Die ~Chirurgia parva~ (in Collect. chir. Venet., deutsche

Uebersetzung von O. Brunfels, Kleyne Wundartznei des hochberümpten

L., Straßburg 1528; alte spanische Uebersetzung, Sevilla 1495) ist

nur ein Abriß, der in 16 Kapiteln das allernotwendigste chirurgische

Wissensmaterial enthält. Die ~Chirurgia magna~ ═ Practica quae

dicitur ars completa totius chirurgiae (Venet. 1490, in Coll. chir.

Venet., alte französische Uebersetzung von G. Yvoire, Lyon 1490; alte

englische Uebersetzung veröffentlicht in Early English Text Society

1894 unter dem Titel Lanfrank's Science of Cirurgie) zerfällt in

5 Traktate, welche in Doktrinen und Kapitel eingeteilt sind[74].

~Traktat I~ beginnt mit der Definition der Chirurgie (cyrurgia von

„cyros” ═ manus und „gyos” ═ operatio!) und einer Deontologie. Von

den Eigenschaften, die der Chirurg besitzen soll, heißt es unter

anderem: manus habeat bene formatas: digitos graciles et longos:

corpus forte non tremulum: membra cuncta habilia ad perficiendum bonas

animae operationes. Sit subtilis ingenii. Sit naturalis, humilis

et fortis animi, non audacis. Naturali scientia sit munitus: non

medicina solum sed in omnibus partibus phylosophiae studeat: naturalis

logicam sciat: ut scripturas intelligat: loquatur congrue: quod docet

grammatica: propositiones suas sciat rationibus approbare: quod docet

dyalectica: verba sua sciat secundum intentionem propositam adaptare:

quod docet rhetorica. Adeo noscat ethicam quod spernat vitia et mores

habeat virtuosos: non sit gulosus: non adulter: non invidus: non

avarus: sit fidelis. ... In aegri domo verba curae non pertinentia

non loquantur. Mulierem de domo aegri visu temerario respicere

non praesumat, nec cum ea loquatur ad consilium nisi pro utilitate

curae: non det in domo aegri consilium nisi petitum: cum aegro vel

aliquo de familia non rixetur: sed blande loquatur aegro: promittens

eidem quamque salutem in aegritudine. Et si de ipsius salute fuerit

desperatus, cum parentibus et amicis casum prout est expositione non

postponat. Curas difficiles non diligat et de desperatis nullatenus

se intromittat. Pauperes pro posse juvet: a divitibus bona salaria

petere non formidet: ore se proprio non collaudet, alios aspere

non increpet, medicos omnes honoret et clericos. nullum cyrurgicum

pro posse sibi faciat odiosum. ... ~Sic addiscat physicam, quod in

cunctis operationibus sciat instrumentum ejus cyrurgicum theorice

regulis approbare, quod docet physica. Nam necessarium est quod

cyrurgicus sciat theoricam sicut potest syllogizando probari. Omnis

practicus est theoricus: omnis cyrurgicus est practicus: ergo omnis

cyrurgicus est theoricus.~ ... Der Schluß dieses Kapitels klingt

in die Forderung aus, ~daß der Chirurg auch von der Medizin eine

vollständige Kenntnis besitzen müsse~. Nach einem kurzen Ueberblick

über Anatomie und Physiologie handelt Lanfranchi von den Wunden und

Geschwüren. Die Wunde wurde gewöhnlich mit einem Verband behandelt,

bei dem „pura clara ovi” oder das rote Pulver (vgl. S. 307) direkt

appliziert wurden; bei großen, klaffenden Wunden kam die Naht zur

Anwendung (Naht auch bei vollständig queren Nervendurchtrennungen, im

Gegensatz zu Theodorich). Bemerkenswert ist es, daß auf den Einfluß

hingewiesen wird, den die Luft auf die Eiterbildung in Wunden ausübt.

Unter den Methoden der Blutstillung wird auch die ~Digitalkompression~

und die ~Unterbindung~ (vielleicht auch die Torsion) ~der Gefäße~

erwähnt. Verwundete müssen sich im allgemeinen, wenigstens anfangs,

von Wein und substantiöser Nahrung enthalten. Die Geschwüre werden

eingeteilt in ulcera virulenta, sordida, profunda, corrosiva, putrida,

ambulativa und ulcera difficilis consolidationis. ~Hindernisse

für die Geschwürsheilung sind oft in dem Sitze der Geschwüre oder

in der Folgewirkung gewisser Krankheiten~ (mala dispositio totius

corporis ut ydropisis, Leber-, Milzleiden etc.) ~zu suchen~.

Der „cancer apertus” soll nur dann mit dem Messer oder Glüheisen

angegriffen werden, wenn die vollständige Entfernung möglich ist.

Wenn der Wundstarrkrampf durch Verletzung einer Sehne oder eines

Nerven (welche beide voneinander nicht genügend geschieden wurden)

entstanden ist, so empfiehlt es sich (falls Aderlaß, Schröpfköpfe,

Klysmen etc. nutzlos blieben) die völlige Durchtrennung vorzunehmen.

~Traktat II~ handelt von den Wunden der einzelnen Körperteile a capite

ad calcem, wobei anatomische Erörterungen stets vorausgeschickt

werden. ~Zeichen einer Schädelfraktur sind: der rauhe, klirrende

Ton beim~ •Beklopfen der Schädeldecke• ~mit einem Stäbchen, die

Schmerzempfindung des Patienten, wenn an einem, von diesem mit den

Zähnen gehaltenen Faden mit den Nägeln geschabt wird. Die Hirnsymptome

bei Schädelbruch werden treffend abgehandelt. Lanfranchi wendet

sich gegen die übermäßige Anwendung der Trepanation, die er nur

bei Depression eines Fragments und bei Durareizung für indiziert

erklärt.~ Die Wiederanheilung von ganz abgehauenen Nasen hält er für

unmöglich. ~Traktat III~ betrifft zunächst die Hautleiden (Impetigo,

Morphea, Serpigo, Lepra etc.) und die „~Apostemata~”, worunter nicht

bloß Abszesse, sondern auch manche Geschwülste verstanden werden

(z. B. Kröpfe, deren Entstehung namentlich auf das Trinkwasser

und auf das Leben im Gebirge zurückgeführt ist). In der Behandlung

der Abszesse spielt die ~humorale Auffassung~ eine sehr bedeutende

Rolle in Form der Evacuantia, Repercussiva (Zurücktreibung bezw.

Verteilung der Materie), Maturativa. Es folgen die Augen-, Ohren-

und Nasenkrankheiten, die Affektionen der Brustdrüsen, Hernien,

Nieren- und Blasensteine, Geschlechtsleiden, die verschiedenen

Arten der Wassersucht, Hämorrhoiden, Varices. Bemerkenswert ist

es, daß Lanfranchi sich gegenüber der Radikaloperation der Hernien

vorsichtig zuwartend verhält (~Empfehlung von Bruchbändern~ und

einer angemessenen Lebensweise), daß er die Nephro-Lithotomie

verwirft und den Blasenschnitt nur dann anrät, wenn innere Mittel,

Sitzbäder u. dgl., im Stiche ließen. Dieselbe Vorsicht bekundet er

auch hinsichtlich der Parazentese des Abdomens bei Ascites, wobei er

dagegen eifert, daß man diese Operation zumeist, ohne Berücksichtigung

der Grundkrankheit und der individuellen Verhältnisse, schablonenhaft

ausführe. Den Beschluß dieses Traktats bilden Vorschriften über die

Technik der Venäsektion[(1)], des Schröpfens, der Kauterisation (mit

10 Abbildungen verschiedener Arten von Glüheisen, Cauterium punctuale,

rotundum, radiale, cultellare, subtile, dactilare, triangulare,

acuale, linguale, C. cum tenaculis perforatis). Was die Technik des

Aderlasses anlangt, so ist im allgemeinen die Inzision der Länge

nach empfohlen; als Aderlaßvenen kommen 30 in Betracht; neben den

zahlreichen Indikationen wird auch der Kontraindikation bei Kindern,

Greisen, Schwangeren etc. Rechnung getragen. Lanfranchi erhebt hier

Klage darüber, daß der Aderlaß den ~Badern~ überlassen wurde, und

über die Trennung der Medizin von der Chirurgie. Et jam scivisti quod

licet propter nostram superbiam flebotomiae officium bartitonsoribus

sit relictum, quod antiquitus erst medicorum opus et maxime quando

cyrurgici illud officium exercebant. O deus quare fit hodie tanta

differentia inter physicum et cyrurgicum, nisi quoniam physici

manualem operationem laicis reliquerunt, aut quoniam operari ut

dicunt quidam cum manibus dedignantur: aut quod magis credo, quoniam

operationis modum quod apud scientiam est necessarium non noverunt.

et haec abusio tantum valuit propter antiquam dissuetudinem: quod

apud quosdam de vulgo credatur impossibile quod unus homo possit

scire magisterium utriusque. ~Sed sciat quicunque quod non erit bonus

medicus, qui operationem cyrurgiae penitus ignorabit. Et sicut est

dictum cyrurgicus debet haberi pro nullo qui medicinam ignorat: imo

est ei necessarium partes medicinae singulas bene scire.~ ~Traktat

IV~ enthält die Lehre von den Frakturen und Luxationen. ~Traktat V~

ist ein Antidotarium.

[74] Zitiert werden außer Wilhelm von Saliceto antike, arabische

und abendländische Autoren.

Während die chirurgische Kunst in der Seinestadt schon ihre erste

Blüte entfaltete, stand die ~Pariser~ medizinische Fakultät hinter

den anderen ärztlichen Schulen an tatsächlicher Bedeutung wie an

Ansehen weit zurück, und aus den spärlichen Nachrichten, die wir

besitzen, läßt sich ersehen, daß man dort die Heilwissenschaft ganz

unter die drückende Herrschaft des Scholastizismus brachte, hingegen

die praktische Ausbildung arg vernachlässigte.

Im Gegensatz hierzu trug die Schule von ~Montpellier~ der Empirie

in Forschung und Lehrweise einigermaßen Rechnung[75], eine

Richtung, welche noch zielbewußter verfolgt wurde, seitdem der

glänzendste Vertreter der Medizin des 13. Jahrhunderts auf die

dortigen Studienverhältnisse von Einfluß wurde, der große Katalonier

•Arnaldus de Villanova• († 1311)[76], eine der eigenartigsten und

interessantesten Persönlichkeiten des ganzen Mittelalters.

[75] Als Beispiel diene die aus der Mitte des 12. Jahrhunderts

stammende Schrift ~Experimenta magistri Gilliberti~ (ed.

Pansier, Janus 1903), in welcher noch der für die Empirie

günstige, lang nachwirkende ~arabische und jüdische Einfluß~

durchleuchtet.

[76] Den Gegensatz zwischen Montpellier und den anderen in

philosophischer Spekulation aufgehenden Schulen (Paris, Bologna

etc.) schildert Arnaldus bezeichnend in seinem Breviarium

Lib. V, cap. 10 mit den Worten: ~qui universale cognoscit,

particulare autem ignorat, multoties in curatione peccabit~.

Et propter hoc ~Parisienses~ et ~Ultramontani medici~ plurimum

student, ut habeant scientiam de universali, non curantes

habere particulares cognitiones et experimenta. ~Memini enim

vidisse quendam maximum in artibus, naturalem logicum et

theoreticum optimum in medicina, tamen unum clystere seu aliquam

particularem curationem non novit ordinare et vix ephemeram

sciebat curare.~ At ~medici Montis Pessulani~, sicut magister

meus et alii probi viri, qui fuerunt scholares, qui student

satis habere scientiam de universali, non praetermittentes

scientiam particularem, unde magis respiciunt ad curationes

particulares et didascola et vera experimenta habere, quam

semper universalibus incumbere.

Die Lebensgeschichte des •Arnaldus de Villanova• (Arnoldus,

Arnauldus, Arnaudus, Rainaldus, Reginaldus, Villanovanus, de

Nova Villa, Catalanus, Cathelanus, Provincialis) ist uns --

charakteristisch für den wenig historischen Sinn des Mittelalters

-- einerseits höchst lückenhaft, anderseits entstellt durch viele

widerspruchsvolle Angaben und durch phantastische Zutaten Späterer

überliefert worden, welch letztere erst in jüngster Zeit durch

gründliche Quellenforschungen ihre Revision erfahren haben. Leider

bleibt aber noch vieles im Lebenslauf und hinsichtlich der Schriften

Arnalds unaufgeklärt.

Arnald von Villanova dürfte innerhalb des Zeitabschnittes 1234-1240

geboren sein, als seine Heimat ist mit einer, an Gewißheit grenzender

Wahrscheinlichkeit Spanien und zwar die Diözese von Valencia

anzunehmen, ohne daß die Frage nach dem eigentlichen Geburtsort

gelöst wäre -- gibt es doch eine ganze Reihe von Ortschaften des

Namens Villanueva. Arnald war nach eigener Angabe von niedriger

Abkunft und wuchs, wie er dankbar erwähnt, in einem Kloster der

Dominikaner auf. Nachdem er eine, übrigens mangelhafte, elementare

Schulbildung erworben hatte, wandte er sich dem Studium der

Theologie, Sprachkunde (Hebräisch), Philosophie, hauptsächlich aber

der Naturwissenschaft (Alchemie, Physik) und Medizin mit größtem

Eifer zu. Geht dies, abgesehen von gelegentlichen autobiographischen

Bemerkungen, schon aus dem Inhalt seiner Werke hervor, welche ein,

auch für die damalige Zeit selten umfassendes Wissen verraten,

so sind wir dagegen über die Studienorte nicht ganz hinreichend

orientiert. Jedenfalls spielten ~Paris~ und ~Montpellier~ unter

diesen die Hauptrolle, als medizinischer Lehrer wird von ihm bloß

Johannes (Casamida) Casamicciola rühmend erwähnt, der in ~Neapel~

als Professor und Leibarzt tätig war. Zweifellos hat Arnald nicht

nur aus Büchern studiert, sondern auch auf Reisen, im Verkehr mit

sarazenischen Aerzten (die arabische Sprache konnte er sich in

Spanien leicht aneignen), mit hervorragenden Zeitgenossen und mit

dem Volke seine Kenntnisse ergänzt und reichere Erfahrung als viele

andere gesammelt. Schon in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts

erfreute er sich eines bedeutenden Rufes als Arzt, wurde in Italien

öfters zu vornehmen Personen berufen und trat später als Konsiliarius

in den Dienst Pedros III. von Aragonien. Hatte er eine Zeitlang in

Barcelona einen festen Wohnsitz, so ließ er sich vielleicht schon

seit 1289, jedenfalls aber nicht über das Jahr 1299 hinaus, in

Montpellier nieder, wo er nicht nur die Praxis ausübte, sondern auch

mit großem Erfolg als Lehrer wirkte und einige der wichtigsten von

seinen zahlreichen medizinischen Schriften verfaßte. Wenn Arnald auch

fürderhin als ärztlicher Praktiker in verschiedenen Städten Italiens,

Frankreichs und Spaniens, als medizinischer Schriftsteller und als

Alchemist die Bewunderung seiner Zeitgenossen erregte, so ist doch

der Schwerpunkt seines Wirkens in der späteren Epoche seines Lebens

insbesondere in ~diplomatischen Aktionen~ im Interesse Aragoniens und

in ~religiös-reformatorischen Strebungen~ zu suchen. Im Jahre 1299

geriet Arnald, als er als Gesandter Aragoniens am Hofe Philipps des

Schönen weilte, mit den Pariser Theologen wegen seiner teils freien,

teils mystischen (chiliastischen, spiritualistischen) religiösen

Anschauungen in Konflikt und wurde vor das Inquisitionsgericht

gestellt, das ihn nach kurzdauernder Verhaftung zum Widerruf zwang

und seine Schrift de adventu Antichristi als häretisch verurteilte.

Unter fortgesetzten Protesten mutig bei seinen religiösen Ansichten

verharrend und dieselben in Streitschriften vertretend, suchte er

sich bei den Päpsten Bonifaz VIII., dessen Gunst er durch ärztliche

Dienstleistungen zu erwerben wußte[77], und Benedikt XI. (bei diesem

vergeblich) zu rechtfertigen, seine Rehabilitation erlangte er aber

erst durch Clemens V., der ihn ehrenvoll aufnahm und ihm die größte

Hochachtung bezeigte. Auf die Einzelheiten des reichbewegten Lebens,

das Arnald bald nach Italien und Frankreich, bald in die spanische

Heimat führte, kann hier nicht eingegangen werden, ebensowenig auf die

religiösen und diplomatischen Beziehungen, welche er zu den Päpsten,

zu Jayme II. von Aragonien, zu dessen Bruder Friedrich III. von

Sizilien und zu dem wissensfreundlichen Robert von Neapel hatte. Es

sei nur erwähnt, daß Arnald von Villanova, verehrt von den Freunden,

gehaßt und gefürchtet von den Feinden, vermöge seiner geistigen

Ueberlegenheit und seines suggestiven, imponierenden Wesens in der

Geschichte der religiösen Bewegungen und kirchenpolitischen Ereignisse

des ausgehenden 13. und des beginnenden 14. Jahrhunderts eine

höchst einflußreiche Rolle spielte. Er diente gekrönten Häuptern zum

Berater, er erfüllte die Könige von Aragonien und Sizilien mit seinen

schwärmerischen religiösen Ideen, an ihn wandten sich die bedrohten

Tempelritter und die bedrängten Mönche vom Berge Athos um Hilfe,

seinen Anregungen entsprang eine durchgreifend neue Gesetzgebung

für Sizilien. Nach glaubwürdigen Chroniken ist Arnald auf einer

Reise an den Hof Clemens V. auf dem Meere im Angesicht der Küste vor

Genua gestorben (1311)[78]. Konnte ihn bei Lebzeiten das Wohlwollen

der Päpste Bonifaz VIII. und Clemens V. gegen die Verfolgungen

seiner Feinde schützen, so ruhte nach seinem Tode keineswegs das

Inquisitionsverfahren gegen seine philosophisch-theologischen

Schriften, welche kirchliche Mißstände schonungslos geißelten. Infolge

des 1316 gefällten Inquisitionsurteils wurden die meisten derselben

als ketzerisch verdammt und der Vernichtung preisgegeben. Unter diesen

Umständen kann es nicht wundernehmen, daß Arnald auch der Zauberei

und des Bündnisses mit dem Teufel bezichtigt wurde.

[77] Bonifaz VIII., der an einem Steinleiden laborierte, wurde von

Arnald, welcher in der Kur dieser Affektionen besonders erfahren

war, erfolgreich behandelt. In der Therapie spielte neben

diätetisch-medikamentösen Maßnahmen auch die Applikation eines

festansitzenden Lendengurts und eines -- magischen Löwensiegels

eine wichtige Rolle. Letzteres benützte der Papst mit Vorliebe

-- zur höchsten Entrüstung der Kardinäle. Bekanntlich wurde

übrigens Bonifaz VIII. selbst nach seinem Tode der Ketzerei

verdächtigt.

[78] Clemens V., der Arnald auch bei der Ordnung der Verhältnisse

der medizinischen Schule von Montpellier (1308) zu Rat

gezogen hatte, richtete nach dem Ableben des großen Arztes

unter Androhung des Kirchenbannes an alle Bischöfe und die

ihnen unterstellten Kleriker die Aufforderung, nach einem

medizinischen Werke des Verstorbenen „de variis experimentis

curandorum morborum acutorum” zu fahnden und ihm dasselbe

auszufolgen. Der Papst erteilte ihm in diesem Zirkularschreiben

die höchsten Lobsprüche.

Arnald von Villanova war ein außerordentlich fruchtbarer Autor.

Seine in barbarischem Latein abgefaßten, aber doch einer gewissen

Eleganz des Ausdrucks nicht entbehrenden Schriften[79] beziehen

sich, soweit sie erhalten sind, hauptsächlich auf Medizin, Alchemie,

Astrologie. Ihr Umfang ist ein sehr verschiedener, manche besitzen

eine sehr bedeutende Ausdehnung, andere füllen kaum mehr als eine

Foliospalte. Gedruckt sind über 60. Ueber die Echtheit herrscht im

einzelnen Zweifel. Gesamtausgaben seiner Werke (unvollständig und

ohne Kritik der Echtheit), Lugd. 1504, 1509, 1520, 1532, Venet. 1505,

1514, Paris 1509, Basil. 1515, 1560, 1585, die medizinischen Schriften

(Praxis medicinalis), Lugd. 1586, die astronomisch-chemischen

Schriften (Tractatus varii exoterici ac chymici), Lugd. 1586, außerdem

Sonderausgaben einzelner Schriften und Uebersetzungen derselben.

[79] Der Herausgeber Symphorien Champier berichtet von seiner

flüchtigen Schreibweise: cum enim aliquid ille scripsisset,

quod scripserat, respicere bis minime tolerabat, sed neque

etiam semel legere atque percurrere.

Zur Methodologie und Deontologie.

~Medicinalium introductionum~ (considerationum) ~speculum~, Lips.,

s. a. Grundlagen der allgemeinen Pathologie und Therapie. ~De diversis

intentionibus medicorum~ handelt über die Prinzipien der medizinischen

Wissenschaft, über Aetiologie, Diätetik. ~Cautelae medicorum~ (~de

opificio medici~). Aerztliche Politik, Krankenexamen und Hygiene am

Krankenbett. Die Schrift ist ein späteres Machwerk, das aus ~vier

heterogenen Bestandteilen~ zusammengesetzt wurde. Von diesen geht

höchstens einer, der von hoher sittlicher Auffassung des ärztlichen

Berufes zeugt, auf Arnald zurück. ~De considerationibus operis

medicinae~ (ad Grosseinum Coloniensem). Forderung einer rationellen

Bearbeitung der Heilkunde gegenüber der verworrenen Anhäufung von

„Partikularitäten” nach Art der Empiriker.

Zur Physiologie.

~De humido radicali.~ ~De conceptione.~

Zur Hygiene und Diätetik.

~De regimine sanitatis~ (auch in Sonderausgaben, ital. Venezia

1549), fälschlich dem Arnaldus zugeschrieben, tatsächlich von dem

Mailänder Arzte Magnino herrührend. Inhalt: Hygiene mit Rücksicht auf

die verschiedenen Temperamente, Geschlechter, Klimate, Lebensalter,

spezielle Hygiene der Nahrungsmittel, ~gewisser Berufe~, hygienisches

Verhalten bei Krankheiten, Rekonvaleszenz, Seuchen, Vorschriften

über Aderlaß, Kauterien, Blutegel (Beachtung der Qualität derselben!

manchmal nachfolgende Applikation von Schröpfköpfen auf die Wunde),

Brechmittel, Purgiermittel. ~Regimen sanitatis~ ad inclytum regem

Aragonum directum et ordinatum (auch unter dem Titel Tractatus ~de

conservatione sanitatis~ oder Consilium ad reg. Arag.), mehrmals

besonders gedr. z. B. Paris 1573, Colon. 1586, ins Spanische

(Sevilla 1526) u. a. Spr. übersetzt, handelt über den Einfluß der

Luft, der Körperbewegung, der Bäder, des Schlafs, der Affekte,

der Nahrungsmittel u. a. ~De conservanda juventute et retardanda

senectute~, Lips. 1511, übersetzt ins Italienische (Venez. 1550)

und Englische. Pathologie und Diätetik des Greisenalters, Mittel

zur Wiederverjüngung, darunter das Goldwasser. Die Schrift beginnt

mit der Widmung ad Robertum, regem Hierosolymitanum et Siciliae.

~De regimine castra sequentium~ (vielleicht nicht von Arnald selbst,

jedenfalls aber aus seiner Zeit herrührend). ~Lagerhygiene~ in einem

Kapitel. Deutsche Uebersetzung von R. v. Töply, Wien. med. Wochenschr.

1896. ~De bonitate memoriae~. Ueber den Verlust des Gedächtnisses

und Mittel zur Verhütung. Von zweifelhafter Echtheit. ~De coitu. De

modo praeparandi cibos et potus infirmorum in aegritudine acuta~,

eine recht rationelle Krankendiät (vgl. hierzu Musandinus, S. 303).

~Compendium regiminis acutorum~, bezieht sich ebenfalls auf die

Krankendiät. Darstellungsweise scholastisch. ~De conferentibus et

nocentibus principalibus membris corporis nostri~, Lips. 1511 (mit

de conservanda juventute), Basil. 1560, 1565 (mit den Parabolae).

~De esu carnium~ (pro sustentatione ordinis Carthusiensis contra

Jacobitas). Verteidigung der ausschließlich vegetabilischen Diät. ~De

confortatione visus secundum sex res non naturales~ (ed. Pansier in

Coll. ophthalmolog. veter. auctar. Fasc. I, Paris 1903) handelt von

der Hygiene im allgemeinen und von der Hygiene des Auges (nach dem

entsprechenden Kapitel des Grabadin Mesuae, de cura oculorum).

Zur Heilmittellehre, Pharmazie und Toxikologie.

~De dosibus theriacalibus.~ ~Liber aphorismorum de graduationibus

medicinarum per artem compositarum.~ ~Simplicia~ gedr. auch

unter dem Titel Aggregator practicus de simplicibus, Venet. 1520.

~Antidotarium~, enthält nicht bloß eine Nomenklatur der Arzneimittel,

sondern auch Angaben über Zubereitung und Anwendungsweise derselben.

Gewarnt wird vor der Benützung kupferner Gefäße bei Bereitung der

Acetosa, Dulcia u. a. ~De vinis~, auch unter dem Titel Elixir

de vinorum confectionibus oder de secretis magnis medicinae et

virtutibus mirabilibus specierum et artificialium vini, separ. gedr.

z. B. Lips. ca. 1510, Lugd. 1517; deutsche Uebersetzung von Wilhelm

v. Hirnkofen, Augsburg 1479, 1481, 1482, 1484, Ulm 1499 und noch

öfters a. versch. O. im 16. Jahrhundert. Enthält Vorschriften über

Zubereitung und diätetisch-therapeutische Anwendung von Arzneiweinen

(Kräuterweinen mit Rad. Buglossae, Melisse, Korinthen, Rosmarin,

Wermut u. s. w. angesetzt), Alkohol (aus Rotwein), ätherischen Oelen

(z. B. Terpentinöl), aromatischen Wässern. Um natürlichen Weinen

medizinische Kräfte zu geben, machte man Einschnitte in die Weinstöcke

und brachte in diese Scammonium, Helleborus u. dgl. (vgl. Avenzoar).

In dieser Schrift kommt eine Stelle vor, welche einen vorübergehenden

Aufenthalt des Arnaldus in Afrika wahrscheinlich macht: Fortunae

impetus ... commovit super me aquilonem et duxit me in Africam ad

miseriam ipsam. ~De aquis medicinalibus~ (aq. bechice s. ptisane,

diuretice, purgative, adstringentes et alterative). ~De venenis~,

Repertorium der Universalantidote, Symptomatologie und Therapie

der Vergiftungen, Hauptquellen Plinius, Dioskurides und die Araber.

~De arte cognoscendi venena~, mehrmals separat gedr. z. B. Mediol.

1475, Pad. 1487 (mit d. Libell. de venen. des Petr. Aponens. und d.

Tract. de peste des Valescus de Taranta). Vorsichtsmaßregeln gegen

Vergiftungen und Gegengifte.

Zur Pathologie, Diagnostik und Therapie.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 55 / 76 段