insoweit dieselbe durch strenge Individualisierung, sorgfältige
Bedachtnahme auf den allgemeinen Kräftezustand, Bevorzugung der
diätetisch-exspektativen Behandlung den unvergänglichen Prinzipien
des Hippokratismus Rechnung trägt.
Arnaldus, welcher der Hygiene und Diät als Mitteln zur
Krankheitsverhütung die höchste Aufmerksamkeit widmete, eine Fülle
von vortrefflichen Vorschriften über die Regelung der Lebensweise in
seinen Werken aufzeichnete, legte auch bei Krankheiten (namentlich
bei jugendlichen Personen und bei chronischen Leiden) auf diätetische
Maßnahmen[87] besonderes Gewicht (Ernährung, Bäder, physikalische
Agentien etc.). Besonders hervorzuheben wäre seine weitgehende
diätetisch-therapeutische Verwertung des Weins am Krankenbette,
worüber eine eigene Schrift handelt[88]. Bei der Verordnung von
Medikamenten berücksichtigte er sorgfältig das Alter, Temperament, die
Lebensgewohnheiten etc. des Patienten; so lange die Diagnose nicht
feststand, ferner im Stadium der Krise, im Paroxysmus gebrauchte
er nur milde, indifferente Mittel. Die Auswahl und Dosierung der
Arzneien machte er von präzis gefaßten Indikationen abhängig, auf die
Zubereitung der Medikamente verwendete er peinliche Sorgfalt. In sehr
anerkennenswerter Weise bekämpfte er den leichtfertigen Gebrauch von
Substanzen, die noch nicht genügend erprobt waren, der Narkotika u. a.
Sein Heilschatz umfaßte vorwiegend pflanzliche, aber auch tierische
und mineralische Stoffe. Die subtile Heilmittellehre beruht auf den
bekannten fiktiven Voraussetzungen der Qualitäten, Komplexionen,
Graden der Arzneien, neu ist darin die Annahme einer „spezifischen
Proprietät” der Arzneikörper. Als Therapeuten kamen Arnald seine
bedeutenden chemischen Kenntnisse sehr zu gute (~Destillation
des Alkohols~ aus Rotwein, ätherische Oele, aromatische Wässer,
metallische Präparate)[89], jedenfalls ist er als einer der Väter der
medizinischen Chemie anzusehen. Außer der Diät und den Medikamenten
spielte die Blutentziehung (Blutegel, Schröpfköpfe, Aderlaß) in seiner
Behandlungsweise keine geringe Rolle.
[87] Parabolae, Doctr. II, aph. 8. 9. 11. 12. Prudens et pius
medicus morbum expellere satagit ante cibis medicinalibus quam
medicinis puris. -- Cuicunque potest per alimenta restitui
sanitas, fugiendus est penitus usus medicinarum. -- Modestus et
sapiens medicus nunquam properabit ad pharmaciam, nisi cogente
necessitate, cum etiam debilia, quibus corpus non indiget, sint
nociva. -- In pueris et decrepitis verendum est pharmacare,
juvenibus quoque suspectum est crebro sumere pharmaciam.
[88] De vinis. Vgl. über den Inhalt S. 392.
[89] Nach neueren Forschungen darf Arnald freilich die Entdeckung
des Alkohols, der Terpentinessenz, der Salz- und anderer
Säuren nicht zugeschrieben werden, dessenungeachtet bleibt die
Einführung des Alkohols in die Medizin sein Verdienst.
Was die Chirurgie anlangt, so wandte er ihr wohl Interesse zu,
doch scheint es, daß die praktische Ausübung derselben ihm fernlag,
immerhin wird er auch als chirurgischer Schriftsteller von Späteren
zitiert. Die Parabolae medicationis enthalten allgemeine Grundsätze,
über chirurgische Krankheiten und deren Behandlung im speziellen
handelt das Breviarium. Arnald erwähnt darin zwar die wichtigsten
Operationen, verhält sich aber z. B. gegen den Steinschnitt, die
Herniotomie, die Kropfexstirpation ablehnend. Bei dieser Gelegenheit
sei hervorgehoben, daß das Breviarium manches Interessante in Bezug
auf Gynäkologie (Lageanomalien, Vorfall des Uterus, Hysterie) und
Geburtshilfe bietet (Lib. III, cap. 4 wird zum ersten Male in der
Literatur ~die vollkommene Fußlage zu den naturgemäßen gerechnet~,
ferner ist a. a. O. auch die ~Wendung auf den Kopf oder die Füße~
erwähnt). Zaubersprüche am Kreißbette werden verworfen, hingegen
spielt die Astrologie in der Aetiologie und Therapie auch hier eine
wichtige Rolle.
Von tiefer Einsicht zeugt es, daß er in der Krankenbehandlung dem
~psychischen~ Faktor eine besondere und weitreichende Bedeutung
beimißt, gewiß dankte er selbst gerade diesem Moment viele seiner
~glücklichen Erfolge in der Praxis~[90]. Sagt er doch, „für den Arzt
kommt alles darauf an, daß er in rechter Weise die Leidenschaften
der Menschen benutzen kann und ihr Vertrauen zu gewinnen und ihre
Einbildungskraft in Bewegung zu setzen versteht: dann kann er alles
ausrichten”.
[90] Damit steht es auch im Zusammenhang, daß er ängstlichen
Patienten übel aussehende Arzneien im Dunkeln gibt (De aquis
medicinalibus, cap. 3), für Rekonvaleszente eine Ortsveränderung
empfiehlt (Parabol. medicat., Doctr. VII, aphor. 2), daß er
auf die Ideen der Geisteskranken liebevoll eingeht (De parte
operativa) u. s. w.
Bei all dem wäre es ganz verfehlt, den Katalonier für einen
vollwertigen Vertreter des Rationalismus (im modernen Sinne) zu
halten, denn tatsächlich finden ~in Arnalds medizinischem Denken
auch die verschwommenen Ideen einer mystischen Naturauffassung~ noch
genügend Platz, auch als Arzt läßt er daran keineswegs vergessen, daß
er der Astrologie und anderen Geheimwissenschaften, allerdings nicht
bedingungslos, Zutrauen schenkte, daß er ein eifriger Alchemist[91]
war. Wie hart die Gegensätze in seinem Kopfe aufeinander stoßen,
wie wenig sich Arnald zur völligen Klarheit durchzuringen vermag,
beweisen zahlreiche Stellen in seinen Werken. Derselbe Mann,
der so exakte Krankheitsbilder zeichnete, den magischen Ursprung
gewisser Affektionen, z. B. der Sterilität, bestritt[92], ließ
Geisteskrankheiten etc. manchmal durch Zauberei und Inkantationen
entstehen[93], verwendete Amulette zu therapeutischen Zwecken[94],
hielt das Gold für ein Universalmittel[95], unterwarf Prognose und
Behandlung der Beobachtung der Konstellation[96], glaubte an die
Vorbedeutung der Träume[97], berichtet, wie er sich selbst die Warzen
durch Besprechen vertreiben ließ[98] u. s. w.
[91] Als Alchemist hat sich Arnald einen langdauernden Nachruhm
erworben, fast alle späteren Anhänger der spagirischen Kunst
erwähnen ihn als einen Meister; eine Menge von alchemistischen
Schriften, darunter freilich nicht wenige fälschlich, gehen
unter seinem Namen. Aus der Untersuchung derselben erhellt,
daß er aus der älteren Literatur schöpfte und mit ehrlicher
Ueberzeugung arbeitete, ohne es freilich an Renommistereien,
wie sie sich ja in allen derartigen Schriften finden, fehlen
zu lassen. Rührt doch von Arnald der Ausspruch her, daß er
das Meer mit seinem Elixier in Gold verwandeln wollte, wenn
es aus Quecksilber bestände. Noch mehr als bei der Mitwelt
stand er bei der Nachwelt im Rufe eines Zauberers, dem der
Teufel die Transmutation der Metalle ermöglicht hätte. Als
Principia naturalia nahm er ~Merkur~ und ~Sulfur~ an, d. h.
das Prinzip des Unzersetzbaren, des Metallglanzes u. s. w.
und das Prinzip der Zersetzbarkeit, Veränderlichkeit. Der
Unterschied der Metalle beruhe auf der größeren oder geringeren
Beimengung des schwefligen Prinzips, die Möglichkeit der
Transmutation auf dem gemeinsamen Ursprung der Metalle. Arnalds
schwer analysierbares Verfahren bestand der Hauptsache nach in
wiederholtem Destillieren bezw. Sublimieren von Quecksilber,
Kupfer-, Gold- und Silberamalgamen mit Essig und Salzzusatz,
Verreiben, Filtrieren, einigen Oxydationsprozessen über dem
Feuer, Trennung von den Verunreinigungen. Sehr bemerkenswert
sind die beliebten ~Vergleiche der alchemistischen Prozesse
mit organischen Vorgängen~, der Zeugung, Geburt, dem Wachstum
etc.; die Bestandteile des Steins der Weisen entsprechen dem
Leib, dem Spiritus, der Seele. -- Seit dem letzten Drittel
des 13. Jahrhunderts war die Beschäftigung mit der Alchemie im
Abendlande, besonders auch in Klöstern, weit verbreitet.
[92] In den Traktaten de coitu, de conceptione und de sterilitate.
[93] De parte operativa. Der Traktat Remedia contra maleficia,
welcher allerlei Mittel gegen Zauber enthält, ist aber apokryph.
[94] Insbesondere unter astrologischen Einflüssen angefertigte
Siegel (z. B. das Löwensiegel, vgl. S. 389 Anm. 1). Der Traktat
de sigillis handelt eigens über die Herstellungsweise solcher
Amulette.
[95] Die Aqua auri, erzeugt durch eine glühende, in Wein abgelöschte
Goldplatte preist er als Panazee gegen Aussatz. Während aber
im Rosarius philosophorum das durch ~alchemistische~ Künste
bereitete Gold als Universalmittel gepriesen und demselben
sogar der Vorrang gegenüber dem natürlichen Gold zugesprochen
wird, heißt es in der Schrift de vinis: „Ideo falluntur in hoc
alchimistae. Nam etsi substantiam et colorem auri faciunt,
non tamen virtutes praedictas in illud infundunt” -- womit
eigentlich über die Alchemie überhaupt der Stab gebrochen wird.
[96] Die Schriften Arnalds sind größtenteils von der Astrologie
durchsetzt, speziell handelt aber der Traktat Capitula
astrologiae darüber; darin wird eingehend die Wichtigkeit der
Astrologie für die Stellung der Prognose (kritische Tage), für
die Arzneibereitung, für die Darreichung gewisser Mittel (z. B.
der Laxantien), für die Ausführung des Aderlasses etc. erörtert.
Arnald beruft sich auf Hippokrates und Galen und meint, wenn
jemand weiter gehe als diese, so überschreite er die Grenzen
der Medizin (Speculum introductionum medicinalium, cap. 97).
Daß Arnald anderseits die Unverläßlichkeit der Astrologie
erkannte und die Beobachtung am Krankenbette höher stellte,
geht aus einer merkwürdigen Stelle hervor, wo er sagt, der
Arzt, welcher die Astrologie vernachlässigt, fällt nicht in
untrügliche Irrtümer (De judiciis astronomiae, cap. 10). -- Bei
Beurteilung dieses Sachverhalts muß man in Erwägung ziehen, daß
man damals selbst von theologischer Seite die Vernachlässigung
gewisser Konstellationen in der ärztlichen Praxis als sündhaft
bezeichnete, so sehr man vom Gesichtspunkte des freien Willens
die absolute Einwirkungskraft der Gestirne bestritt.
[97] Expositiones visionum. Soweit die Medizin in Betracht kommt,
schließt er übrigens, was nicht zu verdammen ist, auf einen
natürlichen Zusammenhang der Träume mit körperlichen Zuständen
(z. B. Plethora-Alpdrücken).
[98] Breviar. II, cap. 51. Ein Geistlicher führte die Wunderkur
aus durch ein Paternoster mit verändertem Schlußsatz. Gegen
Halskrankheiten findet sich der Blasiussegen empfohlen.
Alle diese Diskrepanzen entbehren übrigens nicht der verbindenden
Logik. Denn, was uns vom Standpunkt moderner Auffassung in
unversöhnlichem Gegensatz zu stehen scheint -- das Naturgeschehen
und die angeblichen magischen Phänomene --, war für Arnald durch
keine unüberbrückbare Kluft voneinander geschieden, bildete doch den
Kern seiner Gesamtanschauungen die Lehre von den Wechselbeziehungen
zwischen der planetarischen und elementaren Welt, von der Korrespondenz
zwischen Makro- und Mikrokosmus. Im Dämmerlichte der Astrologie, die
ja allgemein als exakte Wissenschaft galt, lag es nur zu nahe, mit
dem okkulten Begriff der astralen Influenz wie mit einem Naturgesetz
zu hantieren und in ihm den Schlüssel zur Erklärung jener zahlreichen
wirklichen oder bloß vermeintlichen Tatsachen zu suchen, welche die
beschränkte Schulweisheit überstiegen[99]. Es beweist in der damaligen
Epoche immerhin eine seltene kritische Begabung, daß Arnald, der a
priori aus platt rationalistischen Gründen keine Tatsache leugnete,
das Gebiet des Supranaturalismus wenigstens einzudämmen wußte.
[99] Auf astralen Einflüssen beruhe z. B. die Kraft gewisser
Amulette, die aus Pflanzen, Tierteilen oder Mineralien
gewonnen werden. Zauber sei besonders wirksam, wenn neben dem
Instrumentarium die Person des Zauberers selbst vermöge des
Sternbilds seiner Geburt eine entsprechende Kraft in sich trägt.
Diese Kraft könne später noch durch Einflüsse der Himmelskörper
verstärkt oder umgekehrt auch durch hemmende Konstellation
vermindert und aufgehoben werden. Die geheimnisvollen Kräfte
wirken durch Spiritus und Vapores, welche von den Personen
ausgehen. Infolgedessen könne in Krankheiten ganz unbeabsichtigt
ein Arzt oder ein Pfleger durch seine bloße Anwesenheit
nachteiligen Einfluß ausüben, wenn er eben die geheime Kraft
zur „Infektion” und Korruption des Spiritus in sich trägt, und
diese Kraft noch durch eine ungünstige Konstellation verstärkt
wird. (De parte operativa.)
~Arnald von Villanova~ gehörte einem Zeitalter an, in welchem der
blinde Autoritätsglaube herrschte, die geistige Freiheit fast nur in
der Mystik Zuflucht fand, die reale Forschung bloß von äußerst Wenigen
gepflegt wurde. Daß er als Arzt die letztere zum Schwerpunkt seines
Schaffens machte und mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit gegen
die Scholastik in die Schranken trat, daß er wieder aus dem Born der
Antike selbst zu schöpfen und dem Boden des Arabismus echte Früchte
zu entlocken verstand, sichert ihm eine hervorragende Stelle in der
Geschichte der Medizin.
Wie hoch der Katalonier trotz mancher Abirrungen vom richtigen Wege
zu werten ist, ergibt sich schon aus dem Vergleich mit dem berühmten
und lang nachwirkenden Lehrer der Schule von Montpellier an der Wende
des 13. Jahrhunderts, ~Bernard de Gordon~, noch mehr aber, wenn man
Arnald mit dem geistig verwandten Pietro d'Abano in Parallele zu
bringen versucht, welch letzterer im Beginne des folgenden Säkulums
den Ruf der Schule von Padua begründete.
•Bernardus de Gordonio• (~Gordonius~, ~Bernard de Gordon~), einer
der berühmtesten Aerzte des Mittelalters, stammte vermutlich aus
einem der verschiedenen Orte Frankreichs, welche den Namen Gourdon
führen (oder aus Schottland) und lehrte seit 1285 in Montpellier.
Er begann im Jahre 1305 sein lange Zeit sehr angesehenes Hauptwerk
~Lilium medicinae~, sive de morborum prope omnium curatione (Lugd.
1474, 1491, 1550, 1559, 1574, Neap. 1480, Ferrar. 1487, Venet. 1494,
1498, Paris 1542, Francof. 1617; französische Uebersetzung Lyon 1495,
spanische Uebersetzung Sevilla 1495, Toledo 1513) zu schreiben. Im
Vorwort erklärt G. den Titel des in ~sieben Particulae~ zerfallenden
Buches folgendermaßen: In Lilio enim sunt multi flores et in quolibet
flore sunt septem grana quasi aurea. Inhalt: Fieberkrankheiten,
Vergiftungen, Abszesse, Geschwülste, Lepra, Hautkrankheiten,
Wunden, Geschwüre, Hygiene für Seereisende, Affektionen des Kopfes,
Augen-[100], Ohren-, Mund- und Nasenleiden, Affektionen des Halses und
der Brust, Erkrankungen des Magen-Darmtraktes, der Leber, Milz, der
Nieren und Blase, der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane,
Geburtshilfliches (in diesem Abschnitt ist auch die Sectio caesarea
an der Toten angeführt), Antidotarium. Die Schrift spiegelt den
subtilen Scholastizismus, die Polypharmazie und den Aberglauben des
Zeitalters getreulich wieder und bedeutet, der Hauptsache nach, nur
eine Konservierung arabischer Anschauungen, zeichnet sich aber durch
Kürze und Uebersichtlichkeit aus. Manche Behandlungsarten fallen durch
ihre Seltsamkeit auf, z. B. die auch von Späteren angewandte Ekelkur
gegen Liebeswahnsinn („Amor hereos”). Die chirurgischen Abschnitte
verraten eine übertriebene Scheu vor operativen Eingriffen. Rühmend
ist die Beschreibung der ~Lepra~ hervorzuheben. Von der Anwendung
der Alchemie auf die Medizin sagt G. modus chimicus in multis est
utilis in medicina, in aliis vero est ita tristabilis, quod in
ejus via infinitissimi perierunt. Schwindsüchtigen erteilt er unter
anderem den Rat, den Atem möglichst anzuhalten oder „ohne Erbarmen”
täglich das Feuer anzublasen. Außer dem Lilium medicinae verfaßte
G. noch folgende Schriften: ~Regimen acutarum~ (aegritudinum) in 3
Abschnitten, ~de ingeniis curandorum morborum~ (de indicationibus
curandorum morborum, de decem ingeniis), ~de phlebotomia~ in 4 Büchern
(1. de phlebotomia, 2. de urinis, 3. de pulsibus, 4. Regimen sanitatis
oder de conservatione vitae humanae), ~de floribus diaetarum~,
~de prognosticis in 5 Teilen~ (sämtlich gedruckt in der Ausgabe
des Lilium, Lugd. 1574), über den Theriak und über die Grade der
Arzneimittel (vgl. Pagel, Pharmaz. Post, Wien 1894 u. 1895); letztere
Schrift stützt sich auf die Lehre des Alkindus. Im 6. Kapitel heißt
es: Will man den Grad einer gemischten Arznei bestimmen, so muß man
die Verhältnisse der Bestandteile kennen und beherzigen, daß in einer
gleichmäßigen Mischung die warmen Teile genau den kalten entsprechen.
Eine im ersten Grade warme Arznei enthält zwei ganze Teile Wärme und
die halbe Portion Kälte. Beim zweiten Grad sind vier ganze Portionen
Wärme und eine Portion Kälte, d. h. ¼ der ganzen Wärmemenge. Im
dritten Grade ist die Wärme mit acht ganzen, die Kälte mit einer
Portion vertreten. Im vierten Grade sind es sechzehn ganze Teile
Wärme und ein Teil Kälte.
[100] In diesem Abschnitt (Part. III, cap. 5) wird von den •Brillen•
gesprochen. Es heißt dort nämlich von einem Augenwasser: et est
tantae virtutis quod decrepitum faceret legere literas minutas
sine ~ocularibus~.
•Pietro d'Abano• (d'Albano) -- ~Petrus~ (de Apono) ~Aponensis~
-- wurde 1250 als der Sohn eines Notars in dem, durch seine
Schwefelquellen berühmten Dorfe Abano (in der Nähe von Padua)
geboren. Ueber seinen Studiengang, der auf allseitige, gründliche
Ausbildung abzielte, ist nur wenig genauer bekannt. Fest steht
jedenfalls die ganz ungewöhnliche Tatsache, daß er sich während eines
längeren Aufenthalts in Konstantinopel die Kenntnis des Griechischen
aneignete -- hauptsächlich, um die Problemata des Aristoteles aus dem
Originaltext übersetzen zu können. Von dort zurückgekehrt, setzte er
seine Studien (besonders in der Philosophie, Mathematik, Medizin)
in ~Paris~ weiter fort, um sodann an dieser Hochschule als Lehrer
der Philosophie zu wirken -- mit einem Erfolge, der ihm den ehrenden
Beinamen „~le grand Lombard~” eintrug. Wie manche andere geistvolle
Männer seines Zeitalters traf aber auch ihn nur zu bald der Argwohn,
die Anklage der Ketzerei und Magie von seiten der Dominikaner,
doch wußte er sich gegenüber den gefährlichen Anfeindungen zu
rechtfertigen und nach einer Reise an die Kurie vom Papste Bonifacius
VIII. ein Absolutionsdekret zu erlangen. Noch in Paris begann er
seine Hauptwerke zu schreiben, den Conciliator und den Kommentar
über die Problemata des Aristoteles. Im Jahre 1306 eröffnete er --
einem Rufe der Heimat folgend -- seine medizinische Lehrtätigkeit in
~Padua~. Pietro d'Abano, der durch erstaunliche Gelehrsamkeit und
tiefbohrenden Scharfsinn die meisten Zeitgenossen überragte, wurde
von denselben wie ein Wunder angestaunt -- es heißt unter anderem,
daß Gentilis da Foligno sich in der Nähe seines Hörsaals auf die
Knie warf und ausrief: „Salve o santo tempio” --, sein Ruhm drang
weithin, aber ebensowenig wollten die Verdächtigungen seiner Neider
verstummen, denen er ja durch seine uneingeschränkte Verteidigung der
~Astrologie~, noch mehr durch seine Anhänglichkeit an den kirchlich
verfemten ~Averroismus~ Handhaben zur Anklage der Magie und Häresie
bot. Glücklicherweise verhinderte der mächtige Schutz der Stadt Padua
und das Wohlwollen der Päpste das Märtyrertum des großen Arztes.
Pietro d'Albano, der 1314 noch die ehrende Aufforderung erhalten
hatte, an der neu gestifteten Schule von Treviso als Professor der
Medizin und Physik zu wirken, starb ein Jahr darauf. Gerade in seinem
letzten Lebensjahre waren seine Feinde so weit gekommen, daß die
Inquisition gegen ihn den Ketzerprozeß förmlich eröffnete. Wiewohl
Pietro in seinem Testamente ein feierliches Glaubensbekenntnis
hinterlassen hatte, wurde der Prozeß fortgesetzt und endete mit der
Verurteilung des Beschuldigten. Nach einer Version soll das Urteil
tatsächlich an dem aus dem Grabe gerissenen Leichnam vollstreckt
worden sein, nach anderen Angaben mußte man sich mit der Verbrennung
in effigie begnügen. Das dankbare Padua setzte aber ein Jahrhundert
später dem großen Mitbürger ein Denkmal.
Von seinen Schriften -- für deren langdauernde Beliebtheit schon die
Frühdrucke sprechen -- wären zu erwähnen das Hauptwerk ~Conciliator
differentiarum philosophorum et praecipue medicorum~ (Venet. 1471 u.
ö., Mantua 1472, Venet. 1496 u. ö., noch im 17. Jahrhundert Georg.
Horst, Conciliator enucleatus, Giess. 1615, 1621), ferner ~De venenis
eorumque remediis~ (Mant. 1472, Francof. 1679), ~Hippocratis libellus
de medicorum astrologia finitus, in latinum reductus~ (Venet. 1485,
angebliche Uebersetzung einer pseudohippokratischen astrologischen
Schrift), ~Quaestiones de febribus~ (in Coll. de febrib., Venet.
1576), ~Textus Mesuae emendatus~ (Venet. 1505, Lugd. 1551), auch
als ~Supplementum in secundum librum compendii secretorum Mesuae~
(in den Venediger Ausgaben des Joh. Mesuë, bildet eine Ergänzung
zum 2. Buche des Grabadin resp. der Practica des Mesue und besteht
aus Abhandlungen de syncopi, de tumoribus mamillarum und über die
Magen-Darmkrankheiten), Expositio problematum Aristotelis (Mant.
1475, Paris 1520), Liber compilationis physionomiae (Patav. 1475),
Geomantia (Venet. 1549).
~Pietro d'Abano~ (1250-1315) -- •Petrus Aponensis• -- erinnert in
mehrfacher Hinsicht an Arnald von Villanova und mußte gleich diesem
erfahren, mit welch wachsamem Auge die Inquisition den ersten
Regungen der Geistesfreiheit folgte. Wie der Katalonier, war auch der
Lombarde ein kühner Denker, ein scharfer Kritiker, ein von universalem
Erkenntnistrieb erfüllter ~Naturphilosoph, mit starker Hinneigung zu
den Geheimlehren (namentlich zur Astrologie)~; wie Arnald, überstrahlte
auch Pietro d'Abano die ärztlichen Zeitgenossen durch sein reiches,
besonders aus der ~arabischen~ Literatur geschöpftes Fachwissen,
durch seine umfassenden ~naturwissenschaftlichen Kenntnisse~, durch
seine ~linguistische Bildung~. Beide haben auch das gemein, daß sie,
unbefriedigt vom Bestehenden, die Medizin aus chaotischer Zerklüftung
zu einem, in sich einheitlichen, harmonischen Ganzen erheben
wollten. Die Art aber, wie der eine und wie der andere den Aufbau
der Heilwissenschaft begann, die ganz verschiedene Position, die sie
als medizinische Forscher, Lehrer und Schriftsteller gegenüber der
Scholastik einnahmen, scheidet sie unversöhnlich voneinander -- wahre
Antagonisten.
Während nämlich Arnald von Villanova der Erfahrung, wenn auch oft
nur einer unkritischen, durch Vorurteile getrübten, die Suprematie
so weit als möglich zuerkannte, glaubte ~Pietro d'Abano~, in
felsenfestem Vertrauen auf die souveräne Macht philosophischer
Spekulation, den Widerstreit naturwissenschaftlich-medizinischer
Ansichten, die Fülle der theoretischen und praktischen Probleme
einzig allein durch ~kritische Abwägung autoritativer Lehrsätze~,
durch ~feinste Begriffsanalysen~, durch ~formal über jeden Einwand
erhabene Syllogismen~ lösen zu können. Wie Arnald, soweit er auf
arabischer Grundlage steht, als Jünger des Rhazes und Ali Abbas und
Avenzoar erscheint, so repräsentiert Pietro d'Abano im Abendlande
die Richtung des Avicenna und des ~Averroës~, welch letzterem er
schon als Philosophen die höchste Verehrung entgegenbrachte. Ja, man
kann sagen, ~im Abendlande wurde gerade Pietro d'Abano neben Thaddeo
Alderotti~, den er aber an Weitblick, an Umfang und Tiefe des Wissens,
an Subtilität und Konsequenz der Methode übertrifft, ~zum Vorbild für
alle späteren medizinischen Dialektiker~.