[13] Welche Anforderungen an den „Baccalarius” resp. den

„~Baccalarius licentiandus~” gestellt wurden, ersieht man aus

der oben erwähnten Verordnung des Königs Karl I. von Anjou.

... teneatur baccalarius audivisse bis ordinarie ad minus

omnes libros artis medicae, exceptis Theofili et libro pulsuum

Filareti, quos sufficit audivisse semel ordinarie vel cursorie.

Item regimenta acutorum bis ordinarie. Item quatuor libros

Yshac, scilicet Viaticum, dictas universales, urinas. Librum

febrium semel ordinarie ad minus. De omnibus praedictis tenetur

baccalarius facere fidem et praestare juramentum. ... (Renzi,

Coll. Salern. I, p. 62.) ... teneatur baccalarius licentiandus

audivisse per triginta menses medicinam a magistro conventato

et regente, deinde teneatur respondere bis de questione et

desputatione magistri regentis, praeterea leget cursorio

duos libros unum de theorica et alium de practica, postmodum

teneatur audire antequam conveniat ad conventum seu licentiam

quosque compleverit ~quadraginta menses~ in universo incipiendo

computationem a prima die qua incepit audire medicinam a

magistro conventato regente ut supra dictum est, si fuerit

magister seu licentiatus in artibus et si non fuerit magister

seu licentiatus in artibus debet audivisse ~quinquaginta sex

mensibus~ ita quod non computetur, nec illud tempus in quo ut

prius dicitur regitur Salerni. Item teneatur respondere cuilibet

magistro regenti singulariter de questione in disputatione

sua. ... L. c. p. 361. Ueber den Erfolg der Prüfung wurde an

den Kanzler zu Neapel berichtet, worauf am letzteren Orte

die Prüfung „per physicos regios”, also die eigentliche

Staatsprüfung stattfand. Diese Kontrolle der medizinischen

Fakultät von Salerno durch den Kanzler und die königlichen

Aerzte ist erst 1395 aufgehoben worden.

[14] Die wissenschaftlich gebildeten Aerzte trugen anfänglich

allgemein den Titel ~Magister~. Im Laufe des 13. Jahrhunderts

jedoch fand nach dem Beispiel Bolognas auch in den medizinischen

Schulen der ~Doktor~titel Eingang, wurde aber zunächst im

ursprünglichen Sinne des Wortes (vgl. S. 247, Anm. 1 und S. 306)

nur demjenigen erteilt, der als ~Lehrer~ in der Heilkunde tätig

war. Allmählich wurde es übrigens Gebrauch, den Doktortitel

allen zur Ausübung der Kunst legitimierten Aerzten zu geben,

da eben jedem das Recht zu lehren fakultativ zustand. Die

Scheidung in ~Doctores legentes et non legentes~ entsprach dann

den tatsächlichen Verhältnissen, indem nur die ersteren die

Lehrtätigkeit wirklich versahen.

Die Lizenz wurde an den meisten Hochschulen vom Kanzler, d. h.

einem kirchlichen Würdenträger, im Namen des Papstes (in der Kirche)

erteilt, wobei der Akt gleichsam einen religiösen Charakter trug.

Nur für den Ausnahmsfall, wo es sich um Juden handelte, wurde auch

der Fakultät selbst (an italienischen Hochschulen, in Montpellier)

die Verleihung überlassen.

So sehr aber die Angliederung an die Universitäten den szientifischen

Rang der Heilkunde erhöhte, die Kontinuität ihrer Lehre sicherte, die

Legitimität ihrer Ausübung regelte, so sehr auch die Medizin durch

die aus arabischen Quellen stammende ~Gelehrsamkeit~, durch die, der

Scholastik abgelauschte ~Dialektik~ ein wissenschaftlich gleißendes

Gepräge erhielt -- es war gerade der, in äußeren Institutionen

aufgehende, echt mittelalterliche, stramme ~Korporationsgeist~,

die überreiche, einem fremden Boden entsprossene ~Tradition~,

die von der Artistenfakultät entlehnte, auf abstraktes Denken

gegründete Methode, welche die bisher inhaltlich zwar dürftige,

aber der unbefangenen Beobachtung, der freien Kritik nicht gänzlich

entratende Forschungsweise verdrängte und an ihre Stelle den

~Autoritätsglauben~, den starrsten ~Dogmatismus~ setzte. Unter dem

Banne dieser beiden finsteren Mächte stehend, wurde die Medizin

ein wenigstens formal hineinpassender, ein das Gesamtbild nicht

störender Bestandteil der eben auf der Höhe ihrer Entfaltung

angelangten christlich-abendländischen Kultur, ~zumal Lehrer und

Schüler zumeist dem Klerikerstande~ (wenigstens nominell) ~angehörten~

-- mochte auch die Heilkunst ihren Zielen nach dem herrschenden

asketisch-hierarchischen Zeitgeist, der ausschließlich dem

Transzendentalen zugewandten Weltanschauung stets etwas Wesensfremdes

bleiben.

Vom herrschenden Zeitgeist, der weltverneinend im Innersten, alles

Irdische unter dem Gesichtspunkt des Jenseits wertete, von der im

13. Jahrhundert eben den Zenith erreichenden mittelalterlichen

Weltanschauung, die das Sinnliche nur als Zeichensprache des

Uebersinnlichen faßte, flossen der aufs leibliche Wohl gerichteten,

daher geradezu in kontradiktorischem Gegensatze stehenden

Heilwissenschaft[15] keinerlei fördernde Leitgedanken zu; dem

Kulturganzen konnte die Medizin nur äußerlich, nur formal subsumiert

werden, indem man sie unter das Joch einer ~Methode~ zwang, welche

ursprünglich für die Zwecke der spekulativen Theologie ersonnen war,

aber darüber hinausgreifend schließlich das gesamte Geistesleben in

die Fesseln der ~Syllogistik~, der logischen Turnierkunst schlug. Da

diese Methode die Unterwerfung unter anerkannte Autoritäten und zu

Dogmen gestempelte Doktrinen forderte und in ihrer Ueberschätzung

des einseitigen Intellektualismus nicht von sinnlicher Erfahrung

ihren Ausgang nahm, sondern umgekehrt ~die Einzelerscheinungen aus

axiomatisch hingestellten Prämissen aprioristisch zu konstruieren

strebte~, schon durch logische Begriffsverkettungen auch den realen

Zusammenhang der Dinge ergründen zu können vermeinte, somit ~für

jedes Gebiet eher passend war als für die dringendst auf Beobachtung

angewiesene Medizin~ -- so erklärt es sich von vornherein, daß das 13.

Jahrhundert, welches auf manchen anderen Gebieten der abendländischen

Kultur unleugbar glänzende Manifestationen des Zeitgeistes, ja

bewundernswerte Leistungen des Scharfsinns oder der künstlerischen

Schaffenskraft erkennen läßt und selbst technische Fortschritte

(Kompaß, Schießpulver, Brillen)[16] hervorbrachte, der Heilkunde

im großen und ganzen eine Epoche der Stagnation bedeutet, die durch

einen Aufwand imponierender Gelehrsamkeit und subtiler Spitzfindigkeit

Bewegung bloß vortäuschte.

[15] Wie sehr dieser Gegensatz gefühlt wurde, geht auch aus manchen

Stellen in der schönen Literatur der damaligen Zeit hervor.

[16] Diese Fortschritte waren freilich nur Entlehnungen aus dem

Orient bezw. Verbesserungen derselben. Der Kompaß wird bereits

Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt (in der Schrift de rerum

naturis des Alexander Neckam, in den Dichtungen des Guiot de

Provins und Jacques de Vitry), die Brillen (konvex) waren Ende

des 13. Jahrhunderts bekannt, Salvino degli Armati und Alexander

de Spina können höchstens als Wiedererfinder gelten.

Das 13. Jahrhundert -- namentlich die erste Hälfte desselben

-- stellt die klassische Epoche der mittelalterlichen Kultur dar,

insofern ihr treibendes Element, der kirchliche Gedanke, auf allen

Gebieten zur reichsten Entfaltung gelangt. Von düsteren Katakomben

zu glänzenden Basiliken und hochragenden Domen emporgestiegen,

von weisen Päpsten geführt, auf die neuen Streitscharen der

Bettelmönche gestützt, nahm die Kirche, triumphierend über alle

Gegenströmungen (Katharer, Waldenser, Albigenser -- Hohenstaufen),

neben dem Sacerdotium auch das Imperium und Studium für sich in

Anspruch und beherrschte mit ihrem überall hindringenden, kaum je

versagenden Einfluß alle Lebensverhältnisse. Wenn auch nicht bis

zu den letzten Konsequenzen, so doch in sehr weitgehender Weise

war jenes ~asketisch-hierarchische System~ zur Tatsache geworden,

welches die weltverneinende Idee des Christentums in der Aufrichtung

des als Vorbild vorschwebenden kirchlichen Gottesstaates oder

in der damit gleichbedeutenden Uebertragung aller Macht auf die

Kirche zu verwirklichen strebte. Es sei hier gänzlich davon Abstand

genommen, auf die politischen und sozialen Verhältnisse einzugehen

und nur versucht, ganz im allgemeinen den Charakter des damaligen

Geisteslebens ins Auge zu fassen. Vor allem muß betont werden, daß

sich innerhalb der gezogenen Schranken eine wissenschaftliche und

künstlerische Tätigkeit entwickelte, die an die glänzendsten Epochen

erinnert und einerseits in den Universitäten ihren Brennpunkt

hatte, anderseits in den herrlichsten Denkmälern der Baukunst,

in den mächtigen Kathedralen, den erhabensten Ausdruck fand. ~Das

Zentrum, die Kraftsonne alles wissenschaftlichen Lebens bildete die

Theologie, welche als scientia universalis alle übrigen Wissenszweige

umschloß~, ihnen Ziel und Richtung gebend, feste Grenzen setzte,

sie geradezu zu bloßen Helfern herabdrückte. Für den Betrieb der

profanen Wissenschaften war vorwiegend der Gesichtspunkt der Theodizee

maßgebend. In höchstem Maße gilt dies von der ~Philosophie~, welche,

als ~Magd der Theologie~, ohne die Glaubenssätze antasten zu dürfen,

ausschließlich die Aufgabe hatte, mittels der allmählich zur Technik

erstarrten scholastischen Methode den dogmatischen Inhalt mit der

natürlichen Vernunft in Einklang zu bringen, nach Lösung vorhandener

Widersprüche oder rationalistischer Einwände in ein organisch

zusammenfassendes System zu kleiden. Waren doch der Theologie und

Philosophie die Lehrer und Schüler, die Methoden und Bücher gemeinsam.

Bei dem Streben, die Philosophie kirchlich zu gestalten, leuchtete

namentlich das Ziel voran, die anfänglich mit Mißtrauen betrachtete

Peripatetik, diese höchste Entfaltung des nicht von der Offenbarung

geleiteten Denkens, mit der Glaubenslehre, Aristoteles mit den

Kirchenvätern in Uebereinstimmung zu setzen, wodurch man allen, an

den großen heidnischen Weltweisen anknüpfenden heterodoxen Neigungen

am schlagendsten, am wirksamsten zu begegnen hoffte, wie dies zur

Genüge aus den Systemen der Koryphäen der Scholastik, des ~Alexander

von Hales~, ~Bonaventura~, ~Albertus Magnus~ und ~Thomas von

Aquino~ hervorleuchtet. ~Aristoteles~, der in scholastischer -- auf

neuplatonisch-arabischer basierender -- Interpretation die kräftigsten

Stützen für die Herstellung der Konkordanz zwischen Wissen und Glauben

lieferte[17], wurde zum Range einer Autorität erhoben, die derjenigen

der Kirchenschriftsteller höchstens in essentiellen dogmatischen

Fragen nachstand, sie aber in wissenschaftlichen überragte, auch

gewannen unter dem Einflusse des Stagiriten die stets wach erhaltenen

enzyklopädischen Neigungen einen früher kaum in solchem Grade

hervorstechenden rationalistischen Zug, ~der sich in der Ausdehnung

der scholastischen Methode von der Theologie und Philosophie auf

andere Fächer~ äußerte. Es bedarf keiner weiteren Ausführung,

daß die Unterordnung unter eine Methode, welche die Dialektik zur

obersten Schiedsrichterin auch im Gebiete des Realen machte, nicht

von der Beobachtung und Analyse der Einzelerscheinungen, sondern von

aprioristischen Konstruktionen ausging, vor den Autoritäten die Segel

strich, den harmonischen Abschluß des Systems der Weltanschauung

selbst auf Kosten der Erfahrung als vornehmstes Ziel anstrebte,

namentlich für die Naturwissenschaft ein drückendes Joch bedeutete,

ein Joch, welches den wirklichen Fortschritt hemmte. Nicht weniger

unheilvoll war für die Naturwissenschaft die Tendenz, die Physik in

ein Anhängsel der Metaphysik umzuwandeln, die Natur nicht so sehr als

Objekt an sich, denn als Hindeutung auf die Welt des Uebersinnlichen

zu betrachten -- ~die allegorische, symbolistische Auffassung der

Naturkörper und des Naturgeschehens~, wie sie schon im Physiologus

zutage getreten war. -- Vorherrschend von kirchlich-religiösem Geiste

als Leitmotiv waren die Schöpfungen der Poesie[18] und Musik, der

bildenden Künste erfüllt, und die glänzendste Verkörperung erhielt

~die transzendente, allegorische Auffassung der Erdenwelt, der

Gedanke des Gottesstaates, die subtile Konstruktion des Einzelnen aus

machtvoll beherrschenden allgemeinen Ideen~ in den großartigen, auf

schmaler Grundlage hochstrebenden gotischen Kathedralen, welche in

Stil und Technik anscheinend die irdischen Bedingungen überwinden,

in ihrer in unzähligen zierlichen Formen aufblühenden Gliederung den

lebendigen Eindruck eines zu Stein gewordenen organischen Ganzen

erwecken. Und wie sich die kirchliche Philosophie die profanen

Wissenschaften unterordnete, so zwang die Architektur die an Reinheit,

an klassischem Stil, an Fülle der Gestalten an die herrlichsten

Epochen erinnernde Plastik und selbst die Malerei in ihren Dienst,

wodurch wenigstens die letztere an individueller Entfaltungskraft

einbüßte.

[17] Aristoteles wurde erst nach langen Geisteskämpfen zum kirchlich

anerkannten „Philosophen” par excellence. In den ersten

Dezennien des Bekanntwerdens seiner physischen, metaphysischen,

ethischen Schriften im Gewande arabischer Interpretation

betrachtete man seitens der Kirche das Studium des Aristoteles

mit einem gewissen Argwohn und verbot es teilweise sogar

(1210, 1215, 1231), umsomehr als die Gegensätzlichkeiten zur

katholischen Weltanschauung (z. B. die Lehre von der Ewigkeit

der Welt) noch unausgleichbar erschienen und zu Häresien

gefährlichster Art Anlaß gaben. Die Verbote vermochten aber den

Enthusiasmus für das neue, hellstrahlende Licht der Erkenntnis

nicht zu hemmen, und auch die Bedenken der Kirche schwanden in

dem Maße, als gezeigt wurde, wie dem Aristotelismus gleichsam

seine giftigen Bestandteile entzogen, ja wie er sogar den

Interessen der kirchlichen Gelehrsamkeit dienstbar gemacht

werden könnte. Schon das letzte, 1231 erlassene Verbot ließ

vermuten, daß die Freigabe in Aussicht genommen war, bereits

1233 durften die verbotenen Bücher in Toulouse gelesen werden,

seit 1254 gehörten dieselben auch in Paris zum regelmäßigen

Studienplan. Insbesondere waren es Alexander von Hales,

Albertus Magnus und Thomas von Aquino, die den Aristotelismus

fortan zu seiner autoritativen Stellung in kirchlichen Kreisen

erhoben, indem sie dabei gleichzeitig gewisse entgegenstehende

neuplatonisch-arabische Auslegungen bekämpften. Die Art, wie die

Kirche eine, anfangs nicht grundlos als feindlich betrachtete

Strömung einzudämmen und in ihr Bett zu leiten wußte --

vergleichbar mit dem Aufgehen der mystischen, schwärmerischen

Richtungen im Franziskanerorden etc. -- bedeutete einen Sieg,

der, mit den Waffen des Geistes erfochten, weit glänzender war

als jener, den die Inquisition über die Ketzer davontrug. Ein

für die selbständige kirchliche Interpretation des Aristoteles

und damit für die Anerkennung seiner Lehren höchst förderlicher

Umstand ist nicht am wenigsten auch in dem ~Auftauchen neuer

Uebersetzungen direkt aus dem Griechischen~, wie sie im 13.

Jahrhundert in erster Linie Robert Grosseteste, Bischof von

Lincoln, Joh. Basyngstoke und Wilhelm von Moerbeke lieferten

oder wenigstens anregten, zu suchen. Solche hat schon Thomas

von Aquino -- im Gegensatz zu Albertus Magnus -- seinen

Kommentaren zumeist zu Grunde gelegt; sie trugen viel dazu bei,

daß sich der, ursprünglich gegen die gegensätzlichen Lehren

der Peripatetik als solche gerichtete Kampf in einen Kampf

gegen die, dem kirchlichen System widerstrebenden arabischen

Interpreten (namentlich Averroës) einengen konnte.

[18] Es sei hier nur auf die von tiefster religiöser Inbrunst

getragenen Hymnen Dies Irae und Stabat mater und auf die Anfänge

des an den biblischen Stoffkreis gebundenen Dramas hingedeutet.

Wie jedes andere Zeitalter war übrigens auch das 13. Jahrhundert

von einer wirklich homogenen Kultur durchaus entfernt, und nicht

wenige Erscheinungen des religiösen, wissenschaftlich-künstlerischen,

sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens wurzelten gerade

in solchen Unterströmungen, welche zum hierarchisch-asketischen

Systeme, zur spiritualistischen Weltanschauung und zum Feudalismus

einen scharfen Kontrast bildeten. Hierher gehören z. B. die religiösen

aber antikirchlichen Bewegungen der Katharer, Waldenser, Albigenser

etc., die neuplatonisch-averroistischen, pantheistischen Neigungen

mancher Scholastiker, das Erwachen der Nationalitätsidee gegenüber dem

kirchlichen Universalismus (Nationalstaaten, zunehmende literarische

Bedeutung der Volkssprachen), das Aufblühen der nichtkirchlichen

Poesie, welche völkische in die heidnische Vorzeit zurückreichende

Ideale, wenn auch verschleiert, feierte, und zudem im Gegensatz

zur asketischen Weltabgewandtheit der natürlichen Sinnlichkeit

Rechnung trug (Volksepen, Troubadours, Minnesänger), die Anfänge

wissenschaftlicher Betätigung seitens der Laien (z. B. in der

Geschichtschreibung), die höchst folgenreiche Emanzipation von der

Kirche im Rechtsleben, das Emporkommen der Ständevertretung, der

Städte, der Geldwirtschaft u. s. w.

Wenn oben ausschließlich der charakteristischen Hauptrichtung

gedacht wurde, so geschah dies, weil die antagonistischen

Kulturbewegungen nur in geringem Maße ihren Einfluß auf die Heilkunde

geltend machten.

Es soll gewiß nicht in Abrede gestellt werden, daß die ~scholastische

Epoche~ die vorausgehenden Entwicklungsstadien der abendländischen

Heilkunde durch ihren Ideengehalt, durch den aus der arabischen

Literatur zugetragenen Wissensstoff, ganz besonders aber durch

~die wissenschaftliche Form der Bearbeitung~ überragte; doch was

bedeuten diese Vorzüge gegenüber den Schädigungen einer Methode,

welche von der erfahrungsmäßigen Prüfung der Fundamente absah, die

Ueberlieferung als Denknotwendigkeit hinstellte, die Dinge durch

die Kunst des scharfsinnigen ~Definierens~ und ~Konkludierens~ zu

meistern vortäuschte, die Sinnestätigkeit, die unbefangene Beobachtung

unter dem Scheingebäude blendender Dialektik begrub. Statt der

ehrlichen Forschung am Krankenbette wurde jene technische Gewandtheit

im ~Distinguieren~ und ~Argumentieren~, im ~Kommentieren~ und

~Disputieren~ gezüchtet, die für jede Frage auch schon die Antwort, für

jedes neu auftauchende Problem auch schon die Argumente spitzfindiger,

aus Aristoteles, Galen, Avicenna etc. geschöpfter Buchweisheit bereit

hielt. Die dialektische Bearbeitungsweise, welche im Grunde stets im

gleichen Zirkel vorgefaßter, bloß autoritativ gestützter Meinungen

umherirrte, konnte am wenigsten einer Wissenschaft frommen, in der

es noch so vieles, wenn nicht alles, erst an der Hand der Erfahrung

aufzubauen galt. ~Gerade die Heilkunst mußte ihrem ganzen Wesen nach

unter dem Zwange des Scholastizismus mehr leiden als die übrigen realen

Fächer~, welche entweder dem Kalkül unterworfen waren und teilweise

bereits in sicheren Bahnen liefen oder aber durch die relative

Einfachheit des Objekts den Beobachtungssinn wenigstens einzelner

trotz aller Systembefangenheit anlockten. Während die Mathematik und

Geometrie (Leonardo Fibonacci, Jordanus Nemorarius, Robert Grossetête),

die Astronomie (Alfonsinische Tafeln, Sphaera materalis des Holywood ═

De Sacrobosco), die Mechanik, die Optik (Peckham, Roger Baco, Witelo),

die Chemie bezw. Alchemie, die Mineralogie, Botanik und Zoologie

(Albertus Magnus), die Klimatologie und Geographie (Giraldus Cambrensis

-- Reisebeschreibungen des Plano de Carpini, Rubruquis, Marco Polo),

im Zeitalter der Hochscholastik, im Anschluß an die Araber nicht ohne

Fortschritte über das Gegebene hinaus blieben, kann von der Medizin

dieser Epoche kaum dasselbe behauptet werden, und wenn sie auch mancher

über den Durchschnitt hinausragender Männer nicht entbehrte, vermochte

sie doch Keinen hervorzubringen, der einem •Albertus Magnus• als

Naturbeobachter, einem •Roger Bacon• als Experimentalforscher wahrhaft

gleichwertig an die Seite zu stellen wäre.

Wiewohl der Gesamteindruck unverwischbar bleibt, daß die

Geistesarbeit des 13. Jahrhunderts im wesentlichen darauf abzielte,

übernommene aprioristische Konstruktionen auszuspinnen und

denkmethodisch zu beweisen, so darf doch nicht übersehen werden, daß

auch an der ~Vermehrung des realen Kenntnisschatzes~ eifrig gearbeitet

worden ist, und zwar mit einem Ergebnis, welches uns wenigstens

auf einzelnen Gebieten unter Berücksichtigung der historischen

Verhältnisse geradezu Bewunderung abringt. Der Hauptantrieb für solche

höchst anerkennenswerte Bestrebungen und Leistungen lag freilich

in dem Drange der Scholastik, die übersinnlichen Glaubenssätze

mittels des Wissens von den irdischen Dingen vernunftgemäß zu

demonstrieren[19], doch unter der sorgsamen, weitausgreifenden Pflege

verwandelte sich hie und da das sekundäre Werkzeug in ein Objekt mit

Selbstzweck.

[19] Es waren vorzugsweise die Dominikaner, welche durch ihre auf

Lehre und Schule gerichtete Tätigkeit eine tiefgreifende

Durcharbeitung des gesamten Wissensstoffes anregten (der

praktischen Medizin sind sie aber in der Regel fern geblieben);

die Franziskaner sind ihnen hierin erst später gefolgt.

Den besten Einblick in die Naturforschung der Scholastiker bezw.

in die Summe ihres Wissens von der Natur gewähren die einschlägigen

Schriften des •Albertus Magnus• (1193-1280) und die kolossale

Enzyklopädie des •Vincentius Bellovacensis•, von denen der eine der

Aristoteles, der andere der Plinius des 13. Jahrhunderts genannt zu

werden verdient. Ihre Werke besitzen auch zur Medizin Beziehungen.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 49 / 76 段