[73] Darstellungen solcher Exorzismen finden sich in den

Wandmalereien alter Kirchen, z. B. in Goldbach (am Bodensee),

oder in den Miniaturen von Handschriften (z. B. Codex Egberti,

10. Jahrhundert), vgl. K. Künstle, Die Kunst des Klosters

Reichenau im 9. und 10. Jahrhundert, 1906; F. X. Kraus, Die

Miniaturen des Cod. Egberti, 1884.

[74] Die Leprösen waren zur Verhinderung der Ansteckung aus der

Gemeinschaft ausgeschlossen, für bürgerlich tot erklärt --

einschlägige Bestimmungen erließen schon Pippin (757) und Karl

d. Gr. (786) --, für ihren Unterhalt sorgte, soweit sie über

keine eigenen Mittel verfügten, die christliche Wohltätigkeit;

frühzeitig scheinen sie, wo sie in größerer Anzahl beisammen

waren, in gemeinsamen Wohnungen untergebracht worden zu sein.

Schon um 736 sammelte z. B. der hl. Otmar die Aussätzigen

aus seinem Sprengel und vereinte sie in einem Leprosorium

(hospitiolum ad suscipiendos leprosos) in der Nähe des Klosters

von St. Gallen. -- In den erwähnten Malereien des Goldbacher

Kirchleins, der Kirche St. Georg zu Oberzell auf der Reichenau

selbst und in den Miniaturen des Codex Egberti findet sich auch

eine Darstellung des Aussätzigen, abgesehen von den Flecken

der Haut, gekennzeichnet durch das ~Horn~, das er trägt; wenn

die Leprösen ausgingen, um Almosen zu sammeln oder Speise

beizutreiben, mußten sie nämlich ihr Kommen durch das Hornsignal

kundgeben, daher die Bezeichnung „Hornbrüder”.

Neben den Klerikerärzten gab es wohl Empiriker (Wundärzte)[75], aber

keine gebildeten Laienärzte, mit Ausnahme der bürgerlich abseits

stehenden ~jüdischen~ Heilkünstler, deren Existenz sich schon sehr

früh auf dem Boden des fränkischen Reiches nachweisen läßt.

[75] Sprachliche Zeugnisse verbürgen die wundärztlichen Kenntnisse

der Volkspraxis, so die schon im 8. Jahrhundert vorkommenden

Lehnwörter Pflaster, Salbe, Balsam, Büchse.

Nach einer Chroniknachricht vom Jahre 576 (Aronius, Regesten z.

Gesch. d. Juden) heißt es, der erblindet gewesene Erzhelfer Leonast

von Bourges habe durch ein Wunder in der Martinskirche zu Tours das

Augenlicht erhalten, er sei dann nach Hause zurückgekehrt und hätte,

um die Sehkraft noch mehr zu stärken, einen jüdischen Arzt zu Rate

gezogen, der ihm Schröpfköpfe auf die Schultern setzen ließ, worauf

er aufs neue erblindete -- eine Erzählung, deren Tendenz recht

durchsichtig ist. -- Unter Karl d. Gr. begleitete ein sprachkundiger

jüdischer Arzt die fränkische Gesandtschaft an den Kalifen nach

Bagdad. -- Ludwig der Fromme und sein Sohn Karl der Kahle hatten

den Juden Zedekias zum Leibarzt. Die Gunst, welche derselbe genoß,

und sein überlegenes Wissen brachten ihn beim Volke in den Verdacht

eines Zauberers; nach dem Tode Karls des Kahlen wurde er grundlos

verdächtigt, seinen Herrn vergiftet zu haben -- merkwürdigerweise

spricht aber kein Autor von seiner Bestrafung, und in den Annalen

von Fulda heißt es von Karl dissinteriae morbo correptus cum magna

periit tristitia. -- In einem Schreiben aus der Zeit 798-821 bittet

ein ungenannter Erzbischof einen Grafen, ihm und einem anderen Bischof

einen jüdischen Arzt zu senden (Aronius, Regesten).

Ein jüdischer Arzt Italiens ist es auch, von dem allein unter

allen Laienärzten aus so früher Zeit ein medizinisches Werkchen (in

hebräischer Sprache) wenigstens fragmentarisch auf uns gekommen ist,

nämlich ~Donnolo~ (10. Jahrhundert), dessen ~Antidotar~ durchaus auf

rein griechisch-römischer Tradition beruht.

~Sabbatai ben Abraham~, genannt •Donnolo• (═ Domnulus) jüdischer

Arzt aus Oria bei Otranto (913 bis nach 965), war an verschiedenen

Orten Unteritaliens tätig und erfreute sich eines bedeutenden Rufs als

Praktiker. Dies geht unter anderem aus der Biographie des hl. Nilus

(Acta Sanctorum, September, Bd. VII, p. 313) hervor, wo es heißt:

Postero die vir sanctus de loco illo descendit, et cum ingressus esset

in civitatem, accessit ad eum Judaeus quidam, Domnulus nomine, qui

notus illi erat a prima aetate, quod esset admodum studiosus et in

medendi arte non vulgariter doctus. Coepit ergo ad patrem ita dicere:

audivi de aspera vivendi ratione, qua te exerces, magnaque abstinentia

et mirabar, sciens corporis tui habitudinem, quod non esses lapsus in

epilepsiam. Ergo si lubet, dabo tibi pharmacum temperamento congruens,

ut posthac toto vitae tuae, tempore nullum pertimescas morbum. Et

magnus Pater, Unus, inquit, ex vestris Hebraeis dixit nobis: Bonum

(sic!) est confidere in Domino quam, confidere in homine. Nos igitur

confidentes nostro medico Deo et Domino nostro Jesu Christo, non

indigemus pharmacis a te confectis, quam si te jactes, quod Nilo

dederis de tuis medicamentis. Medicus, his auditis, nihil respondit.

Das in hebräischer Sprache geschriebene Bruchstück seines Antidotars

(ed. Steinschneider, „~Donnolo, Fragment des ältesten medizinischen

Werkes in hebräischer Sprache~”, Berlin 1868, deutsche Uebersetzung

und Kommentar in Virchow Arch. 38-42) erweckt den Anschein eines

Originals. Es enthält eine Aufzählung von 120 (meist pflanzlichen)

Arzneimitteln mit Vorschriften für die Zubereitung von Medikamenten,

Salben und Pflastern. Abgesehen von wenigen aus Bibel und Talmud

entlehnten Drogen und einem unzweifelhaft arabischen Präparate

(„Kelkh” ═ galbanum), handelt es sich durchaus um die Materia medica

griechisch-römischer Herkunft.

Donnolos Lebenszeit fällt in jene, vom Lichtstrahl der Geschichte

noch wenig erhellte, Epoche, da sich in Italien die ersten Anzeichen

aufstrebender medizinischer Entwicklung zu zeigen begannen. Wohl

hatten sich auch dort nicht wenige Kleriker im 9. und 10. Jahrhundert

rühmlichst als Heilkundige hervorgetan, wohl bildete dort ~Monte

Cassino~, dessen Mönche von ärztlichem Ruhm umwoben waren[76], eine

reiche Rüstkammer der medizinischen Literatur[77], aber schon trat

der, auf dem Gebiete der Heilkunst nie ganz durch die Geistlichkeit

zurückgedrängte, ~Laienstand~ in seine Rechte.

[76] Unter anderem wird eine merkwürdige Heilung berichtet, die an

Kaiser Heinrich II., der an Blasensteinen litt, auf operativem

Wege -- allerdings nicht ohne das Eingreifen des hl. Benedictus

-- vollzogen wurde.

[77] Vgl. über die Bibliothek von Monte Cassino Tosti, Storia della

badia di Monte Cassino, Napoli 1842-43 und A. Caravita, I codici

e le arti a Monte Cassino, M. Cass. 1869-70. Zu den ältesten

medizinischen Handschriften (vgl. S. 257) zählen Sammelwerke

und lateinische Uebersetzungen aus dem 9. und 10. Jahrhundert,

darunter z. B. Uebersetzungen hippokratischer, galenischer

(bezw. pseudohippokratischer und pseudogalenischer) Schriften,

des Paulos von Aigina u. a., Schriften des „Apulejus”,

„Aesculapius”; auch ein liber Aurelii wird de oculis erwähnt. --

Die Titel der Traktate, welche Kodex 97 enthält, sind folgende:

Prologus Galieni de pulsis (!) et orinis -- De effemeris

febribus -- Prologus Galieni, libri primi de febrium diversitate

-- Capitula libri Aurelii de oculis (!) passionibus -- Capitula

Scolapii medici -- Prologus super expositionem Aforismi --

Capitula libri primi Alexandri Trosophiste -- Alfabeta herbarum

-- Ex libris Dioscoridis feliciter -- Herbarium Apulei Platonis

quem accepit ab Scolapium et Chirone centauro magistro Achilli

-- De quadrupedibus. -- Bei dieser Gelegenheit sei hier darauf

verwiesen, daß ein Traktat über Arzneimittel (größtenteils in

tironischen Noten) aus dem 9.-10. Jahrhundert (in Cod. Vatic.

Lat. 846) veröffentlicht wurde, welcher hauptsächlich aus

Apulejus und Pseudoplinius entlehnt ist, vgl. „Miscellanea

Tironeana”, ed. Schmitz, Leipzig 1896.

Von seiner Organisation, von der gilden- und schulmäßigen Vereinigung

solcher Männer, die ganz in ihrem Berufe aufgehen konnten, rein

wissenschaftliche anstatt der seelsorgerischen und theologischen

Zwecke an die Spitze stellten, hing die Zukunft der Medizin ab. Diese

Voraussetzung wurde zuerst in Salerno erfüllt. Dort zuerst ist die

Heilkunst nach langer Vormundschaft wieder mündig geworden!

Die Medizin im 11. und 12. Jahrhundert.

Die Blütezeit der Schule von Salerno.

Die Geschichte der Wissenschaften erinnert lebhaft an das Wachstum

organischer Gebilde. Wie in einem homogenen Plasma zunächst einzelne

Kerne entstehen, welche sich vergrößern, als Kraftsphären wirken und

später zur höheren Einheit verschmelzen, so läßt auch der historische

Rückblick auf die abendländische Medizin des Mittelalters nach dem

Stillstand eines halben Millenniums vorerst nur isolierte Zentren

erkennen -- ~rein ärztliche Schulen~ in spärlicher Zahl --, welche seit

dem 11. Jahrhundert aus der Grundmasse eintöniger Gleichförmigkeit

scheinbar spontan auftauchen und für lange alle wissenschaftliche

Energie in sich konzentrieren. Mit ihnen erwacht das erstarrte

medizinische Leben endlich wieder aus der Latenz zu frisch pulsierender

Aktivität.

Das Aufblühen der Medizin fällt auch diesmal wieder mit einem

allgemeinen kulturellen Anstieg zusammen, der im Laufe des 11.

und namentlich im 12. Jahrhundert deutlich wird, so z. B. auf

dem Gebiete der theologischen Dialektik (Anselm von Canterbury,

Roscellin, Abälard, Petrus Lombardus, Johannes von Salisbury etc.),

der Jurisprudenz (Neubelebung des Studiums des römischen Rechts,

Irnerius), der Geschichtschreibung, der Kunst (namentlich Architektur;

romanischer Baustil), der Dichtung (Nationalpoesie), der Musik (Guido

von Arezzo, Harmonie, Kontrapunkt), nicht zu reden von der reicheren

Erschließung der antiken Literatur und der Erweiterung des geistigen

Horizonts infolge reger Beziehung zur Welt des Ostens, von der

Vertiefung des religiösen Empfindens (Cluniacenser, Cistercienser,

Prämonstratenser; Bernhard von Clairvaux), von der Festigung der

politischen und sozialen Zustände (Machtstellung des Kaisertums

und Papsttums; Feudalsystem), vom Aufschwung des Handels und des

wirtschaftlichen Lebens überhaupt -- Verhältnisse, die zum Teil als

Ursache oder Folge mit den Kreuzzügen in Beziehung zu bringen sind.

Frappierend wirkt es im ersten Augenblick, daß in dieser

Fortschrittsepoche gerade die Medizin in ihrem Aufblühen allen

übrigen Kulturzweigen vorangeht, schon in der ersten Hälfte des 11.

Jahrhunderts einen Höhepunkt erreicht, wodurch das so oft bestätigte

historische Gesetz durchbrochen zu sein scheint, wonach die Medizin

meist im Nachtrab zu finden ist. Tatsächlich liegen hier aber die

Dinge ganz anders. Das Emporkommen der Heilkunst im 11. und 12.

Jahrhundert ist keine allgemeine, sondern nur eine lokale Erscheinung,

es ist nicht der Teilausdruck des herrschenden neuen Zeitcharakters,

es gleicht dem verspäteten Aufkeimen einer Pflanze, deren Same

lange Zeit hindurch ungenützt ruhte, bis er endlich die zu seiner

Entwicklung nötigen Bedingungen erhielt. Darum lag auch der Schauplatz

der ersten medizinischen Glanzepoche des Abendlandes nicht inmitten

der spezifischen Kulturströmung, sondern eher entrückt von derselben,

nämlich in dem, fremden östlichen Einflüssen stark ausgesetzten,

Unteritalien.

Der Ruhm, die älteste ärztliche Schule des christlichen Abendlandes

in ihren Mauern beherbergt zu haben, kommt der, am Tyrrhenischen

Meere, südlich von Neapel, in einer der schönsten und gesündesten

Gegenden Unteritaliens gelegenen Stadt ~Salerno~ zu. An die Schule

von Salerno, die im Mittelalter jahrhundertelang ein Ansehen genoß wie

die alexandrinische im Altertum, knüpfen sich zwar keine umwälzenden

Fortschritte in der theoretischen Erkenntnis und in den praktischen

Leistungen, aber trotzdem besitzt sie als Bindeglied zwischen der

antiken und der Medizin des Abendlandes eine ganz immense Bedeutung.

So unerwartet die Schule von Salerno im 11. Jahrhundert am historischen

Horizont erscheint -- organisatorisch gefestigt und literarisch

entfaltet -- das von vornherein Unverständliche dieses Phänomens

vermindert sich einigermaßen, wenn man erwägt, daß es in Italien

während der Epoche des frühen Mittelalters an einer Fortpflanzung

medizinischer Kenntnisse in nichtkirchlichen Kreisen, an Vertretern

der ärztlichen Kunst aus dem Laienstande, an besoldeten Stadtärzten

und somit an den Vorbedingungen für einen Schulverband nicht gänzlich

mangelte (vgl. S. 254 u. 255). Im Gebiete der einstigen Magna

Graecia, wo byzantinische Einflüsse fortdauernd zur Geltung kamen

und daher griechische Sprachkenntnis nicht völlig erlosch[1] und

bildungsfreundliche Fürsten longobardischer Herkunft die Erneuerung

der Kultur auf antiker Grundlage förderten[2], lagen die Verhältnisse

besonders günstig für die Wiederanknüpfung des Fadens spätrömischer

Traditionen. Solche mögen es gewesen sein, welche dazu führten,

daß sich gerade das, schon im Altertum ob seines heilsamen Klimas

gerühmte[3] und von Kranken oft aufgesuchte, Salerno zur ~Civitas

Hippocratica~, zu einem Sammelpunkt von Aerzten entwickelte, die sich

allmählich zu gemeinsamer Wirksamkeit vereinigten -- analog oder gar

in Erneuerung einer „schola medicorum” der Römer. Im 10. Jahrhundert

erfreuten sich jedenfalls die Aerzte Salernos bereits eines Ansehens,

das weit über das Weichbild der Stadt hinausreichte. Wie und wann, ob

gänzlich unabhängig oder unter dem Einflusse äußerer Einwirkungen aus

dem ärztlichen Kollegium, ~Collegium Hippocraticum~, eine ärztliche

Lehranstalt wurde, darüber läßt sich auf Grund der zugänglichen,

von Legenden umsponnenen, Quellen nichts Sicheres aussagen, ~nur

das Eine steht fest, daß die Schule von Salerno keineswegs eine

kirchliche Stiftung war und durch ihren von Anbeginn an laikalen

Charakter inmitten der geistlichen Bildungsanstalten, inmitten der

Klerikermedizin, eine ganz isolierte Stellung einnahm~.

[1] Die griechische Sprache erhielt sich in manchen Gegenden

Unteritaliens als lebende Sprache Jahrhunderte hindurch und noch

als Adelard von Bath im Laufe seiner Reisen (vor 1116) in die

Nähe von Salerno kam, hörte er einen ~griechischen~ Philosophen

über Medizin und Naturwissenschaft disputieren.

[2] Um die Mitte des 9. Jahrhunderts (zur Zeit als Ludwig II. nach

Italien kam) gab es z. B. in Benevent 32 „Philosophen”, d. h.

Lehrer profaner Wissenszweige.

[3] Horaz, Ep. I, 15.

Salerno, das von einer Reihe antiker Autoren (Strabon, Lucanus,

Silius Italicus, Vellejus Paterculus, Plinius) erwähnt wird, genoß

schon in der römischen Kaiserzeit den Ruf eines Kurorts (wetteifernd

mit Bajae). Während des Mittelalters spielte es eine wichtige Rolle

in der politischen Geschichte Unteritaliens und diente den Herzögen

von Benevent, später eigenen Fürsten als Residenzstadt.

Der Ursprung der Schule von Salerno ist trotz eingehendster

Nachforschungen in Dunkel gehüllt. Von den Vermutungen, die im

Laufe der Zeit darüber geäußert wurden, entbehren manche jeder

ernsten Grundlage, wie z. B. daß Karl der Große, daß alexandrinische

Flüchtlinge oder gar, daß die Araber als Gründer anzusehen seien.

Gegen die früher allgemein verbreitete Meinung, daß die Stiftung

von den Benediktinern, von Monte Cassino, ausging, sprechen nicht

wenige Argumente -- abgesehen von der bedeutenden Lokaldistanz

zwischen Salerno und dem Stammkloster der Benediktiner und von dem

vielsagenden Schweigen der geistlichen Chroniken über eine solche

Stiftung -- insbesondere der Umstand, daß in Salerno die Vorsteher

der Schule verheiratet waren, und daß sogar Frauen zur Lehrtätigkeit

zugelassen wurden, was mit einem geistlichen Charakter der Anstalt

unvereinbar gewesen wäre. Freilich schloß es die laikale Gründung der

Schule nicht im geringsten aus, daß an ihr auch Kleriker dozierten,

und wahrscheinlich trugen zum ersten Aufschwung die Benediktiner

manches indirekt bei[4]. Die in den Chroniken von Salerno (vgl.

Mazza, Urbis Salernitanae histor. et antiquitat., Napoli 1681)

niedergelegten Nachrichten, wonach die dortige Schule von vier

Aerzten verschiedener Nationalität gegründet worden sei, von denen

jeder in seiner Muttersprache vorgetragen habe -- ~Helinus~ primum

Salerni Medicinam Hebraeis de litera Hebraica legit, Magister ~Pontus~

graecus de litera graeca Graecis, ~Adela~ Saracenus Saracenis de

litera Saracenica, Magister ~Salernus~ Latinis Medicinam de litera

latina legit[5] -- sind in den Bereich der Legende zu verweisen,

aber sie geben vielleicht einen Fingerzeig in der Richtung, daß sich

möglicherweise außer der griechisch-römischen Tradition auch jüdische

und arabische Einflüsse, letztere wohl von Sizilien her, in freilich

nicht bestimmbarem Ausmaße geltend gemacht haben[6].

[4] Salerno -- um 500 Bistum, seit 974 Erzbistum -- zog nicht nur

durch sein Klima und durch die benachbarten Mineralquellen,

sondern namentlich auch als Wallfahrtsort (Reliquien der hl.

Susanna, Thekla, Archelais, des Apostels Matthäus) Kranke von

weither an. Die Benediktiner besaßen daselbst seit Ende des

7. Jahrhunderts ein Kloster, mit welchem 820 ein ~Hospital~

in Verbindung gebracht wurde. Zwischen der Theurgie und der

weltlichen Heilkunst bestanden überhaupt noch nicht solche

Gegensätze wie in späterer Zeit, wir müssen vielmehr zwischen

Klerus und salernitanischer Aerzteschaft die freundlichsten

Beziehungen und Konkordanz der Anschauungen voraussetzen;

natürliche und übernatürliche Heilpotenzen ergänzten einander

harmonisch.

[5] Auch werden folgende sieben Meister der Heilkunst als die ersten

Lehrer angeführt: Guglielmus de Bononia, Michael Stottus de

civitate Salerni, Guglielmus de Ravengna, Enricus de Padua,

Tetulus Graecus, Solonus Ebraeus, Abdana Saracenus, also

Vertreter der vier Nationen, der ~Lateiner~, ~Griechen~, ~Juden~

und ~Araber~.

[6] Diese Einflüsse sind wohl am ehesten in der Materia medica zu

suchen, wobei der Handelsverkehr mit Sizilien und der Levante

den Vermittler machte. Möglicherweise haben die Schulen der

Araber in Sizilien vorbildlich gewirkt. Eine Beteiligung von

nichtchristlichen Elementen an der Schule ist nicht erweisbar,

wiewohl es durch historische Zeugnisse feststeht, daß Juden

in Salerno als Aerzte wirkten (z. B. Juda um 1005) und daß

ihre dortige Existenz jedenfalls weiter zurückreicht als die

salernitanische Literatur. Wahrscheinlich war aber die Tätigkeit

der jüdischen Aerzte in der Regel nur auf die Glaubensgenossen

beschränkt. Der jüdische Reisende Benjamin von Tudela, der bald

nach 1160 Salerno besuchte, erzählt merkwürdigerweise -- was

anderen Nachrichten widerspricht -- daß sich unter den dortigen

600 Juden kein Arzt befunden habe.

Als älteste Aerzte sind urkundlich nachweisbar Josep und Josan,

Mitte des 9. Jahrhunderts, sodann Ragenifrid (950) und Grimoald (um

1000). Ueber einen in Salerno gebildeten Arzt, der in Frankreich

vor dem Jahre 924 am Hofe Ludwigs des Einfältigen lebte, berichtet

Richerus (Histor. II, 59) -- was gewiß schon für den Ruf der

Schule spricht[7]. Jedenfalls kamen schon seit dem 10. Jahrhundert

weltliche und geistliche Fürsten oft aus weiter Ferne, um bei den

~Medici Salernitani~ Hilfe zu suchen, so z. B. ~Adalberon~, Bischof

von Verdun, im Jahre 984, der Abt von Monte Cassino, ~Desiderius~

(später Papst Victor III.), um 1050, ~Bohemund~, der Sohn des

Herzogs Guiscard, ~Robert~, der Sohn Wilhelm des Eroberers, die

beiden letzteren, um ihre im Kriege erhaltenen Wunden heilen zu

lassen. Während der Kreuzzüge suchten heimkehrende kranke Krieger

häufig in dem günstig gelegenen Salerno Zuflucht, wodurch die

Erfahrung der Aerzte bedeutende Bereicherung empfing. Den hohen Ruhm

der Schule bezeugen der Dichter und Arzt, spätere Erzbischof von

Salerno, ~Alphanus~ (Mitte des 11. Jahrhunderts)[8], der kirchliche

Geschichtschreiber ~Ordericus Vitalis~ († 1141)[9], ein 1162-1164 am

Hofe des Bischofs Reinald zu Köln verfaßtes ~Carmen Archipoetae de

itinere Salernitano~[10], der jüdische Reisende ~Benjamin von Tudela~,

der Erzbischof und Arzt gekrönter Häupter ~Romualdus~ (Chron. p.

172, Civitas medicinae utique artis diu famosa atque praecipua) u. a.

Allbekannt ist die Rolle, welche Salerno in dem Gedichte „~Der arme

Heinrich~” von Hartmann von der Aue (um 1200) spielt.

[7] Richerus (vgl. S. 272) erzählt nämlich von der Eifersucht und

dem Wettstreit zwischen Deroldus, dem Günstling des Königs,

und einem Salernitaner Arzt, dem Schützling der Königin.

Ersterer wird als „in arte medicinae peritissimus” geschildert,

der gelehrt von den „differentias dinamidiarum”, von der

„farmaceutica, cirurgia, butanica” zu sprechen wußte, während

der letztere zwar „ingenium” und empirische Kenntnisse,

aber keine hinlängliche wissenschaftliche Bildung -- „nulla

literarum scientia imbutus” -- besaß. Der Salernitaner

unterliegt im gelehrten Dispute und auch bei den gegenseitigen

Vergiftungsversuchen (!) der beiden Rivalen.

[8] Dieser rühmt die Blüte der medizinischen Kunst in Salerno während

einer dem 9. Jahrhundert angehörenden Epoche und deutet an, daß

sich zu seiner Zeit schon Spuren des Verfalles geltend machten:

„~Tum medicinali tantum florebat in arte.~”

[9] Histor. ecclesiast. III. An zwei Stellen: Unter dem Datum vom

Jahre 1059 wird berichtet, daß der berühmte Rodolfus, genannt

Mala Corona, nach Salerno kam, „ubi maximae medicorum scholae

ab antiquo tempore habebantur”, unter dem Datum vom Jahre 1085

heißt es: „Medici Psalerniae, quorum fama per orbem admodum

divulgata est excellentia medicinalis peritiae”.

[10] Abgedr. in Grimm, Kleinere Schriften, Berl. 1866, p. 64. Es

rührt von einem Manne her, der aus Salerno, wo er Studien halber

geweilt hatte, auf Geheiß des Bischofs zurückgekehrt war und

beginnt mit den Versen:

„En habeo versus, te praecipiente, reversus,

Sit [tibi] frons laeta versus recitante poeta.

Laudibus eternum nullus negat esse Salernum;

Illuc pro morbis totus circumfluit orbis.

Nec debet sperni, fateor, doctrina Salerni

Quamvis exosa michi sit gens illa dolosa.”

Den medizinischen Unterricht erteilten gleichzeitig mehrere (später

10) Lehrer, an der Spitze des „Collegium Hippocraticum” stand ein

Praeses, Praepositus, Prior (d. h. ein Dekan); die Lehrer waren

anfangs auf das Honorar angewiesen, welches die Schüler für den

Unterricht zahlten, später genossen sie (gleich den Studierenden)

Steuerfreiheit, zuweilen auch die Nutznießung von Häusern und

Grundstücken. Zu ihren Vorträgen hatten Angehörige jeder Nation

und jedes Glaubensbekenntnisses Zutritt. Ende des 11. Jahrhunderts

sollen sich unter der gewiß beträchtlichen Zahl oft aus weiter Ferne

herbeikommender Studierenden auch viele Juden befunden haben. Als die

Stadt Salerno mit ganz Unteritalien (seit 1075) unter die Herrschaft

der Normannen kam und späterhin mit dem Königreich Neapel und Sizilien

vereinigt wurde (1130), wurde die Schule nicht minder gefördert,

ja gerade unter dieser Herrschaft erreichte sie den Gipfel ihres

Ruhmes. Bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts erhielt sie sich im

blühendsten Zustande. Sprößlinge der vornehmsten Geschlechter Salernos

verschmähten es nicht, dem Collegium Hippocraticum anzugehören.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 39 / 76 段