[4] Das Druidentum -- ursprünglich vielleicht keine indogermanische

Institution -- wurde von Britannien nach dem Kontinent gebracht,

blieb aber in Gallia cisalpina, in den östlich vom Rhein

gelegenen keltischen Gegenden, im Donaubecken, ebenso wie bei

den Galatern in Kleinasien unbekannt. Die Druiden bildeten

eine überaus mächtige, wegen ihres Wissens hoch angesehene,

wegen ihrer Zauberkunst gefürchtete Korporation, deren

Mitglieder als Priester und Seher, als Lehrer und Erzieher, als

Richter und Aerzte tätig waren. Der Unterricht, den sie ihren

zahlreichen Zöglingen erteilten, erstreckte sich auf Theologie,

Moralphilosophie, Psychologie, Rhetorik, Naturkunde, Mathematik,

Astronomie, Rechtskunde, Arzneiwissenschaft, Musik, Dichtkunst

und Magie; den in Verse gebrachten Lehrstoff mußten sich die

Schüler durch Auswendiglernen (von 20000 Versen) aneignen; die

Niederschrift war streng verboten, wodurch die Geheimhaltung

der Lehre bezweckt wurde. Berühmte Druidenschulen gab es zu

Chartres, Bordeaux, Autun, Besançon. Die britannischen Druiden

sollen die gallischen in mathematischen, astronomischen und

praktischen mechanischen Kenntnissen übertroffen haben. Neben

den Druiden gab es auch Druidinnen, welche sich besonders mit

Wahrsagerei und Zauberei abgaben. Die Macht des Druidentums

in Gallien wurde nach der Eroberung des Landes durch die Römer

gebrochen, an Stelle der Druidenschulen traten gallo-römische

Bildungsanstalten (oft durch Umwandlung aus den ersteren

entstanden), aber trotz der Verfolgungen unter Tiberius und

Claudius (aus politischen Gründen) erhielt sich der Druidismus

im geheimen mit Zähigkeit noch jahrhundertelang, wobei die

magische, scharlatanhafte Seite seines Wesens immer mehr

ausschließlich zur Geltung kam. Noch im 5. Jahrhundert und

später mußte die Kirche alles daran setzen, um gewisse, aus

der Druidenzeit erhaltene, Volksgebräuche zu beseitigen.

Von den drei Klassen des Druidenordens[5] waren es besonders

die Vates (vaids), welche sich mit Naturkunde und Heilkunst, mit

Prophezeiung und Zeichendeutung (mittels der Opferschau), mit Magie

abgaben. Diese Verbindung wirft schon ein klärendes Streiflicht auf

die Eigenart der Druidenmedizin, d. h. dieselbe charakterisierte

sich durch ein inniges Ineinandergreifen von Empirie, Kult und

Zauberwesen. Entsprechend den ziemlich umfangreichen Kenntnissen in

der Kräuterkunde[6] spielten pflanzliche Mittel die Hauptrolle, wobei

aber mit dem Einsammeln und Aufbewahren kultisch-magische Handlungen

und astrologische Vorstellungen (Einfluß des Mondes) verknüpft waren.

Als Panacee galt ein, aus der ~Mistel~[7] bereiteter, Trank; neben

der Mistel wurden die sechs Kultpflanzen[8] Selago, Samolus[9],

Trifolium, Primula, Hyosciamus, Verbena[10] besonders hoch geschätzt.

Außerdem kamen noch Artemisia, Betonica, Bryonia, Centaurea, Fumaria,

Lycopodium clav., Rumex, Serpentaria, Belladonna, Helleborus,

Mandragora u. a. in Betracht. Mit dem Gebrauch von Arzneikräutern (in

Form von Tränken und Pflastern) wurden auch diätetische Maßnahmen,

Bäder, Trinken von Heilquellen verbunden[11].

[5] Barden, Vates (Ovates, Euhages), Druiden im engeren Sinne.

[6] Keltische Pflanzennamen finden sich unter den Synonymen des

Dioskurides, bei Apulejus und Marcellus Empiricus. Vgl. Grimm,

Ueber Marcellus Empiricus, Berlin 1849 (Akad. d. W.).

[7] Die Mistel erschien den Druiden als das heiligste Produkt des

Pflanzenreiches, als Quelle alles Guten, der Gesundheit und

des Lebens. Am Neujahrstage wurde die Mistel unter feierlichen

Zeremonien von einem Druidenpriester mit einer goldenen Sichel

geschnitten und in einem weißen Tuche, damit die Erde nicht

berührt werde, aufgefangen. Plinius (Hist. nat. XVI, 95)

berichtet darüber: Nihil habent Druidae visco et arbore in

qua gignatur, si modo sit robur, sacratius ... est autem id

rarum admodum inventu et repertum magna religione petitur et

ante omnia sexta lunae, quae principia mensium annorumque his

facit et saeculi post tricesinum annum quia jam virium abunde

habeat nec sit sui dimidia, ~omnia sanantem~ appellantes suo

vocabulo. Sacrificio epulisque rite sub arbore comparatis

duos admovent candidi coloris tauros quorum cornua tum primum

vinciantur. Sacerdos candida veste cultus arborem scandit, falce

aurea demittit; candido id excipitur sago. Tum deinde victimas

immolant precantes, suum donum deus prosperum faciat his quibus

dederit. Fecunditatem eo poto dari cuicumque animali sterili

arbitrantur, contra venena esse omnia remedio. An anderer Stelle

(XXIV, 6) wird der Mistel Heilwirkung bei Kröpfen, Epilepsie,

Sterilität nachgerühmt. Noch heute wird sie in Wales Allheal

genannt.

[8] In Beziehung zur Mondgöttin Koridwen. -- Heilgott (dem Apoll

entsprechend) war Belen, der Sonnengott. -- In irischen Sagen

erscheint ~Diancecht~ als Heros der Heilkunde, auf ihn wurden

noch lange Zeit Rezepte zurückgeführt.

[9] Selago (Plinius XXIV, 62) (wahrscheinlich Kampferkraut,

Camphoreta hirsuta Monspeliensium), nach anderen Lycopodium

clavatum oder L. Selago galt ebenfalls als Mittel gegen alle

Uebel; namentlich sollte der Rauch gegen Augenleiden wirken.

Wie die Mistel mußte auch Selago -- sollte die Pflanze ihre

Wunderkraft entfalten -- mit großer Sorgfalt nach dargebrachtem

Opfer von einem weißgekleideten Druiden gesammelt werden und

zwar mit der rechten, vom Mantel bedeckten Hand, während die

linke aus dem Aermel gesteckt wurde, als wollte man etwas

stehlen. -- Samolus (Plinius XXIV, 63), wahrscheinlich Anemone

Pulsatilla, mußte mit der Linken und zwar nüchtern gepflückt

werden.

[10] Verbena officinalis wurde für eine zauberkräftige, besonders

Fieber abwehrende Pflanze gehalten; sie mußte unter gewissen

Zeremonien beim Aufgehen des Hundesterns ausgegraben werden;

Blätter, Stiele und Wurzel trocknete man getrennt im Schatten

(Plinius XXV, 59).

[11] Arataios erwähnt keltische Heilmittel gegen Lepra.

Eine große Wirksamkeit schrieb man der magischen Therapie, dem

Besprechen, Beschwören, den Amuletten und Talismanen zu. Mehrere

gallische Zauberformeln -- leider meist ins Lateinische übersetzt

-- und Vorschriften für die Verfertigung von Amuletten haben sich

bei Marcellus Empiricus erhalten[12]. Was die Amulette anlangt, so

bestanden dieselben aus Pflanzenteilen, Tierzähnen oder Steinen[13].

[12] Scharfsinnig hat Jacob Grimm l. c. p. 26 die von Marcellus

Empiricus (ed. Helmreich cap. VIII, p. 87, zur Beseitigung

der ins Auge geratenen sordicula) empfohlenen unverständlichen

Sprüche

tetunc resonco bregan gresso,

in mon dercomarcos axatison

auf das Keltische

tet un cre son co bregan gresso

immon derc omar cos ax atison

zurückgeführt und die Uebersetzung gegeben:

Fleuch von uns Staub hinnen zu der Lüge Genossen!

Lieblich (sei das) Augenbett, Weh und Schwulst (sei) fort!

[13] Gallische Amulette sind in Gräbern gefunden worden.

Neben den Druiden zeichneten sich auch Druidinnen (welche beim Kult

der gallischen Gottheiten eine große Rolle spielten) in der Heilkunst,

namentlich in der magischen, aus; besonderen Ruf als Zauberinnen,

Wahrsagerinnen und Aerztinnen erlangten jene von der Insel Sein (quas

Galli Senas vocant).

•Die Heilkunde der Germanen•, in welche der Sprachschatz, die

mittelalterlichen Volksepen und zum Teil auch die, weithin in die

Vergangenheit zurückreichende, Volksmedizin unserer Tage einigen

Einblick gewähren, setzte sich aus eng miteinander verbundenen

Kultgebräuchen, Zauberhandlungen und empirischen Kenntnissen

zusammen. Das Heilwesen verteilte sich auf verschiedenartige,

isolierte Vertreter, es verkörperte sich nicht in einem eigentlichen

Aerztestand, da die auf primitiver Kulturstufe hierzu nötige

Voraussetzung, eine organisierte Priesterschaft, bei den, in zahllose

Sippen zersplitterten, der einigenden Zentren (Städte) entbehrenden,

germanischen Stämmen fehlte.

Seit Urzeiten und niemals aus seiner führenden Stellung verdrängt,

wirkte vor allem das germanische Weib als Spenderin ärztlicher Hilfe.

Gestützt auf uralte, von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzte

Traditionen (Kenntnis von Heilpflanzen, Handgriffen, magischen

Gebräuchen) bewährten sich die Frauen in der Pflege und Behandlung

von Wunden[14], Verletzungen, inneren Schäden und selbstverständlich

auch als Helferinnen in Geburtsnöten[15]. In höchstem Ansehen bezw.

auch in unheimlichem Ruf als Heilkundige standen aber die aus dem

Opferblut weissagenden Kultpriesterinnen, die „Sagas”, d. i. die

„weisen Frauen”[16], und das an abgelegenen Waldorten hausende

wilde Weib[17], die Alpzauberin, welche nach dem Volksglauben über

geheimnisvolle Kräfte, dämonische Zauberlist geboten und besonders

wirksame, im Verborgenen wachsende Heilkräuter kannten. Weit später

läßt sich die ärztliche Tätigkeit des Mannes nachweisen. Wenn es

galt, die Seuchendämonen von Haus, Sippe oder Land abzuwehren, kam der

opferleitende „Gode” in Betracht, während der, dem Opferpriester zur

Seite stehende eigentliche Medizinmann, der „Lachener”, der „Galler”

(Galsterer), der giftkundige „Lüppner”[18] mit allen Mitteln seiner

Zauberkunst -- worunter sich freilich auch tatsächliche Empirie

verbarg -- das einzelne Individuum von dem unholden Krankheitsdämon zu

befreien suchte. Eine mehr beschränkte Rolle spielten der Einrenker

oder Streicher, und im engen Raum der isolierten Sippensiedelung

erlangten wohl auch der Hirt, der Schäfer, der Schmied den Ruf

als Heilkünstler, weil ihnen ihr Beruf häufig Gelegenheit zur

Krankenbeobachtung (bei Tieren) gab.

[14] Tacitus berichtet in der Germania (cap. 7): ad matres, ad

conjuges vulnera ferunt, nec illae numerare et exigere plagas

pavent.

[15] Hebamme ahd. hebh-anna ═ hebende Ahnfrau, Großmutter, d. h.

das mithelfende ältere Weib.

[16] Tacitus l. c. cap. 8 nennt als Beispiele solcher Frauen die

Velaeda und Albruna.

[17] Noch im Mittelalter erzählte man von wilden Weibern, die im

Besitze von Heilmitteln seien und Kunde davon an bevorzugte

Menschen geben; so heißt es in der Gudrun 529 si heten in langer

zîte dâ vor wol vernomen, daz Wate arzât waere von einem wilden

wîbe.

[18] Der eigentliche Name für den germanischen Medizinmann wäre

~Lachner~ (Zauberer, Besprecher) gewesen, got. lêkeis, ahd.

lâhhi, angels. laeca, engl. leech, nordgerman. laeknari;

keltisches Lehnwort oder aus einer Wurzel stammend mit der

keltischen Arztbezeichnung, irisch liaig, entsprechend einem

gallischen lêg; der Name kommt von Lach, d. h. dem, mit

roter (Mennig-) Farbe aufgetragenen, Mal, mit welchem der

Medizinmann unter Besegnungs- und Besprechungsformeln die Stelle

bezeichnete, wo der Krankheitsdämon im Körper sitzen sollte. --

Die Bezeichnung Galler oder Galsterer kommt von dem „gellen”

Laut, womit er die Dämonen verscheuchen sollte (beschreien,

berufen ═ bezaubern, Vergalsterung ═ Verzauberung) oder von

dem laut geschrieenen Zaubergesang („galster”). -- „Lüppner”

kommt von den Giftkräutern ═ Lüppe, mit denen der germanische

Zauberer vorzugsweise tätig war.

Die Krankheiten wurden nur zum geringsten Teile auf natürliche

Ursachen zurückgeführt, zumeist betrachtete man dieselben als Werk

unholder Dämonen (Alp, Mar, Troll u. a.) oder auch als Strafe der

erzürnten Gottheiten, welche die Krankheitsgeister entsenden; diese

metaphysische Aetiologie machte sich insbesondere in der Auffassung

der Seuchen, der Fieberkrankheiten, der Nerven- und Geistesleiden, der

chronischen, mit Abzehrung verbundenen Affektionen, der Hautleiden,

der Mißbildungen geltend. Man stellte sich vor, daß der Dämon den

Kranken im Schlafe überfällt oder durch Hieb, Stich, Schuß ihn

verletzt -- darauf deuten z. B. die Krankheitsbezeichnungen[19]

Trudendruck, Schlag, Alpstich (Pneumonie), Elben-, Maren-Hexenschuß

-- oder als geisterhaftes Tier in ihn fährt, als elbischer Wurm an ihm

zehrt[20]. Bei der Besichtigung der Kranken, der sog. ~Zeichenschau~,

wurde daher besonders auf die „Malzeichen” oder „Lintzeichen”

geachtet, welche als sicherer Beweis der Wirkung elbischer Dämonen

galten[21].

[19] Abgesehen von der dämonistischen Krankheitsauffassung sind die

germanischen Krankheitsnamen hauptsächlich von den sinnfälligen

Hautveränderungen, subjektiven Schmerzempfindungen und

augenscheinlichen Gebrechen und Funktionsstörungen hergenommen

(z. B. Brand, Gicht, Sucht, Lähme).

[20] Z. B. Fingerwurm ═ Panaritium, Ohrwurm ═ Parotitis. Chronische,

mit Abzehrung (Schwinden, Darre) verbundene Krankheiten

oder Hautaffektionen wurden nach germanischem Glauben von

mitessenden, elbischen Würmern, Maden, verursacht.

[21] Hierzu gehörte auch die Farbe der entleerten Würmer (elbischen

Dämonen). Wie der germanische Wortschatz andeutet, scheint

beim Kranken auf den allgemeinen Zustand, die Schmerzart, die

Hautveränderungen, die etwaigen Formveränderungen kranker

Glieder, Ausdruck der Augen, Farbe, Glanz und Stellung der

Haare, Schleimhautfarbe, Blutgeruch und Blutgeschmack u. a.

geachtet worden zu sein; vielleicht wurden auch gelegentlich

Tastuntersuchungen vorgenommen.

Entsprechend den Krankheitsvorstellungen hing die Therapie, selbst

soweit sie in der Anwendung wirklicher, empirischer Mittel bestand,

mehr oder minder mit Kult und Zauberwesen zusammen.

Die Grundbedingung des Krankheitsschutzes und Heilerfolges lag

darin, die Gunst der Götter zu erlangen, bezw. ihren Zorn durch

Opfergaben (blutige Opfer)[22] oder deren Stellvertretung, Kultspeisen

und gewisse Kulthandlungen zu beschwichtigen. Der Opferpriester hatte

durch seine feierlichen Bannsprüche die Krankheitsdämonen abzuwehren,

ihm war auch die Gabe verliehen, durch bloßes Berühren der leidenden

Stelle mit seinen Heilhänden, durch Berühren mit dem, in das Opferblut

getauchten, „Kedfinger” (Wodansfinger)[23], durch Anhauchen, Anblasen

oder mit Salz und Wasser u. s. w. den Krankheitsgeist zu vertreiben.

Besonders vor dem Auftreten, während der Herrschaft und nach dem

Aufhören der Seuchen wurden kultische Mittel[24] in Anspruch genommen.

[22] Dem Opfer und der Opferschau entsprangen die anatomischen

bezw. pathologisch-anatomischen Kenntnisse, über welche der

germanische Wortschatz genügende Aufschlüsse erteilt. -- Das

germanische Opferwesen war auch die Quelle der therapeutischen

Verwendung von Tierorganen, denen Zauber- und Heilwirkung

zugeschrieben wurde.

[23] Genannt nach dem Heilgott, dem Allvater Wodan-Odin, der als

„Alpverdruß” die lichtscheuen Krankheitsdämonen und nächtlichen

Fiebergeister vertrieb und der im Besitze der mächtigsten

Bannsprüche war. Bei den Deutschen hieß der Zauberfinger auch

Metzgerfinger. Bei den Nordgermanen waren es die Priesterkönige,

welche durch Auflegen ihrer Heilhand (Königshand) heilten.

[24] Hierher gehörten das Opfer (dem Gotte Thor dargebracht), der

Opferrauch, das Anzünden von Notfeuer, das Fasten, die bis zur

ekstatischen Verzückung getriebenen Kulttänze (Reigentänze)

und andere dämonenvertreibende Mittel.

Indirekten Zusammenhang mit dem Kult hatten unter anderem: die

Bevorzugung gewisser Heilkräuter und die Ausgrabung derselben zu

bestimmten Zeiten (z. B. in der Donnerstagfrühsonne), die Sitte,

durch den Maitau auf den Wiesen in den Morgenstunden zu streifen (zur

Stärkung der Glieder), der Besuch von, auf sonnigen Höhen gelegenen,

Genesungsstätten, „Heilbergen” (Sonnenkultorten, Votivgaben,

Sonnenwärme als Heilmittel gegen Fieber), der mit der Spendung

von Opfergaben verbundene Gebrauch von heißen (einer einheimischen

Sonnengottheit geweihten) Heilquellen (meist an Donnerstagen)[25].

[25] Was den Bädergebrauch überhaupt anlangt, so wissen wir nach dem

Zeugnis römischer Autoren (z. B. Caesar, Tacitus), daß derselbe

bei den Germanen ungemein beliebt war, und zwar kamen schon in

urgermanischer Zeit nicht nur Flußbäder, sondern auch häusliche

Warmbäder und Schwitzbäder in Betracht (ahd. stuba, stupa, von

stieben -- die Dampfentwicklung erfolgte durch Aufgießen von

heißem Wasser auf die vorher erhitzten Steine der Badstube).

Abwehr und Vertreibung der vermeintlichen Krankheitsdämonen

beherrschte als Leitmotiv das therapeutische, ganz vom Begriff des

„Zaubers”[26] durchdrungene Gebaren des germanischen Medizinmannes,

wenn er mit magischen Zeichen, Besprechungs- und Beschwörungsformeln,

mit Zaubergesängen und Runen[27], mit Lärm und Tanz, mittels

massierender Streichbewegungen[28] oder mechanischer Gewalt

(z. B. Prügeln des Patienten) oder mittels Transplantation (in

das Zaubergerät, in Fetischtiere, in Bäume etc.) die Krankheit

zu beseitigen trachtete. Aber der gleiche Gedanke schwebte der

Hauptsache nach auch dann vor, wenn Heilpflanzen[29] in Form

von Räucherungen, Bähungen oder Tränken zur Anwendung kamen. In

solchem Gesichtskreise finden Amulette und Talismane, welche zum

Teile auch aus Rudimenten wirklich erprobter Mittel bestanden, als

prophylaktische Schutzmittel ihre Berechtigung. Dieselben waren

pflanzlicher oder tierischer Herkunft (Zähne, Krallen, Knochenteile

von Ebern und Wölfen; Belemniten, Echiniten) oder bestanden aus

runenbeschriebenen Metallgegenständen (Hammer, Ringe, eiserne Pfeile

etc.) und Steinen (Feuersteine, „Lebenssteine”). So bildeten denn

der ~Wort~(Runen-)~zauber~, der ~Krautzauber~ und der ~Steinzauber~

das Um und Auf der germanischen Therapie, wie es noch im deutschen

Mittelalter durch Freidanks Spruch bezeugt wird:

Kraut, Steine und Wort

Haben an Kräften großen Hort.

[26] Bezeichnet ursprünglich die rote Mennigfarbe (taufra), mit

welcher der Heil-, Arzt- oder Lachnerfinger des Medizinmannes

den Dämonensitz bestrich, vgl. S. 236, Anm. 5.

[27] „Astrunen sollst du kennen, eh' du willst Lachner werden,”

lehrte Sigtraut den Sigfried. -- Die Runen waren mit roter

Mennigfarbe in Stäbchen geritzt, der Zauberer mußte dieselben

zu lesen verstehen, darum hieß er auch „Ableser”.

[28] Das Bestreichen des Abdomen war verbunden mit der Mitwalgerung

eines Gegenstandes (z. B. eines Käfers), wohl in der Absicht,

die Krankheit dabei zu transplantieren.

[29] Es gab Wundkräuter, Brandkräuter, Schußkräuter, Giftkräuter,

Unholdenkräuter, Wut- und Tollkräuter (gegen Erregungszustände),

Qualmkräuter, Ruhrkräuter (z. B. Alantwurz, Eichenrinde),

Zitterach- oder Sprungkräuter (gegen Hautkrankheiten),

Schloßkräuter (zur Erleichterung der Geburt, z. B. Chamomilla,

Alchemilla, Arnica, Artemisia als Bähung oder Trank, Hanf als

Räucherung), Wehenkräuter u. s. w. Zu den betäubenden oder

schmerzstillenden Mitteln zählten Hyosciamus, Lactuca, Mohn,

Solanum, Mandragora, Atropa, Belladonna, Conium, Cannabis.

Ganz besonders machte sich der Mystizismus natürlich auf dem

Gebiete der Geburtshilfe, bei der Behandlung kranker Kinder und

bei der Behandlung Irrsinniger geltend. Die Geburtshilfe und

Wochenbettspflege, bei welcher mancherlei Kultzeremonien eine Rolle

spielten, und bei der die zauber- und runenkundigen Mitweiber in

Aktion traten, erforderte den Beistand der notlösenden Dämonen

(Perchta, Nornen, Saligen, Idisen) und die Abwehr der Schrecken

erregenden unholden elbischen Geister (durch glänzende Amulette,

Absingen von Zaubersprüchen, gellendes Schreien, Räucherungen mit

Wacholder u. a.); die Geburtsstellung dürfte die mit kauernden Knieen

gewesen sein; um das „Mutterschloß” (Beckengürtel ═ Bannschloß,

welches sich in der Gebärnot verschließe) zu eröffnen, wandte man

(entsprechende Bähungen, Tränke oder Räucherungen) verschiedene

Kompressionsmethoden, Stürzen der Kreißenden, massierendes Streichen,

äußere Wendung an. Die durch äußere Wendung oder den Kaiserschnitt

lebend entbundenen Kinder galten als elbische Glückskinder;

mißgestaltete oder sonst kranke Neugeborene wurden ausgesetzt. Die

künstliche Ernährung bestand darin, daß man Kuhmilch aus dem spitzen

Ende eines Bockshorns gab. Die Kinderkrankheiten, namentlich die,

mit Krämpfen verbundenen, führte man auf den schreckhaft wirkenden

Einfluß elbischer Nachtgeister zurück, zur Abwehr gebrauchte man

Amulette aller Art, zur Beseitigung der Leiden schlaferregende

Zauberrunen und narkotisch wirkende Heilmittel (Solanum, Papaver).

Was die Geisteskranken anlangt, so galten dieselben von Dämonen

Besessene, ihre Behandlung war wesentlich ein Kultakt (z. B. Tänze im

Allah zur Zeit der Sonnenwende, Fesselung mit Kultpflanzen) oder eine

antidämonische (Hervorlocken des parasitären Dämons aus dem Gehirn

durch ableitende Brandwunden).

Selbst die Hilfeleistung bei chirurgischen Fällen -- so sehr

empirische Handgriffe die Hauptsache ausmachten -- war nicht ganz

losgelöst von antidämonistischen Gebräuchen. Die traditionelle

Behandlungsweise der Wunden[30] strebte Heilung unterm Schorf an. Nach

dem „Besehen” der Wunden, der „Heil-Schauet” (eventuell Untersuchung

mit der Drahtsonde), Entfernung der Blutgerinnsel, Abschneiden der

Hautfetzen, Aussaugen des Giftes, Beseitigung von Knochensplittern

oder Fremdkörpern mit der Zange[31], reinigte man mit lauem Wasser

oder Wein die Umgebung, legte einen Verband mit Schorfkrautabsud oder

ausgepreßtem Pflanzensaft darüber, rieb mit Alaun ═ ahd. Peizstein

(zur Abwehr der Wundfieber erzeugenden Dämonen) ein und gab einen

Wundtrank. Um den normalen Verlauf der Wundheilung zu sichern,

strich der Lachner oder die Lachnerin mit dem Finger im Kreise um

die Wunde und sprach den Wundsegen[32]. Trat dennoch Rotlauf, Brand

etc. auf, so mußte zu den entsprechenden Zauberkräutern, kultischen

und magischen Behandlungsmethoden gegriffen werden. Auch bei der

Blutstillung (bei größeren Blutungen Tamponade und Kompression mit

Moos, Erdrasen, Steinen, Anwendung von siedheißem Pech, bei kleinen

Blutungen mit Spinngewebe) spielten althergebrachte Zauberformeln

eine Rolle, desgleichen bei der Behandlung von Verrenkungen

(mittels Streichung, Dehnung und Reibung)[33]. Zum Verband bei

Knochenbrüchen -- Gräberfunde beweisen die gute Ausheilung z. B.

von Unterschenkelfrakturen -- benützte man biegsame aber doch feste

Zweige (Weidenrute), Baummoos und Ulmenbast (zur Polsterung), bei

langwierigen Gelenkkrankheiten sorgte man für Ruhestellung der

Gelenke. Was operative Eingriffe anlangt, so kannten die Germanen

eine Art von Aderlaß (Ritzung mittels eines Dornes, später Anwendung

eines feineren Messerchens -- Adersax), das Schröpfen (Ausziehen des

Blutes mit einer Bockhornspitze), die Eröffnung von Abszessen (durch

Aufkerben); zur Beseitigung von Geschwülsten scheint das Brenneisen

verwendet worden zu sein.

[30] Aus den germanischen Volksgesetzen, dem Niederschlag langer

Zeiträume, läßt sich ersehen, daß auf Grund der wundärztlichen

Erfahrung eine Anzahl von Wundarten (gemäß der Dignität der

Wunde) unterschieden wurde.

[31] Bei aufgeschlitztem Abdomen wurden die heraushängenden

Eingeweide zurückgestopft und die Wundränder zusammengeheftet.

[32] Die auffallende Uebereinstimmung der Wundbesegnungsformeln bei

den germanischen Stämmen weist auf einheitlichen Ursprung. Ihr

Inhalt verrät, daß man eine ganze Reihe von Abnormitäten des

Wundheilungsprozesses kannte.

[33] Allbekannt ist der Merseburger Zaubersegen

bên zi bêna

bluot zi bluodo

lid zi geliden

sôse gelîmida sîn.

Auf die Heilkunst der Germanen hat die keltische anscheinend nicht

unbedeutenden Einfluß ausgeübt.

Die Medizin im frühen Mittelalter.

Vom Standpunkt der Gesamtentwicklung betrachtet, bildete die Sammlung

und Verarbeitung antiker Ueberlieferungen das Ziel, welches der

mittelalterlichen Medizin vorgesteckt war. Zur Erreichung desselben

bedurfte der Westen infolge besonders ungünstiger Einflüsse weit

längerer Zeit als Byzanz und der islamische Kulturkreis.

Schon in den letzten Jahrhunderten des römischen Kaisertums

entartet und verkümmert, dämmerte die Heilkunde des Abendlandes im

Mittelalter mehr als ein halbes Jahrtausend dahin, bevor sich auch

nur Ansätze zum Aufschwung aus geistiger Oede zeigten; zur Höhe der

Wissenschaftlichkeit gelangte sie eigentlich erst in jenen späten

Tagen, da den Arabern die Fäden bereits wieder zu entgleiten begannen.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 33 / 76 段