„~Baccalarius licentiandus~” gestellt wurden, ersieht man aus
der oben erwähnten Verordnung des Königs Karl I. von Anjou.
... teneatur baccalarius audivisse bis ordinarie ad minus
omnes libros artis medicae, exceptis Theofili et libro pulsuum
Filareti, quos sufficit audivisse semel ordinarie vel cursorie.
Item regimenta acutorum bis ordinarie. Item quatuor libros
Yshac, scilicet Viaticum, dictas universales, urinas. Librum
febrium semel ordinarie ad minus. De omnibus praedictis tenetur
baccalarius facere fidem et praestare juramentum. ... (Renzi,
Coll. Salern. I, p. 62.) ... teneatur baccalarius licentiandus
audivisse per triginta menses medicinam a magistro conventato
et regente, deinde teneatur respondere bis de questione et
desputatione magistri regentis, praeterea leget cursorio
duos libros unum de theorica et alium de practica, postmodum
teneatur audire antequam conveniat ad conventum seu licentiam
quosque compleverit ~quadraginta menses~ in universo incipiendo
computationem a prima die qua incepit audire medicinam a
magistro conventato regente ut supra dictum est, si fuerit
magister seu licentiatus in artibus et si non fuerit magister
seu licentiatus in artibus debet audivisse ~quinquaginta sex
mensibus~ ita quod non computetur, nec illud tempus in quo ut
prius dicitur regitur Salerni. Item teneatur respondere cuilibet
magistro regenti singulariter de questione in disputatione
sua. ... L. c. p. 361. Ueber den Erfolg der Prüfung wurde an
den Kanzler zu Neapel berichtet, worauf am letzteren Orte
die Prüfung „per physicos regios”, also die eigentliche
Staatsprüfung stattfand. Diese Kontrolle der medizinischen
Fakultät von Salerno durch den Kanzler und die königlichen
Aerzte ist erst 1395 aufgehoben worden.
[14] Die wissenschaftlich gebildeten Aerzte trugen anfänglich
allgemein den Titel ~Magister~. Im Laufe des 13. Jahrhunderts
jedoch fand nach dem Beispiel Bolognas auch in den medizinischen
Schulen der ~Doktor~titel Eingang, wurde aber zunächst im
ursprünglichen Sinne des Wortes (vgl. S. 247, Anm. 1 und S. 306)
nur demjenigen erteilt, der als ~Lehrer~ in der Heilkunde tätig
war. Allmählich wurde es übrigens Gebrauch, den Doktortitel
allen zur Ausübung der Kunst legitimierten Aerzten zu geben,
da eben jedem das Recht zu lehren fakultativ zustand. Die
Scheidung in ~Doctores legentes et non legentes~ entsprach dann
den tatsächlichen Verhältnissen, indem nur die ersteren die
Lehrtätigkeit wirklich versahen.
Die Lizenz wurde an den meisten Hochschulen vom Kanzler, d. h.
einem kirchlichen Würdenträger, im Namen des Papstes (in der Kirche)
erteilt, wobei der Akt gleichsam einen religiösen Charakter trug.
Nur für den Ausnahmsfall, wo es sich um Juden handelte, wurde auch
der Fakultät selbst (an italienischen Hochschulen, in Montpellier)
die Verleihung überlassen.
So sehr aber die Angliederung an die Universitäten den szientifischen
Rang der Heilkunde erhöhte, die Kontinuität ihrer Lehre sicherte, die
Legitimität ihrer Ausübung regelte, so sehr auch die Medizin durch
die aus arabischen Quellen stammende ~Gelehrsamkeit~, durch die, der
Scholastik abgelauschte ~Dialektik~ ein wissenschaftlich gleißendes
Gepräge erhielt -- es war gerade der, in äußeren Institutionen
aufgehende, echt mittelalterliche, stramme ~Korporationsgeist~,
die überreiche, einem fremden Boden entsprossene ~Tradition~,
die von der Artistenfakultät entlehnte, auf abstraktes Denken
gegründete Methode, welche die bisher inhaltlich zwar dürftige,
aber der unbefangenen Beobachtung, der freien Kritik nicht gänzlich
entratende Forschungsweise verdrängte und an ihre Stelle den
~Autoritätsglauben~, den starrsten ~Dogmatismus~ setzte. Unter dem
Banne dieser beiden finsteren Mächte stehend, wurde die Medizin
ein wenigstens formal hineinpassender, ein das Gesamtbild nicht
störender Bestandteil der eben auf der Höhe ihrer Entfaltung
angelangten christlich-abendländischen Kultur, ~zumal Lehrer und
Schüler zumeist dem Klerikerstande~ (wenigstens nominell) ~angehörten~
-- mochte auch die Heilkunst ihren Zielen nach dem herrschenden
asketisch-hierarchischen Zeitgeist, der ausschließlich dem
Transzendentalen zugewandten Weltanschauung stets etwas Wesensfremdes
bleiben.
Vom herrschenden Zeitgeist, der weltverneinend im Innersten, alles
Irdische unter dem Gesichtspunkt des Jenseits wertete, von der im
13. Jahrhundert eben den Zenith erreichenden mittelalterlichen
Weltanschauung, die das Sinnliche nur als Zeichensprache des
Uebersinnlichen faßte, flossen der aufs leibliche Wohl gerichteten,
daher geradezu in kontradiktorischem Gegensatze stehenden
Heilwissenschaft[15] keinerlei fördernde Leitgedanken zu; dem
Kulturganzen konnte die Medizin nur äußerlich, nur formal subsumiert
werden, indem man sie unter das Joch einer ~Methode~ zwang, welche
ursprünglich für die Zwecke der spekulativen Theologie ersonnen war,
aber darüber hinausgreifend schließlich das gesamte Geistesleben in
die Fesseln der ~Syllogistik~, der logischen Turnierkunst schlug. Da
diese Methode die Unterwerfung unter anerkannte Autoritäten und zu
Dogmen gestempelte Doktrinen forderte und in ihrer Ueberschätzung
des einseitigen Intellektualismus nicht von sinnlicher Erfahrung
ihren Ausgang nahm, sondern umgekehrt ~die Einzelerscheinungen aus
axiomatisch hingestellten Prämissen aprioristisch zu konstruieren
strebte~, schon durch logische Begriffsverkettungen auch den realen
Zusammenhang der Dinge ergründen zu können vermeinte, somit ~für
jedes Gebiet eher passend war als für die dringendst auf Beobachtung
angewiesene Medizin~ -- so erklärt es sich von vornherein, daß das 13.
Jahrhundert, welches auf manchen anderen Gebieten der abendländischen
Kultur unleugbar glänzende Manifestationen des Zeitgeistes, ja
bewundernswerte Leistungen des Scharfsinns oder der künstlerischen
Schaffenskraft erkennen läßt und selbst technische Fortschritte
(Kompaß, Schießpulver, Brillen)[16] hervorbrachte, der Heilkunde
im großen und ganzen eine Epoche der Stagnation bedeutet, die durch
einen Aufwand imponierender Gelehrsamkeit und subtiler Spitzfindigkeit
Bewegung bloß vortäuschte.
[15] Wie sehr dieser Gegensatz gefühlt wurde, geht auch aus manchen
Stellen in der schönen Literatur der damaligen Zeit hervor.
[16] Diese Fortschritte waren freilich nur Entlehnungen aus dem
Orient bezw. Verbesserungen derselben. Der Kompaß wird bereits
Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt (in der Schrift de rerum
naturis des Alexander Neckam, in den Dichtungen des Guiot de
Provins und Jacques de Vitry), die Brillen (konvex) waren Ende
des 13. Jahrhunderts bekannt, Salvino degli Armati und Alexander
de Spina können höchstens als Wiedererfinder gelten.
Das 13. Jahrhundert -- namentlich die erste Hälfte desselben
-- stellt die klassische Epoche der mittelalterlichen Kultur dar,
insofern ihr treibendes Element, der kirchliche Gedanke, auf allen
Gebieten zur reichsten Entfaltung gelangt. Von düsteren Katakomben
zu glänzenden Basiliken und hochragenden Domen emporgestiegen,
von weisen Päpsten geführt, auf die neuen Streitscharen der
Bettelmönche gestützt, nahm die Kirche, triumphierend über alle
Gegenströmungen (Katharer, Waldenser, Albigenser -- Hohenstaufen),
neben dem Sacerdotium auch das Imperium und Studium für sich in
Anspruch und beherrschte mit ihrem überall hindringenden, kaum je
versagenden Einfluß alle Lebensverhältnisse. Wenn auch nicht bis
zu den letzten Konsequenzen, so doch in sehr weitgehender Weise
war jenes ~asketisch-hierarchische System~ zur Tatsache geworden,
welches die weltverneinende Idee des Christentums in der Aufrichtung
des als Vorbild vorschwebenden kirchlichen Gottesstaates oder
in der damit gleichbedeutenden Uebertragung aller Macht auf die
Kirche zu verwirklichen strebte. Es sei hier gänzlich davon Abstand
genommen, auf die politischen und sozialen Verhältnisse einzugehen
und nur versucht, ganz im allgemeinen den Charakter des damaligen
Geisteslebens ins Auge zu fassen. Vor allem muß betont werden, daß
sich innerhalb der gezogenen Schranken eine wissenschaftliche und
künstlerische Tätigkeit entwickelte, die an die glänzendsten Epochen
erinnert und einerseits in den Universitäten ihren Brennpunkt
hatte, anderseits in den herrlichsten Denkmälern der Baukunst,
in den mächtigen Kathedralen, den erhabensten Ausdruck fand. ~Das
Zentrum, die Kraftsonne alles wissenschaftlichen Lebens bildete die
Theologie, welche als scientia universalis alle übrigen Wissenszweige
umschloß~, ihnen Ziel und Richtung gebend, feste Grenzen setzte,
sie geradezu zu bloßen Helfern herabdrückte. Für den Betrieb der
profanen Wissenschaften war vorwiegend der Gesichtspunkt der Theodizee
maßgebend. In höchstem Maße gilt dies von der ~Philosophie~, welche,
als ~Magd der Theologie~, ohne die Glaubenssätze antasten zu dürfen,
ausschließlich die Aufgabe hatte, mittels der allmählich zur Technik
erstarrten scholastischen Methode den dogmatischen Inhalt mit der
natürlichen Vernunft in Einklang zu bringen, nach Lösung vorhandener
Widersprüche oder rationalistischer Einwände in ein organisch
zusammenfassendes System zu kleiden. Waren doch der Theologie und
Philosophie die Lehrer und Schüler, die Methoden und Bücher gemeinsam.
Bei dem Streben, die Philosophie kirchlich zu gestalten, leuchtete
namentlich das Ziel voran, die anfänglich mit Mißtrauen betrachtete
Peripatetik, diese höchste Entfaltung des nicht von der Offenbarung
geleiteten Denkens, mit der Glaubenslehre, Aristoteles mit den
Kirchenvätern in Uebereinstimmung zu setzen, wodurch man allen, an
den großen heidnischen Weltweisen anknüpfenden heterodoxen Neigungen
am schlagendsten, am wirksamsten zu begegnen hoffte, wie dies zur
Genüge aus den Systemen der Koryphäen der Scholastik, des ~Alexander
von Hales~, ~Bonaventura~, ~Albertus Magnus~ und ~Thomas von
Aquino~ hervorleuchtet. ~Aristoteles~, der in scholastischer -- auf
neuplatonisch-arabischer basierender -- Interpretation die kräftigsten
Stützen für die Herstellung der Konkordanz zwischen Wissen und Glauben
lieferte[17], wurde zum Range einer Autorität erhoben, die derjenigen
der Kirchenschriftsteller höchstens in essentiellen dogmatischen
Fragen nachstand, sie aber in wissenschaftlichen überragte, auch
gewannen unter dem Einflusse des Stagiriten die stets wach erhaltenen
enzyklopädischen Neigungen einen früher kaum in solchem Grade
hervorstechenden rationalistischen Zug, ~der sich in der Ausdehnung
der scholastischen Methode von der Theologie und Philosophie auf
andere Fächer~ äußerte. Es bedarf keiner weiteren Ausführung,
daß die Unterordnung unter eine Methode, welche die Dialektik zur
obersten Schiedsrichterin auch im Gebiete des Realen machte, nicht
von der Beobachtung und Analyse der Einzelerscheinungen, sondern von
aprioristischen Konstruktionen ausging, vor den Autoritäten die Segel
strich, den harmonischen Abschluß des Systems der Weltanschauung
selbst auf Kosten der Erfahrung als vornehmstes Ziel anstrebte,
namentlich für die Naturwissenschaft ein drückendes Joch bedeutete,
ein Joch, welches den wirklichen Fortschritt hemmte. Nicht weniger
unheilvoll war für die Naturwissenschaft die Tendenz, die Physik in
ein Anhängsel der Metaphysik umzuwandeln, die Natur nicht so sehr als
Objekt an sich, denn als Hindeutung auf die Welt des Uebersinnlichen
zu betrachten -- ~die allegorische, symbolistische Auffassung der
Naturkörper und des Naturgeschehens~, wie sie schon im Physiologus
zutage getreten war. -- Vorherrschend von kirchlich-religiösem Geiste
als Leitmotiv waren die Schöpfungen der Poesie[18] und Musik, der
bildenden Künste erfüllt, und die glänzendste Verkörperung erhielt
~die transzendente, allegorische Auffassung der Erdenwelt, der
Gedanke des Gottesstaates, die subtile Konstruktion des Einzelnen aus
machtvoll beherrschenden allgemeinen Ideen~ in den großartigen, auf
schmaler Grundlage hochstrebenden gotischen Kathedralen, welche in
Stil und Technik anscheinend die irdischen Bedingungen überwinden,
in ihrer in unzähligen zierlichen Formen aufblühenden Gliederung den
lebendigen Eindruck eines zu Stein gewordenen organischen Ganzen
erwecken. Und wie sich die kirchliche Philosophie die profanen
Wissenschaften unterordnete, so zwang die Architektur die an Reinheit,
an klassischem Stil, an Fülle der Gestalten an die herrlichsten
Epochen erinnernde Plastik und selbst die Malerei in ihren Dienst,
wodurch wenigstens die letztere an individueller Entfaltungskraft
einbüßte.
[17] Aristoteles wurde erst nach langen Geisteskämpfen zum kirchlich
anerkannten „Philosophen” par excellence. In den ersten
Dezennien des Bekanntwerdens seiner physischen, metaphysischen,
ethischen Schriften im Gewande arabischer Interpretation
betrachtete man seitens der Kirche das Studium des Aristoteles
mit einem gewissen Argwohn und verbot es teilweise sogar
(1210, 1215, 1231), umsomehr als die Gegensätzlichkeiten zur
katholischen Weltanschauung (z. B. die Lehre von der Ewigkeit
der Welt) noch unausgleichbar erschienen und zu Häresien
gefährlichster Art Anlaß gaben. Die Verbote vermochten aber den
Enthusiasmus für das neue, hellstrahlende Licht der Erkenntnis
nicht zu hemmen, und auch die Bedenken der Kirche schwanden in
dem Maße, als gezeigt wurde, wie dem Aristotelismus gleichsam
seine giftigen Bestandteile entzogen, ja wie er sogar den
Interessen der kirchlichen Gelehrsamkeit dienstbar gemacht
werden könnte. Schon das letzte, 1231 erlassene Verbot ließ
vermuten, daß die Freigabe in Aussicht genommen war, bereits
1233 durften die verbotenen Bücher in Toulouse gelesen werden,
seit 1254 gehörten dieselben auch in Paris zum regelmäßigen
Studienplan. Insbesondere waren es Alexander von Hales,
Albertus Magnus und Thomas von Aquino, die den Aristotelismus
fortan zu seiner autoritativen Stellung in kirchlichen Kreisen
erhoben, indem sie dabei gleichzeitig gewisse entgegenstehende
neuplatonisch-arabische Auslegungen bekämpften. Die Art, wie die
Kirche eine, anfangs nicht grundlos als feindlich betrachtete
Strömung einzudämmen und in ihr Bett zu leiten wußte --
vergleichbar mit dem Aufgehen der mystischen, schwärmerischen
Richtungen im Franziskanerorden etc. -- bedeutete einen Sieg,
der, mit den Waffen des Geistes erfochten, weit glänzender war
als jener, den die Inquisition über die Ketzer davontrug. Ein
für die selbständige kirchliche Interpretation des Aristoteles
und damit für die Anerkennung seiner Lehren höchst förderlicher
Umstand ist nicht am wenigsten auch in dem ~Auftauchen neuer
Uebersetzungen direkt aus dem Griechischen~, wie sie im 13.
Jahrhundert in erster Linie Robert Grosseteste, Bischof von
Lincoln, Joh. Basyngstoke und Wilhelm von Moerbeke lieferten
oder wenigstens anregten, zu suchen. Solche hat schon Thomas
von Aquino -- im Gegensatz zu Albertus Magnus -- seinen
Kommentaren zumeist zu Grunde gelegt; sie trugen viel dazu bei,
daß sich der, ursprünglich gegen die gegensätzlichen Lehren
der Peripatetik als solche gerichtete Kampf in einen Kampf
gegen die, dem kirchlichen System widerstrebenden arabischen
Interpreten (namentlich Averroës) einengen konnte.
[18] Es sei hier nur auf die von tiefster religiöser Inbrunst
getragenen Hymnen Dies Irae und Stabat mater und auf die Anfänge
des an den biblischen Stoffkreis gebundenen Dramas hingedeutet.
Wie jedes andere Zeitalter war übrigens auch das 13. Jahrhundert
von einer wirklich homogenen Kultur durchaus entfernt, und nicht
wenige Erscheinungen des religiösen, wissenschaftlich-künstlerischen,
sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens wurzelten gerade
in solchen Unterströmungen, welche zum hierarchisch-asketischen
Systeme, zur spiritualistischen Weltanschauung und zum Feudalismus
einen scharfen Kontrast bildeten. Hierher gehören z. B. die religiösen
aber antikirchlichen Bewegungen der Katharer, Waldenser, Albigenser
etc., die neuplatonisch-averroistischen, pantheistischen Neigungen
mancher Scholastiker, das Erwachen der Nationalitätsidee gegenüber dem
kirchlichen Universalismus (Nationalstaaten, zunehmende literarische
Bedeutung der Volkssprachen), das Aufblühen der nichtkirchlichen
Poesie, welche völkische in die heidnische Vorzeit zurückreichende
Ideale, wenn auch verschleiert, feierte, und zudem im Gegensatz
zur asketischen Weltabgewandtheit der natürlichen Sinnlichkeit
Rechnung trug (Volksepen, Troubadours, Minnesänger), die Anfänge
wissenschaftlicher Betätigung seitens der Laien (z. B. in der
Geschichtschreibung), die höchst folgenreiche Emanzipation von der
Kirche im Rechtsleben, das Emporkommen der Ständevertretung, der
Städte, der Geldwirtschaft u. s. w.
Wenn oben ausschließlich der charakteristischen Hauptrichtung
gedacht wurde, so geschah dies, weil die antagonistischen
Kulturbewegungen nur in geringem Maße ihren Einfluß auf die Heilkunde
geltend machten.
Es soll gewiß nicht in Abrede gestellt werden, daß die ~scholastische
Epoche~ die vorausgehenden Entwicklungsstadien der abendländischen
Heilkunde durch ihren Ideengehalt, durch den aus der arabischen
Literatur zugetragenen Wissensstoff, ganz besonders aber durch
~die wissenschaftliche Form der Bearbeitung~ überragte; doch was
bedeuten diese Vorzüge gegenüber den Schädigungen einer Methode,
welche von der erfahrungsmäßigen Prüfung der Fundamente absah, die
Ueberlieferung als Denknotwendigkeit hinstellte, die Dinge durch
die Kunst des scharfsinnigen ~Definierens~ und ~Konkludierens~ zu
meistern vortäuschte, die Sinnestätigkeit, die unbefangene Beobachtung
unter dem Scheingebäude blendender Dialektik begrub. Statt der
ehrlichen Forschung am Krankenbette wurde jene technische Gewandtheit
im ~Distinguieren~ und ~Argumentieren~, im ~Kommentieren~ und
~Disputieren~ gezüchtet, die für jede Frage auch schon die Antwort, für
jedes neu auftauchende Problem auch schon die Argumente spitzfindiger,
aus Aristoteles, Galen, Avicenna etc. geschöpfter Buchweisheit bereit
hielt. Die dialektische Bearbeitungsweise, welche im Grunde stets im
gleichen Zirkel vorgefaßter, bloß autoritativ gestützter Meinungen
umherirrte, konnte am wenigsten einer Wissenschaft frommen, in der
es noch so vieles, wenn nicht alles, erst an der Hand der Erfahrung
aufzubauen galt. ~Gerade die Heilkunst mußte ihrem ganzen Wesen nach
unter dem Zwange des Scholastizismus mehr leiden als die übrigen realen
Fächer~, welche entweder dem Kalkül unterworfen waren und teilweise
bereits in sicheren Bahnen liefen oder aber durch die relative
Einfachheit des Objekts den Beobachtungssinn wenigstens einzelner
trotz aller Systembefangenheit anlockten. Während die Mathematik und
Geometrie (Leonardo Fibonacci, Jordanus Nemorarius, Robert Grossetête),
die Astronomie (Alfonsinische Tafeln, Sphaera materalis des Holywood ═
De Sacrobosco), die Mechanik, die Optik (Peckham, Roger Baco, Witelo),
die Chemie bezw. Alchemie, die Mineralogie, Botanik und Zoologie
(Albertus Magnus), die Klimatologie und Geographie (Giraldus Cambrensis
-- Reisebeschreibungen des Plano de Carpini, Rubruquis, Marco Polo),
im Zeitalter der Hochscholastik, im Anschluß an die Araber nicht ohne
Fortschritte über das Gegebene hinaus blieben, kann von der Medizin
dieser Epoche kaum dasselbe behauptet werden, und wenn sie auch mancher
über den Durchschnitt hinausragender Männer nicht entbehrte, vermochte
sie doch Keinen hervorzubringen, der einem •Albertus Magnus• als
Naturbeobachter, einem •Roger Bacon• als Experimentalforscher wahrhaft
gleichwertig an die Seite zu stellen wäre.
Wiewohl der Gesamteindruck unverwischbar bleibt, daß die
Geistesarbeit des 13. Jahrhunderts im wesentlichen darauf abzielte,
übernommene aprioristische Konstruktionen auszuspinnen und
denkmethodisch zu beweisen, so darf doch nicht übersehen werden, daß
auch an der ~Vermehrung des realen Kenntnisschatzes~ eifrig gearbeitet
worden ist, und zwar mit einem Ergebnis, welches uns wenigstens
auf einzelnen Gebieten unter Berücksichtigung der historischen
Verhältnisse geradezu Bewunderung abringt. Der Hauptantrieb für solche
höchst anerkennenswerte Bestrebungen und Leistungen lag freilich
in dem Drange der Scholastik, die übersinnlichen Glaubenssätze
mittels des Wissens von den irdischen Dingen vernunftgemäß zu
demonstrieren[19], doch unter der sorgsamen, weitausgreifenden Pflege
verwandelte sich hie und da das sekundäre Werkzeug in ein Objekt mit
Selbstzweck.
[19] Es waren vorzugsweise die Dominikaner, welche durch ihre auf
Lehre und Schule gerichtete Tätigkeit eine tiefgreifende
Durcharbeitung des gesamten Wissensstoffes anregten (der
praktischen Medizin sind sie aber in der Regel fern geblieben);
die Franziskaner sind ihnen hierin erst später gefolgt.
Den besten Einblick in die Naturforschung der Scholastiker bezw.
in die Summe ihres Wissens von der Natur gewähren die einschlägigen
Schriften des •Albertus Magnus• (1193-1280) und die kolossale
Enzyklopädie des •Vincentius Bellovacensis•, von denen der eine der
Aristoteles, der andere der Plinius des 13. Jahrhunderts genannt zu
werden verdient. Ihre Werke besitzen auch zur Medizin Beziehungen.