einer Aerztefamilie, welche sich ganz besonders der Augenheilkunde
widmete, war anfangs in seiner Geburtsstadt Damaskus, sodann in
Kairo als Hospitalsarzt tätig und lebte später am Hofe eines Emirs in
Syrien. Er machte sich hauptsächlich durch sein medikohistorisches
Werk, „~Quellen der Belehrung über die verschiedenen Klassen der
Aerzte~” verdient, welches über 399 Aerzte und Naturforscher bio-
und bibliographische Nachrichten bringt. Arabische Ausgabe von Aug.
Müller, Königsberg 1884. Die lateinische Uebersetzung, welche Reiske
(Ende des 18. Jahrhunderts) verfertigte, ist bisher nicht aufgefunden
worden. Uebersetzungen einzelner Bruchstücke enthalten Dietz, Analecta
medica, Lips. 1833 (über die indischen Aerzte, über Ibn Beitar;
lateinisch), Sanguinetti, Cinq extraits de l'ouvrage arabe d'Ibn
Aby Osaïbi etc., Paris 1854-56 (Anfänge und Zeitperiode Muhammeds;
französisch). Die Spezialwerke von Ferd. Wüstenfeld, Geschichte
der arabischen Aerzte und Naturforscher (Göttingen 1840) und Luc.
Leclerc, Histoire de la médicine arabe (Paris 1876) sind hauptsächlich
auf Grund der bio-bibliographischen Angaben Usaibias verfaßt. Das
Werk zerfällt in folgende 15 Abschnitte: Ursprung der Medizin. Die
ersten Aerzte und Erfinder von Heilmitteln. Die griechischen Aerzte
seit Aeskulap. Hippokrates und seine Schüler etc. Galen und seine
Zeitgenossen. Die alexandrinischen Aerzte. Aerzte zur Zeit Muhammeds.
Syrische Aerzte unter den ersten Abbassiden. Uebersetzer und deren
Gönner. Aerzte in Irak und Mesopotamien. Aerzte in Persien. Indische
Aerzte. Aerzte im Maghrib und in Andalus. Aerzte in Aegypten. Aerzte
in Syrien.
•Abul Faradsch• ~Dsordschis~, auch •Bar Hebraeus• genannt
(1226-1286), beschäftigte sich vorwiegend mit Geschichte, Philosophie,
Theologie, Grammatik, eignete sich aber auch medizinische Kenntnisse
an (namentlich im großen Hospital zu Damaskus); später wurde er
Bischof, schließlich Metropolit der Jakobiten. Er verfaßte mehrere
medizinische Kompilationen und Kommentare zu einigen griechischen
und arabischen Aerzten und begann eine Uebersetzung des Avicenna ins
Syrische. Sein Hauptwerk ist die „Geschichte der Dynastien” (lat.
Ausgabe Historia orientalis autore Gregorio Abul Pharajio ed. Pocock,
Oxon. 1672; deutsch von Bauer, Leipzig 1783-85).
~Abul Abbas Ahmed ben Jusuf Ettifaschi~ (•Tifaschi•), Arzt in
Aegypten, verfaßte 1248 ein Werk über wertvolle Steine, in welchem
auch deren Heilkraft besprochen wird. Dieses berühmte arabische
Steinbuch wurde von Raineri ins Ital. übersetzt, Florenz 1818.
~Abul Muna ibn Chaffats al Kuhin~ (═ •Kohen•) •al-Attar• (der
Apotheker), jüdischer Arzt in Kairo, schrieb um 1259 ein Werk über
Pharmazie, welches wohl das beste dieser Art in der arabischen
Literatur ist und dementsprechend jahrhundertelang großes Ansehen
in der morgenländischen Welt genoß. Es zerfällt in 25 Kapitel, von
denen das erste der Deontologie gewidmet ist, die folgenden zwanzig
die einzelnen Formen der Medikamente besprechen, während die letzten
von den Gewichten, dem Sammeln, Aufbewahren und Prüfen der Arzneien
handeln. Der Verfasser hat nicht nur die Vorgänger umsichtig benützt,
sondern stützt sich auch auf viele eigene Erfahrungen.
~Izz ad-din~ •es Suwaidi• ~el-Ansari~ aus Damaskus (1203-1291)
schrieb ein Notizbuch über einfache Arzneien für Krankheiten der
einzelnen Körperteile.
•Ibn an Nafis• el-Karschi († 1288 oder 1296), einer der
gefeiertesten Lehrer in Damaskus, machte sich im Orient namentlich
durch seine Kommentare zum Kanon des Avicenna berühmt; Ausgabe
Moojiz-ool-Quanoon, Calcutta 1828.
~Abul Faradsch Jakub ben Ischak~ •Ibn el Koff• (1226-1286),
christlicher Arzt armenischer Abkunft, verfaßte eine Reihe von
Schriften, darunter den „Pfeiler der Chirurgie”.
•Kotb ed-din es-Schirazi• (1236-1311), berühmter Lehrer, verfaßte
unter anderem einen Kommentar zu Avicenna und eine Augenheilkunde.
•Najim ad-din Mahmud•, wahrscheinlich ein Perser, schrieb ein
Buch von der Behandlung der Krankheiten, dessen 5. Abteilung
(zusammengesetzte Arzneimittel) von ~Guigues~ mit französischer
Uebersetzung herausgegeben wurde: Le livre de l'art du traitement
etc., Beyrouth 1902.
Hervorragende Augenärzte: •Chalifa• ~ben Abil Mahasin~ aus Aleppo
(Buch vom Genügenden in der Augenheilkunde, um 1256) und •Salah
ad-Din• ~ben Jusuf~ aus Hama (Licht der Augen, um 1296). Deutsche
Uebersetzung von Hirschberg, Lippert und Mittwoch, „Die arabischen
Augenärzte”, Leipzig 1904 u. 1905, 2. Band.
Schriftsteller des 14. und 15. Jahrhunderts.
•Ibn el Kotbi• ~esch-Schafi el Bagdadi~ (angeblich armenischer
Abkunft) schrieb (in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts) eine
Arzneimittellehre, welche nach den Anfangsworten ~Malajesa~ (═ quod
nefas est medico ignorare) bekannt wurde und im wesentlichen eine
berichtigte Ausgabe des pharmakologischen Hauptwerkes von Ibn Beitar
darstellt.
~Muhammed ben Abdallah~ •Ibn el Katib• (geb. 1313, enthauptet 1374)
spielte in Granada eine bedeutende politische Rolle und zeichnete
sich durch umfassende Gelehrsamkeit aus. Seine schriftstellerische
Tätigkeit bezog sich nicht nur auf Medizin, sondern auch auf
Geschichte, Philosophie, schöne Künste. Er verfaßte ein Handbuch der
Medizin und eine Reihe von Spezialschriften über verschiedene Themen,
z. B. über Pest, Bereitungsweise des Theriak, über die Erhaltung der
Gesundheit in den einzelnen Jahreszeiten, ~über die Entstehungsweise
des Fötus~.
Sams ad-din al Afkani († Kairo 1348), Verfasser von enzyklopädischen
Werken und einer augenärztlichen Schrift.
Sadaka as-Schadili (zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts) verfaßte
eine Augenheilkunde (Augenärztliche Stütze), vgl. über diesen und
den vorigen Autor Hirschberg.
~Dschelal ed-Din~ •es-Sojuti• (1445-1505) zu Kairo, berühmt
wegen seiner umfassenden Gelehrsamkeit und Schreibseligkeit (~560~
Nummern). Seine medizinischen Schriften standen bis in die neueste
Zeit namentlich in Algier in hohem Ansehen und bezeugen durch die
starke Hinneigung zu allerlei Aberglauben (insbesondere Amuletttragen)
den tiefen Verfall. -- Lat. Uebersetzung seiner Schrift über den
medizinischen Nutzen der Tiere in ~De proprietatibus et virtutibus
medicis animalium~ etc. ed. ~Abr. Ecchellensis~, Paris 1647[16].
[16] Diese Schrift ist ein Auszug aus der sehr reichhaltigen, aber
auch phantastischen Naturgeschichte der Tiere, welche Kemal
ed-Din el •Demiri• (•Domairi•), † 1405, hinterlassen hat.
* * * * *
Unter den arabischen Aerzten der späteren Zeit wären zu nennen:
~Abu Muhammed~ •Dāud• (Dawud) ~ben Omar~ •el Antaki• ed Eddhari ═
der Blinde (in Kairo, † 1597 oder 1599 zu Mekka) verfaßte ein großes
Handbuch der gesamten Medizin (Tadkira ═ Erinnerungsbuch), welches
sich durch seinen Reichtum an Arzneimitteln (1712) auszeichnet.
•Abd-er-Rezzak• ~ben Muhammed Eddschezzairi~ (erste Hälfte des 18.
Jahrhunderts). Seine Arzneimittellehre wurde von L. Leclerc (Traité
de matière médicale de Abd-er-Rezzaq, Paris 1874) ins Französische
übertragen.
Zweifelhafte Autoren.
•Mesue (der Jüngere)• -- Joannes filius Mesuae filius Hamech
filii Haly Abdala regis Damasci -- Joannes Mesue Damascenus --
Joannes Mesuae -- Joannes Nazarenus filius Mesuae. Nach einer wenig
zuverlässigen Angabe soll der Autor der unter den angeführten Namen
bloß lateinisch (übersetzt?) vorliegenden Werke ein jakobitischer
Christ des ~10. Jahrhunderts~ gewesen sein, welcher seine Ausbildung
in Bagdad empfing und am Fatimidenhofe in Aegypten als Leibarzt
tätig war. Arabische Originale fehlen. Es liegt die Vermutung sehr
nahe, daß sich unter dem Namen Mesue ein lateinisch schreibender
Autor des ~11. oder 12. Jahrhunderts~ verbirgt, der seinen Schriften
unter dieser Flagge leichter Eingang verschaffen wollte. Mit welchem
Erfolg -- das beweist die Tatsache, daß „Mesues” Werke fast so
häufig wie diejenigen Avicennas gedruckt worden sind und noch im 16.
Jahrhundert kommentiert wurden. Schriften: ~De medicinis laxativis~
(solutivis, purgatoriis), auch ~de simplicibus~ oder ~Consolatio~ (═
Correctio simplicium) genannt, besteht aus einem allgemeinen und einem
speziellen Teile, die zuweilen als zwei getrennte Schriften angeführt
werden. ~Antidotarium~ sive •Grabadin• ~medicamentorum compositorum~.
Practica medicinarum particularium s. liber de appropiatis -- auch als
2. Buch des Grabadin angesehen (daher Grabadin morborum particularium)
-- ist ein unvollständiges Handbuch der speziellen Therapie, welches
mit der Behandlung der Herzleiden aufhört. Es gibt nicht weniger als
26 Ausgaben der Opera Mesuae, z. B. Venet. 1471, 1540, 1549, 1561.
Italienische Uebersetzungen Modena 1475, Venezia 1487 u. ö., Firenze
(um 1490). Außerdem mehrere Teilausgaben.
Die Schrift ~de consolatione medicinarum~ handelt von der Auswahl
der Purgiermittel nach ihren Eigenschaften und Wirkungen, von der
Korrektion derselben, d. h. Beseitigung ihrer schädlichen Bestandteile
(oder Paralysierung derselben), von der Eventualität, daß das Mittel
seinen Dienst versagt und von der Ausgleichung der durch das Mittel im
Organismus etwa hervorgerufenen Störungen. Die medicamenta solutiva
umfassen sowohl Brech- als Purgiermittel. Die Brechmittel zerfallen
in gelinde wirkende (z. B. Semen Anethi), mittelstarke (z. B. Nux
vomica) und heftig wirkende (z. B. Helleborus albus). Die Abführmittel
zerfallen in die gelinde und in die drastisch wirkenden; zu den
ersteren gehören z. B. Wermut, Tamarinden, Rhabarber, zu den letzteren
z. B. Helleborus, Scammonium, Koloquinthen. Die Abführmittel wirken
in der Weise, daß sie die Säfte anziehen und zwar jedes Mittel den
ihm verwandten und passenden Stoff; einige dehnen ihre Wirkung auf
besondere Körperteile aus, so auf die Säfte des Kopfes (z. B. die
Koloquinthen), auf die Säfte der Brust (z. B. Manna), auf die Milz,
die Leber, den Magen (z. B. Rhabarber, Wermut, Tamarinden) u. s. w.
Die Korrektion der Purgiermittel erfolgt durch Kochen oder Waschen,
durch Infusion (mit Wasser, Essig, Milch u. a.) oder durch das
Zerreiben der Arzneistoffe.
Das ~Antidotarium s. Grabadin~ enthält in 12 Abschnitten (de
electuariis[17], de medicinis opiatis, de medicinis solutivis, de
conditis, de speciebus Loch, de syrupis et robubus, de decoctionibus,
de trochiscis, de pillulis, de sussuf et pulveribus, de unguentis
et emplastris, de oleis)[18] die Vorschriften über die Zubereitung
der Arzneien. •Dieses Werk stand als Kanon der Apothekerkunst im
Abendlande während des ganzen Mittelalters in hohem Ansehen.• Mesue
wurde geradezu als „~pharmacopoeorum Evangelista~” angesehen.
[17] Unter diesen befindet sich auch die (später jahrhundertelang in
den abendländischen Pharmakopöen als hervorragendes Cardiacum
und Pestmittel gerühmte) Edelsteinlatwerge ~Electuarium de
gemmis~, bestehend aus weißen Perlen, Fragmenten des Saphirs,
Hyazinths, der Granaten, Smaragde, aus roten Korallen, Ebenholz,
Gold- und Silberfolie, aromatischen Wurzeln und Substanzen,
Moschus und Ambra, die mit Rosenhonig o. a. zur Konsistenz
gemischt werden. Dem Mittel wurde große Wirksamkeit nachgerühmt
gegen Krankheiten des Herzens, Gehirns, der Leber, des Magens,
des Uterus, auch sollte es Melancholische aufheitern. „Wegen
solcher Vorzüge,” heißt es, „ist dieses Mittel bei Königen und
Fürsten sehr beliebt.”
[18] Bemerkenswert ist insbesondere die Destillation der
empyreumatischen Oele, z. B. Ol. Juniperi, Ol. fraxinum.
Sie geschah aus dem Destillationsfaß, einem großen, inwendig
glasierten Tongefäß mit engem Hals. In einer mit Töpferton
ausgemauerten Grube befand sich als Vorlage ein aufrecht
stehender, inwendig glasierter Krug mit weiter Mündung, die
durch eine siebartig durchlöcherte, fest anliegende Eisenplatte
geschlossen war. Hiermit wurde der Hals des Fasses bogenförmig
mittels Töpferton verkittet, so daß von den Dämpfen aus beiden
Oeffnungen nichts entweichen konnte (Berendes).
Vollkommen verschieden von diesem Autor ist ein dritter „Mesue”,
welcher als Verfasser einer aus dem ~13. Jahrhundert~ stammenden
(lateinisch geschriebenen) kompilatorischen Chirurgie auftritt.
Diese führt den Titel Cyrurgia ~Johannis Mesuë~, quam magister
~Ferrarius~ Judaeus cyrurgicus transtulit in Neapoli de Arabico
in Latinum. Ausgabe der drei ersten Bücher von J. L. Pagel, „Die
angebliche Chirurgie des Johannes Mesuë junior etc.”, Berlin 1893;
des vierten und fünften Buches in den von Pagel inspirierten Berliner
Dissertationen von F. A. Sternberg (1893), Walther Schnelle (1895),
Hans Brockelmann (1895).
•Serapion (der Jüngere).• Unter diesem Namen läuft ein Werk ~über
die einfachen Arzneimittel~ (~Liber de simplici medicina~, Mediol.
1473, Venet. 1497, 1552, Argentor. 1531 und mit den Schriften des
älteren Serapion), welches im Abendlande während des Mittelalters und
darüber hinaus sehr geschätzt wurde. Ueber den Verfasser herrschen
nur Vermutungen; jedenfalls wäre er frühestens ins 11. Jahrhundert
zu versetzen. Im wesentlichen handelt es sich um eine Kompilation
aus griechischen und arabischen Vorgängern. Vgl. Guigues, Les noms
arabes dans Sérapion, Journal asiatique 1905.
~Canamusali~ (Alcanamusali de Baldach). Unter diesem Namen geht
ein von abendländischen mittelalterlichen Autoren zitiertes Werk
über Augenheilkunde (de oculorum curationibus). Neudruck in Pansier,
Collectio ophthalmologica veterum auctorum, Paris 1903-1904, Fasc.
IV. Während früher angenommen wurde, daß es sich um die Uebersetzung
der Augenheilkunde des 'Amar ben Ali al-Mausili handle, wurde die
Schrift von Hirschberg für eine plumpe Fälschung erklärt.
Werke in persischer Sprache.
•Abu Mansur Muwaffak ben Ali Harawi•, Verfasser einer
Arzneimittellehre (zwischen 968-975), deren Bedeutung besonders
darin liegt, daß darin nicht bloß ~indische~ Heilmittel, sondern
auch indische Grundanschauungen über Medizin auffallend bevorzugt
werden. Ausgabe von R. Seligmann, Liber fundamentorum pharmacologiae,
Wien 1830-1833, deutsche Uebersetzung von Abul Chalig Achundow in
R. Koberts historischen Studien des pharmakologischen Instituts
der Universität Dorpat, Bd. 3, Halle 1893. Das Werk bespricht
585 Arzneimittel, wovon 466 pflanzlichen, 75 mineralischen und 44
tierischen Ursprungs sind. Die Substanzen teilt Abu Mansur nach
ihrer Wirkung auf den menschlichen Körper in ~vier Gruppen~. Zur
ersten gehören diejenigen, welche äußerlich und innerlich mit Nutzen
gebraucht werden können (z. B. Weizen, innerlich als Speise und
äußerlich als Streupulver bei Hautleiden), zur zweiten Gruppe gehören
diejenigen, welche innerlich als Speise dienen können, äußerlich
aber reizend wirken (z. B. Knoblauch), zur dritten Gruppe zählen
diejenigen, welche äußerlich in gewissen Fällen heilsam, innerlich
aber in größeren Dosen giftig wirken (z. B. Kupfersalze), die vierte
Gruppe umfaßt jene Stoffe, welche äußerlich und innerlich giftig
wirken (z. B. Akonitpräparate). Die vier Qualitäten des menschlichen
Körpers erfahren durch eingenommene Arznei- und Nahrungsmittel
eine gewisse Veränderung. Die Beeinflussung besteht gewöhnlich in
einer Steigerung einer der vier Qualitäten, wobei ~vier Grade der
Wirkung~ unterschieden werden. Die zur ersten der oben genannten
Gruppen gehörenden Stoffe wirken im 1. Grade, weshalb sie meist als
Nahrungsmittel dienen können; die zur vierten Gruppe gehörenden wirken
im 4. Grade, d. h. sie erzeugen die höchste Steigerung, sie sind
die spezifischen Gifte. Die im 2. und 3. Grade wirkenden Substanzen
sind teils zu Heilzwecken dienende Nahrungsmittel, teils eigentliche
Arzneistoffe. Um die kleinen Unterschiede, welche die verschiedenen
Substanzen in der Wirkung zeigen, genau beurteilen zu können, werden
bei jedem der vier Grade drei Unterabteilungen unterschieden, so
daß die Kälte oder Wärme, Feuchtigkeit oder Trockenheit erzeugende
Wirkung eines Mittels im Anfang oder in der Mitte oder am Ende eines
Grades sein kann. Die Gifte werden in drei Klassen geschieden. Zur
ersten gehören die Tiergifte, welche nur durch Beißen oder Stechen dem
Körper beigebracht werden, zur zweiten gehören diejenigen pflanzlichen
oder mineralischen Gifte, welche schon in kleineren Dosen wirken (z.
B. Akonit, Secale cornutum), die dritte Klasse umfaßt die „langsam
tötenden” Gifte, welche hauptsächlich auf ein bestimmtes Organ
spezifischen Einfluß ausüben (z. B. Kanthariden -- Nieren, Akonit --
Herz, Mandragora -- Gehirn, Arsenikpräparate -- Darm). Aufschlüsse für
die Diagnose der Vergiftung geben gewisse Symptome; so deuten Hitze,
Brennen und Schmerz im Darmtrakt mit gleichzeitigem Schwitzen auf eine
akute Vergiftung (z. B. durch Arsenik oder Quecksilberpräparate),
Besinnungslosigkeit, Schwäche und Kälte des Körpers auf Narkotika;
besonders wichtig ist der Geruch, Geschmack und die Farbe des
Erbrochenen (die Therapie wird daher meist mit einem Brechmittel
eingeleitet); ein allgemeines Antidot gibt Abu Mansur nicht an.
•Zarrin-Dast• verfaßte (um 1088) eine Augenheilkunde, vgl.
Hirschbergs Geschichte der Augenheilkunde bei den Arabern.
Aus späterer Zeit wären die Werke über Arzneimittel von ~Hadschi
Sein eddi Ali ben Husain el Ansari~ (betitelt Bismillah, verfaßt
1386), ~Nurredin Muhammed Abdullah~ (betitelt Elfas el Edijeh, verfaßt
1553, auszugsweise ins Englische übersetzt von Gadwin)[19], ~Mir
Muhammed-Zeman-Tunkabuni~ (betitelt Tohfat-ul Mowmin, verfaßt 1669,
von dem Karmelitermönch P. Angelus [Jos. de Labrosse] ins Lateinische
übersetzt, „Pharmacopoea Persica ex idiomata Persico in Latinum
conversa”, Paris 1681), ~Mir Muhammed Husain~ (betitelt Mukhzun
al-Udwieh, verfaßt 1771; macht bereits von europäischer Arzneikunde
Gebrauch) zu erwähnen.
[19] Vgl. R. Seligmann, „Ueber drei höchst seltene persische
Handschriften”, Wien 1833.
Armenisch.
•Mechithar• aus Her, „der Doyen der ärztlichen Schriftsteller
Armeniens”, verfaßte 1148 die Schrift „Trost bei Fiebern”. Deutsche
Uebersetzung von E. Seidel, Leipzig 1908. Dieselbe beruht auf
arabischen, persischen und (hinsichtlich der Therapie auch auf)
armenischen[20] Quellen und besteht aus 46 Kapiteln. Fieber wird
definiert als Vermischung fremder mit der angestammten Wärme, welcher
Vorgang im Herzen stattfindet und sich von hier in den ganzen Körper
unter Herabsetzung seiner natürlichen Funktionen fortpflanzt.
Die Ursachen zerfallen in äußere (z. B. heiße Luft, Kälte,
adstringierende Wässer) und innere (z. B. heiße Speisen und Getränke,
Gemütserregungen), abgesehen davon, daß manche besonders komplizierte
Fieber als Gottesstrafe aufzufassen sind. Die prädisponierenden
Momente sind teils in den sieben „natürlichen Dingen”, teils in
den sechs „nichtnatürlichen Dingen”, teils in den außernatürlichen
Dingen zu suchen[21]. Fieber entstehen im Pneuma (Eintagsfieber), in
den trockenen oder festen Teilen (Zehrfieber), oder in den Säften
(Schimmel- oder Faulfieber); letztere sind kontinuierlich oder
intermittierend (Wechselfieber), je nachdem die Fäulnis innerhalb
oder außerhalb der Adern vor sich geht. Die Anzahl der Fieberarten
und Unterarten ist sehr bedeutend, die Diagnose stützt sich auf die
Anamnese (Schweregefühl, Hitze- und Frostempfindungen etc.), auf die
Beobachtung des Pulses, Urins, der Zunge, der Haut (Farbe, Spannung;
Temperatur mit der aufgelegten Hand bestimmt), der Exkrete; an einer
Stelle wird auch der Trommelton des meteoristisch aufgetriebenen
Bauches und die Prallheit der Milz erwähnt. Therapeutisch kommen außer
zahlreichen Arzneimitteln, sorgfältigen diätetischen Maßnahmen und
Blutentziehungen auch Hydrotherapie (warme und laue Bäder, Dampfbäder,
Dunstumschläge; bei Doppeltertiana Kaltwasserkur) und Frottieren in
Betracht, in Fällen von psychischer Depression Musik und erheiternder
Zuspruch, gelegentlich auch Amulette und Sympathiemittel (namentlich
bei der Quartana).
[20] Ein (aus dem Persischen übertragenes) Medizinbuch des Armeniers
Kakga (Ende des 10. bis Anfang des 11. Jahrhunderts) und eine
anonym aus arabischen Vorlagen zusammengestoppelte Pharmakopöe.
[21] Vgl. S. 166.
Die Medizin im christlichen Abendlande.
Zur Vorgeschichte.
Wie im Osten, so dehnte sich auch im Westen das Verbreitungsgebiet
der Kulturmedizin immer mehr in die Weite.
Schon im späteren Altertum drang die griechisch-römische Heilkunst
mit dem Legionsadler von Italien nach Hispanien, Gallien und
Britannien vor, an den Rhein und an die Donau, bis in die fernsten
westlichen Provinzen des Römerreiches[1]. Dabei blieb die Ausübung
der ärztlichen Kunst keineswegs bloß auf römische Feldlazarette und
Standlager beschränkt, sondern faßte auch außerhalb Italiens im Lande
selbst festen Fuß, wie dies der Ruf gallo-römischer Medizinschulen
und das Ansehen gallo-römischer Aerzte beweist[2]. Ja sogar über
das Imperium Romanum hinaus, auf das angrenzende freie Germanien
erstreckte sich wenigstens in gewissem Grade der Einfluß der antiken
Heilkunst[3]. Während der Völkerwanderung und in den folgenden
Jahrhunderten wurde zwar sehr vieles verschüttet, doch schon in dem
Maße, als die ~Romanisierung~ germanischer Stämme fortschritt, gewann
die Kulturmedizin wieder an Terrain; den ausschlaggebenden Faktor aber
für die Rückgewinnung ihres Gebietes und noch mehr für die spätere
Ausdehnung desselben über die ganze Westhälfte Europas bildete die
~christliche Missionstätigkeit~, welche im Verlaufe des Mittelalters
nicht nur das gesamte Abendland dem Kreuz unterwarf, sondern mit
dem Evangelium auch Keime der antiken Bildung weithin selbst in jene
Gegenden trug, die von römischen Kriegern nie betreten worden waren.
[1] Dies bezeugen Inschriften und Funde von chirurgischen
Instrumenten, Okulisten ═ Siegelsteinen, Arzneikästchen.
Römische chirurgische Instrumente wurden an verschiedenen
Orten Spaniens, Frankreichs, Belgiens, Englands, der Schweiz,
Deutschlands (besonders im Rheinland), Oesterreich-Ungarns und
Serbiens aufgefunden. -- In Windisch, dem alten Vindonissa, in
der Schweiz, sind die umfangreichen Ruinen eines, mit ärztlichen
und pharmazeutischen Gerätschaften ausgerüsteten, römischen
Militärlazarettes aufgedeckt worden (vgl. die Schrift „Ein
römisches Militärspital”, Zürich, Polygraph. Institut [ohne
Verfasser und Jahr]).
[2] Besonders als Augenärzte taten sich die Gallorömer hervor. --
Gallier waren Jul. Ausonius (387-377), Leibarzt Valentinians
und Marcellus Empiricus.
[3] Dies geht aus dem Inhalt mancher germanischer Volksgesetze
hervor, welche in ihren Krankheitsschilderungen den fremden
Einfluß erkennen lassen, ferner aus dem frühzeitigen Eindringen
ärztlicher Fachausdrücke in germanische Sprachen.
Der noch im Altertum begonnene, im Verlaufe des Mittelalters zu Ende
geführte Siegeszug der Kulturmedizin durch Mittel- und Nordeuropa
bedeutete zugleich ein Zurückdrängen und allmähliches Verdrängen
der primitiven Heilkunde, welche sich bei den ~keltischen~ und
~germanischen~ Stämmen entwickelt hatte.
Unsere Kenntnisse über die •Heilkunde der Kelten• stützen sich auf
gelegentliche Bemerkungen antiker Autoren, besonders des Plinius.
Diese dürftigen Angaben betreffen die Verhältnisse in Gallien und
Britannien, wo das Druidentum in Blüte stand und nicht nur Kult und
Rechtspflege versah, sondern lehrend und forschend das gesamte Wissen
repräsentierte[4].