Albert von Bollstädt, genannt ~Albertus Magnus~ (wegen seiner

universellen Gelehrsamkeit auch Doctor universalis), wurde 1193

zu Lauingen in Schwaben geboren, studierte in Italien (zuletzt

in ~Padua~), trat in seinem 30. Lebensjahre in den Orden der

~Dominikaner~ ein und wirkte bis ins hohe Alter mit grenzenlosem

Fleiße als gefeierter Lehrer (besonders in ~Paris~ und ~Köln~)

und ungewöhnlich produktiver Schriftsteller, trotz vielfacher

Inanspruchnahme durch anderweitige Ordensangelegenheiten und

kirchliche Funktionen (1260-1262 Bischof von Regensburg). Er war

nicht nur eine Leuchte der Theologie und scholastischen Philosophie,

sondern förderte auch in hohem Grade die Naturwissenschaften, denen er

schon während der Studienzeit reges Interesse und seltenes Verständnis

entgegenbrachte. Bekanntlich knüpfen sich an seine, den Zeitgenossen

und Späteren fast unheimlich große Naturkenntnis manche Sagen, welche

ihn geradezu als Magier erscheinen lassen. Von den außerordentlich

zahlreichen (überwiegend theologisch-philosophischen) Schriften

des Albertus Magnus -- die Gesamtausgabe von Petr. Jamy (Lyon 1651)

besteht aus 21 Foliobänden[20], neueste Ausgabe, Paris 1892 ff. --

beziehen sich nicht wenige auf naturwissenschaftliche Gegenstände

und Fragen, wobei im wesentlichen die Tendenz durchleuchtet, die

Zeitgenossen mit den einschlägigen Lehren des ~Aristoteles~ bekannt

zu machen, was damals als gleichbedeutend mit der Einführung in die

Naturkenntnis selbst betrachtet wurde. „Meine Absicht in Betreff

der Naturwissenschaft,” sagt Albert in der Einleitung zur Physik,

„liegt darin, nach meinen Kräften der Bitte meiner Ordensgenossen zu

willfahren, ihnen ein Buch über die Natur zu verfassen, woraus sie

zugleich die Schriften des Aristoteles richtig verstehen könnten.”

Dieser ~Anschluß an den Stagiriten in naturwissenschaftlichen Dingen~

war nur eine Teilerscheinung der gewaltigen Aufgabe, die sich Albertus

gesetzt hatte, nämlich das gesamte Schrifttum des Aristoteles

erschöpfend zu erklären, die Scholastik mit dem Ideengehalt der

Peripatetik zu erfüllen, und entsprach vollkommen den Bedürfnissen

des Zeitalters, das ohne kundigen Führer sich in der Fülle der

neuerschlossenen Gedanken und Tatsachen noch nicht zurecht zu finden

wußte. Demgemäß verfaßte Albertus -- wie schon die gleichlautenden

Titel andeuten -- eigentlich nur paraphrasierende Abhandlungen

über die entsprechenden Schriften des Aristoteles und versuchte, wo

solche verloren gegangen waren, das Fehlende im Geiste des Stagiriten

selbst zu schreiben. Trotz der sogar äußerlich nicht verleugneten

Gefolgschaft in den Grundanschauungen wußte sich Albertus dennoch

in oft überraschender Weise eine gewisse Selbständigkeit zu wahren,

welche in seinen „Digressiones” zu Tage tritt und zwar nicht allein in

Form der Kritik abstrakter Erklärungsversuche (beruhend auf denkender

Verarbeitung der sonstigen Literatur), sondern, was mehr gilt, in Form

von zahlreichen ~eigenen Beobachtungen und Erfahrungen~, die Albertus

wohl am meisten auf seinen Fußwanderungen durch ganz Deutschland --

als Provinzial seines Ordens -- gemacht hatte. Diese ~Selbständigkeit

im Sinnesgebrauch~ -- im damaligen Zeitalter des bloßen Bücherwissens

eine ganz ungewöhnliche Erscheinung -- kam in erster Linie der

~Zoologie und Botanik~ (reichhaltige, genaue Angabe über die Tierwelt

Mitteleuropas, vortreffliche autoptische Pflanzenbeschreibungen,

Anfänge der Pflanzengeographie etc.) zu gute, im minderen Grade auch

der Klimatologie (Unterscheidung zwischen solarem und physischem

Klima u. a.), Mineralogie, Chemie und Physik[21]. Mag Albertus auch

in den Grundauffassungen ein starrer Verfechter der kirchlichen

Weltanschauung gewesen sein, mag er auch dem Aberglauben oft zu

willig Folge geleistet haben[22], er schied doch weit schärfer als

die Vorgänger und meisten Zeitgenossen Metaphysisches von dem, was

rationeller Naturerkenntnis zugänglich ist. In einer theologischen

Schrift versteigt er sich bemerkenswerterweise zu dem Ausspruch, ~in

Lehren des Glaubens und der Moral sei wohl dem Augustinus eine höhere

Autorität als den Philosophen beizumessen, in Fragen der Medizin

hingegen sei am meisten dem Galen oder Hippokrates, in Fragen der

Naturwissenschaft am meisten dem Aristoteles zu vertrauen~, ja an

anderen Stellen bezweifelt er sogar überhaupt den Wert der Autorität

für die profanen Wissenschaften und verweist sie auf die Erfahrung als

einzig ausschlaggebendes Kriterium[23]. Was das Medizinische anlangt,

so verdienen die, in zahlreichen Schriften verstreuten anatomischen,

physiologischen und psychologischen Ausführungen Interesse. Albertus

schrieb auch (hauptsächlich nach Avicenna) über die Heilwirkungen

der Pflanzen (de vegetabilibus lib. V) und Steine (de mineralibus),

hingegen hat er die praktische Heilkunde unbearbeitet gelassen

(von dem Machwerk de secretis mulierum muß abgesehen werden).

Trotzdem war sein Einfluß als ~Herold des Aristoteles~ auf die

naturwissenschaftliche Begründung und Methodik der ärztlichen Bildung

ein ungemein großer, diente doch seine Schrift Summa naturalium

(Philosophia pauperum) bis ins 16. Jahrhundert als medizinische

Propädeutik.

[20] Außerdem gibt es zahlreiche Ausgaben gewisser Gruppen seiner

Schriften oder einzelner Schriften, von denen manche auch

übersetzt worden sind (Deutsch, Französisch, Italienisch,

Polnisch).

[21] Zu den naturwissenschaftlichen Schriften gehören Physicorum

libri VIII (allgemeine Naturlehre, Lehre von den Kräften und

der Bewegung) -- de coelo et mundo libri IV (über die Bewegung

der Himmelskörper) -- de generatione et corruptione libri

II (über die Verwandlung der Körper) -- Meteorum libri IV

(Meteorologie und physikalische Geographie) -- ~de mineralibus~

libri V (allgemeine Eigenschaften der Mineralien, Beschreibung

von 95 Edelsteinen, 7 Metallen, ferner Salz, Vitriol, Alaun,

Arsenik, Schwefelkies, Nitrum, Tutia, Elektrum) -- de anima

libri III -- de sensu et sensato -- de memoria et reminiscentia

-- de somno et vigilia -- de motibus animalium libri II

-- de juventute et senectute -- de spiritu et respiratione

libri II -- de vita et morte -- de nutrimento et nutribili

-- de natura locorum (Klimato- und kurze Kosmographie, reich

an ethnologischen und physiologischen Bemerkungen) -- de

causis proprietatum elementorum (physikalische Geographie auf

Grund der Vierelementenlehre) -- de passionibus aëris (über

meteorologische Vorgänge) -- ~de vegetabilibus et plantis~

libri VII (Neuausgabe von Meyer und Jessen, Berlin 1867) --

de motibus progressivis -- ~de animalibus~ libri XXVI --

~Philosophia pauperum~ (Phil. naturalis, Summa naturalis,

Isagoge in libros Aristotelis physicorum de coelo et mundo, de

generatione et corruptione, meteorum et de anima; auszugsweise

wiedergegebener Inbegriff der Naturanschauungen des Albertus

in Anlehnung an Aristoteles, vielleicht von einem Schüler

des Albertus herrührend). Psycho-physiologisches enthält

auch die theologische Schrift Summa de creaturis. Unechte

hierhergehörende Schriften sind vielleicht speculum astronomiae

und de alchimia, sicher ~de virtutibus herbarum~, lapidum et

animalium quorundam (wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert

stammendes Machwerk über die magischen Kräfte der Pflanzen,

Edelsteine und Tiere), Mirabilia mundi, •De secretis mulierum•.

Die letztgenannte unter dem Namen des Albertus laufende Schrift

handelt von der Zeugung (astrologische Einflüsse), Menstruation,

Fötusbildung, Geburt, Mißgeburten etc. und erfreute sich

einer ganz besonderen Beliebtheit -- was die zahlreichen

Ausgaben (auch Kommentare), Uebersetzungen („der Frauenzimmer

Heimlichkeit”) und Umarbeitungen, welche bis in das späte 18.

Jahrhundert veranstaltet worden sind, beweisen; sie besitzt für

die Geschichte der Geburtshilfe eine gewisse Bedeutung. Die im

Laufe der Zeit zustandegekommenen, voneinander oft erheblich

abweichenden Umarbeitungen und Erweiterungen basieren auf zwei

verschiedenen Vorlagen, welche auf ~Henricus de Saxonia~ bezw.

auf ~Thomas von Brabant~ zurückgehen sollen.

[22] Z. B. gehört hierher sein Glaube an die wunderbare Heilwirkung

der Edelsteine (in der Schrift de mineralibus) u. a. Es ist aber

nicht zu vergessen, daß es vorwiegend unterschobene Schriften

sind (z. B. de virtutibus herbarum, mirabilia mundi u. a.),

welche von Aberglauben strotzen. Leider haben gerade diese

Schriften dazu beigetragen, daß Albertus in der Geschichte

lange Zeit nur im verzerrten Bilde fortlebte. Bezüglich des

Glaubens an die Heilkraft der Steine (vgl. S. 320) sei erwähnt,

daß derselbe bereits im Anfang des 13. Jahrhunderts von einem

deutschen Dichter, genannt „~der Stricker~”, in einem langen

Spottgedicht bekämpft wurde. Als Gegenschrift zu diesem ist

das unter ~Volmars~ Namen bekannte mittelhochdeutsche Gedicht

über die Steine (ed. H. Lambel, Heilbronn 1877, mit dem ~St.

Florianer Steinbuch~) aufzufassen. Dem 13. Jahrhundert gehört

auch das lateinische Steinbuch des ~Arnoldus Saxo~ an.

[23] Im II. Sentent. Opp. t. XV, 137a: Sciendum quod Augustino

in his, quae sunt de fide et moribus, plus quam Philosophis

credendum est, si dissentiunt. Sed si de medicina loqueretur,

plus ego crederem Galeno vel Hippocrati, et si de naturis

rerum loquatur, credo Aristoteli plus vel alii experto in rerum

naturis. ... S. th. I, 14a: In theologia locus ab auctoritate

est ab inspiratione Spiritus veritatis. ... In aliis scientiis

locus ab auctoritate infirmus est et infirmior caeteris, quia

perspicacitati humani ingenii, quae fallibilis est, innitur. In

der Schrift de vegetabilibus (Opp. V, 430a, Ed. Jessen p. 339)

verwirft Albertus an einer Stelle geradezu die Syllogistik und

anerkennt, wo es sich um Einzeldinge handelt, nur die Erfahrung:

~Experimentum enim solum certificat in talibus, eo quod de tam

particularibus naturis syllogismus haberi non potest.~

Mit Albertus Magnus erlosch unter den Scholastikern nahezu gänzlich

das Streben, das Studium des Aristoteles zum Ausgangspunkt empirischer

Naturforschung zu machen; die Probleme der Dogmatik, Metaphysik,

Ethik, Politik u. a. beherrschten eben ausschließlich das Terrain.

Schon der größte Schüler des Albertus, ~Thomas von Aquino~, ließ

die Naturlehre des Stagiriten unkommentiert und begnügte sich, wo

die Erörterung naturwissenschaftlicher Fragen erforderlich war,

zumeist nur damit, das zu wiederholen, was sein Meister in diesen

Dingen schon gelehrt hatte. In seiner Summa totius theologiae finden

sich Erörterungen über Fragen aus der Physiologie der Sinnesorgane,

der Zeugung und Ernährung, wobei ein extrem animistischer und

dynamistischer Standpunkt (qualitates occultae) verfochten wird.

Es waren lediglich Werke ~enzyklopädischen~ Charakters ohne höhere

spekulative Tendenz, in welchen auch die Naturwissenschaft ihre

angemessene Vertretung fand, und zwar in der Weise, daß man fleißig

erlesenes Bücherwissen mehr oder minder kritiklos zusammentrug. Für

die Verbreitung der Kenntnisse in weiteren Kreisen hatten freilich

gerade solche Kompilationen einen nicht gering anzuschlagenden

Wert, und ihr Inhalt beweist, welche große Fortschritte seit dem

Bekanntwerden und seit der Durcharbeitung der aristotelischen sowie

der arabischen Schriften gemacht worden war.

An der Spitze dieser Enzyklopädien[24] steht dem Umfang und der

Bedeutung nach das ~Speculum majus~ des ~Dominikaners~ (Vincentius

Bellovacensis) ~Vincenz von Beauvais~ († 1264), welcher bei Ludwig

IX., dem Heiligen, die Stelle eines „Lektors” bekleidete[25] und mit

bewunderungswürdigem Sammlerfleiß das ganze Wissen der damaligen Zeit

in wohlgeordneter, leichtverständlicher Darstellung zusammenfaßte[26].

Dieses, aus vielen Hunderten von Autoren kompilierte Kolossalwerk,

das bis ins 17. Jahrhundert als Fundgrube der Gelehrsamkeit großes

Ansehen genoß (ed. Argent. 1473-1475, Norimb. 1485, Venet. 1493-1495,

Duaci 1624, die letzte Ausgabe in 4 starken Foliobänden), zerfällt

in drei Hauptteile, ~Speculum naturale~, ~doctrinale~, ~historiale~

(das eingeschobene Speculum morale rührt nicht vom Verfasser selbst

her), von denen die beiden erstgenannten für Naturwissenschaft

bezw. Medizin überraschend reiche Ausbeute liefern. Das ~Speculum

naturale~, aus 33 Büchern mit 3740 Kapiteln bestehend, handelt nach

einem alten Einteilungsmodus, nämlich nach der Ordnung der sechs

Schöpfungstage, von Gott, den Engeln, der gesamten Natur. In den

Abschnitten, welche den Menschen betreffen, werden die Seelenkräfte

und ihre Funktionen, der Bau des menschlichen Körpers (Buch 29),

des weiteren die Zeugung, Schwangerschaft, Geburt, die Ernährung

des Kindes, die Komplexionen und Krankheitsanlagen, Mißgeburten

u. a. (Buch 32) besprochen, resp. die einschlägigen Exzerpte aus

Kirchenvätern, kirchlichen Enzyklopädisten und Philosophen, ferner aus

Hippokrates, Aristoteles, Dioskurides, Plinius, Palladius, Isaac, Ali

Abbas, Rhazes, Avicenna, Constantinus, Platearius, Maurus, Salernus

u. a. mitgeteilt; der Verfasser selbst steht zwar im Verhältnis zu

den vielen fremden Autoritäten im Hintergrunde, unterläßt es aber

keineswegs ganz, hie und da mit eigenen verständigen Ansichten

hervorzutreten. Das ~Speculum doctrinale~, welches übrigens in

seinem Inhalte vieles aus dem Speculum naturale in kürzerer Fassung

wiederholt, gibt, mit der Pädagogik beginnend, eine Darstellung

sämtlicher Wissenszweige und Künste in folgender eigenartiger

Anordnung: Grammatik, Logik, Rhetorik, Poetik, Ethik, Oekonomik,

Politik, Rechtskunde, mechanische Künste und Handwerke, Medizin,

Naturlehre, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie, Metaphysik,

Theologie. Gerade die Medizin, welche zwischen den praktischen

Künsten und den theoretischen Wissenschaften wegen ihrer Doppelnatur

rangiert[27], ist besonders eingehend im 12., 13. und 14. Buche

(insgesamt in 456 Kapiteln) behandelt, und zwar sowohl die ~Diätetik~,

~allgemeine Heilmittellehre~, ~Physiologie~ und ~Pathologie~, wie

die ~spezielle Krankheitslehre und Symptomatologie~. Zitat reiht

sich an Zitat aus ~Hippokrates~, Galen (weit seltener), ~Isidorus~,

Johannitius, Alkindi, Isaac, ~Rhazes~, ~Ali Abbas~, ~Avicenna~,

~Constantinus~, Kophon, dem Compendium Salernitanum, Maurus Nicolaus

u. a., während der Autor fast nur zu allgemein orientierenden

Bemerkungen das Wort ergreift. Weit größere Verbreitung als das

voluminöse Werk des Vincenz von Beauvais fand eine viel seichtere,

kritiklos zusammengestoppelte naturwissenschaftliche Enzyklopädie,

welche einen englischen ~Franziskanermönch~ zum Verfasser hat und

kurz vor 1260 ans Licht gekommen zu sein scheint, es ist dies die,

aus 19 Büchern bestehende Schrift des •Bartholomaeus Anglicus• (B. de

Glanvilla) ~de proprietatibus rerum~ (man kennt 33 Inkunabeldrucke,

dazu noch 10 spätere Ausgaben, zuletzt Francof. 1619; außerdem alte

Uebersetzungen ins Französische, Englische, Holländische, Spanische,

zum Teil mit Abbildungen). Der Inhalt ist aus ungefähr 150 Autoren

geschöpft, wobei Aristoteles die Hauptrolle spielt. Auf die Medizin

bezieht sich teilweise das 3. Buch, das von den Seelenkräften, das 4.,

das von den Elementarqualitäten und Kardinalsäften handelt, besonders

aber das 5. und. 6. Buch, in welchen ~Anatomie~, ~Physiologie~ und

~spezielle Krankheitslehre~ zur Darstellung kommen. Von medizinischen

Autoren sind Hippokrates, Galen, Dioskurides, Johannitius, Isaac,

Ali Abbas, Avicenna, Constantinus Platearius, Aegidius Corboliensis,

Macer Floridus, Marbod u. a., von den Enzyklopädisten besonders

Isidorus, von den naturwissenschaftlichen Schriftstellern besonders

Aristoteles und Plinius exzerpiert. Bei der Beurteilung ist immer

in Rechnung zu ziehen, daß der Verfasser gar nichts anderes als eine

Kompilation im Auge hatte, was er selbst sowohl in der Vorrede, wie

im Epilog nachdrücklichst betont, auch darf nicht vergessen werden,

daß er mit seiner Arbeit hauptsächlich ein besseres Verständnis der

heiligen Schriften in Bezug auf die Realien anbahnen wollte. Derselbe

Maßstab ist auch anzulegen, wenn man die, nach fünfzehnjährigen

mühevollen Studien zustandegebrachte Kompilation des Dominikaners

•Thomas• (Cantipratanus, de Cantiprato) •von Cantimpré• (1204-1280),

eines berühmten Schülers des Albertus Magnus[28], kritisch untersucht,

nämlich das aus 20 Büchern bestehende, vielbenützte Werk die ~natura

rerum~ (bloß handschriftlich vorhanden), welches fast nur durch

die Anordnung des Wissensmaterials eine gewisse Eigenart besitzt.

Das 1. Buch, welches die Anatomie nach Aristoteles und Galen

enthält[29], und von den übrigen Büchern jene Abschnitte, welche die

Heilwirkung mancher tierischer Stoffe und Pflanzen betreffen, sind

von medizinischem Interesse.

[24] Zu den Enzyklopädien des 12. Jahrhunderts zählen der Elucidarius

des Honorius Augustodunus und die Schrift des englischen

Augustiners Alexander Neckam (1157-1227) ~de naturis rerum~.

[25] Er wird als ein „familiaris” der königlichen Familie bezeichnet,

hatte die berühmten Bücherschätze des Königs zu überwachen und

zu mehren, für die Erziehung der königlichen Kinder allgemeine

Vorschriften zu geben, welch letztere in der Schrift des

Vincenz de eruditione filiorum regalium (ins Deutsche übers.

von Chr. Fr. Schlosser, Frankfurt a. M. 1819) enthalten sind;

ein Abschnitt darin betrifft die physische Erziehung.

[26] Bescheiden weist er für sich selbst jeden Anspruch auf

Originalität zurück, zufrieden mit der Rolle des Kompilators:

„Antiquum esse (scil. opus) auctoritate et materia, novum vero

partium compilatione et aggregatione, se son per modum auctoris,

sed excerptoris ubique procedere.”

[27] Lib. XI cap. 104: ... sed quoniam haec ipsa (scil. medicina) non

tantum in operatione manuum, sed etiam in mentis speculatione

consistit, videlicet quantum ad causarum considerationem, unde

quasi media est inter practicam et theoricam....

[28] Thomas von Cantimpré war anfangs Augustiner und Regularkanonikus

im Kloster Cantimpré bei Cambrai und trat später in den

Predigerorden ein. Nach längeren Studien in Köln und Paris wurde

er Lektor in Löwen, Subprior des dortigen Predigerkonvents,

endlich noch Suffraganbischof. Er verfaßte außer der uns

interessierenden Schrift theologische Werke.

[29] In diesem Buche findet sich auch eine Stelle, die für die

Geschichte der ~Geburtshilfe~ sehr bemerkenswert ist, weil

sie in gewissen Fällen die ~innere Wendung auf den Kopf~

empfiehlt. Dieselbe Vorschrift findet sich übrigens auch

im Speculum doctrinale des Vincenz von Beauvais und in den

auf ~Thomas von Brabant~ (vielleicht identisch mit Th. von

Cantimpré) zurückgeführten Ausgaben der, dem Albertus Magnus

unterschobenen, Schrift de secretis mulierum.

Anschließend seien hier noch einige andere enzyklopädische

Werke des 13. Jahrhunderts aufgezählt. In französischer Sprache Le

Livres dou Tresor von Brunetto Latini, dem Lehrer Dantes (ed. P.

Chabaille, Paris 1863), in italienischer Sprache La composizione

del mondo von Ristoro d'Arezzo (ed. Enrico Narducci, Rom 1859), in

deutscher Sprache die wahrscheinlich für deutsche Ritter bestimmte,

im Kloster Meinau am Bodensee verfaßte Meinauer Naturlehre (ed.

Wackernagel in Bibl. des liter. Vereins, Bd. 22, Stuttgart 1851).

Alle diese Werke besitzen recht dürftigen medizinischen Inhalt, am

meisten bietet in dieser Hinsicht noch die •Meinauer Naturlehre•

(Aufzählung der vier Temperamente, diätetische Regeln, geschöpft aus

den Traditionen der Schule von Salerno oder Montpellier). Eine rein

naturwissenschaftlich-medizinische Kompilation rührt aus dieser Zeit

von •Joh. Vitalis de Furno• (du Four) aus Guyenne (später Kardinal)

her, die Schrift pro conservanda sanitate ad totius corporis humani

morbos selectiorum remediorum liber utilissimus (Mogunt. 1531); darin

findet sich eine Abhandlung über die Bereitungsweise und den Nutzen

des Weingeistes, der dem Verfasser geradezu als Panazee gilt.

Wenn schon Albertus Magnus ohne wahren Nachfolger auf

naturwissenschaftlichem Gebiete blieb, trotzdem er nirgends die

Schranken der herrschenden Denkweise durchbrochen und nur die

Vereinbarkeit unbefangener Tatsachenbeobachtung mit der Scholastik

innerhalb gewisser Grenzen als möglich erwiesen hatte, so kann

es nicht befremden, daß der um Jahrhunderte zu früh kommende Ruf

nach völliger ~Loslösung der Naturforschung von dialektischer

Uebermacht~, nach exakter Begründung auf dem Wege der ~Beobachtung~

und ~Erfahrung~, mittels der ~Mathematik~ und des ~Experiments~ noch

keinen Widerhall fand, sondern auf Verständnislosigkeit, ja sogar

auf erbittertste Anfeindung stieß. Es war der englische Franziskaner

•Roger Bacon•, der diesen Weckruf erhob, ein Wahrheitsucher und

Pfadfinder von umfassendem Wissen und tiefbohrender Erkenntnis,

ein Denker von unbeugsamer Gesinnungstreue, der seine eminente

Ueberlegenheit über die Epoche mit dem Martyrium eines Lebens büßen

mußte, dessen Name aber in den Annalen der geistigen Entwicklung

der Menschheit nicht verblassen kann, solange das Licht der freien

Wissenschaft erstrahlen wird.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 50 / 76 段