„Vater der Uebersetzer” war der Lombarde ~Gerhard~ (Gherardo) ~von
Cremona~ (1114-1187), welcher unter dem Protektorate des Kaisers
Friedrich I. (Barbarossa) ursprünglich nur zu dem Zwecke nach Spanien
zog, um den Ptolemaeus heimzuholen, aber sodann, wie gebannt an die
Stätte, mit unersättlichem Begehren nach den Schätzen der arabischen
Literatur den größten Teil seines Lebens in der Hauptstadt Kastiliens
zubrachte -- lernend und lehrend, lesend und übersetzend. Seinen
Uebersetzungen, deren Zahl 70 übersteigt, dankten alle Wissenszweige,
namentlich Mathematik und Astronomie, Philosophie und Medizin
gleichmäßig reiche Zufuhr aus der arabischen wie aus der arabisierten
griechischen Literatur, ein ungeheures neues Material zur weiteren
Verarbeitung. Eine bloße Aufzählung genügt, um zu ermessen, was nur
die abendländische Heilkunde an Wissensstoff durch die beispiellose
Translatorentätigkeit dieses einzigen Mannes erwarb. Uebertrug er doch
Schriften des ~Hippokrates~ und ~Galenos~, des ~Serapion~, ~Rhazes~
und ~Isaac Judaeus~, die Chirurgie des ~Abulkasim~, den Kanon des
~Avicenna~, die Heilmittellehre des ~Abenguefit~ u. a. ins Lateinische
-- ein literarischer Zuwachs, dessen Bedeutung für die damalige Zeit
nicht geschmälert werden kann, wenn man auch die Qualität dieser
Uebersetzungen im allgemeinen nicht gerade hoch zu stellen pflegt.
Von ~Hippokrates~ übersetzte Gerardus aus dem Arabischen die
Schriften: ~de diaeta in acut.~, ~Prognosticon~, die pseudonyme
Schrift ~Liber prognosticus sive Capsula eburnea~ (angeblich in
einer elfenbeinernen Kapsel im Grabe des Hippokrates gefunden, über
25 Zeichen des Todes handelnd); von ~Galen~: ~de elementis~, ~de
temperamentis~, ~de inaequali temperie~, ~de simpl. medic.~, ~de
diebus criticis~, ~de crisi~, ~ars parva~ (mit dem Kommentar des
Ali Rodoam), ~die Kommentare zu den hippokratischen Schriften de
victu in acut. und Progn.~; von ~Kindi~ ~de gradibus medicinar.~;
von ~Serapion~ das ~Brevarium~; von ~Rhazes~ den ~Liber Almansoris~,
~Lib. Divisionum~, ~Lib. introductor. in medic.~, ~de aegritudinibus
juncturarum~; von ~Isaac Judaeus~ ~de elementis~. Vielleicht rührt
auch eine Uebersetzung der Aphorismen des Mesuë von ihm her.
An dieser Stelle sei auch eines anderen, dem Toledaner Kreise
angehörenden Uebersetzers aus dem 12. Jahrhundert gedacht, der für die
Medizin in Betracht kommt, nämlich des ~Marcus Toletanus~; derselbe
übertrug die galenischen Schriften de motu musculorum, de tactu
pulsus, de utilitate pulsus, ferner die Isagoge de Joanitius ad Tegni
Galeni, angeblich auch (aber nicht wahrscheinlich) die hippokratische
Schrift de aëre aq. et loc.
Im 13. Jahrhundert wurde die Uebersetzertätigkeit in Spanien
und die Wiederbelebung der Wissenschaften überhaupt ganz besonders
durch Alfons X., den Weisen, gefördert, welcher arabische Werke ins
Kastilische übertragen und in Toledo unter starker Inanspruchnahme
von jüdischen Gelehrten die nach ihm benannten „Alfonsinischen Tafeln”
(Verbesserung der Ptolemäischen Planetentafeln) zusammenstellen ließ.
Noch mußte freilich viel Zeit verstreichen, bis die erstaunlich große
Ausbeute des Cremonensers von der abendländischen Medizin assimiliert
werden konnte, doch der Entdeckerruhm des Gerardus ließ inzwischen
auch andere nicht ruhen und reizte sie, sich auf gleichem Gebiete zu
versuchen. Durch den regsamen Fleiß der Uebersetzer stieg im Laufe des
13. Jahrhunderts die Kenntnis medizinischer Meisterwerke der arabischen
Literatur -- es sei nur des ~Averroës~ und ~Avenzoar~ gedacht --
bedeutend an, nebstdem mehrte sich aber auch die Zahl der bekannten
antiken (namentlich galenischen) Schriften.
So übersetzten: ~Accursius aus Pistoja~ (um 1200) ~Galens~ ~de
facultatib. naturalib. cibariorum~; ~Stephanus~ de Caesaraugusta,
Civis Ilerdensis (1233) das (von Constantinus in seinem Lib. de
gradibus freier bearbeitete) ~Adminiculum~ ═ ~liber fiduciae de
simplicibus medicinarum~ des ~Ibn al-Dschezzar~; ~Bonacosa~, ein
Jude (1255) in Padua, den „~Colliget~” (Kullidschat) des ~Averroës~
(irrtümlich auch dem Uebersetzer Armengaud beigelegt); •G.•(?)
„magister” fil. mag. Johannes in Lerida (1258?) ~de simplicii
medicina~ des ~al-Gafiki~; ~Johannes von Capua~, jüdischer Konvertit
(1262-1278), den ~Teisir~ des ~Avenzoar~, die ~Diätetik~ des
~Maimonides~ (aus dem Hebräischen)[5]; ~Paravicius~ (Paravicinus),
physicus in Venedig (1280), den ~Teisir~ des ~Avenzoar~; ~Armengaud~
(Armengab), Sohn des Blasius in Montpellier, Arzt Philipp des Schönen
(† 1314), das ~Canticum~ (Ardschusa) des ~Avicenna~, mit dem Kommentar
des Averroës (1280 oder 1284), desgleichen Schriften des ~Maimonides~,
(1290-1302, über Gifte, über Asthma, Diätetik); ~Arnaldus de
Villanova~ (1282?) ~de viribus cordis~ des Avicenna, die galenische
Schrift ~de rigore~ etc., die pseudogalenische, von Kosta b. Luca
herrührende, Schrift ~de incantatione~ (de ligaturis physicis); ~Simon
Januensis~ die Schrift ~de simplicibus~ des ~Serapion d. J.~ und den
~Liber servitoris des Abulkasim~.
[5] Johann von Capua war es auch, der das Fabelwerk des Bidpai Kalîla
und Dimna 1263 aus dem Hebräischen ins Lateinische übertrug
-- ein höchst interessantes Faktum, insofern die ältesten
Fabelstoffe der Arier aus den Tälern des Indus und Ganges den
Nationen Europas durch einen Uebersetzer semitischer Abkunft
zugänglich wurden.
Getragen von einer, ganz Westeuropa erfüllenden geistigen Bewegung,
als erheblicher Fortschritt der Wissenschaft methodisch und stofflich
imponierend, fand der medizinische Arabismus bei seinem Vordringen
aus Nordspanien nach dem Languedoc und nach Italien Eingang in den
ärztlichen Schulen, nur die an alten Traditionen hängende Civitas
Hippocratica, Salerno, leistete eine Zeitlang festen Widerstand.
Aber auch dieser wurde gebrochen infolge der allgemeinen kulturellen
Einflüsse, die sich unter mächtiger Patronanz seit langem und
fortgesetzt in ~Unteritalien~ und insbesondere von ~Sizilien~ her
geltend machten. Dort auf dem herrlichen Eiland, wo drei Kulturen, die
abendländische, byzantinische, sarazenische, aufeinander stießen und
sich unter der toleranten Herrschaft normannischer und staufischer
Fürsten wundersam mischten, wurde dem arabischen Wesen nicht
Feindseligkeit oder eine bloß passive, mit scheuem Argwohn gepaarte
Bewunderung, sondern warmes Interesse, freudige Aufnahmswilligkeit
entgegengebracht. Einen Niederschlag dieser assimilatorischen
Hinneigung, die in Regierungsform, Verwaltung und Gesellschaftssitte,
in Kunst und Wissenschaft ihren deutlichen Ausdruck fand, bildete die
ansehnliche Uebersetzungsliteratur, welche schon zur Zeit der ersten
Herrscher aus dem Hause Hauteville einsetzte, unter den beiden Staufern
aber, Friedrich II. und Manfred, zur Blüte und universaler Bedeutung
gelangte.
Die Normannenherrschaft in Sizilien erscheint durch die weise
Duldung, welche gegen die Religion und Sitte der unterworfenen
muslimischen Bevölkerung geübt wurde, wie ein Lichtblick in der
Geschichte des Mittelalters. War aber diese Toleranz durch die
kluge Politik des numerisch schwachen Herrenvolkes mitbestimmt,
so spricht es doch für den ganz seltenen Bildungssinn der Fürsten
aus dem Hause Hauteville, daß sie sich vor der fremden Kultur
in Anerkennung ihrer Ueberlegenheit beugten, arabische Dichtung,
Baukunst und Wissenschaft (besonders Geographie und Astronomie) in
anregendster Weise förderten. Am Hofe zu Palermo fanden arabische
Gelehrte freundlichste Aufnahme und reichste Unterstützung, es sei
nur auf die Beziehungen des berühmten Geographen Edrisi zu König
Roger II. verwiesen. Unter diesem Herrscher war es auch, daß der
Admiral Eugenius die Optik des Ptolemaeus nach arabischen Vorlagen
ins Lateinische übersetzte. -- Der geniale Hohenstaufe Friedrich II.,
dessen ganze Jugenderziehung in arabischem Geiste geleitet war, setzte
die Traditionen der Normannenfürsten entsprechend seiner eigenen,
vielseitigen Bildung in großem Maßstabe fort, er umgab sich mit
einem ganzen Stab von arabischen Aerzten, Philosophen, Astrologen und
Dichtern, und beauftragte gelehrte Christen und Juden[6], arabische
Werke, namentlich philosophische und astrologische, ins Lateinische zu
übersetzen. Der bekannteste dieser Uebersetzer ist ~Michael Scotus~,
welcher ganz besonders durch die Uebertragung naturwissenschaftlicher
und psychologischer ~aristotelischer~ Schriften mit den zugehörigen
Kommentaren des ~Averroës~, der Tiergeschichte des Aristoteles
bezw. des darauf beruhenden Kompendiums des ~Avicenna~ und
durch die Uebertragung der Astronomie des ~Alpetragius~ für die
Geistesgeschichte des Mittelalters Bedeutung erlangt hat. Friedrich
II. leistete der Verbreitung des arabisierten Aristoteles auch
selbst den größten Vorschub, indem er die Uebersetzungen an einige
Universitäten des Abendlandes sandte. Friedrichs Sohn und Nachfolger,
Manfred, folgte ganz den Spuren des Vaters, er übersandte die Sammlung
aristotelischer Schriften der Universität Paris und ließ noch fehlende
aristotelische bezw. averroistische sowie astrologische Abhandlungen
ins Lateinische (durch Hermannus Alemannus, Stephanus von Messina)
übersetzen.
[6] So berief er z. B. den Jacob ben Abba-Mari b. Anatoli aus der
Provence und Jehuda den Salomon Cohen aus Toledo an seinen Hof
und beauftragte sie mit der Uebersetzung philosophischer bezw.
astronomischer Werke.
Die kräftigen Impulse, welche Friedrich II. und sein Sohn Manfred der
Uebersetzertätigkeit gegeben hatten, erloschen keineswegs, als Karl I.
von Anjou sich Neapels und Siziliens bemächtigte. Wie der Ueberwinder
der staufischen Dynastie überhaupt in mehrfacher Beziehung nur in
die Fußstapfen der Vorgänger trat, so erwies er sich auch, freilich
mit größerer Nüchternheit, als Förderer des kulturvermittelnden
Uebersetzungswesens, wobei er sein Augenmerk in erster Linie der
medizinischen Literatur zuwandte. Der hervorragendste der in seinen
Diensten stehenden Uebersetzer war der in Salerno gebildete jüdische
Arzt ~Faradsch ben Salem~ (auch mag. Farachi, Faragut, Fararius,
Ferrarius, Franchinus) aus Girgenti, welcher das Kolossalwerk des
~Rhazes~, den ~Continens~, ins Lateinische übertrug und somit auch
den dritten großen Persoaraber in die medizinische Welt des Westens
einführte. Faradsch übersetzte außerdem noch das Tabellenwerk des
~Ibn Dschezla~, ~Takwim~, die ~Chirurgie~ des ~Pseudo-Mesuë~, die
pseudogalenische Schrift de medicinis expertis.
Um eine gute Abschrift des berühmten al-Hawi fi'l Tib, des
Continens, zu erhalten, hatte Karl I. sogar eine eigene Gesandtschaft
an den Beherrscher von Tunis geschickt. Faradsch beendete seine
Uebersetzung am 13. Februar 1279 und bereicherte dieselbe noch mit
einem eigenen Glossar „tabula de nominibus arabicis” (aus 727 Artikeln
bestehend). Der König ließ die Arbeit von einer ärztlichen Kommission
überprüfen und 1282 in einer prachtvollen Handschrift reproduzieren,
es ist dies das berühmte, mit Miniaturen (darunter dreimal die Figur
des Uebersetzers) versehene Manuskript der Pariser Nationalbibliothek.
Karl hatte nicht nur Uebersetzer, sondern unterhielt auch Kopisten,
Korrektoren, Illuminatoren etc.
Die Uebersetzungen des Faradsch enthalten zwar viele
Namensverstümmelungen, sind aber im ganzen korrekter als diejenigen,
welche Gerhard von Cremona hinterließ.
In der Ueberschrift zur Uebersetzung des Takwim heißt es: Caroli ...
de mandato ... per mag. Farragum Judaeum fidelem ejus ad opus camerae
ejus felicis etc. translatum. Da der Herausgeber der Druckausgabe
(Tacuini aegritudinum et morborum corporis Buhahylyha Byngezla autore,
Argent. 1532) am Rande die Worte Caroli ~magni~ decretum setzen ließ,
so entstand der Irrtum, es seien Autor und Uebersetzer Leibärzte
Karls des Großen gewesen!
Wie schon angedeutet, erwarben sich die natürlichen Vermittler
zwischen Morgen- und Abendland -- ~die Juden~ -- ein bedeutendes
Verdienst um die medizinische Uebersetzungsliteratur, wie überhaupt
um die Verpflanzung des Arabismus, teils dadurch, daß sie manchen
der Translatatoren (oder besser gesagt Editoren) arabische Texte
mündlich in der Landessprache verdolmetschten (vgl. S. 332), bezw.
das Konzept für die Latinisierung lieferten[7], teils dadurch, daß
sie als selbständige lateinische Uebersetzer auftraten[8]. Auch haben,
namentlich späterhin, hebräische Uebersetzungen medizinischer Schriften
lateinischen Versionen zur Unterlage gedient[9].
[7] So diente z. B. Abraham aus Tortosa dem Simon Januensis als
Dolmetscher bei seinen Uebersetzungen des Serapion jun. und
des Lib. Servitor, der mag. Jacobus dem Paravicius bei seiner
Uebersetzung des Teisir. -- Auf nichtmedizinischem Gebiete
tritt dieses Verhältnis noch stärker hervor, so hatte z. B.
Plato von Tivoli den Juden Abraham bar Chijja zum Dolmetscher,
Gundisalvi den Konvertiten Johannes Hispalensis, Michael Scotus
(nach Angabe des Roger Bacon) den Juden Andreas u. s. w.
[8] Faradsch ben Salem, der Konvertit Bonacosa u. a.
[9] So scheinen z. B. die Uebertragungen Armengauds in Montpellier
aus dem Hebräischen gemacht worden zu sein. -- Insbesondere die
Schriften des Averroës, um deren Erhaltung und Verbreitung sich
die Juden sehr verdient gemacht haben, sind zum großen Teile
aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzt worden.
Der Ausgangspunkt der zahlreichen hebräischen Uebertragungen aus dem
Arabischen war die Provence. Großen Ruf als Uebersetzer erlangten die
Tibboniden, ferner Jacob ben Abba Mari in Marseille, Jacob ben Machir
(Profatius) in Montpellier u. a. Das erste ins Hebräische übertragene
Werk eines Muhammedaners dürfte der Kommentar des Rodoam zur Ars parva
gewesen sein; diese Uebersetzung rührt von Samuel ibn Tibbon her und
wurde 1199 beendet. Schon früher (im Zeitraum 1197-1199) übersetzte
aber ein Anonymus in Frankreich 24 Schriften christlicher Autoren
aus dem Lateinischen.
War schon die Auswahl der übersetzten Werke oft durch den Zufall
bedingt, der nicht wenige vortreffliche literarische Leistungen zu
Gunsten mancher minderwertiger den Blicken entzog, so entsprechen die
meisten der damaligen lateinischen Uebersetzungen aus dem Arabischen
auch nicht den gemäßigsten, Zeitalter und Umstände berücksichtigenden
Ansprüchen. Ganz abgesehen davon, daß sie jeder Textkritik ermangelt,
steht die Uebersetzungstechnik in der überwiegenden Zahl der Fälle auf
denkbar niedrigster Stufe. Der Sprache nach, in der die Uebersetzungen
abgefaßt sind, hat man mit Recht ihre Autoren als Barbarolatini
bezeichnet, denn sie setzten sich kühn über die Regeln der Wort- und
Satzfügung hinweg. Es wimmelt von greulichen Namensverstümmelungen,
die Termini technici sind sehr häufig -- infolge der „inopia
latinitatis” -- nur einfach transkribiert (bezw. korrumpiert), so
daß heute die Deutung oft mit Schwierigkeiten verknüpft ist[10].
Bei der sklavischen Art der Uebertragung (Wort für Wort) durch
Personen, die bisweilen nicht über genügende Sach-, ja nicht einmal
über genügende Sprachkenntnis geboten, ist es begreiflich, daß
groteske Sinnesentstellungen nicht selten sind, manchmal scheint es
überhaupt vom verständnislosen Translator dem Leser selbst überlassen
worden zu sein, sich mit eigenen Kräften in dem ganz unklaren Texte
zurechtzufinden. An groben textlichen Mißverständnissen konnte
es insbesondere dann nicht fehlen, wenn es sich um ursprünglich
griechische Schriften handelte, welche erst über mehrere Idiome hinweg
den Weg zu den Lateinern gefunden hatten.
[10] Vgl. bezüglich der anatomischen Terminologie der Arabisten
~Hyrtl~, das Arabische und Hebräische in der Anatomie, Wien
1879, desselben Onomatologia anatomica, Wien 1880.
Immerhin war der Einfluß, den die lateinischen Versionen arabischer
Schriften auf die abendländische Medizin ausgeübt haben, ein
sehr bedeutender durch den reichlichen Zufluß an wichtigem
Tatsachenmaterial, an neuem methodisch geordnetem Denkstoff. Das beste
aber, was sie leisteten, bestand darin, daß die Spuren griechischer
Meister deutlicher und weit zahlreicher zu Tage traten als vordem,
daß das antike Erbgut, wenn auch oft entstellt und verunziert, ganz
erheblich anwuchs, daß schon frühzeitig die Sehnsucht nach der Urquelle
der arabischen Schulweisheit, nach den griechischen Originaltexten
entzündet wurde -- und gerade die Mangelhaftigkeit der Uebersetzungen
mag diese Sehnsucht noch gesteigert haben. Die arabischen Autoren
in lateinischem Gewande führten in die Vorhalle. Aus dieser ins
Heiligtum selbst den Weg zu finden, das blieb die kommende Aufgabe
der abendländischen Aerzte!
Die Medizin im 13. Jahrhundert.
Arabismus und Scholastik.
Mit dem 13. Jahrhundert tritt die Medizin gleich den übrigen Zweigen
der abendländischen Bildung in eine neue, von den vorangehenden
Entwicklungsstadien scharf differenzierte Phase, welche insbesondere
durch die Aufnahme, Verbreitung und eigenartige Verarbeitung der
arabischen Literatur ihren charakteristischen Zug empfängt.
Aber auch in dieser Epoche bestätigt sich das historische Gesetz,
daß neue Geistesströmungen in der Medizin später als auf anderen
Gebieten des Kulturlebens zum vollen Ausdruck gelangen, denn wahrhaft
durchdrungen vom Arabismus im Ideengang und in der Methodik wird
die Heilkunde erst im Laufe der zweiten Hälfte des Säkulums, d. h.
erst dann, nachdem ihr in der gegebenen Richtung die philosophische
Spekulation und die sonstige Forschung schon Dezennien lang
vorausgeeilt war.
Während nämlich unter dem Einflusse der arabisierenden Peripatetik
nur allzu bald jene hoffnungsvollen Ansätze verkümmerten, welche der
jugendliche Humanismus und die Dialektik des 12. Jahrhunderts, aus
dürftigen Hilfsquellen schöpfend, hervorgebracht hatten[1], stemmte
sich die inzwischen im Abendlande herangewachsene ärztliche Tradition
dem Arabismus zunächst entgegen und hinderte für eine Weile noch,
freilich aussichtslos, seinen Sieg.
[1] Man berücksichtigt im allgemeinen viel zu wenig, daß im 11.
und besonders im 12. Jahrhundert ein, an die Renaissancezeit
erinnernder, äußerst reger humanistischer Eifer in Italien
und Frankreich (Schule von Chartres) herrschte, welcher an
der Hand des Studiums der römischen Autoren zu einer hohen
Ausbildung der Latinität führte, wie sich dies z. B. in den
Schriften Abälards, Joh. von Salisburys u. a. kundgibt. Schon
in der zweiten Hälfte des 12., noch weit mehr aber im 13.
Jahrhundert gerieten die „grammatischen” Studien in Verfall.
Die Höhe der damaligen philosophischen Spekulation, welche in
weitem Umfange auf großer Selbständigkeit im Denken beruhte und
fast allein die, noch dazu unvollständig bekannten logischen
Schriften des Aristoteles zur Stütze hatte, kann namentlich an
Abälard ermessen werden. Mit Rücksicht auf die Anknüpfung an
sehr wenige, dafür aber unverfälscht erhaltene antike Elemente,
ließe sich zwischen der philosophischen Entwicklung des 12.
Jahrhunderts und der Salernitanermedizin eine Parallele ziehen.
Wie die erstere vom augustinisch-platonischen, so war die
letztere von hippokratischem Geiste durchweht, im Gegensatz zur
späteren, mit dem 13. Jahrhundert beginnenden Epoche, in welcher
hier der arabisierte Galen, dort der arabisierte Aristoteles
das Szepter führte.
Dieser Widerstand besaß nicht überall dieselbe Stärke und die
gleiche Hartnäckigkeit, am kräftigsten und dauerndsten war er
begreiflicherweise in Salerno selbst, dessen Ruhm sich ja gerade an die
Erhaltung der alten Ueberlieferungen knüpfte und daher jetzt bedroht
wurde. Aber auch in Salerno, wo seit der Tätigkeit des Constantinus
wenigstens in manchen Teilgebieten der medizinischen Wissenschaft
(namentlich Heilmittellehre, Anatomie, Chirurgie) Arabismen längst
eingeschlichen waren, richtete sich die Abwehr nicht gegen das neue
Beobachtungs- und Erfahrungsmaterial, nicht einmal so sehr gegen
den therapeutischen Ueberschwang als gegen jene, der schlichten
salernitanischen Denkweise widersprechende theoretische Subtilität und
hyperrationalistische Systembauerei, wie sie in höchster Vollendung
in Avicennas Kanon vorlag.
Im wesentlichen handelte es sich also um ~die Methode des
Wissenschaftsbetriebes~, um diese drehte sich der Streit, und schon
eine einfache Ueberlegung ergibt, daß der ablehnende Standpunkt
der Civitas Hippocratica nicht allein eine Aeußerung erklärlicher
eifersüchtiger Regungen oder eines starren Konservatismus war, sondern
geradezu mit zwingender Notwendigkeit dem ganzen Bildungswesen der
Salernitaner entsprang. Waren es doch nüchterne, von der Blässe
abstrakten Denkens nicht angekränkelte, einer rationellen Empirie
huldigende Praktiker, welche die Schule groß gemacht hatten, war es
doch eben die vom ~rein ärztlichen~ Gesichtskreise geleitete Lehr-
und Forschungsweise, welche den Namen Salernos weithin erstrahlen
ließ. Mit den minderen, von Constantinus importierten Autoren, auch
mit Ali Abbas und dem Kliniker Rhazes konnte sich der Geist der
Salernitanermedizin noch durch Konzessionen abfinden, die Unterwerfung
unter die Diktatur Avicennas hingegen, des höchsten Repräsentanten des
medizinischen Arabismus, erforderte schon tatsächlich eine Verleugnung
der bisher so hoch gehaltenen, so treu bewahrten Prinzipien. Aber noch
mehr, um die Feinheiten dieses großen Syllogismenvirtuosen empfinden,
um in den Scharfsinn seines engmaschigen Lehrsystems eindringen, um
seine Gedanken weiter ausspinnen zu können, dazu bedurfte es einer
Vorschulung in spitzfindiger Dialektik und in ihrer Anwendung auf
ärztliche Probleme, welche dem bisherigen Studienwesen, der bisherigen
wissenschaftlichen Bearbeitung, wenn man nach den Schriften der
Glanzperiode Salernos urteilen darf, mangelte.
Die Hindernisse, welche dem arabisierten Galenismus entgegentraten --
am meisten im Zentrum der Salernitanermedizin, verhältnismäßig weniger
wohl in der durch historische Verhältnisse besser vorbereiteten Schule
von Montpellier -- begegneten keineswegs dem viel rascher vordringenden
arabisierten Aristoteles und seinen Kommentatoren; denn ihnen
hatte die im 9. Jahrhundert einsetzende, im 11. und 12. Jahrhundert
bereits mächtig aufblühende ~Scholastik~ durch straffe Geisteszucht
längst den Boden geebnet, und die bedeutungsvolle Anknüpfung der
christlich-abendländischen an die arabische Philosophie konnte umso
leichter von statten gehen, als beiden die Methode gemeinsam war und
nur die Breite der antiken Grundlage, die Reichhaltigkeit der Probleme
den auszugleichenden Unterschied ausmachte[2].
[2] Es braucht hier nur an die Hauptvertreter Johannes Scotus
Erigena, Gerbert, Berengar von Tours, Lanfranc, Anselm von
Canterbury, Roscellinus von Compiegne, Wilhelm von Champeaux und
Abälard erinnert werden. Die dürftige antike Grundlage ihrer
spekulativen Theologie bezw. kirchlichen Philosophie bildeten
hauptsächlich einige der analytischen Schriften des Aristoteles,
die Isagoge des Porphyrius in der Uebersetzung und mit den
Kommentaren des Boëthius, des letzteren Abhandlungen über den
kategorischen und hypothetischen Schluß. Die von Porphyrius
aufgeworfene Frage, ob Gattungen und Arten, die allgemeinen
Begriffe etwas Wirkliches außer uns oder bloß Gedanken seien,
entfachte schon seit Anselm und Roscellin den noch früher im
Morgenlande begonnenen, durch das ganze Mittelalter hin und her
wogenden Streit der ~Realisten~ und ~Nominalisten~, von denen
jene die Realität der Universalien verfochten, letztere nur
die Realität der Einzeldinge gelten lassen wollten, abgesehen
von den beiderseitigen Vermittlungsversuchen.