liegt in dem ~Zurücktreten der von Salerno ausgehenden literarischen
Produktion~ seit dem Ende des 12. Jahrhunderts, was abgesehen von
schädlich einwirkenden äußeren Umständen[47] damit zusammenhängt, daß
die altberühmte Schule im Grunde die, ihr von der Geschichte zugeteilte
Rolle ausgespielt hatte, wenn auch ihr Ansehen bis zur Mitte des
13. Jahrhunderts von anderen Pflegestätten der Medizin noch nicht
überstrahlt wurde. Das Wenige, was von salernitanischen Schriften
aus dieser Zeit auf uns gekommen ist, besteht aus Ueberarbeitungen
älterer Vorlagen oder betrifft lediglich die Therapie, ohne einen
neuen wissenschaftlichen Geist spüren zu lassen. Immerhin war es
von Bedeutung, daß die Schule, je weniger sie die Führung in der
medizinischen Theorie aufrecht erhalten konnte, sich desto mehr der
~Pflege der botanisch-pharmakologischen Studien, der Diätetik und
Balneologie~ widmete, wodurch ihr noch einigermaßen ein fortdauernder
Einfluß gesichert blieb.
[47] Im Jahre 1195 wurde von Heinrich VI. ein furchtbares
Strafgericht über Salerno verhängt, bei welcher Gelegenheit
viele Gelehrte nach anderen italienischen Städten auswanderten.
Seit Friedrich II. litt die Schule erheblich durch die
Konkurrenz mit der (1224) neugegründeten Universität Neapel,
wiewohl sich vorübergehend das medizinische Ansehen Salernos
stärker erwies als dasjenige ihrer hauptstädtischen,
mit größeren Rechten und Geldmitteln ausgestatteten
Schwesteranstalt. Nachdem schon 1231 die medizinische Fakultät
in Neapel aufgelassen worden war, wurden 1252 sogar die übrigen
Fakultäten nach Salerno verlegt, doch fand schon 1258 wieder
eine Neuaufrichtung der Hochschule zu Neapel in vollem Umfang
statt.
Von den salernitanischen Literaturprodukten seit dem Ausgang des
12. Jahrhunderts seien hier beispielsweise angeführt ~das Lehrgedicht
über die Bäder von Puteoli~, das Werk der ~Trotula~ in seiner jetzigen
Fassung (vgl. S. 286), das ~Poëma medicum~, die ~Tabulae des Petrus
Maranchus~ (Coll. Salern. IV, 558-565, eine Zusammenstellung der
wichtigsten Arzneimittel nach ihrer Wirkungsweise), also vorwiegend
die praktische Medizin betreffende und zum Teil, nach alter Tradition,
in Versen abgefaßte Schriften. Das Lehrgedicht über die Bäder von
Pozzuoli, welches in den verschiedenen Ausgaben dem ~Eustatius de
Matera~ oder dem ~Alcadinus~ aus Girgenti (Arzt der Kaiser Heinrich
VI. und Friedrich II.), gewöhnlich aber dem Dichter ~Pietro da Eboli~
zugeschrieben wird (älteste Ausgabe Petrus de Ebulo, Libellus de
mirabilibus civitatis Puteolanae, Neap. 1475 -- vgl. Collect. de
balneis, Venet. 1553) stimmt inhaltlich im wesentlichen mit einem
Traktat ~Balnea Puteolana~ (ed. Giacosa in Magistri Salern. nondum
editi, 333-340), des Arztes Johannes, Sohnes des Gregorius, überein.
Durchaus auf salernitanischer Grundlage ruht auch ein „~Alphita~”
betiteltes, wahrscheinlich von einem französischen Autor[48] des 13.
Jahrhunderts verfaßtes medizinisch-botanisches Glossar (Coll. Salern.
III, 272-322 und ed. Mowat in Anecdot. Oxoniens. Vol. I, pars II,
Oxford 1887).
[48] Nach den französischen Synonymen zu schließen. Das Glossar
beginnt in der ursprünglichen konfusen Anordnung mit dem Worte
Alphita (et farina hordei est idem), daher die Bezeichnung.
Mehr als in der Civitas Hippocratica selbst wurde außerhalb Salernos
auf französischem Boden der Versuch gemacht, den alten, einfachen
Ueberlieferungen, besonders auf dem Gebiete der Semiotik (Harnschau,
Pulsuntersuchung) und Pharmakotherapie, sodann aber auch in der
Krankheitslehre, einen mehr oder minder starken arabischen Einschlag
zu geben, wie dies schon am Schlusse des 12. Jahrhunderts unternommen
worden war. Als Typen dieser Richtung können die Schriften des
~Ricardus Anglicus~, von dem auch eine Anatomie herrührt, und des
~Gualtherus Agulinus~, eines Nachahmers des Gilles de Corbeil,
angesehen werden; in ihnen herrscht noch ein durchaus praktischer
Geist und jene ungekünstelte Schreibart vor, wie sie einerseits die
Salernitaner, anderseits die von Constantinus importierten Araber
(z. B. Isaac Judaeus, Ali Abbas) kennzeichnet. Letztere dienten neben
antiken Autoren auch dem ~Petrus Hispanus~ zur Hauptquelle; unter dem
Namen dieses, aus Portugal stammenden Arztes, Philosophen und späteren
Papstes läuft ein im Mittelalter und noch später hochgeschätztes, weit
verbreitetes Rezeptbuch, welches mehr populären als wissenschaftlichen
Ansprüchen Rechnung trug, der ~Thesaurus pauperum~.
Von diesen Werken hebt sich das ~Compendium medicinae~ scharf ab,
welches der, wohl noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts
wirkende ~Gilbertus Anglicus~ (der erste englische Autor von
europäischem Ruf) verfaßte. Dieses, auch Laurea anglica genannte Werk
strebt wohl ebenfalls im Prinzip eine Synthese der Salernitanermedizin
mit der arabischen in weitem Ausmaße an, macht aber der letzteren
bereits allzu große Konzessionen und ermüdet noch überdies durch
theoretische Spitzfindigkeiten, welche so manche gute Eigenbeobachtung
und selbständige Erfahrung umstricken. Der Verfasser scheint, wie
aus einigen Stellen hervorleuchtet, in der Polypharmazie und in der
Anempfehlung von abergläubischen Heilprozeduren mehr den, vom Zeitgeist
und von seiner Umgebung (Montpellier) ausgehenden Einflüssen als
der inneren (zur rationellen und diätetischen Therapie hinneigenden)
Ueberzeugung gefolgt zu sein.
Den besten Ueberblick über die damalige, aus dem salernitanischen
Antidotorium (Nikolaus Praepositus), aus Galen und auch aus den
arabischen Autoren schöpfende Arzneimittellehre gewähren die
einschlägigen, kompendiösen Schriften des ~Johannes de Sancto
Amando~, der sich einer wahrhaft lichtvollen, rasch orientierenden
Darstellungsweise befleißigt und nur dort einer unvermeidlichen
Subtilität anheimfallt, wo sie ihm durch den Gegenstand selbst
aufgezwungen wird. Ihm verdankten die Zeitgenossen neben anderem
auch eine lexikalisch geordnete Zusammenstellung der wichtigsten
Sentenzen aus Galen und Avicenna sowie eine knappe Inhaltsübersicht
der wichtigsten hippokratischen und galenischen Schriften --
was die schulmäßige Aneignung des umfangreichen und verwirrenden
Kenntnisstoffes wesentlich erleichterte.
Dem Bedürfnis nach einer kritischen Revision der aus so vielerlei
Quellen zusammengetragenen Arzneimittelstoffe, nach einer Verbesserung
der wüsten Nomenklatur versuchte am Schlusse des Zeitraums ~Simon
Januensis~ zu entsprechen, dessen ~Clavis sanationis~ nicht bloß auf
linguistischen, sondern auch auf botanischen Studien beruhte.
•Ricardus Anglicus• (R. de Wendmere alias Wendovre) aus Oxford,
seit 1227 Leibarzt des Papstes Gregor IX., zog sich nach dem
Tode desselben 1241 nach ~Paris~ zurück (als Nutznießer einer
Kanonikatspräbende), wo er eine fruchtbare literarische Tätigkeit
entfaltete; er starb 1252. Außer mehreren handschriftlich vorhandenen
Schriften (Signa prognostica, de laxativis et repressivis, de
clysteribus mundificativis, Kommentare zu Johannitius, Philaretus,
zum Fiebertraktat des Isaac Judaeus, zum liber urinarum des Aegidius
Corboliensis, zu den hippokratischen Aphorismen) verfaßte er eine
~Anatomia~ (ed. Rob. R. v. Töply, Wien 1902) in 44 Kapiteln. Zitiert
sind in letzterer Hippokrates, Aristoteles, Galen, Avicenna, die
Sprache ist nicht arm an arabischen Kunstausdrücken und Gallizismen.
•Gualtherus Agulinus• (Agilon, Agulon, Aquilinus u. s. w.), Zögling
Salernos, vermutlich ein französischer Arzt der ersten Hälfte des
13. Jahrhunderts, Nachahmer des Aegidius Corboliensis, verfaßte außer
mehreren handschriftlich existierenden Werken (liber pulsuum, de dosi
medicinarum, Summa oder Practica, letztere auch in altfranzösischer
Uebersetzung vorhanden) ein ~Compendium urinarum~ (ed. J. Pfeffer,
Berl. Dissert. 1891), in welchem die Niederschläge und Farben des
Harns nach ihrer diagnostischen Bedeutung angeführt werden.
•Petrus Hispanus• (P. Ulyssiponnensis, † 1277), welcher im Anfang
des 13. Jahrhunderts in Lissabon als Sohn des Arztes Julianus
geboren wurde, in Paris und Montpellier studierte und am Ende seiner
ungewöhnlich glänzenden kirchlichen Laufbahn (Prior zu Mafra, Dechant
zu Lissabon, Großschatzmeister zu Porto, Archidiakon zu Vernoim,
Erzbischof von Braga, Kardinal) im Jahre 1276 als Johannes XXI.
den päpstlichen Thron bestieg[49], gilt nicht bloß als Verfasser
philosophischer[50], sondern auch einer Reihe von medizinischen
Schriften, welche die größte Verbreitung fanden. Dahin gehören der
~Thesaurus pauperum~ sive Summa experimentorum (Antverp. 1476, 1479,
Lugd. 1525, Francof. 1576, 1578, übersetzt in mehrere Sprachen,
z. B. italienisch Venecia 1494 u. ö., spanisch Alcala 1589)[51],
portugiesisch, eine für die Bedürfnisse der Armenpharmakopöe
aus zahlreichen Autoren (besonders Dioskurides, Galen, Avicenna)
zusammengestoppelte Rezeptsammlung gegen alle möglichen Affektionen
(darunter viele Wunder- und Volksmittel); ~Commentaria super librum
diaetarum universalium et particularium~ und ~de urinis~ Isaaci
(beide Lugd. 1515); ~Liber de oculo~ oder Breviarium de egritudinibus
oculorum, et curis (ed. A. M. Berger, Die Ophthalmologie des Petrus
Hispanus, mit deutscher Uebersetzung und Kommentar, München 1899),
letzteres Werk zerfällt in drei Teile, von denen der erste einen
Auszug aus dem entsprechenden Abschnitt des Pantegni darstellt
(die alte ital. Uebersetzung desselben publiz. von Franc. Zambrini
in Scelta di curiosità letterarie, Bologna 1873), der dritte sich
mit der Okulistik des Mag. Zacharias (vgl. S. 314) völlig deckt,
der zweite auch selbständig in den Handschriften als Tractatus
mirabilis aquarum vorkommt. Außer der Operation bei Trichiasis und
Pterygium und Balggeschwülsten geht die Ophthalmochirurgie leer aus,
anerkennenswert ist nur das Bestreben, die abergläubischen Mittel
möglichst auszuschließen. Handschriftlich sind außerdem vorhanden
Kommentare zu hippokratischen Schriften, eine Physionomia, eine
Abhandlung über den Aderlaß, ein Regimen sanitatis, ein Consilium
de tuenda valetudine ad Blancam Francie Reginam und die Schrift de
formatione foetus.
[49] Er starb schon nach wenigen Monaten infolge einer schweren
Verletzung, die er sich infolge des Einsturzes einer Mauer in
seinem Palaste zu Viterbo zuzog.
[50] Am berühmtesten wurden die „Summulae logicales”. Auf
diese bezieht sich Dante, der in seinem Paradiso von allen
zeitgenössischen Päpsten nur den Petrus Hispanus antrifft:
E Pietro Ispano
Lo qual giù luce in dodici libelli
Canto XII, v. 135-136.
[51] Für dieses Werk wird übrigens auch der Arzt Julianus (Vater
des Petrus Hispanus) als Autor in Anspruch genommen.
•Gilbertus Anglicus• (erste Hälfte des 13. Jahrhunderts), „Doctor
desideratissimus”, soll nach Studien in England die berühmtesten
Hochschulen des Auslands (Salerno) besucht haben und übte wenigstens
einige Zeit seines Lebens in Frankreich (Montpellier) die Praxis aus.
Sein Hauptwerk ist das ~Compendium medicine tam morborum universalium
quam particularium, nondum medicis sed et cyrurgicis utilissimum~
(Lugd. 1510, Genev. 1608). Es zerfällt in 7 Bücher, welche der
Reihe nach über die Fieber, über die Krankheiten des Schädels und
Gesichtes (Augen-, Ohrenleiden), des Halses und der Atmungsorgane, des
Darmtraktes, der Leber, der Milz, der Harnorgane, über Sexualleiden,
Hautleiden und die giftigen Wunden handeln; die letzten Abschnitte
enthalten Varia, z. B. die Applikationsweise der Kauterien und das
ganze Werk schließt mit ~hygienischen Ratschlägen für Reisende und
Seefahrer~. Zitiert sind darin griechische Autoren (natürlich nach den
lateinischen Uebersetzungen), insbesondere Hippokrates, Aristoteles,
Galen und Alexander, die Araber Hunain, Isaac, ~Rhazes~, Avicenna
und Averröes, die Salernitaner Constantinus, Platearius, Nicolaus
Praepositus, Maurus, Ricardus. ~Merkwürdigerweise tritt bei Gilbert an
einzelnen Stellen die Geneigtheit hervor, dem Hippokrates in seiner
einfachen, exspektativen Behandlungsweise zu folgen; diese Absicht
wird alsbald aber vom Verfasser mit dem Hinweise aufgegeben, daß er
seinen Zeitgenossen dann als Sonderling erscheinen würde!~ Hie und
da kommen auch eigene Beobachtungen vor, aber vergraben in einem
Wust spitzfindiger theoretisierender Erörterungen. In der Therapie
spielen daher neben diätetischen Maßnahmen mehr als 200 komplizierte
Antidota, und auch manche Wundermittel die Hauptrolle; von letzteren
sagt er allerdings, daß er sie nur der Vollständigkeit halber, nicht
aus innerer Ueberzeugung, anführe. Hervorzuheben ist namentlich
die Schilderung der ~Lepra~ (~Anästhesie~ und andere Symptome des
Nervensystems, ~Heredität~, ~Ansteckungsgefahr~), sowie der ~Blattern
und Masern~ (der differentialdiagnostische Unterschied liege in der
Prominenz über das Hautniveau, welches die Blattern kennzeichne);
Gilbert betont die ~Ansteckungsgefahr der Blattern~ und erwähnt
unter den Behandlungsmethoden auch jene, welche in der Einhüllung
des Kranken mit ~roten Tüchern~ bestand[52]. In der ~Hygiene für
Seereisende~ fällt besonders der Vorschlag auf, das Trinkwasser, wenn
es nicht anders möglich ist, durch Destillation zu purifizieren.
-- Außer dem Compendium medicinae sollen von Gilbert noch ein
Kommentar zu den hippokratischen Aphorismen und ein Antidotarium
(handschriftlich) herrühren.
[52] Wahrscheinlich im Anschluß an alte Volksgebräuche; vgl. übrigens
die moderne Rotlichtbehandlung.
•Johannes de Sancto Amando• (~Jean de Saint-Amand~), Kanonikus
von Tournay, einer der gelehrtesten Aerzte seiner Zeit, dozierte
wahrscheinlich vorübergehend in ~Paris~ und entfaltete neben seiner
ärztlichen, eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Schriften:
Kommentar zum Antidotar. des Nicol. Praepositus (vgl. S. 302)
~Expositio super antidotarium Nicolai~ (gedr. in den meisten Venediger
Joh. Mesuë-Ausgaben)[53], ~Revocativum memoriae~[54], bestehend aus
den ~Areolae~, einer abgekürzten Arzneimittellehre, die sich großer
Beliebtheit als Schulbuch erfreute (ed. Pagel, Berlin 1893), den
~Concordanciae~, einer nach Schlagwörtern geordneten alphabetischen
Zusammenstellung der wichtigsten Sentenzen aus Galen und Avicenna
(ed. Pagel, Berlin 1894) und den ~Abbreviationes Hippocratis et
Galeni~ (dem eigentlichen Revocativum) einer kurzen Inhaltsübersicht
der wichtigsten hippokratischen und galenischen Schriften[55].
Auszüge aus dem Kommentar zum Antidotarium Nicolai sind die auch
selbständig erschienenen Abhandlungen ~de balneis~ (gedr. in Coll.
de baln. Venet.) und ~de usu idoneo auxiliorum~ (in Chr. Heyl,
Artificialis medicatio, Mogunt. 1534). Außerdem verfaßte er einen
Kommentar zum Antidotarium des Rhazes, quaestiones super diaetas
Isaaci, breviarium de antidotario und die folgenden Schriften,
welche vielleicht Auszüge aus dem Kommentar zu Nicolaus darstellen,
additiones ad librum Albucasem de electionibus regendi sanitatem,
Comment. ad librum cui Takwin inscribitur de morborum curis, Joannitii
isagogarum commentarii compendium, de medicinarum gradibus, de
medicinae operis consideratione. ~Der Kommentar zu Nicolaus~ ist
eine Art von allgemeiner Therapie, geordnet nach den Wirkungen der
Heilmittel; ~die arabische Polypharmazie tritt darin noch nicht in
den Vordergrund~, doch spielen Aderlaß, Kalenderdiät und Uroskopie
eine wichtige Rolle; in spitzfindiger Weise wird die Pharmakodynamik
und die Lehre von den Indikationen und Kontraindikationen (namentlich
der Abführ- und Brechmittel) abgehandelt. Die ~Areolae~, durch ihre
Kompendiosität an moderne Rezeptbüchlein erinnernd, bestehen aus
drei Abschnitten; im ersten ist die Materia medica übersichtlich nach
pharmakodynamischen Grundsätzen alphabetisch angeordnet, der zweite
enthält die Organmittel a capite ad calcem mit einem Supplement
über Abführmittel, der dritte (ein Auszug aus entsprechenden
Kapiteln des obengenannten Kommentars) bringt die Grundsätze der
Arzneiverordnungen und Mischungen. Im wesentlichen handelt es sich
um eine gedrängte, sehr übersichtlich gruppierte, Kompilation aus
Galen, Avicenna, Joh. Mesuë, Serapion und Nicolaus Praepositus,
wobei sich der Verfasser nur auf die Simplicia beschränkt und sich
einer, vom Scholastizismus fast völlig freien, Darstellungsweise
befleißigt. In der Vorrede wird die Notwendigkeit der Kenntnis von
den Wirkungen der Simplicia betont, sodann geht Johannes de S. Amando
daran, zuerst die gewöhnlichen Wirkungen (operationes communes)
jedes Arzneistoffes zu beschreiben. Die Mittel zerfallen in 27
Hauptgruppen, nämlich ~abstersiva~ (entfernen die dicken und zähen
Säfte, und zwar gibt es solche Mittel, welche nur innerlich genommen
ihre Wirkung entfalten, z. B. Absinthium, oder äußerlich und innerlich
wirksam sind, ohne oder mit eröffnender Kraft), ~adustiva~ (leicht
ätzende), ~aperitiva~ (eröffnende Mittel, mit der Unterabteilung
remedia maturantia, d. h. einen Abszeß zur Reifung bringende
Arzneien), ~attractiva~ (Mittel, welche die Säfte aus der Tiefe z.
B. von den Gelenken, an die Oberfläche leiten und zwar vermöge einer
besonderen Beschaffenheit direkt infolge innerer Verwandtschaft
zwischen dem anziehenden und anzuziehenden Stoffe oder indirekt
z. B. wie der Theriak auf dem Wege der Herzstärkung), ~corrosiva~
(Aetz- oder geschwürsbildende Mittel), ~consolidantia~ id est cutem
facientia (austrocknende, zusammenziehende Mittel, z. B. Myrrhe,
plumbum ustum), ~confortativa~ (stärkende Mittel, dahin gehören
z. B. die aromatischen), ~constrictiva~ (adstringierende Mittel),
~constringentia sanguinem~ (blutstillende Mittel), ~exsiccativa~
(Mittel, welche durch ihre auflösende und verflüchtigende Kraft
die überschüssige Feuchtigkeit vernichten, manche wirken auch
leicht ätzend), ~frangentia acuitatem~ (Mittel, welche die scharfen
Säfte paralysieren, mildernd wirken), ~dissolventia ventositatem~
(Mittel, welche die Blähsucht bekämpfen), ~conglutinativa~ (Mittel,
welche vermöge ihrer feucht-schleimigen Beschaffenheit die Poren
der Organe zum Verkleben bringen, z. B. sarcocolla), ~incisiva~
(z. B. cepa, sinapis), ~inflativa~ (Carminativa), ~lenitiva~,
~lavativa~ und die stärker wirkenden ~mundificativa~ (wirken ähnlich
wie die obengenannten abstersiva), ~maturativa~ (Abszeßmittel),
~putrefacientia~ (Mittel, welche Fäulnis, bezw. Eiter erzeugen),
~diuretica~, ~resolutiva~, ~rubificantia~, ~subtiliativa~ (verdünnende
Mittel), ~styptica~, ~stupefactiva~ (betäubende Mittel), ~vesicantia~.
Im folgenden werden die ~Organmittel~ abgehandelt, darunter die
Abszeß- und Wundmittel (erstere zerfallen in repercussiva, d. h.
zerteilende, maturativa, resolutiva, und doloris sedativa, letztere
in blutstillende, eiterungsverhindernde, das Wundsekret reinigende,
Granulationen beseitigende, den Substanzverlust deckende Mittel),
anhangsweise sind die Abführmittel (Aloë, Koloquinthen, Cassia
fistula, Helleborus etc.) besprochen. Den Schluß bilden ~Vorschriften
über das Rezeptieren~. Die Notwendigkeit, einfache Arzneistoffe zu
einem Rezept zu komponieren, ergibt sich aus sechs Gründen: 1. weil
es zuweilen keine einfache Arznei gibt, die dem Grade der Krankheit
entspricht; 2. weil manche Stoffe überhaupt nur mit anderen gemischt
zu gebrauchen sind; 3. zur Beseitigung der unangenehmen Nebenwirkung
und des schlechten Geschmackes; 4. bei Krankheitskomplikationen, wo
eine einfache Arznei nicht genügt; 5. zur Erlangung einer eigenartigen
antitoxisch wirkenden Mischung; 6. zur Verstärkung der Wirkungen
und der Eigenschaften. Bezüglich der Mischung sind folgende Regeln
zu beachten: Von einem stark wirkenden Mittel ist nur wenig zu
verwenden; hat ein Präparat gleichzeitig viele Wirkungen, so ist es
in größerer Menge zu verwerten; von einem Arzneistoff, der auf die
entfernten Teile wirkt, ist viel zu nehmen; wirkt ein Präparat auf
wichtige Organe, so ist es in größerer Quantität bei der Mischung
zu verwerten; wenn ein Präparat dasselbe leistet wie ein anderes,
welches zur Mischung noch verwendet werden soll, so ist wenig davon
zu verbrauchen; besitzt der Arzneistoff eine schädliche Nebenwirkung,
so ist er in geringerer Quantität anzuwenden; befindet sich in der
Mischung noch ein anderer antagonistisch wirkender Arzneistoff,
so ist von dem ersteren viel zu nehmen. Zu vermeiden hat man beim
Rezeptieren: Mischungen aus heterochronisch wirkenden oder sich in
der Wirkung gegenseitig schwächenden bezw. aufhebenden Stoffen.
Bei jedem Rezept unterscheidet man das Hauptmittel Radix und die
verschiedenen Adjuvantia resp. Corrigentia. Die ~Concordanciae~, der
umfangreichste Teil des Revocativum, sind eine alphabetisch geordnete
Sammlung von wichtigen Sätzen und Sentenzen aus ~Galen~ und ~Avicenna~
(hauptsächlich aus ersterem), mit gelegentlichen Hinweisen auf
Aristoteles, Isaac Judaeus, Joh. Mesuë, Rhazes u. a., mit dem Zweck,
nicht bloß eine leichte Uebersicht über die betreffenden Belegstellen
zu geben, sondern auch auf etwaige Widersprüche aufmerksam zu machen
und schließlich wieder eine Versöhnung der Divergenzen (Konkordanz)
herzustellen. ~Wie die Areolae ein vorzügliches Kompendium der
mittelalterlichen Arzneibehandlung, so stellen die Concordanciae
ein Lexikon der damaligen Pathologie dar, welches sich zum bequemen
Nachschlagen vortrefflich eignet und auf kurzem Wege vollen Einblick
in die galeno-arabische Doktrin gewährt~; dabei ist die Sprache
klar und die Scholastik sozusagen nur in milderer Form vertreten.
Für die große Beliebtheit des Revocativum sprechen die zahlreichen
Handschriften und die Tatsache, daß es oftmals zitiert, kommentiert
und exzerpiert worden ist. Ein Exemplar der Concordanciae wurde von
der Sorbonne 1395 in besondere Verwahrung genommen und dem Schutze
des jeweiligen Dekans anvertraut.
[53] In der Einleitung zur Ausgabe des Mesuë von 1539 wird Joh. de
St. Amando „~doctor suavissimus~” genannt.
[54] Das Revocativum memoriae stellte er für die scolares zusammen,
„damit sie es nicht nötig hätten, schlaflose Nächte über
dem sehr mühseligen Selbststudium des Galen und Avicenna zu
verbringen”.
[55] Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen:
O. Paderstein, Ueber Joh. de St. Amando (1892); Eicksen,
Historisches über Krisen und kritische Tage; Müller-Kypke, Ueber
d. Ars parva Galeni (1893); Reichel, Zur Literaturgeschichte
der antiken Arzneimittellehre; G. Matern, Die drei Bücher des
Galen über die Temperamente; F. Petzold, Ueber die Schrift des
Hippokrates von der Lebensordnung in akuten Krankheiten (1894);
Ehlers, Zur Pharmakologie des Mittelalters (1895).