[13] Von hippokratischen Schriften kamen nur die mit Kommentaren

Galens versehenen in Betracht.

[14] Seit Bartolus und Baldus.

Der ~Schule Bolognas~ entstammten ~Guglielmo Corvi~ aus Canneto bei

Brescia, dessen Practica -- der ~Aggregator Brixiensis~ -- das Muster

für eine ganze Reihe von scholastisch bearbeiteten Sammelwerken

abgab, der Kommentator κατ' εξοχὴν ~Torrigiano di Torrigiani~, dessen

Erläuterung der Ars parva Galens „~Commentum in librum Galieni qui

microtechni intitulatur~” überaus lange als Lehrbuch benützt wurde,

die Sprößlinge der Aerztefamilie ~Varignana~, von denen namentlich

~Bartolommeo~ und ~Guglielmo V.~ als Lehrer und Schriftsteller Ansehen

erwarben, ferner ~Dino del Garbo~, der wegen seiner sehr geschätzten

Interpretationen (besonders Avicennas) den Ehrennamen „Expositor”

empfing, und dessen Sohn ~Tommaso del Garbo~, welch letzterer

ein getreues Bild der damaligen Heilwissenschaft in seiner, nach

„Quaestiones” geordneten „~Summa medicinalis~” lieferte.

Mit den berühmten Meistern Bolognas wetteiferten diejenigen ~Paduas~,

wo die Traditionen des Pietro d'Abano und damit auch des Averroismus

beständig fortwirkten. An erster Stelle verdient hier ~Gentile da

Foligno~ Erwähnung, und zwar nicht allein wegen seiner berühmten

~Kommentare~ (~zur Ars parva Galens~, ~zu den Lehrgedichten des

Aegidius Corboliensis~ etc.), sondern hauptsächlich wegen seiner

~Consilia~, einer kasuistischen Sammelschrift, in der sich schon der

Drang nach eigener Krankenbeobachtung, freilich noch gehemmt durch

Dialektik und Arzneiglauben, kundgibt. Außer ihm trugen zum Ruhme

der Paduaner Schule die Mitglieder der Aerztefamilie St. Sophia --

besonders ~Marsilio~ und ~Galeazzo de St. Sophia~ -- vieles bei,

ebenso der Verfasser des „~Aggregator Paduanus~” (Sammelwerk über

Heilmittel) ~Giacomo de' Dondi~ und dessen Sohn ~Giovanni de' Dondi~,

welcher sich gegenüber dem herrschenden Doktrinarismus eine merkwürdige

Selbständigkeit des Urteils zu bewahren wußte und auch als Praktiker

die höchste Anerkennung erwarb.

Zuerst in Bologna, später in Padua lehrte ~Giacomo della Torre~ aus

Forli (~Jacobus Foroliviensis~), einer der berühmtesten Kommentatoren,

dessen ~Interpretationen zu den hippokratischen Aphorismen, zur Ars

parva und zu einzelnen Abschnitten des Kanons Avicennas~ dauerndes

Ansehen genossen.

Was die Literatur betrifft, welche aus anderen italienischen

Bildungszentren hervorging, so wären vor allem zwei Werke zu nennen,

die für die Kenntnis der mittelalterlichen Heilkunde von Wert sind:

das ~Supplementum Mesuë~ des Neapolitaner Leibarztes ~Francesco di

Piedimonte~, eine noch an die Salernitaner anknüpfende Kompilation,

welche einen großen Teil der speziellen Pathologie und Therapie

(auch Geburtshilfe) behandelt, und die ~Sermones medicinales~ des

Florentiners ~Niccolo Falcucci~ (Nicolaus Florentinus), ein riesiges

Repertorium der gesamten Medizin, das insbesondere aus den Arabern

geschöpft ist und den ganzen, bis zum Ausgang des 14. Jahrhunderts

bekannt gewordenen Wissensstoff übersichtlich zusammenstellt.

Es ist gewiß anzuerkennen, daß die aufgewandte Geistesarbeit nicht

ganz zwecklos war, daß die scharfsinnigen Kommentare und fleißigen

Kompilationen das Studium der galeno-arabischen Kolossalwerke

erleichterten bezw. ersetzten[15], aber darin allein liegt ihre

-- temporäre -- Bedeutung, denn aufgehend in der Idolatrie der

sakrosankten Autoritäten bieten sie kaum etwas von eigener, kritischer

Erfahrung. Schwache Spuren selbständiger Beobachtung trifft man

fast nur in den Sammlungen von Konsilien[16], noch mehr in der

~pharmakologisch-botanischen~ und ~balneologischen Literatur~. Auf

diesen Gebieten bilden namentlich die ~Pandectae medicinae~ (eine

alphabetisch geordnete Arzneimittellehre) des Mantuaner, später in

Salerno lebenden, Arztes ~Matthaeus Sylvaticus~, welcher auf den Wegen

des Simon Januensis weiter ging, und die Bäderschriften des Giovanni

und Giacomo de' Dondi erfreuliche Erscheinungen.

[15] Man darf auch nicht vergessen, wie kostspielig die Anschaffung

der mühevoll hergestellten Abschriften der Originalwerke war,

so daß selbst die Fakultäten nur über winzige Bibliotheken

verfügten.

[16] Dem Beispiele des Taddeo Alderotti folgten Barthol. Varignana,

Gentilis de Foligno u. a. mit ihren „Consilia”.

Man hat es versucht, zwischen der Schule von Bologna und derjenigen

Paduas einen Unterschied zu hypostasieren, insofern die erstere die

gräzistische, die letztere die arabistische Scholastik repräsentieren

sollte. Dies trifft höchstens für den Beginn der Entwicklung und bloß

für einzelne Autoren zu, indem diese ihre Interpretationskunst entweder

hauptsächlich in den Dienst galenischer und hippokratischer Schriften

oder aber des Avicenna, Averroës u. s. w. stellten. Abgesehen davon,

daß eine solche Differenzierung wenig wesentliche Bedeutung besitzt,

weil die scholastische allgemein gehandhabte Methode das eigentlich

Ausschlaggebende ist, kann die Trennung in der Blütezeit des Arabismus

überhaupt nicht strikte durchgeführt werden.

Mit größerer Berechtigung ließe sich behaupten, daß ~Montpellier~,

trotz aller Unterwerfung unter die Scholastik, die ~Empirie~ nicht ganz

aus den Augen verlor und durch Bevorzugung des ~Rhazes~ gegenüber dem

Avicenna eine mildere Nuance des Arabismus darbietet. Zwar schlummert

vom Schrifttum dieser Schule noch vieles in der Verborgenheit, doch

genügt schon das heute zugängliche Material, um im Vergleich mit dem

der norditalienischen Universitäten einen etwas günstigeren Eindruck zu

erwecken[17]. Die bekanntesten Größen sind ~Gerardus de Solo~, welcher

sich als Kommentator des Rhazes auszeichnete und ein lange Zeit sehr

beliebtes Lehrbuch für Studierende ~Introductorium juvenum~ verfaßte,

und ~Johannes de Tornamira~, von dessen Schriften das höchst praktisch

angelegte (auf Rhazes beruhende) Schulkompendium ~Clarificatorium~ die

weiteste Verbreitung fand. Durch diese beiden Männer hat Montpellier

auf die mittelalterliche ärztliche Ausbildung, namentlich auf den

medizinischen Elementarunterricht, einen tiefen und nachhaltigen

Einfluß ausgeübt. Außer ihnen bildete auch ~Johannes Jacobus~ eine

Zierde der Schule. Die Vorliebe für das Praktische, die intensive

Beschäftigung mit der Therapie, welche gerade die Aerzte und Lehrer in

Montpellier kennzeichnet, verleitete leider manche derselben zu einer

kritiklosen, oft sogar mit wüstem Aberglauben untermengten Empirie,

wie dies schon bei Gilbert und Bernhard von Gordon hervorgetreten war.

[17] Gewiß hat auch die Nähe des päpstlichen Hofes in Avignon, dem

hervorragende Praktiker in der Stellung von Leibärzten zugezogen

wurden, fördernd gewirkt.

In noch höherem Maße muß dies von einem Nachahmer der beiden in

~Oxford~ gesagt werden, von dem Engländer ~Joh. Gaddesden~, dessen

Kompendium ~Rosa anglica~ stellenweise wohl alles überbietet,

was der medizinische Mystizismus selbst in diesem Zeitalter sonst

auszuhecken wußte. Etwas nüchterner ist das ~Breviarium~ eines anderen

Repräsentanten dieser Schule, des ~Joh. Mirfeld~, welcher außerdem auch

eine lexikalisch geordnete Arzneimittellehre (Synonyma Bartholomaei)

hinterließ.

Aeußerst wenig wissen wir über die literarische Produktion der

medizinischen Schule von ~Paris~, wo die Schriften des Aegidius

Corboliensis und des Joh. de St. Amando[18] noch immer hochgehalten

wurden und nachwirkend den Arabismus einschränkten. Daß man bei

aller Vorliebe für die scholastische Spekulation die Beobachtung am

Krankenbette nicht gänzlich verabsäumte, beweisen z. B. jene neuerdings

bekannt gewordenen Aufzeichnungen, welche ein in Paris Ende des 14.

Jahrhunderts studierender junger deutscher Arzt über die Heil- und

Lehrtätigkeit einiger gelehrter Praktiker[19] hinterlassen hat.

[18] Die Concordanciae desselben setzte ~Petrus de Floro~ fort.

[19] Guillaume Boucher (Carnificis) und Pierre d'Auxonne (Danszon),

vgl. unten die literarhistorische Uebersicht.

Wahrscheinlich ist es teilweise dem Einflusse der beiden französischen

Schulen zuzuschreiben, daß ~die frühesten Repräsentanten der

scholastischen Medizin aus dem deutschen Reiche~ durchwegs eine mehr

nüchterne, praktische Richtung vertreten, welche sich besonders in der

Vorliebe für die Diätetik und in der Opposition gegen die Ausartungen

der Alchemie, Uroskopie etc. bekundet. Die Schriften des ~Thomas aus

Breslau, Bischofs von Sarepta i. p.~ und der ersten Lehrer an der

ältesten deutschen Hochschule -- ~Prag~[20] -- des Magister ~Gallus~,

des ~Sulko von Hosstka~ und namentlich des ~Sigismundus Albicus~ (eines

begeisterten Anhängers des Arnaldus de Villanova), bilden leuchtende

Beispiele dafür.

[20] Die Universität in Prag wurde von Karl IV. im Jahre 1348 nach

dem Muster der Pariser Hochschule gestiftet und behauptete

einige Jahrzehnte hindurch eine universale Bedeutung; die rasch

wachsende Zahl ihrer Studenten rekrutierte sich nicht bloß aus

Böhmen und den deutschen Ländern, sondern auch aus England,

Frankreich, der Lombardei, Ungarn und Polen. Die medizinische

Fakultät, zu deren ersten Lehrern die Magister Walther und

Gallus (beide königliche Leibärzte) und Nicolaus de Gevička

gehörten, gelangte freilich erst nach ungefähr zwanzigjährigem

Bestande zu einer ansehnlichen Bedeutung.

Den traurigen Anlaß zur Entstehung einer eigenen Art

prophylaktisch-diätetischer Schriften gaben die furchtbaren

Pestepidemien des 14. Jahrhunderts, namentlich „das große Sterben”,

der „schwarze Tod” (Höhepunkt 1348), welcher durch seine entsetzlichen

Verheerungen und kulturschädlichen Folgeerscheinungen selbst in

der Geschichte der Seuchen einzig dasteht. Die ~Pestschriften~

dieses und der nächsten Jahrhunderte weichen in ihren vorbeugenden

hygienisch-diätetischen Vorschlägen der Hauptsache nach nur wenig

voneinander ab.

Hinsichtlich der Geschichte der Pestpanepidemie des 14. Jahrhunderts

muß auf die einschlägige Literatur, besonders auf das erschöpfende

neueste Werk von G. Sticker, Die Pest (Abhandlungen aus der

Seuchengeschichte und Seuchenlehre, I. Band, erster und zweiter

Teil), Gießen 1908-10, verwiesen werden. Es sei nur erwähnt, daß

man die Gesamtzahl der Opfer des schwarzen Todes in Europa auf 25

Millionen Menschen berechnet hat. Zeitgenössische Berichte besitzen

wir unter anderem von Gabriel de Mussis, Villani, Boccacio, Petrarca,

von Gentile da Foligno, Dionys Secundus, Colle, Simon de Covino, Guy

de Chauliac; die schrecklichsten Begleit- und Folgeerscheinungen

waren die Geißlerfahrten und Judenverfolgungen (Verdacht der

Brunnenvergiftung).

Auf Befehl des Königs Philipp erließ die medizinische Fakultät

von Paris im Oktober 1348 ein Gutachten über die Seuche, ihre

Ursache, Verhütung und Heilung, ~Compendium de Epidemia per Collegium

facultatis medicorum Parisiis ordinatum~ (vollständig mitgeteilt

von Rébouis, Etude historique et critique sur la Peste, Paris 1888).

Bezüglich der Prophylaxe und Diätetik heißt es darin (vgl. Sticker l.

c.): Man soll große Massen Weihrauch und Kamillen auf den öffentlichen

Plätzen und an stark bevölkerten Orten und im Innern der Häuser

verbrennen.... Man soll kein Geflügel essen, keine Wasservögel, kein

Spanferkel, kein altes Ochsenfleisch, überhaupt kein fettes Fleisch.

Man soll nur das Fleisch der Tiere von warmer und trockener Qualität

essen, aber kein erhitzendes und reizendes. ... Wir empfehlen Brühen

mit gestoßenem Pfeffer, Zimmet und Spezereien besonders solchen

Leuten, die gewohnheitsmäßig wenig und nur Ausgesuchtes essen. Der

Schlaf darf nicht länger als bis zum Morgengrauen oder ein wenig mehr

dauern. Zum Frühstück soll man nur wenig trinken, das Mittagessen um

elf Uhr nehmen; dabei darf man ein wenig mehr als am Morgen trinken,

und zwar von einem klaren leichten Wein, der mit einem Sechstel

Wasser gemischt ist. Unschädlich sind trockene und frische Früchte,

wenn man sie mit Wein nimmt. Ohne Wein können sie gefährlich werden.

Die roten Rüben und andere frische oder eingesalzene Gemüse können

nachteilig wirken; die gewürzhaften Kräuter wie Salbei oder Rosmarin

sind dagegen heilsam. Kalte, feuchte und wäßrige Speisen sind

größtenteils schädlich. Gefährlich ist das Ausgehen zur Nachtzeit

bis um drei Uhr morgens wegen des Taues. Fisch soll man nicht

essen; zuviel Bewegung kann schaden; man kleide sich warm, schütze

sich vor Kälte, Feuchtigkeit und Regen, und man koche nichts mit

Regenwasser. Zu den Mahlzeiten nehme man etwas Theriak; Olivenöl zur

Speise ist tödlich. Fette Leute sollen sich der Sonne aussetzen. Eine

große Enthaltsamkeit, Gemütserregungen, Zorn und Trunkenheit sind

gefährlich. Durchfälle sind bedenklich, Bäder gefährlich. Man halte

den Leib mit Klystieren offen. Umgang mit Weibern ist tödlich; man

soll sie weder begatten, noch in einem Bette mit ihnen schlafen. --

Im Jahre 1349 ging von Montpellier ein ähnliches Gutachten aus (von

Michon in Documents inédits sur la grande peste de 1348, Thèse de

Paris 1860, mitgeteilt). -- Von Aerzten des 14. Jahrhunderts verfaßten

~Guglielmo da Brescia~, ~Gugl. de Varignana~, ~Tommaso del Garbo~,

~Pietro de Tussignana~, ~Jean à la Barbe~, ~Sigism. Albicus~ u. a.

Pestschriften. Hauptsächlich auf die Pestepidemie des Jahres 1382

beziehen sich die genauen Schilderungen, welche ~Chalin de Vinario~

aus Montpellier in seinem Werke ~De peste libri tres~ entwirft.

Bemerkenswerterweise erkennt dieser aufgeklärte Arzt, daß außer den

angenommenen mystisch-astrologischen und den kosmisch-tellurischen

Ursachen für die Verbreitung der Seuche die ~Ansteckung~ die größte

Bedeutung besitzt.

Darüber, wie sich der Arzt beim Besuche von Pestkranken verhalten

soll (Observandum ubi contingerit visitare pestilenticum), gibt

ein aus dem Ende des 14. oder dem Beginn des 15. Jahrhunderts

stammendes Dokument (Bibl. Riccordiana, Florenz, Ms. 854, Bl. 130),

welches Sudhoff jüngst veröffentlicht und übersetzt hat (Mediz.

Klinik 1910, Nr. 38 und 39), folgende Vorschriften: 1. Laß dir

das Harnglas mit einem dreifachen oder vierfachen Leinentuch wohl

verdeckt herbeibringen, damit der Dunst des Urins nicht ausrauchen

kann. 2. Sieh zu, ob das Haus (des Kranken) einen geräumigen oder

breiten Luftraum hat oder nicht; wenn nicht, laß dir das Harnglas

auf die Straße bringen und beschaue dort den Urin. Hat es aber einen

breiten Hof und einen weiten Luftraum, dann kannst du in Sicherheit

in das Haus hineingehen und in der Mitte des Hauses selbst den Urin

beschauen. 3. Ich lobe es, wenn das Uringlas lieber von den Leuten

aus dem Hause des Kranken gehalten wird, als daß du es selbst in

der Hand hältst und berührst. Wenn du es aber selber in die Hand

nehmen mußt, berühre es nur mit den Handschuhen und setze es schnell

wieder weg. 4. Die Stuhlgänge sieh dir von weitem an in freier

Luft und verweile dabei nur kurze Zeit. 5. Wenn du zur Kammer des

Kranken gehst, (beachte), daß du niemals in sie hineingehst, wenn

sie eng, klein und nicht gut zu lüften ist; in diesem Falle läßt

du den Kranken aus der Kammer heraustragen und schreibe vor, daß

er höher wie du gehalten werden muß[21]; wenn es möglich ist, dann

kannst du seinen Puls fühlen, niemals aber sein Bettzeug, und was

um ihn ist, berühren. Ist das Zimmer weit, groß, gut zu lüften,

dann kannst du mutig hineingehen, besonders wenn die Tür und die

Fenster breit und groß sind, in die freie Luft sehen und ihr freien

Zutritt gewähren. Dann fühle den Puls wie gesagt ist. 6. Ich lobe

es, wenn du ~einen~ Arm nur anfaßt, den nämlich, welchen du leichter

erreichen kannst. 7. Verordne, daß Fenster und Türe des Krankenzimmers

beständig offengehalten werden, wenigstens vom Sonnenaufgang bis

zum Sonnenuntergang. Sollte dies dem Kranken unangenehm erscheinen,

so befiehl, daß es zumindest einige Zeit vor deinem Hineintreten

geschehe, andernfalls gehst du überhaupt nicht hinein. 8. Zu loben

ist es, wenn alles, was aus dem Körper des Kranken ausgeschieden

wird, soweit möglich vollständig gesammelt wird, wie die Stuhlgänge,

der Urin und der Auswurf, und sofort aus dem Krankenzimmer getragen

und an einem geeigneten, weitab liegenden Ort aufbewahrt wird. 9.

Zu loben ist, wenn täglich alle Gewänder und Decken um den Kranken

erneuert werden, soweit die Möglichkeit vorliegt, oder wenigstens die

Betttücher und die Leibwäsche, wenn er solche trägt. 10. Verordne,

daß das Krankenzimmer häufig mit Rosenwasser, untermischt mit Essig,

besprengt werde, indem man einen langgestielten Sprengwedel damit

getränkt durch die Luft bewegt. Auch wäre es gut, wenn einige weite

Gefäße, gefüllt mit etwas erwärmtem Rosenwasser mit Essig, im Zimmer

ständen, damit sich ihre Dämpfe noch gründlicher mit der Luft mischen.

11. Für löblich halte ich es, wenn du beständig, solange du im Hause

des Kranken bist, an einem Schwamm riechst, der in Essig getaucht

ist, in welchem ein feines Pulver von Gewürznelken, Zimt und ähnlichem

gelöst ist. Beachte dabei die Not des Augenblicks und die bedingenden

Umstände und sieh besonders darauf, solange du bei dem Kranken weilst,

wie du denn überhaupt diesen Aufenthalt möglichst beschränken und dich

im allgemeinen immer nur kurze Zeit im Hause des Kranken aufhalten

solltest. 12. Für gut halte ich es, wenn du langsam einhergehst und

nicht rasch und mit Heftigkeit, wenn du dich zum Hause des Kranken

begibst, damit du nicht mehr als irgend notwendig den Atem einziehen

mußt. 13. Gut ist es, wenn du stark Wohlriechendes und viel Duftendes

bei dir trägst und diese Dinge nach den Erfordernissen der Jahreszeit

auswählst und sie an deinen Kleidungsstücken und unter deinem Mantel

an vielen Stellen derart aufhängst, daß ihr Duft um deine ganze

Person sich verbreitet und bis zu deinen Nasenlöchern dringt, doch

nicht so reichlich, daß dein Kopf zu sehr davon eingenommen werde.

Du kannst sie auch in deine Kopfhülle tun und dich räuchern, wenn du

vom Hause weggehst, kannst auch alle deine Gewänder damit räuchern

lassen, wenn du vom Bett dich erhebst. 14. Für gut halte ich es

auch, wenn oft im Zimmer des Kranken Fächelungen stattfinden; man

soll zwei oder drei große lange Wedel (im Zimmer des Kranken) haben,

und es sollen die Wedelungen bei offenen Fenstern und Türen des

Krankenzimmers vorgenommen werden, derart, daß nahezu die ganze Luft

der Kammer erneuert wird, und dies soll öfters bei Tag und (einmal) um

Mitternacht geschehen. 15. Ich lobe es, wenn im Krankenzimmer kalte

wohlriechende Dinge aufgehängt werden, als da sind: Orangen, Rosen,

Zitronen und ähnliches, und daß auch solche wohlriechenden Dinge

ins Bett des Kranken gelegt werden und er Edelsteine an sich trägt,

wie Hyazinth und Smaragd und ähnliches an seinen Fingern beständig

trage, weil es von großem Nutzen ist. 16. Auch für dich ist es gut,

wenn du die genannten Steine beständig an dir trägst, in Ringen oder

anderswie.

[21] Beruht auf der von Avicenna und Averroës vertretenen Ansicht,

daß die Kontagien nach aufwärts steigen.

In den Werken der früher erwähnten Kommentatoren und Kompilatoren ist

zwar gewöhnlich neben der internen Medizin auch die Chirurgie mehr oder

minder vertreten[22], doch handelt es sich dabei in der Regel bloß

um Lesefrüchte von Theoretikern, nur ganz ausnahmsweise um wirkliche

Erfahrungsresultate. Einsicht in das damalige wundärztliche Können

gewinnt man dagegen durch die ~chirurgische Spezialliteratur~, deren

besten Produkte von Männern herrühren, welche in beiden Zweigen der

Heilkunde erfahren waren und mit Vorliebe die chirurgische Praxis

pflegten (~Aerztechirurgen~).

[22] So bei Gugl. Varignana, Dino del Garbo, Giacomo della Torre,

Niccolò Falcucci -- Bernard de Gordon, Gaddesden.

Es ist kein Zufall, daß im 14. Jahrhundert die vornehmsten derselben

gerade aus Frankreich hervorgingen, wo Lanfranchi eine reiche Saat

ausgestreut hatte, und das Collège de Saint-Côme unter der Führung

~Jean Pitards~ auch als Unterrichtsanstalt aufblühte -- •Henri de

Mondeville• und •Guy de Chauliac•.

Ueber das Leben des ~Jean Pitard~, der Lanfranchi die Wege geebnet

hatte, und auf dessen Betreiben das Collège de St. Côme vom Könige

die Statuten empfing, besitzen wir nur wenige wirklich verläßliche

Daten. Fest steht nur, daß er 1306 Wundarzt Philipps des Schönen

gewesen, und daß ihm in einem Edikt desselben Königs vom Jahre 1311

wichtige Funktionen, namentlich die Erteilung der Lizenz an die

von den geschworenen Meistern der Chirurgie Geprüften, übertragen

wurden. Aktenmäßig kann er noch 1328 als „chirurgien du roy”

nachgewiesen werden. Außer Rezepten bildet bloß ein in jüngster Zeit

von Sudhoff aufgefundenes chirurgisches Manual seine literarische

Hinterlassenschaft. Die Begeisterung seiner Schüler hat das Leben

des verdienstvollen Mannes, der Ende des 13. und zu Anfang des

14. Jahrhunderts an der Spitze der Pariser Chirurgen schritt, mit

mancherlei legendenhaften Daten ausgeschmückt, welche der neueren

Kritik nicht standzuhalten vermochten.

•Henri de Mondeville• wurde in der zweiten Hälfte des 13.

Jahrhunderts vermutlich in einem Dorfe der Normandie geboren und

scheint seine Ausbildung teils in Bologna, teils in Montpellier

und Paris empfangen zu haben. Seine Meister in der Chirurgie waren

Theoderich, Lanfranchi und Pitard, welch letzteren er peritissimus et

expertissimus in arte cyrurgiae nennt. Wahrscheinlich auf Empfehlung

desselben kam Henri bereits vor 1301 an den Hof Philipps des Schönen

als einer der vier Leibchirurgen des Königs. Seine Lehrtätigkeit

zog zahlreiche Schüler an, erlitt aber durch seine vielfachen

Beschäftigungen, insbesondere durch die Notwendigkeit, den König

auf Reisen und ins Feld zu begleiten, häufige und langwährende

Unterbrechungen. Diese Hindernisse bewirkten es auch, daß seine 1306

begonnene „Cyrurgia” nur langsam fortschritt und noch 1312 nicht über

die beiden ersten Traktate hinausgekommen war. Leider sollte dieses

Werk ein Torso bleiben, denn als dem Verfasser endlich 1316 die

Möglichkeit gegeben wurde, ungestört durch amtliche Verpflichtungen

die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, nötigte ihn alsbald ein

zum Ausbruch gekommenes Lungenleiden, die Feder niederzulegen; mit

Uebergehung der Lehre von den Frakturen und Luxationen, der gesamten

speziellen chirurgischen Pathologie und Therapie reihte er den

fertiggestellten und skizzierten Abschnitten auf Bitten seiner Freunde

nur noch schleunigst die chirurgische Heilmittellehre (Antidotarium)

an. Die Zeit seines Todes fällt vermutlich um das Jahr 1320.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 60 / 76 段