•Parabolae• ~medicationis secundum instinctum veritatis aeternae,

quae dicuntur a medicis regulae generales curationis morborum~,

separat gedruckt Basil. 1560, 1565, Altenburg 1638, in der Articella

Lugd. 1534, Hauptwerk des Arnaldus Philipp dem Schönen (1300)

gewidmet, aus sieben Doktrinen mit 345 Aphorismen bestehend (der

Kommentar zu den Aphorismen rührt von einem Schüler her). Inhalt:

~Allgemeine Grundsätze, spezielle interne und~ (von der 5. Doktrin

angefangen) ~chirurgische Pathologie und Therapie~. Diese Aphorismen

enthalten viele bedeutsame Wahrheiten und verraten philosophischen

Geist, Erfahrung, selbständiges Urteil. ~Tabulae quae medicum

informant specialiter cum ignoratur aegritudo.~ Anempfehlung einer

exspektativen oder mit diätetischen und indifferenten Mitteln

hantierenden Therapie in zweifelhaften Fällen, nach dem Grundsatz:

si non proficias, saltem non laedas. ~De parte operativa~, handelt

über Nervenleiden, Gehirnaffektionen, mit einem Anhang über Magen-

und Darmtumoren. ~Aphorismi de ingeniis nocivis, curativis et

praeservativis morborum, speciales corporis partes respicientes~,

summarische Pathologie (Lethargie, Phrenesis, Paralyse, Apoplexie,

Epilepsie u. s. w.). ~Compendium medicinae practicae~ •Breviarium•

~practicae a capite usque ad plantam pedis, cum capitulo generali de

urinis et tractatus de omnibus febribus, peste empiala et liparia~,

erschien in Sonderausgabe Mediol. 1483, Venet. 1494, 1497, Lugd. 1532,

früher von mancher Seite dem Arnaldus abgesprochen[80], besteht aus 4

Büchern, von denen die beiden ersten die örtlichen Krankheiten, das

dritte die Lehre von den Frauenkrankheiten und die Behandlung bei

Verletzungen durch giftige Tiere enthalten (eine Zusammenstellung,

welche der Verf. boshafterweise damit begründet, „quia mulieres ut

plurimum sunt animalia venenosa”); das vierte Buch handelt von der

Harnsemiotik, von den Fiebern (auch in der Coll. Venet. de febr. 1576)

und von einer Reihe von Respirations-, Digestions- und Nervenleiden.

~Das Breviarium nimmt unter den medizinischen Werken des Mittelalters

eine ganz besonders hervorragende Stellung ein und beruht nicht

bloß auf Schulmeinungen, sondern auch auf wirklich selbständiger

Beobachtung~; bemerkenswert ist es, daß der Verf. sich nicht scheute,

auch von Empirikern und einfachen Frauen zu lernen, wobei freilich

mancher therapeutischer Aberglauben mit unterläuft. In den Zitaten

sind nicht wenige sonst ganz unbekannte Aerzte angeführt. ~Practica

summaria~, seu regimen ad instantiam domini papae Clementis. Therapie

in 29 kurzen Kapiteln (von der Astrologie stark durchsetzt). ~Regimen

sive consilium quartanae~ (in Briefform an den Papst Clemens V.?

gerichtet), hauptsächlich diätetisch. ~Consilium sive cura febris

ethicae~ (gleichfalls in Briefform), hygienisch-therapeutisch.

~Consilium sive regimen podagrae.~ Deutsche Uebersetzung Straßburg

1576. Rezeptsammlung gegen Gichtanfall und Gichtschmerz. ~Tractatus

de sterilitate tam ex parte viri quam ex parte mulieris. Signa

leprosorum.~ Als diagnostische Mittel zur Erkennung des Aussatzes

werden auch gewisse Veränderungen des Harns, Pulses, des Blutes, der

Stimme angeführt. ~De amore qui heroicus nominatur.~ Ueber physische

und psychische Folgen der unglücklichen Liebe und die zweckmäßigste

Behandlung (in Briefform an einen Arzt). Der Sitz des Leidens wird

ins Gehirn verlegt, die therapeutischen Mittel sind Zerstreuungen,

Spaziergänge, Musik, Bäder, religiöse Gespräche. ~Remedia contra

maleficia~, handelt von Mitteln gegen dämonische Verhinderung des

Geschlechtsverkehrs. Sicher eine unterschobene Schrift. ~Regulae

generales de febribus.~ Unterschobene Schrift. ~Tractatus contra

calculum~ (an den Papst Benedikt XI.? gerichtet). ~Regimen curativum

et praeservativum contra catarrhum~, handelt nicht bloß von Katarrhen

im engeren Sinne, sondern auch von rheumatischen Affektionen. ~De

tremore cordis~, enthält viele eigene Beobachtungen. Versuch einer

Trennung des bloß symptomatischen Herzklopfens von den primären und

sekundären Herzleiden. Therapie. Diätetisches Regime, Evakuantia,

Diuretika. ~De epilepsia. Recepta electuarii mirabilis praeservantis

ab epidemia~ et confortantis mineram omnium virtutum. Destillat

des Blutserums. ~De sanguine humano~ ad mag. Jacobum Toletanum in

Briefform, gedr. mit anderen Schriften in Basel 1597 (als Anhang

zu Joh. Rupescissa, de consideratione quintae essentiae), Lugd,

1572 (in angebl. Conr. Gesners Evonymus sive de remediis secretis),

London 1576 (in der engl. Uebersetzung des genannten Werkes The

newe Jewell of Health), neu publiziert von J. F. Payne im Janus

1903). Empfehlung eines Destillats aus Menschenblut als kräftigstes

Wiederbelebungsmittel und Lebenselixir. Vgl. die Schr. Recepta

electuarii mirabilis etc. ~Tractatus medicinae regalis.~ Unter

den Rezepten findet sich auch dasjenige für aromatische Wässer,

für das Goldwasser etc. Das Astrologische ist stark vertreten. ~De

phlebotomia~, höchstwahrscheinlich unterschobene Schrift.

[80] Als Verf. wurde ein anderer Arnoldus angenommen, wobei man sich

namentlich darauf stützte, daß im Breviarium eine Reihe von

Neapolitanismen vorkommen.

In französischer und spanischer Uebersetzung läuft auch ein

Thesaurus pauperum unter Arnaldos Namen.

Zur Kosmetik.

~De ornatu mulierum.~ Kulturgeschichtlich sehr interessant. Enthält

auch Rezeptformeln gegen Hautleiden. ~De decoratione.~

Kommentare.

~Commentum super libello De mala complexione diversa cum textu

Galieni.~ ~Quaestiones super libro De mala complexione diversa.~ Ganz

scholastisch. ~Commentum super Regimen Salernitanum.~ Kommentar zu

dem Salernitanischen Lehrgedicht (das in dieser Redaktion aus 370

Versen besteht), auf Grund der galenischen Temperamentenlehre. Die

Verbreitung des Kommentars war eine enorme. Zahlreiche Ausgaben.

~Commentum super canonem: Vita brevis.~

Uebersetzungen.

Liber Costae ben Lucae de physicis ligaturis. Liber Avicennae de

viribus cordis (gedr. z. B. in den Op. Avicennae, Venet. 1570, t. IV).

Zur Astrologie, Alchemie etc.

~Capitula astrologiae de judiciis infirmitatum secundum motum

phanetarum~, auch unter den Titeln Compendium astronomiae,

Introductorium astrologiae in scientiam judiciorum astrorum,

Introductorium astrologiae pro medicis, Brevis tractatus

introductorius ad judicia astrologiae. ~Sigilla.~ Ueber Talismane.

~Expositiones visionum quae fiunt in somno.~ Traumdeuterei als

Wissenschaft betrachtet, wahrscheinlich unterschoben. Von den

unter dem Namen des Arnaldus gehenden, gewiß nur teilweise echten

alchemistischen Schriften sind gedruckt: Thesaurus thesaurorum,

~Rosarius philosophorum ac omnium secretorum~; Novum lumen; Perfectum

magisterium et gaudium (auch unter anderen Titeln, z. B. Flos

florum); Epistola super alchymia ad regem Neapolitanum; De lapide

philosophorum; Cathena aurea; Testamentum; Novum testamentum; Speculum

alchymiae; Fractica; Semita semitae; Quaestiones tam essentiales quam

accidentales; Carmina Tractatus parabolarum; Explicatio compendii

alchimiae Joannis Garlandii. -- Handschriftlich ist noch eine

ganze Reihe angeblich von Arnaldus herrührender medizinischer bezw.

alchemistischer und astrologischer Schriften bekannt.

Die Lebensgeschichte und das Wirken des berühmten Kataloniers ist zwar

teilweise an Montpelliers aufblühenden Ruhm geknüpft, unbestreitbar

lebt auch die Gestalt des ~Arnald von Villanova~ besonders als Arzt

und Alchemist im Gedächtnis der Nachwelt fort, tatsächlich aber reichte

sein Denken und Schaffen nicht nur über den Bannkreis einer bestimmten

Schule, sondern über die Grenzen der Heilkunst selbst weit hinaus.

Das Wesen des merkwürdigen Mannes, der in sich den Arzt mit dem

Alchemisten, den religiösen Schwärmer mit dem berechnenden Politiker

vereinte und dessen vielseitige Ueberlegenheit schon von den

Zeitgenossen empfunden wurde, bildet geradezu einen Ausschnitt der

spätmittelalterlichen, im Ringen nach neuen Werten begriffenen Kultur.

Es ist eine kraftbewußte, von faustischen Trieben nach universaler

Erkenntnis erfüllte, von heißer religiöser Sehnsucht durchglühte

Individualität, die uns hier entgegentritt, eine Vollnatur, die in

ihren Licht- und Schattenseiten auch dort, wo sie sich bloß ärztlich

manifestiert, nur aus der gesamten Weltanschauung heraus erfaßt

werden kann, aus einer Weltanschauung, welche Verstandesschärfe mit

Gemütstiefe, Denkklarheit mit Phantastik und Mystik wundersam verwebte.

Die Richtungen, in denen sich der Genius Arnalds reformatorisch

versuchte, waren wohl recht verschiedenartig, doch im Grunde entsprang

die Mannigfaltigkeit seiner geistigen Betätigung nur aus einer

einzigen Wurzel, aus der, an Roger Bacon erinnernden, in reicher

Lebenserfahrung, im warmen Naturempfinden, im inbrünstigen Gottessuchen

erwachten Abneigung gegen jenen einseitigen Intellektualismus und dürr

abstrakten Formalismus, welcher im Zeitalter der Scholastik auf den

Gebieten des Glaubens und der Wissenschaften drückend lastete.

In erfreulichem Gegensatz zur sonstigen medizinischen Literatur dieser

Epoche sind Arnalds Schriften keine formalen, in Begriffskonstruktionen

aufgehenden Ueberarbeitungen, keine dogmatisch gebundenen

Interpretationen fremder Vorlagen, vielmehr bilden sie ein von frischem

Forschergeist durchwehtes Ganzes, in welchem das Tatsächliche und das

Persönliche vorwaltet. Man spürt die Nähe eines geistesgewaltigen,

denkmutigen Mannes, der die Tradition gebührend ausnützte, ohne von

ihr erdrückt zu werden, der nicht nur aus toter Büchergelehrsamkeit,

sondern auch aus Natur und Leben sein Wissen zu schöpfen wußte[81],

der zwar nirgends die herkömmlichen Grundanschauungen durch umwälzende

Erkenntnisse überwand, aber den überlieferten Erfahrungsstoff souverän

zu meistern, zu mehren und vom Standpunkt des ~kritischen Synkretismus~

neu zu verarbeiten verstand.

[81] Im Prooemium zum Breviarium heißt es: et omnia, quae expertus

sum, et quaecunque per omnes magistros et viros et mulieres

etiam simplices et empiricos vidi temporibus meis experiri ...

clariter enarrabo.

In dem Systeme Arnalds -- denn von einem solchen läßt sich sprechen --

sind die medizinischen Hauptrichtungen vertreten, der ~Hippokratismus~

und ~Galenismus~, die ~Salernitanerschule~ und der ~Arabismus~, aber

keiner dieser Richtungen folgt der Katalonier blindlings. Er vertraut

am meisten dem Kompaß seines Wahrheitsinstinkts, seiner eigenen

Beobachtung, wirklichen oder vermeintlichen Erfahrung, er bewahrt

sich insbesondere der arabischen Medizin gegenüber eine überraschende

Selbständigkeit, er scheut unter Umständen in seiner Polemik nicht

einmal vor der sakrosankten Autorität eines Galen oder Avicenna

zurück[82]. Gerade, weil er tiefer als die Zeitgenossen zu den primären

Quellen herabstieg[83], fand er die Kraft in sich, ein freies Urteil

über den Wert der vorausgegangenen Entwicklung im einzelnen zu fällen.

[82] Abweichend oder sogar oppositionell gegen Galen tritt er

wiederholt auf, z. B. an mehreren Stellen in der Schrift de

intentionibus medicorum, in dem Kommentar zur Schr. de mala

complexione. Im allgemeinen freilich bringt er Galen und noch

mehr dem Hippokrates Ehrfurcht entgegen. Weit schärfere Worte

als gegen den Pergamener findet Arnald gegen ~Avicenna~, von

dem er einigemal sagt, daß er Galen ganz mißverstanden habe,

ja den er geradezu einen Schriftsteller nennt, welcher den

größeren Teil der abendländischen Aerzte verdummt habe („~qui

in medicina majorem partem medicorum latinorum infatuat~”.

De consid. oper. medic. Pars II, cap. 1). Es ist bezeichnend

für Arnalds medizinische Richtung, daß er den Kliniker

Rhazes im Gegensatz zu Avicenna ganz besonders verehrt und

ihn mit folgenden treffenden Worten charakterisiert: „vir in

speculatione clarus, in opere promtus, in judicio providus,

in experientia approbatus” (De divers. intentionib. medicinae

prooemium).

[83] Er wirft seinen Zeitgenossen mit Recht vor, daß sie statt

der Originalschriften sekundäre Machwerke (Summae) studieren:

Praeterea non in scripturis student, in quibus ars traditur

supradicta Galeni et Hippocratis, a quibus medicinam divina

concessione veraciter et perfecte novimus esse relevatam:

immo potius in chartapellis et summis, quae potissime magni

voluminis sunt, sicut in historiis ~Gilaberti~, fabulis ~Pontij~

et ~Galteri~. (De consid. oper. medicinae, prooemium.) --

Bei der unmittelbaren Berührung mit den in Spanien ansässigen

Sarazenen ist es nicht verwunderlich, daß Arnald das Arabische

beherrschte, daher die arabische medizinische Literatur nicht

nur intensiver, wie seine Zeitgenossen, sondern mit einer,

diesen fehlenden Kritik benützen konnte. Auf seine arabische

Sprachkenntnis weist z. B. folgende Stelle im Commentum super

libello de mala complexione diversa: nec est imputandum errori

transferrentis, quia in omnibus libris Arabum, quos invenire

potuimus, sic invenimus continere nec similiter imputandum

est defectui vocabulo in illa lingua, quoniam ad notificandum

dolorem secundo modo acceptum scimus in eo esse copiosos

sermones. Fast in allen Traktaten Arnalds kommen arabische

Ausdrücke, auch vulgär-arabische Worte vor. -- Vom Griechischen

scheint er dagegen keine oder höchstens eine ganz oberflächliche

Kenntnis besessen zu haben.

Die ~rationelle Empirie~ hält bei ihm die ~Dialektik~ in Schranken, und

wenn er auch hie und da den Lockungen der letzteren zu theoretischen

Subtilitäten nicht ganz zu widerstehen vermag, so gebraucht er sie

doch vorzugsweise nur dazu, um seine Gedanken und Beobachtungen

in das wissenschaftliche Gewand des Zeitalters zu kleiden. Ist

schon die Dialektik im Vergleich zur rationellen Empirie bloß von

untergeordneter Bedeutung, so gilt dies noch mehr von einem dritten

geistigen Element, der ~Phantastik~, die in Form der mystischen

Naturphilosophie (astrologisch-magische Wechselbeziehungen zwischen

Makro- und Mikrokosmos) zwar in Arnalds medizinische Gesamtauffassung

eingreift, jedoch darin keineswegs die Vorherrschaft erlangt.

Den besten Einblick in das Wissen und Können des großen Arztes gewähren

seine ~Parabolae medicationis~ und sein umfassendes Kompendium der

Medizin, das ~Breviarium~; im Verhältnis zu diesen beiden Meisterwerken

nehmen sich die übrigen Schriften wie Ergänzungen auf einzelnen

Gebieten oder in speziellen Fragen aus.

In der Anatomie[84], Physiologie und allgemeinen Pathologie[85] bietet

Arnald kaum etwas, was als wesentlicher Fortschritt über Galen und die

Araber hinaus angesehen werden könnte, hingegen offenbart sich sein

ausgesprochener Tatsachensinn, seine glänzende Begabung zur Beobachtung

in der ~speziellen Krankheitslehre~. Statt der weit ausgesponnenen

vagen Hypothesen, welche sonst in den mittelalterlichen Kompendien

die Hauptsache bilden, und deren Lektüre so unerquicklich machen, gibt

Arnald zunächst eine kurze Definition des betreffenden Leidens, dann

erörtert er eingehend die prädisponierenden und Gelegenheitsursachen

sowie die pathologische Physiologie, worauf eine ungemein sorgfältige

und eingehende Schilderung der Symptome unter Berücksichtigung des

differentialdiagnostischen und prognostischen Moments, zum Schlusse

die Behandlungsweise folgt. Wenn auch unvollkommen, sind seine oft

originellen ~Versuche der Krankheitsklassifikation~ doch jedenfalls

anerkennenswert.

[84] Wie sich aus vielen Stellen ergibt, besaß Arnald für die

Anatomie viel Interesse.

[85] Die Grundlage seiner Physiologie und Pathologie ist die

Qualitäten- und Säftelehre, jedoch räumt er den zwischen Körper

und Geist vermittelnden ~Spiritus~ besondere Bedeutung für das

Leben im gesunden und kranken Zustande ein.

Die Ueberzeugung, daß die kalte, trotz all ihres trügerischen Glanzes

inhaltsarme Dialektik weder den seelischen Bedürfnissen, noch den

wahren Erfordernissen der Wissenschaft zu entsprechen im stande

ist, daß die subtilste Syllogistik über den Mangel an sinnlicher

Erfahrung nicht hinweghelfen kann, also sein dem ~Scholastizismus

widerstrebender Standpunkt~ ist es vornehmlich, der Arnald gerade

als medizinischen Autor kennzeichnet und ihn hoch über die ärztlichen

Zeitgenossen erhebt, mag er auch sonst schon in Bezug auf seine Welt-

und Menschenkenntnis, umfassende Gelehrsamkeit, schriftstellerische

Produktivität und praktische Tüchtigkeit eine Ausnahmserscheinung

gewesen sein.

Die scharfe Bekämpfung des falschen Begriffs der Wissenschaftlichkeit

bildete aber bloß die eine Seite von Arnalds verdienstvollem Wirken,

denn ~ebenso energisch wie dem Mißbrauch der Dialektik in der Medizin

trat er auch dem planlosen therapeutischen Empirismus entgegen~,

der sich als Ausfluß skeptischer Anwandlungen und selbstzufriedener

Denkträgheit unter Außerachtlassung jedweder theoretischer Grundlagen

immer mehr auszubreiten begann.

Liegt schon in der Zurückweisung methodologischer Irrtümer ein

anerkennenswertes Verdienst, so steigerte der Katalonier dasselbe

noch erheblich, indem er von der negativen Kritik zur positiven Tat

fortschritt. Denn, während alle übrigen daran verzweifelten, dem

Dilemma des scholastischen Dogmatismus oder des rohen Empirismus

entrinnen zu können, zeigte er, daß der Weg der ~rationellen Heilkunde~

offen stand, d. h. derjenigen, welche die ratio mit dem experimentum

verknüpft, auf der beständigen Wechselbeziehung zwischen Theorie und

Praxis beruht, ihre obersten Leitsätze nicht einem fremden Ideenkreise

ungeprüft entnimmt, sondern aus der kritisch verarbeiteten Erfahrung

abstrahiert. Und jenen entgegentretend, die den wissenschaftlichen

Charakter der Medizin überhaupt in Frage zu ziehen wagten, suchte

er den Nachweis zu erbringen, daß sich die Heilkunde selbst in ihrem

empirischen Teile auf Vernunftprinzipien stütze, daß die allgemeinen

Grundsätze des ärztlichen Handelns sich geradezu aus dem natürlichen

Wahrheitsinstinkt des Menschen ergeben.

Mit der angestrebten rationellen Begründung der Heilkunst verbindet

Arnald auch eine hohe sittliche Auffassung des ärztlichen Berufes,

echte, von wahrer Frömmigkeit und tiefem Verantwortlichkeitsgefühl

durchdrungene Humanität.

Der Kampf, den Arnald von Villanova gegen zwei Fronten, den

unkritischen Empirismus und den Scholastizismus führte, spiegelt

sich in einigen seiner Schriften wider. So sagt er in dem Traktat ~de

considerationibus operis medicinae~, daß sich die Empiriker mit der

verworrenen Anhäufung von „Partikularitäten” begnügen, die sie noch

dazu aus sekundären Quellen schöpfen, „nam cum empirici sint, solum

in collectione particularium elaborant et ideo de illa (sc. de arte

seu regula rationis) solum notitiam crassam faciunt et obscuram”, auch

protestiert er dort energisch gegen diejenigen, welche der Medizin

Rationalität absprechen: De Galeno vero et Hippocrate necnon his,

qui perfecte eorum doctrinam intellexerunt, scimus, quod fuerunt

artifices rationis et artem habent et tradiderunt inveniendi formam

rectae operationis in applicatione causarum salubrium. ~Non enim

aestimandum, quod ratio sapientis artificis per incerta percurrat~,

imo ad inveniendam recti operis formam certis considerationibus

ambulat. In der Schrift ~de diversis intentionibus medicorum~ tadelt

er anderseits die Vernachlässigung der Erfahrung (vgl. auch S. 388,

Anm. 2). Eine geordnete Aufstellung der Grundsätze der praktischen

Medizin bieten die geradezu von hippokratischem Geiste erfüllten

~Parabolae medicationis secundum instinctum veritatis aeternae~, wohl

eines der hervorragendsten Werke des ganzen Mittelalters, welches die

gegenseitige Durchdringung von Theorie und Praxis darzutun versucht.

Von diesen Aphorismen seien hier einige ganz allgemeinen, meist

deontologischen Inhalts mitgeteilt: Omnis medela procedit a summo

bono. -- Qui non ut sapiat, sed ut lucretur, addiscit, in facultate,

quam elegit, efficitur abortivus. -- Convenit medicum efficacem esse

in opere, non loquacem, quia morbi non vocibus, sed rerum essentiis

aut viribus expelluntur. -- Vitando nociva et utendo juvantibus,

prosperatur in aegris opus curationis. -- Antequam innotescant species

aut proximae causae morborum, temperatis aut neutris regendus est

patiens. -- Cuicunque potest per alimenta restitui sanitas, fugiendus

est penitus usus medicinarum. -- Falax aut ignorans est medicus

quaerens rara et inusitata, cum possit communibus languendo subvenire.

-- Potens mederi simplicibus frustra et dolose composita quaerit. --

Quanto plura sunt componentia medicinae, tanto est compositi minus

certus effectus. -- In der größtenteils unechten deontologischen

Schrift Cautelae medicorum (de opificio medico) findet sich ein

Absatz, der seiner Tendenz nach von Arnald herrühren könnte: Nota

quod medicus debet esse in cognoscendo studiosus, in praecipiendo

cautus, et ordinatus, in respondendo circumspectus et providus, in

prognosticando ambiguus, in promittendo justus et non promittat

sanitatem, quia tunc exstirparet divinum officium et facit Deo

injuriam: sed promittat fidelitatem et diligentiam, sit in visitando

discretus et diligens in sermone, modestus in affectione benevolus

patienti[86]. -- Arnalds hohe sittliche und warm-religiöse Auffassung

vom ärztlichen Berufe kommt z. B. in der Schrift ~de conservanda

sanitatis~ zum Ausdruck, wo es heißt: Natura, cujus sapientiae

non est finis, omnium horum artifex est, medicus vero minister cum

bonitate et adjutorio Dei benedicti. -- Die mangelhafte Ausbildung,

Einseitigkeit oder Leichtfertigkeit mancher seiner ärztlichen

Zeitgenossen, noch mehr das Treiben der Scharlatane und Pfuscher gibt

Arnald nicht selten Anlaß, in scharfen Tadel oder Klagen auszubrechen.

In der Schrift de vinis heißt es z. B.: Et qui scit naturas et

potentias rerum simplicium et habet imaginativam fortem in opere

naturae facit apparere mirabilia. ... Beatus igitur ille medicus,

cui Deus dat scientiam et intelligentiam, quia est naturae socius.

... Sed heu multi sunt vocati, pauci vero electi, quoniam scientia

medicinae redacta est jam ad opinionem eorum, qui sola universalia

contemplantur: Qui enim plura singularia ad universale reduxerit,

melior habetur. Ideo bene definit quidam dicens: ~Medicina scientia

est, quae nescitur.~ Freilich läßt sich aber aus manchen Stellen in

zweifellos echten Schriften erweisen, daß auch er selbst von einer

gewissen Geheimniskrämerei und leisen Neigung zum Renommieren nicht

immer ganz frei geblieben ist. Dahin ist z. B. seine Behauptung zu

rechnen, daß er Geheimmittel besitze, um auf die Geschlechtsbestimmung

bei der Konzeption einzuwirken (De sterilitate cap. 7), sein aus

menschlichem Blute destilliertes Elixier zur vorübergehenden Erweckung

vom Tode u. a.

[86] Diesem goldenen Spruch geht ein sicherlich unechter Abschnitt

voran, der in 12 Regeln eine systematische Anweisung zum

methodischen Betrug bei der Uroskopie bietet. Besonders

häufig wurde die siebente dieser humoristisch anmutenden,

kulturgeschichtlich jedenfalls interessanten Regeln zitiert

und dem Arnald mit Unrecht in die Schuhe geschoben: Tu forte

nihil scies, dic quod habet obstructionem in hepate; dicet, non

Domine, immo dolet in capite vel in tibiis vel in aliis membris;

tu debes dicere, quod hoc venit ab hepate vel a stomacho et

specialiter utere hoc nomine obstructio, quia non intelligunt,

quid significat et multum expedit, ut non intelligatur locutio

ab eis.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 56 / 76 段