Satirische Ausfälle gegen das Arzttum finden sich bei mehreren

Autoren des 12. Jahrhunderts, namentlich bei Johannes von Salisbury

(1110-1182), dessen Angaben, cum grano salis genommen, die damaligen

Verhältnisse (das gelehrte Gezänke, die Phrasendrescherei und die

Habsucht der Aerzte) beleuchten. In seinem Metalogicus Lib. I, cap.

4 (ed. Migne Tom. 199) heißt es unter anderem: Alii autem, suum in

Philosophia intuentes defectum, Salernum vel ad Montempessulanum

profecti, facti sunt clientuli Medicorum, et repente quales fuerant

Philosophi, tales in momento Medici erupuerunt; fallacibus enim

referti experimentis in brevi redeunt, sedulo exercentes quod

didicerunt. ~Hippocratem ostentant, aut Galenum, verba proferunt

inaudita, ad omnia suos loquuntur Aphorismos, et mentes humanas velut

afflatas tonitruis sic percellunt nominibus inauditis. Creduntur

omnia posse, quia omnia jactitant, omnia pollicentur~ (l. c. p.

830). ... Et quidem theorici, quidquid suum est, faciunt, et forte

pro amore tuo amplius erogabunt, et ab eis singularum rerum causas

et naturas accipies; sanitatis, aegritudinis et neutralitatis,

censores sunt. Dant sanitatem verbo tenus et conservant. Neutralitatem

jubent istuc divertere. Aegritudinis praevident et docent causas,

indicunt ei initium, augmentum, statum et declinationem. Quid

multa? Cum eos audio, videntur mihi posse mortuos suscitare, nec

Aesculapio Mercuriove creduntur inferiores. Verumtamen in eo magna

mentis admiratione distrahor et perturbor, quod a se ipsis tanto

verborum conflictu et collisione rationum dissiliunt et discordant.

Unum profecto scio, contraria simul vera esse non posse. Quid de

medicis practicis dicam. Absit ut de his quidquam perversum loquar.

In manus enim eorum, exigentibus peccatis meis, nimis frequenter

incido. Nolo me tractent durius, nec etiam sentire audeo, quod omnes

clamant. Dicam ergo cum sancto Salomone: Quia medicina a Domino

Deo est, et vir sapiens non contemnet eam. Nemo siquidem magis

necessarius est aut utilior medico, dummodo sit fidelis et prudens.

Quis enim praeconia illius declamare sufficiat, qui salutis artifex

et procreator vitae, in eo Dominum imitatur et vices ejus agit, quod

salutem, quam ille operatur, et quasi Dominus et princeps donat, iste

oeconomus et minister procurat et dispensat? Nec ad rem attinet,

si qui pseudogratiam vendunt, et qui justiores videri volunt, dum

nihil accipiant, antequam aeger convalescat, in eo iniquiores sunt,

quod beneficium temporis, imo munus Dei, manibus suis ascribunt, cum

ille quem Deus erigit et vigor naturae convalescentis, citra operam

ejus fuerat erigendus. Quamvis istud jam paucorum sit, sibi invicem

suadentibus et replicantibus medicis: „~Dum dolet, accipe~”[60].

Nec moveor si opera eorum in se compugnent, cum sciam contrariorum

plerumque esse eundem effectum. Sed cum inter manus eorum quis in

fata collapsus est, tunc necessarias producent rationes, quibus

apparebit, quod vita ejus non fuerat ulterius protendenda. Et ut

dicitur, quos longa afflixerunt inedia, jam mortuis sorbitiunculas

faciunt et inutiles et delicatos praeparant cibos. Exspectas forte,

ut dicam, quod dicit populus, quia hi sunt, qui homines officiosissime

occidunt. Sed frustra. Absit enim, ut hanc contumeliam proferam, quam

si forte audire volueris, Senecam, Plinium adeas et Sidonium, qui

hoc in auribus tuis clamore valido replicabunt. (L. c. p. 476.)

[60] Johann von Salisbury spielt auf die in salernitanischen

Schriften mehrmals wiederkehrenden gewiß berechtigten

Ratschläge bezüglich der Honorarforderungen an; gegenüber der

wahrscheinlich nicht seltenen Knauserei mancher vermögenden

Patienten war kluge Benützung der Umstände einigermaßen am

Platze. Gilles de Corbeil kommt auf dieses alte und doch stets

aktuell bleibende Thema mehrmals zu sprechen. Von ihm hören

wir auch manches über das Auftreten, den Kleiderluxus und

sonstigen äußeren Prunk der medizinischen Zelebritäten des 12.

Jahrhunderts (Med. comp. Lib. II v. 102, 745).

Noch recht spärlich fließen für diesen Zeitraum die Nachrichten über

die Aerzte in Deutschland; die wissenschaftlich gebildeten gehörten

wohl überwiegend dem ~Klerikerstande~ an[61]. Ganz besonders schlecht

sah es mit der Chirurgie aus, welche rohen Empirikern überlassen

blieb[62].

[61] Vereinzelt werden auch Laienpraktiker in den Urkunden genannt,

z. B. ein Arzt in Halberstadt in den Jahren 1180-1183, Rodgerus

physicus (vgl. Andreae, Chronik d. Aerzte des Reg.-Bez.

Magdeburg, Magdeb. 1862). Es dürften sich auch Aerzte aus dem

Ausland (Italien) niedergelassen haben.

[62] Herzog Leopold V. von Oesterreich stürzte am Weihnachtstage des

Jahres 1194 vom Pferde und erlitt eine komplizierte Fraktur des

Unterschenkels. Die herbeigerufenen Aerzte behandelten ihn mit

Pflastern und Arzneien, bis der Brand eintrat. Sie hatten nicht

den Mut, die Amputation vorzunehmen, obwohl der Patient selbst

die Operation wünschte. Infolgedessen ergriff der Herzog mutiger

Weise eine Streitaxt, setzte sie an das Schienbein und befahl

seinem Kammerdiener, mit einem Hammer darauf zu schlagen. Beim

dritten Schlage wurde das Bein abgetrennt. Jetzt erst gingen die

Aerzte wieder an die Arbeit, doch am nächsten Morgen trat der

Tod ein (Rer. brit. med. aevi script. T. 82, Abt. 2, p. 432).

-- Als der Markgraf Dedo von Rochlitz und Groiz 1190 den Kaiser

Heinrich VI. nach Apulien begleiten sollte, fürchtete er wegen

seiner Fettleibigkeit das heiße Klima und die Reisebeschwerden.

Ein Arzt, den er deshalb kommen ließ, schnitt ihm einfach den

Leib auf, um das Fett zu entfernen -- ein Verfahren, an dessen

Folgen der Markgraf rasch zugrunde ging (Chron. mont. seren.

ed. Ekstein im Progr. d. lat. Hauptschule zu Halle 1844, p. 53).

Nicht geringen Ansehens erfreuten sich die ~jüdischen Aerzte~

(vgl. S. 276), namentlich in den höheren Schichten, entgegen den

Bestrebungen der Kirche, ihre Praxis unter den Christen einzuschränken

(Decretum Gratiani). Interessant ist z. B. die Notiz, daß Erzbischof

Bruno von Trier (1102-1124) einen gelehrten Juden, namens Josua,

zum Arzt hatte[63], oder daß 1138 ein zu Lüttich ansässiger Arzt

namens Moses von einem höheren Geistlichen konsultiert wurde[64]. In

Prag befand sich im 12. Jahrhundert vorübergehend nahezu die ganze

ärztliche Praxis in den Händen von Juden.

[63] Mon. Germ. Scr. VIII, 194 ... habebat autem inter eos (sc.

medicos) Judaeum quendam Josuae nomine, physicae artis

eruditissimum, compotistam peroptimum, Hebraicarum litterarum

et totius judaismi scientia perfectissimum, quem circumdabat

militaris habitus. Hunc majori prae eceteris familiaritate et

dilectione idem Bruno sibi annectebat, satagens, ut quomodo

ille ipsum carnaliter medicaretur, ita ipse illi salutem animae

operatur ... consiliis ejus acquievit et ab ipso baptizatus est.

[64] Mon. Germ. Scr. XVI, 332.

Eine bemerkenswerte Erscheinung ist es, daß schon in dieser Epoche

bei den ~Laien~ die Tendenz zutage tritt, auch ~die öffentliche

Krankenpflege~ zur eigenen Sache zu machen[65]. Wenn auch noch nicht

klar bewußt, fand dieses Streben vorderhand in der Stiftung von

Verbrüderungen zum Zwecke der Krankenpflege seinen Ausdruck -- mag auch

die Obhut der Kirche und die mönchische Form der frommen Laienverbände

mehr oder minder das tiefere Wesen des geschichtlichen Prozesses

verschleiern. Die wichtigsten dieser Krankenpflegerschaften waren die

Orden der ~Johanniter~, der ~deutschen Ritter~, der ~Lazaristen~,

namentlich aber der am Ende des 12. Jahrhunderts gegründete ~Orden

vom heiligen Geiste~.

[65] Eine Teilerscheinung der religiös-reformatorischen Bewegungen

unter den Laien.

Die drei erstgenannten (nicht ihrem ersten Ursprung nach,

sondern erst in ihrer späteren Entwicklung) ~ritterlichen~

Krankenpflegerschaften waren eine Frucht der Kreuzzüge und

entsprossen dem heiligen Lande; außer der Pflege der Armen und

Kranken in Hospitälern -- was anfangs den ausschließlichen Zweck der

Verbrüderungen gebildet hatte -- setzten sie sich die Bekämpfung der

Ungläubigen zur Aufgabe. (Ueber die interessante Geschichte dieser

Orden, welche späterhin im Abendlande in zahlreichen Niederlassungen

segensreich wirkten, vgl. besonders Haeser, Geschichte der

christlichen Krankenpflege und Pflegerschaften, Berlin 1857). Hier sei

nur hervorgehoben, daß wir verhältnismäßig am besten über die durch

den Orden der Johanniter geübte Krankenpflege unterrichtet sind. In

den Statuten, welche 1135 (von Raymund de Puy) gegeben wurden, ist

die Verordnung zu lesen, daß sich im Hospitale zu Jerusalem 5 Aerzte

und 3 Chirurgen befinden sollen. In den Statuten vom Jahre 1181

(Rogier de Moulin) wird von den besoldeten Aerzten (mièges) verlangt,

daß sie in der Uroskopie und in der Bereitung der Sirupe bewandert

sind. Die Krankenpflege fiel größtenteils den ~dienenden~ Brüdern zu,

welche mit den Rittern und den geistlichen Ordensbrüdern zu einem

Bunde vereinigt waren. Die Lazaristen widmeten sich der Pflege von

Aussätzigen, ja bis 1253 mußte sogar der Großmeister aus der Mitte

der aussätzigen Ritter, welche dem Orden angehörten, gewählt werden.

Der Orden vom heiligen Geiste, ausgehend von einem Hospital, das

Guy von ~Montpellier~ in seiner Vaterstadt gestiftet hatte, bestand

ursprünglich aus einer Verbrüderung von Laien, welche sich sehr

bald ausbreitete. Seine Hauptbedeutung (zugleich aber verbunden mit

einer immer stärkeren Einbuße des anfänglich weltlichen Charakters)

erlangte der Orden erst, seitdem Papst Innozenz III. ihm die Leitung

des für die spätere Entwicklung des Spitalwesens in allen christlichen

Ländern vorbildlichen Hospitals San Spirito in Rom (anfangs des 13.

Jahrhunderts) übertragen hatte. Im 12. Jahrhundert entstanden ferner

die Hospitaliterorden von St. Protais und St. Gervais, der Orden der

Vereinigung der Hospitaliterinnen der heil. Katharina, die weltlichen

Krankenpfleger-Schwesterschaften (Filles et Dames hospitalières), der

Orden der reg. Chorherren von Ronceval u. a. Nur lose standen mit der

Krankenpflege die gleichfalls Ende des 12. Jahrhunderts gestifteten,

halb weltlichen, halb klösterlichen Genossenschaften der Beguinen,

die Kalandsbrüderschaften (in den Niederlanden) in Verbindung.

Immer war es aber eine religiöse Wurzel, aus welcher die

Krankenpflegerverbände hervorgingen, und früher oder später wußte sich

die Kirche stets wieder die Vormundschaft über dieselben zu verschaffen

oder widerstrebende Emanzipationsgelüste zu unterdrücken.

In geistlichen Händen verblieb einstweilen auch noch die Leitung der

Xenodochien, Hospitäler und Aussatzhäuser, deren Zahl in der Zeit der

Kreuzzüge bedeutend anwuchs.

Die ersten Ansätze zu einer weltlichen Kranken- und Armenpflege,

welche Karl der Große inspiriert hatte (Stiftung königlicher

Hospitäler unter Aufsicht besonderer Beamter, missi dominici), kamen

nicht zur weiteren Entwicklung, und insbesondere seit Mitte des 9.

Jahrhunderts unterstanden alle Arten von Humanitätsanstalten, auch

wenn sie von Laien gestiftet worden waren, geistlicher Oberleitung.

Abgesehen von den Aussatzhäusern gab es im Abendlande vor dem

13. Jahrhundert kaum eigentliche Krankenhäuser in unserem Sinne;

die aus Xenodochien hervorgegangenen „Hospitäler” dienten nicht

bloß zur Aufnahme von Kranken und Gebrechlichen, sondern auch zur

Beherbergung armer Reisender (Pilger), Gastfreundschaft, Armenfürsorge

und Krankenpflege waren zumeist noch unentwirrbar zu einem Ganzen

verbunden.

Derartige mildtätige Stiftungen finden sich frühzeitig besonders

in Italien[66], Frankreich und Spanien[67], später in England[68]

und Deutschland[69].

[66] Z. B. ein Hospital und Findelhaus in Mailand (ersteres von

Todona 777, letzteres von Dateo 10 Jahre später gegründet),

Xenodochium in Lucca (8. Jahrhundert), das Hospital S. Maria

delle Grazie in Rom, daselbst auch Hospitäler einzelner

Landsmannschaften, das Hospital S. Maria della Scala zu Siena

(9. Jahrhundert) etc.

[67] Vgl. S. 259, 262.

[68] Zu den ältesten gehört das 1070 vom hl. Lanfrancus (Erzbischof

von Canterbury) gestiftete Krankenhaus und das 1102 gegründete

Bartholomaeus-Hospital in London.

[69] Z. B. in Köln, Würzburg etc. In Köln kommt schon Ende des 12.

Jahrhunderts ein „Irrenmeister” vor.

Da der Aussatz im 11. Jahrhundert in Europa auffallend zunahm, so

mußten die ~Leproserien~ bedeutend vermehrt werden[70]. In Italien und

Frankreich entstanden auch eigene Anstalten für jene Unglücklichen,

welche von dem epidemisch grassierenden Ergotismus („~Ignis sacer~”)

befallen wurden (unter Leitung der ~St. Antoniusbrüderschaft~).

[70] In Frankreich (wo übrigens schon im 6. Jahrhundert Aussatzhäuser

von Gregor von Tours erwähnt werden) hießen sie Maladreriees,

Malanteriees, Ladreriees, Meselleries, in Italien (wo schon im

Anfang des 7. Jahrhunderts König Rothari strenge Anordnungen

über die Absonderung der Leprösen gab) Lazaretti; in Rom

diente das Hospital San Lazaro der Aufnahme von Leprösen. In

Spanien wurde die erste Leproserie 1067 vom Cid gestiftet. In

Deutschland nannte man sie Siechenhäuser, Gutleuthäuser. Außer

den Leproserien größeren Stils existierten besonders in den

Landgemeinden vereinzelte „Feldhütten” (mansiones, stellae,

cucurbitae), in denen Aussätzige isoliert wurden. Die Pflege

der Leprösen galt in besonderem Grade als gottgefälliges Werk,

dem sich auch Mitglieder der vornehmsten Stände bisweilen

widmeten, der Aussatz erschien der schwärmerischen Religiosität

als unmittelbare Schickung Gottes, als ein Mittel, welches zum

Heil der Seele führe.

Die Vermehrung und verbesserte Einrichtung der Krankenanstalten mag,

ebenso wie die Bereicherung des Heilschatzes, auf den, während der

~Kreuzzüge~ gesteigerten Verkehr mit der östlichen Welt zurückgeführt

werden; den reichen wirtschaftlichen und sozialen Nachwirkungen

der Kreuzzüge ist vielleicht auch ein indirekter Einfluß auf die

Heilkunde zuzusprechen -- die eigentliche, gerade für die Medizin

so bedeutungsvolle Berührung mit der Wissenschaft des Morgenlandes

erfolgte aber gleichzeitig fernab von den kriegerischen Ereignissen,

auf ganz anderen Wegen, in Spanien und Unteritalien, in Form einer

mächtig entfalteten ~Uebersetzertätigkeit~. Durch diese legte das 12.

Jahrhundert das Fundament zur wissenschaftlichen Gestaltung des ganzen

späteren Mittelalters.

Verpflanzung des Arabismus in die abendländische Medizin.

Die Lebensarbeit des ~Constantinus Africanus~ ging anscheinend in

der Salernitanermedizin restlos auf, ohne die aus spätrömischer Zeit

herüberreichenden Traditionen der Schule wesentlich zu verändern. Aber

tatsächlich war die Rolle, welche die Geschichte dem Mönch von Cassino

zugewiesen hatte, damit keineswegs erschöpft. Was Constantinus unter

dem Deckmantel der Pseudooriginalität begonnen -- ~die Latinisierung

der arabischen bezw. griechisch-arabischen Medizin~ -- regte zur

Fortsetzung an und wurde zum bedeutsamen Vorspiel jener mächtigen,

mit dem 12. Jahrhundert kräftig einsetzenden Geistesbewegung,

welche den islamischen mit dem abendländischen Kulturkreis in innige

Berührung brachte und der bisher fast einzig aus christlich-römischer

Ueberlieferung schöpfenden Wissenschaft des Okzidents neue, fremdartige

Fermente von reichster Energieentfaltung zuführte.

Wie einstens die Muslimen über Aegypten, Syrien und Persien

griechisches Wissen im Gewande der Koransprache empfingen, so ergoß

sich jetzt der inzwischen eigenartig verarbeitete und nicht unerheblich

vermehrte Bildungsstoff wieder in rückläufigem Strom -- ~auf dem Wege

lateinischer Uebersetzungen aus dem Arabischen~ -- in das Abendland.

Es bildet eines der merkwürdigsten Phänomene der Kulturgeschichte

und den erhebendsten Beweis für die, alle Hindernisse des Rassen- und

Religionsgegensatzes bezwingende Macht des Erkenntnistriebes, daß das

Abendland gerade in jener Epoche das sehnlichste Verlangen nach der

„Doctrina Arabum” trug, da sich die Christenheit und der Islam auf der

ganzen Linie des Mittelmeeres fast in unausgesetzter heftiger Fehde

gegenüberstanden.

Die Kreuzzüge mögen den geistigen Horizont bedeutend erweitert, die

Lust zur Aneignung der Errungenschaften der Sarazenen entzündet und

den Erwerb einer Fülle von materiellen Kulturgütern aus dem Osten

herbeigeführt haben -- der Eroberungszug der Wissenschaft richtete sich

aber nicht nach dem Orient, sondern vornehmlich nach jenem Lande, wo

Christen und Muslimen seit Jahrhunderten dicht aufeinander stießen, im

lebhaftesten feindlichen oder freundlichen Wechselverkehr standen --

nach ~Spanien~, wo die arabische Kultur ihre prächtigsten Spätfrüchte

gezeitigt hatte.

Die herrliche Kultur des maurischen Spaniens erregte schon

frühzeitig auch im christlichen Europa Staunen und Bewunderung; so

schilderte z. B. bereits Johannes von Görz, der als Gesandter Ottos

I. nach Cordova ging, die Pracht am Hofe Abdarrahmans mit lebhaften

Farben (Vita Joh. Gorz. cap. 135 und 136 in Pertz, Scriptor. IV), und

die poetische Aebtissin Hroswitha pries in einem Gedichte Cordova

geradezu als „helle Zierde der Welt, strahlend im Vollbesitz aller

Dinge” (Opera Roswithae ed. Schurzfleisch p. 120). Auf dem Wege

ausgedehnter Handelsbeziehungen, welche Kulturgüter allerlei Art

vermittelten, und ganz besonders auch durch Juden wurde die Kunde von

der muselmännischen Weisheit weithin verpflanzt. Begreiflicherweise

erweckte der stets reger werdende Verkehr der Abendländer mit den

spanischen Arabern bei jenen allmählich das Bedürfnis, die Lücken in

ihren Kenntnissen auszufüllen.

In den christlichen Reichen Spaniens waren neben den, von Frankreich

kommenden, Cluniacensern und Cisterciensern später namentlich

auch Mozaraber und Juden die Kulturträger, letztere natürlich als

Vermittler arabischer Kenntnisse (Medizin, Astronomie etc.). Der

Fanatismus der Almoraviden und Almohaden trieb viele Juden zur

Flucht in die benachbarten christlichen Staaten Spaniens, weiterhin

nach Unteritalien, Sizilien und Südfrankreich. Nicht erst nach der

Conquista, sondern weit früher dienten einzelne derselben christlichen

spanischen Fürsten als Leibärzte. ~Es sei gleich hier erwähnt, daß

das älteste, in der Sprache Kastiliens geschriebene, über die Fieber

handelnde, medizinische Werk von einem jüdischen Arzte des 11.

Jahrhunderts herrührt~ (Los libros de Issaque, vgl. die Inhaltsangabe

bei Chinchilla, Historia de la medicina española I, p. 32).

Nur ganz vereinzelt finden wir darum lateinische Uebersetzer arabischer

Werke im Orient -- für die wissenschaftliche Heilkunde kommt bloß

~Stephanus von Antiochia~ in Betracht, der 1127 den ~Liber regalis~

(regalis dispositio ═ al maliki) des ~Ali Abbas~ recht mangelhaft

übertrug[1] --, hingegen wurde insbesondere das (1085) in die Hände

der Christen gefallene ~Toledo~ mit seinen reichen handschriftlichen

Schätzen sozusagen das Mekka der nach morgenländischem Wissen

dürstenden Gelehrten.

[1] Bekanntlich hatte bereits Constantinus das Werk in seinem

Pantegni übersetzt resp. bearbeitet; Stephanus kritisiert diese

Vorarbeit sehr scharf, weshalb die Angabe des Ortes Antiochia

Bedenken erregt. Als Fundort von Handschriften gibt übrigens

auch ein anderer Uebersetzer, Philippus (Clericus) Tripolitanus,

Antiochien an; derselbe übertrug (um 1200?) aus dem Arabischen

die pseudoaristotelische Schrift •Secretum secretorum•, ein

wüstes Gemenge von philosophischer Mystik und Aberglauben,

welches weithin verbreitet und ganz oder abschnittsweise in die

meisten europäischen Sprachen übersetzt eine reiche Quelle für

die mittelalterliche Prosa und Poesie wurde.

Mindestens im Zeitraum von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 13.

Jahrhunderts war es diese Stadt, die große Vorratskammer arabischer

Bücher, wo sich hauptsächlich die arabisch-lateinische Buch- und

Wissensübertragung vollzog, wo neben Einheimischen Italiener, Deutsche,

Engländer an dem großen Vermittlungswerke arbeiteten, wo die meisten

Uebersetzungen entstanden. Von Toledo her empfing das Abendland

nicht allein Meisterwerke der arabischen Philosophie, Mathematik und

Astronomie, sondern zugleich auch mit den berühmtesten arabischen

Kommentaren lang entbehrte Erbstücke aus der Antike[2], unter denen

bisher unbekannte ~Schriften des Aristoteles~ (naturwissenschaftlichen,

psychologischen und ethischen Inhalts) und ~der Almagest des

Ptolemaeus~ am wichtigsten waren.

[2] Schon früher, im Anfang des 12. Jahrhunderts, hatte der

vielgereiste Adelard von Bath die Elemente des Euklid und der

in Barcelona arbeitende Plato von Tivoli das Quadripartitum

des Ptolemaeus ins Lateinische übertragen.

Toledo, das kurz vor der Eroberung eine Hauptstätte arabischer

Wissenschaft, namentlich mathematisch-astronomischer Studien war,

dessen Schulen und reichgefüllten Bibliotheken auch im Abendlande

einen weitreichenden Ruf erworben hatten, bildete auf spanischem

Boden zwar nicht den einzigen, aber doch den wichtigsten Ort für die

Vermittlung der orientalischen Weisheit an den Westen[3]. Hier gab

es eine Fülle von wertvollen Handschriften, welche aus allen Gegenden

wißbegierige Ausländer anlockte, hier lebte eine Menge von Menschen,

die mehrere Idiome beherrschten und den Fremden das Eindringen in

die arabische Literatur erleichterten, hier in der neuen Hauptstadt

Kastiliens, am Sitze des Primas von Spanien, waren es gerade die

Fürsten und die Kirche, welche fern von der bücherverbrennenden

Barbarei späterer Zeiten nicht nur die Fortsetzung der Studien seitens

der zurückgebliebenen Araber, Mozaraber und Juden tolerierten, sondern

auch die Uebertragung arabischer Meisterwerke in die Gelehrtensprache

Westeuropas förderten. Um diesen Bestrebungen einen festen Rückhalt

zu geben, errichtete Erzbischof ~Raymund~ († 1150) unter Leitung des

Archidiakons ~Dominico Gundisalvi~ sogar eine eigene Uebersetzerschule

in Toledo, welche bis um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine für die

abendländische Bildung ungemein fruchtbare und organisierte Tätigkeit

entfaltete[4].

[3] Auch Barcelona, später auch Cordova und Sevilla wurden zu

wichtigen Vermittlungspunkten der arabischen Literatur.

[4] Die Schule von Toledo, an welcher auch Lehrvorträge (nur über

weltliche Wissenschaften) abgehalten wurden, gab übrigens nicht

bloß einem Strome lateinischer Uebersetzungen den Ursprung,

sondern pflegte, fürderhin über den anfänglichen engeren Zweck

hinauswachsend, nebstdem auch selbständig ganz besonders

philosophische, mathematische, astronomisch-astrologische,

naturwissenschaftliche Studien auf arabischer Grundlage, was ihr

zwar hohes Ansehen, später aber auch den unheimlichen Nimbus,

eine Stätte der Zauberkunst zu sein, verschaffte. Von allen

Ländern gingen angeblich die scholares nach Toledo, um die mit

der arabischen Weisheit für untrennbar gehaltenen Geheimkünste

der Astrologie und Magie (Nigromantia) zu studieren. So sagt

z. B. Helinand (bei Tissier Bibl. Cisterc. VII, 257) in einer

Predigt: Ecce quaerunt clerici Parisius artes liberales,

Aurelianis auctores, Bononiae codices, Salerni pyxides, Toleti

daemones, et nusquam mores.

Den Gegenstand der Uebersetzungstätigkeit bildeten zuerst

mathematisch-astronomische Schriften der Araber bezw. der ins

Arabische übertragenen griechischen Autoren, sehr bald kamen aber auch

medizinische und naturwissenschaftliche Werke an die Reihe. Was die

Uebersetzungstechnik anlangt, so war dieselbe eine höchst mangelhafte,

da die Uebertragungen im Anfang durchwegs, aber auch späterhin nicht

selten auf dem Umweg über das Kastilische zu stande kamen in der

Weise, ~daß sich der des Arabischen gar nicht oder nur wenig kundige

„Uebersetzer” den Text von einem dieser Sprache Mächtigen (Juden,

Mozaraber, Sarazenen) im spanischen Vulgärdialekt vorsagen ließ

und nach diesem Diktat sofort lateinisch niederschrieb~. Solcherart

gingen z. B. die meisten der dem Dominico Gundisalvi zugeschriebenen

Uebertragungen von statten, wobei der, auch als selbständiger und

sehr fruchtbarer Uebersetzer auftretende, zum Christentum bekehrte

Jude (Ibn Daud ═ korrumpiert Avendehut, Avendeat etc.) ~Johannes

Toletanus~ (Hispalensis de Luna, um 1135-1153 lebend) als Interpret

figurierte. Derselbe übersetzte philosophische, mathematische,

astronomische, astrologische (~Alchabitius~) Werke, vielleicht auch

die im Mittelalter so beliebte pseudoaristotelische Schrift secretum

secretorum (vgl. S. 330, Anm. 1); unter seinem Namen geht ferner

eine diätetische Schrift ~de conservatione corporis sanitatis~

(ed. J. Pagel, lat. mit deutscher Uebersetzung in Pharmazeutische

Post 1907). Die relative Häufigkeit der Handschriften beweist

die Beliebtheit derselben. Nach einer kurzen Vorrede, in der auf

Galen und das Viaticum Bezug genommen wird, folgen Abschnitte von

den Uebungen, Ursachen der Krankheit, Fleischspeisen, Fischen,

Hülsenfrüchten, Milchspeisen, Obst, Nüssen, Wein, Gewürzen, Schlaf,

Temperatur, Aderlaß, einzelnen Erkältungskrankheiten, wie Ohren-,

Haut-, rheumatischen Affektionen, Bädern.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 46 / 76 段