Erfüllt von tief religiösem Empfinden widmeten sich der

Krankenpflege nicht nur Angehörige des Klerikerstandes, der Mönchs-

und Krankenpflegerorden, sondern auch Laien aus allen, selbst den

vornehmsten Kreisen, es sei nur beispielsweise an die Lichtgestalten

der hl. Elisabeth von Thüringen oder der hl. Hedwig erinnert.

Ludwig der Heilige, der das Hôtel Dieu mit Geschenken überhäufte,

ähnliche Anstalten in Fontainebleau, Pontoise, Vernon, sowie das noch

bestehende Blindeninstitut der Quinzevingt in Paris stiftete, verband

selbst die Wunden Lepröser und forderte von den Chirurgen, denen er

Privilegien erteilte, daß sie sich der Behandlung der Armen widmen.

Allenthalben entstanden Hospitäler und Aussatzhäuser (letztere in

enormer Zahl)[105]. Bei der Stiftung von Hospitälern kommen weniger

die Zweigniederlassungen der ritterlichen Krankenpflegerschaften

in Betracht, als die zahlreichen, über ganz Westeuropa zerstreuten

Tochteranstalten des Hospitals San Spirito in Rom (vgl. S. 326), die

~Heiligengeistspitäler~. Diese letzteren verdanken der kräftigen

Initiative des Papstes Innozenz III. ihren Ursprung, waren aber

durchaus nicht sämtlich Stiftungen des Ordens vom heiligen Geiste

selbst, sondern zum Teil, was oft verkannt wird, in städtischer

Verwaltung stehende Anstalten mit gleichen Einrichtungen und Zielen.

[105] In Frankreich allein gab es im Anfang des 13. Jahrhunderts

2000, in den christlichen Ländern zusammen 19000 Leproserien

(Sondersiechenhäuser, St. Georgsspitäler, Mesalleries).

Die Medizin im späteren Mittelalter.

Vestigia terrent.

Die wissenschaftliche Heilkunde des späteren Mittelalters ist das

Ergebnis jener Arbeitsmethode, welche im Verlaufe des 13. Jahrhunderts

von einzelnen hervorragenden medizinischen Forschern in nahem Anschluß

an die Scholastik begründet und ausgebaut worden war.

Da diese Methode im wesentlichen auf ~einheitliche Gestaltung der

galenoarabischen Ueberlieferung mittels der Kunstgriffe aristotelischer

Dialektik~ hinauslief, so kann es nicht verwundern, daß die

erzielten Ergebnisse weder für die theoretische Erkenntnis noch für

die medizinische Praxis einen wirklich durchgreifenden Fortschritt

bedeuten. Die Eindrücke, die man beim Studium der umfangreichen,

übrigens noch nicht völlig erschlossenen Literatur dieses Zeitalters

empfängt, formen sich zu einem Gesamtbilde, das kaum mehr als eine,

noch dazu sehr entstellte, oft ~ins Groteske verzerrte Reproduktion

des arabischen Originals im Gewande der Scholastik~ darstellt.

Der medizinische ~Scholastizismus~ und ~Arabismus~ (mit seinen

Konsequenzen ~Astrologie~ und ~Uroskopie~) wurde auf die Spitze

getrieben, er beherrschte hemmend Forschung und Lehre. Seinem Einflusse

vermochte sich keiner der Autoren ganz zu entziehen, wiewohl nicht

alle in gleich hohem Grade dem Druck der ~Tradition~ und dem Zauber

der ~Dialektik~ unterlagen. Mancher wußte auch innerhalb des starren

Rahmens der Doktrin selbständig erworbene ärztliche Erfahrungen

gelegentlich unterzubringen, aber vergraben in einem Wuste von Zitaten

und logischen Subtilitäten, fanden dieselben kaum die verdiente

Beachtung und generalisierende Fortführung. Die hie und da schüchtern

geäußerten Einwände gegen überlieferte Lehrsätze bezogen sich fast

nur auf untergeordnete Fragen oder praktische Details, sie waren nicht

von der Absicht getragen, noch weniger dazu geeignet, die Herrschaft

des Systems und der Methode zu erschüttern. Erst in der zweiten Hälfte

des 15. Jahrhunderts macht sich eine Wandlung leise bemerkbar, damit

treten wir aber schon in ein neues Zeitalter der Kultur, welches von

der Negation der mittelalterlichen Ideale seine Signatur empfing.

Wenn auch durchaus nicht frei, so doch weit weniger angekränkelt

vom Scholastizismus zeigt sich die ~Chirurgie~, welche naturgemäß

trotz ihres Festhaltens an den allgemeinen pathologischen Doktrinen

den Weg der Beobachtung und Erfahrung nie in solchem Grade beiseite

lassen konnte, wie es die damalige innere Medizin im Banne der

Dialektik zumeist getan hat; langsam aber stetig machte sie mancherlei

Fortschritte, deren Summe unverkennbar eine allmähliche Ueberwindung

der traditionellen (arabischen) Messerscheu durch technische

Gewandtheit ausmacht.

Trotzdem es an großen neuen Ideen und bahnbrechenden praktischen

Leistungen mangelt, bietet die Epoche des zähesten medizinischen

Konservatismus der Geschichte doch wenigstens einen hellstrahlenden

Lichtpunkt dar -- die durch 1½ Jahrtausend vernachlässigte ~Sektion

menschlicher Leichen~ kam seit dem 14. Jahrhundert wieder in Aufnahme.

Schon dieses folgenschwere Ereignis allein bietet Anlaß genug, der

Medizin der ~Prärenaissance~ einiges Interesse zu sichern, mögen ihre

Bestrebungen auch zum großen Teile nur den Wert lehrreicher Irrtümer

besitzen.

Von vornherein überrascht der zähe Konservatismus der Medizin

im Zeitalter der Prärenaissance, da auf den meisten übrigen

Kulturgebieten neben der Abhängigkeit vom Althergebrachten schon ein

kräftiges Ringen nach neuen Gestaltungen zu erkennen ist, welches

das Nahen einer ganz andersartigen Entwicklung ankündigt.

Wenn man hier von den ~Veränderungen in kirchlicher, religiöser,

politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht~[1] und von der

~Vermehrung der Realkenntnisse, der technischen Fortschritte~[2]

absieht, so sind es insbesondere zwei Haupterscheinungen des geistigen

Lebens, die den Bruch mit den einseitigen kirchlich-mittelalterlichen

Idealen[3] bezeichnen, die •Selbstzersetzung der Scholastik• und der

erwachende •Humanismus•.

[1] Sinken der politischen Machtstellung des Papsttums, Exil in

Avignon, Schisma, Konzile -- Entartung der Geistlichkeit,

Ketzergemeinden, vorreformatorische religiöse Bewegungen

(Lollharden, Wiklifiten, Hussiten), Mystik -- Verfall der

Kaisermacht, Zersetzung des Feudalwesens, Erstarkung der

Nationalitätsidee, Blüte der Städte (italienische Stadtstaaten),

Emporkommen des Bürgertums, Bauernaufstände -- Zurücktreten

der Natural- hinter die Geldwirtschaft u. a. m.

[2] Widerlegung der Lehre, daß Erde und Wasser zwei exzentrische

Massen seien, Kenntnis der periodischen Ortsveränderungen von

Wasser und Land, „Weltbild” des Pierre d'Ailly, Topographien,

Landkarten, Reiseberichte (Niccolo De Conti u. a.),

Afrikafahrten des Infanten Heinrich von Portugal -- Brillen,

Papier, Schießpulver, Feuergeschütze, Turmuhren, Schlaguhren,

astronomische Uhren, Verbesserung der Schiffsbussole u. s. w.

[3] Diese hatten in ~Dantes Divina commedia~ ihren letzten und

erhabensten Ausdruck gefunden, zugleich mit ihnen aber

auch schon die Klage über die davon wesentlich abweichenden

wirklichen Zeitverhältnisse.

Die im 13. Jahrhundert mit Hilfe der Peripatetik und einem

Aufwand glänzendster Kombinationsgabe zu stande gebrachte Versöhnung

zwischen Philosophie und Kirchenlehre, zwischen Wissen und Glauben

schmolz unter dem Einflusse Duns Scotus und seitdem der durch Occam

neubegründete ~Nominalismus~ zur Herrschaft gelangt war, immer

mehr dahin, um der ~Anschauung von der doppelten Wahrheit~, dem

Vorhandensein zweier streng geschiedener Gebiete, des Transzendentalen

und Natürlichen Platz zu machen[4]. Zu gleicher Zeit begannen sich

durch ~das neubelebte Studium der Antike~ und ~das emporkeimende

Naturgefühl~ die Fesseln zu lockern, in welchen das gesamte

Bildungswesen und die Kunst schmachtete.

[4] Das meiste trug der Umstand dazu bei, daß mit der besseren

Kenntnis und dem vertieften Verständnis des ~originalen~

Aristotelismus -- im Gegensatz zum arabisierten -- die Täuschung

von der prinzipiellen Uebereinstimmung des Philosophen κατ'

εξοχὴν mit den Grundlehren der Dogmatik (z. B. in der Frage der

Weltschöpfung) schwinden mußte. Konsequenzen dieser Erkenntnis

bildeten einerseits die ~Betonung der empiristischen Elemente~,

wie sie schon im Nominalismus durchschimmert, anderseits das

Aufkommen der ~Mystik~, die einer tiefinneren individuellen

Religiosität entsprach, oder endlich ~leerer Formalismus~,

welch letzterer unter dem Einfluß kirchlicher Autorität und

der Macht der Gewohnheit freilich am weitesten verbreitet war

und leider noch jahrhundertelang fortherrschte.

Der Tatsache, daß die Medizin stagnierte und mit besonderer

Hartnäckigkeit alle jene Züge festhielt, welche das echt

mittelalterliche Wesen ausmachen, hat •Francesco Petrarca•, der

Vorkämpfer des Humanismus und der Renaissance, der Apostel des

erwachenden Volksgeistes und der beginnenden Kulturverweltlichung

den beredtsten Ausdruck verliehen. Gerade ihm, der zuerst den

unermeßlichen Schacht des subjektiven Erlebens und Empfindens, des

reflektierenden Naturgefühls entdeckte, der zielbewußt der Skepsis

und Kritik den Weg ebnete, mußte schon der ganzen Denkweise nach die

damalige Heilkunde zum Gegenstand des Mißfallens, der großenteils

berechtigten Abneigung und des erbittertsten Angriffs werden -- mögen

dabei auch untergeordnete persönliche Umstände eine gewisse Rolle

gespielt haben. Wie sehr ~Petrarca~, der auch sonst die Schäden der

Zeit schonungslos geißelte, die Zustände der Medizin und das Treiben

der Aerzte beschäftigte, erhellt aus mehreren seiner Schriften,

besonders kommen in Betracht: De vera sapientia, Epistolae de

rebus senilibus, Epistolae sine titulo, De sui ipsius et aliorum

ignorantia, Invectivae contra medicum quendam. Im folgenden sei

der Hauptinhalt seiner Angriffe kurz mitgeteilt, soweit dieselben

die zeitgenössischen Verhältnisse betreffen und durch den Lauf der

Geschichte gerechtfertigt wurden -- hingegen möge hier Petrarcas,

an Cato und Plinius gemahnende Polemik gegen die ärztliche Kunst im

allgemeinen, wegen der totalen Verkennung des wissenschaftlichen

Wesens und der hehren, weitumspannenden Aufgaben der Medizin

unerörtert bleiben[5].

[5] Er billigt der Medizin, weil sie unbekümmert um die Seele nur der

Leibessorge diene, keinen hohen Rang unter den Wissenschaften

bezw. Künsten zu, ja er betrachtet sie eigentlich nur als

Gewerbe, ohne das Streben nach wissenschaftlicher Begründung

wahrhaft zu würdigen. An manchen Stellen wird allerdings diese

durch überlebte Argumente gestützte Grundansicht etwas gemildert

vorgebracht.

In erster Linie bekämpft und verspottet der große Humanist die

Sucht der Medizin nach philosophischer Begründung. Abgesehen davon,

daß sie einer solchen nach seiner Meinung überhaupt nicht fähig

sei und wegen ganz anderer Ziele auch ganz anderer Methoden als die

Philosophie bedürfe, eigne sich hierzu der völlig verderbte, nicht

auf Tatsachen beruhende ~Aristotelismus~ am wenigsten. Sei schon

die Philosophie durch mißbräuchliche -- das Mittel mit dem Zweck

verwechselnde -- Anwendung der ~Dialektik~ auf Abwege geraten, so

gereiche die Disputierkunst der ärztlichen Wissenschaft ganz besonders

zum Schaden, weil sie von der Beobachtung und vom praktischen Handeln

im richtigen Zeitpunkt ablenke. Früher hätte man die Kranken ohne

viel zu vernünfteln geheilt, jetzt stopfe man ihnen die Ohren mit

~Syllogismen~ voll, ohne die versprochene Hilfe zu bringen. „Quid est

opus verbis? Cura, semper dixi, medice.” Lächerlich sei es auch, daß

die Aerzte auf die ~Rhetorik~ so viel Wert legen, die doch zur Sache

gar nichts beitrage, die Medizin in eine hohle Wortkunst verwandle

und höchstens dazu diene, die Unzulänglichkeit des Könnens durch

vage Ausflüchte zu verhüllen. Des weiteren wendet sich Petrarca

gegen den ~Autoritätsglauben~ der Aerzte. Bei aller Verehrung, die

den großen Meistern des klassischen Altertums gebühre, dürfe man

doch dem Hippokrates und noch weniger dem Galenos eine absolute

Autorität zuerkennen, da auch ihre Kunst nicht auf vollkommen sicherer

Grundlage fußte; die bloße Berufung auf ihre Lehrmeinungen sollte

in der Medizin nicht entscheidend sein, wenn eigene Beobachtung

und selbständiges Urteil dagegen sprechen. Man müsse überhaupt der

Natur gehorchen, nicht dem Hippokrates, und ihr folgen, nicht weil

es etwa Galen so vorschreibt, sondern weil eine innere Mahnung es

uns also rate. Ueberdies stütze sich der blinde Autoritätsglaube

der Aerzte bloß auf die schwankende Interpretation der Alten, und

zwischen der griechischen und der gegenwärtigen Medizin bestehe nur

noch durch die ~gräzisierende Terminologie~[6] eine Gemeinschaft.

Am schlimmsten sei aber der ~Arabismus~[7], welcher überhaupt eine

Schmach der Zeit bilde und namentlich die Medizin um ihren alten Ruhm

gebracht habe. Im engsten Zusammenhange damit ständen die Verirrungen

der ~Astrologie~, ~Alchemie~ und ~Magie~, der ~Uroskopie~ und

~Koproskopie~, die Petrarca insgesamt ins Gebiet der Scharlatanerie

bezw. des Aberglaubens verwirft. Die ~Diätetik~, welche den Patienten

in übertriebener Weise, geradezu tyrannisch vorgeschrieben, übrigens

von den Aerzten selbst am wenigsten befolgt werde, kranke an inneren

Widersprüchen und entbehre wirklich zuverlässiger Voraussetzungen,

die ~Therapie~ sei zwar mit dem Nimbus einer Wissenschaft umgeben,

doch tatsächlich bloß ein Gewebe von kritikloser Leichtgläubigkeit und

bewußtem Trug; in der Praxis, die beinahe ganz dem Zufall preisgegeben

sei, nähmen freilich die Aerzte jeden günstigen Ausgang als ihr

Verdienst in Anspruch, während sie die Mißerfolge allen möglichen

Ursachen, nur nicht der einzig wahren, nämlich ihrer Unwissenheit,

zuschreiben. Aus dem Munde klar denkender und charakterfester Aerzte

habe er ganz ähnliche Urteile über die, jedweder Zuverlässigkeit

bare, Heilkunde vernommen. Nach dem Gesagten überrascht es nicht,

wenn Petrarca über die damalige Medizin den Stab bricht und die

Meinung ausspricht, daß die Tätigkeit der meisten ihrer Vertreter auf

Täuschung abziele[8], wovon er köstliche Geschichten erzählt. Hingegen

finden die mißachteten ~Chirurgen~ vor seinem strengen Richterstuhle

Gnade[9].

[6] Er betrachtet dieselbe als einen Kunstgriff der Scharlatanerie

und spricht ironisch von „Latina mors cum graeco velamine”.

[7] Gegen die Araber hegte Petrarca eine in religiösen und

ästhetischen Momenten tief wurzelnde Abneigung. Ihre poetischen

Produktionen erschienen ihm als saft- und kraftlos, ihre

philosophischen als ein ungeheurer Irrweg, insbesondere der

widerchristliche Averröes war ihm ein Greuel. Einen Freund,

der sich einst auf diese Autorität berief, bat er, ihm mit den

Arabern in jeder Beziehung vom Leibe zu bleiben, da er nicht

glaube, daß von ihnen irgend etwas Gutes kommen könne.

[8] An einzelnen Stellen kann Petrarca freilich nicht umhin, zu

betonen, daß es seltene Ausnahmen gebe -- stand er doch selbst

mit mehreren Aerzten in regem Verkehr, denen er vielseitige

Bildung nachrühmt, deren Bemühungen er anerkennt (Tommaso del

Garbo, Giovanni de Dondi, Francesco [di Bartolomeo Casini] da

Siena, Joh. de Parma). Auch verwahrt er sich energisch dagegen,

ein Feind der Aerzte oder der Medizin als solcher zu sein, ja er

nimmt sogar den Dank der letzteren für seine gründliche Kritik

der traurigen zeitgenössischen Zustände in Anspruch: Certa ipsa

mihi, vivas modo voces habeat, medicina gratias actura sit, si

eorum praesentem infamiam fando nudavero, qui antiquam illius

gloriam novis erroribus extinxerunt.

[9] Illos alios, quos chirurgos dicunt, quibus mechanicorum sordium

et infamiae nomen impingunt, et in me et in aliis remedia optima

sum expertus, et saepe vidi gravia vulnera seu foeda ulcera

fomentis adhibitis aut curare velociter aut lenire. Nempe quid

agant vident, mutant.

So sehr die arabistisch-scholastische Medizin hinter den Anforderungen

zurückblieb, die schon damals einzelne erlesene Denker an den

Betrieb der Wissenschaft stellten[10], eine unbefangene historische

Betrachtungsweise darf doch gewisse mildernde Umstände nicht ganz

unberücksichtigt lassen. Insbesondere das Faktum, daß die geistigen

Wandlungen, welche im Zeitalter der Prärenaissance merkbar werden,

erst viel später zum Abschluß gelangt sind, und daß die Heilkunde in

jeder Epoche nicht von den entstehenden, sondern nur von den bereits

siegreich durchgedrungenen Kulturideen beeinflußt wird. Auch kommt es

sehr darauf an, ob man den gesamten Werdeprozeß der Medizin als solcher

oder die allmähliche Entwicklung des medizinischen Wissens und Könnens

unter den abendländischen Völkern zum Standort der Beurteilung wählt.

Was im ersten Falle als absoluter Stillstand anzusprechen ist, verliert

zwar auch im zweiten Falle nicht den Charakter der Verirrung, erscheint

aber in hellerem Lichte, wenn man den Umfang der Literaturkenntnis,

die Stufe des theoretischen Denkens und selbst das praktische Können

des arabistisch-scholastischen Zeitalters mit dem Besitzstand der

Medizin des Abendlands im frühen Mittelalter vergleicht.

[10] ~Nicolaus von Ultricuria~ z. B. sprach 1348 die Ansicht aus,

daß nicht Aristoteles und seine Kommentatoren, sondern ~die

Dinge selbst~ das Ziel der Wissensdurstigen sein müßten; später

war es der Mediziner und scholastische Philosoph ~Raymund von

Sabunde~, der in seiner Theologia naturalis (um 1436) neben

dem Aristoteles auch das Lesen im „~Liber naturae~” empfahl.

Das medizinische Erbe des 13. Jahrhunderts traten •Bologna•,

•Padua•, •Montpellier• und •Paris• an; sie bildeten die Zentren der

wissenschaftlichen Tätigkeit und beherrschten mit ihren weitreichenden

Einflüssen auch die übrigen Schulen, deren Zahl nicht unbeträchtlich zu

wachsen begann[11]; Salernos einstige Größe lebte dagegen nur noch in

der Erinnerung fort[12]. Die Bahnen, welche ~Taddeo Alderotti~, ~Pietro

d'Abano~, ~Bernard de Gordon~ eröffnet hatten, bauten Schüler und

Enkelschüler emsig weiter aus, während die reformatorischen Bemühungen

des ~Arnaldo de Villanova~ nur ganz vereinzelt und keinesfalls

einen solchen Nachhall fanden, wie es im Interesse des Fortschritts

wünschenswert gewesen wäre.

[11] In Italien war die Heilkunde an den im 13. und 14. Jahrhundert

entstandenen Hochschulen von Vicenza, Arezzo, Vercelli,

Siena, Piacenza, Rom, Perugia, Treviso, Florenz, Pisa,

Pavia, Ferrara etc. vertreten. An den, an Zahl nicht geringen

Provinzialuniversitäten Frankreichs spielte die Medizin eine

ganz untergeordnete Rolle. Von den Hochschulen der pyrenäischen

Halbinsel kommen namentlich Salamanca und Lerida in Betracht.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erheben sich auf

deutschem Boden die Schulen von Prag und Wien.

[12] So sagt Petrarca: Fuisse Salerni medicinae fontem fama est;

sed nihil est, quod non senio exarescat.

Den gewählten Vorbildern entspricht die medizinische Literatur

des 14. Jahrhunderts deutlich genug. Sie ist durchaus ~rezeptiv,

kompilatorisch und kommentatorisch~, wobei die Lehrsätze der Araber,

des Galen und Aristoteles zur dogmatischen Voraussetzung dienen. Ueber

diese hinauszustreben, fühlte niemand den mindesten Antrieb, noch

die genügende Kraft, und das Endziel der Autoren lag einzig darin,

~den überkommenen Wissensstoff zu exzerpieren, zu interpretieren,

von Widersprüchen zu säubern, in eine übersichtliche, leicht

benützbare kompendiöse Form zu bringen~. Die literarischen Produkte,

welche teils den Erfordernissen der arabistisch-scholastischen

Forschungs- und Unterrichtsweise, teils den Bedürfnissen der Praktiker

entsprangen, lassen gewisse Hauptgruppen unterscheiden, als deren

wichtigsten (abgesehen von Spezialarbeiten) die folgenden zu nennen

wären: ~Medizinische Glossarien, Sentenzensammlungen, Kommentare

(Expositiones), Lehr- und Handbücher (Practica, Breviarium, Lilium~

etc. -- Einführungsschriften, Introductorium, Clarificatorium etc.)

~kasuistische Schriften~ (Consilia).

Die ~Glossarien~ (Erklärung der Kunstausdrücke, medizinische

Wörterbücher) wurden umso nötiger, als die Terminologie der

lateinischen Uebersetzungen arabischer Werke infolge vielfacher

Entstellung und Verstümmelung oft unklar war; sie beziehen sich

gewöhnlich nur auf die Namen der Heilmittel (Synonyma, vgl.

Steinschneider, „Zur Literatur der Synonyma”, Anhang zu Mondevilles

Chirurgie, herausgegeben von Pagel 1892). Zu den Sammelschriften im

weitesten Sinne gehören ~Concordanciae~, welche unter bestimmten

Schlagworten alle darauf bezüglichen Sentenzen der Autoritäten in

kurzen Exzerpten wiedergeben, ferner solche Werke, welche entweder

bloß das Wichtigste aus den Quellen zusammenstellen -- ~Aggregator~,

~Summa~ -- oder aber mittels der dialektischen Methode und Kritik die

Widersprüche der Autoritäten auszugleichen suchen -- ~Conciliator~.

Das formale Muster der medizinischen Literaturgattungen bildeten

theologisch-philosophische und ganz besonders auch juristische

Werke (Glossatoren, Postglossatoren), was sich schon in manchen

Titeln (z. B. Concordanciae, Summae) verrät und in der ganzen

Kommentatorentätigkeit deutlich zum Ausdruck kommt, wobei eben

irrigerweise seitens der Aerzte den galeno-arabischen Schriften

dieselbe autoritative Bedeutung beigemessen wurde, wie von Seite der

Theologen den Sententiae des Lombardus, wie von Seite der Juristen

dem Corpus juris. Interessant ist es, daß auch die Sammlungen von

Krankheitsfällen ihr Vorbild in der juristischen Literatur hatten,

schrieb doch z. B. der berühmte Rechtslehrer Baldus „Consilia”.

Das höchst voluminöse Schrifttum der Aerzte des 14. Jahrhunderts

stellt ein Denkmal rastlosen Eifers und erstaunlicher Gelehrsamkeit

dar, aber es liefert auch das abschreckendste Beispiel einer

gänzlich verfehlten Methode. Belesenheit und Autoritätsglaube nimmt

jene Stelle ein, welche der Beobachtung am Krankenbette gebührt;

endlose Syllogismen usurpieren den Platz der Erfahrung; spitzfindige

Definitionen, vage scholastische, rein abstrakte Erörterungen von

Problemen der Physiologie, Pathologie, Therapie bedeuteten damals

-- wissenschaftliche Forschung. Und wenn einmal in der dürren Wüste

selbstquälerischer Quaestiones und Propositiones, unglaublich subtiler

und unendlich weitschweifiger Argumentationes, Recollectiones,

Quodlibetationes etc. eine Kasuistik als Oase auftaucht, dann erdrückt

alsbald ein Schwall von haltlosen, dem Aristotelismus erborgten

Spekulationen oder eine Unmasse von bunt zusammengewürfelten Rezepten

die ohnedies dürftige Krankheitsschilderung.

Da die Autoren nicht aus dem frischen Born des Lebens, sondern aus der

gemeinsamen alten Buchweisheit schöpften und sich bei der Verarbeitung

der Ueberlieferung so ziemlich im gleichen Gedankengange bewegten, so

herrscht eine ermüdende Einförmigkeit, eine geradezu trostlose Oede

in der Literatur, ja man macht sich -- wenigstens was den Hauptinhalt

anbelangt -- keiner allzugroßen Uebertreibung schuldig, wenn man sagt,

wer eine oder die andere der Schriften gelesen, kennt damit auch

schon die übrigen. Ueber den Wert des Geleisteten hat die Nachwelt

ihr Urteil gesprochen, indem sie nur einen bescheidenen Bruchteil des

umfangreichen Schrifttums der Druckerpresse übergab.

Mag es eine Aufgabe des Bibliographen und Literarhistorikers bilden,

die vielen noch im Staube der Archive ruhenden Manuskripte ans Licht zu

ziehen, sie zu registrieren und durch Neueditionen der Vergessenheit zu

entreißen -- die pragmatische Geschichtschreibung hat den Interessen

des geistigen Zusammenhangs schon dann hinreichend entsprochen, wenn

sie nur die allerwichtigsten Vertreter der medizinischen Scholastik

nennt, insbesondere jene, deren Ruf die Epoche überdauerte, deren Werke

im ärztlichen Studiengang längere Zeit hindurch eine Rolle spielten.

Die gefeiertsten Interpreten antiker[13] und arabischer Schriften, die

spitzfindigsten der medizinischen Dialektiker gingen aus Norditalien

hervor, wo der gerade damals zur Höchstentfaltung gebrachte juristische

Formalismus[14] und die eifrigst gepflegte arabisierte Peripatetik in

besonderem Maße begünstigend auf die Entwicklung der kommentatorischen

Tätigkeit einwirkten.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 59 / 76 段