Jahrhunderts in Caulhac, einem Dorfe (in der Diözese Mende) an
der Grenze der Auvergne, geboren, wurde frühzeitig zum Kleriker
bestimmt und studierte zunächst in Toulouse, später in Montpellier,
wo Raymundus de Moleriis einer seiner Lehrer war. Weitere Ausbildung
erlangte er in Bologna und Paris. Ob er dort oder in Montpellier
zum Lizentiaten und Magister promoviert wurde, ist unbekannt, ebenso
wissen wir nicht, wo er seine erste ärztliche Tätigkeit ausübte (et
per multa tempora operatus fui in multis locis), nur ein längerer
Aufenthalt in Lyon ist durch eine autobiographische Mitteilung
sichergestellt. Den größten Teil seines Lebens verbrachte ~Guy de
Chauliac~ jedenfalls in ~Avignon~ (wo er 1348 auch die Schrecknisse
des schwarzen Todes mitmachte) im Dienste dreier Päpste, Clemens VI.,
Innocenz VI. und Urban V., nach eigener Bezeichnung als „medicus et
capellanus commensalis”. Urkundlich ist er 1344 als Kanonikus des
Kapitels von St. Just in Lyon, 1353 als Kanonikus (mit einer Präbende)
bei der Kirche in Reims erwiesen. Zu Petrarca, der bis 1353 in Avignon
gelebt hatte, stand er durchaus nicht, wie irrtümlich gesagt worden
ist, in feindlichem Verhältnisse, und dessen Invektiven gegen „einen
zahnlosen, aus dem Gebirge stammenden Greis” bezogen sich auf einen
Kollegen am päpstlichen Hofe, auf den Physikus Jean d'Alais. Sein
Hauptwerk über Chirurgie (verfaßt, wie er selbst sagt, ad solatium
senectutis) gab Guy 1363 heraus. Sein Tod dürfte um 1368 anzusetzen
sein.
~Henri de Mondeville~, der sich gleichwertig den großen Chirurgen
des 13. Jahrhunderts anreiht und insbesondere auf den Anschauungen
des Theoderich und Lanfranchi weiterbaute, hat ein unbeendigtes
Lehrbuch hinterlassen, welches sich zwar streng an die scholastische
Form hält[23], in seinem Inhalt aber den zur nüchternen Beobachtung
neigenden, vorwiegend auf Grund eigener Nachprüfung urteilenden
Praktiker verrät. Große Neuerungen pathologischer oder therapeutischer
Art, schöpferische Ideen darf man freilich in dem stets auf die
Autoritäten zurückgreifenden, von Gelehrsamkeit und Belesenheit
strotzenden Werke nicht suchen, wohl aber stößt man darin auf eine
gewisse Selbständigkeit, die sich in der Auswahl der maßgebenden
Lehrmeinungen, in der chirurgischen Methodik und Technik, in der
diätetisch-pharmakotherapeutischen Verordnungsweise äußert. Henri
ist ein entschiedener Anhänger der eiterungslosen Wundbehandlung,
er schlägt bei Schädelverletzungen ein mehr exspektatives Verfahren
ein, ohne in Operationsscheu zu verfallen, er wendet sich gegen
die schablonenhafte Diätbeschränkung Verwundeter u. s. w. Mit dem
rationellen Standpunkt in Wissenschaft und Praxis verbindet sich
bei ihm eine humane, von Aberglauben fast freie Gesinnung, ein edler
Berufseifer, eine anerkennenswerte didaktische Geschicklichkeit[24].
Trotz aller Verehrung der Alten glaubte er zuversichtlich an die
Möglichkeit weiterer Fortschritte und suchte sein Bestes dazu
beizutragen.
[23] Der „per notabilia”, d. h. in einzelnen Lehrsätzen abgefaßte
„nudus tractatus” ist mit zahlreichen kommentierenden
„declarationes praeambulae”, „declarationes interlineares”,
„declarationes obscurorum et obscura tangentium” förmlich
umrankt. Die Darstellung ist für den modernen Leser zwar etwas
weitschweifig und stellenweise durch Wiederholungen ermüdend,
im Ganzen aber leidet die Uebersichtlichkeit keine Einbuße.
[24] Mit besonderer Sorgfalt ist in dem Werke die chirurgische
~Methodologie~ und ~Deontologie~ ausgearbeitet, wobei
kulturhistorische, höchst interessante Streiflichter auf
die ärztlichen Unterrichts- und Standesverhältnisse, auf das
Kurpfuschertum etc. geworfen werden.
Henris Chirurgie, die infolge des frühzeitigen Todes ihres Verfassers
ein Fragment geblieben war, mußte wegen ihrer Unvollständigkeit aus
dem allgemeinen Gebrauch schwinden[25], als einige Dezennien nachher
ein neues Werk ans Licht trat, welches zwar qualitativ gewiß nicht
höher steht, aber den Vorzug besitzt, den Gegenstand in seiner Gänze,
lückenlos und unter Benützung der gesamten vorausgegangenen Literatur,
zu behandeln. Dieses Werk ist das ~Inventarium s. Collectorium artis
chirurgicalis medicinae~[26] oder, wie es nach späterer Bezeichnung
genannt wird, die ~Chirurgia magna~ des ~Guy de Chauliac~.
[25] Darauf ist es zurückzuführen, daß die Cyrurgia des Henri de
Mondeville der jungen Druckerpresse nicht zur Veröffentlichung
übergeben wurde.
[26] „Inventarium et collectaneum in parte chirurgica medicinae.”
Der Umstand, daß Guy de Chauliac durch seine wirklich erschöpfende,
leicht übersichtliche, von kritischem Geiste erfüllte Bearbeitung des
bisher aufgehäuften chirurgischen Wissensmaterials den Bedürfnissen
der Zeitgenossen und der folgenden Generationen wie kein anderer
entsprochen hat, bewirkte es, daß sein Lehrbuch als klassisches, als
„Guidon” der Wundheilkunde selbst noch über das 16. Jahrhundert hinaus,
nicht bloß in Frankreich, sondern zum Teil auch in den übrigen Ländern
höchste Geltung bewahrte. Auch heute noch erweckt das Studium dieses
Werkes den Eindruck eines ungewöhnlich belesenen Autors[27], eines
besonnenen und gewandten Operateurs, eines in beiden Zweigen[28] der
Heilkunde gründlichst ausgebildeten, vielerfahrenen Arztes, eines
Menschen von lauterster Gesinnung, der begeistert für seine Kunst an
deren Jünger die höchsten intellektuellen und moralischen Anforderungen
stellte. Aber als Hauptrepräsentant der mittelalterlichen Chirurgie
kann er nur insofern angesprochen werden, als er dieselbe durch
Zusammenfassung und subjektive Ueberwindung ihrer Gegensätzlichkeiten
zum endlichen Abschluß brachte. Seine großen Vorgänger, aus denen
er reichlich zu schöpfen in der Lage war, Saliceto und Theoderich,
Lanfranchi und Henri de Mondeville, überragte Guy weder an Ideen noch
an neuen Erfindungen, nicht einmal durch den Umfang der Erfahrung; in
gewissen fundamentalen Fragen, z. B. hinsichtlich der eiterungslosen
Wundbehandlung, nimmt er sogar einen rückschrittlichen Standpunkt ein.
Ebenso wie die Früheren -- denen er nachsagt „sequuntur se sicut grues”
--, ist auch er noch ganz im Autoritätsglauben verstrickt und in den
herkömmlichen pathogenetischen Anschauungen befangen, ja der Astrologie
und manchem therapeutischen Wahn huldigt er in auffallend hohem Grade.
Bescheidenerweise bezeichnete Guy übrigens selbst sein Werk als das,
was es ist, als eine mit eigenen Zutaten versehene Kompilation, doch
waren die ~didaktischen Nachwirkungen~ derselben bedeutend genug, um
ihrem Urheber eine eminente historische Stellung zu sichern. Diese
besteht darin, daß Guy de Chauliac durch seine vortreffliche Leistung
~den Grundstein zur Suprematie der französischen Chirurgie~ gelegt hat.
[27] Von den Alten kommen nicht nur Hippokrates und Galen, sondern
auch der bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts sonst unbenützte
~Paul von Aegina~ in Betracht.
[28] Guy de Chauliac deutet seine Tendenz zur Wiedervereinigung der
internen Medizin mit der Chirurgie schon im (ursprünglichen)
Titel des Werkes an.
Der in Paris und Montpellier erfreulich aufblühende Unterricht in der
Chirurgie übte alsbald auch auf die Wundheilkunde und Operationskunst
der Nachbarländer den günstigsten Einfluß aus. Davon zeugen namentlich
die durch Literaturkenntnis, Reichtum an Beobachtungen und manche
technischen Fortschritte ausgezeichneten Schriften des Flamänders
~Jehan Yperman~ und des Engländers ~John Arderne~.
~Jehan Yperman~ aus Ypern († nach 1329) erlangte zu Ende des 13.
Jahrhunderts in Paris unter Leitung Lanfranchis seine Ausbildung. Nach
Beendigung seiner Studien ließ er sich (1303 oder 1304) in seiner
Heimat, in der Nähe von Ypern nieder, wurde noch in demselben Jahre
Hospitalarzt in Belle und praktizierte sodann seit 1318 in seiner
Vaterstadt. Er erwarb sich durch seine Tüchtigkeit einen solchen
Ruf, daß sein Name, im Volksmunde fortklingend, noch heute in seinem
Heimatlande generell als Attribut für einen geschickten Wundarzt
gebraucht wird. Seine Werke sind in vlämischer Sprache abgefaßt
und beziehen sich sowohl auf die Chirurgie als auch auf die innere
Medizin.
~John Arderne~, der chirurgicus inter medicos, wie er sich
selbst bezeichnet, wurde 1307 geboren. Er erhielt seine Ausbildung
wahrscheinlich in Montpellier. Im Jahre 1346 begleitete er die
englische Armee nach Frankreich als „Sergeant-surgion” und nahm an
der Schlacht bei Crécy (1346) teil. Von 1349-1370 wirkte er als
Arzt in Wiltshire und Newark, von wo er schließlich nach London
übersiedelte, nachdem ihm schon ein bedeutender Ruf vorangegangen war;
dort praktizierte er bis 1399. Seine Practica ist noch zum größten
Teile ungedruckt, ihr in mehrfacher Hinsicht höchst interessanter
Inhalt betrifft hauptsächlich die Chirurgie, in geringerem Ausmaße
die interne Medizin.
Schon ein flüchtiger Rundblick lehrt, daß innerhalb des
scholastisch-arabistischen Dunstkreises die führenden Chirurgen noch
am meisten geistige Regsamkeit, unverdorbene Sinnesfrische besaßen, und
die beklagenswerte, insbesondere von der Pariser medizinischen Fakultät
propagierte, Trennung der inneren Medizin von der Wundheilkunde
gereichte gewiß der ersteren zu größerem Schaden als der letzteren.
Wie es vorzugsweise der kräftigen Initiative der Chirurgen zu danken
war, daß der ~Anatomie~, entsprechend den wachsenden Bedürfnissen der
Praxis, immer größere Aufmerksamkeit zugewendet wurde (Wilhelm von
Saliceto, Lanfranchi, Henri de Mondeville), so ist es vorerst auch
allein die Wundheilkunde gewesen, welche aus dem wieder beginnenden
~Studium an menschlichen Leichen~ einigen Nutzen zu ziehen verstand.
Ueber die Pflege des anatomischen Studiums in ~Salerno~ und
~Bologna~ vgl. das in den früheren Kapiteln darüber Gesagte. Ergänzend
sei nur darauf hingewiesen, daß gerade der Arabismus anregend wirkte,
und daß sich hinsichtlich der theoretischen Grundlagen zwei Phasen
unterscheiden lassen, von denen die erste durch den Einfluß der
Schriften des Constantinus Africanus (namentlich Liber Pantegni
═ lib. regalis des Ali Abbas), die zweite durch den Einfluß der
lateinischen Uebersetzung des •Avicenna• charakterisiert wird. ~In
Salerno wie in Bologna waren besonders die Chirurgen am Aufschwung
des anatomischen Unterrichts interessiert~ und, wie erwähnt, hatte
~Wilhelm von Saliceto~ den ersten Versuch unternommen, in einem
Lehrbuch die Ergebnisse der Anatomie auf die Chirurgie anzuwenden,
wobei Avicenna die Hauptquelle seiner Kenntnisse bildet. Im Zeichen
Avicennas steht auch die Anatomie des Ricardus Anglicus, eine
Schrift, die als ältestes Beweisstück des anatomischen Unterrichts
an der Schule von ~Paris~ anzusehen ist. Was ~Montpellier~ anlangt,
so scheint zu einer regeren Entfaltung des anatomischen Studiums
erst ~Lanfranchi~ den Anstoß gegeben zu haben. Im Jahre 1304 hielt
dort „ad instantiam quorundam venerabilium scolarium medicine”
der treffliche Chirurg ~Henri de Mondeville~ hauptsächlich aus
Avicenna geschöpfte anatomische Vorträge und führte dabei als
Erster den ~Anschauungsunterricht~ in den Lehrgang ein, indem er zu
Demonstrationszwecken ein ~Schädelmodell~ und ~13 anatomische Tafeln~
verwendete, von denen leider bloß die Beschreibung erhalten ist[29].
Die anatomischen Vorträge füllen erweitert und verändert den ersten
Traktat seiner Chirurgie. An Henri de Mondeville lehnen sich in der
Anordnung und im Ausdruck die drei anatomischen Abschnitte einer
englischen Handschrift eines Ungenannten aus dem Jahre 1392 an (vgl.
Payne, On an unpublished engl. anatomic treatise of the 14. cent.,
Brit. med. Journ. 1896).
[29] In dem anatomischen Lehrvortrag Henris (herausgegeben von Pagel,
Die Anatomie des H. v. M., Berlin 1889) heißt es: Quicunque
vult anathomiam capitis ostendere intus vel extra, subtiliter
et perfecte, ipse debet habere craneum artificiale, aperibile
formatum, per veras commissuras divisum in quatuor partes,
quod, cum anathomiam extrinsecam ostenderit, aperire possit,
ut sensibiliter anathomia panniculorum et cerebri videatur.
Debet autem dictum craneum exterius esse munitum aliquibus,
quae capillorum et cutis et carnis lacertosae et panniculi
ossa ligantis vices gerant. Debet similiter interius aliquid
esse fictum, quod sensibiliter formam panniculorum et cerebri
repraesentat (l. c. p. 26). Die anatomischen Unterrichtstafeln
des Henri de Mondeville erregten in hohem Grade Aufsehen
bei den Zeitgenossen und auch Spätere (Guy de Chauliac,
Tract. I, Doctr. I, cap. 1) bringen davon Kunde. Bei dieser
Gelegenheit muß aber bemerkt werden, daß diese ~anatomischen
Abbildungen~ zwar teilweise eine gewisse Originalität besaßen,
aber keineswegs ein Unikum im Mittelalter darstellen, denn
Handschriften aus früherer Zeit beweisen die Existenz einer
~anatomischen Graphik~, deren ziemlich ~starren Typen~ und
einander ~sehr ähnlichen Erklärungstexte~ in letzter Linie
wohl aus alexandrinischer, auf mancherlei Wegen ins Abendland
gelangter, Ueberlieferung stammen. Vgl. Sudhoff, Studien zur
Geschichte der Medizin, Heft 1, Tradition und Naturbeobachtung
(Leipzig 1907) und Heft 4, Ein Beitrag zur Geschichte der
Anatomie im Mittelalter (Leipzig 1908). In Betracht kommen
unter anderem zwei Münchner Handschriften (Cod. lat. 13002,
geschrieben 1158 im Kloster Prüfling bei Regensburg, mit 5
Bildern, den Lauf der Arterien und Venen, den Knochenbau,
das Muskel- und Nervensystem darstellend -- Cod. lat. 17403,
im Kloster Scheyern 1250 hergestellt, ebenfalls mit 5 ganz
ähnlichen Zeichnungen), eine Handschrift der Bodleiana zu Oxford
(Ashmolean Manuscr. Nr. 339 mit 5 den Prüfening-Scheyernschen
Bildern völlig gleichenden anatomischen Zeichnungen), ein
provenzalischer anatomischer Traktat aus dem 13. Jahrhundert
(Basler Univ. Bibl. D. II, 11” mit 5 von den früher erwähnten
teilweise abweichenden Zeichnungen) u. s. w.
Bis zum 14. Jahrhundert beruhte der praktische Unterricht in
der Anatomie -- abgesehen von der Demonstration äußerer Teile --
ausschließlich auf der ~Zergliederung von Tieren, vorzugsweise von
Schweinen~.
Um die Ursache verdächtiger Todesfälle oder seuchenhafter
Krankheiten aufzudecken, scheint man allerdings in Italien schon
während des 13. Jahrhunderts hie und da die Eröffnung von Leichen
vorgenommen zu haben[30]. ~Die erste urkundlich belegte Nachricht
bezieht sich auf eine im Jahre~ •1302• ~zu Bologna stattgefundene
gerichtliche Sektion~, welche zwecks Feststellung der Todesursache
(Verdacht auf Vergiftung) angeordnet worden war. Bei derselben
fungierte Wilhelm von Varignana.
[30] So berichtet der Minoritenmönch Salimbeni, daß ein Arzt während
einer Seuche, die 1286 in Italien wütete, Leichen geöffnet
habe, um die Ursache des Leidens zu ergründen.
Für die Entwicklung der menschlichen Anatomie bildeten bekanntlich
gewisse, tief in der Volksseele wurzelnde Vorurteile ein schwer
zu beseitigendes Hindernis, hingegen liegt der Ansicht, daß sich
die Kirche grundsätzlich gegen die Leichensektion ausgesprochen
und dadurch den Fortschritt der Wissenschaft gehemmt hätte, eine
mißverständliche Auffassung zu Grunde. Die in Betracht kommende
Bulle des Papstes Bonifacius VIII. vom Jahre 1300 (De sepulturis.
Corpora defunctorum exenterantes et ea immaniter decoquentes, ut
ossa a carnibua separata ferant sepelienda in terram suam, ipso
facto sunt excommunicati) richtete sich nur gegen die während der
Kreuzzüge entstandene Sitte, die Leichen vornehmer, in der Fremde
verstorbener Personen zu zerstückeln und zu kochen, um die von den
Weichteilen befreiten Knochen zur Bestattung in die Heimat zu senden.
Ein derartiges Begräbnis „more teutonico” wurde z. B. dem Kaiser
Barbarossa und den ihn begleitenden Bischöfen, Fürsten und adeligen
Herren, dem Herzog Leopold von Oesterreich, dem König Ludwig IX.,
Philipp dem Kühnen und seiner Gemahlin zu teil. Auch das im 15.
Jahrhundert von Papst Sixtus IV. erlassene Breve verbot nicht die
Leichenzergliederung, sondern machte sie nur von der geistlichen
und behördlichen Erlaubnis abhängig. -- Daß eine mißverständliche
Auffassung der Bulle Bonifacius VIII. allerdings gegen manche
Präparationsmethoden Bedenken erwecken konnte, darüber vgl. S. 437.
Wann zum ersten Male wieder -- nach vielhundertjähriger Unterbrechung
-- Sektionen von Menschenleichen ausgeführt worden sind, läßt
sich nicht mit voller Exaktheit bestimmen, wir wissen bloß, daß
in Italien zu Anfang des 14. Jahrhunderts bereits jene günstigen
Bedingungen vorhanden waren, welche anatomische Demonstrationen zu
Unterrichtszwecken an Verbrecherleichen ermöglichten.
Das Verdienst, den seit den Tagen der Ptolemäer versiegten Wissensquell
neu erschlossen zu haben, gebührt der Schule von ~Bologna~, und in
erster Linie dem an ihr als Lehrer der Medizin wirkenden •Mondino de'
Luzzi•. ~Dieser hat den entscheidenden Schritt von der Anatomia porci
zur systematischen Zergliederung menschlicher Leichen getan und die
Technik derselben begründet.~
•Mondino•[31] (~de Liucci~, de' Liuzi, de Luzzi, de Leutiis) ═
•Mundinus• Liucius, um 1275 zu Bologna als Sohn eines Apothekers
geboren, studierte in seiner Vaterstadt und erwarb 1290 den
Doktorgrad. Er übte in Bologna bis zu seinem um 1326 erfolgten Tode
die Lehrtätigkeit aus. Bei seinen anatomischen Arbeiten soll ihn als
Prosektor ~Ottone Agenio Lustrulano~ unterstützt haben.
[31] Diminutiv von Raimondo oder Remondino.
~Mondino~ war der bedeutendste Zergliederer der Epoche, ja der
Hauptrepräsentant der Anatomie im ganzen späteren Mittelalter.
Durch seine am Kadaver gehaltenen Vorträge übte er den mächtigsten
Eindruck auf die Zeitgenossen aus -- durch seine „~Anatomia~”, ein
1316 verfaßtes Kompendium, welches eine Anleitung zu methodischen
Präparierübungen enthält und dabei auch die Pathologie, namentlich die
chirurgische, berücksichtigt, erhob er sich zum Lehrmeister zahlreicher
ärztlicher Generationen. Die ~Anatomia Mundini~ wurde an den meisten
mittelalterlichen Hochschulen eingeführt; immer wieder tradiert
und kommentiert, bewahrte das Buch seine autoritative Bedeutung
ungeschmälert bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts.
Von der Anatomia (Anathomia) Mundini finden sich Handschriften
in allen bedeutenderen Bibliotheken, im Druck erschienen ca. 25
Ausgaben, die erste 1478, die letzte 1580. Am vollständigsten ist die
Schrift in Kethams Fasciculus medicinae und in Berengars von Carpi
Commentaria super Anatomiam Mundini abgedruckt. Mehrere Ausgaben
sind mit Holzschnittillustrationen versehen, so z. B. die von dem
Leipziger Professor Martin Pollich von Mellerstadt besorgte.
In der Einleitung erörtert Mondino die ~rein praktischen~ Zwecke
seines Werkes, welches als Schulbuch dienen und nicht bloß anatomische
Beschreibungen und anatomische Technik, sondern auch physiologische,
pathologische und therapeutische Erörterungen (auf anatomischer
Grundlage) in sich schließen sollte. Es heißt dort: Hinc est quod,
his tribus de causis promotus, proposui meis scholaribus quoddam opus
in medicina componere, et quia cognitio partium subjecti in medicina
quod est corpus humanum, quae loca dispositionum appellantur, est
una partium scientiae medicinae ut dicit Averrois primo sui colliget
cap. de definitione medicinae: hinc est quod inter cetera vobis
cognitionem corporis humani partium, quae ex anatomia insurgit,
proposui tradere: non hic observans stilum altum, sed magis secundum
manualem operationem vobis tradam notitiam. ~Die Sektion wird an der
Leiche eines Enthaupteten oder Gehenkten vorgenommen~: Situato itaque
corpore vel homine mortuo per decollationem ~vel suspensionem supino~.
Sodann bespricht Mondino den Unterschied zwischen Mensch und Tieren
vom teleologischen Standpunkte.