Die reiche, von den Salernitanern ausgegangene, Literatur ist

hauptsächlich durch ~Henschel~ und ~Salvatore de Renzi~ bekannt

geworden. Henschel fand 1837 in der Breslauer Bibliothek ein, aus

35 Schriften bestehendes, Sammelwerk -- Compendium Salernitanum

--, das im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts in Italien

geschrieben wurde und meist nur Bearbeitungen oder Auszüge aus

salernitanischen Originalarbeiten enthält; ~Renzi~ durchforschte

die Handschriftenschätze Italiens in Betreff des Vorhandenseins

salernitanischer Schriften und veröffentlichte die Ergebnisse

seiner verdienstvollen Bemühungen in der, unter Mitwirkung von

Henschel, Daremberg und Baudry de Balzac zustande gebrachten,

~Collectio Salernitana, ossia documenti inediti e trattati di

medicina appartenenti alla scuola medica Salernitana~ (Napoli

1852-59), 5 Vol. In letzter Zeit bereicherte ~Piero Giacosa~ unsere

Literaturkenntnis wesentlich durch Herausgabe mancher bisher

unbekannter salernitanischer Schriften in dem Werke ~Magistri

Salernitani nondum editi~ etc., Torino 1901.

Die ältesten Literaturdenkmäler der Schule von Salerno, in barbarischem

Latein und zu rein ~didaktischen Zwecken~ verfaßt, rühren aus

der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts her und beruhen auf jenen

~Traditionen unverfälscht griechisch-römischen Ursprungs~, wie sie

sich in den dunklen Jahrhunderten des frühen Mittelalters fortgepflanzt

hatten. Sie sind der Hauptsache nach ~Kompilationen~ aus spätrömischen

Autoren und dem dürftigen lateinischen Uebersetzungsmaterial, welches

extraktweise einen Rest der griechisch-byzantinischen Literatur

bewahrte. Der Schwerpunkt liegt in der ~Therapie~, welche Spuren von

Selbständigkeit nicht vermissen läßt, ~die medizinische Theorie ist

ein Gemenge von Fragmenten der Humoralpathologie und des Methodismus~.

Unverkennbar ist es mehr die ärztliche Genossenschaft in toto als die

Individualität einzelner Verfasser, welche in den Erstlingsschriften

der Salernitaner zu Worte gelangt[11].

[11] Auch noch später kam dies öfter auch äußerlich in der

Autorschaft der „tota Schola” zum Ausdruck.

Als Hauptrepräsentant der salernitanischen Frühepoche ist ~Gariopontus~

(† um 1050) anzusehen, von dessen (angeblichen) Werken sich

insbesondere ein Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie, der

„~Passionarius~” als Prototyp für die medizinischen Studien größter

Beliebtheit bei Zeitgenossen und späteren Aerzten erfreute. Es ist

dies keineswegs ein selbständiges Opus, sondern nur eine geschickte,

mosaikartige Zusammenfügung von verschiedenartigen literarischen

Bruchstücken, die teils aus spätrömischen Autoren (namentlich

Theodorus Priscianus), teils aus alten lateinischen Uebersetzungen

(bezw. Bearbeitungen) antiker und byzantinischer Schriftsteller

herstammen[12]. Gariopontus kann dabei nicht einmal das Verdienst in

Anspruch nehmen, mit seiner Kompilation, abgesehen vielleicht von der

Auswahl und Anordnung der Exzerpte, etwas Eigenartiges hervorgebracht

zu haben, denn tatsächlich handelte es sich bloß um eine Neuredaktion

alter Vorlagen. In das Zeitalter des Gariopontus -- vielleicht aber

noch weiter zurück -- ist auch die ~Practica~ des „~Petroncellus~”

zu verlegen, welche mit einer historischen Einleitung anhebt. Von

der schriftstellerischen Tätigkeit einiger anderer zeitgenössischer

Autoren, des Alphanus, des älteren Joh. Platearius und des älteren

Kophon haben wir nur durch Hinweise oder einzelne Fragmente in der

späteren Literatur Kenntnis. Wie die Genannten, ja teilweise sogar in

noch höherem Grade, erfreute sich die salernitanische Aerztin ~Trotula~

(um 1059) eines lang anhaltenden Ansehens als Verfasserin von Schriften

über die Pathologie und Therapie, namentlich über die ~Krankheiten

der Frauen und deren Behandlung~. Manches, was davon auf uns gekommen

ist, mag freilich nur mit Unrecht ihren Namen tragen und weit später

entstanden oder mindestens durch Interpolationen sehr verändert worden

sein[13].

[12] ~Der Zweck, der bei der Abfassung des Passionarius

voranleuchtete, bestand darin, eine für die Bedürfnisse

des praktischen Arztes genügende, enzyklopädische

Zusammenstellung der notwendigsten medizinischen (insbesondere

therapeutischen) Kenntnisse zu bieten -- also eine „Summa

medicinalis”. Der Passionarius des G. hatte aber weit ältere

Vorgänger, und bereits seit dem 8. Jahrhundert läßt sich

das Streben nach derartigen Zusammenstellungen von Exzerpten

theoretisch-praktischen Inhalts deutlich in den Mönchscodices

verfolgen, welche den gleichen Stoff, nur in roher Form

enthalten~, vgl. S. 256 und 257.

[13] Die „~mulieres Salernitanae~”, häufig bei den salernitanischen

Schriftstellern zitiert wegen ihrer reichen Kenntnisse

namentlich in gynäkologischen und kosmetischen Dingen, waren

zum Teil wirkliche Aerztinnen, und es bildete keine Seltenheit,

daß insbesondere Frauen oder Töchter der Vorsteher des

Collegiums als Lehrerinnen und ~ärztliche Schriftstellerinnen~

auftraten. Unter den letzteren werden im Lauf der Jahrhunderte

erwähnt ~Abella~ (schrieb de atra bile und de natura seminis

in Versen!), ~Mercuriade~ (schrieb de crisibus, de febre

pestilentiali, de curatione vulnerum), ~Rebecca Guarna~ (schrieb

de febribus, de urinis, de embryone), ~Constanza Calenda~ u. a.

Gelegentlich der Erwähnung dieser weiblichen Aerzte sagt Mazza

(vgl. S. 281) ~nam ad medicam facultatem mulieres sicut viros

aptas esse~, scripsit Plato de re publica lib. V.

•Gariopontus• (Guaripotus, Garimpotus, Garimpontus, Warmipotus,

Warimbotus, Raimpotus, Warbodus u. s. w.) war wahrscheinlich ein

Longobarde und wirkte in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts.

Der unter dem Namen des Gariopontus gehende ~Passionarius~, auch

unter dem Titel ad totius corporis aegritudines remediorum πράξεων

libri quinque (Basil. 1531), eine Kompilation aus lateinischen

Uebersetzungen griechisch-byzantinischer Autoren (Hippokrates,

Galen ad Glauconem, Alexander von Aigina), ferner aus Caelius

Aurelianus, Theodorus Priscianus, Aurelius ═ Esculapius u. a. wurde

von ihm nicht verfaßt, sondern wohl nach weit älteren Vorlagen

umredigiert. Der Passionarius erfreute sich bei den Zeitgenossen

und den späteren Aerzten großen Ansehens, was besonders aus dem,

einer ganz falschen Voraussetzung entspringenden, Titel „~Galeni

Pergameni Passionarius~” (Lugd. 1526) hervorgeht. Mit den fünf Büchern

des Passionarius bildete wahrscheinlich der, in manchen Ausgaben

vorkommende, Traktat ~de febribus~ ursprünglich ein Ganzes. Das Werk

ist sprachlich interessant (wegen mancher Uebergänge vom Lateinischen

ins Italienische) und gewährt einen ausgezeichneten Einblick in

die, zur damaligen Zeit geltenden medizinischen Grundanschauungen

(Vermengung der Humoralpathologie mit dem Methodismus). In den

Handschriften wird der Passionarius nicht immer auf Gariopontus

zurückgeführt. Bezeichnenderweise lautet in der Baseler Hdschr.

der Titel: Passionarium, seu Practica morborum Galeni, Theodori

Prisciani, Alexandri et Pauli, quem Gariopontus quidam Salernitanus

~ejusque socii una cum Albicio~ emendavit, ab erroribus vindicavit

et in hunc librum redegit. Die früher für einige pseudogalenische

Schriften, ~de simplicibus medicamentis ad Paternianum de dynamidiis~,

~de catharticis~, in Anspruch genommene Autorschaft des Gariopontus

ist auf Grund neuerer Forschungen abzuweisen, wahrscheinlich war er

aber an der, in salernitanischen Kreisen unternommenen, Redaktion

dieser Schriften beteiligt. Von Gariopontus berichtet Petrus Damianus

folgendes: Dicam, quod mihi Guarimpontus senex, vir videlicet

honestissimus, apprime litteris eruditus ac medicus retulit.

•Petroncellus• (Petrocellus, Petricellus, Petronsellus, Petronius).

Die unter diesem Namen laufenden Fragmente rühren nicht von einem und

demselben Autor her. -- Von der ~Practica~ (Coll. Salern. IV, 185-291)

stammt das erste Buch, welches sich sprachlich durch eine Menge von

latinisierten griechischen Worten charakterisiert, aus der Epoche des

Gariopontus oder aus noch früherer Zeit; das zweite und namentlich das

dritte Buch (beide nur in Bruchstücken erhalten) sind davon erheblich

verschieden. In der Materia medica des Petroncellus kommen bereits

einzelne, durch den Handelsverkehr zugeführte, arabische Drogen vor.

Die fragmentarischen ~Curae~ (Coll. Salern. IV, 292-315) dürften weit

späteren Ursprungs sein. -- Der ~angelsächsische Traktat~ (um die

Mitte des 12. Jahrhunderts) περὶ διδάξεων ═ Lehren sc. der mediz.

Schulen (ed. O. Cockayne in Leechdoms etc. vol. III) erweist sich zum

größten Teile als eine Uebersetzung der Practica des Petroncellus

(vgl. die Parallelstellen bei M. Löweneck in Erlanger Beitr. zur

engl. Philologie XII, 1896).

•Alphanus• (um die Mitte des 11. Jahrhunderts), vorübergehend

Mönch in Monte Cassino, Freund des Desiderius, später Erzbischof von

Salerno, verfaßte nach Angabe des Petrus Diaconus u. a. die Schriften

~de quatuor elementis corporis humani~, de unione corporis et animae.

•Trotula•, aus der Familie der Ruggiero, vermutlich Gattin des

Joh. Platearius I., von den Zeitgenossen wegen ihrer Gelehrsamkeit

gefeiert[14], „sapiens matrona”, und von späteren Autoren häufig

zitiert, gilt als Verfasserin mehrerer, zumeist bloß handschriftlich

erhaltener, Schriften. Die unter ihrem Namen gedruckte Schrift

„~de mulierum passionibus ante, in et post partum~” erweist sich

als ein literarisches Produkt des 13. Jahrhunderts, stellt aber

höchstwahrscheinlich den Auszug aus einem, die gesamte Medizin

behandelnden, Werke der Trotula dar (ed. in der Coll. Aldina,

Venet. 1547, in Casp. Wolph., Gynaec., Basil. 1566, in Spach,

Gynaecior., Argent. 1597, als Einzelausgabe ed. Kornmann, Leipz.

1778). Die Schrift handelt auch über manche, nicht zum Titel passende

Gegenstände, z. B. über körperliche Erziehung der Kinder, Dentition,

Kosmetik etc. Neben vielem Abergläubischen findet sich in den

geburtshilflichen Kapiteln die seit Soranus vergessene Vorschrift

über den Dammschutz (vgl. Bd. I, S. 345), die Beschreibung der

~Perinaeoraphie~ bei totalem Dammriß, die Empfehlung, zur Austreibung

des toten Kindes Schüttelungen vorzunehmen. -- Fragmente über

verschiedene Themen der Medizin finden sich in der anonymen Schrift

~de aegritudinum curatione~, vgl. unten.

[14] ~Trotula~ wird als multae doctrinae matrona Salernitana

gerühmt und soll nach dem Zeugnis des Odericus Vitalis allein

unter allen Salernitanern dem gelehrten Rudolfus Mala Corona

an medizinischem Wissen gewachsen gewesen sein (vgl. S. 282,

Anmerkung 4).

In diese Epoche (um 1050) gehört auch das •Speculum hominis•

(Coll. Salern. V, 173-198), ein unvollständig erhaltenes

medizinisches Lehrgedicht (1011 Verse), welches wahrscheinlich

ein Italiener um die Mitte des 11. Jahrhunderts verfaßt hat. Es

handelt vom Menschen und seinen Teilen, von den Altersstufen,

von den Verwandtschaftsverhältnissen, der Ehe, von akuten und

chronischen Leiden. Der Hauptsache nach liegt eine Versifikation

der entsprechenden Abschnitte des ~Isidorus~ (Origin. XI. 1, 2,

IX. 5, 6, 7, IV. 6, 7) vor, weshalb auch hier die etymologischen

Erklärungsversuche vorwalten. Der Zweck und die Quelle des

Lehrgedichts ist in den nachfolgenden Versen angegeben:

Est homo mens: nitor de partibus eius 5.

Ethimologias, et earum ponere causas.

Que mea metra serunt, aliorum prosa fuerunt, 10.

Prosam imitavi, quia metrum plus placet auri.

De variis hominis sum partibus ista locutus 735.

Ysidorum super hiis pro magna parte secutus.

Die Erstlingsschriften der Schule von Salerno zeigen in

anerkennenswerter Weise, was der strebsame Geist echten Arzttums

selbst einem äußerst kärglichen Boden noch an Früchten fürs

praktische Leben zu entlocken vermag. Ein Hinauswachsen über die

einmal erreichte, bescheidene Höhe lag aber schon deshalb kaum im

Bereiche der Möglichkeit, weil die Stoffzufuhr aus der kümmerlichen

Hinterlassenschaft der Antike gerade bei intensiver Verarbeitung

derselben allzu rasch versiegen mußte. Darum besitzt die Salernitaner

Medizin dieser Epoche zwar den Reiz keuscher Jugendfrische, aber sie

erscheint mit ihrem recht losen theoretischen Unterbau, mit ihrer roh

gezimmerten Symptomatik, mit ihrem noch armseligen therapeutischen

Rüstzeug naiv und dürftig, wenn die Bilder der gleichzeitigen

byzantinischen oder gar der arabischen Heilkunde auftauchen.

Eine Entwicklung im Sinne einer strafferen und breiter angelegten

Theoretisierung, im Sinne einer feiner ausgesponnenen Symptomatik

und erweiterten Therapie macht sich erst seit den letzten Dezennien

des 11. Jahrhunderts in der, nunmehr auch bedeutend anschwellenden,

Literatur geltend. Dieser Umschwung, der fast akut einsetzte, wurzelt

nicht in inneren Momenten, sondern ist auf die ungemein fruchtbare

schriftstellerische Tätigkeit eines Mannes zurückzuführen, dessen

Beziehungen zur Schule von Salerno zwar keineswegs klar gestellt sind,

dessen kräftige Impulse aber in ihren Leistungen während der Folgezeit

deutlich zu Tage treten, nämlich auf das Wirken des ~Constantinus

Africanus~ († 1087), welcher durch seine lateinischen Uebersetzungen

und Kompilationen der Medizin des Abendlandes neues Forschungsmaterial

zuführte und zugleich (auf dem Umwege über das Arabische) das weithin

verschüttete Quellgebiet der Antike wieder in größerem Umfange

bloßlegte.

Die Nachrichten, welche über die Lebensgeschichte des Constantinus

(Afer s. Africanus, auch C. Memphita) auf uns gekommen sind,

bieten nur wenig sichere Anhaltspunkte und sind zum größten Teil

ins Gebiet der Mythe zu verweisen. Constantinus dürfte im ersten

Viertel des 11. Jahrhunderts (um 1018) in Karthago geboren worden

sein (ob als Christ ist zweifelhaft) und soll sich auf vieljährigen

Studienreisen, die sich tief in den Orient erstreckten (angeblich

nach Babylonien, Indien, Aegypten, Aethiopien) eine erstaunliche und

vielseitige Gelehrsamkeit, verknüpft mit gründlichster Kenntnis der

morgenländischen Sprachen, erworben haben. Er kehrte zunächst nach

seiner Vaterstadt zurück, mußte aber von dort schon nach kurzer Zeit

flüchten, weil er wegen seines überlegenen Wissens in den Verdacht der

Zauberei geriet und daher Verfolgungen ausgesetzt war. Constantinus

zog nach Italien und lebte einige Jahre in ~Salerno~ (angeblich als

Sekretär des Herzogs Robert Guiscard), ~ohne daß wir bestimmt wissen,

ob er an der dortigen Schule als Lehrer auftrat~. Sichergestellt ist

nur, daß er in der klösterlichen Abgeschiedenheit von ~Monte Cassino~,

wo er (nach 1070) unter dem gelehrten und um die dortige Bibliothek

so verdienten Abte Desiderius als Mönch freundlichste Aufnahme fand,

seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltete. Dort

dürfte er um 1087 oder noch später gestorben sein.

Ausgaben der Werke des Constantinus.

~Opera~, Basil. 1536 enthalten: ~De omnium morborum, qui homini

accidere possint, cognitione et curatione~ (7 Bücher)[15], ~de

remediorum et aegritudinum cognitione~ ═ „~Liber aureus~” (cui autor

ipse titulum fecit aureus, qualem jure meretur, cum propter brevem

omnium morborum descriptionem tum magnam remediorum vim), ~de urinis,

de stomachi naturalibus et non naturalibus affectionibus liber vere

aureus, de victus ratione variorum morborum liber, de melancholia,

de coitu, de animae et spiritus discrimine, de incantationibus et

adjurationibus epistola, de mulierum morbis, de ea medicinae parte

quae dicitur Graecis χειρουργία liber, de gradibus quos vocant

simplicium liber~.

[15] ═ Viaticum.

~Operum reliqua~, Basil. 1539, enthalten: ~De communibus medico

necessariis locis~ (10 Bücher)[16].

[16] ═ Der erste Teil („Theorice”) d. Pantegni.

Als Anhang zur lateinischen Ausgabe der Werke des Isaac Judaeus

Repertoriorum seu indicum omnium operum Ysaac in hoc volumine

contentorum coadunatio, Lugd. 1515, finden sich: ~Libri Pantechni~

(quorum primi decem theoricam, alii autem decem practicam concernunt),

~de gradibus medicinarum, Viaticum~ (7 Bücher), ~de oculis~, ~de

stomacho~, ~de virtutibus simplicium medicinarum~, ~Therapeutica~:

megatechni libri Galeni, a Constantino Africano ... studiose

abbreviati et ad epitomatis formam reducti), ~de oblivione~.

~Liber de humana natura, de membranis principalibus corporis humani,

de elephantie et de remediorum ex animalibus materia~ (aus Albucasis

Methodus medendi), Basil. 1541.

~Therapeutica~ s. megatechni (in Symphorianus Champerius Speculum

medicinae, Galeni, Lugd. 1517).

~Breviarium dictum viaticum~ (in Rhazis opera parva), Lugd. 1510.

Die Chirurgie der Pantegni (nach einer von den Druckausgaben

abweichenden Berliner Handschrift) ed. Pagel, Archiv f. klin.

Chirurgie 81, Bd. I[17].

[17] ═ IX. Buch des zweiten Teils („Practice”) d. Pantegni.

Die angeführten Schriften führen zum größten Teile ganz mit

Unrecht den Namen des Constantinus. Einerseits trägt dieser selbst

daran Schuld, weil er Uebersetzungen oder Bearbeitungen fremder

Schriften als eigene ausgab, anderseits kommt auch der Irrtum

späterer Abschreiber in Betracht. Ohne hier auf die Einzelheiten

der bisherigen, noch nicht abgeschlossenen, Forschungen einzugehen,

seien nur einige der Identifizierungen beispielsweise angeführt.

Der ~Liber Pantegni~ (Pantechni) entspricht dem ~Liber regalis~ des

~Ali Abbas~, das ~Viaticum~ rührt von ~Ibn al-Dschezzar~ her, ~de

oculis~ ist eine Bearbeitung des, von ~Hunain ben Ischak~ verfaßten,

Lehrbuchs der Augenheilkunde, ~de melancholia~ ist wahrscheinlich

identisch mit der gleichbetitelten Schrift des ~Ischak ben Amran~;

~de animae et spiritus discrimine~ gehört dem ~Kosta ben Luka~, die

~Chirurgie~ entspricht dem 9. Buch der Practica des Liber regalis

des ~Ali ben Abbas~ u. s. w., außerdem finden sich in der Sammlung

~pseudogalenische~ Schriften, z. B. de incantationibus, de mulierum

morbis, de humana natura ═ de compagine membrorum[18].

[18] Diese pseudogalenische Schrift scheint nicht in der

arabistischen Epoche, sondern früher verfaßt zu sein.

Abgesehen von einer nicht geringen Zahl angeblich eigener Werke, von

denen sich aber die meisten der bekannt gewordenen als Bearbeitungen

oder Uebertragungen von arabischen erwiesen haben (~Ali Abbas~, ~Isaac

Judaeus~, ~Ibn al-Dschezzar~ u. a.) übersetzte Constantinus (nach

arabischen Versionen) mehr oder minder frei z. B. die ~hippokratischen

Aphorismen~, die ~Ars parva~ (Mikrotechne) ~Galens~ und ~Kommentare

dieses Autors zu hippokratischen Schriften~ ins Lateinische, wodurch

der Umkreis medizinischer Kenntnisse im Abendlande unleugbar ganz

erheblich erweitert, das Studium der antiken Literatur neu belebt und

ein Vorbild wissenschaftlicher Zusammenfassung und Darstellungsweise

für die Zukunft gegeben wurde.

Als eigentliche Schüler des Constantinus sind bloß die Mönche

~Atto~[19] und ~Johannes Afflacius~ bekannt, welch letzterer eine

Zeitlang in Salerno gelebt haben dürfte und in seinen Schriften ~de

febribus et urinis~ und ~Curae~ (Afflacii) manchen Beweis von guter

Beobachtung liefert.

[19] Atto soll Schriften seines Meisters in romanische Verse

übersetzt haben.

Johannes Afflacius (um 1040-1100) „Saracenus”. Der dem Constantinus

zugeschriebene „Liber aureus” rührt wahrscheinlich von ihm her oder

beruht auf seinen Schriften. ~Tractactus de febribus~ aus „~curae de

febribus et urinis~” (Coll. Salern. II, 737-767). Hier findet sich die

Vorschrift, bei Fiebernden für die Abkühlung der Luft im Krankenzimmer

folgendermaßen zu sorgen: fiat etiam artificialiter pluvialis aqua

circa aegrum et haec facienda sunt si tempus fuerit calidum. Pluviali

modo fiat. Accipiatur olla in fundo minutissime perforata et impleatur

aqua, postea ligetur fortiter cum corda juxta lectum aegrotantis, ita

ut guttae cadant in eum et sic infrigidabitur aer, ejus infrigidatio

magis confert aegrotanti quam medicina interius recepta.

Der Einfluß des „~magister orientis et occidentis~”[20] reicht

aber viel weiter, er läßt sich deutlich bei allen nun folgenden

Salernitanern nachweisen, von denen ihn manche auch zitieren.

[20] So nennt Leo Ostiensis den Constantinus.

Nicht als ob mit Constantinus die Systemsucht und Polypharmazie der

Araber sogleich ihren Einzug gehalten hätte -- dafür war der Boden im

Abendlande noch gar nicht vorbereitet, auch sind es verhältnismäßig

ungekünstelte arabische Autoren gewesen, wie Isaak und Ali Abbas,

welche der Mönch von Cassino zugänglich gemacht hatte! Nicht als ob

durch Constantinus die hippokratische Tradition in Salerno verdrängt

worden wäre -- in der salernitanischen Literatur während des

ausgehenden 11. und während der ersten Dezennien des 12. Jahrhunderts

herrscht die schlichte Beobachtung, die einfache Deutung, die

unbefangene, klare kasuistische Schilderung der Krankheitsvorgänge,

die Neigung zu einer diätetischen oder doch mit Medikamenten nicht gar

zu sehr überladenen Therapie noch weitaus vor. Aber nach dem Auftreten

des Constantinus ist die Darstellungsweise, ohne in Schwülstigkeit und

gelehrte Zitatenwut zu verfallen, unverkennbar gereifter geworden,

die wissenschaftliche Grundlage ist -- dank der Vermittlung bisher

verschollener oder unvollständig bekannter Schriften antiken Ursprungs

-- bedeutend breiter, der Sinn für die medizinische Theorie prävaliert

nunmehr entschieden gegenüber der früheren Empirie, die Auffassungen in

der Pathologie zeigen größere Schärfe und Präzision, der ~Galenismus~

beginnt zusehends die letzten Reste des aus Römerzeiten noch

nachklingenden Methodismus zu überwinden und gleichzeitig verfeinert

sich die Semiotik, freilich hauptsächlich im Sinne einer subtilen

~Pulslehre~ und ~Harnschau~.

Derartigen Charakter besitzt die ~Practica~ des ~Bartholomaeus~,

die ~Ars medendi~ des ~jüngeren Kophon~, die ~Practica brevis~ des

~jüngeren Johannes Platearius~.

Von ~Kophon~ hat sich auch ein Werkchen erhalten, welches deshalb

von besonderem Interesse ist, weil es zum ersten Male in der

mittelalterlichen Literatur des Abendlandes vom praktischen

Betriebe der Anatomie Kunde bringt -- die sog. ~Anatomia porci~. Im

Zusammenhang mit einer, bald darauf verfaßten anonymen, gewöhnlich

als ~Demonstratio anatomica~ bezeichneten, Schrift erhalten wir

durch diese Abhandlung überraschenden Einblick in das, freilich nur

durch ~Tierzergliederung~ erworbene, ~anatomische Wissen und in die

anatomischen Unterrichtsverhältnisse der Salernitaner~, welche gewiß

nicht jungen Datums waren.

Ein nicht minder wertvolles Gegenstück hierzu -- nämlich insofern

wir daraus ein deutliches Bild von dem Betragen des Salernitaner

Arztes am Krankenbette empfangen --, bildet die ärztliche Hodegetik

und klinische Propädeutik des ~Archimatthaeus~, betitelt ~De adventu

medici ad aegrotum s. de instructione medici~. Dieselbe enthält Maximen

der ärztlichen Politik, Anweisungen über das Untersuchungsverfahren

(besonders Pulsfühlen und Harnschau), über die eventuelle Vornahme

des Aderlasses, über die Krankendiät, über das Verhalten des Arztes

bei der Prognosenstellung und schließt mit Ratschlägen, wie man

sich hinsichtlich der Honorarfrage benehmen solle. Aus allem spricht

reiche Erfahrung und ein höchst anerkennenswertes Streben nach einer

individualisierenden, vorzugsweise diätetischen, Behandlungsweise. Eine

von demselben Verfasser, leider nur unvollständig, auf uns gekommene

~Practica~ will, wie einleitend gesagt wird, nichts anderes als eine

Sammlung von ~klinischen~, auf eigener Erfahrung beruhenden Vorträgen

bieten; sie zeigt, welche unverdorbene jugendfrische Beobachtungsgabe

den Vertretern der Schule eigen war, wie man den Unterricht auch

am Krankenbette pflegte, und wie man mit einfachen vorzugsweise

diätetischen Mitteln eine oft ganz zweckmäßige Therapie einzuschlagen

wußte.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 40 / 76 段