Patriziergeschlechte (daher Magnentius), wurde schon in früher Jugend
für den geistlichen Stand bestimmt und empfing seine Ausbildung zuerst
im Benediktinerkloster zu ~Fulda~, sodann unter Leitung Alkuins in
Tours. Er gehörte zu den hervorragendsten Schülern desselben und
verdankte ihm den Beinamen Maurus (Lieblingsschüler des heiligen
Benedictus). Nach der Heimat zurückgekehrt, wirkte Hrabanus im Kloster
zu Fulda als Lehrer, später als Abt (822-842), während der letzten
Lebensjahre (847-856) fungierte er als Erzbischof in Mainz. Um die
Begründung des deutschen Schulwesens, um die Förderung der deutschen
Sprache und um die Erhaltung der alten Klassiker hat er sich die
größten Verdienste erworben[55]. Hrabans reiche schriftstellerische
Tätigkeit bezog sich zwar hauptsächlich auf die Theologie, behandelte
aber unter dem Gesichtspunkte derselben das gesamte Wissen der Zeit.
(Gesamtausgabe ed. Colvenerius, Colon. Agrippin. 1626.) In enger
Anlehnung an Isidors Origines (vgl. S. 260) stellte er dasselbe in
der umfassenden, aus 22 Büchern bestehenden, Enzyklopädie ~Physica
s. de universo~ klar und übersichtlich zusammen. Das 6. und 7.
Buch dieses Werkes handelt vom Menschen und seinen Teilen, über die
Lebensalter, Nachkommenschaft, Mißgeburten etc., im 18. Buche ist eine
ganz flüchtige Uebersicht über die Krankheiten und die Heilmethoden
enthalten (vgl. die deutsche Uebersetzung von Fellner, Compendium
der Naturwissenschaften an der Schule zu Fulda im 9. Jahrhundert,
Berlin 1879). Physiologisches findet sich hie und da auch in einer
anderen Schrift, in dem Traktat ~de anima~, wo die bemerkenswerte
Stelle vorkommt: recte credendum est, animam in vertice sedem habere.
Vom sprachwissenschaftlichen Standpunkte interessant ist das, im 6.
Bande der obenerwähnten Gesamtausgabe mitgeteilte, Verzeichnis der
Körperteile -- wegen der häufig beigefügten deutschen Erklärungen
anatomischer Termini[56]. Z. B. Vertex, Scheitila -- Pupilla seha
-- Supercilia id est uvindbrauna -- Dentes ceni -- Molares, chinni
ceni -- Arteriae id est Weisunt -- Gurgulio chela -- Mentum chinni --
Humeri Scultyrre -- Cubitum helina -- Costae ribbi -- Latus sita --
Scapula ahsala -- Polmon lungun -- Jecor lebera -- Splen id est miltzi
-- Fel id est galla -- Stomachus id est mago -- Intestina id est
tharma -- Venter id est hwamba -- Vesica blatra -- Renes lendibraton
-- Lumbi lendin -- Umbilicus nabulo -- Surae Wadon -- Pes phuoz.
[55] Fecit et bibliothecam, quam tanta librorum multitudine ditavit,
ut vix dinumerari queat, sagen die alten Akten von Fulda.
[56] Dieses Verzeichnis wurde unter Hrabans Anleitung von Walahfrid
Strabo hergestellt. Hrabans Interesse für die Muttersprache
bekunden auch die, ihm zugeschriebenen, althochdeutschen Glossen
zur Bibel, die Mitteilung der Runen u. a.
Die Medizin wurde als Teilgebiet der „~Physica~”[57] gelehrt.
Zumindest aber für jene Schüler, die später als heilkundige Kleriker
fungieren sollten[58], konnte der Unterricht nicht bloß bei einigen
allgemeinen theoretischen Kenntnissen stehen bleiben, sondern er
mußte zur gewissenhaften Lektüre der medizinischen Autoren[59]
fortschreiten und -- was die Hauptsache war -- auch praktische Uebungen
in sich schließen. Letztere bestanden im Aufsuchen und Sammeln von
Arzneipflanzen, in der Bereitung von Medikamenten und, wie mit großer
Wahrscheinlichkeit anzunehmen, in Hilfeleistungen am Krankenbette.
[57] Um die Mitte des 9. Jahrhunderts schreibt Bischof Ermenrich von
Passau an den Abt Grimaldus von St. Gallen: Physica dividitur in
arithmeticam, astronomiam, astrologiam, mechanistiam, medicinam,
geometricam, musicam ... (Mon. Germ. Epist. V, 541).
[58] In den Annalen der alten Klöster werden gewöhnlich einige Mönche
als besonders heilkundig erwähnt, so wie andere Mönche z. B.
als Dichter, Maler, Kunsthandwerker etc. hervorragten.
[59] So enthielt z. B. die Bibliothek des Klosters Reichenau (bei
Konstanz) nach einem Bücherverzeichnis etwa aus dem Jahre 841
außer naturwissenschaftlichen Werken (z. B. die Etymologiae und
De naturis rerum des Isidorus) einen „Liber perisfegmonis de
positione et situ (statu) membrorum” (~galenischen~ Schriften
über den Puls und über Anatomie entsprechend?), einen liber
~Alexandri~, einen liber ~Vindiciani~ de olei[s] confectionibus,
von demselben Autor „epistolae” und confectionum malagmatum
antidotum et emplastrorum et dicta medicinae in codice uno,
Prognostica ~Democriti~, den Herbarius des ~Apuleius Platonicus~
sowie andere nicht genauer bezeichnete medizinische Bücher und
„Excerpta” aus solchen.
Welche Arzneipflanzen in den Klostergärten gezogen wurden, darüber
bringt uns das reizende Lehrgedicht des Abtes von Reichenau, ~Walahfrid
Strabo~, der „~Hortulus~” Kunde.
•Walahfrid Strabo•[60] (~Strabus~) aus Schwaben, der bedeutendste
Schüler des Hrabanus, einer der gelehrtesten und poetisch begabtesten
Männer seines Zeitalters, Abt des Klosters Reichenau (dem er die
erste Ausbildung verdankte), starb 849 erst 42 Jahre alt. Von seinen
Schriften besitzt der ~Hortulus~, ein anmutiges, idyllenartiges
(aus 444 Hexametern bestehendes) Lehrgedicht, in welchem er mit
ausgesprochenem poetischen Talent die im Klostergarten gezogenen
Arzneipflanzen mit ihren Heilwirkungen beschreibt, einige medizinische
Bedeutung; zahlreiche Ausgaben z. B. von Choulant im Anhang zum
Macer Floridus, Leipzig 1832, von F. A. Reuß, Würzburg 1834 (nebst
Angabe der Parallelstellen aus Lucretius, Virgil, Ovid, Columella,
Plinius, Serenus Samonicus, Plinius Valerianus), von F. H. Walchner,
Karlsruhe 1838, in E. Dümmler, Poëtae lat. aevii carolin. I, Berl.
1880. Die besungenen Pflanzen, jede in einem Kapitel, sind folgende:
Salvia, Ruta, Abrotanum, Cucurbita, Pepones, Absinthium, Marrubium,
Feniculum, Gladiola, Libysticum, Cerefolium, Lilium, Papaver, Sclarea,
Mentha, Pulegium, Apium, Betonica, Agrimonia, Ambrosia, Nepeta,
Raphanus, Rosa. In den therapeutischen Angaben folgt Walahfrid den
alten Mustern. Der Hortulus gewann nicht nur den Beifall des ganzen
Mittelalters, sondern auch noch den der Humanisten.
[60] D. h. der Schieler.
Zur praktischen Verwertung der erworbenen Kenntnisse ergab sich
Gelegenheit in den ~Infirmarien~ und in den klösterlichen oder
stiftischen ~Hospizen~; außerdem haben die Klerikerärzte den
Bedürftigen gewiß auch außerhalb der Klostermauern ihre Hilfe gewährt.
Die Benediktinerregel verordnete, daß den kranken Brüdern
eine Sonderzelle eingeräumt und ein besonders geschickter und
gewissenhafter Krankenpfleger beigegeben werde. Aus dieser
Krankenzelle wuchsen mit der räumlichen Entwicklung der Klöster die
~Infirmarien~ heran, d. h. Krankensäle bezw. ganze Spitalsanlagen
für die Mönche oder Nonnen, in denen vielleicht auch kranke Schüler
und Angehörige der klösterlichen Gemeinschaft Aufnahme gefunden
haben mögen. Davon zu unterscheiden sind die Hospize (Hospitäler),
in welchen Fremde beherbergt und nebstbei auch Kranke verpflegt
wurden. Wie sehr die Krankenpflege und die ärztliche Tätigkeit
wenigstens bei größeren Klosteranlagen Berücksichtigung fand, beweist
der noch erhaltene Idealplan von St. Gallen aus dem Anfang des 9.
Jahrhunderts[61]. Auf diesem sehen wir eine ~ganze Spitalsanlage~
von mehreren Gebäuden, deren eines ~Zimmer für Schwerkranke~ enthält,
welche in engster Verbindung mit den ~Wohnungen der Unterärzte und des
Oberarztes~ stehen; wir finden ferner verschiedene ~Baderäume~ (für
Kranke, für die Mönche, die Schüler, die Diener) verzeichnet, einen
~Aderlaßraum~, der zugleich als Gemach zum Einnehmen der Heilmittel
(Abführmittel) diente, eine ~Kräuterkammer~ (armarium pigmentorum),
in welcher wohl nicht bloß Heilmittel (pigmenta) aufbewahrt, sondern
auch manche Arzneien fertiggestellt wurden; auf den Beeten des zum
Kloster gehörigen Kräutergartens sollten die Heilkräuter (Carum Carvi,
Foeniculum, Foenum graecum, Gladiolus, Iris, Levisticum, Mentha
piper., Pulegium, Rosmarinus, Ruta, Salvia, Sisymbria, Tanacetum
und eine Faba-Art) gezogen werden. Daß aus der Klosterapotheke
nicht nur an die Angehörigen des Konventes selbst, sondern auch an
Außenstehende Medikamente abgegeben wurden und daß Klerikerärzte auch
nach auswärts gingen, scheinen unter anderem die Formelbücher (eine
Art von Briefstellern) von St. Gallen und Reichenau anzudeuten[62]. --
Der Bedarf an ausländischen Arzneistoffen konnte bei den aus Italien
heimkehrenden Kaufleuten gedeckt werden.
[61] Bauriß des Klosters St. Gallen v. J. 820, herausgegeben von
Ferdinand Keller, Zürich 1844.
[62] Es werden z. B. folgende Briefformeln angeführt: „Pigmenta
ac medicamenta, quae vobis congrua puto, vestrae dilectioni
dirigere puto” -- Posco, ut, si ullo modo fieri valeat, post
festivitatem ... jubeatis illum medicum ad me venire, quia
adjutorio ejus indigo (Pertz, Mon. Germ. Leges Sect. V, p. 421
u. 374).
Die Heilmittel, welche zur Verwendung kamen, waren vorherrschend
~pflanzliche~, unter den Arzneiformen war der ~Trank~ (pflanzliches
Dekokt) am meisten beliebt, z. B. die potio Paulina (Alantwein, der
Name pot. Paul. beruht auf der bekannten Timotheusstelle). Nicht
nur therapeutischen, sondern auch prophylaktischen Zwecken dienten
~Warmbäder~ (in Bottichen), ~Heißluftbäder~ (durch Aufguß auf erhitzte
Steine), und ~Aderlässe~ (minutio sanguinis); daher wurde bei der
Anlage von Klöstern auf Baderäume und Aderlaßräume Rücksicht genommen
(vgl. oben). Frühzeitig machten die Mönche auf den Gebrauch der
~Heilquellen~ aufmerksam, nicht selten wurde in der Nähe solcher ein
Kloster gestiftet (schon im 9. Jahrhundert stellten Benediktiner von
Weißenfels das in der Völkerwanderung zerstörte Baden-Baden wieder
her).
Unter den geistlichen Aerzten des 9. und 10. Jahrhunderts erlangten
manche den Ruf reicher Erfahrung und Geschicklichkeit, und von dem
Eifer für medizinische Studien legen die Klosterhandschriften (z. B.
von ~St. Gallen~, ~Reichenau~, ~Chartres~) hinreichendes Zeugnis ab.
Sehr großes Ansehen als Arzt genoß ~Notker~ (10. Jahrhundert),
genannt Pfefferkorn (quem pro severitate disciplinarum Piperis-Granum
cognominabant), ein vielseitiges Talent (doctor, pictor, medicus).
Er war ein hervorragender Praktiker und in der Literatur sehr
erfahren (in afforismis medicinalibus, speciebus quoque et antidotis
et prognosticis Ypocraticis singulariter erat instructus). Seine
diagnostische Fertigkeit stützte sich namentlich auch auf Harnschau,
was folgende Anekdote andeutet. Herzog Heinrich von Bayern schickte
ihm, um ihn zu täuschen, den Harn einer liederlichen, schwangeren
Bauernmagd anstatt des seinigen zur Besichtigung, Notker aber
antwortete: Ein unerhörtes Wunder wird Gott jetzt vollbringen, denn
dieser Herzog wird um den 30. Tag von heute ab einen, aus seinem Leib
geborenen, Sohn an seine Brüste legen. Notker soll auch den Ausbruch
von Blattern aus dem Blutgeruch vorausgesagt haben. Ein Jahrhundert
vor Notker war der Mönch ~Iso~ in St. Gallen als Arzt berühmt (uti
plurima doctus, cum unguenta quidem facere nosset, leprosos et
paraliticos sed et caecos curavarat aliquot). Weiterhin wären als
hervorragende Klerikerärzte dieser Epoche beispielsweise zu nennen:
Bischof ~Wikbert~ von Hildesheim (Ende des 9. Jahrhunderts), qui
in suo tempore medicinae peritissimus erat; ~Thiedegg~ aus Corvey,
Bischof von Prag, Leibarzt des Herzogs Boleslaw von Böhmen († 1017),
Bischof Bernward von Hildesheim († 1022), Hugo, Abt von St. Denys,
Didon, Abt von Sens, Sigoald, Abt von Epternac, Derold, Bischof von
Amiens († um 946), in arte medicinae peritissimus.
Von größtem Interesse ist eine Handschrift aus dem Ende des 9.
Jahrhunderts -- ~Codex Bruxellensis 3714~ --, welche nicht nur den
Text des Moschion (vgl. S. 64) enthält, sondern auch durch seine
auf alte Tradition zurückgehende Illustrationen (Kindeslagenbilder)
überrascht (vgl. Weindler, Fr., Gesch. d. gynäkologisch-anatomischen
Abbildung, Dresden 1908 und Sudhoff, Studien z. Gesch. d. Medizin
Heft 4, Leipzig 1908).
Trotzdem Deutschland unter den Ottonen eine kulturelle Glanzära (St.
Gallen, Frauenkloster Gandersheim, Domschulen von Köln, Magdeburg,
Würzburg u. a.) erlebte, rissen doch im Laufe des 10. Jahrhunderts
die Kloster- und Domschulen Frankreichs die Führung an sich, und
dementsprechend scheinen dort auch die bedeutendsten geistlichen Lehrer
der Medizin gewirkt zu haben, so namentlich in ~Chartres~. Aus dieser
Schule gingen nicht wenige berühmte Aerzte hervor, und wir hören von
Richerus, daß er 991 eigens eine beschwerliche Reise dorthin unternahm,
um des Unterrichts bei dem gelehrten Heribrand teilhaftig zu werden,
welcher bedeutende Kenntnisse in der Arzneimittellehre, Botanik
und Chirurgie besessen haben soll[63]. Wanderungen begabter Jünger
oder Entsendungen derselben nach solchen Kloster- und Domschulen,
wo einzelne Wissenszweige besonders gepflegt wurden, gehörten ja
zu den charakteristischen Zügen der erwachenden Lernfreudigkeit.
Richerus war einer der zahlreichen Jünger des freiesten Denkers
seines Zeitalters, des großen Polyhistors ~Gerbert~ (um 950-1003),
welcher mit wahrhaft humanistischem Eifer den Handschriftenschatz
der Bibliotheken mehrte, die philosophische Spekulation belebte und
den mathematisch-astronomischen Studien des Abendlandes neuen Geist
einhauchte[64]. Aus den ~Epistulae~ (Migne Patr. lat. 139) dieses
genialen Franzosen ersehen wir, daß er eine das gewöhnliche Maß
übersteigende literarische Kenntnis der Heilkunde besaß, aber die
praktische Ausübung derselben verschmähte[65].
[63] Richer, der sich nachmals durch seine Geschichte Frankreichs
„Historiarum libri IV” (in Pertz, Mon. Germ. V. Scriptor.
III) berühmt machte, erzählt darin (IV. cap. 50), daß er
Heribrand aufsuchte, um bei ihm die Erklärung der Aphorismen des
Hippokrates zu hören. Da ihm aber dieses Studium allein nicht
genügte (cum tantum prognostica morborum accepissem et simplex
egritudinum cognitio cupienti non sufficeret), so las er mit
dem Lehrer auch das Buch „de concordia Hippocratis, Galieni et
Surani”. Von der erlangten medizinischen Bildung machte Richer
auch in seinem obengenannten Geschichtswerke Gebrauch, indem
er sich in weitläufigen Schilderungen der Krankheiten einzelner
berühmter Personen gefällt.
[64] Gerbert, welcher in ~Aurillac~, ~Vich~ (in der spanischen
Mark) und ~Rheims~ studiert hatte, überstrahlte alle seine
Zeitgenossen nicht nur als gründlicher Kenner der klassischen
(lateinischen) Literatur, als Rhetor und Dialektiker, sondern
insbesondere durch seine Kenntnisse auf dem Gebiete der
Mathematik, Astronomie und Mechanik (Konstruktion astronomischer
Instrumente, Apparate etc.). Anregung zu den realen Studien
hatte er in reichlichem Maße während seines Aufenthalts in
der spanischen Mark empfangen, wo er mindestens unter dem
indirekten Einfluß der arabischen Kultur stand. Gerbert
drang weit über den engen Gesichtskreis der vorausgegangenen
kirchlichen Enzyklopädisten hinaus, blieb nicht am leeren
Formalismus hängen, erkannte den Wert der realen Fächer und
suchte die Bildung praktisch fürs Leben nutzbar zu machen.
In diesem Sinne lehrte er in Rheims, mit dessen Schule sich
während seiner Wirksamkeit keine andere des christlichen
Abendlandes messen konnte; später wurde er nach mancherlei
Wechselfällen am deutschen Kaiserhofe Erzieher Ottos III.,
dessen Gunst er endlich das Pontifikat (Sylvester II.)
verdankte. Die Bewunderung, welche Gerbert (besonders durch
physikalisch-chemische Kunststücke) erregte, hatte natürlich
den Argwohn der geistig Zurückgebliebenen zum Begleiter, und
noch nach Jahrhunderten schimmert in den Sagen, die sich um
seine Gestalt spannen, der schlecht verhüllte Neid hindurch;
selbst vor der päpstlichen Würde nicht zurückbebend, erklärte
man Gerbert bezw. Sylvester als einen Schwarzkünstler, der
mit dem Teufel im Bunde stand und diesem seine Ueberlegenheit
verdankte.
[65] Nec me auctore, quae medicorum sunt, tractare velis, praesertim
cum scientiam eorum tantum adfectarim, ~officium semper fugerim~
(Ep. 151). Aus Ep. 9 und 130 geht hervor, daß Gerbert auch die
verloren gegangene Augenheilkunde des größten antiken Okulisten
Demosthenes in lat. Uebersetzung kannte, aus Ep. 15, daß
man Celsus noch las (Quem morbum tu corrupte postuma, nostri
apostema, Celsus Cornelius a Graecis ἡπατικὸν dicit appellari).
Der immer mehr erstarkende Einfluß der geistlichen Schulen Frankreichs
machte sich in der Folgezeit nicht allein in Deutschland, sondern auch
in England bemerkbar, wo unter der Normannenherrschaft die seit dem
Ausgange des 9. Jahrhunderts reich entfaltete ~nationale Literatur der
Angelsachsen~, von der auch ~medizinische Schriften~ auf uns gekommen
sind, erlosch.
Während der langen Leidenszeit, welche die Einfälle der Dänen
hervorriefen, war in England die Bildung von ihrer Höhe herabgesunken,
aber in den letzten Dezennien des 9. Jahrhunderts gelang es Alfred d.
Gr., einen neuen Aufschwung herbeizuführen. Wie Karl d. Gr. bemühte
sich Alfred den Wissensstand der Geistlichkeit zu heben und noch
erfolgreicher als der Frankenherrscher wußte er das Volkstum für
Bildungsbestrebungen empfänglich zu machen. Neben der lateinischen
entwickelte sich bei den Angelsachsen -- ein Unikum damals im
Abendlande -- eine ~nationale~ Literatur, welche nicht nur Dichtungen,
sondern religiöse und wissenschaftliche Schriften umfaßte. Den Weg
hierzu mußten Uebersetzungen aus dem Lateinischen bereiten, womit
der König selbst begann, indem er die geschichtlichen Werke des
Orosius und Beda, das Buch Gregors über die Seelsorge, des Boethius
Schrift über die Tröstung der Philosophie mehr oder minder frei ins
Angelsächsische übertrug. Ein Teilgebiet der nationalen Prosaliteratur
bildete das ~angelsächsische medizinische Schrifttum~, von dem noch
Reste erhalten sind. Aus der Zeit Alfreds d. Gr. und bald nach ihm
rühren her die Uebersetzungen des ~Apulejus~ (mit der pseudonymen
Schr. de herba Vettonica) und des ~Sextus Placitus~ (ed. O. Cockayne
in Leechdoms, Wortcunning and Starcraft of early England, London
1864-66, vol. I ═ Rer. britannic. med. aevii scriptor. XXXV, 1) und
das Leech book (ed. Cockayne l. c. vol. II ═ Rer. britannic. med.
aevii scriptor. XXXV, 2 mit englischer Uebersetzung), ein in der
ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts niedergeschriebenes ~Arzneibuch
in angelsächsischer Sprache~ in drei Büchern. Das erste Buch (nach
Krankheiten a capite ad calcem geordnetes Rezeptbuch) und das zweite
(mehr wissenschaftlich gehalten, besonders die inneren Affektionen
betreffend) gehören zusammen und bilden das ~Leech book des~ (Arztes)
~Bald~[66], während das dritte Buch für sich ein eigenes, kürzer
gefaßtes, ähnliches Werk darstellt. ~Der Inhalt des Leech book erweist
sich als ein merkwürdiges Gemenge von antiker Buchweisheit~ (aus
lateinischen Autoren und lat. Uebersetzungen griechischer Werke[67]
geschöpft) ~und einheimischer Empirie~. Die Therapie steht weitaus
im Vordergrunde. Die nur stellenweise auftauchende Krankheitstheorie,
Symptomatologie und Diagnostik (weder Pulsbeobachtung noch Harnschau
ist erwähnt) geht auf die antike Ueberlieferung zurück; neben den
wissenschaftlichen finden sich auch angelsächsische Krankheitsnamen
(z. B. Fever-adle ═ Fieberkrankheiten, darunter lent-adle ═ Tertiana,
Poccas oder Poc-adle ═ Variola). Der Heilschatz besteht teils aus
rationellen und empirischen Mitteln (wobei ~die überraschend große
Zahl einheimischer pflanzlicher Arzneistoffe, das Vorwalten der
Simplicia und die primitive Zubereitungsweise~ auffällt[68]), teils
aus magischen, zumeist christianisierten, Gebräuchen (Besprechen,
Beschwören, Amulette, Transplantation, symbolische Handlungen
etc.). Die Chirurgie (Wund- und Frakturenbehandlung, Skarifikation,
Schröpfen, Kauterisation, Aderlaß, Amputation gangränöser Glieder
u. a.) ist verhältnismäßig schwach vertreten. Bei der Schilderung
mancher komplizierter Eingriffe (Inzision des Leberabszesses,
Hasenschartenoperation) bleibt es zweifelhaft, ob dieselben wirklich
ausgeführt wurden oder ob es sich nur um kompilierte Buchweisheit
handelt. -- Größtenteils mit der, auf angelsächsische und keltische
Volkstraditionen zurückgehenden, Zaubermedizin beschäftigt sich das
Buch Lacnuga (Cockayne l. c. vol. III ═ Rer. britannic. med. aevii
scriptor XXXV, 3). Die angelsächsische medizinische Literatur setzte
sich bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts fort.
[66] Am Schlusse des zweiten Buches steht der Vers: Bald habet hunc
librum, Cild quem conscribere jussit.
[67] Z. B. des Alexander von Tralles.
[68] Arzneiformen waren: Infuse, Dekokte, Mischungen (z. B. mit
Milch, Honig), Pulver, Salben, Pflaster (auch medikamentöse),
Dampfbäder, Klystiere (mit einem Horn appliziert). --
Der Theriak und andere hochzusammengesetzte Präparate der
griechisch-römischen Medizin waren den Angelsachsen unbekannt,
resp. konnten nicht zubereitet werden. In einem Kapitel des
Leechbook ist erwähnt, daß Helias, Patriarch von Jerusalem (Ende
des 9. Jahrhunderts) eine Reihe von Rezepten (wahrscheinlich
zugleich auch die zugehörigen orientalischen Drogen) sandte.
Bei aller Anerkennung des literarischen Sammeleifers der Klöster und
trotz aller Würdigung des praktischen Wirkens einzelner Klerikerärzte
darf man sich aber die medizinischen Zustände dieser Epoche nicht
in allzu hellen Farben ausmalen. Nicht nur, daß der Wissensschatz
der antiken Heilkunde nur in sehr geringem Ausmaße und noch dazu
nicht immer in bester Vertretung bekannt wurde[69], daß die Praxis
selbständiger Beobachtungen entbehrte, über karge Hilfsmittel
verfügte, im Banne schematischer Regeln stand, ohne aus dem Borne
eigener Forschung Neues zu empfangen, war die Medizin in der Hand
zahlreicher Mönche nichts anderes als eine fromme Krankenwartung,
die nur losen Zusammenhang mit profaner Gelehrsamkeit besaß, und der
überwiegenden Menge galten noch immer die kirchlichen Wundermittel oder
die christianisierten Heilgebräuche des Volkes weit heilsamer als alle
Arzneien[70]. Wie konnte dies auch anders sein in einer Zeit, da der
religiöse, vom Irdischen abgewandte Gedanke die Vorherrschaft besaß
und sich unbeschadet der Erhaltung antiker Praxis[71] die geistige
Selbständigkeit höchstens in der symbolisierenden, allegorisierenden
Naturbetrachtung offenbarte[72].
[69] So übten z. B. die allgemein beliebten und weit verbreiteten,
häufig bearbeiteten Rezeptbücher des Serenus Samonicus und
Pseudoapulejus einen sehr ungünstigen Einfluß aus.
[70] Zumindest war es eine sehr verbreitete Anschauung, daß
die natürlichen Mittel nur in Verbindung mit theurgischen,
mystischen Prozeduren ihre Wirksamkeit entfalten, erst aus
diesen ihre Heilkraft ziehen.
[71] So erhielt sich über die Jahrhunderte hinweg die Praxis in der
Architektur, Mechanik und sogar in der Chemie (Färberei).
[72] Das Bestreben, in allen Naturdingen geheimnisvolle Beziehungen,
allegorische Hindeutungen aufs Uebersinnliche ausfindig zu
machen, tritt besonders in den Umarbeitungen des aus christlich
alexandrinischen Kreisen hervorgegangenen Physiologus zu
Tage, welcher (12) wirkliche oder phantastische Tiere als
Versinnbildlichung gewisser Tugenden und Laster betrachtet
(vgl. Lauchert, Gesch. des •Physiologus•, Straßburg 1889).
Der Physiologus fand im Mittelalter eine fast beispiellose
Verbreitung, indem er schon früh in orientalische Sprachen und
ins Lateinische, späterhin ins Angelsächsische, Althochdeutsche,
Altfranzösische, Provenzalische, Spanische u. s. w. mehr oder
minder frei übertragen wurde. Dabei hat er natürlich bedeutende
Umwandlungen erfahren.
Dem Charakter der Priestermedizin entsprach namentlich die Behandlung,
welche die Geisteskranken, mit Ausnahme der Schwachsinnigen, erdulden
mußten; man hielt sie für Besessene und demgemäß bildete der Exorzismus
das souveräne Mittel[73]. Im Anschlusse daran sei gleich hier erwähnt,
daß man schon frühzeitig im Hinblick auf das allgemeine Wohl nicht
unberechtigte Maßnahmen zur Absonderung der Leprösen in eigenen unter
geistlicher Aufsicht stehenden Aussatzhäusern traf[74].