überhaupt kaum ein Objekt für die Geschichte der Wissenschaft,
falls man unter einer solchen eine zusammenhängende Darstellung
fortschreitender Geschehnisse versteht -- es können höchstens,
soweit es die spärlichen Quellen ermöglichen, Streiflichter auf die
medizinischen Verhältnisse und auf die medizinische Literatur geworfen
werden. Denn Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Grundlagen,
totale Stagnation der Forschung, eine jeder höherer Gesichtspunkte
entbehrende, schablonenhafte, rudimentäre Praxis machen den Grundzug
der Heilkunde dieses Zeitraums aus, der schon durch die Art, wie
das Arzttum hauptsächlich vertreten wurde, beinahe an primitive
Entwicklungsstufen erinnert. So düster aber die Eindrücke sind, auch
hier tritt der Zusammenhang mit der gesamten Kultur und somit die
geschichtliche Notwendigkeit unverkennbar hervor, ja noch enger als
sonst ist in dieser traurigen Periode das Schicksal der Medizin an
den Zeitgeist gekettet.
Um den Tiefstand der Heilkunde aus dem Charakter der Epoche
abzuleiten, bedarf es keiner weitläufigen Schilderung des historischen
Hintergrunds, es genügt in wenigen Strichen die markantesten
Erscheinungen von allgemeiner Bedeutung festzuhalten.
Die für die Völkerverjüngung Europas so bedeutungsvolle Aufrichtung der
germanischen Herrschaften auf den Trümmern des orbis romanus war mit
dem Opfer zahlloser Menschenleben, mit dem Verluste reicher Schätze
der Kunst und Literatur, mit der Verheerung weiter Landstrecken und
der Verödung vieler Städte, mit der Vernichtung des Wohlstands, mit
dem Verfall der höheren Lebens- und Wirtschaftsformen verbunden. Wenn
auch nicht unmittelbar, so doch jedenfalls in seinen Folgen bedeutete
der durch jahrhundertelange Zersetzung vorbereitete Untergang des
weströmischen Reiches den Zusammenbruch einer zwar längst morsch
gewordenen, aber immer noch sehr ansehnlichen Kultur; ihrer Aufnahme
durch das Volkstum der germanischen Eroberer standen vorerst noch
die andersartigen Triebe, Neigungen und Traditionen derselben, der
sprachliche Gegensatz und der Mangel jener feineren Empfänglichkeit
entgegen, welche nur der Arbeit vieler Generationen entspringen kann.
Auch vermochten sich in der romanisch-germanischen Welt erst nach
einer langen, von wildem Kampfeslärm, vom Wirrsal der Rassenmischungen,
der politischen Zerfahrenheit, der sozialen Verschiebungen erfüllten
Uebergangszeit wieder derart gefestigte Zustände herauszubilden, welche
eine Neugestaltung der Kultur als unerläßliche Vorbedingung erheischt.
In den öden Jahrhunderten, da das Alte gänzlich zu zerbröckeln drohte,
ohne daß das Werdende schon sichtbar wurde, hielt bloß ~die Kirche~,
unerschüttert durch alle Veränderungen, ein Bollwerk in der wogenden
Völkerflut, die Verbindung mit der Vergangenheit aufrecht. Sie pflanzte
ihr Banner auf den Schutt des Altertums und wehrte von den Künsten
des Friedens die Gefahr des gänzlichen Untergangs ab. Insbesondere das
~Mönchtum~ erwarb sich dadurch ein unvergängliches Verdienst, daß es
der Bildung in seinen Klöstern eine Freistätte inmitten der Barbarei
eröffnete und weithin vermittelnd selbst dort die Keime der Kultur
zugleich mit der Heilslehre ausstreute, wohin die römischen Legionen
niemals vorgedrungen waren. Das Ite et docete omnes gentes wurde zur
Tat. Aber der zumeist aus spätrömischer Zeit übernommene Grundstoff der
Bildung war dürftig und seine Verarbeitung verfolgte lediglich formale
Zwecke oder solche Tendenzen, welche die Gebundenheit des Glaubens
diktierte[1]. Das wissenschaftliche Leben des frühen Mittelalters,
dem der Kerzenschimmer der Kirche und die Studierlampe des grübelnden
Mönchs fast allein zur Leuchte ward, blieb im großen und ganzen ein
mattes, es erhob sich nicht über die Stufe einer noch dazu meist
seichten Reproduktion, es brachte keine vollsaftigen Früchte hervor,
denn nur dort, wo reich die Quellen sprudeln und wo sie um ihrer selbst
willen gepflegt wird, kann echte Wissenschaft gedeihen.
[1] Der Zweck, der mit der Konservierung der Antike verfolgt wurde,
spiegelt sich deutlich in der christlichen Kunst ab, welche das
Material antiker Bauwerke zur Errichtung von Kirchen benutzte.
Betrachtet man die Dinge von dem Standpunkte, daß es sich um einen
neuen Anfang, um die kulturelle Entwicklung von neuen Volksstämmen
handelt, die erst nach einer jahrhundertelangen Erziehung zur
Aufnahme der Errungenschaften des griechisch-orientalischen Geistes
heranzureifen vermochten, so erscheint manches in helleren Farben,
nicht bloß die poetischen und künstlerischen Regungen, sondern selbst
die wissenschaftlichen Tastversuche. Verfolgt man dagegen -- wie wir
es tun -- den Verlauf der Kultur als Ganzes, so drängt sich stets der
Vergleich, wenn schon nicht mit der Antike, so doch mit den synchronen
Verhältnissen des Ostens auf, wobei der Eindruck einer regressiven
Metamorphose erweckt wird.
Bei dem Vergleich der Verhältnisse des Abendlandes im frühen
Mittelalter mit den Zuständen des Orients nach dem Siegeszug der
Araber sind zahlreiche Momente zu berücksichtigen, welche für den
krassen Unterschied der kulturellen Entwicklung des Westens und des
Ostens ausschlaggebend gewesen sind, unter anderen folgende. Die
weströmischen Länder, welche den erborgten Schimmer des Hellenismus
seit dem 3. Jahrhundert immer mehr einbüßten, standen schon vor ihrer
Unterwerfung unter die Herrschaft der Germanen nicht auf jener Höhe,
welche Syrien, Persien und Aegypten zur Zeit der arabischen Eroberung
einnahmen; ihre Verheerung durch völkermordende Kriege und Seuchen
war weit furchtbarer als späterhin die Verwüstung des Ostens; während
dort zu den bestehenden nicht wenige neue großartige Städte und damit
Zentren der Bildung, des Handels, der Gewerbstätigkeit hinzukamen,
deren Produkte in einem drei Erdteile umspannenden Verkehr verbreitet
wurden, fielen im Abendlande zahlreiche Städte der Zerstörung anheim
oder sanken doch zur Bedeutungslosigkeit herab. An Stelle der im
Osten stets fortdauernden und noch gesteigerten Geldwirtschaft mit
ihren kulturellen Konsequenzen trat im Westen nach der germanischen
Eroberung eine niedrige Wirtschaftsform, die naturalwirtschaftliche,
es erhielt das ganze Leben einen mehr bäuerlichen Zuschnitt, da es
bei der einseitigen Bevorzugung des Landbaues, bei dem stockenden
Handel, dem Verfall des Gewerbes, dem verödeten Verkehr, der
zunehmenden Verarmung an den Mitteln zur verfeinerten Lebensführung
fehlte. In demselben Maße, als die anfängliche politische Einheit
des Kalifats und seine byzantinische Nachbarschaft die Kultur
förderte, bildete die Zersplitterung der germanischen Herrschaft
in zahlreiche Sonderexistenzen mit konsekutiver Isolierung lange
ein Hemmnis des Fortschritts, wenngleich gerade dadurch der spätere
fruchtbringende Wettstreit der europäischen Nationen vorbereitet
wurde. Der rasche Anstieg und die erstaunliche Verbreitung der
wissenschaftlichen Betätigung unter den „Arabern” ist, abgesehen von
den erwähnten Vorbedingungen, hauptsächlich darauf zurückzuführen,
daß die griechische Literatur sehr bald in weitem Umfange in die,
der Regierung und dem allgemeinen Verkehr dienende, ~lebendige~
Sprache des Koran übertragen und durch Bibliotheken und Schulen
breiten Schichten des regsamen Mittelstandes zur reichhaltigen und
mannigfachen Benützung zugänglich gemacht wurde. In der islamischen
Welt waren es die Sieger, welche durch ihre eigene Religion und
Sprache dem Kulturleben der Unterworfenen das Siegel arabischer
Nationalität aufdrückten und über das assimilierte Gut wie über
Selbsterworbenes in Freiheit geboten. Im christlichen Abendlande
hingegen mußten sich die, ursprünglich nicht durch die Bande des
Nationalgefühls und der Religion geeinten, germanischen Eroberer einer
fremden, der christlich-lateinischen Kultur unterordnen, deren Träger
fast allein der Klerus war. Derselbe nahm im staatlichen Organismus
eine Sonderstellung ein, ging noch lange Zeit aus der römischen
Bevölkerung hervor und sicherte der lateinischen Sprache wegen ihrer
altehrwürdigen Beziehung zum kirchlichen Schrifttum, sowie um die
völkerverbindende Einheitlichkeit des Kultus zu wahren, den Vorrang
als Ausdrucksmittel für jede höhere geistige Tätigkeit gegenüber den
Idiomen des Landes. Die lateinische Sprache konnte den Germanen -- das
Bildungsbedürfnis und die Bildungsfähigkeit derselben vorausgesetzt
-- in ihr niedergelegten, übrigens nur einen sehr beschränkten
Teil der antiken Bildung umfassenden Wissensschätze[2] nicht direkt
vermitteln[3]. Während die bürgerlichen Triebe fehlten, wurde alle,
der alten Kultur noch verbliebene, Lebenskraft in die Kirche geleitet.
Ein schon von vornherein ungenügendes, mit dem der Araber nicht
entfernt vergleichbares, Grundmaterial, das in die spröde Form einer
erstarrten Sprache eingeschlossen war, an freier Ausgestaltung durch
ein unverrückbar vorgesetztes Bestimmungsziel gehindert wurde, von
außen keinen Zuwachs und kein anregendes Ferment zugeführt erhielt,
-- wie konnten daraus lebenskräftige Schaffensprodukte entstehen?
[2] Ohne auf Einzelheiten hier einzugehen, sei nur ganz im
allgemeinen bemerkt, daß bei der Seltenheit der griechischen
Sprachkenntnisse sekundäre Quellen, d. h. bloß lateinische
Werke oder lateinische Uebersetzungen griechischer Schriften,
das wissenschaftliche Grundmaterial bildeten, wobei
hinsichtlich letzterer die geringe Zahl zu berücksichtigen
ist. In der Blüteepoche bedurften die gebildeten Römer kaum
der Uebertragungen aus dem Griechischen, da sie dasselbe
beherrschten, die lateinische Uebersetzertätigkeit beginnt,
abgesehen von Cicero, erst in der Verfallszeit der Antike einen
etwas größeren Umfang anzunehmen.
[3] Daß Uebertragungen von Anbeginn an möglich gewesen wären, beweist
die Bibelübersetzung des Ulfilas und späterhin namentlich die
angelsächsische Literatur, welche nicht wenige gelehrte Werke
umfaßte, zur Genüge. Spuren früher Anteilnahme von Germanen
an wissenschaftlichen Studien sind deutlich nachweisbar, wenn
auch ihrem einfachen Wesen im allgemeinen „die fremde Kunst”
ferne lag.
Unter der Ungunst der äußeren Verhältnisse ihrer Bildungsanstalten
mehr und mehr beraubt, ja durch die verhängnisvolle Umwandlung der
wirtschaftlichen Zustände und Lebensformen beinahe in ihrer beruflichen
Existenz gefährdet, gelangte auch die Heilkunde -- ohnedies längst eine
Wirkungssphäre des religiösen Eifers und der werktätigen christlichen
Nächstenliebe -- immer mehr unter die Leitung der Kirche. ~An die
Stelle der Philosophen, der Weltkinder, traten Priester und Asketen als
Aerzte.~ Man spricht geradezu von einer Epoche der ~Mönchsmedizin~ --
was übrigens, wie gezeigt werden soll, mancher Einschränkung bedarf.
Die ärztliche Wissenschaft als solche spielte unter dieser Führung
begreiflicherweise nicht nur gegenüber den kirchlichen, sondern selbst
gegenüber den anderen profanen Wissenszweigen bloß eine untergeordnete
Rolle, sie zehrte kümmerlich von den schalen Ueberbleibseln der
spätrömischen Zeit und geriet in die Dunstatmosphäre der Mystik, in
die bedenkliche Gesellschaft der naiv gläubigen, volksmedizinischen
Empirie. Ein seichtes Wasser wird eben leicht zur Pfütze.
Der Grundton der Medizin des frühen Mittelalters war entschieden
ein kirchlicher, dennoch ist es ein ~Irrtum~, zu glauben, daß die
~Präponderanz des Klerus und des Mönchtums~, welche in der Literatur
so grell hervortritt, ~überall die Laienpraktiker gänzlich zum
Verschwinden gebracht hätte~. Ebenso widerspricht die Vorstellung den
Tatsachen, daß sich das traurige Schicksal der Medizin wie der gesamten
antiken Bildung mit ähnlicher Schnelligkeit vollzogen hätte, wie der
Untergang der römischen Weltmacht[4] -- die Epochen der Kultur lösen
einander nicht katastrophenartig ab, sie beruhen auf allmählicher
Evolution, ihre Grenzen sind fließende -- auch unter germanischer
Herrschaft dauerte römisches Wesen anfangs noch weiter, führten
manche Schulen der Gelehrsamkeit, welche in der römischen Kaiserzeit
gestiftet worden waren, wenigstens eine Zeitlang ein schattenhaftes
Dasein fort[5].
[4] Uebrigens bestand das Imperium Romanum fiktiv in der politischen
Auffassung noch fort, und die römische Kaiseridee bestimmte
wesentlich den Gang der Geschichte des Mittelalters; von der
tiefgreifenden Veränderung der Dinge hatte jedenfalls anfangs
niemand das rechte Bewußtsein.
[5] Unzweifelhaft in Italien und Gallien.
Es ist nicht das gleiche Bild, welches die einzelnen Länder der
abendländischen Welt im Beginne des Mittelalters darbieten -- erst
später wirkte die Barbarei einigermaßen nivellierend -- und die
anfängliche Verschiedenheit hängt wesentlich davon ab, ob die römische
Kultur tiefe Furchen gezogen hatte oder nur wie Flugsand flüchtig
verstreut worden war oder ob gar noch jungfräulicher Boden vorlag.
Wie sich diese Verschiedenheit in den medizinischen Verhältnissen
wiederspiegelte, darüber können, bei der Dürftigkeit der Nachrichten,
nur wenige Andeutungen gegeben werden.
Um den Aerztestand und das ärztliche Unterrichtswesen im Beginne des
Mittelalters war es jedenfalls am besten in ~Italien~ bestellt, nämlich
solange dort die ~Ostgoten~ herrschten, welche mit der Wahrung ihrer
nationalen Eigenart hohe Achtung vor der römischen Kultur zu verbinden
wußten und daher, statt mit roher Hand einzugreifen, die Einrichtungen
des öffentlichen Lebens unangetastet ließen.
Unter Theoderich d. Gr. durchlebte Italien, welches im 5.
Jahrhundert so schwer heimgesucht worden war, eine Dezennien
lange Epoche des Friedens und erfreute sich nicht nur materieller
Wohlfahrt und der zartfühlendsten Rücksichtnahme auf das römische
Herkommen in der Verwaltung, sondern auch der Förderung von Kunst
und Wissenschaft. In letzterer Hinsicht genügt es, bloß auf die Namen
eines Cassiodorius, Boëthius und Ennodius zu verweisen. Theoderich,
der edelste Fremdling, der je über Italien geboten hat, wollte den
Römern mehr ein Schirmherr als ein Eroberer sein, darum beließ er sie
im Besitz ihrer Rechte und Institutionen, wenn er auch seine Macht
auf die Goten stützte, die allein den Kriegerstand repräsentierten
und nach dem alten Einquartierungssystem ein Drittel des Bodens
zugewiesen erhielten. Beide Völker, die Römer und die arianischen
Goten, lebten nach heimischer Sitte nebeneinander, ohne daß eine
überstürzte Verschmelzung, sondern höchstens eine allmähliche
Versöhnung der Gegensätze beabsichtigt wurde; leider trübte sich das,
besonders infolge der Religionsverschiedenheit stets kühle, Verhältnis
schon in den letzten Regierungsjahren Theoderichs -- die Hinrichtung
des Boëthius auf Grund von Verdächtigungen liefert davon Zeugnis
-- und noch mehr unter seinen Nachfolgern durch gegenseitigen, vom
byzantinischen Hofe genährten, Argwohn. Schließlich war es gerade der
nationale Dualismus des Reiches, der den Untergang der Gotenherrschaft
und damit den Anbruch der traurigsten Zeit für Italien herbeiführte.
Die Goten, zuerst von den germanischen Stämmen, zur Zeit der Blüte
des Arianismus, christianisiert (zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts)
und durch die lange Berührung mit Ostrom kulturell beeinflußt,
waren bei ihrer Ankunft in Italien kaum noch Barbaren zu nennen, sie
besaßen eine verhältnismäßig hochentwickelte Sprache (Urkunden im 6.
Jahrhundert!), und manche von ihnen gewannen auch Neigung für die von
den Römern wieder lebhafter betriebenen wissenschaftlichen Studien[6],
wenn auch die Volksmeinung im allgemeinen in einer gelehrten Erziehung
eine Gefahr für die kriegerische Tüchtigkeit erblickte[7]. Es ist
bekannt, daß Theoderichs geniale Tochter, Amalaswintha, mit Griechen
griechisch, mit Lateinern lateinisch redete und ihren Sohn Athalarich
in den Künsten Roms erziehen ließ[8], ebenso daß ihr Vetter, der
treulose Theodahad, ein Kenner der antiken Literatur war und sich
mit Platonischen Studien beschäftigte.
[6] Z. B. in der Physik und Astronomie.
[7] Nach Prokopios meinten die Goten, wer einmal die Rute des Lehrers
gefürchtet habe, könne keinem Schwert und keinem Speere mehr
mit festem Blick begegnen.
[8] Gegen den Willen der gotischen Großen, welche einen tapferen
Krieger, aber keinen Grammatiker zum König haben wollten.
Bei solcher Schonung des Bestehenden ist es schon von vornherein
selbstverständlich, daß auch die römische Medizinalverfassung, wie
sie sich in der späteren Kaiserzeit entwickelt hatte, erhalten blieb;
glücklicherweise sind wir aber nicht auf bloße Vermutungen angewiesen,
da noch eine, wahrscheinlich von Theoderich herrührende, pomphaft
stilisierte Verordnung über die Rechte und Pflichten des ~Comes
archiatrorum~ (vgl. S. 14) auf uns gekommen ist, durch welche die
Existenz eines gebildeten und organisierten Aerztestandes bewiesen
wird.
~Formula comitis archiatrorum.~
Inter utillimas artes, quas ad sustentamdam humanae fragilitatis
indigentiam divina tribuerunt, nulla praestare videtur aliquid
simile quam potest auxiliatrix medicina conferre. ipsa enim morbo
periclitantibus materna gratia semper assistit, ipsa contra dolores
pro nostra inbecillitate confligit et ibi nos nititur sublevare,
ubi nullae divitiae, nulla potest dignitas subvenire. Causarum
periti palmares habentur, cum negotia defenderint singulorum: sed
quanto gloriosius expellere quod mortem videbatur inferre et salutem
periclitanti reddere, de qua coactus fuerat desperare! ars quae
in homine plus invenit quam in se ipse cognoscit, periclitantia
confirmat, quassata corroborat et futurorum praescia valetudini
non cedit, cum se aeger praesenti debilitate turbaverit, amplius
intellegens quam videtur, plus credens lectioni quam oculis, ut ab
ignorantibus paene praesagium putetur quod ratione colligitur. Huic
peritiae deesse judicem nonne humanarum rerum probatur oblivio? et
cum lascivae voluptates recipiant tribunum, haec non meretur habere
primarium? habeant itaque praesulem, quibus nostram committimus
sospitatem: sciant se huic reddere rationem, qui operandam suscipiunt
humanam salutem. non quod ad casum fecerit, sed quod legerit, ars
dicatur: alioquin periculis potius exponimur, si vagis voluntatibus
subjacemus. unde si haesitatum fuerit, mox quaeratur. Obscura nimis
est hominum salus, temperies ex contrariis umoribus constans: ubi
quicquid horum excreverit, ad infirmitatem protinus corpus adducit.
hinc est quod sicut aptis cibis valitudo fessa recreatur, sic
venenum est, quod incompetenter accipitur. habeant itaque medici
pro incolumitate omnium et post scholas magistrum, vacent libris,
delectentur antiquis: nullus justius assidue legit quam qui de humana
salute tractaverit. Deponite, medendi artifices, noxias aegrotantium
contentiones, ut cum vobis non vultis cedere, inventa vestra
invicem videamini dissipare, habetis quem sine invidia interrogare
possitis, omnis prudens consilium quaerit. dum ille magis studiosior
agnoscitur, qui cautior frequenti interrogatione monstratur. in ipsis
quippe artis hujus initiis quaedam sacerdotii genere sacramenta vos
consecrant: doctoribus enim vestris promittitis odisse nequitiam et
amare puritatem[9]. Sic vobis liberum non est sponte delinquere,
quibus ante momenta scientiae animas imponitur obligare. et ideo
diligentius exquirite quae curent saucios, corroborent imbecillos:
nam videro, quod delictum lapsus excuset, homicidii crimen est in
hominis salute peccare. sed credimus jam ista sufficere, quando
facimus qui vos debeat admonere. quapropter a praesenti tempore
comitivae archiatrorum honore te decoramus, ut inter salutis magistros
solus habearis eximius, et omnes judicio tuo cedant, qui se ambitu
mutuae contentionis excruciant. esto arbiter artis egregiae, eorumque
distingue conflictus, quos judicare solus solebat effectus. in ipsis
aegros curas, si contentiones noxias prudenter abscidas. magnum munus
est, subditos habere prudentes, et inter illos honorabilem fieri, quos
reverentur ceteri. Visitatio tua sospitas sit aegrotantium, refectio
debilium, spes certa fessorum. requirant rudes, quos visitant,
aegrotantes, si dolor cessavit, si somnus affuerit. de suo vero
languore te aegrotus interroget, audiatque a te verius, quod ipse
patitur. habetis et vos certe verissimos testes, quos interrogare
possitis. perito quidem archiatro venarum pulsus enuntiat, quid intus
natura patiatur; offeruntur etiam oculis urinae; ut facilius sit,
vocem clamantis non advertere, quam hujusmodi minime signa sentire.
Indulge te quoque palatio nostro: habeto fiduciam ingrediendi, quae
magnis solet pretiis comparari. nam licet alii subjecto jure serviant,
tu rerum dominos studio praestantis observa. fas est tibi, nos
fatigare jejuniis fas est, contra nostrum sentire desiderium, et in
locum beneficii dictare, quod nos ad gaudia salutis excruciet. talem
tibi denique licentiam nostri esse cognoscis, qualem nos habere non
probamur in ceteris. ~Cassiodorius~, Variar. lib. VI, c. 19.
[9] Die öffentlichen Lehrer der Heilkunst -- doctores -- nahmen also
von ihren Schülern ein Gelöbnis entgegen.
Ebenso wie die schulmäßige Pflege der literarischen Studien, der
Grammatik, Rhetorik, Jurisprudenz u. s. w. fortdauerte[10], dürfen wir
auch den Weiterbestand der ärztlichen Bildung nach Art der abwelkenden
spätrömischen Zeit mit Sicherheit voraussetzen.
[10] Neben den litteratores werden grammatici, oratores, juris
expositores genannt. Von der lernbegierigen Jugend besuchte
höhere Schulen gab es noch in allen bedeutenderen Städten
Italiens. In Rom selbst lehrten oratores und expositores an der
durch Valentinian III. begründeten Hochschule als öffentlich
angestellte Staatsbeamte, ja ein aus der Gotenzeit erhaltener
Erlaß schärft ausdrücklich dem Senate ein, für die unverkürzte
Auszahlung der Gehalte an dieselben Sorge zu tragen.
Ein Antrieb zur schriftstellerischen Tätigkeit der Aerzte war
freilich fast nur durch das Verlangen nach ~lateinischen~ (wörtlichen
oder auszugsweisen) ~Uebersetzungen~ bezw. mehr oder minder freien
~Bearbeitungen~ und ~Kompilationen~ einzelner ~praktisch~ wertvoller
Schriften der alten Literatur gegeben. Dieser Weg, welcher schon in
der letzten Phase der römischen Medizin (Caelius Aurelianus, Cassius
Felix) infolge abnehmender griechischer Sprachkenntnis und infolge
der Neigung zu kompendiöser Zusammenfassung eingeschlagen worden war,
mußte jetzt noch mehr im Interesse der germanischen Elemente unter
den Aerzten beschritten werden. Das solcherart zu stande gebrachte
literarische Material -- späterhin natürlich ergänzt -- erlangte
für die abendländische Medizin des frühen Mittelalters eine ähnliche
konstituierende Bedeutung, wie die Uebertragungen aristotelischer und
anderer antiker Schriften durch Boëthius[11].