[54] Wie aus alten bildlichen Darstellungen erhellt, war das

kelchartige ~Harnglas~, das •„Urinal”•, geradezu das ~Emblem der

ärztlichen Kunst im Mittelalter~, und wiewohl die medizinischen

Autoritäten davor warnten, stützten die Praktiker ihre Diagnose

und Behandlung oft ganz einseitig allein auf die Harnschau.

Die ärztliche Konsultation bestand nicht selten nur darin, daß

das „Wasser” des Patienten durch einen Boten zur Besichtigung

überbracht wurde. Die Unsicherheit der Methode eröffnete

begreiflicherweise der Scharlatanerie, ja den plumpsten

Betrügereien Tür und Tor; lügenhafte Harnpropheten erweckten

und verstärkten beim Volke stets aufs neue den Glauben, daß

der Kundige aus dem Harn alles ersehen könne. Mancher tüchtige,

aufgeklärte Arzt mag, gegen seine eigene Ueberzeugung, nur unter

dem Drucke der schwindelhaften Konkurrenz, den Schwächen des

Publikums entgegengekommen sein. Insbesondere in Deutschland war

der Glaube an die Harnschau tief eingewurzelt, so daß „kluge”

Praktiker (z. B. in Frankfurt) ein Harnglas als Aushängeschild

gebrauchten.

Vgl. S. 304, 309, 314. In Handschriften des 14. und 15.

Jahrhunderts finden sich ~kolorierte~ Abbildungen, welche über die

Uroskopie (Urocritica), soweit sie sich auf die ~Farbe des Urins~

stützte, orientieren. Es sind dies die sog. ~Harnglasscheiben~

(Harnschauscheiben, Harnglastafeln), vgl. Sudhoff, Tradition und

Naturbeobachtung (Studien zur Geschichte d. Mediz., Heft 1), Leipzig

1907, Tafel I zeigt beispielsweise eine solche Harnglasscheibe, die

im Cod. lat. 11229 der Pariser Nationalbibliothek (um 1400) enthalten

ist. Man sieht an einem zentralen Baume sieben runde Scheibchen an

Stamm und Aesten postiert, um diese gruppieren sich im Kreise 20

Harngläser, jedes mit entsprechend gefärbtem Inhalt und mit einer

Legende im Kreisausschnitt. Der Text beginnt folgendermaßen: Ex

coloribus urine sunt gradus citrinitatis sicut paliaris citrinus post

flavus deinde rufus postea citrangularis postea igneus qui tincturae

croceae assimilatur. Et saepe quidem est vehementer citrinus post

croceus qui assimilatur capillis safrani. Et iste est quem vocant

rubeum clarum. Omnes autem qui sunt post citrinum significant

caliditatem ... Die Typen der Harnglasscheiben und ihre Begleittexte

differieren in den Handschriften nicht unbedeutend. Aus der Farbe

des Harns wurde auf das Vorherrschen einer der vier Qualitäten

bezw. Kardinalsäfte oder, wie aus den Legenden der Harnglasscheiben

zu ersehen ist, auf den ~Grad der Kochung~ (digestio) der Säfte

geschlossen. Vgl. Vieillard, L'urologie et les médicins urologues,

Paris 1903.

Die Behandlung war teils eine ~hygienisch-diätetische~, teils eine

~medikamentös-chirurgische~. Sie beruhte auf den ätiologischen,

pathogenetischen Ideen ~der Elementarqualitätentheorie, der

Humorallehre~[55] und hatte das ~Contraria contrariis~ zum obersten

Leitprinzip. Das Maß für das therapeutische Handeln bestimmten die

individuellen Verhältnisse des Patienten.

[55] Vgl. zu dem folgenden die Grundprinzipien der galenischen

Therapie, auf welche (durch das Medium der arabischen) die

gesamte spätmittelalterliche Behandlungsweise zurückzuführen

ist.

In der Sprache der mittelalterlichen Medizin ausgedrückt,

kamen folgende Momente für die Therapie in Betracht: 1. die

(7) ~res naturales~ (Elemente, Temperamente, Kardinalsäfte,

Körperteile, Kräfte, Funktionen, Lebensgeister), d. h. die

anatomisch-physiologischen Verhältnisse bezw. deren Störungen, 2. die

(6) ~res naturales~ (Luft, Getränke und Speisen, Bewegung und Ruhe,

Schlaf und Wachen, Exkretion und Retention, Affekte) und deren (5)

Adnexe (Jahreszeit, Klima, Geschlechtsleben, Beruf und Lebensweise des

Patienten, Bäder), d. h. die hygienisch-diätetischen Verhältnisse, 3.

die (3) ~res praeternaturales~ (Krankheiten, die Ursachen und Zeichen

derselben), d. h. die pathologischen Zustände im engeren Sinne des

Wortes.

Ungemein sorgfältige, die feinsten Einzelheiten berücksichtigende

hygienisch-diätetische Vorschriften[56] bildeten stets ein Hauptstück

der ärztlichen Verordnungen, ja bisweilen bestand die ganze Therapie

darin. In der Regel wurde aber von den Arzneimitteln nur allzu oft

und allzu reichlich Gebrauch gemacht -- unterließ es denn auch kein

bedeutender Autor, seinem Werke ein Antidotarium anzuhängen[57].

In der Rezepttherapie überwogen nach arabischem Muster weitaus die

kompliziertesten Arzneikompositionen -- Simplicia kamen verhältnismäßig

selten zur Verwendung, --, was nicht überrascht, wenn man sich vor

Augen hält, welche Fülle von Indikationen jeder einzelne Fall infolge

der damaligen höchst verwickelten Krankheitsauffassung darbot. Hatte

man doch -- um nur einiges hervorzuheben -- die bestehende Intemperies

je nach ihrer Elementarqualität zu bekämpfen, die abnorme Menge oder

Mischung der Säfte durch Verdünnung, Zerteilung, Purifizierung, durch

Ableitung oder Ausleerung zu beseitigen, neben den allgemeinen lokale

Wirkungen auszuüben, wobei die gesamte Komplexion und der Kräftezustand

des Patienten, das Temperament des erkrankten Organs u. s. w. zu

beachten und in der Rezeptierung noch überdies pharmazeutische Momente

in Rechnung zu ziehen waren. Zur Erfüllung der vielen Bedingungen bot

die fiktive aber streng systematische Arzneimittellehre -- mit ihren

so zahlreichen und so vielfach differenzierten, nach Qualitäten und

Graden gruppierten Heilstoffen -- anscheinend genügende Handhaben[58].

[56] Diese Vorschriften bezogen sich -- unter Vermeidung einer

allzu brüsken Aenderung der bisherigen Lebensweise -- auf

den Aufenthaltsort (Lüftung, Temperatur, Räucherung des

Krankenzimmers -- Klimawechsel), die Bettruhe oder die

Leibestätigkeit des Patienten, die Wahl und Zubereitungsweise

seiner Nahrung, die psychische Beeinflussung u. s. w. Wie

pedantisch genau -- im Geiste der Qualitäten- und Säftelehre

-- namentlich die ~Krankenküche~ geregelt wurde, ersieht man

aus den meisten Konsilien.

[57] Anweisungen zur Arzneibereitung waren schon deshalb nötig, weil

nur in den größeren Städten Apotheken bestanden und somit die

Bereitung der Heilmittel häufig noch von den Aerzten selbst

vorgenommen werden mußte.

[58] Vgl. S. 370. Die Aerzte schrieben noch keine Rezepte, sondern

gaben die einzelnen Bestandteile ihrer Arzneiverordnungen dem

Apotheker ~mündlich~ an; dem Kranken reichten sie selbst die

Arzneien in Bechern aus Zinn oder Silber, die nach dem Gebrauch

in die Apotheke zurückgestellt wurden.

Von den Arzneiformen war die Potio, der Arzneitrank[59], am meisten

beliebt, unter den Mitteln standen, entsprechend der Humoralpathologie,

die ~Emetica~, ~Laxantia~ und ~Purgantia~[60] im Vordergrunde.

Kamen diese in Betracht, wenn man auf den Schleim, die gelbe und

schwarze Galle einzuwirken beabsichtigte, so diente vornehmlich

zur quantitativen und qualitativen Verbesserung des Blutes die

~Venäsektion~.

[59] Auch ~Latwergen~ und ~Pillen~. Den ~Syrupen~ wurde gemäß den

arabischen Doktrinen die Wirkung zugeschrieben, daß sie die

„Kochung” der Säfte befördern.

[60] Auch in Form von Suppositorien und Klysmen.

Die Vorschriften über die Anwendung des Aderlasses, der

~Phlebotomia~, nehmen in der medizinischen Literatur des

Mittelalters einen bedeutenden Raum ein -- entsprechend der

besonderen Wertschätzung, der sich dieses Heilverfahren erfreute

--, sie zeigen aber bei den einzelnen Autoren nicht unerhebliche

Abweichungen von einander, was sich daraus leicht erklärt, daß schon

die grundlegenden galenischen, noch mehr die arabischen Angaben

an Klarheit viel vermissen ließen und daher den spitzfindigsten

Interpretationen Tür und Tor öffneten. Die Hauptregel, durch die

~Aderlässe~ bloß ~überschüssiges Blut~ (und überschüssige Säfte,

in denen das Blut vorherrscht) zu entziehen, ~verdorbene Säfte~

dagegen durch ~Purgation~ zu beseitigen, wurde nicht ausnahmslos

eingehalten, insofern man in gewissen Fällen auch beim quantitativen

Vorherrschen eines der drei anderen Säfte, z. B. der schwarzen Galle

oder zur Verhütung der Putreszenz der Säfte oder zur Evakuierung der

reifen Krankheitsmaterie überhaupt (gleichgiltig welchen humoralen

Ursprungs), die Venäsektion vorzunehmen pflegte. Außer zur Korrektion

der Säfteanomalien wurde der Aderlaß auch ausgeführt, um das erhitzte

Blut zu kühlen, um die Materia peccans von einem Körperteil nach einem

anderen abzuleiten, um Blutflüssen (z. B. Hämoptoë, Hämorrhoiden) zu

begegnen oder umgekehrt, um stockende Menses hervorzurufen. Es gab

somit nur wenige Krankheitszustände, bei denen nach den damaligen

pathologischen Ansichten der Aderlaß unter Umständen nicht am Platze

gewesen wäre, ja nicht selten wurden im Verlaufe einer und derselben

akuten Affektion zu wiederholten Malen beträchtliche Blutentziehungen

angeordnet. Nicht minder zahlreich wie die Indikationen waren aber

auch die Kontraindikationen für den Aderlaß; in dieser Hinsicht

spielten Klima, Jahreszeit, Windesrichtung und Tagesstunde, Alter,

Geschlecht, Komplexion, Lebensweise und Kräftezustand des Kranken, die

Gefährlichkeit und das Stadium der Krankheit die wichtigste Rolle.

Bemerkenswert ist es, daß der ~Revulsion~ (d. h. der Venäsektion an

einer von der leidenden entfernten Stelle) gegenüber der Derivation

(Venäsektion in der Nähe des Krankheitssitzes)[61] der Vorzug gegeben

wurde, und daß man den Aderlaß viel seltener auf der erkrankten als

~auf der entgegengesetzten Körperseite~ machte.

[61] Die Derivation wurde z. B. bei Entzündungen, wo der Prozeß

bereits fixiert zu sein schien, und bei chronischen Affektionen

angewendet.

Ueber das Regime des Patienten vor und nach dem Aderlaß, über die

Technik der Venäsektion (Schnittrichtung) u. s. w. finden sich in

der Literatur detaillierte Vorschriften, das größte Gewicht legte

man aber auf den Ort des Aderlasses, auf die richtige ~Wahl der

Vene~. Auf Grund der Gefäßlehre Galens, der in höchst phantastischer

Weise nicht nur den Ursprung und Verlauf, die Verbindungen, sondern

auch die Beziehungen der Blutadern zu gewissen Organen (Consensus)

doktrinär erörterte, hatte sich nämlich allmählich ein ganzes System

herausgebildet, gemäß welchem je nach dem Sitze der Affektion,

je nachdem man eine allgemeine oder lokale Wirkung erzielen

wollte, die eine oder andere Vene geöffnet werden sollte[62]. Die

Autoren zählen gewöhnlich 26-28 (aber auch mehr) Venen auf, nebst

Angabe der Körperteile, mit denen sie direkten oder indirekten

Zusammenhang besitzen sollten[63]. Auf den Kopf allein entfallen

13 Blutgefäße, von den Venen der oberen Extremität kamen besonders

die Cephalica, Mediana, Basilica, der als Funis brachii bezeichnete

innere Zweig der V. cephalica, und die V. salvatella in Betracht,

von den Venen der unteren Extremität vorwiegend die Poplitaea, die

Saphena major, die sogenannte V. sciatica (V. saphena externa).

Manche Handschriften enthalten eine anschaulich orientierende

•Aderlaßstellenfigur• (Venenmann) mit erklärendem Text. Vgl. auf Tafel

II die Reproduktion der Aderlaßstellenfigur aus Cod. lat. 11229 der

Pariser Nationalbibliothek. Die Legende lautet: Omnes venae capitis

incidendae sunt post comestionem excepta sola vena, quae est sub

mento. -- Si dolor capitis sit causa in essentia sicut humore vel

apostemate vel vulnere quod maxime cognoscitur si dolor est continuus.

Videndum est an humor sit in causa, an colera vel sanguis, aut flegma

vel melancolia. -- Omnes vene manuum post comestionem inciduntur,

cephalica, mediana, epatica. -- Omnes venae pedum et crurium post

comestionem sunt minuendae.

[62] Besonders hatten Mesuë und Serapion d. Aelt. und, ihnen folgend,

Rhazes und Avicenna zum Ausbau dieses Systems beigetragen, aber

in Einzelheiten herrscht bei den Autoren keine Uebereinstimmung,

sondern eine unglaubliche Konfusion, wie dies ja bei den ganzen

fiktiven Grundprinzipien nur zu begreiflich ist.

[63] So hat man die V. cephalica geschlagen bei Leiden des Kopfes,

die V. mediana bei Anomalien des Herzens und Störungen der

Lebensgeister, sowie in der Absicht, eine Repletion des ganzen

Organismus herbeizuführen, die V. basilica (zumeist der linken

Seite) bei Leiden des Unterleibs, die V. salvatella (namentlich

der linken Hand) bei Milzleiden, die V. saphena bei Pleuresie,

Krankheiten der Niere, Blase und Gebärmutter, die V. poplitaea

zu gleichem Zwecke und noch außerdem zur Hervorrufung der

Menses, die V. sciatica bei Gelenkschmerzen u. s. w. -- Bei

Leiden des Kopfes, der Augen u. s. w. wurde zuerst die V.

cephalica geöffnet, später erst kamen die entsprechenden

Blutadern des Kopfes „Venae particulares” an die Reihe, um

nämlich dem Blutstrom vorerst eine vermeintlich andere Richtung

zu geben und sodann das örtliche Uebel direkt zu bekämpfen.

[Illustration: Tafel II.]

Mit dem Aderlaß gehörten in die gleiche Gruppe der Heilverfahren:

die ~Arteriotomie~ (nur ausgeführt an den Schläfen und hinter

den Ohren), das ~Schröpfen~ (mit oder ohne Skarifikation), als

Ersatzmittel der Venäsektion (~Vicarius phlebotomiae~), das Ansetzen

von Blutegeln, die Applikation von ~Kauterien~ (auch dafür waren

bestimmte Körperstellen vorgeschrieben, worüber eigene Figuren

orientieren), Vesikantien, Haarseilen. Alle diese Methoden wurden

im Sinne der Humoralpathologie zur Behebung der quantitativen oder

qualitativen Säfteanomalien, zur Ableitung oder Ausleerung der Materia

peccans angewendet.

Ist es für die Medizin des späteren Mittelalters schon bezeichnend,

daß die ~Uroskopie~ beinahe die wichtigste diagnostische Methode, die

~Purgation und Phlebotomie~ die souveräne Behandlungsweise bildete,

so erhält sie doch ihr eigentlich charakteristisches Gepräge dadurch,

daß auch die besten ihrer Vertreter dem ~Aberglauben in der Therapie~

allzu weitgehende Konzessionen machten und namentlich, daß die

~Astrologie~ das gesamte ärztliche Denken und Handeln immer mehr in

ihren Zauberkreis zog[64].

[64] Die ~Astrologie~ galt allgemein als exakte Wissenschaft, und

die Stimmen der Wenigen, welche sich gegen den Wahn erhoben

(z. B. der Kanzler der Pariser Universität ~Gerson~, der

deutsche Theolog und Astronom ~Heinrich von Langenstein~ u. a.),

verhallten wirkungslos. -- Die ~Alchemie~, welche seit dem 13.

Jahrhundert trotz des Einspruchs einzelner großer Denker, trotz

des kirchlichen Verbots (Papst Johann XXII.) immer eifriger

betrieben wurde, hatte verhältnismäßig nur geringe Bedeutung für

die Medizin, abgesehen von den betrügerischen Ausschreitungen.

Ueber die Anempfehlung von ~Beschwörungsformeln~ und

~abergläubischen Heilgebräuchen~ wurde bei den bedeutenderen Autoren

das Nötigste gesagt.

Die ~Astrologia medica~, welche in Ptolemäus und den Arabern ihre

Hauptquellen besaß, hatte sich zu einem höchst komplizierten System

entwickelt, das im späteren Mittelalter geradezu despotisch die

Prognostik und Therapie beherrschte (vgl. zur Orientierung V. Fossel,

Studien z. Gesch. d. Med., Stuttgart 1909, p. 1-23). Entsprechend

der Lehre von der Korrespondenz zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus

wurden die Komplexionen, die Kardinalsäfte, die Körperteile, die

Entstehung und der Verlauf der Krankheiten, die Heilsubstanzen und

deren Wirkung mit den ~7 Planeten~ (zu denen Sonne und Mond zählten)

bezw. mit der Stellung der Wandelsterne (Konjunktion, Opposition,

Quadratur u. s. w.) zueinander und zu den ~12 Zeichen des Tierkreises~

in Relation gebracht[65]; jedes der letzteren beherrscht eine Region

des menschlichen Leibes, Haupt und Antlitz gehören dem Widder,

Hals und Kehle dem Stier, Arme und Hände den Zwillingen, der Krebs

regiert die Brust, der Löwe den Magen und die Nieren, die Jungfrau

die anderen Eingeweide, der Wage unterstehen das Rückgrat und Gesäß,

dem Skorpion die Weichen und die Schamglieder, dem Schützen die

Hüften und Schenkel, über die Kniee hat der Steinbock Gewalt, über

die Schienbeine der Wassermann, den Fischen endlich sind Knöchel und

Fußsohle kongruent. Inwiefern die Diagnostik, Krankheitsvorhersage

und Behandlung von der Konstellation abhing[66], kann hier nicht im

einzelnen auseinandergesetzt werden, nur so viel sei gesagt, daß der

Mond wohl die bedeutendste Rolle in der Astrologia medica spielte,

und daß sogar der Gebrauch der Brechmittel und Abführmittel[67],

namentlich aber der Aderlaß nach siderischen Gesetzen geregelt war

(gute, schlimme, indifferente Aderlaßtage).

[65] Saturn herrscht über das rechte Ohr, die Milz, Harnblase,

Vorderarm und Schienbein; Jupiter unter anderem über Lunge,

Leber und Füße; Mars über das linke Ohr, die Adern und

Geschlechtsteile; die Sonne über die rechte Körperseite,

das Herz u. s. w.; Venus über den Hals, das Abdomen und die

Fleischteile im allgemeinen; Merkur über Arme, Hände, Schultern

und Hüften; der Mond über die linke Körperhälfte, den Magen u.

s. w. Das Blut ist dem Regiment des Jupiter und der Venus, die

schwarze Galle dem Saturn, die gelbe Galle dem Mars, der Schleim

dem Monde unterstellt. -- Saturn bringt die langwierigen,

Jupiter die kurzdauernden, Venus die mittleren, die Sonne die

allerkürzesten Krankheiten, Merkur die variierenden, der Mond

die remittierenden Leiden hervor. Sonne und Mars verursachen

die aus der Hitze stammenden, Venus und Saturn die aus der Kälte

stammenden, Jupiter die durch Blutfülle bedingten Krankheiten,

Merkur die Geistesstörungen, der Mond die Nervenleiden. --

Jedes Zodiakalzeichen besitzt wie jeder der Planeten eine eigene

Qualitätsmischung, worin eben die Ursache seiner spezifischen

Influenz auf den Mikrokosmus liegt.

[66] Auch in der Aetiologie, besonders der Seuchen, wurde der

Astrologie eine wichtige Rolle zugeteilt. So leitete z. B.

selbst ein Guy de Chauliac den schwarzen Tod hauptsächlich von

einer ungünstigen Konstellation der Gestirne her.

[67] Brechmittel sind am meisten wirksam, wenn sich der Mond in einem

retrograden Zeichen, z. B. im Krebs, bewegt, abführende Arzneien

sind kontraindiziert, wenn der Mond in einem rückläufigen oder

wiederkäuenden Zeichen (Widder, Stier und Steinbock) steht.

In dieser Hinsicht galt es vor allem als Grundsatz, den Aderlaß

zu vermeiden, wenn der Mond in jenem Zeichen des Tierkreises steht,

welches den betreffenden Körperteil regiert, so z. B. hielt man es

für kontraindiziert an Armen und Händen zu venäsezieren, wenn der

Mond sich im Zeichen der Zwillinge bewegt[68]. Manche Handschriften

enthalten entsprechende Abbildungen, den •„Tierkreiszeichenmann”• mit

zugehörigen Aderlaßverboten (vgl. Tafel III, wo eine solche Figur

mit begleitendem lateinischem Text aus einer in Cambridge [Trinity

College] vorhandenen Handschrift [um 1420-1430] reproduziert ist). In

der Folge wurde gewöhnlich die Aderlaßstellenfigur in verschiedener

Weise mit dem Tierkreiszeichenmann kombiniert und damit der Typus für

den „Aderlaßmann” geschaffen[69], wie er sich in den später durch die

junge Buchdruckerpresse massenhaft erzeugten „Laßzetteln”, Kalendern,

Praktiken u. s. w. findet.

[68] Außerdem kam die Beziehung der Elementarqualität des

Tierkreiszeichens zur Komplexion des Patienten in Betracht. Der

Mondstand im Zeichen der Zwillinge, der Wage und des Wassermanns

(Signa calida et humida) war am günstigsten für die Vornahme

der Venäsektion, wenn es sich um einen Sanguiniker handelte,

hingegen kamen für den Choleriker die Zeichen des Widders und

Schützen (Signa calida et sicca), für den Melancholiker die

Zeichen der Jungfrau und des Stiers (Signa frigida et sicca),

für den Phlegmatiker die Zeichen des Krebses, des Skorpions und

der Fische (Signa frigida et humida) als günstigste in Betracht.

[69] Vgl. über die Entwicklung der Aderlaßfiguren- und

Tierkreiszeichengraphik sowie ihre Beziehung zu den frühesten

anatomischen Abbildungen Sudhoff, Tradition und Naturbeobachtung

(Leipziger Studien zur Gesch. d. Med. Heft 1), Leipzig 1907.

[Illustration: Tafel III.]

Wer die mittelalterliche Krankheitslehre und Therapie nicht bloß in

den Hauptzügen, sondern in allen Einzelheiten wirklich erschöpfend

verstehen will, wer in die damalige Behandlungsweise eines

komplizierteren speziellen Falles tiefer einzudringen sucht, stößt auf

manche unerwartet große Schwierigkeiten, da ihm eine ganz fremdartige

Geisteswelt von reicher Tradition, von unglaublicher Subtilität des

Denkens entgegentritt. In den Schwierigkeiten, die dem modernen Leser

erwachsen, liegt schon ein Maßstab dafür, welch hohe Anforderungen

man an die Belesenheit, an die begriffliche Kombinationsgabe, an den

interpretatorischen Scharfsinn des wissenschaftlich vollwertigen

Arztes stellte, Anforderungen, denen nur durch lange, planmäßig

betriebene Geisteszucht entsprochen werden konnte. Und in der Tat

war das ~medizinische Unterrichtswesen~ an den Universitäten darauf

angelegt, Gelehrsamkeit zu züchten, logische Meisterschaft zu erwecken,

machten doch neben dem ~Tradieren und Kommentieren~ der kanonischen

~Schriften~ die ~Disputierübungen~ -- förmliche Redeturniere -- den

wichtigsten Bestandteil des Lehrplans aus. Hingegen wurde in maßloser

Ueberschätzung der Litera scripta und des abstrakten Denkens, im

Glauben, daß die autoritative Literatur einem völlig abgeschlossenen,

unumstößlichen Gesetzeskodex gleich zu achten sei, die Erziehung

zur Anschauung und selbständigen Beobachtung verabsäumt, ja man kann

sagen, der Jünger empfing wohl die Anleitung, fremde Meinungen in sich

denkend zu verarbeiten und vom Standpunkte oberster Prinzipien die

Einzelerscheinungen a priori zu konstruieren, nicht aber die realen

Dinge zu zergliedern, die Welt der Erfahrung aufzufassen. Höchstens

außerhalb der Universität, die ja mit den Spitälern noch nicht die

mindeste Verbindung hatte, waren für das individuelle Streben und den

Privatfleiß -- unzulängliche und schwankende -- Bedingungen gegeben,

unter fachmännischer Aufsicht am Krankenbette die Sinnestätigkeit

einigermaßen zu üben.

Unter den Fehlern und Verkehrtheiten des medizinischen

Studienbetriebes litt am meisten der ~Unterricht in der Anatomie und

in der ärztlichen Praxis~.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 64 / 76 段