IV. (1288-1292), Subdiakon und Kaplan Bonifacius' VIII. (1293-1304),
hinterließ als Frucht einer ungefähr dreißigjährigen Arbeit ein
Wörterbuch der Arzneimittellehre, ~Synoyma medicinae~ oder ~Clavis
sanationis~ (Parm. 1473, Patav. 1474, Venet. 1486, 1507, 1510, 1513,
1514, Lugd. 1534), mit dem Zwecke, die wüste Nomenklatur zu säubern
und zu erläutern. ~Simon stützte sich, wie rühmend hervorzuheben
ist, auf botanische Untersuchungen, die er auf seinen ausgedehnten
Reisen in verschiedenen Gegenden anstellte, hauptsächlich aber auf
die mühselige Vergleichung griechischer, arabischer und lateinischer
Schriftsteller resp. der Namen, womit sie dieselben Dinge bezeichnet
hatten.~ Als Quellen kamen nach eigener Angabe in Betracht:
~Dioskurides~ (in zwei lateinischen Bearbeitungen, einer alphabetisch
geordneten und einer, aus 5 Büchern bestehenden), ~Alexandri~ „~liber
de Practica~” in 3 Büchern, „Practica Democriti”, Liber ophthalmicus
des Demosthenes, die Synopsis des ~Oribasius~, ~Moschion~, ~Paul
von Aegina~, ~Galen~, von den Arabern ~Avicenna~[56], ~Serapion~,
~Rhazes~, ~Mesuë~, der ~Liber Alsaharavii~ u. a., von den Lateinern
~Plinius~, ~Celsus~, ~Cassius Felix~, ~Theodorus Priscianus~,
~Isidorus~, ~Gariopontus~[(1)], das Antidotarium des ~Nicolaus~ u. a.
Die Synonyma umfassen ungefähr 6500 Artikel, die mitunter aus einer
einfachen Erklärung in einer Zeile bestehen, in anderen Fällen wieder
Zitate, sprachliche und sachliche Bemerkungen enthalten. Trotz vieler
Irrtümer und des Vorherrschens etymologischer Erläuterungen bedeutete
das Glossar für seine Zeit eine Riesenleistung, und noch heute ist
es für literarhistorische Zwecke und Kenntnis der älteren Synonyma
von Wert. Außer seinem Wörterbuch kommt Simon auch als Uebersetzer
arabischer Werke in Betracht, vgl. S. 334.
[56] Bemerkenswert durch ihre Freimütigkeit sind seine Urteile über
Avicenna, dem er zumutet, über viele einfache Heilmittel im
Irrtum gewesen zu sein, über Constantinus, dessen Uebersetzungen
er nicht traut, über Gariopontus, dessen bloß kompilatorische
Tätigkeit er durchschaut. Festzuhalten ist besonders die
Benützung des ~Celsus~, des ~Cassius Felix~ und des verloren
gegangenen ~Demosthenes~ als Quellen.
Wiewohl es schon einige der erwähnten Schriftsteller -- insbesondere
Gilbertus Anglicus -- an spitzfindigen Deuteleien, an Formalismus in
der Darstellung nicht fehlen ließen, so muß doch als der ~eigentliche
Begründer jener dialektisch-disputatorischen Behandlungsweise
medizinischer Gegenstände, welche die Bezeichnung „scholastisch”
rechtfertigt~, •Thaddaeus Florentinus• (Taddeo Alderotti) angesprochen
werden, ein Mann, an dessen Lehrtätigkeit und literarisches Schaffen
der älteste Ruhm der ärztlichen Schule von ~Bologna~ geknüpft ist[57].
[57] Daß sich die artistisch-medizinische („Universität”) Fakultät
Bologna (vgl. S. 317) übrigens bereits im Anfang des 13.
Jahrhunderts eines nicht unbedeutenden Besuchs wißbegieriger
laikaler und klerikaler Scholaren erfreute, beweist eine vom
Papst Honorius III. 1219 an den dortigen Bischof gerichtete
Verordnung, wonach den Priestern, Mönchen und regulierten
Geistlichen das ~medizinische~ und juristische Studium untersagt
wurde. Die medizinische Scholarenkorporation besaß eine ähnliche
Organisation wie die juristische (an der Spitze ein Rektor),
mußte sich aber gegenüber der langwährenden Präponderanz der
letzteren erst in hartem Kampfe die Selbständigkeit erringen.
Der Aufschwung der Schule datierte seit der Zeit, als die
empirische Unterrichtsweise der philosophisch begründeten Platz
zu machen begann, d. h. seit der Lehrtätigkeit des Thaddaeus
Alderotti. Seinem Einfluß war es vornehmlich zu danken, daß die
medizinischen Scholaren dieselben Privilegien wie die Jünger
der Themis erhielten.
Er war es, der mehr als alle anderen der ~aristotelischen Dialektik~
die Pforte zur Heilkunde weit eröffnete und die ~aristotelische
Physiologie~ zur Hauptgrundlage der medizinischen Theorie machte;
durch ihn wurde dem ärztlichen Unterricht, der ärztlichen Forschung
für lange Zeit eine feste Norm in der ~scholastischen Beweisführung~
gegeben[58]. Wenn auch keine glückliche, so doch jedenfalls eine neue
Epoche der medizinischen Literatur heraufgeführt zu haben, das bleibt
seine Leistung.
[58] ~Nach dem Schema:~ •Behauptung, Beleg, Einwand, Gegeneinwand,
Lösung.•
•Taddeo Alderotti•, geboren zu Florenz um 1223 -- •Thaddaeus
Florentinus• -- entstammte einer unbemittelten Familie, wuchs
unter den drückendsten Verhältnissen heran[59] und soll sich erst
im Mannesalter dem Studium der Philosophie und Medizin in Bologna
gewidmet haben. Nach erlangter Ausbildung trat er dort 1260 als Lehrer
auf und wirkte als solcher, auf ~logische Bearbeitung der Heilkunde~
abzielend, viele Jahre hindurch mit einer Meisterschaft, die ihm bei
den Zeitgenossen den Ehrennamen eines Magister medicorum eintrug. Sein
Ansehen beruhte aber nicht bloß auf hervorragender Gelehrsamkeit,
sondern auch auf glücklichen Erfolgen in der Praxis, die ihn zum
vielgesuchten und oft weithin berufenen ärztlichen Ratgeber besonders
in vornehmen, begüterten Kreisen machten; letzteren Umstand wußte
er zum Erwerb eines bedeutenden Vermögens in mehr als zulässigem
Maße auszunützen[60], was aber ebensowenig wie andere Schwächen --
Neid, Eifersucht[61], Mißtrauen -- seine weitreichende Popularität zu
erschüttern vermochte. Er starb in hohem Alter (1303), nachdem er noch
testamentarisch durch mehrere wohltätige Stiftungen für die Fortdauer
seines Namens gesorgt hatte. Seine Bibliothek, über die er ebenfalls
Testamentsverfügungen traf, enthielt Avicenna (4 Vol.), Galen (4
Vol.), die Metaphysik des Avicenna, die Ethik des Aristoteles, den
Liber Almansoris, Serapion u. a.
[59] Es wird erzählt, daß er durch den Verkauf geweihter Wachskerzen
vor den Kirchentüren seinen Lebensunterhalt fand.
[60] Als Papst Honorius IV., der ihn zu sich berufen hatte, seinem
Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß Alderotti ein tägliches
Honorar von 100 Goldstücken forderte, antwortete er, daß doch
kleine Fürsten und Edelleute nicht Anstand nehmen, 50 Goldstücke
und mehr zu geben. Um nicht als geizig zu gelten, ließ ihm der
Papst nach seiner Genesung angeblich nicht weniger als 10000
Aurei auszahlen.
[61] So geriet Alderotti mit Barth. Varignana deshalb in Feindschaft,
weil dieser ihm angeblich einige Scholaren entzogen hatte, die
früher seine Schüler gewesen waren.
Alderottis Schriften, die manche autobiographische Mitteilungen
enthalten[62], sind nur zum Teil gedruckt, nämlich ~Expositiones in
arduum Aphorismorum Hippocratis volumen~, ~in divinum prognosticorum
Hippocratis librum~, ~in praeclarum regiminis acutorum Hippocratis
opus~, ~in subtilissimum Joanitii isagogarum libellum~ (Venet. 1527),
~Commentaria in artem parvam Galeni~ (Neapol. 1522), ~Libellus de
conservanda sanitate~ ═ ~de regimine sanitatis secundum quatuor anni
tempora~ (ital. u. lat., Bonon 1477, auch in Puccinotti, Storia della
medicina, Vol. II, P. I, App. pag. IV ff. und pag. XLIV ff.). Die
italienische Fassung Libello per conservare la sanità del corpo wurde
wegen des Stils von Dante im Convito (I, 10) heftig getadelt. Taddeo
Alderotti übersetzte auch die Ethik des Aristoteles ins Italienische
(Probe bei Puccinotti l. c.). Handschriftlich sind Kommentare zu
galenischen Schriften und ~Consilia medicinalia~ (Beispiele dieser
aus 107 Konsilien bestehenden Sammlung gedr. in Puccinotti l. c. pag.
XVII ff.) vorhanden. Auf die Benützung von ~Uebersetzungen direkt
aus dem Griechischen~ verweist eine Stelle in seinem Kommentar zu
den Aphorismen: Et translationem Constantini persequar, non quia
melior sed quia communior. nam ipsa pessima est et defectiva et
superflua quandoque. nam ille insanus monacus in transferrendo
peccavit quantitate et qualitate. tamen translatio burgundionis pisani
melior est. et imo cum sententiam ponam imitabor eum et corrigam in
positione sententie totum quod in alia erroneum invenitur, et hoc
invitus faciam, sed propter communitatem translationis Constantini
hoc faciam. nam potius voluissem sequi pisanum. -- Bis zu welcher
Weitschweifigkeit sich die Sucht des Kommentierens bei Alderotti
verstieg, mag damit veranschaulicht werden, daß seine Interpretationen
zu der so kleinen Isagoge des Johannitius einen Raum von nicht weniger
als 114½ Folioseiten füllen; eine Probe dieses Kommentars (Kap. 18)
wurde in deutscher Uebersetzung von R. v. Töply veröffentlicht (Mann
und Weib, eine Abhandlung des Taddeo Alderotti, Wiener klin. Rundschau
1899).
[62] Interessant ist eine Stelle, aus welcher hervorgeht, daß er
Nachtwandler gewesen ist; wir setzen sie hierher, um eine Probe
seiner dialektischen Darstellungsweise und seines Stils zu
geben. „An sensus possit fieri in aliquo dum dormit, Quarta
quaestio. De quarta sic procedo. Videtur quod homo possit
dormiendo sentire, nam dormiendo movetur, sicut patet in
surgentibus de nocte, quorum Ego fui unus. Sed quandocumque homo
movetur, tunc sentit quod ista duo sunt aequalia. Praeterea
nos videmus eos infrenare equum et equitare: hoc autem non
posset fieri sine sensu. Contra somnus secundum quod dicit
Aristoteles in somno et vigilia est impotentia usus sensuum,
et est immobilitas sensus, quare non sentit homo in somno. Ad
hoc dico quod sine dubio non sentit homo in somno, et concedo
rationes ad hanc partem. Quare si mihi opponas quod homo movetur
in somno ergo sentit, dico quod ille motus non fit nisi ab
impressione facta in virtute imaginativa, nam illa bene operatur
in somno. Sed si dicas sensus convertitur cum motu, dico quod
hoc est verum secundum aptitudinem sed non secundum actum;
quare plerumque sentimus et non movemus aliquod membrum et e
converso, sicut probatur in hoc quod modo dixi. Ad secundum
quod tu dicis quod ipsi infrenant equum et equitant, dico quod
ipsi tamen hoc faciunt per virtutem imaginativam et non per
visum; nam si domus esset eis insolita non irent ad stabulum,
sed vadunt propter consuetudinem, sicut Magister Compagnus
Caecus, qui vadit propter consuetudinem per Bononiam transeundo
vias sine aliquo socio. Praeterea Ego qui jam cecidi de alto
quatuor pedum ad terram semper dormiens scio bene hujus facti
experientiam. Unde dico quod nihil sentio. Statim enim cum
frigus percutit me, aut audio aliquem loquentem, revertor ad me
ipsum et redeo ad lectum. ...” (In Isagorum Joannitii libellum
expositio, cap. X.)
Eine Fortdauer der am ~Gräzismus~ festhaltenden Salernitaner
Tradition könnte wohl darin erblickt werden, daß Thaddaeus -- er
knüpfte in einer diätetischen Abhandlung direkt an das Regimen an
-- nur hippokratisch-galenische Schriften (mit Ausnahme der Isagoge
des Johannitius) zum Objekt seiner Interpretationskunst machte, daß
er die spärlichen, zur Verfügung stehenden Uebersetzungen aus dem
Griechischen (Burgundio von Pisa) den schlechten Uebertragungen des
Constantinus vorzog, aber Geist und Stil seiner Kommentare verraten
nur allzu deutlich die Schulung an ~Avicennas Kanon~ und erinnern in
überraschender Weise an die von der Bologneser Juristenfamilie Accorsi
zu so hoher Blüte gebrachte ~logische Glossiermethode~[63].
[63] ~Es ist kein bloßer Zufall, daß die scholastische Medizin
zuerst an der Stätte zur reinsten Entwicklung gelangte, wo die
juristische Interpretationskunst ihre höchsten Triumphe feierte,
in Bologna~, denn unter den Einflüssen des Milieus mußte es ja
naheliegen, die Glossiermethode auf das Gebiet der ärztlichen
Forschung und des ärztlichen Unterrichts zu übertragen, wobei
die falsche Voraussetzung maßgebend war, es käme auch hier
nur auf die richtige Auslegung der „~Litera scripta~” an,
es könne der antik-arabischen Fachliteratur von vornherein
diejenige autoritative, unverrückbar fundamentale Bedeutung
beigemessen werden, welche die Rechtsbücher des Justinian für
die Juristen tatsächlich besaßen. Wie diese die Rechtsquellen,
so behandelte Thaddaeus die Aphorismen, das Prognosticon des
Hippokrates etc., indem er sie mit ~Glossen~ versah, denen bald
förmliche ~Quaestiones~, ~Disputationes~, ~Recollectiones~ und
~Quodlibetationes~ folgten. Im Grunde war es ja der, durch die
Wiedererweckung des römischen Rechts erwachte, ~juristische
Geist~, der -- wie Roger Bacon klagte -- die Theologie des
13. Jahrhunderts beherrschte, der juristische Formalismus,
der so großen Einfluß auf die Architektonik der theologischen
Lehrgebäude ausübte. In Italien selbst, wo die spekulative
Theologie merkwürdigerweise keinen hervorragenden Vertreter
hatte -- führende Theologen italienischer Abstammung wie Petrus
Lombardus u. a. wirkten in Paris --, wurde die ~scholastische
Methode, nur soweit sie auf dem Gebiete der zumeist gepflegten
Rechtsstudien zur Geltung kam, vorbildlich für andere Zweige,
namentlich für die Medizin~.
Welch großen Beifall unter den damaligen Zeitverhältnissen seine,
von der früheren so abweichende, als wissenschaftlich imponierende
Lehrart ernten mußte, ist leicht auszumalen, und die kommende ärztliche
Literatur beweist, daß Alderotti eine ganze Reihe von Schülern zu
berühmten Kommentatoren heranzuziehen verstand; erfreulicher von
unserem Standpunkt ist es aber, daß er allem Anschein nach, trotz
ausgesprochener Vorliebe für das Theoretisieren, doch auch das
Praktische in Forschung und Unterricht nicht gänzlich vernachlässigte
und in diesem Sinne sogar eine ~neue Form der medizinischen
Schriftstellerei~ ins Dasein rief, nämlich die auf Beobachtung
einzelner Krankheitsfälle beruhenden „~Consilia~”.
Dank der von Thaddaeus Florentinus eingeschlagenen, zeitgemäßen
Richtung, welche von seinen Jüngern weiter verfolgt wurde, überholte
Bologna das in den alten Bahnen zäh verharrende Salerno. Die wahre
Bedeutung der ärztlichen Schule von ~Bologna~ im Hinblick auf die
Gesamtentwicklung ist aber nicht in der wachsenden Menge der von
ihr ausgehenden gelehrten Kommentare zu suchen, sondern gerade in
solchen Strebungen, welche das in Salerno viel früher Begonnene unter
glücklicheren Umständen fortsetzten, nämlich in der ~Pflege des
anatomischen Studiums~ und in der ~wissenschaftlichen Bearbeitung
der Chirurgie~ (vgl. S. 290 u. 306), zwei Erscheinungen, die sich
lichtstrahlend vom sonst so düsteren Bilde der Heilkunde des 13.
Jahrhunderts abheben.
Der chirurgische Ruhm Bolognas ist erheblich älter als der medizinische
und knüpft sich in dieser Epoche vor allem an die Namen des ~Hugo von
Lucca~ und des ~Theoderich~, welche die überkommenen antik-arabischen
Ueberlieferungen denkend zu verwerten wußten und durch eine einfachere,
mehr exspektative ~eiterungslose Wundbehandlung~[64], sowie durch die
~Beschränkung des Glüheisens und der maschinellen Polypragmasie~ (in
der Therapie der Frakturen und Luxationen) fortschrittlich wirkten.
[64] ~Die Salernitaner Chirurgen strebten bei der Behandlung der
Wunden Eitererzeugung an, die Bologneser Chirurgen dagegen
empfahlen die austrocknende Wundbehandlung~ (nach dem Vorgang
von Avicenna galt Wein als bestes Heilmittel für Wunden). Die
Salernitaner stützen sich auf Hippokrates (Aphor. V, 67, ~Laxa
bona, cruda vero mala~), die Gegner auf Galen (Methodi med.
Lib. IV, cap. 5, ~Siccum sano est propinquius, humidum vero
non sano~).
Durch die Verordnungen Friedrichs II. wurde ~das Studium der
Anatomie~ (Tiersektionen) in Salerno und Neapel zu einer stehenden
Einrichtung. Die Angabe aber, es sei 1238 der Befehl gegeben
worden, alle 5 Jahre in Gegenwart der Aerzte und Chirurgen eine
menschliche Leiche zu sezieren, dürfte nichts anderes als eine
spätere Ausschmückung sein. Die ersten Spuren von einem anatomischen
Betrieb (Tiersektionen) in Bologna führen in die Mitte des 12.
Jahrhunderts zurück (vgl. S. 317, Anm. 1). Thaddaeus, der in seinen
Schriften verhältnismäßig reiche anatomische Kenntnisse verrät,
schöpfte aus arabischen Autoren und hat gewiß auch Tiersektionen
beigewohnt; ob er selbst zum Messer gegriffen, ist nicht festgestellt.
Höchstwahrscheinlich ist unter seinem Einfluß in der zweiten Hälfte
des 13. Jahrhunderts in Bologna die pseudogalenische Schrift ~De
anatomia vivorum~ (hauptsächlich aus ~Aristoteles~, in zweiter Linie
aus Galen) zusammengestoppelt worden, wenigstens deutet die echt
scholastische Darstellungsweise, das barbarische Latein und die
arabistische Terminologie auf die genannte Epoche und die vermutete
Entstehungszeit. Während die allgemeine Anatomie, Physiologie
und Eingeweidelehre ausführlich darin behandelt werden, fehlt die
Osteologie und die Lehre von den Gehirnnerven; in der Gefäßlehre
sind fast nur die Aderlaßgefäße hervorgehoben. Es soll übrigens
hier nicht unerwähnt bleiben, daß manchen Angaben zufolge schon
während des 13. Jahrhunderts in Italien hie und da Leichen geöffnet
wurden, um die Ursache seuchenhafter Krankheiten zu ergründen;
wahrscheinlich, aber unbewiesen, ist auch die bisweilen behauptete
Vornahme von gerichtsärztlichen Sektionen in diesem Zeitalter. Was
die forensische Medizin anlangt, so wissen wir nur das eine bestimmt,
daß im Anschluß an die germanischen Rechtsbräuche schon seit langem
äußere Besichtigungen von Leichen zwecks Beurteilung der Letalität
der Wunden etc. durch sachverständige Aerzte stattfanden, was deutlich
genug z. B. aus einer Verordnung des Papstes Innocenz III. vom Jahre
1209 hervorgeht (Decretal. Gregor. Lib. V, tit. XII, cap. 18).
Als letzter Hauptvertreter der ~Salernitanerchirurgie~ ist der
Schüler des Roger (vgl. S. 307) •Rolandus• (~Rolando Capelluti~)
anzusehen[65], der, teils in seiner Vaterstadt Parma (~R. Parmensis~)
teils in Bologna lebend, die Chirurgie seines Lehrers überarbeitet
herausgab (Ego quidem Rolandus Parmensis in opere praesenti juxta meum
posse in omnibus sensum et litteram Rogerii sum secutus) und dieselbe
noch außerdem zur Grundlage eines eigenen „Libellus de cyrurgia”,
der „~Rolandina~” (Coll. Salern. II, 497-724 mit den Glossen der
vier Meister) machte. Die Rolandina weicht im ganzen sehr wenig von
der Practica chirurgiae des Roger ab, doch ist sie reichhaltiger und
verrät den arabischen Einfluß deutlicher. Von großer Kühnheit zeugt
eine Krankengeschichte, in der Rolando erzählt, wie er in einem Falle
von penetrierender Brustwunde mit prolabierter Lungensubstanz diese
einfach wegschnitt und hierauf die Wunde verband. -- Zur chirurgischen
Literatur der Salernitaner gehören ferner noch die Glossulae quatuor
magistrorum und teilweise das Poëma medicum. Die •Glossulae quatuor
magistrorum super chirurgiam Rogerii et Rolandi• (Coll. Salern. II,
497-724 und Puccinotti, Storia della medicina II, 2, p. 662-792),
ein Kommentar zu den Schriften des Roger und Rolando (namentlich zur
Rolandina), zeichnen sich durch streng wissenschaftliche, auch die
Theorie (Aetiologie, Semiotik etc.) sorgfältig berücksichtigende
Darstellungsweise aus und repräsentieren die ~Höchstleistung der
Salernitaner Chirurgie unter arabischem Einflusse~ (Zitate aus
Avicenna, Abulkasim, Constantinus, Rhazes). Buch I: Spezielle
Wundlehre; Buch II: Abszeßlehre, Exantheme, Krebs, Fisteln einzelner
Organe; Buch III: Manie, Melancholie, Epilepsie, Augen-, Ohr-,
Zahnleiden, Hernien, Blasenstein, Hämorrhoidalkrankheiten, Kauterien,
Lepra, Spasmus; Buch IV: Frakturen und Luxationen. Ob die Schrift
wirklich von „vier” Meistern zu Salerno oder Paris verfaßt worden
ist oder ob sich ein einziger Autor unter dem Pseudonym der Quatuor
magistri verbirgt, konnte bisher nicht entschieden werden. Das •Poëma
medicum• ═ De secretis mulierum, de chirurgia et de modo medendi
libri septem (Coll. Salern. IV, 1-176) ist ein wahrscheinlich aus dem
Ende des 13. Jahrhunderts stammendes Lehrgedicht (6322 Verse). Die
beiden ersten Bücher handeln über ~Frauenleiden~, Geburtshilfe und
Kosmetik (aus dem Werke der Trotula geschöpft), die folgenden vier
über ~Chirurgie~ (hauptsächlich metrische Paraphrase der Chirurgie
des Roger und des zugehörigen Kommentars der Quatuor magistri), das
siebente Buch handelt von der allgemeinen Therapie und Deontologie;
es stellt in letzterer Hinsicht eine Versifikation der Schrift de
adventu medici (vgl. S. 293) dar. Die allgemeinen therapeutischen
Vorschriften scheinen vorwiegend der Ars medendi des jüngeren Kophon
(vgl. S. 291) entnommen zu sein.
[65] Außer bei dem S. 308 besprochenen Jamerius kommt der Einfluß
Rogers auch bei ~Wilhelm von Congeinna~ (vgl. Pagel, Die
Chirurgie des Wilhelm von Congeinna, Berlin 1891) zur Geltung;
über die Nationalität dieses Chirurgen ist nichts bekannt.
~Hugo Borgognoni~ oder (nach dem Geburtsorte) •Hugo von Lucca•[66]
(Ugo de Lucca) wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts geboren,
wirkte als Stadtarzt (nebstbei auch als Gerichtsarzt)[67] in
Bologna, begleitete die Bologneser Kreuzfahrer auf ihrem Zuge nach
Syrien und Aegypten (Belagerung von Damiette 1219) und starb, fast
hundertjährig, vor 1258. Er genoß als chirurgischer Praktiker einen
bedeutenden Ruf, zog mehrere seiner Söhne zu Aerzten heran, unter
diesen den nachmals so berühmten Theoderich. Worin seine Bedeutung
lag, erfahren wir ausschließlich aus dem Werke des letzteren, da
Hugo selbst nichts Schriftliches hinterließ. Von Theoderich hören
wir unter anderem, daß Hugo die primitive Form der Narkose, mit
~Schlafschwämmen~ (vgl. S. 302) empfahl und für eine ~einfache,
eiterungslose Wundbehandlung~ (Kompressen mit Wein, einfacher
Verband) eingetreten ist. Er verfuhr in sehr rationeller Weise in
der Behandlung komplizierter und unkomplizierter Schädelverletzungen
(Einfachheit, Reinlichkeit, Warnung vor Polypragmasie, Unterlassen
jeder Sondierung), in der Behandlung penetrierender Brustwunden,
sowie des Empyems, der Abszesse etc. und ~vereinfachte wesentlich
die Apparatotherapie bei Extremitätenverletzungen und Luxationen~;
~bei Rippenfraktur~ versuchte er die ~Reposition im Bade mit vorher
eingeölten Fingern~. Im Gegensatz zu diesen Neuerungen huldigte er
dem mittelalterlichen Zeitgeiste freilich dadurch, daß er allerlei
Pflaster- und Salbenkompositionen und „Wundtränke” anwendete. Vgl. die
Zusammenstellung der Zitate in der Berliner Dissertation (1899) von
Eugen Perrenon, Die Chirurgie des Hugo von Lucca nach den Mitteilungen
bei Theodorich. Meister Hugo beschäftigte sich auch mit Chemie und
lehrte eine Methode der Sublimation des Arseniks.
[66] Die ältestbekannten Aerzte Bolognas stammen aus der Fremde. In
den Archiven von Lucca werden Aerzte seit dem 8. Jahrhundert
erwähnt.
[67] Die darüber berichtenden Stadtstatuten sind eines der ältesten
Denkmäler für die gerichtliche Medizin im Mittelalter.