Das fränkische, noch recht grobkörnige, durch keine dogmatische

Produktion geläuterte, Christentum stellt geradezu eine Reinkultur

robusten Volksglaubens dar, es bildete den günstigsten Boden für die

Entfaltung einer alles überwuchernden Theurgie, die sich namentlich

an jene Kirchen knüpfte, in denen die Gebeine von ~Heiligen~ (~Martin

von Tours~, ~Julian von Brioude~) ruhten. Hier erfolgten zahllose

Wunderkuren (besonders an kirchlichen Festtagen) an Lahmen, Krüppeln,

Besessenen, Blinden u. dgl. Zu den Formen der theurgischen Therapie

gehörte nicht bloß Gebetsheilung und Exorzismus, das Berühren der

heiligen Reliquien, das Betasten und Berühren der Grabsteindecke etc.,

man ging in dem Glauben an die unerschöpflich ausströmende Wunderkraft

sogar soweit, das Grabsteinpulver, das von den Votivkerzen abtropfende

Wachs, die Dochtasche der Kerzen, die Fransen der Grabsteindecke,

das Oel der Kirchenlampen, das Wasser von der Osterreinigung

etc. als Amulett bezw. inneres Heilmittel zu gebrauchen. An den

Tempelschlaf in den Asklepiosheiligtümern erinnert das Verfahren,

wonach Kranke die Nächte in den Kirchen zubrachten in der Hoffnung,

daß ihnen der Heilige erscheinen und im Traumschlaf das Uebel beheben

werde. Der Zudrang der Kranken war namentlich in Seuchenzeiten ein

kolossaler. Mit der theurgischen Therapie wurden übrigens seitens

der Priesterschaft auch gelegentlich hygienische Maßnahmen (z. B.

Verbot geistiger Getränke, des Fleischgenusses etc.) verknüpft.

Gregor nennt auch zwei in der Heilkunde erfahrene Priester, Aurius

und Venantius (De glor. conf. cap. 10 und 15). Daß man die Kunst

der Aerzte im Vergleich zur übersinnlichen Behandlungsweise recht

tief einschätzte, geht aus den Worten Gregors hervor, die sicher

als Ausdruck des Zeitgeistes betrachtet werden können: „Was vermögen

die Aerzte mit ihren Instrumenten? Es ist mehr ihres Amtes, Schmerz

hervorzubringen, als ihn zu mildern. Wenn sie das Auge aufsperren

und mit ihren spitzigen Lanzetten hineinschneiden, so lassen sie

jedenfalls die Qualen des Todes vor Augen treten, ehe sie wieder

zum Sehen verhelfen. Und sobald nicht alle Vorsichtsmaßregeln genau

befolgt werden, ist es überhaupt mit dem Sehen vorbei. Unser lieber

Heiliger dagegen hat nur ein Stahlinstrument, das ist sein Wille, nur

eine Salbe, das ist seine Heilkraft.” Es ist hierbei zu beachten, daß

Gregor zwar den Wunderglauben seiner Epoche in hohem Maße teilte,

aber manche Krankheitsfälle ganz rationell beurteilte und auch für

seine Person vorerst zu den Arzneimitteln griff.

Den einzigen Lichtblick bietet die Errichtung von Hospizen, in denen

auch Kranke gepflegt wurden[39]. Der Gang, den die Geschichte des

Merowingerreiches gegen Ende des 6. Jahrhunderts einschlägt -- es

ist nichts anderes als eine Kette von mörderischen Bürgerkriegen,

von Verrat und Tücke, Lasterhaftigkeit und Rohheit -- erklärt es zur

Genüge, daß auf solchem Boden die Existenz einer wissenschaftlichen

Heilkunde zur Unmöglichkeit wurde, umsomehr, als der Wissenschaft

hier die Stütze eines bildungsfreundlichen Klerus gänzlich mangelte.

Auch Geistlichkeit und Mönchtum der fränkischen Kirche hatten der

Sittenlosigkeit und Barbarei nicht zu widerstehen vermocht und waren

in Unwissenheit verfallen -- eine Besserung der ganz verrotteten

Kulturverhältnisse vermochte nur ein starker äußerer Einfluß

anzubahnen, vermochte nur ein eiserner Herrscherwille durchzuführen.

[39] Childebert I. gründete 542 das Hôtel-Dieu zu Lyon, Radegunde,

die Gemahlin Chlotar I., das Hospital von Poitiers, um

dieselbe Zeit entstanden Hospitäler zu Rheims und Autun, d. h.

Hospize, welche auch der Krankenpflege dienten. Um die Mitte

des 7. Jahrhunderts (660), nach anderen vor 691, fällt die

Gründung des Hôtel-Dieu zu Paris, welches jedoch erst seit

dem 12. Jahrhundert ausschließlich Krankenanstalt wurde. --

Aussatzhäuser gab es z. B. in Verdun und Metz.

Bessere Verhältnisse traten im fränkischen Reiche erst ein, als das

Schattenkönigtum der letzten Merowinger durch die kräftige Herrschaft

der Karolinger verdrängt worden war und der Klerus unter straffere

Zucht kam. Seit dem 9. Jahrhundert ist der kulturelle Aufschwung

unverkennbar. Vorbereitet wurde derselbe durch die ~Wirksamkeit

irischer und angelsächsischer Wandermönche~, welche, nach dem Festlande

pilgernd, nicht nur allenthalben den religiösen Eifer anfachten und

in die entlegensten Gegenden das Evangelium trugen, sondern auch Keime

der Bildung von den neu gestifteten Klöstern aus verbreiteten.

Es erscheint wie eine wunderbare Fügung, daß während der furchtbaren

Verheerungen im 6.-8. Jahrhundert, in einer wahrhaft trostlosen

Zeit des allgemeinen Bildungsuntergangs, das Erbe des Altertums in

der äußersten Thule der Christenheit, in dem, vom römischen Heere

niemals betretenen, im 5. Jahrhundert hauptsächlich durch Patricius

christianisierten, ~Irland~ geborgen wurde. Dort (späterhin auch

auf schottischem Boden) pflegten seit der zweiten Hälfte des 5.

Jahrhunderts, fernab vom Kampfgetümmel, fleißige Mönche neben der

strengen Askese das Handwerk, Künste und Wissenschaften, dort wurden

in den Klöstern nicht nur geistliche Werke, sondern auch zahlreiche

Schriften der Antike gesammelt, abgeschrieben, studiert und für

den Unterricht benützt, dort allein erhielt sich noch die Kenntnis

der griechischen Sprache, als sie in Italien schon zu erlöschen

begann. Bangor und Hy (oder Iona) wurden Zentralstätten glühender

Religiosität, aber auch gelehrter Bildung. Den keltischen Mönchen

lag ein nomadischer Trieb im Blute, das Pilgern ward ihnen zur

frommen Pflicht; schon seit dem Ende des 6. Jahrhunderts zogen die

eifrigsten unter ihnen, keine Entbehrung, keine Gefahr achtend,

von der grünen Insel und von Schottland nach dem Frankenlande, nach

Burgund, durch Alemannien, Bayern, Thüringen u. s. w., selbst bis

nach Oberitalien, überall zur Bußfertigkeit und christlichen Zucht

anfeuernd und bemüht, den kirchlichen Gedanken durch Klostergründungen

zu stärken. Im Namen der „Schottenklöster” -- bis Ende des 11.

Jahrhunderts erhielt sich stellenweise ein reger Verkehr zwischen

den kontinentalen Klöstern und dem irischen Mönchtum -- lebt die

Erinnerung an die irischen Mönche noch weiter. Wie in der Heimat, so

setzten sie auch in der Fremde die gelehrte Beschäftigung fort, legten

den Grund zu manchen Klosterbüchereien -- noch jetzt bezeugen dies

viele Handschriften in der, den Iren eigenen, spitzigen Schreibform

-- und suchten unter gelehrigen Jüngern Wissen und nützliche Künste

zu verbreiten. Es genüge hier der Hinweis, daß außer zahlreichen

Klöstern in den Südvogesen und an den Schweizerseen das, mit Monte

Cassino später an Gelehrsamkeit wetteifernde, ~Bobbio~ (unweit von

Pavia) eine Stiftung des großen irischen Missionärs Columban des

Jüngeren war, daß das, nachmals so berühmte, Kloster ~St. Gallen~ von

dem Gefährten desselben, dem hl. ~Gallus~, angelegt wurde (Anfangs

des 7. Jahrhunderts).

Während die Benediktiner auf dem Kontinent später häufig erst in

die Fußstapfen der Iren traten, liefen die Bestrebungen beider in

~England~ eine Zeitlang parallel. Dort war zwar noch in Römerzeiten

das Evangelium unter die britische Bevölkerung verpflanzt worden,

doch mit der Vernichtung oder Verdrängung derselben durch die Picten,

Scoten, Angeln, Sachsen und Jüten um die Mitte des 5. Jahrhunderts

schwand das Christentum bis auf geringe Reste. Gegen Ende des 6.

Jahrhunderts begegneten sich die von der keltischen Kirche Irlands und

von Rom (596) unter Gregor dem Großen ausgehende Missionstätigkeit

zur Bekehrung der heidnischen Angelsachsen, nicht ohne gegenseitige

Eifersucht und sogar Feindseligkeit. Gerade der Wetteifer mit den

irischen Sendlingen machte es zur Notwendigkeit, daß Rom seine besten

Kräfte ins Feld rückte und daß der angelsächsisch-römische Klerus

auch auf dem Gebiete wissenschaftlicher Bestrebungen dem Nebenbuhler

gleichzukommen suchte. Schon Papst Gregor hatte für Bücher reichlichst

Sorge getragen, auch sein Sendbote Augustinus wirkte in diesem Sinne,

aber noch lange mußten anglische Geistliche und Mönche, die nach der

Regula St. Benedicti organisiert wurden, den Abschluß ihrer Bildung

in irischen Klöstern suchen. Von nachhaltigem Einfluß wurde erst

das Wirken des gelehrten Erzbischofs von Canterbury, des Griechen

~Theodor aus Tarsus~ (seit 669), welcher im Verein mit dem griechisch

gebildeten Abte Hadrian (einem Afrikaner), an Kirchen wie an Klöstern

Schulen nach italischem Muster gründete und die klassische Bildung

der Geistlichkeit so sehr erweiterte und vertiefte, daß es noch zwei

Menschenalter nach ihm nicht an Männern fehlte, welche das Griechische

wie ihre Muttersprache redeten.

Von ihren häufig unternommenen Pilgerfahrten nach Rom brachten

Bischöfe, Aebte, Mönche, aber auch Fürsten und reichbegüterte

Laien[40] Handschriften nach der Heimat und durch vervielfältigendes

Abschreiben (auch in den Nonnenklöstern) schwoll der Bücherschatz

der Dom- und Klosterschulen bedeutend an, namentlich in Kent,

Malmsbury, York, Weremouth und Yarow. Im 8. Jahrhundert übertraf der

angelsächsische Klerus den aller übrigen Länder weitaus an Wissen;

von allen Seiten strömten gelehrige Schüler herbei, und der wachsende

Bildungssinn wandte sich nicht bloß den eigentlich kirchlichen,

sondern auch den weltlichen Wissenschaften mit Eifer zu[41]. Wie

die Iroschotten zogen aber auch die angelsächsischen Mönche als

Glaubensboten durch die Welt -- der größte unter ihnen war Bonifatius,

welcher auf seinen Wanderzügen durch Deutschland an verschiedenen

Orten Kirchen, Klöster (zuletzt Fulda) und Schulen stiftete und

bekanntlich nicht nur dem Christentum unablässig neuen Boden gewann,

sondern auch die Unterwerfung der fränkischen Kirche unter die

päpstliche Oberherrschaft durchführte; er fand bei den heidnischen

Friesen den Märtyrertod. Mit der Niederlassung angelsächsischer

Mönche war auch der Unterricht der Jugend und die Verbreitung von

Handschriften verknüpft, wie dies schon früher und gleichzeitig durch

die Iren geschah[42].

[40] Es wanderten so zahlreiche Pilger (besonders auch Laienpersonen

aus der Mittelschicht) nach der Apostelstadt, daß dort schon 718

zu ihrer Aufnahme und zur Beherbergung der höhere Ausbildung

suchenden Geistlichkeit eine Schola Saxonum gegründet wurde,

die aber um die Mitte des 9. Jahrhunderts vollständig abbrannte.

[41] Insbesondere der Arithmetik und Astronomie.

[42] So soll z. B. der Stifter des Klosters Reichenau, St. Pirminius,

aus seiner Heimat 50 Bücher mitgebracht haben.

Es ist sicher, daß unter den praktischen Kenntnissen, welche die

Iroschotten und die angelsächsischen Benediktiner pflegten bezw.

verpflanzten, auch medizinische inbegriffen waren, denn aus Aeußerungen

Columbans, aus dem Briefwechsel des Bonifatius, ganz besonders aber

aus den Werken des ~Beda Venerabilis~ (674-735) können wir entnehmen,

daß die Mönche Irlands und Englands bei ihren Studien die Heilkunde

nicht vernachlässigten[43], um die handschriftliche Erhaltung der

einschlägigen Literatur sehr bemüht waren und die erworbenen Kenntnisse

am Krankenbett verwerteten.

[43] In einer Glosse zu einer (jetzt in Karlsruhe befindlichen, aus

dem Kloster ~Reichenau~ stammenden) Handschrift der Schrift de

ratione temporum des Beda aus dem Ende des 8. oder Anfang des

9. Jahrhunderts liest man das Wort archiater erklärt durch das

irische Wort huasallieig.

Aus Columbans des Jüngeren Worten im Eingang seiner Instructio

(IV) geht hervor, daß die Heilkunde in irischen Klöstern einen Teil

des Unterrichts ausmachte, denn offenbar aus eigener Erinnerung an

die strenge Zucht ruft er aus: quantis verberibus, quibus doloribus

musicarum discentes imbuuntur! ~quantis fatigationibus vel quantis

maeroribus medicorum discipuli vexantur!~ Von einer Wunderkur des

hl. Gallus an der kranken Tochter des Herzogs Cunzo erzählt die

Legende. In manchen Handschriften der Schrift de laude virginitatis

des angelsächsischen Abtes ~Aldhelm von Malmesbury~ († 709) wird

unter den Studien neben der Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie,

Astrologie, Mechanik auch die Medizin genannt. Eine Stelle im

Briefwechsel des Bonifatius beweist, daß die angelsächsischen

Klosterbibliotheken medizinische Werke besaßen, denn es schreibt der

Korrespondent aus der Heimat: Nec non et si quos saecularis scientiae

libros nobis ignotos adepturi sitis, ut sunt de medicinalibus, quorum

copia est aliqua apud nos ... (Bonif. Epist. p. 120).

•Beda Venerabilis•, Presbyter des Klosters Weremouth, einer der

gelehrtesten Männer seiner Zeit, vermittelte die Kontinuität zwischen

den letzten Ausgängen des römisch-christlichen Weltalters und dem

beginnenden Geistesleben der christlich-germanischen Völker. Sein

reiches Schrifttum, welches von umfassender Gelehrsamkeit zeugt

(Gesamtausgabe von Giles, London 1843), besitzt auch einige Beziehung

zur Medizin. So enthält die berühmte Historia ecclesiastica gentis

Anglorum Schilderungen von Seuchen, sie berichtet über Wunderkuren,

besonders des Bischofs St. John of Beverley (darunter finden sich

auch solche, die rationell leicht erklärbar sind, z. B. die sehr

interessante Heilung eines Falles von Aphasie mittels methodischer

Sprechübungen) und wirft interessante Streiflichter auf die Heilkunst

der angelsächsischen Periode, in welcher neben heilkundigen Mönchen

und Priestern (z. B. Bischof Tobias von Ross) auch Volksärzte,

~leeches~ (als Wund- und Hautärzte), tätig waren; wir hören auch,

daß schon ~Theodor von Tarsus~ (vgl. S. 264) sich mit Medizin abgab

und den Mönchen und Nonnen z. B. Vorschriften über die Ausführung

des Aderlasses hinterließ. Nach Beda führte nämlich John of Beverley

in einem Falle die üblen Folgeerscheinungen eines Aderlasses darauf

zurück, daß er an einem ungünstigen Tage vorgenommen worden sei,

wobei er sich auf Theodor berief: Memini enim beatae memoriae

Theodorum episcopum dicere, quia periculosa sit satis illius temporis

phlebotomia, quando et lumen lunae et rheuma oceani in cremento est.

In den „Elementa philosophiae”, einer umfassenden Enzyklopädie, findet

sich viel Naturwissenschaftliches, aber nur eine höchst dürftige,

dem Aristoteles entlehnte, Physiologie. Die kleine Abhandlung ~de

minutione sanguinis~, welche unter Bedas Namen geht, stellt der

Hauptsache nach ein Verzeichnis der für die Vornahme des Aderlasses

geeigneten Venen und der günstigen resp. ungünstigen (dies Aegyptiaci)

Aderlaßtage dar.

So verdienstvoll aber die Vorarbeit der angelsächsischen Missionen

auch war, ihre zarten Anpflanzungen wären wahrscheinlich in den

rauhen Zeiten wieder entwurzelt worden, hätte die Bildung nicht in

dem mächtigsten Schirmherrn der abendländischen Welt, in Karl dem

Großen, ihren Beschützer und tatkräftigen Förderer gefunden. Es würde

viel zu weit führen, wollte man hier des näheren ausführen, wie der

„rector regni” und der „rector ecclesiae” in Verfolgung höchster

Ziele den fränkischen Klerus aufrüttelte und für die Errichtung oder

Wiederherstellung von zahlreichen Dom- oder Klosterschulen im ganzen

Reiche, selbst an den äußersten Grenzen, Sorge trug, wie er seinen

Hof zum Ausgangspunkt der Gelehrsamkeit und vielseitiger literarischer

Bestrebungen machte, wie er nicht nur den Nachwuchs der Geistlichkeit,

sondern auch die Laien zum Unterricht durch sein eigenes Beispiel

anzueifern suchte. Bekanntlich gelangten die großangelegten Pläne

Karls hauptsächlich durch ~Alkuin~ (735-804) zur Ausführung[44].

Dieser reichbegabte Angelsachse war der Mittelpunkt der aus Gelehrten

verschiedener Nationalität zusammengesetzten höfischen Akademie[45],

die Seele der mustergültigen schola palatina, der Schöpfer der, für den

ganzen Klerus der fränkischen Länder, vorbildlichen Klosterschule von

~Tours~, wo durch fleißige und streng beaufsichtigte Kopistentätigkeit

ein Sammelplatz wertvoller Handschriften geschaffen wurde[46]. Alkuin,

welcher die wissenschaftlichen Traditionen der Schulen von York,

Winchester und Canterbury nach dem Festlande verbreitete, ist es zu

danken, daß neben den grammatischen und logischen Studien auch auf

die mathematisch-astronomischen Kenntnisse besonderes Gewicht gelegt

wurde, vielleicht auch, daß die ~Heilkunst~ im Lehrplan ihr Plätzchen

fand. Wenigstens heißt es in einem seiner Gedichte, in dem er scherzend

das gelehrte Treiben am Hofe schildert:

„Schon auch kommt Hippokrates' Schar, es kommen die Aerzte;

Schlägt der eine die Ader, so mischt der andere die Kräuter,

Und mit kräftigem Trank füllt Becher und Schalen ein

dritter”[47].

Ebenso wird auch in den Versen des karolingischen Hofdichters, des

Hibernicus exul, der die Freskenbilder der Pfalz besingt, unter den

Wissenschaften und Künsten ausdrücklich der Medizin gedacht[48].

[44] Den Antrieb zu seinen Bestrebungen empfing Karl der Große durch

Italien, dessen Kulturdenkmale und Bildung er schon auf seinem

Zuge gegen die Longobarden kennen gelernt hatte, entscheidend

aber war sein Zusammentreffen mit dem Zögling der Schule von

York, Alkuin, in Rom im Jahre 781.

[45] Außer Alkuin und seinen Genossen gehörten zu derselben z. B.

die Iren Clemens und Dungal, die Longobarden Paulus Diaconus

und Paulinus von Aquileja, der Westgote Theodulf. Bei Alkuin

und Petrus von Pisa erwarb sich Karl der Große seine eigene

Bildung.

[46] Im Saale der Kopisten las man Verse Alkuins, welche ihnen

Sorgfalt anbefahlen.

[47] Accurrunt medici mox Hippocratica tecta

Hic venas fundit, herbas hic miscet in olla,

Ille coquit pultes, alter sed pocula praefert

Et tamen, o medici, cunctis impendite gratis

Ut manibus vestris adsit benedictio Christi.

(Alcuinii carmina ed. Dümmler, Poet. lat. aevi Carolini t. I,

p. 245.)

[48] L. c. p. 410.

Jedenfalls ordnete Karl der Große späterhin den ärztlichen Unterricht

an -- im Capitulare von Thionville (Diedenhofen) 805 ~de medicinali

arte, ut infantes hanc discere mittantur~ -- wobei wohl außer der

Lektüre medizinischer Schriften und dem Studium der Arzneipflanzen

auch praktische Uebungen in Betracht kamen, wie Alkuins Gedicht

andeutet[49]. Rühmlich muß es auch hervorgehoben werden, daß sich ein

Capitulare von 813 gegen den Heilaberglauben wendete und den Priestern

bei scharfer Strafe verbot, das heilige Salböl zur Heilung oder zum

Zauber herzugeben[50].

[49] Karl der Große folgte allerdings, was seine Person anlangte,

mehr dem eigenen Gutdünken als dem Rat der Leibärzte, so

erzählt sein Biograph Einhard (Vita Carol. in Pertz Mon. hist.

II, 455): „Et tunc quidem plura suo arbitratu quam medicorum

consilio faciebat, quos pene exosos habebat, quod ei in cibis

assa, quibus assuetus erat, dimittere et elixis adsuescere

suadebant.” In der Vita St. Sturmi (in Pertz Mon. hist. II,

377) erwähnt Eigil den ~Wintarus~ als einen der Leibärzte. Der

Kaiser selbst hatte in seiner Bibliothek das Buch des Serenus

Sammonicus. Gelegenheit zu botanisch-pharmakologischen Studien

boten die kaiserlichen Gärten und die Klostergärten. In den

ersteren wurden 73 Medizinalpflanzen gezogen (Capitulare

de villis), z. B. Rheum Rhaponticum, Erythraea, Centaureum,

Squilla, Levisticum.

[50] St. Gallus und St. Pirminus hatten früher, freilich erfolglos,

die Votivgaben für Heilungen (Nachbildungen von Körperteilen)

als heidnischen Gebrauch gebrandmarkt.

Der Eifer des Kaisers, dem christlichen Weltreiche eine entsprechende

Kultur zu geben, wurde durch Erfolge gekrönt, welche eine neue Aera

heraufführten und nicht mit dem Tode ihres Urhebers schwanden[51].

Durch die Zöglinge der Hofschule und des Klosters von Tours nahm seit

dem 9. Jahrhundert das Unterrichtswesen und die wissenschaftliche

Betätigung in den Stifts- und Klosterschulen erfreulichen Fortgang und

trotz der schweren Wirren infolge der Zwistigkeiten im Karolingerhause,

und der Teilung des Reiches, trotz der furchtbaren Bedrängnisse

durch äußere Feinde, reihte sich auch auf ost- und westfränkischem

Boden in glänzender Kette Name an Name von blühenden geistlichen

Bildungsstätten[52], die einen tüchtigen Klerus heranzogen und der

Erhaltung der alten Literatur die sorgsamste Pflege angedeihen ließen

-- allen voran ~Fulda~, ~Reichenau~ und ~St. Gallen~.

[51] Dies bezieht sich aber nur auf die kirchlichen Kreise, denn sehr

bald nach Karls Hinscheiden verlor sich das Interesse der Laien

an wissenschaftlichen Bestrebungen, die schola palatina büßte

ihre weittragende Bedeutung schon unter Ludwig dem Frommen ein

und namentlich die Volksbildung geriet ins Stocken. Seit 817

wurde in den Klöstern die eigentliche ~Mönchsschule~ (~schola

interior~) von der, für Laienzöglinge bestimmten, ~Außenschule~

(~schola exterior~) getrennt.

[52] Z. B. Poitiers, Marmoutiers, Ferrières, Lisieux, Soissons,

Fontenay, Luxeuil, Lyon, Rheims, Fleury u. s. w., Fulda,

Reichenau, St. Gallen, Hersfeld, Osnabrück, Corvey u. s. w.

Auch in Italien wurden -- gemäß dem Capitulare Lothars von 824

-- eine Menge von Studiensitzen von Friaul bis Vicenza, von

Cremona bis Fermo geschaffen.

Der Unterricht bewegte sich im Geleis spätrömischer Ueberlieferung,

d. h. er bezweckte die Aneignung der „~septem artes liberales~”, der

sieben freien Künste, in der Anordnung, wie sie der Neuplatoniker des

4. Jahrhunderts, ~Martianus Capella~, in seiner barocken Allegorie de

nuptiis Philologiae et Mercurii zusammengestellt hatte: ~Grammatik~,

~Dialektik~, ~Rhetorik~, ~Arithmetik~, ~Geometrie~, ~Astronomie~

und ~Musik~. Von diesen bildeten die drei ersten das, formale

Bildung vermittelnde, ~Trivium~, die vier übrigen das ~Quadrivium~,

welches zum eigentlichen Fachwissen führte[53]. Die Begriffe dieser

Lehrgegenstände umfaßten aber damals zum Teil mehr als heute, so

z. B. die Grammatik auch Lektüre und Interpretation, Stilistik

und Metrik, im Anschluß an die Rhetorik wurde auch Geschäftsstil

und Gesetzeskunde gelehrt, unter der „Geometrie” subsumierte man

Geographie, Naturgeschichte, Anthropologie und Meteorologie[54].

Selbstredend war der Unterricht durchaus vom Hauch der Theologie

erfüllt und diente vornehmlich nur den praktischen Zwecken der

Kleriker, z. B. Arithmetik besonders zur Berechnung des kirchlichen

Festkalenders u. s. w.

[53] Die Idee der septem artes liberales geht wohl auf griechische

Quellen zurück, Martianus Capella stützte sein im ganzen

Mittelalter als Schulbuch benütztes Werk auf Varros

enzyklopädische Zusammenfassung (Disciplinarum libri IX), welche

aber außer den genannten Zweigen auch die ~Medizin~ und die

Architektur behandelte. Ein bekannter Mönchsvers aus später

Zeit gibt folgende Charakteristik der sieben freien Künste:

~Gram.~ loquitur, ~Dia.~ vera docet, ~Rhe.~ verba colorat,

~Mus.~ canit, ~Ar.~ numerat, ~Ge.~ ponderat, ~As.~ colit

astra.

[54] So wird es verständlich, daß Isidorus (vgl. S. 260) das Studium

„der Geometrie” für den Arzt als besonders wichtig erklärt. Der

Grammatiker Virgilius Maro des 6. Jahrhunderts sagt in einem

seiner Briefe: Geometria est ars disciplinata, quae omnium

herbarum graminumque experimentum enuntiat, unde et medicos

hac fretos geometres vocamus, id est, expertos herbarum.

Wichtig ist die Tatsache, daß seit dem 9. Jahrhundert die Medizin

in den Lehrplan der fränkischen Klosterschulen aufgenommen wurde,

wofür hinlänglich Zeugnisse vorliegen. Wir verweisen nur auf den

Lieblingsschüler Alkuins, auf den „primus praeceptor Germaniae”,

~Magnentius Hrabanus Maurus~, der in seiner maßgebenden Schrift de

clericorum institutione unter den, für den Studiengang der Kleriker

wünschenswerten, Fächern eigenst arzneiliche Kenntnisse erwähnt

(„differentiam medicaminum contra varietatem aegritudinum”) und in

seiner, nach dem Muster des Isidorus verfaßten, Enzyklopädie, ~Physica

s. de universo~, auch der Medizin einen Platz einräumt.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 37 / 76 段