Die „Anatomie” ~beginnt mit der Bauchhöhle~ („venter inferior”

-- membra naturalia im Gegensatz zum „venter medius” -- membra

spiritualia ═ Brusthöhle und zum „venter superior” -- membra animata

═ Schädelhöhle); als Grund für diese Anordnung wird angegeben:

quia illa membra foetida sunt et ideo ut ista primitus adjiciantur,

quia omnis nostra cognitio et specialiter, quae ex manuali existit

operatione a notioribus incipit nobis. Die Bauchwand -- „Myrach”

(Mirach) -- besteht aus der Haut, dem Unterhautfell, dem panniculus

carnosus, den Muskeln und dazu gehörigen Sehnen und dem Bauchfell

-- „Siphac” (siphach, sipach). Zur Präparation ist ~ein vertikaler

Schnitt~ „a scuto oris stomachi directe usque ad ossa pectinis leniter

incidendo” (~vom proc. xiphoideus bis zur Symphyse~) empfohlen, dem

ein, über den Nabel bis zu den beiden Seiten des Rückens führender,

~Horizontalschnitt~ hinzugefügt wird (bei weiblichen Leichen

Vermeidung der Vene, welche von der Gebärmutter durch die Bauchwand

zu den Milchdrüsen verlaufe). Die Bauchhöhle sei nur von fleischigen

Wandungen umgeben, damit sie sich in der Schwangerschaft oder bei

Wassersucht ungehindert ausdehnen könne. Es gebe ~drei Arten von

Bauchmuskeln~, ~longitudinale~ (ad attrahendum et expellendum),

~latitudinale~ (ad expellendum) und ~transversale~ (ad retinendum);

durch das Zusammenwirken mit dem Zwerchfell werde der Unterleib „quasi

inter duas manus” komprimiert. Bei der Beschreibung des Bauchfells und

des Netzes (Zirbus) kommt die Operation des ~Bauchstichs~ (Eröffnung

der Bauchhöhle nach vorheriger Verschiebung der Haut neben der Linea

alba mit einem Rasiermesser, Entleerung durch eine Kanüle; Warnung vor

zu schneller Entleerung) und die ~Behandlung der Bauchverletzungen~

zur Erörterung (eventuell Erweiterung der Wunde zwecks Reposition

der vorgetretenen Partien, Resektion des Netzes, Ameisennaht; bei

der Naht der Bauchwunde soll abwechselnd das Peritonaeum und die

Bauchmuskulatur mittelst der Seidennähte gefaßt werden). In dem

Abschnitt über das Kolon wird die ~Differentialdiagnose zwischen

Darm- und Nierenkolik~ besprochen. Kolik der linken Seite sei

weniger bedenklich als die der rechten Seite wegen der leichteren

Entleerung der Kotmassen. Klysmen solle man in der Seitenlage nach

rechts applizieren, weil bei dieser Lagerung das Kolon von den

übrigen Eingeweiden nicht gedrückt werden kann, nach dem Einguß

soll sich der Patient zuerst nach links und dann wieder nach rechts

wenden. Das Kapitel, welches die Anatomie des Magens betrifft,

ist mit weitschweifigen scholastischen Erörterungen teleologischer

Richtung (über die Lage, Oeffnungen des Magens u. s. w.) ausgefüllt;

die Magenwand bestehe aus der inneren, tunica nervosa, und der

äußeren, tunica carnosa, die erstere vermittele die Sensibilität, die

letztere bringe die Verwandlung und Verdauung des Inhalts hervor,

wobei ihre Longitudinalfasern zum Anziehen, ihre Transversalfasern

zum Zurückhalten, ihre Latitudinalfasern zur Ausstoßung dienen;

den Pförtner nennt Mondino portanarium vel piluron (pileron). Von

Krankheiten des Magens wird nichts mitgeteilt -- curatio eorum proprie

ex anathomia non dependet multum (nur im Kapitel über das Netz ist

von der aus der Affektion des Magenmundes entstehenden Synkope die

Rede). Der Magen stehe in konsensueller Beziehung zur Leber, zum

Herzen, zum Gehirn. ~Um die Milz zu demonstrieren, müsse man einige

falsche Rippen der linken Seite entfernen~; zur Milz führe eine, von

der Leberpforte kommende, Vene: nam ~si excarnando procedas~ videbis,

quod a vena concava epatis pervenit vena una magna ad splenem.

~Die Leber des Menschen sei größer als die der Tiere, auch stehe

sie in der Leiche höher als im Lebenden~: quia membra spiritualia

(Brustorgane) multum evanuerunt et ideo vacuitatem eorum replet hepar

comprimendo diaphragma. Die „pennulae” des linken Leberlappens,

welche bei vielen Tieren fingerartig den Magen umfassen, seien

beim Menschen nicht immer voneinander getrennt; jeder Leberlappen

werde von den netzartig verflochtenen Blutgefäßen gebildet, die

in den Hohlräumen der Netze befindliche Lebersubstanz entspreche

geronnenem Blute. Ein besonderer Abschnitt ist der Beschreibung der

„~vena cylis~” (chilis) ═ Hohlvene und der „~venae emulgentes~” ═

Nierengefäße eingeräumt, welch letztere die Fortleitung des Chylus

zur Leber und die Harnsekretion vermitteln sollen. Ueber die Gründe

für die Duplizität der Niere und über die Pathologie dieses Organs

handelt Mondino in umständlicher Weise. Die Ureteren senken sich mit

mehreren kleinen Oeffnungen schräg in die Blase. Im Kapitel über die

Gebärmutter wird die Irrlehre von den 7 Kammern des Uterus (drei zu

jeder Seite, die siebente in der Mitte) vorgetragen, das Umherwandern

des Uterus dagegen geleugnet. Die Gebärmutter nehme nicht nur während

der Schwangerschaft, sondern auch zur Zeit der Menstruation an Umfang

zu. Hier findet sich die historisch so bedeutsame Stelle, an der

Mondino die ~im Jahre 1315 vorgenommene Sektion zweier weiblicher

Leichen~ erwähnt, um die verschiedene Größe des jungfräulichen und

nicht jungfräulichen Uterus darzutun: •Et propter istas quatuor causas

mulier, quam anatomizavi anno praeterito, scil. anno Chr. MCCCXV in

mense Januarii, majorem in duplo habuit matricem, quam illa, quam

anatomizavi anno eodem de mense Martii.• Gleich nachher berichtet er

von der hundertmal größeren (13 Ferkelchen enthaltenden) Gebärmutter

einer 1306[32] sezierten trächtigen Sau. Die Vasa spermatica

münden beim Weibe in die Gebärmutter. Uterus und Brüste stehen (wie

besonders an trächtigen Säuen deutlich werde) durch Blutgefäße (Vv.

epigastricae und mammariae) in Verbindung. An die Schilderung der

Hoden und Samenstränge schließen sich Bemerkungen über ~Hernien und

deren Radikalbehandlung~. Die Definition der Hernien, „~aegritudo

didimorum~”, ist folgende: Aegritudo ejus specialis, cujus cognitio

et cura declaratur ex anatomia est ~dilatatio orificii ejus~ praeter

naturam, quae causa est, ut illa quae intra siphac (Bauchfell)

continentur descendat in osceum (Hodensack), et talis descensus

dicitur hernia, et quia id, quod descendere potest, est ventositas,

vel aquositas, vel intestinum, hernia triplex est: ventosa, aquosa

et intestinalis. Im Kapitel über die Anatomie der Blase wird der

~Steinschnitt~ berücksichtigt.

[32] In manchen Ausgaben steht 1316.

~Der zweite Akt der Anatomie betrifft die Brusthöhle und die

Halsorgane~: Brustdrüsen, Brustmuskeln (und einige Rückenmuskeln),

Osteologie und Syndesmologie des Thorax, Pleura, Mediastinum,

Zwerchfell, Herz, Lungen, Halsgefäße (venae quidem), Mandeln, Mund,

Speiseröhre (meri), Luftröhre, Kehldeckel, Zunge. In der Beschreibung

des Brustfelles findet sich ein ausführlicher Exkurs über Pneumonie

und Pleuresis (vera et non vera). Das Mediastinum diene unter anderem

auch dazu, den Uebertritt eines Empyems der einen Brusthälfte in die

andere zu verhüten. Besonders ausführlich ist die Schilderung des

Herzens[33]. An demselben werden 3 Kammern unterschieden: 1. rechte

Kammer mit dreizipfeliger Klappe, Mündung der „vena arterialis”

mit 3 Klappen, 2. linke Kammer mit 3 Klappen an der Mündung der

„arteria adorti” (so genannt, quia immediate a corde orta), Mündung

der „arteria venalis”, 3. mittlere Kammer, bestehend aus mehreren

Höhlen in der Herzscheidewand. Das Lungengewebe setzt sich aus den

Verzweigungen der „arteria venalis”, der „arteria trachea” und der

„vena arterialis” zusammen. Die Uvula diene als Receptaculum für die

aus der Kopfhöhle herabfließenden Superfluitates, ferner zur Abhaltung

der kalten Luft von den Lungen, weshalb vor der Abtragung derselben

in krankhaften Zuständen abgeraten und höchstens die Kauterisation

gestattet wird. Die rückläufigen Aeste des Nervus vagus treten zur

„Epiglottis”, worunter Mundinus den Kehlkopf versteht.

[33] „Partes autem intrinsecae cordis sunt ventriculi cordis, dexter

scilicet, sinister et medius. Scinde igitur cor primum in

dextra parte et incipe a cuspide ejus, sic quod alium parietem

non tangas, sed a latere ventriculi medii dividas, et tunc

occuret tibi statim ventriculus dexter, et videbis in eo duo

orificia, quorum unum est versus epar, et est orificium, per

quod ingreditur vena chilis, et est orificium maximum, quia per

hoc orificium cor trahit sanguinem ab epate et ipsum expellit

ad omnia alia membra. Et quia per istud orificium plus habet

trahere, quum debet expellere, et aperitur, quum cor dilatatur.

Et habet tria ostiola, quae aperiuntur ab extra ad intra,

quia per idem orificium fit etiam expulsio sanguinis perfecta

decocti. Et licet non totus expellatur, quoniam aliqua portio

ejus expellitur ad pulmonem, alia pars ejus transit in septum,

ordinavit natura, ne illa hostiola essent multum depressa, et

ut perfecta clausione non claudantur. Nota tamen duo. Primo

quod sensus tibi declarat, quod vena chilis originem suam habet

a corde, quia cum substantia cordis est continua, et ipsum non

pertransit. Et est maxima juxta cor, sicut stirpes arboris.

Et secundo adverte, quod ab ista vena, antequam concavitatem

cordis ingrediatur, oritur vena, quae circumcirca radicem cordis

circulatur, et ab ea oriuntur rami dispersi per substantiam

cordis. Et ex hac vena nutritur cor, i. e. ex sanguine hujus

venae. -- Postea vero versus pulmonem est aliud orificium venae

arterialis, quae portat sanguinem ad pulmonem a corde. Quia, cum

pulmo deserviat cordi secundum modum dictum, ut ei recompenset,

cor ei transmittit sanguinem per hanc venam, quae vocatur vena

arterialis, quia habet duas tunicas. Et habuit duas tunicas,

primo quia vadit ad membrum, quod existit in continuo motu, et

secundo, quod portat sanguinem valde subtilem et colericum. Ut

igitur non evaporet et ut non scindatur haec vena, ipsa habet

duas tunicas, quare eam dicimus vena arterialis. Et in orificio

isto vel istius venae sunt tria hostiola, quae aperiuntur

ab intra ad extra, et clauduntur ab extra ad intra perfecta

clausione. Quia per hoc orificium cor tantum debet expellere

a se hora constrictionis, et non debet retrahere aliquid hora

dilatationis. -- Hoc viso scinde ventriculum sinistrum, ita

quod in medio remaneat paries, in qua est ventriculus medius,

et tunc statim tibi apparebit concavitas ventriculi sinistri,

cujus paries est densior et spissior pariete ventriculi dextri.

Et hoc fecit natura propter tria. Primo quod hic ventriculus

debet continere spiritum, dexter vero sanguinem; sanguis autem

gravior est spiritu, propter quod ratione contentorum plus

aggravaretur pars dextra quam sinistra, et ideo cor non fuisset

aequalis staturae. Ut illa esset aequalis ponderis, fecit

parietem sinistrum crassiorem, ut recompensaret sua gravitate

gravitati sanguinis. Alia causa est, quod debet continere

spiritum, qui facile est resolubilis. Ut igitur non resolvatur

paries fuit spissus. Tertia causa est, quod hic ventriculus

generare debet spiritum ex sanguine. Spiritus autem generatur

ex sanguine a forti caliditate subtiliante et evaporante.

Fortior autem est caliditas, quoniam est in materia et subjecto

densiori, quare paries hujus ventriculi fuit spissus et densus.

In concavitate autem ejus circa radicem sunt duo orificia.

Unum est orificium arteriae adorti, quae dicitur adorti, quia

immediate a corde orta, vel quia est principium originis omnium

arteriarum, quae sunt in corpore. Et per istam transmittit

cor spiritum supra sanguinem, qui in ipso generatur, ad omnia

membra, cum constringitur. Et propterea ordinavit natura in

principio istius orificii tria hostiola, densa valde, quae

perfecta clausione clauduntur ab extra ad intra; et aperiuntur

ab intra ad extra; et orificium hoc est valde profundum. Aliud

est orificium arteriae venalis, quae tantum habet unam tunicam,

quia natura non fuit multum sollicita de custodia ejus, quod

per ipsam transit, quod est vapor caprinosus, vel aër, quem

attrahit cor a pulmone. Et quia per istam venam cor attrahit et

expellit, natura in hoc orificio posuit tantum duo hostiola,

quae perfecta clausione non clauduntur. Et sunt hostiola illa

multum elevata, ut appodientur [i. e. nitantur] parieti cordis,

cum expellit et transmittit spiritum, ne per ipsum spiritus

expellatur. -- Et ista sunt mirabilia opera naturae, sicut

mirabile opus est ventriculi medii. Nam iste ventriculus non

est una concavitas, sed est plures concavitates parvae, latae

magis in parte dextra, quam in sinistra, ad hoc, ut sanguis,

qui vadit ad ventriculum sinistrum a dextro, cum debent fieri

spiritus, continue subtilietur, quia subtiliatio ejus est

praeparatio ad generationem spiritus. Et natura transmittendo

aliquid per membra vel viam aliquam nunquam transmittit illud

otiose, sed praeparando illud ad formam, quam debet suscipere.”

~Der dritte Akt der Anatomie betrifft die Schädelhöhle.~ Die

einschlägigen Schilderungen sind flüchtig und voll von den Fehlern der

Alten (z. B. rete mirabile, 7 Gehirnnervenpaare etc.). Am Auge werden

7 Häute (cornea, conjunctiva, sclirotica, uvea, secundina, aranea,

retina) und 3 humores (vitreus, crystallinus, aqueus) unterschieden.

In dem Kapitel über die Ohranatomie sagt Mundinus, daß sich die

Details des Felsenbeins besser zur Anschauung bringen ließen, wenn

man die Knochen auskochen dürfte -- eine Prozedur, die aber wegen

ihrer Sündhaftigkeit unterlassen werden müßte: ossa autem alia, quae

sunt infra basilare, non bene ad sensum apparent, nisi ossa illa

decocquantur, sed propter peccatum dimittere consuevi (vgl. S. 432).

Den Schluß des Werkes bildet die Beschreibung der Wirbelsäule und der

Extremitäten, wobei die eigenartige Terminologie auffällt[34]. Ueber

das Muskelsystem sowie über die peripheren Nerven und Gefäße findet

sich nichts.

[34] Adjutorium ═ humerus, subasella ═ axilla, pars doinestica ═

Beugeseite, pars silvestris ═ Streckseite, spatula ═ scapula,

furcula ═ clavicula, focile superius ═ radius antibrachii,

focile inferius ═ ulna bezw. tibia und fibula, rasceta ═ carpus,

pecten ═ metacarpus, pixis ═ Gelenkpfanne, vertebrum ═ caput

femoris etc.

Außer seiner berühmten Anatomie verfaßte Mundinus noch einige andere

Schriften (z. B. Consilia medicinalia ad varios morbos, Tractatus

de pulsibus), manche dürften ihm auch bloß fälschlich zugeschrieben

worden sein.

Mondinos grundlegende Schrift ist im Anblick der eröffneten

menschlichen Leiche[35] verfaßt, sie besitzt den großen Vorzug,

den Leser an der Hand der anatomischen Präparation in die Lehre

vom Körperbau einzuführen -- ~si excarnando procedas~ lautet die

charakteristische Ausdrucksweise des Autors -- aber der Inhalt

beweist nur zu deutlich, wie wenig der Wissenschaft auch das beste

Werkzeug nützt, wenn es nicht im Geiste der freien Forschung verwendet

wird. Denn Mondinos Anatomia verläßt nirgends die herkömmliche

Ueberlieferung, sie enthält lediglich den Stoff, der aus den Arabern

und gewissen pseudogalenischen Machwerken[36] zu schöpfen war, ohne

die geringste neue Beobachtung, ohne die leiseste Berichtigung der

eingewurzelten Irrtümer. Was der Bolognese am Leichentisch vorträgt

-- in arabistischer Nomenklatur, in abgeschmackter teleologischer

Verbrämung, unter Hinzufügung chirurgisch-pathologischer Bemerkungen

-- ist die alte fiktive Anatomie, die er auch nicht einen Augenblick

anzweifelt oder kritisch nachprüft, wie dies z. B. die Angaben über

den vermeintlichen dritten Herzventrikel[37], über die sieben Zellen

der Gebärmutter kraß genug bezeugen. Das tote Buchwissen ad oculos zu

demonstrieren, so gut es eben ging, den Arzt in groben Zügen mit den

„Orten der Disposition” vertraut zu machen, bildete sein Ziel, während

ihm der eigentliche Wert der unbefangenen anatomischen Untersuchung

als Schlüssel zu neuen fundamentalen Erkenntnissen noch verborgen

blieb. So wurde denn selbst die Zergliederungskunst, die wahrlich zum

Sinnesgebrauch gebieterisch aufzufordern scheint, einstweilen nur eine

neue Domäne jener übermächtigen Suggestion, welche die Tradition zum

unantastbaren Tabu gemacht hatte.

[35] Es ist höchst wahrscheinlich, daß Mondino nicht mit eigener Hand

das Messer geführt hat, sondern daß ein Dissektor (vgl. S. 433)

nach seinen Angaben die Leicheneröffnung vornahm. Der Ausdruck

anatomizavi bedeutet bei den mittelalterlichen Anatomen fast

nie anderes als: ich gebot zu zergliedern oder ich war bei der

Zergliederung anwesend.

[36] Am häufigsten beruft sich Mondino auf die Schrift ~de

juvamentis membrorum~, einen unvollständigen, aus dem Arabischen

übersetzten Auszug aus Galens de usu partium.

[37] Dieser Irrtum geht auf Aristoteles zurück und findet sich in

der pseudogalenischen Schrift de anatom. vivorum.

Die medizinische Forschung als solche zog aus den Sektionen noch

keinen nennenswerten Nutzen, und für lange Zeit bestand die einzige

Nachwirkung von Mondinos Tätigkeit fast nur darin, daß gelegentliche

Demonstrationen an menschlichen Kadavern -- soweit es die obwaltenden

Hindernisse zuließen[38] -- in den Lehrplan der Hochschulen, freilich

zunächst nur als ~Ornament~, eingefügt wurden. Vor allem in Bologna,

wo ~Bertuccio~ das von Mondino Begonnene eifrigst fortsetzte und

keinen Geringeren als Guy de Chauliac zum Schüler hatte[39]. ~Bologna~

folgten ~Padua~ und andere italienische Schulen noch im Verlaufe des

14. Jahrhunderts[40]. Seit dem letzten Drittel desselben fanden auch

in ~Montpellier~ Leichenzergliederungen zu Unterrichtszwecken[41]

statt, während für ~Paris~ noch geraume Zeit hindurch die Nachrichten

fehlen[42]. Auf deutschem Boden war ~Wien~[43] zuerst der Schauplatz

einer öffentlichen Anatomie, die der aus Padua berufene Professor

Galeazzo de St. Sophia (1404) daselbst vornahm.

[38] Trotzdem für den Betrieb der Schulanatomie prinzipiell von

den Behörden Verbrecherleichen bewilligt wurden, herrschte

doch infolge vielfacher erschwerender Einzelbestimmungen ein

steter Mangel an Material, so daß stellvertretend bis ins 16.

Jahrhundert zur ~Zergliederung von Schweinen~ Zuflucht genommen

werden mußte, ein Untersuchungsobjekt, gegen welches damals

übrigens keine theoretischen Bedenken bestanden. Hie und da

suchte man durch das verwerfliche Mittel des Leichenraubes dem

Mangel an Material abzuhelfen; so sollen nach erhaltenen Akten

schon im Jahre 1319 Schüler des Albertus Bononiensis die Leiche

eines Gehenkten ausgegraben und im Hörsaal des Magisters seziert

haben.

[39] Bertuccio absolvierte die Schulsektion in 4 Vorlesungen und zwar

in folgender Reihe: 1. Baucheingeweide, 2. Brustorgane, 3. Kopf,

4. die Gliedmaßen und besprach dabei wie Mondino an jedem Objekt

im Anschluß an die Kategorien des Aristoteles neun Punkte:

positio, substantia, complexio, quantitas, numerus, figura,

colligatio, actio et utilitas, aegritudines. Dies berichtet

Guy de Chauliac, der in seiner Anatomie (═ Traktat I seiner

Chirurgie) von ihm sagt: et ipsam (sc. anatomiam) administravit

~multoties~ magister meus Bertrucius. Das beliebte Lehrbuch des

Bertrucius „Collectorium” enthält nur ein anatomisches Kapitel

mit einer Beschreibung des Gehirns.

[40] Nach späterer Bezeichnung muß übrigens zwischen einer ~Anatomia

publica~, d. h. einer öffentlichen, dem allgemeinen Unterricht

zu gute kommenden Zergliederung und einer ~Anatomia privata~, d.

h. einer im Interesse einzelner Aerzte oder Studierender oder

zu gerichtlichen Zwecken vorgenommenen Sektion unterschieden

werden. Für die Schulanatomie geben die Statuten der Hochschulen

den Anhaltspunkt. In ~Padua~ fand nachweislich im Jahre 1341

eine Zergliederung statt (Gentilis da Foligno), in ~Venedig~

wurde 1368 bestimmt, daß alljährlich vor den Medici phisici et

cirurgici eine menschliche Leiche zergliedert werden soll und

1370 entschieden, daß Aerzte und Chirurgen gemeinschaftlich

die Kosten zu tragen hätten, für ~Florenz~ liegt 1388 eine

Bestimmung über Leichenlieferung vor, und in dieses Jahr dürfte

eine von Nicolaus Florentinus erwähnte Sektion fallen.

[41] Dort vertrat die Anatomie des Guy de Chauliac die Stelle von

Mondinos Kompendium. Wohl schreiben schon die angeblich 1340

verfaßten Statuten Bedachtnahme auf Autopsien vor, doch stammt

das erste Privilegium für solche aus dem Jahre 1376 oder 1377.

[42] Bei den Chirurgen fanden allerdings jährlich vier

Zergliederungen statt, Angaben über die von der medizinischen

Fakultät veranstalteten Sektionen finden sich aber nicht vor der

zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. -- Was Spanien anlangt, so

erteilte Juan I. von Aragonien 1391 der Universität ~Lérida~

das Privileg, alle 3 Jahre eine Verbrecherleiche zergliedern

zu dürfen.

[43] Die Universität Wien wurde ~1365~ gegründet, 1384 reorganisiert.

Die einzelnen Fakultäten erhielten 1389 ihre Statuten, aber erst

seit 1399 fließen Nachrichten über die dortige medizinische

Schule reichlicher (durch die am 6. Mai dieses Jahres

begonnenen Acta facultatis). Zwar kamen die ältesten der in

den Fakultätsakten verzeichneten Doktoren aus Paris -- dessen

Hochschule in ihren Einrichtungen für die Wiener maßgebend

wurde --, doch für die Medizin erwies sich nur der ~Einfluß

Italiens~ als tiefgreifend und dauernd.

Es soll nicht geleugnet werden, daß man gelegentlich die

Krankheitserkenntnis auf anatomischem Wege zu erweitern trachtete

oder daß man zufälligen Leichenbefunden Aufmerksamkeit schenkte, von

einem Einfluß der Anatomie auf die Pathologie kann aber noch keine

Rede sein. Historisch interessant sind immerhin folgende Tatsachen.

In ~Siena~ fanden im Jahre 1348 amtliche pathologisch-anatomische

Obduktionen statt; den Aerzten des Hospitals de Ntra. Sra. de

Guadalupe zu ~Extremadura~ (gegr. 1322) wurde die Erlaubnis zu

Leichensektionen zwecks Ermittlung der Todesursache erteilt. Gentile

da Foligna fand 1341 bei einer Sektion einen Gallenstein, Joh. de

Tornamira bei einer Einbalsamierung Blasensteine.

Wenn schon der praktische Betrieb der Anatomie -- in der Art

Mondinos und seiner Nachfolger -- den Arabismus nicht im geringsten

erschütterte, kann es gewiß nicht verwundern, daß auch jenes

literarische Ereignis noch wirkungslos blieb, welches in retrospektiver

Betrachtung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung gewinnt -- die

von ~Nicolo Regino~ unternommene ~Uebersetzung galenischer Schriften

direkt aus dem griechischen Original~.

Auf die Uebersetzungen, welche schon im 12. Jahrhundert Burgundio

von Pisa aus dem Griechischen unternommen hat, ist früher hingewiesen

worden. Der Kalabrese ~Nicolaus von Reggio~ (de Regio, Rheginus, um

1317-1345), Verfasser einer Schrift de anatomia oculi, ein gründlicher

Kenner des Griechischen, übertrug das Δυναμερὸν des Nicolaus Myrepsos

und einen großen Teil der Schriften Galens, darunter das so wichtige

anatomisch-physiologische Werk ~de usu partium~. Nicolaus arbeitete

unter der Gunst des wissens- und gelehrtenfreundlichen Königs Robert

von Sizilien, welcher die Originale von dem byzantinischen Kaiser

Andronikos eigens erbeten hatte. Guy de Chauliac, der die neue,

korrekte Galenübersetzung bereits benutzen konnte -- ein Exemplar

war an den päpstlichen Hof nach Avignon gesendet worden -- sagt: „in

hoc tempore in Calabria magister Nicolaus de Regio, in lingua graeca

perfectissimus, libros Galeni translatavit et eos nobis in curia

transmisit, qui altioris et perfectioris styli videntur quam translati

de arabica lingua” (Chirurgia, Capit. singulare). Gerade aber bei Guy

de Chauliac zeigt sich deutlich, daß man den Wert der reinen Quelle

noch nicht voll zu würdigen wußte und die pseudogalenischen Machwerke

noch immer auf eine Stufe mit den echten Schriften Galens stellte.

~Man führte wohl Galen stets im Munde, tatsächlich war es aber

der Arabismus, der unter dem Banner des Pergameners die Herrschaft

innehatte.~

Vom Geiste des Avicenna, des Rhazes und Ali Abbas, des Mesuë u. s. w.

ist die medizinische Literatur auch noch während des größten Teiles des

15. Jahrhunderts erfüllt, ja das Ansehen, zu dem die vorausgegangenen

abendländischen Autoren -- also die Schüler der Araber -- durch den

straffer organisierten Universitätsunterricht inzwischen gekommen

waren, verstärkte sogar den Doktrinarismus in ganz erheblicher Weise.

Die Tendenz, das Gegebene in scholastischer Art zu interpretieren,

den für gänzlich abgeschlossen gehaltenen Wissensstoff immer

~kompendiöser~ für didaktische Zwecke abzurunden, blieb vorherrschend,

und bloß hie und da vernimmt man bei den Besten, gedämpft, die Stimme

eigener Beobachtung, selbständiger Erfahrung -- ein Säuseln im dürren

Blätterwalde, das dem geübten Ohre den nahenden Sturm der geistigen

Umwälzung freilich schon ankündigt.

Unter der täuschenden Oberfläche völliger Gleichartigkeit bergen sich

gewisse Nüancen der Hauptschulen, zu deren schärferen Kennzeichnung

das bisher nur unvollkommen erschlossene und mangelhaft untersuchte

literarische Material freilich nur wenig Handhaben bietet.

~Montpelliers~ freiere, praktische Richtung vertritt der Portugiese

~Valesco de Taranta~, dessen ~Philonium~ s. Practica medica das

Gesamtgebiet der Medizin (einschließlich der Chirurgie) in klarer und

für Lehrzwecke erschöpfender Weise behandelt, das Tatsächliche in den

Vordergrund rückt und trotz des vorwiegend kompilatorischen Charakters

den Sinn für Krankheitsbeobachtungen sowie manche therapeutische

Neuerungen erkennen läßt. Mit dem Introduktorium des Joh. de Tornamira

trug dieses Kompendium den Ruhm der alten Schule in die Ferne und

erfreute sich bis ins 17. Jahrhundert größter Wertschätzung.

~Paris~ fand den hervorragendsten Repräsentanten in ~Jacques Despars~

(Jacobus de Partibus), der seine gründliche Kenntnis ~Avicennas~ als

Lehrer und Schriftsteller zu verbreiten bestrebt war. Die Kommentare

dieses, auch um die äußere Entwicklung der Pariser medizinischen

Fakultät verdienten Mannes sind mit denjenigen der Italiener in eine

Linie zu stellen.

Was ~die italienischen Schulen~, die in regem Wechselverkehr standen

und dadurch eine geistige Einheit bildeten, anbetrifft, so sind ihre

vornehmsten Vertreter in toto Arabisten strengster Observanz zu nennen,

jedoch bieten sie insofern gewisse Unterschiede dar, als einige unter

ihnen sich noch gänzlich dialektischen Erörterungen hingeben, andere

dagegen dem ~speziellen Krankheitsfall~ erhöhte Aufmerksamkeit schenken

und durch Anwandlungen nüchternen klinischen, ja sogar beginnenden

anatomischen Denkens überraschen.

Bezüglich des praktischen Betriebes der Anatomie in Italien

wäre folgendes anzuführen. Die Universitätsstatuten von ~Bologna~

vom Jahre 1405 (Zusatz 1442) bestimmten, daß jährlich zwei

Leichenzergliederungen stattfinden sollten. In ~Padua~, wo die

~anatomische Tätigkeit am regsten~ war, wurde 1446 ein ~anatomisches

Theater~ errichtet; die Regelung der Verhältnisse, wonach jährlich

zwei Leichen womöglich verschiedenen Geschlechtes zu zergliedern

seien, bewirkten aber erst die Statuten der Artisten vom Jahre

1495. Durch urkundliche Daten ist ferner auch für ~Siena~,

~Ferrara~, ~Perugia~ und ~Pavia~ die gelegentliche Ausführung von

Leichensektionen erwiesen.

In der Literatur nehmen charakteristischer Weise die kasuistischen

Sammelschriften (~Consilia~) mit ihrem reichen Material von

Beobachtungen die erste Stelle ein; doch enthalten auch manche der

damals verfaßten ~Kompendien~, ja sogar einzelne ~Kommentare~ eigene

Erfahrungen. Es würde zu weit führen, wollte man hier auf die, für

die Geschichte mancher Spezialzweige interessanten Details eingehen,

es kann bloß auf die wichtigsten Autoren hingewiesen werden.

Die Mehrzahl derselben gehörte durch ihre Lehrtätigkeit vorwiegend oder

wenigstens vorübergehend der kräftig aufblühenden Schule von ~Padua~

an, so der glänzende Dialektiker ~Ugo Benzi~ (~Hugo Senensis~)[44]

und Ant. ~Cermisone~, welche sehr geschätzte Consilia hinterließen,

die Kommentatoren Giov. ~Arcolano~ und Christoforo ~Barziza~, ferner

die beiden großen, wirklich fortschrittlich denkenden Praktiker Giov.

Michele ~Savonarola~ und Bartolomeo ~Montagnana~.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 62 / 76 段