Borgognoni, Theodericus Episcopus, Theoderich 1206-1298), der
Sohn des Begründers der Bologneser Chirurgenschule, des ~Hugo von
Lucca~, trat schon in jungen Jahren in den, kurz vorher entstandenen
Predigerorden ein, wurde später Poenitentiarius des Papstes
Innozenz IV. und endete seine Laufbahn als Bischof von Cervia (bei
Ravenna). Infolge besonderer Erlaubnis durfte er die schon vom
Vater empfangene ärztliche Ausbildung vervollkommnen und selbst
während des Episkopats die Praxis in Bologna ausüben. Diese war so
umfangreich und lukrativ, daß er ein großes Vermögen für wohltätige
Zwecke hinterlassen konnte. Trotz bedeutender Anlehnung an die
griechischen und arabischen Autoritäten verrät seine Chirurgie
(Venet. 1498 und in mehreren Ausgaben der Collect. chir. Veneta) einen
gewissen Zug von Selbständigkeit -- eine Folge der Ausbildung durch
Hugo von Lucca, auf den sich der Verfasser in zahlreichen Fällen
beruft[68]. Theoderich tritt entschieden für die ~eiterungslose
Wundbehandlung~ ein: „non enim est necesse -- saniem, sicut Rogerius
et Rolandus scripserunt et plerique eorum discipuli docent et fere
omnes cyrurgici moderni servant, in vulneribus generare. Iste
enim error est major quam potest esse. Non est enim aliud, nisi
impedire naturam, prolongare morbum, prohibere conglutinationem et
consolidationem vulneris” (II, cap. 27). Wie sein Vater erklärte er
(nach dem Vorgange Avicennas) ~den Wein für das beste Verbandmittel
der Wunden~. In dem Abschnitte über Blutstillung ist unter anderem
der Aetzung, der ~Tamponade~, der ~Ligatur~ und der ~gänzlichen
Durchschneidung des verletzten Gefäßes~ gedacht; in der Behandlung
der Frakturen und Luxationen tritt das Streben zu Tage, einfache
Verfahren an Stelle der maschinellen Polypragmasie zu setzen. Das
achte Kapitel des 4. Buches ist bemerkenswert, weil darin die Methode
der ~Betäubung durch Schlafschwämme~ bei Vornahme von Operationen
besprochen ist. Die Schwämme wurden mit narkotischen Pflanzensäften
(Opium, Hyoscyamus, Mandragora, Lactuca, Cicuta, Hedera arborea etc.)
imprägniert, sodann getrocknet und aufbewahrt und vor dem Gebrauche
mit warmem Wasser angefeuchtet: quotiens autem opus erit, mittas
ipsam spongiam in aquam calidam per unam horam ~et naribus apponatur,
quousque somnum capiat, qui incidendus erit~ et sic fiat cyrurgia,
qua peracta, ut excitetur aliam spongiam in aceto infusam frequenter
ad nares ponas. Item feniculi radicum succus in nares immittatur,
mox expergiscitur. Dieses, nicht unbedenkliche Verfahren scheint
übrigens nicht allzuoft angewendet worden zu sein. -- Theoderich
legte auf richtige Ernährung seiner Patienten großes Gewicht (medicum
cibaria boni chimi et boni sanguinis generativa non ignorare). Bei
verschiedenen Hautaffektionen (Scabies, Pruritus etc.) verwendete er
äußerlich ~Quecksilber~ und beobachtete dabei als Folgeerscheinung den
~Speichelfluß~. Im 3. Buche seiner Chirurgia, Kap. 49 (de malo mortuo)
werden genaue Vorschriften über die Anwendung der Quecksilbersalbe (1
Unze auf 130 Unzen anderer Bestandteile) nach einer vorausgegangenen
Vorbereitungskur (hauptsächlich Laxieren) gegeben. Es heißt dort: Item
unguentum sarracenicum quod sanat scabiem, cancrum, malum mortuum,
phlegma salsum, educendo materiam per os, et dicitur leprosos in
principio ... postea fac duos ignes: et in medio pone tabulam in
qua locetur patiens et unguatur a genibus usque ad pedes et supra
genua tribus digitis. Similiter a cubita usque ad manus et supra
cubitas tribus digitis, et fiat ista unctio bis in die ... Diaeta
sit tenuis et bene digestibilis. Et si propter multa sputamina et
rascationem, asperitas et dolor in gutture sentiatur, da mel rosatum
et mel simplex. Et si patiens multum debilitatus fuerit, confortetur
... (diese Vorschrift für eine ~Schmierkur~ entspricht schon ganz
der bis noch vor einem halben Jahrhundert beliebten Hunger- und
~Speichelkur~). Für den rationellen Standpunkt Theoderichs spricht
es, daß er die ~Notwendigkeit der anatomischen Kenntnisse für
den Chirurgen~ energisch betonte und die Wertlosigkeit mancher zu
seiner Zeit beliebter Wundermittel klar erkannte. Die Chirurgie des
Theoderich zerfällt in vier Bücher. Buch I: Wundbehandlung; Buch II:
Schädel-, Gesichts-, Thorax-, Darm-, Gefäß- resp. Nervenverletzungen;
Buch III: Fisteln, Krebs, Hautleiden, Abszesse, Tumoren, Hernien,
Hämorrhoiden, Panaritium, Lepra etc.; Buch IV: Rezepttherapie,
Beiträge über Kopfschmerz, Augenleiden, Gicht, Lähmung und Epilepsie.
[68] So z. B. bezüglich der ~eiterungslosen Wundbehandlung~:
Predictus tamen vir mirabilis magister Hugo omnia fere vulnera
cum solo vino et stupa et ligatura ... sanabat, consolidabat,
pulcherrimas cicatrices sine unguento aliquo inducebat (Lib.
I, cap. 12).
Weit stärker als bei Theoderich tritt der Autoritätsglaube und
die scholastische Schreibart bei seinem Zeitgenossen ~Brunus~
hervor, der in Padua und Verona tätig war. •Brunus• (~Bruno da
Longoburgo~)[69] verfaßte eine ~Chirurgia magna~ (im Jahre 1252
vollendet) und eine (bloß aus 3 Folioseiten bestehenden) ~Chirurgia
minor~ (beide in Coll. chirurg. Venet. 1546). Wertvoll war seine
Polemik gegen die Eitererzeugung, sowie seine Empfehlung der
austrocknenden Wundbehandlung. Bei der Erörterung der Wundheilung ist
von einer ~prima~ und ~secunda intentio~ die Rede. Die Einleitungen
der Chirurgie des Theoderich und des Bruno zeigen auffallende
Aehnlichkeit, was vielleicht damit zu erklären ist, daß beide aus
denselben arabischen Quellen geschöpft haben. Brunus bezeichnet selbst
sein Werk als librum ... collectum et excerptum ex dictis glorissimi
Galieni, Avicennae, Almansoris, Albucasis et Alyabbatis necnon
et aliorum peritorum veterum (Hippokrates, Johannitius, Serapion,
Constantinus), doch finden sich hie und da auch eigene Beobachtungen.
[69] Stadt in Calabrien.
In den Streit über die Prinzipien der Wundbehandlung griff vermittelnd
•Wilhelm von Saliceto• ein -- der größte Chirurg, den Bologna und das
13. Jahrhundert überhaupt hervorgebracht hat.
Saliceto war ein Mann von umfassender ärztlicher Bildung, den
ausgesprochene Vorliebe, ein „Specialis amor”, wie er selbst sagt,
besonders zur chirurgischen Praxis hinzog. In welchem Sinne er diese
betrieben sehen wollte, davon gibt seine ~Cyrurgia~ ein erschöpfendes
und erfreuliches Bild. Sind auch keine großen Neuerungen darin zu
finden, so ist doch der Stoff trefflich angeordnet und durch Mitteilung
guter Beobachtungen, zahlreicher instruktiver Fälle belebt. Ueberall
wird die Diagnose und die Therapie mit solcher ruhiger Sicherheit klar
und zielbewußt entwickelt, daß man förmlich den kritisch abwägenden
Geist, die geschickte Hand eines vielerfahrenen, kühnen und dabei
umsichtigen, nur der eigenen Wahrnehmung vertrauenden Chirurgen
herauszuspüren vermeint. Einem solchen Meister entspricht auch die
verhältnismäßig knappe, auf Zitate fast völlig verzichtende Darstellung
des Buches. ~Von historischer Bedeutung ist es namentlich, daß
Saliceto, wie auch schon Theoderich, an Stelle der mißbräuchlichen
Anwendung des Glüheisens das Messer wieder mehr zu Ehren brachte~.
Saliceto war aber nicht bloß ein hervorragender Wundarzt, er ließ
auch die innere Medizin nicht aus den Augen, und entsprechend der
eigenen, vielseitigen Ausbildung war seine Absicht darauf gerichtet,
die ~Wiedervereinigung beider Zweige~ zu befördern. Welcher Gewinn
der inneren Medizin aus einer solchen Verbindung erwachsen konnte,
wie sehr die chirurgische Erziehung zur nüchternen Beobachtung
geeignet gewesen wäre, den Illusionen ärztlicher Dialektik
entgegenzuwirken -- beweist am besten das umfangreiche Kompendium
der inneren Medizin, welches Saliceto nach seiner Chirurgie
verfaßte. Dieses Werk -- ~Summa conservationis et curationis~ --
hat wohl mit anderen ähnlichen Schriften dieses Zeitalters die
starke Berücksichtigung der vorausgegangenen (besonders arabischen)
Literatur gemeinsam, unterscheidet sich aber in vieler Beziehung
vorteilhaft von denselben, so namentlich durch die Bevorzugung des
hygienisch-diätetischen Standpunkts, durch die nicht unbeträchtliche
Zahl guter Krankheitsbeobachtungen und durch die von der Scholastik
beinahe freie Darstellung.
•Guglielmo da Saliceto• (Salicetti) aus Piacenza (daher Magister
Placentinus) wurde im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts geboren und
war ein Schüler des Buono di Garbo (Schwager des Taddeo Alderotti).
Er lebte und lehrte eine Zeitlang in Bologna, zuletzt in Verona, wo
er eine Anstellung als Stadt- und Hospitalsarzt hatte. Sein Todesjahr
ist nicht sichergestellt, wahrscheinlich starb er um 1280.
~Cyrurgia~ (Placent. 1476, Venet. 1502, 1546, franz. Uebersetzung
von Nic. Prevost, Lyon 1492, Paris 1505, 1596), neueste französische
Ausgabe von ~P. Pifteau~ (Chirurgie de Guillaume de Salicet,
Traduction etc., Toulouse 1898); czechische Uebers. Prag 1867.
~Summa conservationis et~ (sanationis) ~curationis~ (Placent. 1475,
Venet. 1489 mit der Chirurgie, 1490, Lips. 1495 u. ö.). De salute
corporis (Lips. 1495). Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner
Dissertationen: H. Grunow, Diätetik des Wilhelm von Saliceto
(1895), Eug. Loewy, Beitr. z. Kenntnis u. Würdigung des W. von
Saliceto (1897), Herkner, Kosmetik und Toxikologie nach W. v. S.
(1897), O. Basch, Materialien zur Beurteilung des W. v. S. als
Arzt (1898). Die ~Cyrurgia~ zerfällt in fünf Bücher, denen eine
kurze chirurgische Hodegetik und Methodologie vorangeht. ~Buch I~:
Erkrankungen des Schädels (Hämatom des Neugeborenen, Hydrocephalus),
Kopfausschläge, Augen-, Ohrleiden (Unterbindung der Ohrpolypen),
Nasenpolypen, Mundkrankheiten, Drüsenschwellungen des Halses, Kropf
(innerliches oder operatives Verfahren), Schwellungen und Abszesse
in der Achselhöhle (Differentialdiagnose), an der oberen Extremität,
Panaritium, Krankheiten der Brustdrüse „scrofula”, „durities”,
„cancer”, Fall von inoperablem Mammakarzinom), Vereiterungen am
Thorax, Nabelbruch (Pflaster, Verbände, Unterbindung), Tumoren
der Leber- und Milzgegend, Affektionen der Leistenbeuge, darunter
venerische, (~et fit etiam [scilicet bubo], cum homo infirmatur
in virga propter fedam meretricem vel aliam causam~; cap. 42),
Hernia inguinalis (~Beschreibung des Bruchbandes~ „~lum~bar”;
Radikaloperation), Kastration, Hämorrhoiden und Kondylome des Afters
(Unterbindung, Kauterisation), Operation von Mastdarmfisteln,
Steinschnitt (vorher bimanuelle Untersuchung), Erkrankungen
der männlichen Genitalien (~de pustulis albis et scissuris et
corruptionibus que fiunt in virga et circa preputium propter coitum
cum meretrice vel feda vel ab alia causa~) -- am Schlusse dieses
Kapitels (48) der prophylaktische Rat: ablutio cum aqua frigida
et continua abstersio cum eadem post coitum ... post ablutionem
roratio loci cum aceto), Abszesse an den Hoden, Skrotalhernie,
Hydro-, Sarkokele, Varices (Bloßlegung der Vene, doppelte Ligatur,
Kauterisation), Hüft-, Kniegelenksleiden, Frostbeulen etc., Karbunkel,
Anthrax, Kontusionen, Verbrennungen, verschiedene Dermatosen, Gicht.
~Buch II~ betrifft die verschiedenartigen Verwundungen und Kontusionen
der einzelnen Körperregionen. Die Behandlung der großen Schnittwunden
bestand in Reinigung mit Oel, Blutstillung, Naht, sorgfältigem
Verbande, Ruhestellung des verletzten Organs und passender Diät; bei
eingetretener Eiterung kamen die mundificativa, incarnativa etc.
zur Anwendung. Bei Schädelverletzungen legte er einen sehr dicken
Verband an, um den schädlichen Zutritt der Luft zu verhindern;
unter den Folgeerscheinungen ist namentlich die ~kontralaterale
Lähmung~ hervorgehoben. Sehr ausführlich ist die kasuistisch belebte
Schilderung der Pfeilwunden, penetrierenden Brust- und Bauchwunden
(Anwendung der Kürschnernaht bei Längs- und Querwunden des Darmes).
Bei der, für sehr gefährlich erklärten Stichverletzung der Nerven
ist Erweiterung der Wunde, Oelapplikation, zur Schmerzstillung
Opium, Hyoscyamus empfohlen. ~Buch III~ handelt in sehr gründlicher
Weise von den Frakturen und Luxationen. Unter den diagnostischen
Zeichen der Frakturen ist namentlich das ~Krepitationsgeräusch~
(sonitus ossis fracti) erwähnt; der Verband war ziemlich kompliziert
(Oelbauschen, Eiweiß enthaltendes Pflaster, 4-6 Schienen, Kompressen,
Binden), Warnung vor zu festem Anlegen des Verbandes, alle 3-4 Tage
Verbandwechsel; Aderlaß, Schröpfen, Diät u. s. w. Zur Reposition
der Verrenkungen sind rationelle Verfahren angegeben. ~Buch IV~
enthält eine ~Anatomie für die praktischen Zwecke des Chirurgen~.
Der Wert derselben beruht nur auf der neuartigen ~topographischen~
Darstellungsweise, der Inhalt ist zum größten Teile aus den
fehlerhaften Angaben der Vorgänger geschöpft, Anatomie an der
Menschenleiche hat Verfasser nicht ausgeübt. Dem angegebenen Zwecke
entsprechend sind die Aderlaßvenen, die verschiedenen Formen der
Luxationen, die Hernien ausführlich berücksichtigt. ~Buch V~ handelt
von der Kauterisation und von den, in der Chirurgie gebräuchlichen
Arzneimitteln. Die zum Kauterisieren verwendeten Instrumente waren
aus Gold, Silber, Messing oder Eisen verfertigt, ihrer Form nach
wurden sie bezeichnet als Cauterium olivare seu cultellare, clavale,
punctuale, rotundum, triangulatum, minutum (für Kinder). Auf den
Brandschorf legte man gleich nach der Aetzung butirum vel axungia
seu oleum rosatum. Anstatt des Glüheisens kamen unter Umständen
auch ätzende Medikamente zur Anwendung. Das Cauterium actuale oder
potentiale diente, wie Wilhelm de Saliceto sagt, ad alterandam
dispositionem membri cujus complexionem volumus rectificare et ad
resolvendum materias corruptas in membro contentas et ad restringendum
fluxum sanguinis.
~Summa conservationis et curationis~ in fünf Büchern, beginnt
mit einer vortrefflichen medizinischen Deontologie und mit einer
ausführlichen Diätetik und Prophylaxe. Buch I enthält die spezielle
Pathologie und Therapie; Buch II die Fieberlehre; Buch III die
Kosmetik und Dermatologie; Buch IV die Toxikologie; Buch V die
Heilmittellehre und ein Antidotarium. Zitiert sind am häufigsten
Hippokrates, Galen, Rhazes und Avicenna. Aus der noch heute
beherzigenswerten ärztlichen Politik des Saliceto sei Einiges
hervorgehoben, was sich auf das Verhalten des Arztes am Krankenbette
und auf den Umgang mit den Laien bezieht: In ~pulsu~ vero debet
medicus cum maxima instantia quoad laicos considerare; ~sed veritatem
ignorare non convenit~: astute tangere cum quiete pulsum infirmi est
conveniens et est bonum videri, ut medicus sit multum intentus de hac
re. ~Nam omnia talia de medico hominibus fidem faciunt~; quae est
valde utilis in convenienti opere medicinali et per istud astantes
bonam habent praesumptionem de medico. Et in quibus rebus delectatur
infirmus hora sanitatis inquirere convenit et etiam de somno et
vigiliis et similibus. Et cum hoc deliberative inquirere debet de
infirmitate et ejus causa seu causis et hoc per considerationem
in superfluitatibus: ~egestione, urina, sputo et sudore et per
narrationem infirmi et adstantium~: etiam si ipse debilis aut parvae
scientiae fuerit et per hoc confortatur mens infirmi super ejus
operationem et fit operatio medicinarum nobilior et confortatur in
tantum anima infirmi per hanc fidem et imaginationem quod operatur
contra infirmitatem fortius et nobilius et subtilius quam faciat
medicus cum instrumentis et medicinis. (Also sorgfältige Untersuchung
und Erhebung der Anamnese schon aus psychologischen Gründen!)
Bezüglich der Prognose heißt es in echt humaner Gesinnung: Nullo
modo praesumas coram infirmo nec ipso audiente aliquam debilitatem
de ejus natura proferre, neque aliquid mali de eo, etiam si de
ejus salute fueris desperatus: ~sed medico semper convenit infirmo
salutem promittere~, ut imaginatio bonae dispositionis et salutis
firma in infirmi anima remaneat: nam talis infirmitas de salute
operationem medici juvat in omni re et effectus medicinarum contra
materias et infirmitatem melior et nobilior reperitur; ~amicis vero
et secretis infirmi totam veritatem exponas~ ut omnis suspicio si
infirmus ad malum converteretur a mentibus amicorum infirmi per tuam
bonam et veram narrationem tollatur. Gewarnt wird vor allzugroßer
Vertraulichkeit mit den Laien, namentlich aber vor wissenschaftlichen
Auseinandersetzungen, da offenbar werdende Kontroversen hinsichtlich
der Diagnose oder Behandlung das Vertrauen erschüttern. ~Nam omnes
laici propter discordiam repertam inter medicos~ solum sermonibus
et aliquando inquisitione causarum et egritudinum artem medicinalem
~reputant vanitatem et dicunt medicos non rationabiliter contra
egritudines, sed ut plurimum, casualiter operari~. Möglichst
nachdenklich, schweigsam, mit zu Boden gesenktem Antlitz solle der
Arzt dastehen, so daß der Eindruck erweckt werde, daß in seinem Geiste
alle Weisheit verborgen sei, etiam si in tali cognitio veritatis
nullo modo reperiretur. Nur das nötigste ist mit den Angehörigen zu
sprechen, denn Schweigen fällt nicht dem Tadel törichter Rede anheim.
Der Arzt halte sich fern von allem, was seinen Ruf beim Publikum
schädigen könnte, namentlich hüte er sich mit der Frau des Hauses
über intime Angelegenheiten zu reden. Seine Leistungen lasse er sich
gut honorieren: et petere optimum salarium de qualibet operatione
medicinali, assignando pro causa visionem stercoris et urinae non
erit malum. Er gehe nicht hochmütig und in feinem Putz daher, auch
vermeide er es, durch auffallendes, unschickliches Benehmen Anstoß
zu erregen. Der Besuch bei dem Kranken erfolge nicht überflüssig,
sondern nur auf dessen Wunsch: quia ex tali visitatione redderes
te suspectum, et perit in te fides infirmi. Besondere Vorsicht ist
bei der Verabreichung von Narcoticis am Platze, die Verordnung
von Abortivis oder antikonzeptionellen Mitteln verstoße gegen
Religion, Ethik und die staatlichen Gesetze. ~Die Kenntnis von den
Leistungen der Vorgänger als Grundlage der eigenen Leistungen ist
erforderlich~, quod nullus hominum per se perfecte potest pervenire
ad artes operativas seu conservativas nisi cum communitate prioris
et melioris a quo doctrinaliter audire debet causas et principia et
regulas universales artis. -- Die diätetisch-hygienische Abhandlung
bildet ein noch jetzt lesenswertes Vademekum von der Wiege bis
zum Grabe. Sie beginnt mit einer ungemein sorgfältigen Hygiene der
Schwangeren und der Kinder in den ersten Lebensjahren. Tägliches
Baden des Kindes ist unerläßlich, das Bestreichen des Anus mit Oel
erleichtert den Durchtritt der Fäces, das Weinen und Schreien der
Kinder erweitere den Brustkasten und befördere den Stoffwechsel, sei
also nicht besorgniserweckend, die Entwöhnung -- man stillte bis zum
2. Jahre -- das Laufenlernen und alles übrige erfolge nur gradatim.
Nach vollendetem 6. Jahre habe man auf gute geistige und leibliche
Erziehung Bedacht zu nehmen, das Baden sei von großem Wert, Weingenuß
sei gänzlich zu untersagen. Nach dem 14. Jahre könne eine größere
Freiheit in der Auswahl und Menge der Speisen gestattet werden, und
man solle für gute Luft, angemessene Ruhe und Bewegung, Sättigung und
Stuhlentleerung, Vermeidung seelischer Aufregung und körperlicher
Ueberanstrengung und für eine gewisse Abhärtung sorgen. Saliceto
weist auf die Notwendigkeit einer in gesunder Gegend gelegenen
Wohnung und geeigneten Schlafstätte hin; Bewegung besonders vor
dem Essen sei nützlich; Unmäßigkeit des Trinkens während des Essens
störe die Verdauung; Zurückhalten des Urins (wegen Disposition zu
Harnleiden) und der Fäces sei zu vermeiden. Allzugroße Enthaltsamkeit
in Sexualibus sei nicht zu billigen; mäßiger Coitus schaffe dem Körper
Erleichterung und lenke die Gedanken von sinnlichen Vorstellungen
ab; unmäßige Ausübung desselben schwäche den Menschen. Allzu heiße
Bäder seien schädlich durch ihre schwächende und austrocknende
Wirkung. Alle Gemütsbewegungen, welche das Maß überschreiten,
können Krankheiten erzeugen, z. B. langanhaltender Zorn -- Fieber.
Der Schluß der Abhandlung betrifft die Diagnose und die ärztlichen
Maßnahmen vor dem Ausbruch einer herannahenden Krankheit. Aus der
speziellen Pathologie wäre namentlich die Beschreibung der „~durities
renum~” ~als Ursache der Wassersucht~ (Vorahnung des Brightschen
Symptomenkomplexes![70]), und die Schilderung der Melancholie
bemerkenswert. Die ~gynäkologischen~ Abschnitte haben folgenden
Inhalt: Ursachen und Behandlung der Amenorrhöe, Dysmenorrhöe,
Abszesse, Karzinom des Uterus (entsteht auf einem Boden, der durch
eine Art Verbrennung in seiner Ernährung gestört ist, wobei die Gefäße
als Verbreiter des Krankheitsstoffes wirken), Rhagaden, Blasenmole,
Hysterie (der Anfall unterscheidet sich vom epileptischen durch
das fortbestehende Bewußtsein), Stenosen der Vulva, Ursachen und
Behandlung der Sterilität, Gebärmutterkatarrh, Verhaltungsmaßregeln
zur Beförderung der Konzeption etc.
[70] Signa sunt, quod minoratur quantitas urinae ... et incipit
venter inflari post tempus et fit hydropicus post dies. Et ut
plurimum fit talis durities post apostema calidum in renibus
et post febrem ejus. Aehnliche Stellen finden sich übrigens
schon früher bei Serapion und Rhazes.
Der mächtige Aufschwung, den die Chirurgie während des 13. Jahrhunderts
in Italien nahm, beruhte nicht bloß auf der ausgedehnten praktischen
Verwertung der gräko-arabischen Ueberlieferung, sondern noch mehr
auf der beginnenden Selbständigkeit der Beobachtung und Erfahrung
mindestens in einzelnen Fragen und Methoden[71]. ~Die wichtigste
Voraussetzung dieser aufstrebenden Entwicklung war durch den Umstand
gegeben, daß die ärztlichen Schulen Italiens für die wissenschaftliche
Ausbildung der Chirurgen Sorge trugen, und daß diesen eine ihres
Standes würdige soziale Stellung eingeräumt wurde.~
[71] Wiewohl Abulkasim eine Hauptquelle bildete, so blieb man doch
bei seiner Vorliebe für das Glüheisen nicht stehen.
Der Einfluß der großen italienischen Meister blieb glücklicherweise
nicht auf ihre nächste Umgebung beschränkt, doch eine wirkliche
Pflanzstätte der italienischen Chirurgie wurde zunächst nur ~Paris~, wo
sich die legitimen Wundärzte um die Mitte des 13. Jahrhunderts zwecks
Wahrung ihrer geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen zu
einer Korporation, dem ~Collège de St. Côme~, vereinigt hatten und
dank ihrer fachlichen Ausbildung wenigstens einigermaßen schon für
die Aufnahme einer Operationskunst im eigentlichen Sinne des Wortes
vorbereitet waren[72]. Diese ihnen übermittelt und damit den Grundstein
zur später so glänzenden französischen Chirurgie gelegt zu haben, ist
das große Verdienst des Mailänders •Lanfranchi•, welcher der Schule
des Wilhelm von Saliceto entstammte.
[72] Schon 1254 hatten die Wundärzte Examinatoren verlangt. Ihre
Korporation besaß einen gildenartigen Charakter und sollte
hauptsächlich einen Schutz gegen unlautere, meist aus der Fremde
eingewanderte Elemente bilden. Die Mitglieder verehrten als
Patrone die heiligen Aerzte Kosmas und Damian. Wahrscheinlich
wurden ihnen schon früh die Kranken des Hôtel-Dieu anvertraut.
Wie aus den beiden Hauptwerken Lanfranchis, aus der ~Chirurgia parva~
und der kasuistisch belebten ~Chirurgia magna~, hervorgeht, war der
Herold der italienischen Wundarzneikunst auf französischem Boden
eifrigst bemüht, den Spuren seines berühmten Lehrers zu folgen,
ohne aber auf eigene Beobachtung und selbständiges Urteil Verzicht
zu leisten. Gleich Saliceto für die Würde seiner Kunst begeistert
und von strengster Gewissenhaftigkeit geleitet, suchte er ~die
wissenschaftliche Begründung der Chirurgie und ihre Wiedervereinigung
mit der internen Medizin~ herbeizuführen, und als Hauptmittel
des chirurgischen Unterrichts galt ihm ~der Hinweis auf konkrete
Fälle~. „Bona casuum narratio multum corroborat operantem.” --
„Nam omnis scientia, quae dependet ab operatione multum corrobatur
per experientiam.” Mehr aber als Saliceto huldigte Lanfranchi der
literarischen Gelehrsamkeit, ja selbst dem Scholastizismus, und
unverkennbar ist ein Rückschritt darin zu erblicken, daß er gegenüber
der Ausführung großer Operationen (z. B. Herniotomie, Steinschnitt)
oft übertriebene Zaghaftigkeit zur Schau trägt.
•Lanfranchi• (Lanfranco, Lanfrancus, Alanfranc u. a.) aus Mailand,
der hervorragendste Jünger Salicetos, wirkte zuerst als Chirurg
und Internist in seiner Vaterstadt, aus der er infolge politischer
Konflikte im Jahre 1290 verbannt wurde. Wie manche andere italienische
Aerzte[73] suchte er in Frankreich ein Asyl, begab sich zunächst
nach Lyon, wo er die ~Chirurgia parva~ schrieb, reiste sodann, immer
seine Kunst ausübend, durch verschiedene Provinzen, um schließlich
seit 1295 in Paris dauernden Aufenthalt zu nehmen. Hier entwickelte
er in Verbindung mit seiner großen Praxis eine sehr ersprießliche
Lehrtätigkeit, welche nach seiner (besonders durch den Dekan der
medizinischen Fakultät, Jean Passavant, angeregten) Aufnahme ins
Collège de St. Côme dem Ansehen der Pariser Chirurgenvereinigung
in hohem Maße zu gute kam. Das Neue der Lehrweise bestand in der
Oeffentlichkeit der Operationen, an die sich instruktive Vorträge
knüpften, also in der echt klinischen Unterrichtsmethode. Lanfranchi
beendete 1296 sein Hauptwerk, welches ihm den Nachruhm sicherte,
die dem König Philipp dem Schönen gewidmete ~Chirurgia magna~. Sein
Todesjahr ist nicht festgestellt, doch scheint er noch vor 1306
gestorben zu sein.
[73] Z. B. Aldobrandino von Siena, der besonders als diätetischer
Schriftsteller (in französischer Sprache) hervortrat.