geschriebene Buch de consolatione philosophiae dauernde
Berühmtheit besitzt, beeinflußte die Bildung des Mittelalters
namentlich durch seine Uebersetzungen bezw. Bearbeitungen und
Interpretationen der logischen Schriften des Aristoteles, der
mathematischen Werke des Nikomachos, Euklides, Archimedes,
Ptolemaios u. a. In gerechter Würdigung seines Wirkens schrieb
Theoderich (oder vielmehr in dessen Namen Cassiodor) an ihn:
Du hast die Weisheit der Griechen den Römern zu eigen gemacht,
denn du hast aus ihren reinsten Quellen geschöpft. Deine
Uebersetzungen in der Hand liest der Römer den Pythagoras,
den Meister der Harmonien, und Ptolemäus, den Astronomen; er
liest den Arithmetiker Nikomachos und den Geometer Euklides.
Plato, der Theolog, und Aristoteles, der Logiker, reden nun in
der Sprache Latiums, und den Siciliern hast du den Mechaniker
Archimedes in lateinischem Gewande wiedergegeben.
Immerhin ist aus der Ostgotenzeit wenigstens ~eine~ Schrift auf uns
gekommen, welche einen Schimmer von Originalität besitzt, nämlich
die in barbarischem Latein verfaßte ~Diätetik des Anthimus~ -- ein
Werkchen, das ein merkwürdiges Denkmal der von Italien ausgehenden
Kultureinflüsse bildet.
•Anthimus•, ein aus Byzanz verbannter griechischer Arzt, der
mit Theoderich d. Gr. nach Italien zog und eine Zeitlang am Hofe
des Frankenkönigs Theuderich (511-534) als Gesandter der Ostgoten
lebte, verfaßte in barbarischem Latein (Uebergang ins Romanische)
eine diätetische Schrift in Form eines Sendschreibens: ~Epistula
Anthimi viri inlustris comitis et legatarii ad gloriosissimum
Theudericum regem Francorum de observatione ciborum~ (ed Val.
Rose in Anecd. gr. et graecolat., Berlin 1870 und nochmals Lips.
1877). Das Werkchen stützt sich größtenteils auf die Vorarbeiten
(secundum praecepta auctorum medicinalium), nebstdem sind aber auch
Erfahrungen verwertet, welche Anthimus selbständig bei den Goten
und Franken gemacht hatte -- die einschlägigen Bemerkungen sind
von großem ~kulturhistorischem~ Interesse. Für die langanhaltende
Beliebtheit der Schrift sprechen spätere Einschiebsel, die aus
der Dynamidia und dem Liber de virtutibus herbarum stammen. In
der Einleitung wird hervorgehoben, daß eine rationelle Ernährung
die Grundlage der Gesundheit bilde und Krankheiten verhüte; die
Kost soll leicht verdaulich sein, man möge auf Mäßigkeit im Essen
und Trinken bedacht sein, und selbst auf der Reise dürfe man die
geeignete Zubereitung der Nahrungsmittel nicht außer acht lassen.
Dem Einwurf, daß es Völker gebe, die sich trotz des Genusses von
rohem Fleisch die Gesundheit bewahren, wird mit dem Hinweis begegnet,
daß hier die Schädlichkeit teils durch die geringe Quantität, teils
durch die Einförmigkeit der Nahrungsmittel kompensiert werde. Im
folgenden bespricht Anthimus etwa 100 Nahrungsmittel und Getränke
(Brot, Fleischsorten, Speck, Met, Bier, Honigwein, Geflügel, Eier,
Fische, Austern, Gemüsearten, Hülsenfrüchte, Getreidemehle, Milch,
Butter, Käse, Obst), an verschiedenen Stellen auch die Genußmittel
(Salz, Pfeffer, Ingwer, Fenchel, Dill, Koriander u. s. w.). In
manchen Abschnitten geht der Verfasser sehr genau in die Details
ein, so z. B. wenn er die einzelnen Teile vom Schwein, Rind etc.
hinsichtlich ihrer Verdaulichkeit und ihres Nährwertes würdigt,
sorgfältig beschreibt er auch die zuträgliche Bereitungsweise. Er
warnt unter anderem vor dem Genusse des eingepökelten Fleisches, der
Speckschwarten, der Schweinsnieren, der Turteltauben (weil diese öfter
Helleborus gefressen haben), der harten Eier und des alten Käses, der
meisten Pilze, alter Fische und Austern (austrea, si olent et quis
manducaverit, altero veneno opus non habet). Neben dem diätetischen
ist auch der therapeutische Nutzen gewisser Nahrungsmittel und
Getränke angeführt, so wird z. B. Speck (ein Universalmittel der
Franken) gegen Eingeweidewürmer empfohlen, Rebhühnerfleisch gegen
Durchfall, Gerstenmehlbrei mit lauem Wasser verdünnt (alfita s.
fenea s. polenta) gegen Fieber, Reis in Ziegenmilch gegen Dysenterie,
frisch gemolkene Kuhmilch[12], Ziegen- oder Schafmilch, frische aber
ungesalzene Butter bei beginnender Phthise, Mandelmilch oder Feigen
bei Katarrh und Angina, Quittenschleim gegen Durchfall u. s. w.
[12] Nach Anthimus soll die Milch auch von Gesunden, entweder gekocht
oder gemischt mit Honig, Wein oder Met, resp. mit einem Zusatz
einer geringen Menge von Salz genossen werden. Die Milch ist
beim Melken in einem Tongefäß aufzufangen.
Anthimus ist für lange Zeit der letzte abendländische Autor weltlichen
Standes, den wir kennen, und fortan bleibt Jahrhunderte hindurch die
literarische Führung in den Händen des Klerus bezw. des Mönchtums.
Der allmähliche Uebergang des Wissenschaftsbetriebes auf die
kirchlichen Kreise -- denn das von der Heilkunde Gesagte gilt
gleicherweise für die übrigen Zweige -- hatte das Absterben der antiken
Einrichtungen, das Erlöschen der noch aus dem Altertum hereinragenden
Bildungsanstalten zur Voraussetzung. Dieser Auflösungsprozeß vollzog
sich im Verlaufe des 6. Jahrhunderts, in jener schrecklichen Zeit, da
der langwierige Kampf zwischen Ostgoten und Byzantinern, sodann der
Einfall und die Festsetzung der ~Longobarden~ und am meisten die den
völkermordenden Kriegen folgenden, von furchtbaren Elementarereignissen
eingeleiteten, Seuchen[13] von den Alpen bis zur Südspitze Italiens
Verheerung und Verwüstung, Hungersnot[14] und Elend, Rohheit und
Barbarei verbreiteten. Es ist nur zu verständlich, daß die furchtbaren
Drangsale der, an entsetzlichen Ereignissen so reichen, Zeit den Sinn
für Wissenschaft lähmten, das Vertrauen zu derselben untergruben,
die Schulen der weltlichen Gelehrsamkeit bis auf kümmerliche Reste
zum Verschwinden brachten, hingegen den religiösen Eifer und die
schwärmerische Askese entzündeten. Ebenso begreift man, daß die
lateinische Bevölkerung, von den damals noch ungezügelten, fremdes
Recht schonungslos niedertretenden ~Longobarden~ bedrängt, von den
Byzantinern im Stich gelassen oder ungenügend beschützt, bei der
römischen Kirche bald allein ihre Zuflucht suchte. Zur Territorialmacht
werdend, konnte diese gerade infolge der Zerklüftung Italiens eine
kräftige Realpolitik treiben, mit dem Nimbus der ewigen Roma umstrahlt,
die Selbständigkeit und Zivilisation des Westens gegen feindliche
Eingriffe wirksam verteidigen und eine ungemein segensreiche Tätigkeit
als Retterin der Verfolgten entfalten. Beinahe aller sonstigen
Hilfe entbehrend, mußte sich auch die Wissenschaft, wollte sie
fortbestehen, in den Schutz der Kirche begeben und aus der trostlosen
Welt in die Verborgenheit des Mönchtums flüchten -- ein Weg, den kein
Geringerer als „der letzte Römer” Cassiodor gewiesen hatte. Ihres
Zusammenhangs mit der Vergangenheit bewußt, immer mehr in den Beruf
einer Erzieherin der abendländischen Menschheit hineinwachsend, die
anfängliche Abneigung gegen den heidnischen Geist der antiken Bildung
überwindend[15], ergriff die Kirche, während draußen die Zeitenstürme
blind wüteten, die hohe Aufgabe, ~die Erhaltung der überkommenen
Literatur~ durch mönchischen Fleiß zu fördern -- freilich ohne
dem, in der heillosen Epoche üppig emporwuchernden, ~Wunderglauben~
entgegenzutreten.
[13] Die fast ein halbes Jahrhundert hindurch grassierenden Seuchen
werden unter dem Namen der „Pest des Justinian” zusammengefaßt,
welche seit 543 auch in Italien unzählige Opfer forderte, vgl.
S. 97. Unter den ungewöhnlichen Naturereignissen sind zahlreiche
Erdbeben, Vulkanausbrüche, Kometen, Ueberschwemmungen genannt.
[14] In den letzten Jahren des ostgotisch-byzantinischen Krieges
waren Ober- und Mittelitalien einer beispiellosen Hungersnot
ausgesetzt.
[15] Der Zweifel, ob die antike Bildung mit wahrem Glauben zu
vereinigen sei, reicht weit zurück und brachte zwei verschiedene
Richtungen, eine ablehnende und eine freundliche, hervor,
welche schon bei den Kirchenvätern ihre Vertretung finden, vgl.
S. 40. Doch im Grunde war auch den Verteidigern das Studium
der heidnisch-klassischen Schriften nur ein, den geistlichen
Zwecken untergeordnetes, Hilfsmittel zur formalen Bildung und
zur Erklärung der kirchlichen Schriften. In Gregor dem Großen,
der so tief auf Dogma und Kultus der mittelalterlichen Kirche
eingewirkt hat, kam zwar die ablehnende Richtung zum Worte --
rühren doch von ihm die Aussprüche her: es sei eines Christen
unwürdig, die Weissagungen der göttlichen Propheten unter die
Regeln des Donatus zu zwingen, und das Lob Christi und Jupiters
könne nicht aus einem Munde fließen -- dennoch hält es schwer,
den Papst, der selbst vielseitige Gelehrsamkeit besaß, für einen
wirklichen Verächter derselben zu halten, wenn man erwägt, daß
gerade unter seinem besonderen Schutz der wissensfreundliche
Orden der Benediktiner seine verdienstliche Tätigkeit begann.
Uebrigens erklärt sich die Stellungnahme des Papstes gegen den
heidnischen Klassizismus aus temporären Verhältnissen, welche
den substantiellsten Teil der Kirche bedrohten.
Beides spiegelt sich in der Heilkunst, wo das Christentum schon früh
eine schwankende Stellung eingenommen hatte (vgl. S. 39), deutlich
wieder. Der von Kirche und Mönchtum begünstigte Wunderglaube ging
friedlich einher neben dem höchst anerkennenswerten Eifer, die Reste
der antiken ärztlichen Literatur und die Traditionen der rationellen
Praxis zu erhalten.
Die Sitte, hilfsbedürftige Kranke in die Kirche zu bringen, damit
die Priester sie mit Weihwasser besprengen und Gebete verrichten,
erlangte in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters allgemeine
Verbreitung. Namentlich übten jene Kirchen eine starke Anziehungskraft
aus, wo Gebeine von Heiligen ruhten (Reliquienkult).
Der Glaube an die medizinische Wundertätigkeit der Heiligen, der
Reliquien u. s. w. mußte ganz besonders in der Zeit der Seuchen, an
denen das 6. Jahrhundert so reich war, übermäßig anschwellen, da die
entsetzliche Furcht Schreckbilder der Phantasie vorgaukelte und das
verstandesgemäße Urteil trübte. Man erhoffte alles Heil nur mehr von
überirdischer Hilfe, umsomehr als sich die ärztliche Kunst tatsächlich
als ohnmächtig erwies.
Beachtenswert ist folgende geschichtliche Tatsache. Papst Felix IV.
(526-530) ließ nicht weit vom Forum Pacis, gerade an jener Stelle, wo
Aerzte schon in alter Zeit ihren Versammlungsort gehabt hatten und
wo auch Galen gewohnt haben soll, die Basilika der Heiligen Kosmas
und Damian errichten, wobei zum Baue zum erstenmal unzerstörte antike
Gebäude verwendet wurden. Eine Inschrift bezeichnet die heiligen
Zwillingsbrüder ausdrücklich als Aerzte, welche dem Volke die Hoffnung
des Heiles sichern, vgl. S. 39. Die kirchliche Literatur strotzt
geradezu von medizinischen Wundern, welche die Heiligen vollzogen.
Das Studium medizinischer Autoren und die Rettung des ärztlichen
Schrifttums vor völligem Untergang nahm der, noch in ostgotischer Zeit
gestiftete, ~Orden des hl. Benedikt~ auf sich, seitdem ~Cassiodor~
dem Fleiß der Mönche auch die berufsmäßige Pflege der Wissenschaft
eingefügt und auf den hohen Wert der alten Literatur für die Kleriker
hingewiesen hatte. Veranlassung lag umsomehr hierzu vor, als der Orden
schon von Anbeginn her durch das Gebot der ~Krankenpflege~ mit der
Heilkunst in Beziehung getreten war -- allerdings nicht ohne einen
starken ~theurgischen Einschlag~ (Gebetsheilung, Exorzismus) in der
Praxis.
In demselben Jahre, da Justinian die Philosophenschule zu Athen
für immer schloß (529), gründete ~Benedictus von Nursia~ an der
Stätte eines alten Apollotempels auf einem einsamen, steilen Berge in
Campanien das berühmte Stammkloster seines Ordens, ~Monte Cassino~.
Die wahrscheinlich noch in ihrer ursprünglichen Gestalt erhaltene
Regula St. Benedicti, durch welche das Mönchsleben der orientalischen
Beschaulichkeit und Ueberspannung entzogen wurde, um es im praktisch
sittlichen Geiste den Verhältnissen des Abendlandes anzupassen -- auch
die Diätetik spielt darin keine geringe Rolle --, enthält zwar die
Vorschrift der täglichen Handarbeit und geistlichen Lektüre, aber von
einem eigentlich wissenschaftlichen Studium wird nirgends gesprochen.
Die wissenschaftliche Arbeit ist von den Benediktinern in ihre Regel
oder richtiger in ihre Praxis erst später aufgenommen worden, als es
zu einer Vereinigung der von Cassiodorius gegründeten Klöster mit
denen des hl. Benedikt kam. Erst dann wurden die Benediktiner die
Nestorianer des Westens! ~Cassiodor~ (480-575), der nach langjähriger
staatsmännischer Tätigkeit unter Theoderich und seinen Nachfolgern
Mönch ward, um den Rest seines Lebens Gott und der Wissenschaft zu
weihen, zog sich 538 in ein von ihm selbst unfern von Squillacium an
der bruttischen Küste gegründetes Kloster, Vivarium, zurück, welches
mit einer ansehnlichen Bibliothek und mit allem für nächtliche
Studien erforderlichen Hausrat ausgestattet wurde. Cassiodor war es
zuerst, der beispielgebend für die Folgezeit das Kloster nicht bloß zu
einer Stätte der Askese, sondern auch zu einem Asyl der Wissenschaft
machte und das Abschreiben der Codices (natürlich in erster Linie die
handschriftliche Vervielfältigung biblischer, kirchlicher Schriften)
als würdigste Handarbeit erklärte.
Der hl. Benedikt legte die Pflege der Kranken seinen Ordensgenossen
ganz besonders ans Herz. ~Infirmorum cura ante omnia adhibenda est,
ut sicut re vera Christo, ita eis serviatur~ -- und vertraute sie
hauptsächlich der Fürsorge des „Cellerarius” an (Cellerarius omni
congregationi sit sicut pater. Infirmorum, infantium, hospitum
pauperumque cum omni sollicitudine curam gerat); er verrichtete auch,
wie berichtet wird, zahlreiche Wunderkuren. -- Cassiodor aber ging
viel weiter, indem er den Mönchen das Studium der Heilkunde empfahl
und ihnen ausführliche Ratschläge darüber gab, welche medizinischen
Schriftsteller des Altertums hierzu als Grundlage benützt werden
sollten.
In seiner summarischen Enzyklopädie Institutiones divinarum et
saecularium lectionum (litterarum), welche den Klosterbrüdern eine
Uebersicht der für sie empfehlenswertesten Literatur und Kenntnisse in
den weltlichen Wissenschaften überliefern sollte und tatsächlich großen
Einfluß auf das Studium im Mittelalter ausübte[16], ruft Cassiodor den
Mönchen zu: Lernet die Eigenschaften der Kräuter und die Mischungen
der Arzneien kennen, aber setzet alle eure Hoffnungen auf den Herrn,
der Leben ohne Ende gewährt. Wenn[17] euch die Sprache der Griechen
nicht bekannt ist, so habt ihr das Kräuterbuch des Dioskorides, welcher
die Pflanzen des Feldes mit überraschender Richtigkeit beschrieben und
abgebildet hat. Nachher leset den Hippokrates und Galen in lateinischer
Uebersetzung, d. h. die Therapeutik des letzteren, welche er an den
Philosophen Glaukon gerichtet hat, und das Werk eines ungenannten
Verfassers, welches, wie die Untersuchung ergibt, aus verschiedenen
Autoren zusammengetragen ist. Ferner studiert die Medizin des Aurelius
Caelius, das Buch des Hippokrates über die Kräuter und Heilmethoden
und verschiedene andere Schriften über die Heilkunst, welche ich in
meiner Bibliothek aufgestellt und euch hinterlassen habe.
[16] Das Werk sollte den Mangel einer theologischen Hochschule im
Abendlande einigermaßen ersetzen.
[17] I, 31. quodsi vobis non fuerit graecarum litterarum nota
facundia, imprimis habetis Herbarium Dioscoridis, qui herbas
agrorum mirabili proprietate disseruit atque depinxit. post
haec legite Hippocratem atque Galenum latina lingua conversos
i. e. Therapeutica Galeni ad philosophum Glauconem destinata
et Anonymum quendam qui ex diversis auctoribus probatur esse
collectus. deinde Aurelii Caelii de medicina et Hippocratis
de herbis et curis (cibis?), diversosque alios de medendi arte
compositos quos vobis in bybliothecae nostrae sinibus reconditos
dereliqui.
Die Mahnung Cassiodors fiel auf einen höchst fruchtbaren Boden -- noch
jetzt sind die von ihm empfohlenen Werke bezw. Uebersetzungen zum Teil
in zahlreichen Handschriften vorhanden. Insbesondere im Stammkloster
der Benediktiner, in dem in gesündester Gegend gelegenen ~Monte
Cassino~, wo gewiß schon frühe auch Kranke verpflegt wurden[18], nahm
man im Zusammenhang mit der sonstigen Bildungspflege, das Abschreiben,
Uebersetzen und Kompilieren, die lexikalische Exegese alter
medizinischer Autoren in Angriff; die weitere Verbreitung erfolgte
allmählich durch das Netz der Tochterklöster. Die erworbenen Kenntnisse
drängten alsbald auch zur praktischen Verwertung und bewirkten es, daß
die Mönche -- in der Folge auch der Weltklerus -- immer mehr neben den
psychischen Mitteln heilsame Kräuter und Medikamente, deren Wirksamkeit
aus der Literatur bekannt geworden war, bei den Kranken anwandten.
Ein frühes Denkmal dieses bedeutungsvollen Umschwungs kann in dem
winzigen therapeutischen Kompendium, Commentarium medicinale, einem
Lehrgedicht des Mailänder Erzbischofs ~Benedictus Crispus~, erblickt
werden, welcher zur Zeit des Longobardenkönigs Aribert II. lebte und
zum Benediktinerorden in naher Beziehung stand[19].
[18] Sichere Nachrichten darüber, daß in Monte Cassino eigentliche
Krankenanstalten bestanden, gehen freilich nicht über das
11. Jahrhundert zurück, doch ist zu bemerken, daß das Kloster
mehrmals zerstört wurde.
[19] Auf seine Veranlassung soll das Benediktinerkloster in Mailand
erbaut worden sein.
•Benedictus Crispus• (~Benedetto Crespo~) war seit 681 Erzbischof
von Mailand († 725 oder 735). Das ihm zugeschriebene, seinem
ehemaligen Zöglinge, dem Klosterpräpositus Maurus, gewidmete,
aus 241 schlechten Hexametern bestehende medizinische Lehrgedicht
~Commentarium medicinale~ (mit einer in Prosa verfaßten Vorrede),
welches er noch in seiner Diakonatszeit verfaßt haben soll (ed. in
Ang. Mai Auctor. class. ex codic. vatican. edit. T. V, in Renzi's
Collect. Salern. I., ferner von J. V. Ullrich, Kizingae 1835), handelt
über die Heilkräfte verschiedener Pflanzen bei 26 Krankheiten (in
der Anordnung a capite ad calcem); der Inhalt ist hauptsächlich dem
Pseudoplinius und dem Dioskurides entlehnt, für die Form bildete
Serenus Samonicus das Muster.
Mönche und Klerikerärzte füllten aber bloß die klaffenden Lücken
aus, welche sich seit dem Verfall und Untergang der weltlichen
Bildungsanstalten in der ärztlichen Gelehrsamkeit und im ärztlichen
Stande geltend machten, sie ersetzten den Teil der staatlichen
Armenpflege, der einstens den archiatri populares zufiel, abgesehen
aber von rohen Empirikern, ~hat es in Italien~, im Gegensatz zu
allen anderen Ländern, ~zu keiner Zeit gänzlich an angesehenen
Laienpraktikern und damit an privater Unterweisung gefehlt[20]~. Es
hängt dies gewiß damit zusammen, daß dort inmitten der Ruinen einer
großen Vergangenheit die alten Traditionen nie gänzlich erloschen,
sondern noch unter der Asche glommen und zeitweilig angefacht wieder
aufflackerten, daß überhaupt ein Rest heidnisch-antiker Bildung als
Nachhall der alten Rhetorenschulen unabhängig und selbst im Gegensatz
zur Kirche über die Stürme hinaus bis in bessere Tage gehütet wurde.
[20] Es sei hier bloß darauf verwiesen, daß in der zweiten Hälfte
des 6. Jahrhunderts ~Alexander von Tralleis~ in Rom wirkte und
daselbst vielleicht sogar Lehrtätigkeit ausübte, ferner daß
Papst Gregor den brustkranken Erzbischof von Ravenna, Marianus,
zu einer ärztlichen Kur nach Rom einlud.
Dem Zauber der überlegenen Kultur vermochten sich übrigens auf die
Dauer auch ~die Longobarden~ nicht zu entziehen, und in dem Maße, als
zwischen ihnen und der römischen Bevölkerung der Ausgleich bis zur
bürgerlichen Gleichstellung, religiösen und völkischen Verschmelzung
zu stande kam (Katholisierung, Romanisierung seit der zweiten Hälfte
des 7. Jahrhunderts), begann nicht nur Landwirtschaft, Handel und
Gewerbe zu blühen, sondern auch die Kunst und die Wissenschaft
fingen wieder an neue Triebe zu entfalten. Während in Rom selbst, mit
Ausnahme der geistlichen Musik, ein Verfall der Bildung eingetreten
war, welcher sich schon in der Barbarei der zertrümmerten lateinischen
Sprache ausdrückte, erlebten in Lucca, Mailand, Pavia, Benevent
und Salerno Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geschichtschreibung und
Jurisprudenz einen Aufschwung, wurden mitten im Tumult der politischen
Umwälzungen Italiens Künstler und Gelehrte an den Höfen gefeiert,
wandten bildungsfreundliche longobardische Fürsten den literarischen
Studien ihre Gunst zu. Und zwar waren es gerade Nachkommen der
furchtbaren Begleiter des Alboin, Longobarden, welche sich besonders
hervortaten[21], wie dies namentlich das leuchtende Beispiel des
Paulus Diaconus beweist, des hochbegabten Geschichtschreibers seines
Volkes, der, am Hofe des Ratchis erzogen, die reichbegabte Tochter des
Desiderius, Adelberga, zur Schülerin hatte und den Gatten derselben,
Arichis, den Herzog von Salerno, den gebildetsten Fürsten der
damaligen Zeit nennen durfte. Daß im Umkreis der wieder erstarkenden
Laienbildung, welche nicht zum mindesten auch durch die byzantinischen
Einflüsse im Exarchat und in Unteritalien genährt wurde, die Medizin
nicht ganz in mönchischen Händen blieb, beweisen z. B. schon Urkunden
aus Lucca und Pistoja aus dem 8. Jahrhundert, welche longobardische
Aerzte aus dem Laienstande erwähnen[22], bezeugt ein Mailänder
Manuskript, wonach am Ende des 8. Jahrhunderts zu Ravenna öffentliche
Vorträge über Hippokrates und Galen gehalten worden sind. Wie die
erwachende Bildung überhaupt, so ergoß sich in Italien eben auch die
Heilkunde fürderhin aus zwei Quellbächen, einem kirchlichen und einem
nichtkirchlichen, welche in ihrem späteren Laufe einander immer näher
kommen sollten. Sind auch bis zum 10. Jahrhundert bloß Handschriften
klösterlichen Ursprungs auf uns gekommen -- so z. B. die medizinischen
Werke des gelehrten Abtes von Monte Cassino ~Bertharius~ (857-884), ~de
innumeris remediorum utilitatibus und de innumeris morbis~ --, welche
von dem literarischen und praktischen Eifer der arzneikundigen Mönche
Nachricht bringen, so läßt doch die ganze spätere, erst auf ihrem
Höhepunkte ans volle Licht der Geschichte tretende Entwicklung mit
größter Wahrscheinlichkeit vermuten, daß schon damals in Laienkreisen
eine Zusammenfassung des medizinischen Wissens (Summa medicinae)
unternommen wurde, eine schulmäßige Verpflanzung der ärztlichen Lehre
erfolgte und eine gildenartige Vereinigung der Vertreter des ärztlichen
Berufes wenigstens in den Anfängen bestand[23].
[21] Longobarden zeichneten sich als Handwerker und Künstler, aber
auch als Gelehrte aus.
[22] Guidoald (727), Fredus (748), Leon (777). ~Im Codex Lombardus
finden sich viele Namen von Aerzten aus verschiedenen
italienischen Städten.~ -- Im Edictum Rotharis (643) ist den
Aerzten in gewissen Fällen eine begutachtende Stelle angewiesen,
auch wird des Honorars gedacht, jedoch über dessen Höhe ist
nichts angegeben.
[23] Für andere Berufe sind Innungen schon früh nachweisbar.
Die Hauptquelle der medizinischen Kenntnisse bildeten ~die
spätrömischen Autoren~ und mehr oder minder freie ~lateinische
Uebersetzungen[24] von Werken der griechischen und frühbyzantinischen
Literatur~. Was die ersteren anlangt, so wäre hervorzuheben, daß
weniger Caelius Aurelianus selbst, als auszugsweise Bearbeitungen
seiner Schriften, namentlich der im 6.-7. Jahrhundert entstandene
„~Aurelius~” und „~Esculapius~”, verbreitet waren.
[24] Vgl. die aus Cassiodorius angeführte Stelle S. 252.
Zu den beliebtesten Autoren gehörten wegen ihres bequem benutzbaren
therapeutischen Inhalts ~Serenus Sammonicus~, ~Gargilius Martialis~,
~Pseudo-Apulejus~ und ~Pseudo-Plinius~, dessen Machwerk Breviarium
oder Medicina (vgl. S. 59) im 6. Jahrhundert willkürlich zerstückt zur
Grundlage einer neuen, größeren, auch aus Cael. Aurelianus, Apulejus,
Vindicianus u. a. schöpfenden Kompilation gemacht wurde (gedruckt
als ~Buch~ 1-3 in der Ausgabe Plinii Secundi de medicina opus von Th.
Pighinucci, Rom 1509, sowie in Sammlung de re medica von A. Torinus,
Basel 1528)[25].
[25] Das 4. Buch ist ein Auszug aus Gargilius Martialis, das 5.
stammt aus der lateinischen Uebersetzung aus Alexander von
Tralles, es ist der liber diaetarum Alexandri et aliorum.