und Interpret der alten medizinischen Literatur, sondern auch
als Philosoph einen großen Namen. In Ferrara disputierte er
1438 unter dem größten Beifall mit den zur Zeit des Konzils
versammelten Theologen und Philosophen über die Lehren des
Plato und Aristoteles. -- Er lehrte auch ~Anatomie~ und wir
wissen, daß unter seiner Leitung 1429 die Zergliederung einer
Verbrecherleiche in Padua vorgenommen wurde.
Die ~Practica~ des ~Savonarola~, welche von den italienischen Aerzten
durch mehr als zwei Jahrhunderte als Leitfaden benutzt wurde,
bezeichnet bereits die ~beginnende Abkehr~, nicht vom Arabismus,
wohl aber ~von der scholastischen Arbeitsmethode~. Sie behandelt,
~kasuistisch~ belebt, nach dem Muster von Avicennas Kanon die gesamte
Medizin und rückt dabei in ganz auffallender Weise die Sinneserfahrung,
die klinische Beobachtung, die ~Beschreibung der Krankheiten~ in
den Vordergrund, wenn auch nirgends die Schranken der herkömmlichen
Grundauffassungen durchbrochen werden. Bezeichnend ist es, daß
der Verfasser der Lehre von den Elementarqualitäten keine so große
Wichtigkeit für die Praxis beimißt und daß er, selbständiger forschend,
den ~Einfluß der Klimate auf die Krankheiten und deren Behandlung~
berücksichtigt. Mit Recht durfte Savonarola in der Widmung des
Buches -- gerichtet an den Paduaner Philosophen und Arzt Sigismundus
Polcastrus -- die Hoffnung aussprechen, daß seine Erfahrungen den
jüngeren Berufsgenossen nützlicher sein werden als die üblichen
dialektischen Spiegelfechtereien („juniores practici plus proficere
posse quam his dialecticis argumentationibus quibus in platearum
angulis vane se populo ostentant”).
Aus den lange in Ansehen stehenden ~Consilien~ des ~Montagnana~
leuchtet eine nicht gewöhnliche Beobachtungskunst und diagnostische
Fertigkeit hervor und, was besonders bemerkenswert ist, ~das Streben,
die einzelnen lokalen Krankheitserscheinungen von einer Grundkrankheit
abzuleiten~, wodurch nicht selten das traditionelle topographische
Krankheitsschema gesprengt wird. Auf das reformatorische Denken dieses
begabten Mannes mag auch die Anatomie nicht ohne Einfluß geblieben sein
-- konnte sich Montagnana doch rühmen, 14 Leichensektionen beigewohnt
zu haben (Cons. 134).
Einen grellen Gegensatz zu den erwähnten Schriften bildet das jeder
Selbständigkeit entbehrende Sammelwerk des Mailänders ~Concoreggio~.
Hingegen enthalten die Kompendien bezw. die Consilia des Ant.
~Guainerio~, des ~Ferrari~ da Grado, des Marco ~Gatenaria~,
welch letztere hauptsächlich als Vertreter der Schule von Pavia
anzusehen sind, und des ~Baverio~ eine große Zahl von guten, eigenen
Beobachtungen.
Wie der inneren Medizin wurde in Italien auch der Chirurgie große
Aufmerksamkeit zugewendet; freilich von Originalität ist noch
wenig zu spüren. Als die bedeutendsten der auf diesem Gebiete in
Betracht kommenden Autoren sind ~Pietro d'Argellata~ in Bologna und
~Leonardo da Bertapaglia~ in Padua zu nennen. Die aus sechs Büchern
bestehende Chirurgie des ersteren beruht zwar zum größten Teile auf
der sorgfältigst benützten vorausgegangenen Literatur, bietet aber
doch in ihrer Kasuistik manches Interessante und zeichnet sich durch
anschauliche Beschreibungen der gebräuchlichsten Operationen aus,
unter denen besonders die Resektionen der Knochen hervorzuheben wären.
Kann schon ~Pietro d'Argellata~ der Vorwurf nicht erspart bleiben,
daß er die medikamentöse Therapie auf Kosten der operativen zu sehr
bevorzugte, so gilt das noch weit mehr von ~Bertapaglia~, der ganz
in arabischer Polypharmazie aufgeht und es überdies an nüchterner
Beobachtung vielfach fehlen läßt. Sein chirurgisches Hauptwerk ist
nichts anderes als eine Bearbeitung des 4. Buches von Avicennas
Kanon in streng arabistischem Geiste und liefert höchstens zur
Wunden-Geschwürsbehandlung sowie zur Resektionstechnik einige Beiträge;
die phantastische Sinnesart des Verfassers tritt namentlich im 7.
Traktat hervor, welcher die ~astrologischen~ Relationen chirurgischer
Affektionen ausführlich behandelt.
Die gelehrten Aerztechirurgen wurden am Ausgang des Mittelalters
an operativer Kühnheit und Tüchtigkeit weitaus überstrahlt durch
die bloß empirisch gebildeten Sprößlinge gewisser italienischer
Wundarztfamilien, welche seit alter Zeit die Technik der Herniotomie,
des Steinschnitts, der Strikturenbehandlung, des Starstichs u. s. w.
als Zunftgeheimnis hüteten. Diesen, den ~Norcinern~ und ~Precianern~,
sowie den Angehörigen der sizilischen (in Catanea seßhaften) Familie
~Branca~ ist auch die Wiederbelebung der ~plastischen Operationen~
(~Rhinoplastik~) zu danken, die um die Mitte des 15. Jahrhunderts aus
der Vergessenheit auftauchen, um erst viel später wissenschaftliches
Gemeingut zu werden.
Die Namen ~Norciner~ und ~Precianer~ stammen von der Stadt
Norcia (Provinz Perugia) bezw. einigen Orten in ihrer Umgebung,
Castello und Contado delle Preci. Der Ursprung der Tätigkeit dieser
Wundärztefamilien verliert sich im Dunkel des Mittelalters. Seit dem
14. Jahrhundert treten einige ihrer Mitglieder als berühmte Aerzte
hervor -- z. B. Scacchi delle Preci (Leibarzt am französischen
Hofe) und Benedetto da Norcia (Professor in Perugia und Leibarzt des
Papstes Sixtus IV.), seit dem 16. Jahrhundert erschienen Schriften
chirurgischen Inhalts, welche von Norcinern oder Precianern ausgingen,
und noch bis ins 18. Jahrhundert wirkten Abkömmlinge derselben als
Lithotomisten und Okulisten, zum teil in öffentlicher Anstellung, in
den hervorragendsten Städten Italiens. Natürlich zog unter dem Namen
der Norciner stets auch eine Menge von unwissenden Pfuschern herum.
Die früheste Nachricht über eine in dieser Periode ausgeführte
~Rhinoplastik~ ist in dem Werke des neapolitanischen Historiographen
Bart. Facio († 1457) enthalten. Dieser berichtet, daß ein
Wundarzt ~Branca~ aus Catanea in Sizilien verstümmelte Nasen durch
Transplantation aus der Stirn- oder Wangenhaut wiederhergestellt habe,
ferner daß dessen Sohn Antonio, um die Entstellung des Gesichtes
zu vermeiden, die Haut vom Oberarm zu transplantieren pflegte und
überdies eine Methode der ~Cheiloplastik~ und ~Otoplastik~ ersonnen
habe.
Außer den beiden Hauptzweigen der Heilkunde fanden auch bereits einige
Spezialfächer ihre besondere Vertretung in der Literatur, so die
~Augenheilkunde~ und ~Kinderheilkunde~, über welch letztere ~Paulus
Bagellardus~ eine eigene Schrift verfaßte, ferner die ~Diätetik~ und
~Balneologie~, die ~Arzneimittellehre und Pharmazie~ (Christof. de
Honestis, ~Saladinus de Asculo~, Quiricus de Augustis, Joh. Jac. de
Manliis de Boscho), ja sogar die ~Toxikologie~ (~Santes de Ardoynis~).
Am Ende der Epoche angelangt, wollen wir noch darauf hinweisen, daß
seit dem Hochmittelalter neben dem lateinischen Schrifttum eine
~naturhistorisch-medizinische Literatur in den Landessprachen~
einhergeht, welche -- abgesehen von den für die Unterrichtszwecke
der Wundärzte bestimmten Uebersetzungen und einigen chirurgischen
Kompilationen[45] -- vorwiegend ~populären oder halbpopulären
Charakter~ besitzt. Den Produkten dieser Literatur ist gewiß ein nicht
geringer kulturhistorischer und linguistischer Wert zuzusprechen,
für die Geschichte der medizinischen Wissenschaft gewinnen sie aber
nur insoweit Bedeutung, als sie manchen verborgenen Seitenweg der
heilkünstlerischen Traditionen aufzuhellen vermögen. Chronologisch
und zum Teil auch inhaltlich reihen sie sich den Erzeugnissen der
Mönchsliteratur an, doch bildet, dem Fortschritt der Zeit entsprechend,
für ihre diätetisch-therapeutischen Abschnitte hauptsächlich die
~Salernitanermedizin~ die Quelle.
[45] Uebersetzt wurde z. B. die Chirurgie des Roger von Salerno, die
Augenheilkunde des Benvenutus Grapheus, die Chirurgie des Henri
de Mondeville, des Guy de Chauliac u. a. Von den in flämischer
Sprache verfaßten Werken des Jehan Yperman ist oben gesprochen
worden.
Die Rolle, welche die volkssprachliche medizinische Literatur
spielte, war umso größer, je mehr die Entfernung von den Zentren der
mittelalterlichen wissenschaftlichen Heilkunde wuchs, größer also in
den germanischen als in den romanischen Ländern[46]. Noch um die Mitte
des 15. Jahrhunderts wird die Medizin in Deutschland vorzugsweise
durch deutsche Schriften repräsentiert, ja die Wundheilkunde
Deutschlands findet um diese Zeit sogar ihre einzige Vertretung durch
ein in der Muttersprache abgefaßtes Werk, durch die in mehrfacher
Hinsicht (Rhinoplastik etc., narkotische Inhalationen) interessante
„~Bündth-Ertzney~” des ~Heinrich von Pfolspeundt~.
[46] Eine ganz eigenartige Stellung nimmt die medizinische Literatur
in ~keltischer~ (irischer, gälischer, kymrischer) Sprache ein,
welche von alten Aerztefamilien in Irland, Schottland und Wales
ausging. Proben dieser bloß handschriftlich erhaltenen Literatur
zeigen, daß sich in ihrem Inhalt die autochthone Heilkunde mit
der mittelalterlichen gemeineuropäischen Medizin verbindet
(vgl. Norman Moore, The history of the study of Medicine in
the British Iles, Oxford 1908).
Die volkssprachliche medizinische Literatur des Mittelalters setzt
sich dem Hauptinhalte nach zusammen aus: Rezeptsammlungen,
Arzneibüchern (besonders Kräuterbüchern), populären
diätetisch-balneologischen Schriften, Kalendern mit
diätetisch-prophylaktischen und Aderlaßvorschriften, Uebersetzungen
oder Bearbeitungen chirurgischer, weniger häufig medizinischer Werke
(z. B. Practica Bartholomaei). Am meisten wurde bisher die
einschlägige mittelhoch- und mittelniederdeutsche Literatur ans Licht
gezogen[47]; sie umschließt ~naturwissenschaftliche, zur Heilkunde in
Beziehung stehende Schriften und Lehrgedichte~ (~Meinauer
Naturlehre~, das „~Buch der Natur”~ des ~Konrad von Megenberg~, den
„~Spiegel der Natur~” des ~Everhard von Wampen~, eine Reihe in Prosa
oder in Versen abgefaßter ~Steinbücher~), •„Arzneibücher”•,
~diätetische Schriften~ (z. B. „~Von der Ordnung der Gesundheit~”,
~Heinrich Louffenbergs~ „~Versehung des Leibes~”), Pestkonsilien u.
a. Aus dem 15. Jahrhundert wären hier besonders zu erwähnen das
„~Arzneibuch~” des ~Ortolff von Bayrland~, das ~Kinderbuch~ des
~Bartholomäus Metlinger~ und die Schrift des Wiener Professors ~Puff
aus Schrick~ „~Von den gebrannten Wässern~”.
[47] Vgl. unten die Literarhistorische Uebersicht.
Der Verfasser der ~Bündth-Ertzney~ (d. h. einer Anweisung zum
Verbinden), ~Heinrich von Pfolspeundt~ (oder von Phlatzpingen),
entstammte einem adeligen Geschlechte, welches in dem jetzt Pfalzpaint
genannten Orte (unterhalb Eichstädt) ansässig war; er genoß den
wundärztlichen Unterricht italienischer und deutscher Meister und
erwarb sich auf den Kriegszügen des Deutschen Ordens (in den er
vor 1465 eintrat) eine umfangreiche Erfahrung. Seine 1460 verfaßte
Schrift ist nur für handwerksmäßige Wundärzte, nicht einmal für
„Schneideärzte” bestimmt, entspricht ganz der niedrigen Bildungsstufe
des Empirikers und beschränkt sich im Wesentlichen auf „Schäden
und Wunden”, doch sichern ihr die Beschreibung der Rhinoplastik,
der Hasenschartenoperation und der künstlichen Anästhesie durch
narkotische Inhalationen, sowie die erste flüchtige Andeutung
der Schußwunden aus Feuergewehren (Herausbeförderung der Kugel),
historische Bedeutung.
Während aber in ~Deutschland~ am Ausgang des Mittelalters die
scholastisch-arabistische Medizin wenigstens die Oberschicht bildete
-- dank ihrer Verbreitung durch Aerzte, welche in der Fremde studiert
hatten[48] und entsprechend der wachsenden Zahl der Pflegestätten
an den neugestifteten Universitäten[49] --, finden wir in den
~skandinavischen Ländern~ in der gleichen Periode die Heilkunde, der
Hauptsache nach, noch in frühmittelalterlichen Stadien zurückgeblieben,
ja bis ins 16. Jahrhundert auf jener Stufe der literarischen Produktion
verharrend, deren ältestes Denkmal das Kräuterbuch des ~Henrik
Harpestreng~ (13. Jahrhundert) bildet.
[48] In Paris, Montpellier, Bologna und Padua.
[49] Prag und Wien folgten die Universitäten bezw. Akademien
Heidelberg (1386), Köln (1388), Erfurt (1392), Würzburg
(1402/10), Leipzig (1409), Rostock (1419), Greifswald (1456),
Freiburg i. Br. (1457/60), Basel (1460), Trier und Ingolstadt
(1472), Tübingen und Mainz (1477).
Vgl. über die Heilkunde der skandinavischen Länder im Mittelalter
die zusammenfassende Arbeit „Altnordische Heilkunde” von Fr. Grön,
Janus 1908, in welcher auch manche mißverständliche Auffassungen
früherer Autoren berichtigt sind. Hauptquellen bilden die Eddalieder,
isländische und norwegische Sagen, die alten (norwegischen,
isländischen, schwedischen) Gesetzbücher, die Historia Danica des Saxo
Grammaticus, die Urkunden des Diplomaticum Norvegicum, die im Zeitraum
vom 13.-16. Jahrhundert verfaßten (alt-dänischen, isländischen,
norwegischen, schwedischen) Arzneibücher.
Die Heilkunde der skandinavischen Länder ging aus der
gemeingermanischen Volksmedizin hervor, die sie teilweise eigenartig
weiterentwickelte und unterlag seit der Einführung des Christentums
zunehmend den Einflüssen der europäischen Schulmedizin, jedoch
erreichte sie als Nachzüglerin kaum vor dem 16. Jahrhundert die
spätmittelalterliche Phase derselben.
Wie überall, beherrschte in den ältesten Zeiten und lang darüber
hinaus der Dämonismus sowohl die Krankheitsauffassung (alp ═ „mara”,
„trollrida”, „alfar”) wie die Therapie (Runen[50], Zaubergesänge,
Bestreichen und Bemalen, verschiedene unter der Bezeichnung Seid
zusammengefaßte Zauberkünste, Zauberstein ═ Lyfstein, Amulette),
wobei die heidnischen Formeln allmählich christliche Umgestaltung
und Umdeutung erfuhren; ebenso häufte die Empirie vieler Generationen
eine Menge von Heilgebräuchen und Mitteln an, unter welch letzteren
die pflanzlichen dominieren. Als Heilkünstler fungierten ursprünglich
zauber- und pflanzenkundige Weiber (besonders Wundbehandlung,
Geburtshilfe) -- in der nordischen Mythologie vertritt Eir die
Heilkunst unter den Göttern -- Zauberer (Medizinmänner, ausgerüstet
mit dem Zaubersack, der allerlei wunderliche Dinge, wie Haare,
Nägel, Krötenfüße u. dgl. enthielt), gelegentlich auch -- und
dies ist den Nordgermanen eigentümlich -- die das Opfer leitenden
Könige, denen die Gabe verliehen war, schon durch einfache Berührung
(mit den „Heilhänden”, „Aerztefingern”) gewisse Krankheiten
(Geschwülste, Geschwüre) zu verscheuchen (solche Wunder verrichtete
namentlich König Olaf). Mindestens seit dem 10. Jahrhundert nahmen
gewerbsmäßige, empirisch gebildete Aerzte, d. h. Wundärzte, die
wichtigste Stelle ein, welche sie auch dann nicht einbüßten, als
Kleriker (Benediktiner) in beschränktem Kreise die Heilkunst ausübten
und die Mönchsmedizin des frühen Mittelalters nach dem Norden
verbreiteten. In den Bischofsagen findet der Sprößling einer alten
isländischen wundärztlichen Familie, ~Rafn Sveinbjörnsen~ († 1203),
als „tüchtigster” Arzt rühmende Erwähnung unter Anführung seiner
wunderbaren Heilerfolge[51]. Späterhin mögen sich hie und da auch
ausländische Aerzte im Norden niedergelassen haben, wenigstens als
Leibärzte (so wird z. B. in einer Urkunde vom Jahre 1313 als Leibarzt
des Königs Hakon in Norwegen Raimund Calmeta genannt); umgekehrt
wieder zogen in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters junge
Leute (sicher aus Dänemark) nach Paris, Montpellier oder Bologna,
um daselbst ärztliche Ausbildung zu erlangen. Daß sich endlich auch
Barbiere und Bader mit Aderlassen, Schröpfen, der Behandlung von
Beinbrüchen und Verrenkungen abgaben, sei der Vollständigkeit halber
angeführt[52].
[50] Hilfrunen sollst du lernen, wenn du helfen willst und Weiber
entbinden;
in der Handfläche sollen sie gezeichnet werden, und man
soll um das Handgelenk fassen, und die Götter um Hilfe
flehen.
Zweigrunen sollst du lernen, wenn du willst Arzt sein und
Wunden zu beurteilen verstehen;
auf Rinde soll man sie ritzen und ins Holz des Baumes, dessen
Zweige sich gegen Osten neigen.
(Die Lieder der älteren Edda, herausgegeb. v. Gering, pag. 320.)
[51] Derselbe machte übrigens mehrere Reisen ins Ausland (darunter
England, Frankreich, Italien, Spanien). Die von ihm berichteten
Kuren bestanden in der Behandlung durch Aderlaß, Brennen
und Operationen. Unter letzteren ist auch der Steinschnitt
beschrieben nach dem sog. Celsusschen Verfahren, das der
Isländer gewiß in der Fremde kennen gelernt hatte.
[52] Bemerkenswert ist es, daß im altschwedischen Landschaftsgesetze
(Södermannalagen, Uplandslagen) definiert wird, welche Personen
als legitime Aerzte anzusehen sind: „Wenn ein Mann einem
anderen Wunden zufügt, soll er ihm drei gesetzmäßige Aerzte
anbieten, von welchen er den einen, den er wünscht, wählen
kann. Gesetzmäßiger Arzt heißt derselbe, der eine mit Eisen
gehauene Wunde, einen Beinbruch, eine durchdringende Wunde,
das Abhauen eines Gliedes, eine durchgestochene Wunde mit zwei
Oeffnungen geheilt hat”. Von ärztlichem Honorar (Naturalien),
von der Berechtigung der Barbiere zur Ausübung des Aderlasses,
von Badestuben handeln schon früh gesetzliche Bestimmungen der
Schweden und Norweger.
Wie sich aus den zugänglichen Quellen ergibt, war eine ganze Reihe
von inneren Krankheiten bekannt und die Zahl der dagegen angewendeten
Mittel nicht gering (vgl. Grön, l. c.), von größerem Interesse ist es
aber, daß die Chirurgie eine verhältnismäßig hohe Stufe erreichte.
Bei der Behandlung der Wunden spielte die Reinigung derselben, die
Untersuchung durch Inspektion und Palpation, mittels der Sonde (schon
in Gesetzbüchern des 12. Jahrhunderts erwähnt), die Blutstillung
(Tamponade mit Leinwandzapfen, Kompresse, Glüheisen, Naht), die
Anwendung von Salben, Pflastern und Verbänden die wichtigste Rolle;
dasselbe gilt von der Behandlung der Geschwüre. Die Ausführung des
Aderlassens und Schröpfens findet häufige Erwähnung, desgleichen die
Extraktion von Pfeilspitzen und die Einrichtung von Knochenbrüchen
(Schienenverbände); besonders auffallend sind aber jene Angaben, aus
denen die Verwendung von Prothesen (Stelzfuß, Krücken) hervorgeht.
Die älteste medizinische Schrift des Nordens ist das dänische
Arzneibuch des ~Henrik Harpestreng~ († 1244), welcher Kanonikus in
Roeskilde, vielleicht auch königlicher Leibarzt war. Es besteht aus
zwei Kräuterbüchern, die hauptsächlich auf Macer Floridus beruhen,
und einem Steinbuch, das eine Bearbeitung von Marbods Lapidarius
darstellt. Gleichen Charakter besitzen die in der Folge auftauchenden
dänischen, isländischen, norwegischen, schwedischen (10) Arzneibücher
(Kräuter- und Steinbücher), welche hauptsächlich aus der Literatur der
Mönchsmedizin, der Salernitaner und der scholastischen Enzyklopädisten
geschöpft sind, aber durch Verquickung mit der heimischen Volksmedizin
auch den lokalen Verhältnissen Rechnung tragen. Seit dem Ende des 13.
Jahrhunderts dürften übrigens auch einige Autoren des Hochmittelalters
(Bernard de Gordon, Bruno de Longoburgo u. a.) im Norden bekannt
geworden sein.
Im Jahre 1477 wurde die Universität Upsala gestiftet, welche aber
für die Mediziner lange keine Bedeutung hatte, im Jahre 1478 die
Universität Kopenhagen.
Wenn man nach dieser Abschweifung auf die abendländische Heilkunde
des späteren Mittelalters zurückblickt, so ergibt sich, daß sie in
ihrer höchsten Entfaltung bloß einen Abklatsch der arabischen Medizin
darstellt, eine Kopie, in welcher die zahlreichen Mängel der Vorlage
nur noch gröber hervortreten, während die spärlichen Vorzüge derselben
beinahe ausgelöscht sind.
Die spätmittelalterliche Medizin ist ein System, das durch strenge
Einheitlichkeit und konsequenten logischen Aufbau äußerlich imponiert,
aber seinem realen Werte nach zum großen Teile nicht viel mehr bedeutet
als ein in Formeln gebrachtes Nichtwissen.
Die Anatomie beruhte statt auf wirklicher Untersuchung lediglich
auf den ungeprüft hingenommenen, halbwahren oder falschen Angaben
aristotelisch-galenischer Schriften. Die Physiologie setzte sich
aus Fiktionen zusammen, welche die Alten ausgeheckt, die Araber und
Scholastiker immer subtiler weitergesponnen hatten. Die allgemeine
Krankheitslehre verharrte auf dem Standpunkte der Qualitätendoktrin,
der extremsten Humoralpathologie. Die spezielle Pathologie -- ohne
ein anderes Einteilungsprinzip als das grob topographische a capite ad
calcem zu kennen -- machte bloß vereinzelte und geringe Fortschritte,
da nicht so sehr die unbefangene Schilderung der Symptomenkomplexe als
die Unterbringung der Krankheit im herkömmlichen Schema das Hauptziel
bildete.
Die Materia medica gebot über eine Unmenge von Substanzen, die mit
pseudowissenschaftlicher Exaktheit nach Elementarqualitäten und Graden
klassifiziert waren, deren Wirksamkeit aber nur die autoritative
Ueberlieferung, nicht die frische kritische Erfahrung verbürgte. Die
Therapie stützte sich blindgläubig auf die theoretischen Prämissen, aus
denen die Behandlung des konkreten Einzelfalles geradezu mechanisch
deduziert wurde; sie legte zwar viel Gewicht auf diätetische
Verordnungen, artete aber in eine unglaubliche Polypharmazie aus und
fröhnte übermäßig den blutentziehenden Methoden.
Bar jedes wahren Individualismus, unberührt von skeptischen
Anwandlungen, bewegte sich das Denken und Handeln des mittelalterlichen
Arztes in dem starren Gleis der Tradition -- nicht die Beobachtung,
sondern einzig der gelehrte Pedantismus diente zur Führung.
[Illustration: Tafel I.]
Die Tätigkeit am Krankenbette leitete sich mit der Aufnahme einer
überaus eingehenden Anamnese ein, welche das Alter, das Geschlecht,
den Beruf, die Lebensweise des Patienten, die subjektiven Empfindungen
und deren Sitz, die Ursache, Dauer, Verlaufsweise der Krankheit und
vieles andere durch methodisches Fragen zu ermitteln suchte. Mit der
Erhebung der Anamnese verband sich die Inspektion (Habitus, Hautfarbe
etc.), eventuell die Palpation. Die äußerst subtile Untersuchung
des Pulses bildete den Höhepunkt, die Besichtigung der Sekrete und
Exkrete (des Expektorierten, Erbrochenen, des Harns, der Fäzes[53] u.
a.) den Abschluß des objektiven Krankenexamens. Hauptaufgabe war es,
aus prognostischen und therapeutischen Gründen, die Komplexion und
den Kräftezustand des Kranken, die Funktionsstörungen und den Sitz
derselben, die dem Leiden zugrundeliegende Dyskrasie zu bestimmen.
[53] Außer den medizinischen Handbüchern handeln in spezialistischer
Weise eigene Traktate über die Untersuchung des Harns und der
Exkrete (de egestione).
Unter den diagnostischen Methoden war die Harnschau, die ~Uroskopie~,
am feinsten ausgebildet und spielte eine besonders wichtige, um nicht
zu sagen, die wichtigste Rolle[54].