Was die allgemeine Therapie anlangt, so verdienen Avicennas

Anschauungen über den Aderlaß einige Aufmerksamkeit. Bei seiner

Anwendung beabsichtigte er hauptsächlich zweierlei: die Entfernung der

überschüssigen Materie (wenn dieselbe aus Blut oder schwarzgalligen

Säften besteht) und die Entleerung der (gekochten) Krankheitsstoffe.

Außerdem bilden Hämorrhagien eine Indikation (um dem Blute eine

andere Richtung zu geben). Avicenna gibt Vorschriften über die Wahl

der Vene (z. B. Cephalica bei Affektionen der oberen, Saphena bei

Affektionen der unteren Körperhälfte, Jugularvenen bei Aussatz), Form

der Venenöffnung, Maß der Blutentziehung (nach der Beschaffenheit des

Pulses, der Konstitution), Lagerung des Patienten (Horizontallage),

über das Verhalten nach dem Aderlasse und entwickelt eingehend die

Lehre von den Indikationen und Kontraindikationen (z. B. in kalter

Gegend, bei Personen unter 14 Jahren, bei Greisen, bei Blutarmen,

Fettleibigen). Im allgemeinen empfiehlt er, den Aderlaß auf der

gesunden Seite auszuführen, wenn man den Erfolg erst nach einiger

Zeit wünscht und zugleich auf längere Zeit hinaus ableiten will.

Vorsichtige Zurückhaltung wird namentlich bei fieberhaften Krankheiten

angeraten, damit die Widerstandsfähigkeit in der Krisis erhalten

bleibe, erst wenn die Zeichen der Kochung vorhanden, darf venäseziert

werden.

Zur Chirurgie und Geburtshilfe: Andeutung der Intubation des Larynx,

Beschreibung der Tracheotomie (Lib. III, Fen. 9, cap. 11), Operation

des Empyems mit dem Glüheisen oder Messer (allmähliche Entfernung,

Fen. 10, Tract. 5, cap. 5), Operation des Ascites (nur im äußersten

Notfall, Schnitt an verschiedenen Stellen je nach dem Ausgangspunkt,

Fen. 14), Behandlung der Hämorrhoiden und Mastdarmfisteln mittels

Unterbindung (Fen. 17, cap. 4 u. 19), Steinschnitt, Behandlung der

Hernien mit Adstringentien und dem Glüheisen (Fen. 22, Tract. 1, cap.

11). Unter den Verfahren zur Blutstillung (Lib. 4, Fen. 4, Tract.

2, cap. 16-18) kommen auch die Ligatur, Tamponade und Aetzung (mit

Aetzmitteln) vor. Unter den Knochenkrankheiten (l. c. Tract. 4,

cap. 9) ist die ~ventositas spinae~ erwähnt. In der Behandlung der

Knochenleiden vorkommende Manipulationen: Ausschaben, Kauterisieren,

Aushöhlen, Exstirpation, Resektion; in der Schilderung der Luxationen

ist die Erwähnung der ~Luxation des Steißbeins~ (Fen. 5, Tract. 1,

cap. 23) und die Repositionsmethode des Oberarmkopfes durch ~direkten

Druck~ (l. c. cap. 9-11) bemerkenswert. Unter den Ursachen der

Dystokie wird auch der „schmalen Hüften” gedacht. Zur Beförderung der

Geburt in schwierigen Fällen dienen Arzneimittel, Dämpfe, Bäder, Druck

auf den Leib, Knieellbogenlage, eine den Verhältnissen entsprechende

Lagerung, um den Kopf über den Muttermund zu bringen (Lib. III, Fen.

21, Tract. 2, cap. 24). Als einzig normale Lage gilt die Kopflage;

dieser am nächsten steht die vollkommene Fußlage, bei welch letzterer

aber schon Kunsthilfe nötig ist (l. c. cap. 20, 25). Zur Unterstützung

der Extraktion dienen umgelegte ~Schlingen~, so z. B. wenn die Geburt

wegen der Größe des Kindes Schwierigkeiten macht (l. c. cap. 28).

Bevor man zur Zerstückelung schreitet, ist noch der Versuch zu machen,

die ~Extraktion mit~ (nicht näher bezeichneten) ~Zangen zu machen~.

Die Art, wie diese Vorschrift bei Avicenna stilisiert ist, läßt im

Zweifel, ob es sich nur um die Extraktien toter oder lebender Kinder

handelte.

Was die Augenheilkunde des Avicenna anlangt, so läßt seine

Darstellung bei aller Vollständigkeit die Anschaulichkeit und

Originalität vermissen, dasselbe gilt von der Ohrenheilkunde.

Den meisten Ausgaben des Kanon sind auch einige kleinere Schriften

des Avicenna beigegeben; so besonders seine Cantica und die Schrift

de viribus cordis (de medicamentis cordialibus).

Cantica (Venet. 1484, Groning. 1649), aus vier Büchern bestehend,

enthält in aphoristischer Fassung theoretische und praktische

Grundsätze der Medizin; Medicamenta cordialia (in einigen Ausgaben

des Kanon). Diese Schrift handelt nach einer allgemein theoretischen

Begründung über 57 Herzmittel aus dem Pflanzen- und Mineralreiche. Auf

Grundlage der Pneumalehre wurde nämlich von den Arabern gewissen durch

Glanz oder Wohlgeruch ausgezeichneten Substanzen eine unmittelbar

aufheiternde Wirkung auf Depressionszustände des im Herzen sitzenden

Lebensgeistes zugesprochen. Liber liberationis, Kompendium in drei

Abteilungen öfters lateinisch gedruckt unter dem Titel de removendis

nocumentis; Tractatus de syrupo acetoso (lat. mehrmals).

Schriftsteller des 11. Jahrhunderts.

Irak.

~Abul Hasan al-Muchtar~ •Ibn Botlan• († 1063), christlicher Arzt

zu Bagdad -- ~Elluchasem Elimithar~ -- bereiste Syrien, Aegypten,

hielt sich eine Zeitlang in Konstantinopel auf und trat zuletzt

in Antiochia in ein Kloster ein. Von seinen Werken erlangte eine

kompendiöse diätetisch-therapeutische Schrift -- Takwim es-sihha

═ Tabula sanitatis -- nicht so sehr wegen ihres Inhalts als wegen

ihrer Form besondere Bedeutung. Sie besteht nämlich aus ~synoptischen

Tabellen~, worin die nützliche oder schädliche Einwirkung der Luft,

Nahrung, Bewegung und Ruhe, des Schlafens und Wachens, der Säfte,

der Affekte vorgeführt wird und die Mittel zur Beseitigung der

schädlichen Einflüsse angegeben werden. Lateinisch unter dem Titel

Tacuini sanitatis Elluchasem Elimithar etc., Argent. 1531, davon eine

deutsche Uebersetzung, das. 1533. Die Ausgabe ist bemerkenswert durch

eine Reihe von Holzschnitten, welche Naturkörper, Kunstprodukte,

Leiden und Handlungen, ja sogar Jahreszeiten und Winde darstellen.

~Abu Ali Jahja ben Isa~ •Ibn Dschezla• († 1100) aus Bagdad, ein

zum Islam übergetretener Christ -- ~Buhahylyha~, ~Byngezla~, Bengesla

etc. -- verfaßte unter anderem ein Werk über Pathologie und Therapie

in Form synoptischer Tabellen -- Takwim al abdan. Lateinisch Tacuini

aegritudinum et morborum fere omnium corporis humani cum curis

eorundem Buhahylyha Byngezla autore, Argent. 1532 (1532 das. mit den

synoptischen Tabellen des Ibn Botlan als Canones tacuinorum gedruckt).

Deutsch von M. Herum mit den Botlanschen Tafeln, Straßburg 1533:

~Schachtafeln der Gesundheit~. In 44 Tabellen wird die Pathologie und

Therapie von 352 Krankheiten (Name, Temperament, Alter, Jahreszeit,

örtliches Vorkommen, Gefährlichkeit, Ursachen, Zeichen, Indikation,

Behandlungsweise) vorgeführt, in der Reihenfolge: Fieber, Hautleiden,

Wunden, Vergiftungen, Organleiden a capite ad calcem. Der Aderlaß

spielt eine Hauptrolle. Ausführlich sind die Frauenleiden behandelt,

doch wird die Therapie der Hysterie den Hebammen zugewiesen. Unter

den therapeutischen Maßnahmen sind solche, welche für reiche Leute

bestimmt sind, und solche, welche auch von den Armen befolgt werden

können, angegeben.

~Ali ben Isa~ ═ •Jesus Haly• (bis zur ersten Hälfte des 11.

Jahrhunderts), ~der hervorragendste arabische Augenarzt~[11].

Sein aus drei Abteilungen bestehendes „~Erinnerungsbuch für

Augenärzte~” ist das älteste vollständig erhaltene Spezialwerk

über Augenheilkunde. Alte lateinische Uebersetzung „De cognitione

infirmitatum oculorum et curatione eorum” (Venet. 1497, 1499, 1500).

Neue lateinische Uebersetzung der ersten Abteilung von C. A. Hille,

Ali ben Isa monitorii oculariorum s. compendii ophthalmiatrici

latine redditi specimen (Dresd. u. Lips. 1845). Neue verbesserte

Ausgabe der mittelalterlichen lateinischen Uebersetzung des

ganzen Werkes von P. Pansier in Collectio ophthalmologica veterum

auctorum Fasc. III Epistola Jhesu filii Haly de cogn. infirmitat.

oculor. (mit biographisch-literarischer Einleitung), Paris 1903.

Deutsche Uebersetzung von J. Hirschberg und J. Lippert, Ali ben

Isa Erinnerungsbuch für Augenärzte aus arabischen Handschriften

übersetzt und erläutert, Leipzig 1904. Nach einer kurzen Einleitung

handelt das Buch I über die ~Anatomie und Physiologie des Auges~

(nach Galen). Buch II enthält die ~sinnfälligen Krankheiten des

Auges und ihre Behandlung~, wobei Krankheiten der Lider, des

Tränenwinkels, der Bindehaut, der Hornhaut, der Regenbogenhaut

beschrieben werden. Der Star gilt als eine Ausschwitzung, welche

an der Vorderfläche der Pupille gerinnt. Buch III betrifft die

~nicht-sinn~fälligen Augenleiden: Differentialdiagnose solcher

Gesichtserscheinungen, welche von Magen- und Hirnleiden, und solcher,

welche vom Star ausgehen, Krankheiten der Eiweißfeuchtigkeit, der

Kristallfeuchtigkeit, Schädigungen des Sehgeistes, Nachtblindheit,

Tagblindheit, Krankheiten des Glaskörpers, der Netzhaut, des Sehnerven

(Verstopfung, Pressung, entzündliche Schwellung, Zerreißung), Vorfall,

Schrumpfung des Auges, Krankheiten der Aderhaut, der harten Haut,

Krampf oder Lähmung der Bewegungsmuskeln, Schwäche der Sehkraft;

hierauf folgen diätetische Vorschriften, Behandlungsweise des

Kopfschmerzes und der Migräne, welche dem Augenschmerz folgen, endlich

eine Aufzählung der einfachen (143) Augenheilmittel mit der Angabe

ihrer Wirkungsweise. Von mineralischen Substanzen finden sich Blei,

Bleiweiß, Antimon, Salpeter, Zinkblume, Eisenhammerschlag, Kupfer,

Grünspan, Zinnober, Vitriol, Alaun, Bluteisenstein, Tonerde, Galmei,

Lasurstein, Salz, Natron u. a. Abergläubische Mittel fehlen. Im ganzen

sind 130 Augenaffektionen sorgfältig beschrieben.

[11] Nicht zu verwechseln mit Isa ben Ali (um 885), einem Schüler

Hunains, welcher ein Buch über die Gifte verfaßte.

•'Ammar• ~ben Ali al-Mausili~ (aus Mosul), Zeitgenosse des Vorigen,

verfaßte ein vorzügliches Werk über Augenheilkunde, „Buch der Auswahl

von den Augenkrankheiten”, ausgestattet mit instrumentellen und

anderen Abbildungen. Deutsche Uebersetzung von Hirschberg, Lippert u.

Mittwoch, in „Die arabischen Augenärzte”, nach den Quellen bearbeitet,

Bd. II, Leipzig 1905.

Aegypten.

~Ali ben Rodhwan~ (Ridhwan) oder •Rodoam• († 1068?), unter dem

Kalifen al-Hakim Protomedikus von Aegypten, erlangte als Lehrer

Berühmtheit, war aber wegen seiner Streitsucht gefürchtet. Unter

seinen Schriften hatten namentlich die Kommentare zu hippokratischen

und galenischen Werken sowie zum Centiloquium des Ptolemaios

Bedeutung. Der Kommentar zu Galens Mikrotechne wurde ins Lateinische

übersetzt (Venet. 1496).

Spanien.

~Ibn Wafid el-Lachmi~ ═ •Abenguefit• (997-1070) wirkte als

Hospitalsarzt in Toledo und war eine Zeitlang Vezier. Er zeichnete

sich durch eine sehr rationelle Behandlungsweise aus. Sein Prinzip

bestand darin, so weit es möglich war, mit diätetischen Maßnahmen

auszukommen; waren Arzneien nötig, so bevorzugte er die einfachen

gegenüber den zusammengesetzten. Von seinen Werken wurden am

bekanntesten ~de medicamentis simplicibus~ (ein Teil in lateinischer

Uebersetzung mit anderen Schriften gedruckt)[12] und ~de balneis

sermo~, Venet. 1553 (in De balneis quae exstant apud Gr., Lat. et

Arabes). Ueber die wahre Wirkung der Arzneien erlange man Aufschluß,

wenn man folgende acht Prinzipien berücksichtige. Man muß 1.

wissen, daß die Arznei frei von jeder fremden Zutat ist, 2. muß die

Krankheit, bei der ein Mittel erprobt wird, einfach sein, 3. muß die

Behandlung ex contrario geschehen, 4. muß die Kraft des Mittels dem

Krankheitsgrad entsprechen, 5. muß beobachtet werden, ob die Medizin

kalt oder warm macht, 6. ob die Wirkung bei jedem Körper und zu jeder

Stunde eintritt, 7. muß sich die Beobachtung auf den menschlichen

Körper beziehen, 8. muß man zwischen Arzneien und Nahrungsmitteln

unterscheiden.

[12] Mit den opera Mesuës (Venet. 1549 u. ö.), mit Ibn Dschezlas

Tacuin sanitatis und Alkindus, Argentor. 1531.

Schriftsteller des 12. Jahrhunderts.

Spanien.

~Abu Bekr Muhammed Ibn Baddscheh~ († 1138) -- •Avempace• -- einer

der bedeutendsten Philosophen und Dichter der Araber, war auch als

Arzt und medizinischer Schriftsteller tätig. Er lebte in Saragossa,

Sevilla, Granada, zuletzt am Almoravidenhofe in Fez (als Vezier);

angeblich wurde er auf Veranlassung neidischer Aerzte vergiftet.

Unter seinen medizinischen Schriften erlangten die pharmakologischen

das meiste Ansehen.

~Muhammed~ •al-Gâfiki• (oder •ar-Rafiki•), Arzt in Cordoba,

Verfasser des Morched ═ Director. Dieses Werk besteht aus 6 Teilen:

1. Eid des Hippokrates. Von den Elementen; 2. Anatomie des Kopfes und

des Auges; 3. Hygiene; 4. Krankheiten im allgemeinen; 5. Medikamente

und Hygiene des Auges; 6. Augenkrankheiten und deren Behandlung.

~Abu Dschafer~ •al-Gâfiki• (oder •ar-Rafiki•), vermutlich Sohn des

Vorigen († 1164), in Cordoba, zeichnete sich namentlich durch seine

reichen und gründlichen Kenntnisse in der Heilmittellehre aus, worüber

er später ein viel zitiertes Werk schrieb; er lieferte die meisten

und genauesten Pflanzenbeschreibungen.

~Abu Merwan ibn Zohr~ († 1162) -- •Avenzoar• (Avenzohar, Abumeron,

Abhomeron etc.).

Hauptwerk: ~El-Teisir~ filmodawat wel-tedbir ═ Adjumentum de medela

et regimine. Lat. Ausg. Venet. 1490 u. ö., Lugd. 1531; dazu als

Anhänge in lat. Ausgaben Colligens und Antidotarium. Von den übrigen

Schriften sind in lat. Ausgaben vorhanden: Excerpta de balneis (in

De balneis quae exstant apud Graec., Lat. et Arab.), Venet. 1553, de

curatione lapidis (unter dem Titel Alguazir Albuleizor Liber de cur.

lap.), Venet. 1497, de regimine sanitat, Basil. 1631, de febribus (in

Collect. Venet. de febribus, Venet. 1594). In der nur handschriftlich

vorhandenen Jugendschrift Iktisad kommt eine Bemerkung vor, aus der

hervorgeht, daß man die Anatomie an Knochenpräparaten studiert hat.

Tatsächlich stützen sich manche chirurgische Bemerkungen des A. auf

gründliches anatomisches Wissen.

Im Teisir finden sich nicht wenige höchst interessante

Krankengeschichten, welche von selbständiger Beobachtung zeugen.

Avenzoar kennt den schädlichen Einfluß der Sumpfluft auf die

Gesundheit, unterscheidet primäre und sekundäre Herzleiden, bespricht

die seröse ~Perikarditis~, die Mediastinitis, die Pharynxlähmung,

Mittelohrentzündung u. v. a. Ob er mit vollem Recht als Entdecker

der ~Krätzmilbe~ anzusehen ist, bleibt zweifelhaft. Was die Therapie

anlangt, so zeigt er sich dem Gebrauch der Purgiermittel sehr

abgeneigt, hingegen befürwortet er in zu weit gehendem Maße den

Aderlaß (er machte ihn einmal sogar bei seinem eigenen 3jährigen

Knaben!) und verteidigte die Venäsektion auf der entgegengesetzten

Seite. Bei Schwindsucht verwendete er Ziegenmilch. Bei Lähmung

des Schlundes und Oesophagus empfiehlt er ~künstliche Ernährung~

(Eingießen von Milch durch eine in den Schlund eingeführte Röhre, Lib.

I, Tract. 10, cap. 18) oder ~Nährklystiere~ (Apparat bestand aus einer

Tierblase, an derem Halse eine silberne Röhre befestigt war), letztere

nach vorausgegangener Reinigung des Darms. Die Tracheotomie findet er

angezeigt in Fällen von drohender Erstickung, auch erzählt er, daß er

diese Operation einmal experimentell an einer Ziege ausgeführt habe.

•Alcoati• (•Alcoatim•, Alcoatin), christlicher Arzt aus Toledo

(um 1159). Ausgaben seiner Augenheilkunde (von deren 5. Buche der

arabische Urtext handschriftlich allein erhalten ist) von J. L.

Pagel in Neue literarische Beiträge zur mittelalterlichen Medizin,

Berlin 1896, II, „Die Augenheilkunde des Alcoatim” und von P. Pansier

in Collectio ophthalmologica veterum auctorum, Paris 1903, Fasc.

II, „Congregatio sive liver de oculis quem compilavit Alcoatin,

Christianus Toletanus anno MCLIX”. Deutsche Uebersetzung einzelner

Abschnitte in den von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen von

K. Felsch, Die Augenheilkunde des Alcoatim ins Deutsche übersetzt

etc. (1898), Allard, Schlepckow, Schorß, Schwarzweiß, Wilm, Windmüller

(sämtliche 1899).

~Abul Welid Muhammed ben Ahmed ibn Roschd al Maliki~ (1126-1198)

-- •Averroës•. Das Hauptwerk, der Kitab al-Kullidschat (~Colliget~),

wozu Avenzoar einen speziellen Teil schreiben wollte) zerfällt in

7 Bücher, welche die Anatomie, Physiologie, allgemeine Pathologie,

Semiotik, Materia medica, Hygiene und allgemeine Therapie behandeln.

Lat. Ausgab. Venet. 1482; mehrmals mit Avenzoar oder Rhazes und

Serapion zusammen gedruckt, z. B. Venet. 1490 u. ö., Argent. 1530.

Der praktische Wert des Werkes ist gering. Erwähnenswert ist die

Bemerkung, daß man nur ~einmal~ von den Blattern befallen werde.

Von anderen Schriften sind lateinisch gedruckt: Commentarius in

Canticum Ibn Sinae, Venet. 1484, und in Aristot. opp. cum comment.

Averrois; Tractatus de Theriaca in Opp. Aristot. cum comm. Averrois,

auch zusammen mit mehreren anderen Abhandlungen in dem Sammelwerk

Averrois liber de venenis, de concordia inter Aristotelem et Galenum

de generatione sanguinis, secreta Ypocratis s. l. e. a.; Tractatus

de febribus in Collect. Veneta. de febribus 1594.

Orient.

•Amin ed-Daula Ibn et-Talmid• († 1164), christlicher Arzt von großem

Ruf in Bagdad, schrieb einen Traktat über Aderlaß und ein Antidotarium

(Grabadin).

•Hibat Allah ibn Dschami•, hervorragender jüdischer Arzt aus Fostat,

Leibarzt des Saladin († 1193). Außer Schriften über Diätetik und

Arzneimittel, einem Kommentar zum 5. Buche des Kanon, soll er auch

eine medizinische Topographie Alexandriens verfaßt haben.

* * * * *

~Abu Imran Musa ben Majmun~ (1135-1204) -- •Maimonides• (Rabbi Moses

ben Maimon). Von seinen medizinischen Schriften liegen folgende in

gedruckten Uebersetzungen (ins Lateinische oder in moderne Sprachen)

vor: ~Ueber Vergiftungen und ihre Behandlung~, franz. von J. M.

Rabbinowicz (Traité de poisons de Maimonide), Paris 1867; deutsch von

M. Steinschneider in Virch. Arch. Bd. 52, 1873. Inhalt: Biß giftiger

Tiere, allgemeine und spezielle Behandlung, Prophylaxis in Betreff

innerlicher Gifte, Verhalten vermeintlich oder wirklich Vergifteter,

Gegenmittel. Von giftigen Tieren finden Erwähnung: Skorpione, Spinnen,

Bienen, Wespen, Schlangen, tolle Hunde („der gefährlichste Biß von

allen aber ist der Biß des nüchternen Menschen!”). Von Giften sind

genannt: Hyoscyamus, Mandragora, Solanum nigrum, giftige Schwämme,

Kanthariden etc. Bei der Behandlung vergifteter Wunden spielt die

Einschnürung der Bißstelle, das Aussaugen des Giftes (vermittels

der mit Oel bestrichenen Lippen oder Schröpfköpfe), das Offenhalten

der Wunde die wichtigste Rolle, nebstdem kommen äußere (Kochsalz,

Zwiebel, Asa foetida, Kot verschiedener Tiere) und innere Mittel

(Brechmittel, Mithridat) zur Anwendung. Als wichtigste innerliche

Gegengifte gelten Mandragora, Edelsteine, z. B. Smaragd, Bezoar,

verschiedene Arten des Theriaks, verschiedene Aromatika. ~Aphorismen~.

Der Inhalt stammt zum großen Teil aus Galens Werken und anderen

Autoren, verknüpft mit selbständiger Erfahrung. Besonders wichtig

sind die zahlreichen Stellen, wo dem Galen Irrtümer und Widersprüche

nachgewiesen werden. Lateinisch Bonon. 1489; Venet. 1497, 1500 mit

Rhazes ad Almansorem, Basil. 1570, 1589. ~Abhandlung über Hygiene~

(diätetisches Sendschreiben an den Sohn Saladins al-Malik al-Afdahl).

Lateinisch Tractatus de regimine sanitatis Flor. s. a. Venet. 1514,

1521, Aug. Vind. 1518, Lugd. 1535; deutsch von D. Winternitz,

Diätetisches Sendschreiben an den Sultan Saladin (!), Wien 1843

(nach einer hebräischen Uebertragung). Diese Schrift besteht aus

vier Büchern, in denen die Lebensweise in gesunden und kranken

Tagen besprochen wird, woran sich dann allgemeine Gesundheitsregeln

anreihen. Fälschlich ist in manchen lat. Ausgaben ein 5. Traktat

beigegeben, welcher der selbständigen Abhandlung ~über die Ursachen

der Zufälle~ entspricht, de causis accidentium apparentium. Von

H. Kroner, Oberdorf-Bopfingen wurden 1907 zwei Traktate, welche

über den ~Koitus~ handeln, hebräisch und in deutscher Uebersetzung

herausgegeben. Die (vielleicht unechte) Schrift ~Sepher Rephuoth~ ed.

mit englischem Kommentar von Großberg, London 1900, ist diätetischen

Inhalts. Außerdem sind in hebräischen oder arabischen Handschriften

noch andere medizinische Werke resp. Abhandlungen vorhanden, ein

Kommentar zu den Aphorismen des Hippokrates[13], ein Auszug aus Galen,

Schriften über Hämorrhoiden, Asthma, Beischlaf u. a.[14].

[13] Die Vorrede des Maimonides zu diesem Kommentar im Original und

mit deutscher Uebersetzung von Steinschneider veröffentlicht

in der Zeitschr. d. deutschen Morgenländ. Gesellsch. 1894.

[14] Welche Bewandtnis es mit dem bereits mehrere Male in deutscher

Sprache veröffentlichten „Gebet des Maimonides” hat (vgl.

Israelit. Familienblatt, Hamburg 1902), muß weiteren Forschungen

vorbehalten bleiben.

•Fachr ed-Din• ~er-Razi~ († 1210) aus Tabaristan, einer der

gefeiertsten Lehrer seiner Zeit (in Herat). Unter seinen zahlreichen

(vorwiegend philosophischen) Schriften erlangte der Kommentar zu

Avicennas Kanon großes Ansehen.

~Ali ben Ahmed~ •ibn Hobal• ~Muhaddih ed Din~ (1117-1213)

aus Bagdad, lebte in Mosul und Achlat. Aus seinem umfassenden

medizinischen Werke (Electus de arte medica) ist der Abschnitt über

die Steinkrankheit mit französischer Uebersetzung publiziert in ~P. de

Koning~, Traité sur le calcul dans les reins et dans la vessie etc.

(Leyde 1886). Eine Stelle darin bezieht sich auf den eingesackten

Blasenstein.

Schriftsteller des 13. Jahrhunderts.

~Abu Muhammed~ •Abd-el-Letif• (1162-1231), ein vielseitiger

Gelehrter, welcher als Philolog und Philosoph, aber auch als

Arzt bedeutenden Ruf erlangte und eine fruchtbare Tätigkeit als

Schriftsteller (auch anatomische Kompilationen), wie als Lehrer

(zu Bagdad, Mosul, Damaskus, Kairo) entfaltete. Die seltene

Selbständigkeit des Urteils, welche ihm eigen war, kam in seiner

Abneigung gegen die Alchemie, gegen die Werke Avicennas und namentlich

in der Aufdeckung anatomischer Irrtümer Galens zum Ausdruck. Die

anatomischen Bemerkungen finden sich neben anderen medizinischen

Angaben (z. B. über die Pest) in seinem Werke über Aegypten

(Compendium memorabilium Aegypti ed. J. White, Oxonii 1800, franz.

Uebersetzung von Silv. de Sacy[15], Paris 1810).

[15] Es heißt darin: ~car les preuves qui tombent sous les sens, sont

bien supérieurs à celles qui ne sont fondées que sur l'autorité.

En effet, quoique Galien ait apporté la plus scrupuleuse

exactitude et le soin le plus attentif à tout ce qu'il a fait

et à tout ce qu'il a rapporté, cependant le témoinage des sens

mérite d'être cru préférablement au sien~, ce qui n'empêche pas

qu'on ne puisse ensuite chercher, s'il est possible, un moyen

d'expliquer ses paroles de manière à y trouver un sens que le

justifie.

•Nedschib ed-Din es-Samarkandi• († 1227 bei der Einnahme von

Herat durch die Tartaren) schrieb unter anderem ein im Orient sehr

geschätztes Werk über die Ursachen und Kennzeichen der Krankheiten.

~Abu Muhammed Abdallah ben Ahmed~ •Ibn Baitar•. Seine

Heilmittellehre Dschami el Mufradat ═ Corpus simplicia medicamentorum

et ciborum continens ist das umfassendste botanisch-pharmakologische

Werk der arabischen Literatur; handschriftlich war es schon

früh in Europa bekannt. Deutsche Uebersetzung von Sontheimer

(Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten Heil-

und Nahrungsmittel von Ebn Beithar), Stuttgart 1840-42; franz.

Uebersetzung von Leclerc (Traité des simples par Ibn Beithar),

Paris 1877. Die gesamte Materia medica wird von Ibn Beithar in 2330

Absätzen, in alphabetischer Reihenfolge abgehandelt, wobei nicht

nur die Berichte des Dioskurides, des Galen und der arabischen

Vorgänger benützt, ergänzt und berichtigt werden, sondern auch

eigene Beobachtungen zu Grunde liegen. Die Zahl der Simplicia

beträgt ungefähr 1400, darunter befinden sich etwa 300 neue, zum

ersten Male erwähnte Arzneisubstanzen. Das Werk ist nicht nur wegen

seines wahrhaft erstaunlichen naturwissenschaftlichen Inhalts

(Pflanzenbeschreibungen), sondern auch vom literarhistorischen

(zahlreiche Zitate) und sprachwissenschaftlichen Standpunkte

(altspanische, berberische, persische und andere Synonyma) von

großem Wert. Von Ibn Beitar rühren außerdem noch her: ein Handbuch

über einfache Arzneien mit Berücksichtigung ihrer therapeutischen

Wirkung, Schriften über die medizinischen Maße und Gewichte, über

die Apothekerpraxis, über Fehler in dem Werke Ibn Dschezlas u. a.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 31 / 76 段