Vorbilde der antiken Doktrinen werden die ~Fieber~ (je nachdem am
Pneuma, in den festen Teilen oder in den Säften die Krankheitsursache
liegt) eingeteilt in Eintagsfieber (~effimera~), hektische (~ethica~)
und Faulfieber (~putrida~); die Faulfieber zerfallen wieder in
intermittierende (~interpolata~: cotidiana, tertiana, quartana) und
kontinuierliche (mit verschiedenen Unterarten: z. B. Synochus und
Hemitriteus). Die Behandlung war vorzugsweise diätetisch oder kühlend
(Umschläge, Einpackungen, Bäder), im Sinne einer Kausaltherapie wandte
man Purganzen, bei Wechselfiebern Brechmittel an. ~Nervenleiden
und Psychosen.~ Phrenitis (frenesis) gilt als Apostema (Abszeß)
der vorderen Gehirnkammer, Lethargus (litargia) als Apostem der
hinteren Gehirnhöhle. Gleiche Lokalisationsversuche finden sich in
den Definitionen anderer Affektionen, z. B. Apoplexia est opilatio
omnium ventriculorum cerebri cum privatione vel diminutione sensus
et motus.... Epile(m)psia est opilatio principalium ventriculorum
cerebri.... Mania est infectio anterioris cellulae capitis cum
privatione imaginationis. Melancholia est infectio mediae cellulae
capitis cum privatione rationis (vgl. hierzu die Gehirnlokalisationen
des Poseidonios und Nemesios). Melancholie und Manie unterscheiden
sich dadurch, daß bei der ersteren der Sitz der Vernunft, bei der
letzteren der Sitz der Einbildungskraft betroffen ist. Unter den
Ursachen werden auch Gemütsaffekte, Ueberanstrengung, Geldverlust
etc. angeführt. Das Krankheitsbild variiert je nach der zugrunde
liegenden Säfteanomalie; liegt die Krankheitsursache in der gelben
Galle, so sind Symptome der Exaltation im Vordergrunde (furor, maniaca
confidentia, clamant, saltant, currunt, se et alios percutiunt,
vigilant), während die schwarze Galle Depressionserscheinungen und
Zwangsvorstellungen hervorruft (timent, plangunt, in angulis domorum
et in latebris latitant, sepulcra mortuorum inhabitant vel falsas
et varias habent suspiciones, quidam putant se non habere caput,
quidam putant, angulum sustinere mundi ... alii tenent pugnum clausum
ita quod non potest aperiri, credunt nimirum se tenere thesaurum
in manu, vel totum mundum ...). Die Therapie der Psychosen war
~somatisch~ (Diät, Purgieren, Blutentziehungen, innere und äußere
Mittel) und ~psychisch~ (verborum, dulcedine et etiam artificio falsae
suspiciones removendae sunt ... adsint soni musicorum instrumentorum
u. a.). In der Behandlung der Epilepsie spielt die Diät eine
wichtige Rolle (unter anderem Enthaltung a medullis, cerebellis)
neben vielerlei absonderlichen Mitteln (darunter auch sanguis per
scarificationem extractus cum ovo corvi). Paralysis ist definiert
als lesio partis cum privatione vel deminutione sensus vel motus
vel utriusque; der begleitende Tremor wird erklärt durch die Annahme
einer unterbrochenen Nervenleitung. Krampf entsteht ex inanitione et
repletione; aus sedativ wirkenden Substanzen zusammengesetzte Pflaster
sind am Hals und an der Wirbelsäule zu applizieren (est nimirum
ibi origo omnium nervorum et principium!). Ungemein reichhaltig
ist der Abschnitt über die verschiedenen Formen des Kopfschmerzes
und ihrer Begleiterscheinungen (cephalea, emigranea), daran reiht
sich dolor frontis, inflatio cerebri, scotomia (vertigo). Gegen
Hysterie, suffocatio matricis, kommen vorzugsweise scharf riechende
Medikamente (Moschus und Ambra) zur Anwendung, überdies Vorschriften,
die sich aufs Geschlechtsleben beziehen. Unter den ~Affektionen des
Respirationstraktes~ finden Nasenleiden (Epistaxis, Fetor narium,
Nasenpolypen), Ulceration der Trachea, Synanche (squissantia,
Sammelbegriff für Krupp, Angina, Retropharyngealabszeß etc.),
Heiserkeit, Husten, Asthma, Pneumonie, Pleuritis, Empyem, Phthise mehr
oder minder eingehende Darstellung. Die Pneumonie (peripleumonia) wird
als Apostema circa pulmonem, die Pleuritis (pleuresis) als Apostema in
pleura definiert, die Differentialdiagnose stützt sich hauptsächlich
auf das Verhalten des Schmerzes und des Urins; man unterschied von
beiden Affektionen verschiedene Unterarten, welche aus der Aetiologie
(Krankheitsursache in einem der vier Kardinalsäfte) hergeleitet
wurden. Therapie: vorzugsweise diätetische Maßnahmen (Pneumoniker
mußten sich in gleichmäßig erwärmter Luft aufhalten), Diaphoretika,
bei kräftigen Personen Aderlaß (auf der dem Krankheitssitz
~gegenüberliegenden~ Seite; per antipasen ═ antispasin); am kritischen
Tage (7., 9.) suchte man eventuell Nasenbluten zu erregen durch
Kitzeln der Nasenschleimhaut mittels Schweineborsten. Von guter
eigener Beobachtung zeugen mehrere der angeführten prognostischen
Sätze, z. B.: Sputum sanguineum a principio, quod circa VII et
IX diem in saniem convertitur et facile projicitur, bonum signum;
sputum vero nigrum vel lividum vel viride perseverante dolore malum;
urina nigra et residens non malum, urina tenuis et alba sine aliqua
critica detentione raptum materie significat et mortem. Unter den
Ursachen der Phthise wird auch das Austreten von Blut (aus einem
geborstenen Gefäße) und dessen nachherige Umwandlung in Eiter
angeführt: sanguis vertitur in saniem, et sanies inficit et ulcerat
pulmonem. Bei beginnender Schwindsucht wird auf kräftige Ernährung
das Hauptgewicht gelegt. Das Zustandekommen des hektischen Fiebers
ist ganz mechanisch erklärt und zwar damit, daß die Lunge wegen
der bestehenden Ulceration ihre Bewegungen einschränkt, weniger
Luft aufnimmt und demgemäß das Herz nicht genug abkühlt. Es gibt
zwei Arten der Schwindsucht, eine mit Ulceration, eine andere ohne
Ulceration der Lunge. Diagnostisch wird besonderer Wert gelegt auf den
fötiden Geruch des Atems, das beständige aber nicht hoch ansteigende
Fieber, die Abmagerung, die gekrümmten Nägel, die Beschaffenheit
des Sputums (foetidum si super carbones infunditur et si sputum in
vase aliquo in nocte recipiatur et mane aqua calida super effundatur
apparet in superficie aquae quasi quaedam crassities, in fundo
putredine remanente) Haarausfall und Durchfälle verkünden den Exitus.
Haemoptöe (roborierende Behandlung) läßt sich von Haematemesis
durch die Betrachtung des Blutes unterscheiden, im letzteren
Falle ist es „fetidus et corruptus”. Syncope wird an verschiedenen
Stellen teils auf den Magen, teils auf Schwäche des Herzens (der
Herzbewegung) zurückgeführt, ätiologisch kommen psychische Affekte,
Inanition, Plethora etc., in Betracht; plötzlicher Tod ist -- wenn
andere Ursachen nicht nachweisbar -- auf Syncope zurückzuführen,
bedingt durch Verstopfung der Vena cava. Ueber den Ausgangspunkt
der „Passio cardiaca” herrschen Zweifel, insoferne derselbe
bald im Herzen, bald im Magen oder der Leber angenommen wurde.
~Affektionen des Intestinaltraktes~. Sehr ausführlich beschrieben
sind: Magenschmerz, Brechneigung, Dyspepsie, Appetitlosigkeit,
Heißhunger, Aufstoßen, Schlucken, Diarrhöe, Meteorismus etc.,
wobei möglichst eine kausale Therapie angestrebt wird; ebenso
richtet sich die Behandlung des Bauchschmerzes nach der angeblichen
Ursache (tortio ventris, colica passio, ventris inflatio, apostema
in stomacho vel in intestinis etc.). Als Wurmmittel sind erwähnt:
Aloë, succus absinthii, persicaria, pulvis lupinorum amarorum,
pulvis centonica ═ Santonin. Bei Dysenterie (Discinteria dicitur a
discindendo, quia in ea scinduntur intestina!) wurden erst nach der
Darreichung von Abführmitteln Adstringentia gegeben. Nach griechischen
Quellen gearbeitet, aber mit vielen Zusätzen versehen, sind die
Abschnitte über Lienterie, Fluxus ventris, Tenesmus, Hämorrhoiden
(Applikation von Bleisalbe, Abbinden, Kauterisieren), Prolaps des
Mastdarms, Leber- und Milzleiden (Eisenfeile als Hauptmittel). Die
Differentialdiagnose zwischen Ascites und Tympanites beruht unter
anderem auf den •Perkussionsergebnissen•; bei dem ersteren gibt der
Unterleib den Ton eines halbgefüllten Schlauches (percussus resonat
in modum utris), bei Tympanites den einer Pauke (percussus resonat
in modum timpani). ~Harnkrankheiten und Geschlechtsleiden.~ Zu den
Nierenaffektionen wurde auch der Diabetes gerechnet: fieri ex nimia
renum calefactione et retentione virtutis digestivae et debilitatione
... a quibusdam diarria urinae appellatur. Behandlungsweise diätetisch
(Genuß grünen Blattgemüses, fetten Fleisches, herben Weines, Verbot
diuretisch wirkender Substanzen), nebstdem äußere Applikationen in
der Nierengegend, z. B. Pflaster, feindurchlöcherte Bleiplatten u.
a. Durch viele gute Beobachtungen zeichnen sich die Kapitel über
Hämaturie, Nierensteine, Dysurie, Strangurie, Blasenlähmung (häufiges
Vorkommen bei Höflingen) etc. aus. Bemerkenswert ist darin das Streben
nach einer Lokaltherapie („Localibus etiam adjutoriis subveniendum
est”). Die Kapitel über die Affektionen des Genitaltraktes
(Spermatorrhöe, Priapismus, Impotenz, verschiedenartige Schwellungen
und Tumoren der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane[26],
Dysmenorrhöe etc.) nehmen einen breiten Raum ein, namentlich aber
die Abschnitte, worin über Aphrodisiaca, Abortiva, über Mittel zur
Beförderung oder Verhinderung der Konzeption etc. gehandelt wird. Was
die ~Chirurgie~ (Wunden, Frakturen, Luxationen, Abszesse, Geschwülste,
Verbrennungen etc.) anlangt, so enthält die Schrift de aegritudinum
curatione fast nur Vorschriften über Salben, Dekokte, Umschläge u.
s. w. Bezüglich der ~Geburtshilfe~ finden sich meist nur Rezepte
und abergläubische Mittel. Die ~Augenheilkunde~ beschränkt sich
fast ganz auf die äußeren Affektionen, zur Behebung der Cataracta
ist die Sklerotikonyxis empfohlen. Von ~Ohrleiden~ sind angeführt:
Schmerz mit oder ohne bestehende Eiterung, Geschwür, Würmer,
Fremdkörper, Taubheit, Ohrenklingen. In der Ohrpathologie spielt
die humorale Theorie (auch Krankheitszustände des Magens und der
Leber) eine wichtige Rolle, in der Therapie (Salben, Kataplasmen,
Einlagen, Instillationen, Räucherungen, Niesemittel, Gurgelmittel
etc.) wurden vorwiegend unschädliche (zum Teil volkstümliche) Mittel
verwendet. Wichtig ist der Rat, vor jeder Behandlung eine ~lokale
Inspektion~ des Ohres vorzunehmen: „~primum considera foramen
auris~”. In der ~Zahnheilkunde~ nehmen die Mittel zur Beförderung
des spontanen Ausfalls kariöser Zähne einen breiten Raum ein. Die
Lehre von den ~Hautkrankheiten~ (Lepra ═ Elephantiasis, Malum mortuum
═ Lupus, Morphaea, Scabies, Impetigo, Serpigo, Tinea) ist von der
Humoralpathologie beherrscht, unter den Mitteln spielen Schwefel und
auch ~Quecksilber~ (in Salben) eine wichtige Rolle; die ~Kosmetik~
ist durch zahlreiche Mittel (z. B. Enthaarungsmittel) vertreten.
[26] Bemerkenswert ist folgende Stelle (Coll. Salern. II, 330): solet
in virga cavarus supervenire, qui nihil aliud est quam cancer
cum inflatione (Schanker?).
Besaßen auch manche der bisher besprochenen salernitanischen Schriften
eine über ihr Zeitalter und den Entstehungsort hinausragende Bedeutung,
so trug doch zum dauernden Ruhm der Schule keine derselben auch nur
annähernd so viel bei wie jenes merkwürdige, wohl dem 12. Jahrhundert
entsprossene, Literaturprodukt, welches unter dem Namen •Regimen
sanitatis Salernitanum• bekannt ist -- ein in leoninischen Versen[27]
abgefaßtes medizinisches Lehrgedicht, das in seiner ursprünglichen,
noch verhältnismäßig wenig umfangreichen Gestalt eine mehr für Laien
als für wissenschaftliche Studien bestimmte Zusammenstellung von
diätetisch-prophylaktischen Regeln darstellte, aber in den folgenden
Jahrhunderten durch Zutaten verschiedenster und vielfältigster Art
immer mehr zu einer metrischen Enzyklopädie der Medizin anwuchs. Es
verdankte seine geradezu unvergleichliche Popularität weniger dem
Inhalt als der leicht einprägbaren Form, der aphorismatischen Prägnanz
und volkstümlichen, naiven Ausdrucksweise seiner Kernsprüche, die
jahrhundertelang in der ärztlichen Welt von Mund zu Mund getragen
wurden[28], zu Nachahmungen und Erweiterungen geradezu verlockten
und noch heute in sprichwörtlichen Redensarten der meisten Völker
fortklingen.
[27] Hexameter und Pentameter, in denen Mitte und Schluß sich reimen,
z. B.: „Post coenam ~stabis~ seu mille passus ~meabis~.” „Contra
vim ~mortis~, nulla est herba in ~hortis~.”
[28] Noch in einer 1657 zu Rotterdam publizierten Ausgabe sagt Zach.
Sylvius: Nullus medicorum est, qui carmina Scholae Salernitanae
ore non circumferat et omni occasione non crepet.
Das weltberühmte Lehrgedicht der Schule von Salerno (später
auch Flos s. Lilium medicinae, Herbarius, Schola Salernitana, De
conservanda bona valetudine u. s. w. genannt) entstand wahrscheinlich
am Ausgang des 11. oder im Beginne des 12. Jahrhunderts[29] und
ist sozusagen als die Gesamtleistung medizinischer Rhapsoden
anzusehen. Die älteste, dem Original wohl nahestehende, Redaktion
ist in den Werken des (im 13. Jahrhundert lebenden) ~Arnaldus von
Villanova~ enthalten, der gleichsam die Rolle des Peisistratos
spielte; hier besteht das Gedicht aus 362, in der Normannenzeit
so beliebten, leoninischen Versen, und sein hauptsächlich
~diätetisch-prophylaktischer~ Inhalt trägt durchaus den Charakter der
ersten Salernitanerperiode an sich. Zu diesem Grundstock kamen aber
im Laufe der Jahrhunderte so viele Zusätze und Einschiebungen, daß
sich das, ursprünglich mehr für Laien berechnete, ~Regimen sanitatis
Salernitanum~ allmählich geradezu in ein ~versifiziertes Handbuch der
gesamten Medizin~ verwandelte, in welchem die verschiedenen Epochen
des Mittelalters ihre Niederschläge zurückgelassen haben. Die Zahl der
Verse schwoll lawinenartig an auf das -- zehnfache der ursprünglichen
Zahl. ~Wahrscheinlich ist alles Nichtdiätetische späteren Ursprungs.~
Die von verschiedenen Verfassern herrührenden Einschiebsel machen es
erklärlich, daß in Einzelheiten mannigfache Widersprüche vorkommen.
In seiner vollständigen Redaktion zerfällt das Gedicht in 10
Hauptabschnitte: Hygiene (8 Kapitel), Materia medica (4 Kapitel),
Anatomica (4 Kapitel), Physiologica (9 Kapitel), Aetiologia (3
Kapitel), Semiotica (24 Kapitel), Pathologia (8 Kapitel), Therapeutica
(22 Kapitel), Nosologia (20 Kapitel), Hodegetik (5 Kapitel). --
Entsprechend der unvergleichlichen, noch nicht erloschenen Beliebtheit
und Verbreitung des Lehrgedichts ist die Menge der Ausgaben[30] (mit
oder ohne Kommentar) und Uebersetzungen (ins Deutsche, Französische,
Englische, Italienische, Holländische, Czechische, Polnische,
Ungarische; Provenzalische, Irische; Hebräische, Persische u. s. w.)
erstaunlich groß, in der Coll. Salern. V werden (bis 1857 reichend)
nicht weniger als 240 Editionen aufgezählt. Hier seien nur folgende
Ausgaben und Uebersetzungen angeführt: Joh. Chr. Gottl. ~Ackermann~,
Regimen sanitatis, Stendal 1790 (Reproduktion der Redaktion des Arnald
von Villanova), in ~Renzis~ Collectio Salernitana, zwei Ausgaben
mit den späteren Einschiebseln, Tom. I (p. 445-516 Flos medicinae
2130 Verse) und Tom. V (p. 1-104, 3520 Verse) -- in dieser Ausgabe
betreffen V. 1-855 Hygiene, V. 856-1611 Materia medica, V. 1612-1649
Anatomie, V. 1650-1830 Physiologie, V. 1831-2032 Aetiologie, V.
2033-2467 Semiotik, V. 2468-2494 allgemeine Pathologie, V. 2495-2883
allgemeine Therapie, V. 2884-3430 spezielle Pathologie, Chirurgie,
Gynäkologie, V. 3431-3484 die Hodegetik, worauf ein Epilogus das
Werk beschließt; Ign. Düntzer, Regimen Sanitatis Salernitanum,
Gesundheitsregeln der Sal. Schule lateinisch und im Versmaße der
Urschrift verdeutscht, Köln 1841; Meaux Saint Marc, L'ecole de
Salerne, Traduction en vers français avec le texte latin, 2. Auflage,
Paris 1880; A. Croke, Reg. Sanitat. Salernit. with an ancient
translation, Oxford 1830; Ordronaux, Code of health of the School of
Salernum, Philadelphia 1871; T. Vulpes, La scuola Salern. tradotta
in versi italiani col testo latino, Napoli 1844.
[29] In einigen Handschriften wird „Johann von Mailand” als Verfasser
genannt.
[30] Die älteste ~datierte~ Ausgabe des lat. Textes erschien zu Pisa
1484.
Der Anfang des Regimen Salernitanum lautet in den meisten
Handschriften:
„~Anglorum regi scripsit Schola tota Salerni.~”
Diese Anrede wurde zumeist auf Robert, den Sohn Wilhelm des
Eroberers, bezogen, welcher sich zwecks Behandlung einer, im Orient
erhaltenen, Armwunde 1101 in Salerno aufhielt und nach dem Tode
seines Bruders Wilhelm II. Thronprätendent war. Da aber in manchen
Handschriften diese Anrede ganz fehlt oder darin statt Anglorum
„~Francorum~” zu lesen ist, so handelt es sich wahrscheinlich nur um
einen späteren Zusatz. Die ersten acht Verse enthalten den Inbegriff
der Diätetik:
Si vis incolumem, si vis te reddere sanum,
Curas pelle graves, irasci crede profanum.
Parce mero, coenato parum; non sit tibi vanum,
Surgere post epulas; somnum fuge meridianum.
Non mictum retine, nec fortiter comprime anum.
Haec bene si serves, tu longo tempore vives.
Si tibi deficiant medici, medici tibi fiant
Haec tria; mens hilaris, requies, moderata diaeta.
Die Nahrungsmittelhygiene nimmt einen verhältnismäßig breiten Raum
ein; in der Materia medica werden vorzugsweise einfache Arzneimittel
abgehandelt. Die Anatomie enthalten in nuce die Verse:
Nervus et arteria, cutis, os, caro, glandula, vena,
Pinguedo, cartilago et membrana, tenontes:
Hac sunt consimiles in nostro corpore partes.
Ossibus ex denis bis centenisque novenis (219)
Constat homo, denis bis dentibus et duodenis, (32)
Ex tricentenis decies sex quinque venis, (365)
Hepar, fel, stomachus, caput, splen, pes, manus et cor,
Matrix et vesica sunt officialia membra.
Im physiologischen Abschnitt ist namentlich die Schilderung der
vier Temperamente bemerkenswert. Am reichsten sind die späteren
Interpolationen in den von Krankheiten und deren Heilung handelnden
Kapiteln; doch besitzen gerade diese -- wenn man von der Frage der
Echtheit absieht -- große historische Bedeutung, weil man durch sie
recht bequem über die pathologischen Grundanschauungen, über die
Diagnostik und Prognostik, über die therapeutischen Indikationen und
Heilmethoden der mittelalterlichen Medizin orientiert wird. So finden
sich darin z. B. allgemeine Regeln über die Semiotik des Pulses und
Urins, sehr ausführliche Vorschriften über den Aderlaß etc. Den Schluß
des erweiterten Lehrgedichts bilden kulturhistorisch interessante
Verse hodegetischen und deontologischen Inhalts.
Die hohe Bedeutung des Regimen sanitatis Salernitanum und der
wissenschaftlich weit mehr in Betracht kommenden Schrift de
aegritudinum curatione liegt darin, daß sie die für die alte Schule
typische Wertschätzung der Hygiene und der Diätetik bezw. die Tendenz
zu einer, von allem polypragmatischen Ueberschwang freien, recht
einfachen medikamentösen Behandlungsweise noch in voller Reinheit
repräsentieren. Leider blieb es auf die Dauer nicht dabei, und schon in
der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, wohl zum Teil als Nachwirkung
der Schriften des Constantinus (namentlich de gradibus medicinarum),
mehren sich die Anzeichen einer bevorstehenden Entwicklung in
gegensätzlicher Richtung, der fürderhin dominierenden Rezepttherapie
(auf der pseudowissenschaftlichen Basis der Qualitätenlehre). Es war
in den ersten Dezennien des 12. Jahrhunderts ~Nicolaus Praepositus~,
der den Reigen eröffnete, indem er, wie er selbst sagt, auf Wunsch
seiner Kollegen, auf Grund älterer Vorlagen und nach arabischem Muster
ein ~Antidotarium~ verfaßte[31]. Dieses Rezeptbuch, welches meist sehr
komplizierte Arzneiformeln mit Angabe der Wirkungs- und Anwendungsart
enthält, spielte nicht bloß in der salernitanischen, sondern in der
gesamten mittelalterlichen Praxis der Folgezeit die maßgebendste Rolle
und wurde die ~Grundlage aller späteren Pharmakopöen~. Es erzeugte
eine ganze Literatur von Kommentaren, als deren frühesten Vertreter
die nicht minder als das Mutterwerk berühmten Schriften des jüngeren
~Matthaeus Platearius~ erscheinen, nämlich seine „~Glossae~” und seine
pharmakologisch-botanisch verdienstvolle Heilmittellehre ~de simplici
medicina~ (nach den Anfangsworten auch „~Circa instans~” genannt). Von
der starken Vorliebe für eine vorzugsweise medikamentöse Therapie nach
arabischem Vorbild zeugen in besonderem Grade auch das ~Compendium~
und die „~Tabulae~” des ~Mag. Salernus~. Erfreulicherweise fehlte
es aber auch nicht ganz an einer Gegenströmung, die sich mindestens
in Bestrebungen zur Vereinfachung der Arzneimittellehre bekundet,
wie sie besonders in dem sehr ausführlichen Kommentar des ~Bernardus
Provincialis~ zu den eben erwähnten „Tabulae” des Mag. Salernus
hervortreten. Einen wahrhaft erfrischenden Eindruck macht inmitten des
therapeutischen Wustes die vorzügliche Schrift des ~Musandinus~ über
Krankendiät, ~de cibis et potibus febricitantium~, eine Nachahmung
der hippokratischen diaeta in acutis.
[31] Nach Mazza sollen schon die Stifter der Schule von Salerno ein
„Antrorarium” zusammengestellt haben.
Außer durch das Vorherrschen der Arzneimittellehre verrät sich der
unleugbar einschleichende Arabismus noch durch ein anderes Symptom
in der Literatur. Es ist dies die wachsende Zahl der Schriften über
Harnschau, unter welchen die, besonders aus Isaac Judaeus schöpfenden,
„~Regulae urinarum~” des ~Maurus~ und der Traktat des ~Urso~ nicht
geringes Ansehen erlangten.
Von den übrigen salernitanischen Autoren des ausgehenden 12.
Jahrhunderts wären noch ~Richardus Salernitanus~ (besonders wegen
seiner Anatomie), ~Ferrarius~, ~Romualdus~ und dessen Schüler ~Joh.
Castalius~ erwähnenswert.
•Nicolaus Praepositus• (d. h. Vorsteher der Schule) blühte im
Anfang des 12. Jahrhunderts. Sein •Antidotarium• (gedr. in den
meisten Ausgaben der Opera Mesuae, z. B. Venet. 1562) enthält in
alphabetischer Ordnung 139 meist sehr komplizierte Arzneiformeln
(Electuaria, Sirupe, Potiones „Metradata”, Antidota, Pillen, Trochisci
u. s. w.) benannt nach dem Erfinder[32], dem Inhalt oder dem Leiden,
gegen welches das Mittel dienen soll, mit Angabe der Wirkungs-,
Anwendungs- und Zubereitungsweise. Beispielsweise heißt es von der
Aurea Alexandrina (Latwerge mit Aureum purificatum und Argentum
merum): Aurea quando datur, caput a languore levatur; aurea dicta
est ab auro. Alexandrina ab Alexandro peritissimo philosopho, a quo
inventa est. Proprie valet ad omne capitis vitium ex frigiditate,
maxime et ad omnem rheumaticam passionem, quae a capite ad oculos et
aures et gingivas descendit et ad gravedinem omnium membrorum, quae
fit de eadem humore etc. Sodann folgt die Arzneiformel, die Vorschrift
für die Zubereitung und Anwendung.
[32] Unter den angeblichen Arzneimittelerfindern kommt sogar der
Prophet Esra vor.
Erwähnenswert ist eine Notiz über ~anästhesierende Inhalationen
bei chirurgischen Eingriffen mittels der „spongia soporifera”~.
Das ~Antidotarium~ erlangte als typisches Apothekerbuch
langdauerndes Ansehen und erzeugte eine ganze Literatur:
~Uebersetzungen~ ins Italienische, Französische (vgl. P. Dorveaux,
L'antidotaire Nicolas deux traductions françaises etc., Paris 1896),
Spanische, Hebräische, Arabische, ~Kommentare~ und ~erweiternde
Bearbeitungen~. ~Es wurde zur Grundlage der späteren Pharmakopöen.~
Wahrscheinlich rührt von demselben Verfasser auch der ~Tractatus quid
pro quo~ (Ersatzmittel) her, welcher in manchen Ausgaben beigefügt
ist. Fälschlich wurde dem Nicolaus Praepositus noch ein zweites
Antidotarium (A. magnum zum Unterschied von dem eben genannten, dem
A. parvum) zugeschrieben, nämlich das ~Antidotarium ad aromatarios~.
Dieses ist aber nichts anderes als eine mit vielen Zusätzen versehene
lateinische Uebersetzung des von dem Byzantiner Nicolaus Myrepsos
(vgl. S. 133) verfaßten Δυναμερόν.
•Matthaeus Platearius• (junior), Sohn des Joh. Platearius II.,
um die Mitte des 12. Jahrhunderts, schrieb zu dem Antidotarium des
Nicolaus Praepositus einen Kommentar, ~Glossae~ oder ~Expositio~(nes)
in Antidotarium (gedr. in den Venetianer Ausgaben der Opera Mesuae),
mit Angabe der Synonyma, außerdem ein sehr wertvolles und berühmtes
Werk, welches in der Regel nach den Anfangsworten des ersten Satzes
(Circa instans negotium de simplicibus medicinis nostrum versatur
propositum) ~Circa instans~ genannt wird. Dasselbe handelt in
alphabetischer Ordnung von 273 einfachen Arzneistoffen, wobei der
Ursprung derselben, die Zeichen der Echtheit, die Unterschiede der
verschiedenen Sorten angegeben werden. Bemerkenswert sind besonders
die botanischen Mitteilungen, worin alle seit Dioskurides und Plinius
erschienenen Werke übertroffen werden, und die Synonyma (griechisch,
lateinisch, vulgäritalienisch, französisch). Gedr. in mehreren
Ausgaben des Antidotarium des Nicolaus Praepositus und mit der
Practica des Johann Platearius (vgl. oben). Eine alte französische
Uebersetzung erschien sechsmal ohne Jahreszahl gedruckt unter dem
Titel ~Le grant Herbier en francoys~. Möglicherweise rührt das Werk
Circa instans nicht von Matthaeus Platearius junior, sondern von Joh.
Platearius III. her.
•Petrus Musandinus• (de Musanda), um die Mitte des 12. Jahrhunderts.
Von ihm ist eine ~Summula de praeparatione ciborum et potuum
infirmorum~ (Coll. Salern. V, 254-268) erhalten, zu der wohl
auch der kurze Traktat ~de cibis et potibus febricantium~ (Coll.
Salern. II, 407-410) gehört; für diese Krankendiät bildete die
hippokratische Diaeta in acutis das Vorbild. Unter anderem wird eine
Art ~Fleischextrakt~ aus Hühnern bereitet, empfohlen; bei Durchfall
soll ein Huhn in Rosenwasser gekocht verabreicht werden u. s. w.
Jedenfalls geht aus der Schrift hervor, daß man der ~Kochkunst für
Kranke~ große Aufmerksamkeit schenkte; sehr anerkennenswert ist die
Mahnung, Speise und Trank in zierlichen Gefäßen darzubieten und die
Appetitrichtung (selbst die Launen) des Patienten einigermaßen zu
berücksichtigen.
•Mag. Salernus• (um 1130-1160). Sein ~Compendium~ (Coll. Salern.
III, 52-65, vollständiger V, 201-232) behandelt die Definition
der Medizin, die Entstehung, die äußeren und inneren Zeichen der
Funktionsstörungen, die allgemeine Aetiologie, sodann die Wirkung
und Zubereitung der verschiedenen Digestiva, Expulsiva, Emetica,
Purgantia, Hydragoga, Laxativa, Constringentia, Styptica, Diuretica
etc.; einen großen Platz nimmt die Zubereitung und Anwendungsweise
der Sirupe ein. Bemerkenswert ist die Betonung des hippokratischen
Grundsatzes, unter Berücksichtigung der therapeutischen Indikationen,
vorwiegend nur die Heilkraft der Natur zu unterstützen: „~Medicus
itaque peritus naturae motus debet imitari in omnibus enim natura
est operatrix, medicus vero minister~”. Andere Schriften: ~Tabulae~
(Coll. Salern. V, 233-253), eine Zusammenstellung der Heilmittel
nach ihrer Wirkung, ~Catholica~ (in P. Giacosa, Magistri Salernit.
nondum edit. 71-162), eine spezielle Pathologie und Therapie. Im
Kapitel de ruptura saniei in matrica findet sich eine Stelle, die ein
merkwürdiges Streiflicht auf die ärztliche Ethik des Verfassers (und
seiner Epoche?) wirft. Es heißt dort nämlich: Contingit quandoque
quod post liberationem infirmi medici ingrati existunt. Detur ergo
eis alumen scissum cum aliquo coquinato ~ut recidivam patiantur~. Nam
si recipiatur alumen necesse est ut in aliqua parte corporis apostema
generetur et recidua fiat.