~Doctor mirabilis~ genannt -- wurde als Sprößling einer
vornehmen, wohlhabenden Familie im Zeitraum 1210-1215 zu Ilchester
(Sommersetshire) geboren und studierte mit ungewöhnlichem, schon von
Anbeginn zu den höchsten Erwartungen berechtigendem Eifer zunächst
in Oxford, später (seit 1240) in Paris, woselbst er nach allseitiger
Ausbildung um 1247 den Doktorgrad erworben haben dürfte. Wiewohl er
sich die dialektische Virtuosität in seltener Weise aneignete, fand
er doch in den Begriffsspaltereien und Wortkontroversen der Scholastik
keine wahre Befriedigung, sondern betrieb, nach gründlicher Erkenntnis
der Dinge strebend und angeregt durch bedeutende gleichgesinnte
Forscher, neben linguistischen mit Vorliebe mathematisch-astronomische
Studien und ganz besonders auch physikalisch-chemische
Experimentaluntersuchungen, welch letztere eine große Menge Geldes
(2000 Pfund) verschlangen. Ob Roger Bacon in Paris oder erst nach
seiner etwa 1250 erfolgten Rückkehr in die Heimat in den Orden der
Minoriten eintrat, ist ungewiß, hingegen spricht alles dafür, daß er
in Oxford nicht bloß eine äußerst rege Forschertätigkeit vorzugsweise
realistischer Richtung entfaltete, sondern auch als öffentlicher
Lehrer -- freilich in einer von der herkömmlichen abweichenden Weise
-- gewirkt hat[31]. Leider wurde das fruchtbringende, in damaliger
Zeit fast einzig dastehende Wirken des großen Mannes, welcher
eine Reform der Wissenschaft und des Bildungswesens anstrebte,
nur allzu früh unterbunden. Der Neid und die Mißgunst, welche der
anfänglichen Bewunderung auf dem Fuße folgten und infolge gewisser
Aeußerungen Rogers über die Ignoranz der scholastischen Größen über
die Sittenlosigkeit der Mönche immer mehr anwuchsen, der Argwohn,
mit dem man seine unverstandenen wissenschaftlichen Forschungen und
überlegenen Kenntnisse als Teufelskünste ansah, verdichteten sich
endlich zu schweren Anklagen, die, eine Zeitlang zurückgewiesen,
endlich bei den Oberen geneigtes Ohr fanden, seit Bonaventura
Ordensgeneral der Franziskaner geworden war. Bacon wurde um 1257
von Oxford ins Pariser Ordenshaus gebracht, wo er sich allerlei
Bußen unterwerfen mußte und unter strenger Ueberwachung stand,
er war fortan der öffentlichen Lehrtätigkeit entzogen und zum
mindesten der vollen Freiheit beraubt, seine Ideen und Entdeckungen
niederzuschreiben. Ein letzter Hoffnungsstrahl leuchtete dem zum
Stillschweigen verdammten Forscher, als ihm der aus früheren Tagen
freundlich gesinnte neuerwählte Papst Clemens IV. im Jahre 1266 im
tiefsten Geheimnis die Erlaubnis erteilte, seine Anschauungen und
Reformpläne auszuarbeiten und zwecks Rechtfertigung zu unterbreiten.
Trotz der bestehenden Hindernisse verfaßte Bacon mit Unterstützung
seiner Freunde in 15 Monaten das Hauptwerk ~Opus majus~[32] und ließ
dasselbe mit anderen Schriften (darunter de multiplicatione specierum)
durch einen in alle Kenntnisse seines Meisters eingeweihten Schüler
(Johannes von Paris) dem Papste überbringen. Später gelangten noch
die Einleitungs- und Erläuterungsschrift zum Hauptwerke, das ~Opus
minus~ und das ~Opus tertium~, nach Rom. Clemens IV. starb schon
3 Monate nach dem Eintreffen der Schriften, und der päpstliche
Stuhl blieb einige Jahre unbesetzt. In welcher Art das Los Bacons
verbessert wurde -- was sicherlich anzunehmen ist --, darüber haben
wir keine ausreichenden Nachrichten, wohl aber wissen wir, daß seine
Feinde mit ihren Anklagen später wieder hervortraten, umsomehr, als
eine neue 1271 verfaßte Schrift (Compendium studii philosophiae),
in welcher die intellektuelle und ethische Depravation des Klerus
und der Mönche schonungslos bloßgelegt war, die Erbitterung bis
zum Höhepunkt gesteigert hatte. Im Jahre 1278 verurteilte der
Franziskanergeneral Hieronymus von Ascoli als Vorsitzender des
zu Paris versammelten Ordensgerichts den Unglückseligen „propter
suspectas novitates” zur Kerkerhaft und sprach zugleich das Verbot
aus, seine Schriften zu lesen. In dieser harten Gefangenschaft mußte
Bacon auch dann noch schmachten, als Hieronymus 1288 unter dem Namen
Nikolaus IV. Papst geworden und trotzdem er diesen durch die Widmung
einer kleinen Abhandlung über die Kunst, die Beschwerden des Alters
zu verhüten, zu versöhnen suchte. Erst nach dem Tode Nikolaus IV.
(1292) wurde Bacon auf Verwenden einflußreicher Männer durch den
milder denkenden Ordensgeneral Raimund Ganfredi aus 14jähriger Haft
befreit -- als gebrochener Greis. Aus diesem Jahre ist seine letzte
Schrift, Compendium Theologiae, datiert; ob er 1292 oder erst 1294,
wie auch angegeben wird, gestorben, ist unentschieden. -- Leider
hat die Unterdrückung des großen Denkers noch lange über das Grab
hinaus den traurigen Erfolg gehabt, daß nur äußerst wenige und eben
nicht die wesentlichsten seiner Schriften eine die Gesamtentwicklung
beeinflussende Verbreitung fanden, daß sein Andenken bis zum 18.
Jahrhundert nur verzerrt, bloß verknüpft mit der Geschichte der
Astrologie, Alchemie und der magischen Künste fortdauerte. Nur ein
Teil der Schriften Bacons ist bisher durch Druckausgaben zugänglich
geworden. Seitdem Jebb die erste Ausgabe des Hauptwerkes (~Opus majus~
de utilitate scientiarum, London 1733; ohne den 7. Teil des Werkes und
in sehr geringer Auflage) veranstaltet hatte[33], wurden publiziert:
Opera quaedam hactenus inedita, ed. J. S. Brewer, vol. I, London 1859
(Rer. britann. scriptor. vol. 15), enthaltend ~Opus tertium~, ~Opus
minus~, ~Compendium philosophiae~, im Anhang ~de secretis operibus
artis et naturae, et de nullitate magiae~. The ~Opus majus~, ed. J.
H. Bridges, Oxford 1897, 2 voll. (2. ed. ibid. 1900, 3 voll.). Opera
hactenus inedita, ed. R. Steele, Fasc. I de viciis contractis in
studio theologiae, London.
[30] Wir folgen in den, zum Teile nicht ganz klargestellten,
biographischen Angaben vorzugsweise dem neuesten Herausgeber
von Bacons Hauptwerken, Bridges.
[31] Um die Wurzeln der Größe Bacons bloßzulegen, muß hervorgehoben
werden, daß die Pflege der mathematisch-naturwissenschaftlichen
Fächer und im Zusammenhange damit die Abneigung gegen
scholastische Klopffechterei damals die Schule von Oxford
charakterisierten -- Züge, die schon früher in den Engländern
Adelard von Bath, Alexander Neckam und Alfred Sershall
hervorgetreten waren. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts
waren die freisinnigen Theologen ~Robert Grossetête, Bischof von
Lincoln~ und der Franziskaner Adam von Marisco die glänzendsten
Vertreter, Männer, die den größten Einfluß auf Bacon ausgeübt
haben. Grosseteste, der mehr Theologe und Naturwissenschaftler
als Logiker und Metaphysiker war, legte, wie später Bacon, den
Schwerpunkt einerseits auf die ~Kenntnis der gelehrten Sprachen~
(er verwarf die schlechten lateinischen Uebersetzungen des
Aristoteles und regte neue unmittelbar aus dem Griechischen
an), anderseits auf die ~Mathematik und Naturwissenschaft~
(seine Schrift de physicis lineis, angulis et figuris bildete
für Bacons physikalische, namentlich optische Lehren eine der
wichtigsten Grundlagen). Außer den beiden Genannten und anderen
gleichstrebenden Denkern wirkte auf Bacon ganz besonders der
Picarde Petrus von Maricourt (Maharncuria, Mahariscuria) ein,
den er in Paris kennen gelernt hatte; dieser zeichnete sich
durch unermüdlichen Eifer und eine seltene Geschicklichkeit in
der physikalisch-alchemistischen Experimentalforschung aus.
[32] Dieses Werk handelt in seinen sieben Hauptabschnitten über die
Quellen der wissenschaftlichen Irrtümer, über das Verhältnis
zwischen Theologie und Philosophie, über die Erlernung der
(zum Studium der Bibel und Philosophie nötigen) Sprachen, über
Mathematik, Optik (wobei al-Haitam ═ Alhazen die Hauptquelle
bildet), Experimentalwissenschaft und schließlich über
Moralphilosophie. Der leitende Grundgedanke ist die Idee,
daß gerade die intensivste Pflege der Wissenschaften, auf der
von Bacon gewünschten sicheren Basis, der Kirche als höchstem
Kulturfaktor die größten Dienste zu erweisen im stande ist.
[33] Vorher erschienen: Speculum alchimiae (1541), Epistola de
secretis artis et naturae operibus (Paris 1541, Hamburg 1617),
De nullitate magiae (Hamburg 1618), De retardandis senectutis
accidentibus et de senibus conservandis (Oxon. 1590, engl. von
R. Browne 1683), mehrere alchemistische Schriften zusammengefaßt
unter dem Titel Thesaurus chymicus (Francof. 1603, 1620),
Perspectiva (Francof. 1614), Specula mathematica (Francof.
1614).
Die bekannt gewordenen Schriften des Roger Bacon -- insbesondere
das Opus majus, minus und tertium[34] -- beweisen zur Genüge, daß
dieser erleuchtete Denker nicht bloß ein Polyhistor war, sondern seine
Epoche durch Klarheit der Anschauungen, Kritik, wissenschaftliche
Selbständigkeit und Weitblick um Jahrhunderte überragte, wenn er
auch manche Vorurteile des Zeitalters nicht gänzlich abzustreifen
vermochte. Die Würdigung seiner vielseitigen, eigenartigen, wahrhaft
großen Persönlichkeit würde den Rahmen unserer Darstellung weit
überschreiten. Es soll daher hier sein religiös-reformatorischer,
übrigens durchaus nicht antikirchlicher Standpunkt, ebenso seine
lange übersehene indirekte Beeinflussung der spätmittelalterlichen
Philosophie (Duns Scotus) unerörtert bleiben, ja wir müssen uns sogar
mit einem bloßen Hinweis darauf begnügen, daß Bacon ~erstaunliche
Kenntnisse in der Philologie~ (orientalische Sprachen, vergleichende
Grammatik), ~Mathematik~ und ~Astronomie~ (Kalenderreform), Mechanik
und ~Optik~ (Sehtheorie, Reflexion, Refraktion, Aberration des
Lichts, Lehre von den Plan-, Konvex- und Konkavspiegeln, Erklärung
des Regenbogens etc.), physikalischen Geographie, ~Chemie~ besaß und
daß er eine ganze Reihe von Erfindungen der Idee nach antizipiert
hat (~Brillen~, Teleskope, Schießpulver, landwirtschaftliche
Maschinen, Hebeapparate, Taucherglocke, automatische Fahrzeuge,
Flugapparate)[35]. Was wir allein hervorheben wollen, ist die
Tatsache, ~daß Roger Bacon die Scholastik eben zur Zeit, da sie
den Höhepunkt erklommen hatte, unablässig bekämpfte und ihre
einseitig dialektische, die Realität der Dinge mißachtende Methode
als schädlichste Verirrung brandmarkte~. Roger Bacon betrachtete im
Gegensatz zum Chorus der Zeitgenossen die antik-arabische Tradition
nicht als vollendeten Abschluß des Wissens, als ein Gegebenes von
unumstößlichem Wert, sondern nur als ein, der Nachprüfung bedürftiges
Hilfsmittel, als Ausgangspunkt der kommenden Forschung. Im Interesse
einer sicheren Grundlegung forderte er vor allem die intensive Pflege
des weit über das Lateinische hinausgehenden ~Sprachstudiums~, damit
statt der sekundären Kommentare und der schlechten Uebersetzungen[36]
die Bibel und die alten Autoren im Original als Quelle benützt werden
könnten. Als Ursachen der traurigen wissenschaftlichen Zustände
erklärte er hauptsächlich das Festhalten an nichtigen ~Autoritäten~,
eingewurzelte ~Denkgewohnheiten~, die ~Vorurteile~ der ungebildeten
Menge, insbesondere aber die allgemein verbreitete ~Eitelkeit~, mit
einem Scheinwissen zu prunken[37]. Die dringendste Voraussetzung
des Fortschritts bilde die Inangriffnahme der arg vernachlässigten
~mathematisch-naturwissenschaftlichen Studien~, welche den anderen
Wissenszweigen zur sicheren, verläßlichen Stütze dienen und reiche
Früchte fürs praktische Leben tragen. ~Dem in viel höherem Grade
überzeugenden~ •Experimentum• ~legte Bacon als Basis der Erkenntnis~
~weit mehr Wert bei als dem Argumentum[38]. Mathematik, Beobachtung,
Erfahrung gelten ihm als die einzig sicheren Fundamente der
Naturwissenschaft.~ Sehr bedeutungsvoll ist es schließlich, daß Bacon
nicht, wie so manche seiner Vorgänger, nur im konkreten Falle zum
wissenschaftlichen Versuch griff, sondern die ~Experimentalforschung~
an sich, die ~Scientia experimentalis~ als selbständiges methodisches
Prinzip hinstellte, um ihrer überragenden Bedeutung gerecht zu
werden[39].
[34] Aus dem ersten Kapitel der Schrift ~Communia Naturalium~ ergibt
sich, daß Roger Bacon die Abfassung einer aus vier Hauptteilen
(Grammatik und Logik; mathematische Wissenschaften; Physik;
Metaphysik und Moralphilosophie) bestehenden, kolossalen
Enzyklopädie beabsichtigt hat, zu welcher das Compendium studii
philosophiae wohl die Einleitung gebildet hätte. Verfolgung
und Gefangenschaft hinderten die Ausführung. Das Opus majus
ist nur als großzügiges Exposé aufzufassen, geschrieben, um die
wissenschaftlichen Reformpläne des Verfassers zu verteidigen,
den Nutzen ihrer Verwirklichung für kirchliche und moralische
Zwecke zu veranschaulichen.
[35] De secretis operibus artis et naturae cap. 4. Nam instrumenta
navigandi possunt fieri sine hominibus remigantibus, ut naves
maximae, fluviales et marinae, ferantur unico homine regente,
majori velocitate quam si plenae essent hominibus. Item
currus possunt fieri, ut sine animali moveantur cum impetu
inaestimabili. Item possunt fieri instrumenta volandi, ut homo
sedeat in medio instrumenti revolvens aliquod ingenium, per quod
alae artificialiter compositae aërem verberent, ad modum avis
volantis. Item instrumentum, parvum in quantitate ad elevandum
et deprimendum pondera quasi infinita, quo nihil utilius est
in casu. ... Possunt etiam instrumenta fieri ambulandi in mari
vel fluminibus usque ad fundum absque periculo corporali. L.
c. cap. 5 handelt über Brennspiegel, cap. 6 unter anderem über
schießpulverähnliche Mischungen. Opus majus V, Perspectivae pars
III, Dist. III, cap. 4: ... Nam possumus sic figurare perspicua
et taliter ea ordinare respectu nostri visus et rerum, quod
frangentur radii et flectentur quorsumcunque voluerimus, ut
sub quocunque angulo voluerimus videbimus rem prope vel longe.
Et sic ex incredibili distantia legeremus literas minutissimas
et pulveres ac arenas numeraremus propter magnitudinem anguli,
sub quo videremus. ... Op. maj. V, Perspectivae pars III,
Dist. II, cap. 4: ~Si vero homo aspiciat literas et alias res
minutas~ per medium crystalli vel vitri vel alterius perspicui
suppositi literis, et sit portio minor sphaerae cujus convexitas
sit versus oculum, et oculus sit in aere, longe melius videbit
literas et apparebunt majores. ... Et ideo hoc instrumentum
est utile senibus et habentibus oculos debiles. Nam literam
quantumcunque parvam possunt videre in sufficienti magnitudine.
[36] Die schlechten lateinischen Uebersetzungen aus dem Arabischen,
namentlich diejenigen des Aristoteles, hätte er am liebsten
verbrennen lassen.
[37] Quatuor vero sunt maxima comprehendendae veritatis offendicula,
quae omnem quemcumque sapientem impediunt et vix aliquem
permittunt ad verum titulum sapientiae pervenire, videlicet
fragilis et indignae auctoritatis exemplum, consuetudinis
diuturnitas, vulgi sensus imperiti et propriae ignorantiae
ocultatio cum ostentatione sapientiae apparentis (Op. maj. I,
cap. 1). Vgl. auch Op. tert. cap. 22.
[38] Duo enim sunt modi cognoscendi, scilicet per argumentum et
experimentum. Argumentum concludit et facit nos concedere
conclusionem, sed non certificat neque removet dubitationem,
ut quiescat animus in intuitu veritatis nisi eam inveniat via
experientiae (Op. maj. VI, cap. 1).
[39] Ein Hauptabschnitt des Opus majus (Pars VI), de scientia
experimentali, handelt ausschließlich darüber.
Die Ausbeute, welche die Schriften Roger Bacons für die Medizin
im engeren Sinne liefern, ist nicht erheblich[40], nur der Umstand
bedarf besonderer Erwähnung, daß er, wie die meisten der Zeitgenossen,
der ~Astrologie~ eine sehr große Bedeutung beimaß[41] und sich
von der ~Alchemie~, die aber bei ihm begrifflich fast mit Chemie
zusammenfällt[42], vieles für die Heilkunde versprach; insbesondere
glaubte er zuversichtlich, daß es möglich sein werde, mit Hilfe
der letzteren ~lebensverlängernde Mittel~ zu gewinnen -- ein
Lieblingsgedanke, der an mehreren Stellen wiederkehrt[43]. Wichtig ist
es, daß Bacon wie so manche andere magische Künste auch die Prozeduren
der abergläubischen Heilkunde auf natürliche Gründe zurückführt und
den eventuellen Gebrauch derselben seitens der Aerzte vom Standpunkt
der ~Psychotherapie~ rechtfertigt[44]. Im ganzen kann man sich aber
des Eindrucks nicht erwehren, daß den großen Denker, den ~Vorkämpfer
der induktiven~ Forschung auf medizinischem Gebiete die sonstige
Nüchternheit und Kritik verläßt -- nur ein Beweis dafür, daß der
Medizin bei ihrem Streben nach der exakten Methode unvergleichlich
größere Schwierigkeiten entgegenstehen als den Naturwissenschaften,
namentlich den anorganischen.
[40] Im „Scriptum principale” (vgl. S. 360, Anm. 2) hätte auch
die Medizin ihren Platz gefunden und zwar nach der Alchemie,
Botanik und Zoologie, auf welche Hilfswissenschaften sich das
Studium des Menschen aufbauen sollte. Im Opus majus und seinen
Annexschriften kommt Bacon gelegentlich auch auf die Heilkunde
zu reden, der 6. Teil (Perspectiva) handelt eingangs über die
Sinnesperzeption im allgemeinen, die Anatomie des Auges und
den Sehakt (Bacon sucht zwischen der alten Emanationstheorie
und den richtigen Anschauungen des al-Haitam zu vermitteln).
-- Rein medizinischen Inhalts ist die Abhandlung de retardandis
senectutis accidentibus, beruhend auf Ali Abbas, dispos. regalis
II, lib. I, pag. 24; im Manuskript sind ferner zwei Schriften
über die Krisen und die kritischen Tage (Amploniana) vorhanden.
[41] Op. maj. IV, ed. Bridges Vol. I, p. 251, 384 ff., an
beiden Stellen tadelt er die Aerzte seiner Zeit wegen ihrer
Unwissenheit in astrologischen Dingen, „et ideo negligunt
~meliorem partem medicinae~.”
[42] Opus tertium cap. 12: Sed alia est scientia, quae est de rerum
generatione ex elementis et de omnibus rebus inanimatis. ...
Et quia haec scientia ignoratur a vulgo studentium, necesse
est ut ignorent omnia, quae sequuntur de rebus naturalibus;
scilicet de generatione animatorum, ut vegetabilium et animalium
et hominum: quia ignoratis prioribus, necesse est ignorari
quae posteriora sunt. Generatio enim hominum et brutorum et
vegetabilium est ex elementis et humoribus et communicat cum
generatione rerum inanimatarum. Unde propter ignorantiam istius
scientiae, non potest sciri naturalis philosophia vulgata, nec
speculativa medicina, nec per consequens practica; non solum
quia naturalis philosophia et speculativa medicina necessariae
sunt ad practicam ejus, sed quia omnes simplices medicinae de
rebus inanimatis accipiuntur de hac scientia, quam tetigi ...
et haec scientia est alkimia speculativa, quae speculatur de
omnibus inanimatis et tota generatione rerum ab elementis.
Est autem alkimia operativa et practica, quae docet facere
metalla nobilia et colores et alia multa melius et copiosius per
artificium, quam per naturam fiunt. Et hujusmodi scientia est
major omnibus praecedentibus, quae majores utilitates producit.
Nam non solum expensas et alia infinita reipublicae potest dare,
sed ~docet invenire talia, quae vitam humanam possunt prolongare
in multa tempora, ad quae per naturam produci potest~.
[43] Op. maj. VI, ed. Bridges pag. 204 ff., am Schlusse heißt es: Nam
illa medicina, quae tolleret omnes immunditias et corruptiones
metalli vilioris, ut fieret argentum et aurum purissimum,
aestimatur a sapientibus posse tollere corruptiones corporis
humani in tantum, ut vitam per multa secula prolongaret. Das
Problem der Lebensverlängerung bildet namentlich den Inhalt
seiner Schrift über das Alter. Bemerkenswert ist es übrigens,
daß Bacon trotz aller Leichtgläubigkeit an der Ansicht festhält,
daß die Lebensdauer über einen gewissen Grad, der einerseits
für das Menschengeschlecht im allgemeinen, anderseits für
das Individuum durch erbliche Keimverhältnisse im speziellen
bestimmt ist, nicht verlängert werden könne.
[44] Epistola de secretis operibus artis et naturae cap. 2:
Considerandum est tamen, quod medicus peritus, et quicunque
alius qui habet animam excitare, per carmina et characteres
licet fictos, utiliter (secundum Constantinum medicum)
potest adhibere; non quia ipsi characteres et carmina aliquid
operentur, sed ut devotius et avidius medicina recipiatur et
animus patientis excitetur et confidat uberius et speret et
congaudeat; quoniam anima excitata potest in corpore proprio
multa renovare, ut de infirmitate ad sanitatem convalescat ex
gaudio et confidentia. Si igitur medicus ad magnificandum opus
suum, ut patiens excitetur ad spem et confidentiam sanitatis,
aliquid hujusmodi faciat, non propter fraudem nec propter hoc,
quod de se valeat (si credimus medico Constantino) non est
abhorrendum.
Durch die Schriften eines jüngeren Zeitgenossen Bacons, der
in seiner ganzen Denkweise gleichsam den geistigen Antipoden des
großen Pfadfinders der induktiven Forschung darstellt, wir meinen
den, gleichfalls dem Minoritenorden angehörenden Katalonier (Raimon
Lull) •Raimundus Lullus• (1235-1315), wird wohl besonders drastisch
veranschaulicht, was die Wissenschaften, namentlich Naturkunde und
Medizin, von einem auf die Spitze getriebenen, konsequent die Realität
der Dinge außer acht lassenden Scholastizismus zu erwarten gehabt
hätten. Es kann hier weder auf das unstete, ganz der Verteidigung des
kirchlichen Glaubens geweihte und schließlich durch den Märtyrertod
besiegelte Leben dieses merkwürdigen, auch dichterisch hochbegabten
Mannes eingegangen, noch sein ungemein reichhaltiges, teils starr
doktrinäres, teils bizarr phantastisches Schrifttum[45] berücksichtigt
werden, es genüge lediglich der Hinweis, daß er mittels seiner ~Ars
magna~, einer an kabbalistische Spielerei erinnernden, in Wort- und
Begriffskombinationen gipfelnden Methode, den besonderen Inhalt der
einzelnen Wissenschaften, die Einzelkenntnisse sozusagen ~mechanisch~
aus allgemeinen Prinzipien herzuleiten versuchte. Seine Anwendung
auf die Medizin findet dieses eigentümliche System besonders in der
Schrift Ars de principiis et gradibus medicinae ═ ~Liber principiorum
medicinae~; darin ist die Medizin als Baum dargestellt, dessen
Wurzeln die vier Humores bilden und aus dessen Stamme vermittels
der vier Qualitäten (Wärme, Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit)
die physiologischen Zustände und Krankheiten förmlich genealogisch
hergeleitet werden. Außerdem beziehen sich von den, unter dem
Namen Lulls gehenden Schriften auf die Medizin Liber de regionibus
sanitatis et infirmitatis[46], Ars compendiosa medicinae, Liber de
modo applicandi novam logicam ad scientiam juris et medicinae, de
pulsibus et urinis, de medicina theorica et practica, de instrumento
intellectus in medicina, Ars curatoriae u. a., wobei zweifellos
auch Fälschungen unterlaufen. Lull übersetzte die Kyraniden ins
Lateinische. Die alchemistischen Schriften gelten nach den neueren
Untersuchungen durchaus als unterschoben.
[45] Vgl. besonders Hauréau in Histoire litteraire de la France,
XXIX.
[46] Unter anderem wird darin die Medizin als die schwierigste
Wissenschaft erklärt und die Forderung aufgestellt, daß die
Regierungen mit aller Strenge gegen Kurpfuscher eintreten
sollen. Es sei aber nicht verhehlt, daß Lull in einer anderen
Schrift nichtmedizinischen Inhalts, Liber contemplationis
in Deum, einen Vergleich zwischen den Aerzten der Seele und
den Aerzten des Leibes zieht, wobei die letzteren in höchst
ungünstigem Lichte erscheinen, ja sogar dem Kranken geraten
wird, auf die eigene Erfahrung zu vertrauen.
Ein Blick auf die Naturwissenschaft des Abendlandes im 13. Jahrhundert
genügt, um zu erkennen, daß sie nur auf jenen Gebieten wahre
Fortschritte zeitigte, welche rein deskriptiv oder im Sinne einer
mechanistischen Auffassungsweise bearbeitet wurden. ~Wie bei den
Arabern dominierte aber in den meisten Zweigen der übermächtige Einfluß
der peripatetischen Sophistik, deren blind hingenommene Prinzipien
einer echten Kausalforschung den Weg verlegten.~
Es kann nicht verwundern, daß die Heilkunde in einem Zeitalter, das
die Verehrung des Stagiriten bis zur Vergötterung steigerte, alsbald
dem von der Naturwissenschaft gegebenen Beispiele zu folgen anfing,
daß auch die Medizin nach wissenschaftlicher Gestaltung ringend,
~die Verschmelzung mit dem~ •Aristotelismus• ~anstrebte, umsomehr
als die vorbildlichen Lehrsysteme Galens und der arabischen Koryphäen
der Hauptsache nach eben auf den Prämissen der Peripatetik aufgebaut
waren~, ihr ganzes Gefüge der ~aristotelischen Dialektik~ verdankten,
wenigstens soweit die Physiologie und die darauf basierte allgemeine
Pathologie in Betracht kamen.
In diesem Sachverhalt liegt der Schlüssel zum Verständnis des traurigen
Zustands, in welchen die Heilkunde nach dem Verlassen der Salernitaner
Tradition geriet, des öden Bildes, das die ärztliche Literatur der
scholastischen Epoche im großen ganzen darbietet! Denn nur, wenn man
sich das Hauptziel vergegenwärtigt -- ~die wissenschaftliche Begründung
der Medizin mittels der aristotelischen Naturphilosophie~ -- wird
man es begreifen, weshalb die abendländischen Aerzte sich so willig
dem Joch der arabischen Theoretiker, dieser feinen Interpreten der
Peripatetik, beugten, weshalb sie ihre besten Kräfte in der mühevollen
Zusammenstellung und Vergleichung autoritativer Lehrmeinungen, in
der Sisyphusarbeit spitzfindiger Lösungsversuche der vorgefundenen
Widersprüche, in der Erörterung von Problemen, die von der Natur selbst
niemals gestellt waren, nutzlos vergeudeten, und warum ihre hie und
da auftauchenden Eigenbeobachtungen und selbständigen Erfahrungen in
einem Wust abschreckender Subtilitäten ohne reale Bedeutung vergraben
wurden.
Stellten die Grundprinzipien der Peripatetik mit ihren, durch
arabische Kommentatoren weit ausgesponnenen Konsequenzen den
allgemeinen Zusammenhang zwischen Naturwissenschaft und Medizin her,
so begannen außerdem noch einige ihrer Zweige untereinander eine
innigere Verbindung einzugehen. Förderlich wirkte in dieser Hinsicht
besonders die eifrigere Pflege der ~Botanik~ auf die ~Diätetik~
und ~Heilmittellehre~, unheilvoll dagegen die, unter dem Einflusse
des vordringenden Arabismus zustandegekommene, Beeinflussung der
~Prognostik~ und ~Therapie~ durch die ~Astrologie~, welche von den
meisten der führenden Männer dieser Epoche als exakte Wissenschaft
angesehen wurde. Nicht ohne Beziehung zur Medizin blieb auch die,
gleichfalls während des 13. Jahrhunderts im christlichen Abendland
Verbreitung findende ~Alchemie~, welche vorwiegend das ärztliche Denken
mit der Illusion vermeintlicher Panazeen erfüllte, in geringem Maße
aber auch schon Wert für die Arzneimittelbereitung gewann.
Daß bei der Vorherrschaft einer Weltanschauung, in der neben dem
dürrsten Intellektualismus die glühendste Mystik Platz hatte, auch
~abergläubische Gebräuche~ aller Art, bodenständige oder aus der
orientalischen Fremde verpflanzte ~Wundermittel~ immer mehr ihren
Weg in die Medizin fanden, kann nicht befremden, doch scheint es,
daß wenigstens ein Teil der wissenschaftlich gebildeten Aerzte nur im
Sinne der Psychotherapie von denselben Gebrauch machte.
Die mannigfachen äußeren und inneren bestimmenden Momente, die
zahlreichen zumeist noch unausgeglichenen konstituierenden Faktoren
machen das 13. Jahrhundert nicht zu einer Aera wahren Fortschritts vom
Standpunkt der medizinischen Gesamtentwicklung, wohl aber zu einer sehr
wichtigen und bewegten Uebergangsepoche der abendländischen Heilkunde,
die erst in den letzten Dezennien des Säkulums im Arabismus erstarrt.
Dieser beherrschte fortan die Theorie und Praxis der Medizin bis zum
Ende des Mittelalters. Es genügt daher, da sich später Gelegenheit
ergeben wird, auf den Inhalt der Wissenschaft näher einzugehen, wenn
wir in dem, uns jetzt beschäftigenden Zeitraum bloß die wichtigsten
ärztlichen Schriften und die maßgebendsten Persönlichkeiten der
Betrachtung unterziehen.