Vom Pulsus magnus wird wieder unterschieden (nach der Dimension)

der P. longus, latus, altus, vom P. parvus der P. curtus,

strictus occultus, resp. der P. magnus naturalis und der P. magnus

praeternaturalis u. s. w. Besonders zahlreich sind die Varietäten

des P. inaequalis, ordinatus et inordinatus, z. B. P. caprinus,

martellinus, ramosus, procellosus, spasmosus, formicans, vermiculosus,

serrinus. Von jeder Varietät wird die pathognomonische Bedeutung

angegeben.

~Libri de laudibus et virtutibus compositorum medicaminum~, ein aus

4663 Hexametern bestehendes Lehrgedicht in vier Büchern, mit kurzer

Vorrede in Prosa. Im wesentlichen stellt dieses minder gelungene

Opus eine versifizierte Paraphrase des Antidotarium des Nicolaus

Praepositus und der Glossae des Matthaeus Platearius (vgl. S. 302

u. 303) dar. Beschrieben sind 80 Medikamente. Das Interessanteste,

was das Lehrgedicht bietet, liegt auf kulturhistorischem Gebiet,

indem der Verfasser so manches grelle Streiflicht auf die ärztlichen

Standesverhältnisse wirft. In flammenden Versen wird z. B. der unreife

und der erfahrene Arzt gegenübergestellt (ed. Choulant, p. 122-124):

Talibus in causis medicum vitare decebit,

Qui novus et medicae rudis est tirunculus artis,

Qui crudus de doctoris fornace recedens

Verborum lites sed nullos attulit actus.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

~O nimis a ritu veterum, si dicere fas est,

A recto quoque judicio censura Salerni

Devia, cum dolorat, animo cum sustinet aequo,

Nondum maturas medicorum surgere plantas,

Impubes pueros Hippocratica tradere jura --

Atque Machaonias sancire et fundere leges,

Doctrina quibus esset opus ferulaeque flagello,

Et pendere magis vetuli doctoris ob ore,

Quam sibi non dignas cathedrae praesumere laudes[37]~.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

O vesana hominum rabies horrorque profanus,

Devius intuitus, miseros qui talibus aegros

Committunt medicis, quos nulla probatio coxit,

Nulla quibus fidei manet experientia testis;

Quos subitae necis artifices, hostesque malignos

Humani generis posset lictoris iniqua

Condemnare manus: nam cur lex regia sontes

Arguit et saevo capitis discrimine damnat,

Talibus ut parcat medicis? ...

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Si sapis, accedas medico, quem condit honestas,

Ornat religio, depingit gratia morum,

Qui physicae leges, veterum qui scripta virorum

Pectore clausa tenet, mitis, sermone modestus,

Et verbo resonans mentis, non verbere linguae:

Quem non exaltat famae praesumtio, mentis

Interpres, nec laudis inops jactantia tollit;

Cui fidei custos et rerum fida probatrix

Sollemnes titulos vetus experientia fecit,

Et laudem et celebris famae praescribit honorem.

[37] In diesen Versen schildert Aegidius den beginnenden Verfall

der Schule von Salerno.

~An anderen Stellen werden die Betrügereien der Apotheker

geschildert~ (ed. Choulant, p. 104-105, 170) ~und die Frage des

sozialen Mißverhältnisses in der Krankenbehandlung, der Medizin für

die Reichen und die Armen berührt~ (ed. Choulant, p. 79-80, 100-101).

Von literarhistorischer Bedeutung ist es, daß Aegidius gerade

in dieser Schrift sehr häufig der hervorragenden salernitanischen

Aerzte gedenkt, so des ~Castalius~ (~Joh. de St. Paulo~), ~Maurus~,

~Musandinus~, ~Platearius~, ~Richardus~, ~Romualdus~, ~Mag. Salernus~,

~Urso~.

Im Anschlusse an Aegidius Corboliensis sei gleich an dieser Stelle

ein anderer medizinischer Verseschmied erwähnt, nämlich •Otto von

Cremona• (Ende des 12. Jahrhunderts), von dem die Zugehörigkeit zur

Schule von Salerno nicht sichergestellt ist. Derselbe beschrieb in

einem, aus 379 schlechten Hexametern bestehenden, Lehrgedicht (De

electione meliorum simplicium ac specierum medicinalium rythmi, ed.

in Choulant's Ausgabe des Macer Floridus, Lips. 1832) die Kennzeichen

der Echtheit einfacher und die Wirkungsweise zusammengesetzter

Arzneimittel.

~Ziehen wir das Fazit, so war es die Schule von Salerno, welche die

Heilkunde des christlichen Abendlandes aus halbjahrtausendjährigem

Siechtum wieder zu frischpulsierendem Leben erweckte und sie endlich

auf jene Stufe erhob, wo der Wetteifer mit der Medizin der Byzantiner

und Araber einsetzen konnte.~

Inmitten barbarischer Zerklüftung, inmitten abergläubisch-empirischer

Versunkenheit haben die Salernitaner den dürftigen Rest, der

ihnen vom antiken Erbe zufiel, wie ein Palladium in bessere Zeiten

hinübergerettet, und als diese anbrachen, waren sie redlich bemüht,

das Ueberkommene zu mehren, die isolierten Bruchstücke durch den Kitt

eigenen Schaffens, selbständiger Beobachtung und Erfahrung zu einem

harmonischen Ganzen zusammenzusetzen. ~Ist aus ihrem Kreise auch kein

Hippokrates hervorgegangen, so leuchteten ihnen doch die Spuren des

unvergleichlichen antiken Meisters und bewahrten sie vor Abwegen, die

viel Spätere gingen.~

~Die Meister Salernos waren die ersten im christlichen Okzident, welche

der Medizin eine unabhängige, nur den Interessen der Wissenschaft

dienende, Pflegestätte schufen, wo alle Zweige gleichmäßige

Berücksichtigung fanden; sie strebten dahin, durch praktischen

Unterricht und didaktisches Schrifttum ihr Wissen und Können zum

Gemeingut zu machen, sie veredelten den Beruf des Heilkünstlers

und stellten in vorbildlicher Weise unverbrüchliche Normen für all

diejenigen auf, welche in Ehren den Namen eines Arztes tragen wollten.~

Die Analyse der Salernitaner Medizin führt zu folgenden

Hauptergebnissen. Die ~Anatomie~ wurde praktisch betrieben,

beschränkte sich aber auf ~Tierzergliederung~, namentlich auf die

Besichtigung der Eingeweide von Schweinen. Anerkennenswert bleibt

es, daß die ~Notwendigkeit anatomischer Studien für die ärztliche

Ausbildung~ nachdrücklichst betont wurde, und daß man es hie und da

schon versuchte, anatomische Befunde zur Erklärung pathologischer

Veränderungen zu verwerten. Die ~Physiologie~ bewegt sich im

galenischen Zirkel und läßt in geringem Grade arabischen Einschlag

(vermittelt durch Constantinus) erkennen. ~Teleologie~ und die ~Lehre

von den organischen Kräften~ machen ihre Grundlage aus. Die ~virtus

motiva et sensibilis~ thront im Gehirn, die ~virtus vitalis et

vegetativa~ im Herzen, die ~virtus nutritiva et augmentativa~ in der

Leber, die ~virtus propagativa et generativa~ in den Zeugungsorganen.

Demgemäß werden vier Arten der Organe, membra animata (Gehirn, Nerven

u. s. w.), m. spiritualia (Herz, Lungen u. s. w.), m. nutritiva (Leber

u. s. w.), m. generativa (Testiculi u. s. w.) und vier Regionen des

Körpers unterschieden. Die virtus nutritiva ist die wichtigste für

die Erhaltung des Lebens, ihr Hauptorgan, die Leber (prima radix

corporis), entsteht daher zuerst bei der Entwicklung des Individuums.

Der virtus nutritiva kommt die virtus vegetativa (vitalis) am nächsten,

ihr Hauptorgan, das Herz, entwickelt sich daher unmittelbar nach der

Leber. Die virtus motiva et sensibilis rangiert zwar höher, tritt

aber erst später in Funktion, weshalb auch ihr Zentralorgan, das

Gehirn, erst nach der Leber und dem Herzen ausgebildet wird. Die

virtus generativa besitzt eine verhältnismäßig untergeordnete, minder

essentielle Bedeutung. Jedes Hauptorgan (Gehirn, Herz, Leber, Testikel)

besitzt Hilfs- und Schutzorgane (z. B. das Gehirn die Nerven, die

Dura etc.). Die allgemeine ~Pathologie~ ist der Hauptsache nach auf

die ~Lehre von den vier Kardinalsäften~ gegründet, in manchen Details

schimmert aber auch der Methodismus durch. Die ~Diagnostik~ beruht auf

der ~Beobachtung der Funktionsstörungen~, ihre wichtigsten Quellen

bilden ~Pulsuntersuchung~ und ~Harnschau~ -- insbesondere letztere

eine direkte Konsequenz der herrschenden physiologischen Anschauungen.

Der Puls gibt den Maßstab zur Beurteilung des Zustands des Herzens

(Lebenswärme, Lebenskräfte) und der Atemwege; man untersuchte ihn

unter Beobachtung gewisser Vorsichtsmaßregeln (vgl. S. 294 und

310) meist an der linken Hand (wegen der Nähe des Herzens) und zwar

mindestens bis zum 100. Schlag. Man unterschied 10 Hauptarten und

zahlreiche Varietäten des Pulses (vgl. S. 310). Eine noch größere

Rolle spielte die ~Uroskopie~, was schon durch die nicht geringe Zahl

der Spezialschriften angedeutet wird.

Ueber Harnschau handeln Schriften des ~Afilacius~, ~Joh. Platearius

Archimathaeus~, ~Maurus~, ~Urso~, des ~Gilles de Corbeil~, außerdem

finden sich in der Coll. Salern. mehrere anonyme Abhandlungen über

den Gegenstand.

Die Uroskopie der Salernitaner beruhte auf den Schriften des

Theophilos und namentlich des Isaac Judaeus. Die Voraussetzung

derselben bildete die Annahme, daß der ~Harn~ eine ~Kolatur~ des (in

der Leber gebildeten) ~Blutes und der übrigen~ (in der Leber dem

Kochungsprozesse der 2. Digestion unterworfenen) ~Kardinalsäfte~

sei. Demgemäß glaubte man aus dem Harn nicht nur auf den Zustand

der Harnwerkzeuge und Harnwege, sondern auf den Kochungsprozeß

in der Leber, auf die Beschaffenheit des Blutes und der übrigen

Humores, somit auf den Gesamtzustand schließen zu dürfen. Die Domäne

der Harnschau bildeten alle, auf Säfteanomalien basierenden oder

wenigstens mit solchen irgendwie zusammenhängenden Krankheiten,

also der größte Teil der Pathologie. Während der Puls vorzugsweise

prognostischen Aufschluß gab -- seine Qualität ist durch das Herz, den

Sitz der spiritus vitales, bedingt --, sollte der Harn die spezielle

Diagnose ermöglichen. Beide Methoden, Pulsuntersuchung und Harnschau,

ergänzten einander. Archimathaeus sagt ausdrücklich: ~Et si pulsus

mutatio ipsum egrotare significet, genus tamen egritudinis urina

melius declarat~ (Coll. Sal. V, 333), ebenso meint Maurus: notandum

est, quod licet ~urina vitii vel vigoris omnium membrorum corporis

conjectualiter quodummodo sit declarativa~, principaliter tamen vitii

vel vigoris epatis et viarum urinalium est significativa (Coll. Sal.

III, 5). Bei der Harnschau wurde, abgesehen von den individuellen

Umständen (vgl. die Verse des Gilles de Corbeil, S. 309), auf die

Farbe (~color~), die Dichte (~substantia~), die Menge (~quantitas~),

die Niederschläge (~contentum~) geachtet. Darin spiegelt sich gemäß

den Prinzipien der Uroskopie der gesamte Kochungsprozeß, die Prävalenz

einer oder der anderen Elementarqualität, bezw. Kardinalflüssigkeit

wider. Besonders waren hierfür die Farben -- von denen in der Regel

19-20, vgl. S. 304 und 309, unterschieden wurden -- maßgebend. Die

Beschaffenheit der Contenta (Nubecula, Enaeorema, Hypostasis etc.),

von denen die Autoren eine große Zahl von Arten subtil beschreiben,

wies auf den Rückstand beim Kochungsprozeß der Säfte in den Geweben

(3. Digestion). Man ging soweit, die Stellen im Harnglas (~Urinal~),

wo ein Niederschlag auftrat, mit den Körperregionen in Korrespondenz

zu setzen (vgl. S. 304).

~Die spezielle Pathologie~ kennzeichnet sich durch schlichte,

naturgetreue Schilderung der Krankheiten und entbehrt auch nicht der

selbständigen Beobachtungen, namentlich verdient die Beschreibung

der Wechselfieber, der Geistesstörungen (im Anschluß an die

Methodiker), der Lungenentzündung und Phthise, sowie mancher Haut-

und Geschlechtsaffektionen (Lepra, Morphaea, Impetigo, Scabies,

Tinea, „malum mortuum qui Lupus vocatur” etc., Geschwüre an den

Genitalorganen) hervorgehoben zu werden.

Hinsichtlich der ~Chirurgie~ und ~Geburtshilfe~, der ~Augen-~,

~Ohren-~ und ~Zahnheilkunde~ vgl. S. 286, 298, 307. Unter dem

Namen eines ~Zacharias~ läuft eine kurze Schrift über Diagnostik

und Behandlung der ~Augenkrankheiten~ (ed. P. Pansier, Collectio

ophthalmologica veter. auctor. Fasc. V, Paris 1907), tractatus

de passionibus oculorum qui vocatur ~sisilacera~ id est secreta

secretorum in 3 Büchern, deren letztes zahlreiche Rezepte enthält.

Der Verfasser, welcher vermutlich in Salerno den ersten Unterricht

genossen hatte, weilte angeblich am Hofe des Kaisers Emanuel Comnenus

(1143-1180) in Byzanz und war dort mehrere Jahre hindurch Schüler

des erfahrenen Arztes Theophilus, später trat er selbst als Lehrer

auf. Kulturhistorisch interessant sind die Ratschläge, welche er

zur Täuschung der Kranken angibt. Si vis sophisticare infirmum et

adstantes, dicas quod illud tale (das herausgeschnittene Hagelkorn)

est vermis qui destruebat oculum patientis. ... Hoc valet ad

deceptionem faciendam, ut videaris quasi ab oculis pannum auferre:

accipe semen centrumgalli et dimitte parum, postea auferas eum quasi

pannum.

Ebenfalls nur in ganz losem Zusammenhang mit der Schule von

Salerno steht •Benevenutus Grapheus•, ~der berühmteste Augenarzt

im Mittelalter~. Er stammte aus Jerusalem[38], machte sich mit der

arabischen Heilkunde vertraut und studierte in Salerno unter Nicolaus

Praepositus. Auf seinen Wanderungen durch Italien und Südfrankreich

(als reisender Starstecher) übte er auch Lehrtätigkeit aus, wobei

er allenthalben, in Salerno ebenso wie in Montpellier, dieselben

demonstrativen Vorträge (gewiß gegen hohes Honorar) hielt[39]. Aus

diesen wuchs seine ~Practica oculorum~ (ars probatissima oculorum)

hervor, ein Werk, das in zahlreichen Handschriften verbreitet,

frühzeitig übersetzt wurde (ins Französische, Provenzalische,

Englische) und jahrhundertelang großes Ansehen genoß (ed. ~Berger~ u.

~Auracher~ des B. G. Practica oculorum, Heft 1, München 1884, Heft

2, München 1886). ~G. Albertotti~, Benvenuti Grassi Hierosolomitani

de oculis eorumque egritudinibus et curis, Incunabulo Ferrarese etc.,

Pavia 1897; Derselbe, I codici Riccardiano Parigino ed Ashburnhamiano

dell' opera oftalm. di Benvenuto, Modena 1897; Derselbe, I codici

Napoletani, Vaticani e Boncampagni dell'opera oft. di Benvenuto,

Modena 1901; Derselbe, I codici di Napoli e del Vaticano e il

codice Boncampagni ora Albertotti riguardanti la opera di Benvenuto

etc., Modena 1903; Derselbe, Il libro delle affezioni oculari di

Jacopo Palmerio da Cingoli (ganz eng an B. angelehnter Text). -- Le

compendil pour la doleur et maladie des yeuls qui a esté ordonné

par Bienvenu Graffe. Ed. franç. d'après le manuscrit de la Bibl.

Nationale de Paris (XV siècle) par le Dr. P. ~Pansier~ et ~Ch.

Laborde~. Suivi de la version provençale d'après le manuscrit de

Bâle (XIII siècle), editée par H. Teuilîé, Paris 1901. ~Laborde~, Un

oculiste du XII siècle, Bienvenu de Jerusalem, le manuscrit de la

bibl. de Metz, Thèse de Paris 1901. Die verschiedenen Texte zeigen

nicht unbedeutende Abweichungen. Die Practica oculorum, welche

den arabischen Einfluß überall verrät, aber nicht wenige eigene

Erfahrungen oder selbständige Bemerkungen des von Selbstlob triefenden

Verfassers enthält, zerfällt in 3 Bücher. Das erste Buch betrifft,

abgesehen von einer Augenanatomie, die verschiedenen Arten des Stars

(Linsentrübung, Amblyopie und Amaurose); das zweite die aus den vier

Feuchtigkeiten entstehenden Krankheiten des Auges (Blut: Ophthalmie;

Schleim: Tränenträufeln, Haarkrankheit, Pannus, Trachom; gelbe

Galle: Verdunkelung der Augen, Nebel in der Hornhaut; schwarze Galle:

Mückensehen, Protrusio bulbi, Flügelfell). Das dritte Buch behandelt

das Hagelkorn, Ectropium, Verletzungen des Auges, Verstopfung

der Sehnerven (Erblindung mit Aufhebung der Pupillenreaktion),

Tränenfistel, Fremdkörper. Die Staroperation (Depression mit

einer goldenen oder silbernen Nadel), die Trichiasisoperation,

die Trachombehandlung (Abschaben) u. a. finden ziemlich eingehende

Darstellung; die Zahl der mitgeteilten Rezepte, von denen sich manche

(Augenpulver, Augensalben) langanhaltender Beliebtheit erfreuten,

ist sehr bedeutend; anerkennenswert ist es, daß Benevenutus das

abergläubische Element fernhielt.

[38] Wahrscheinlich war B. ein Jude, der später das Christentum

annahm. Grapheus (oder Raffe) ist wohl eine Umbildung des hebr.

Wortes rophe (Arzt).

[39] Beginnend mit dem Satze: Auditores omnes audiant circumstantes,

qui cupiunt audire novam scientiam. ...

~Die Therapie~ verlor zwar ihren Ausgangspunkt -- Regelung der

Lebensweise und Ernährung des Kranken -- nie gänzlich aus den

Augen, aber infolge äußerer Einflüsse erweiterte sich die anfangs

hygienisch-diätetische Behandlungsweise, welche höchstens „Digestiva”,

leichte Abführmittel und Aderlässe heranzog, allmählich zu einer

medikamentösen von ziemlicher Reichhaltigkeit; immerhin macht sich das

lobenswerte Bestreben geltend, für die materiell weniger begünstigten

Kranken durch heimische Ersatzmittel zu sorgen.

Was den Aderlaß anlangt, so gab es für denselben nicht wenige

Indikationen, doch wurde auf Alter, Kräftezustand, Krankheitssitz,

Krankheitsstadium, Jahreszeit u. a. sorgfältig Rücksicht genommen,

für die Wahl der Vene waren bestimmte Regeln maßgebend, besonders

bei den älteren Autoren herrscht die Bevorzugung der ~venaesectio

e contrario~ (gemäß den Vorschriften der Methodiker) vor. Kleine

Aderlässe (an der Salvatella) dienten prophylaktischen Zwecken.

Den Ansprüchen verwöhnter, reicher Patienten wurde durch die

Pharmakopöe Rechnung getragen. Das krasseste Beispiel eines

kostspieligen Medikaments bildet das „Diamargariton”, eine besonders

aus Perlen bereitete Arznei (gegen Hysterie). Schon in Kophons ars

medendi werden aber im Interesse der medicina pauperum einfache Mittel

den teuren exotischen Drogen gegenübergestellt, und besonders tritt

dieses rationelle Streben bei Salernus und Bernardus Provincialis

hervor[40]. Anspielend auf die „Aurea alexandrina” heißt es (Coll.

Sal. II, 422): „Cesset igitur amodo scolarium lacrimalis querimonia;

cesset pauperum miserabilis inopia; cessent suspiria, gemitus et

lacrimae. Prius non habebant scolares aurum unde auream compararent,

modo habant auream et sine auro et meliorem aurea; prius non habebant

medici sine speciebus alexandrinis, modo medentur tamen speciebus

aegrorum communibus, minus caris, magis efficacibus.” Sehr scharf

spricht sich an einigen Stellen auch Gilles de Corbeil gegen den

eingerissenen Unfug aus.

[40] Den Reichen gab man schon aus suggestiven Gründen recht

kostspielige, zusammengesetzte Arzneien, den Armen dagegen

konnte der Arzt, umsomehr da er selbst die Spesen trug, nur

einfache billige Kräutermittel verabreichen. Darauf beziehen

sich die Verse des Regimen Salernitanum (Coll. Salern. I, 514):

Emta solet care multum medicina juvare,

Si quae detur gratis, nil affert utilitatis.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Pro vanis verbis montanis utimur herbis

Pro caris rebus, pigmentis et speciebus.

Die Schule von Salerno räumte das lähmende Gefühl geistiger

Inferiorität, das jahrhundertelang die Geschlechter bedrückt hatte,

hinweg, sie erweckte Hoffnungen auf eine Zukunft wissenschaftlicher

Tätigkeit, und durch nichts verrät sich der psychologische Effekt

ihrer Leistungen so sehr als in der Tatsache, daß unter dem Eindruck

derselben einsichtsvolle Normannenfürsten der Freizügigkeit des

ärztlichen Pfuschertums endlich einen Hemmschuh setzten. Schon 1140

erließ Roger, König von Sizilien, unter Androhung schwerer Strafen

die gesetzliche Bestimmung, ~daß fürderhin niemand die Praxis ausüben

dürfe, der nicht von der staatlichen Behörde auf Grund nachgewiesener

Kenntnisse die nötige Erlaubnis erwirkt habe~.

Quisquis amodo mederi voluerit, officialibus nostris et judicibus

se presentet, eorum discutiendus judicio: quod si sua temeritate

praesumserit, carceri constringatur, bonis suis omnibus publicatis.

Hoc enim prospectum est, ne in regno nostro subjecti periclitentur

ex imperitia medicorum. (Hist. Diplomat. Friderici II ed.

Huillard-Bréholles, Paris 1854, tom. IV, Pars I, Constitutiones Regni

Siciliae, titulus LXIV.) Wahrscheinlich gaben die analogen arabischen

Einrichtungen (vgl. S. 199) das Vorbild.

Salerno beherrscht mit seinem glänzenden Bilde in solcher Breite

die Epoche, daß beinahe übersehen wird, wie sich das neuerwachte

medizinische Leben auch anderswo schon zu regen begann und wie es

die Keimzellen späterhin bedeutungsvoller ärztlicher Schulen dem

Mutterboden entsprießen ließ. So taucht, wenn auch noch in schwachen

Umrissen, um die Mitte des 12. Jahrhunderts ein ärztliches Kollegium

in •Bologna• auf[41], ebenso dürfte die Medizin ungefähr seit 1180 in

~Paris~ öffentlich gelehrt worden sein[42], reichlicher fließen aber

nur die Zeugnisse für den Bestand einer Schule in •Montpellier•.

[41] Unter den bekannt gewordenen Aerzten des 12. Jahrhunderts wird

einer, nämlich Jacopo da Bertinoro, als Magister qualifiziert.

Auch scheint die Anatomie in Bologna bereits um die Mitte

dieses Säkulums Wurzel gefaßt zu haben, wenigstens soll Armando

Guascone dieselbe (um 1151) ausgeübt haben.

[42] Angeblich sollen schon Hugo, genannt Physicus († 1138), und

Obizo († 1199), Leibarzt Ludwigs des Dicken und Abt von St.

Victoire, die Medizin öffentlich gelehrt haben. Als eigentlicher

Begründer des medizinischen Unterrichts muß aber Gilles de

Corbeil im Zeitalter Philipp Augusts betrachtet werden, er war

es jedenfalls, der der medizinischen Wissenschaft in Paris einen

ansehnlichen Platz neben der Theologie und den artes eroberte.

Aehnlich wie das Collegium Hippocraticum zu Salerno, bildet auch die

Schule von Montpellier das Endergebnis eines weit zurückreichenden

Entwicklungsprozesses, dessen Frühstadien exakter historischer

Kenntnis entzogen bleiben. ~Tradition und nicht wenige Umstände

sprechen dafür, daß bei ihrer Entstehung arabisch-jüdischen Einflüssen

ein Hauptanteil zuzuerkennen ist.~ Insbesondere wäre zu erwägen, daß

Montpellier zu Aragonien in viel engerer kultureller und politischer

Beziehung als zum nördlichen Frankreich stand, und daß die Bevölkerung

einen starken Einschlag spanischer Araber und Juden enthielt. Um

1160 begegnete Benjamin von Tudela (Itinerarium, engl. Uebersetzung

ed. Asher, London und Berlin 1840) in Montpellier vielen Juden und

Sarazenen. Unter solchen Verhältnissen lag höchstwahrscheinlich

die medizinische Praxis zum großen Teile in der Hand derselben, und

manche von ihnen mögen als Lehrer aufgetreten sein. Die blühenden

medizinischen Schulen der spanischen Araber dürften ein Vorbild

abgegeben haben, ob die in benachbarten Städten (Narbonne, Arles,

Lunel, Bezières) befindlichen jüdischen Unterrichtsanstalten, an

welchen auch die Heilkunde gepflegt wurde, von Einfluß waren[43],

das bleibe noch eine offene Frage.

[43] Es wurde zu beweisen versucht, daß ein Schüler des Rabbi Abon

von Narbonne in Montpellier zuerst medizinischen Unterricht

erteilt habe (um 1025). Als berühmter jüdischer Lehrer wird im

12. Jahrhundert der verdiente Interpret arabischer Schriften in

hebräischer Sprache, ~Jehuda ben Tibbon~, genannt. -- Einblick

in den medizinischen Studiengang an den jüdischen Hochschulen

des 12. Jahrhunderts erhalten wir durch die Schrift des R. Josef

ben Jehuda Aknin (aus Barcelona) „Heilung der Seelen”, Kap.

27. Es werden dort zum Studium eine Reihe von ~galenischen~

Schriften empfohlen (z. B. de sectis, de elementis secundum

Hippocratem, de facult. naturalib., de temperamentis, de

usu part., de differ. febr. de crisibus, de dieb. critic. de

alimentor. facult., de simplic. medicament. temperament., de

compos. medicament., de method. med., ad Glaucon. de meth. med.

de sanit. tuenda), ferner von Hippokrates die Aphorismen, die

Prognostik, die Schriften über Luft, Wasser und Oertlichkeit,

über die akuten Krankheiten, endlich Schriften des Isaac

Judaeus (vgl. Güdemann, Das jüdische Unterrichtswesen während

der spanisch-arabischen Periode, Wien 1873). Es sei hier

auch erwähnt, daß der berühmte Talmudkommentator des 11.

Jahrhunderts, ~Raschi~ (aus Troyes in der Champagne), in seinem

Schrifttum ansehnliche medizinische Kenntnisse verrät.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 44 / 76 段