten Konsilien.
[57] Anweisungen zur Arzneibereitung waren schon deshalb nötig, weil
nur in den größeren Städten Apotheken bestanden und somit die
Bereitung der Heilmittel häufig noch von den Aerzten selbst
vorgenommen werden mußte.
[58] Vgl. S. 370. Die Aerzte schrieben noch keine Rezepte, sondern
gaben die einzelnen Bestandteile ihrer Arzneiverordnungen dem
Apotheker ~mündlich~ an; dem Kranken reichten sie selbst die
Arzneien in Bechern aus Zinn oder Silber, die nach dem Gebrauch
in die Apotheke zurückgestellt wurden.
Von den Arzneiformen war die Potio, der Arzneitrank[59], am meisten
beliebt, unter den Mitteln standen, entsprechend der Humoralpathologie,
die ~Emetica~, ~Laxantia~ und ~Purgantia~[60] im Vordergrunde.
Kamen diese in Betracht, wenn man auf den Schleim, die gelbe und
schwarze Galle einzuwirken beabsichtigte, so diente vornehmlich
zur quantitativen und qualitativen Verbesserung des Blutes die
~Venäsektion~.
[59] Auch ~Latwergen~ und ~Pillen~. Den ~Syrupen~ wurde gemäß den
arabischen Doktrinen die Wirkung zugeschrieben, daß sie die
„Kochung” der Säfte befördern.
[60] Auch in Form von Suppositorien und Klysmen.
Die Vorschriften über die Anwendung des Aderlasses, der
~Phlebotomia~, nehmen in der medizinischen Literatur des
Mittelalters einen bedeutenden Raum ein -- entsprechend der
besonderen Wertschätzung, der sich dieses Heilverfahren erfreute
--, sie zeigen aber bei den einzelnen Autoren nicht unerhebliche
Abweichungen von einander, was sich daraus leicht erklärt, daß schon
die grundlegenden galenischen, noch mehr die arabischen Angaben
an Klarheit viel vermissen ließen und daher den spitzfindigsten
Interpretationen Tür und Tor öffneten. Die Hauptregel, durch die
~Aderlässe~ bloß ~überschüssiges Blut~ (und überschüssige Säfte,
in denen das Blut vorherrscht) zu entziehen, ~verdorbene Säfte~
dagegen durch ~Purgation~ zu beseitigen, wurde nicht ausnahmslos
eingehalten, insofern man in gewissen Fällen auch beim quantitativen
Vorherrschen eines der drei anderen Säfte, z. B. der schwarzen Galle
oder zur Verhütung der Putreszenz der Säfte oder zur Evakuierung der
reifen Krankheitsmaterie überhaupt (gleichgiltig welchen humoralen
Ursprungs), die Venäsektion vorzunehmen pflegte. Außer zur Korrektion
der Säfteanomalien wurde der Aderlaß auch ausgeführt, um das erhitzte
Blut zu kühlen, um die Materia peccans von einem Körperteil nach einem
anderen abzuleiten, um Blutflüssen (z. B. Hämoptoë, Hämorrhoiden) zu
begegnen oder umgekehrt, um stockende Menses hervorzurufen. Es gab
somit nur wenige Krankheitszustände, bei denen nach den damaligen
pathologischen Ansichten der Aderlaß unter Umständen nicht am Platze
gewesen wäre, ja nicht selten wurden im Verlaufe einer und derselben
akuten Affektion zu wiederholten Malen beträchtliche Blutentziehungen
angeordnet. Nicht minder zahlreich wie die Indikationen waren aber
auch die Kontraindikationen für den Aderlaß; in dieser Hinsicht
spielten Klima, Jahreszeit, Windesrichtung und Tagesstunde, Alter,
Geschlecht, Komplexion, Lebensweise und Kräftezustand des Kranken, die
Gefährlichkeit und das Stadium der Krankheit die wichtigste Rolle.
Bemerkenswert ist es, daß der ~Revulsion~ (d. h. der Venäsektion an
einer von der leidenden entfernten Stelle) gegenüber der Derivation
(Venäsektion in der Nähe des Krankheitssitzes)[61] der Vorzug gegeben
wurde, und daß man den Aderlaß viel seltener auf der erkrankten als
~auf der entgegengesetzten Körperseite~ machte.
[61] Die Derivation wurde z. B. bei Entzündungen, wo der Prozeß
bereits fixiert zu sein schien, und bei chronischen Affektionen
angewendet.
Ueber das Regime des Patienten vor und nach dem Aderlaß, über die
Technik der Venäsektion (Schnittrichtung) u. s. w. finden sich in
der Literatur detaillierte Vorschriften, das größte Gewicht legte
man aber auf den Ort des Aderlasses, auf die richtige ~Wahl der
Vene~. Auf Grund der Gefäßlehre Galens, der in höchst phantastischer
Weise nicht nur den Ursprung und Verlauf, die Verbindungen, sondern
auch die Beziehungen der Blutadern zu gewissen Organen (Consensus)
doktrinär erörterte, hatte sich nämlich allmählich ein ganzes System
herausgebildet, gemäß welchem je nach dem Sitze der Affektion,
je nachdem man eine allgemeine oder lokale Wirkung erzielen
wollte, die eine oder andere Vene geöffnet werden sollte[62]. Die
Autoren zählen gewöhnlich 26-28 (aber auch mehr) Venen auf, nebst
Angabe der Körperteile, mit denen sie direkten oder indirekten
Zusammenhang besitzen sollten[63]. Auf den Kopf allein entfallen
13 Blutgefäße, von den Venen der oberen Extremität kamen besonders
die Cephalica, Mediana, Basilica, der als Funis brachii bezeichnete
innere Zweig der V. cephalica, und die V. salvatella in Betracht,
von den Venen der unteren Extremität vorwiegend die Poplitaea, die
Saphena major, die sogenannte V. sciatica (V. saphena externa).
Manche Handschriften enthalten eine anschaulich orientierende
•Aderlaßstellenfigur• (Venenmann) mit erklärendem Text. Vgl. auf Tafel
II die Reproduktion der Aderlaßstellenfigur aus Cod. lat. 11229 der
Pariser Nationalbibliothek. Die Legende lautet: Omnes venae capitis
incidendae sunt post comestionem excepta sola vena, quae est sub
mento. -- Si dolor capitis sit causa in essentia sicut humore vel
apostemate vel vulnere quod maxime cognoscitur si dolor est continuus.
Videndum est an humor sit in causa, an colera vel sanguis, aut flegma
vel melancolia. -- Omnes vene manuum post comestionem inciduntur,
cephalica, mediana, epatica. -- Omnes venae pedum et crurium post
comestionem sunt minuendae.
[62] Besonders hatten Mesuë und Serapion d. Aelt. und, ihnen folgend,
Rhazes und Avicenna zum Ausbau dieses Systems beigetragen, aber
in Einzelheiten herrscht bei den Autoren keine Uebereinstimmung,
sondern eine unglaubliche Konfusion, wie dies ja bei den ganzen
fiktiven Grundprinzipien nur zu begreiflich ist.
[63] So hat man die V. cephalica geschlagen bei Leiden des Kopfes,
die V. mediana bei Anomalien des Herzens und Störungen der
Lebensgeister, sowie in der Absicht, eine Repletion des ganzen
Organismus herbeizuführen, die V. basilica (zumeist der linken
Seite) bei Leiden des Unterleibs, die V. salvatella (namentlich
der linken Hand) bei Milzleiden, die V. saphena bei Pleuresie,
Krankheiten der Niere, Blase und Gebärmutter, die V. poplitaea
zu gleichem Zwecke und noch außerdem zur Hervorrufung der
Menses, die V. sciatica bei Gelenkschmerzen u. s. w. -- Bei
Leiden des Kopfes, der Augen u. s. w. wurde zuerst die V.
cephalica geöffnet, später erst kamen die entsprechenden
Blutadern des Kopfes „Venae particulares” an die Reihe, um
nämlich dem Blutstrom vorerst eine vermeintlich andere Richtung
zu geben und sodann das örtliche Uebel direkt zu bekämpfen.
[Illustration: Tafel II.]
Mit dem Aderlaß gehörten in die gleiche Gruppe der Heilverfahren:
die ~Arteriotomie~ (nur ausgeführt an den Schläfen und hinter
den Ohren), das ~Schröpfen~ (mit oder ohne Skarifikation), als
Ersatzmittel der Venäsektion (~Vicarius phlebotomiae~), das Ansetzen
von Blutegeln, die Applikation von ~Kauterien~ (auch dafür waren
bestimmte Körperstellen vorgeschrieben, worüber eigene Figuren
orientieren), Vesikantien, Haarseilen. Alle diese Methoden wurden
im Sinne der Humoralpathologie zur Behebung der quantitativen oder
qualitativen Säfteanomalien, zur Ableitung oder Ausleerung der Materia
peccans angewendet.
Ist es für die Medizin des späteren Mittelalters schon bezeichnend,
daß die ~Uroskopie~ beinahe die wichtigste diagnostische Methode, die
~Purgation und Phlebotomie~ die souveräne Behandlungsweise bildete,
so erhält sie doch ihr eigentlich charakteristisches Gepräge dadurch,
daß auch die besten ihrer Vertreter dem ~Aberglauben in der Therapie~
allzu weitgehende Konzessionen machten und namentlich, daß die
~Astrologie~ das gesamte ärztliche Denken und Handeln immer mehr in
ihren Zauberkreis zog[64].
[64] Die ~Astrologie~ galt allgemein als exakte Wissenschaft, und
die Stimmen der Wenigen, welche sich gegen den Wahn erhoben
(z. B. der Kanzler der Pariser Universität ~Gerson~, der
deutsche Theolog und Astronom ~Heinrich von Langenstein~ u. a.),
verhallten wirkungslos. -- Die ~Alchemie~, welche seit dem 13.
Jahrhundert trotz des Einspruchs einzelner großer Denker, trotz
des kirchlichen Verbots (Papst Johann XXII.) immer eifriger
betrieben wurde, hatte verhältnismäßig nur geringe Bedeutung für
die Medizin, abgesehen von den betrügerischen Ausschreitungen.
Ueber die Anempfehlung von ~Beschwörungsformeln~ und
~abergläubischen Heilgebräuchen~ wurde bei den bedeutenderen Autoren
das Nötigste gesagt.
Die ~Astrologia medica~, welche in Ptolemäus und den Arabern ihre
Hauptquellen besaß, hatte sich zu einem höchst komplizierten System
entwickelt, das im späteren Mittelalter geradezu despotisch die
Prognostik und Therapie beherrschte (vgl. zur Orientierung V. Fossel,
Studien z. Gesch. d. Med., Stuttgart 1909, p. 1-23). Entsprechend
der Lehre von der Korrespondenz zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus
wurden die Komplexionen, die Kardinalsäfte, die Körperteile, die
Entstehung und der Verlauf der Krankheiten, die Heilsubstanzen und
deren Wirkung mit den ~7 Planeten~ (zu denen Sonne und Mond zählten)
bezw. mit der Stellung der Wandelsterne (Konjunktion, Opposition,
Quadratur u. s. w.) zueinander und zu den ~12 Zeichen des Tierkreises~
in Relation gebracht[65]; jedes der letzteren beherrscht eine Region
des menschlichen Leibes, Haupt und Antlitz gehören dem Widder,
Hals und Kehle dem Stier, Arme und Hände den Zwillingen, der Krebs
regiert die Brust, der Löwe den Magen und die Nieren, die Jungfrau
die anderen Eingeweide, der Wage unterstehen das Rückgrat und Gesäß,
dem Skorpion die Weichen und die Schamglieder, dem Schützen die
Hüften und Schenkel, über die Kniee hat der Steinbock Gewalt, über
die Schienbeine der Wassermann, den Fischen endlich sind Knöchel und
Fußsohle kongruent. Inwiefern die Diagnostik, Krankheitsvorhersage
und Behandlung von der Konstellation abhing[66], kann hier nicht im
einzelnen auseinandergesetzt werden, nur so viel sei gesagt, daß der
Mond wohl die bedeutendste Rolle in der Astrologia medica spielte,
und daß sogar der Gebrauch der Brechmittel und Abführmittel[67],
namentlich aber der Aderlaß nach siderischen Gesetzen geregelt war
(gute, schlimme, indifferente Aderlaßtage).
[65] Saturn herrscht über das rechte Ohr, die Milz, Harnblase,
Vorderarm und Schienbein; Jupiter unter anderem über Lunge,
Leber und Füße; Mars über das linke Ohr, die Adern und
Geschlechtsteile; die Sonne über die rechte Körperseite,
das Herz u. s. w.; Venus über den Hals, das Abdomen und die
Fleischteile im allgemeinen; Merkur über Arme, Hände, Schultern
und Hüften; der Mond über die linke Körperhälfte, den Magen u.
s. w. Das Blut ist dem Regiment des Jupiter und der Venus, die
schwarze Galle dem Saturn, die gelbe Galle dem Mars, der Schleim
dem Monde unterstellt. -- Saturn bringt die langwierigen,
Jupiter die kurzdauernden, Venus die mittleren, die Sonne die
allerkürzesten Krankheiten, Merkur die variierenden, der Mond
die remittierenden Leiden hervor. Sonne und Mars verursachen
die aus der Hitze stammenden, Venus und Saturn die aus der Kälte
stammenden, Jupiter die durch Blutfülle bedingten Krankheiten,
Merkur die Geistesstörungen, der Mond die Nervenleiden. --
Jedes Zodiakalzeichen besitzt wie jeder der Planeten eine eigene
Qualitätsmischung, worin eben die Ursache seiner spezifischen
Influenz auf den Mikrokosmus liegt.
[66] Auch in der Aetiologie, besonders der Seuchen, wurde der
Astrologie eine wichtige Rolle zugeteilt. So leitete z. B.
selbst ein Guy de Chauliac den schwarzen Tod hauptsächlich von
einer ungünstigen Konstellation der Gestirne her.
[67] Brechmittel sind am meisten wirksam, wenn sich der Mond in einem
retrograden Zeichen, z. B. im Krebs, bewegt, abführende Arzneien
sind kontraindiziert, wenn der Mond in einem rückläufigen oder
wiederkäuenden Zeichen (Widder, Stier und Steinbock) steht.
In dieser Hinsicht galt es vor allem als Grundsatz, den Aderlaß
zu vermeiden, wenn der Mond in jenem Zeichen des Tierkreises steht,
welches den betreffenden Körperteil regiert, so z. B. hielt man es
für kontraindiziert an Armen und Händen zu venäsezieren, wenn der
Mond sich im Zeichen der Zwillinge bewegt[68]. Manche Handschriften
enthalten entsprechende Abbildungen, den •„Tierkreiszeichenmann”• mit
zugehörigen Aderlaßverboten (vgl. Tafel III, wo eine solche Figur
mit begleitendem lateinischem Text aus einer in Cambridge [Trinity
College] vorhandenen Handschrift [um 1420-1430] reproduziert ist). In
der Folge wurde gewöhnlich die Aderlaßstellenfigur in verschiedener
Weise mit dem Tierkreiszeichenmann kombiniert und damit der Typus für
den „Aderlaßmann” geschaffen[69], wie er sich in den später durch die
junge Buchdruckerpresse massenhaft erzeugten „Laßzetteln”, Kalendern,
Praktiken u. s. w. findet.
[68] Außerdem kam die Beziehung der Elementarqualität des
Tierkreiszeichens zur Komplexion des Patienten in Betracht. Der
Mondstand im Zeichen der Zwillinge, der Wage und des Wassermanns
(Signa calida et humida) war am günstigsten für die Vornahme
der Venäsektion, wenn es sich um einen Sanguiniker handelte,
hingegen kamen für den Choleriker die Zeichen des Widders und
Schützen (Signa calida et sicca), für den Melancholiker die
Zeichen der Jungfrau und des Stiers (Signa frigida et sicca),
für den Phlegmatiker die Zeichen des Krebses, des Skorpions und
der Fische (Signa frigida et humida) als günstigste in Betracht.
[69] Vgl. über die Entwicklung der Aderlaßfiguren- und
Tierkreiszeichengraphik sowie ihre Beziehung zu den frühesten
anatomischen Abbildungen Sudhoff, Tradition und Naturbeobachtung
(Leipziger Studien zur Gesch. d. Med. Heft 1), Leipzig 1907.
[Illustration: Tafel III.]
Wer die mittelalterliche Krankheitslehre und Therapie nicht bloß in
den Hauptzügen, sondern in allen Einzelheiten wirklich erschöpfend
verstehen will, wer in die damalige Behandlungsweise eines
komplizierteren speziellen Falles tiefer einzudringen sucht, stößt auf
manche unerwartet große Schwierigkeiten, da ihm eine ganz fremdartige
Geisteswelt von reicher Tradition, von unglaublicher Subtilität des
Denkens entgegentritt. In den Schwierigkeiten, die dem modernen Leser
erwachsen, liegt schon ein Maßstab dafür, welch hohe Anforderungen
man an die Belesenheit, an die begriffliche Kombinationsgabe, an den
interpretatorischen Scharfsinn des wissenschaftlich vollwertigen
Arztes stellte, Anforderungen, denen nur durch lange, planmäßig
betriebene Geisteszucht entsprochen werden konnte. Und in der Tat
war das ~medizinische Unterrichtswesen~ an den Universitäten darauf
angelegt, Gelehrsamkeit zu züchten, logische Meisterschaft zu erwecken,
machten doch neben dem ~Tradieren und Kommentieren~ der kanonischen
~Schriften~ die ~Disputierübungen~ -- förmliche Redeturniere -- den
wichtigsten Bestandteil des Lehrplans aus. Hingegen wurde in maßloser
Ueberschätzung der Litera scripta und des abstrakten Denkens, im
Glauben, daß die autoritative Literatur einem völlig abgeschlossenen,
unumstößlichen Gesetzeskodex gleich zu achten sei, die Erziehung
zur Anschauung und selbständigen Beobachtung verabsäumt, ja man kann
sagen, der Jünger empfing wohl die Anleitung, fremde Meinungen in sich
denkend zu verarbeiten und vom Standpunkte oberster Prinzipien die
Einzelerscheinungen a priori zu konstruieren, nicht aber die realen
Dinge zu zergliedern, die Welt der Erfahrung aufzufassen. Höchstens
außerhalb der Universität, die ja mit den Spitälern noch nicht die
mindeste Verbindung hatte, waren für das individuelle Streben und den
Privatfleiß -- unzulängliche und schwankende -- Bedingungen gegeben,
unter fachmännischer Aufsicht am Krankenbette die Sinnestätigkeit
einigermaßen zu üben.
Unter den Fehlern und Verkehrtheiten des medizinischen
Studienbetriebes litt am meisten der ~Unterricht in der Anatomie und
in der ärztlichen Praxis~.