[6] Unter seinen Werken behandelte eines die Lehre von Arzneimitteln.

Die von Ibn Beitar überlieferten Stellen verraten ausgezeichnete

botanische Kenntnisse. Eine Schrift über Melancholie wurde von

A. Bumm ins Deutsche übertragen (Die Identität der Abhandlungen

des Ischak ibn Amran und des Constantinus Africanus über

Melancholie), München 1903.

[7] Von maßgebender Seite wird übrigens für das Viaticum Ahmed ben

Ibrahim al Dschezzar in Anspruch genommen.

~Abu Dschafar Ahmed ben Ibrahim~ •al-Dschezzar• (~Algizar~,

~Algazirah~) aus Kairowan († 1004), Schüler des Isaac Judaeus. Das ihm

zugeschriebene „~Reisebuch für Arme~”, ~Zad el Mosafer~, die Urquelle

einer im Mittelalter verbreiteten populären Schrift „Viaticum” wurde

ins Griechische (Synesios und Konstantinos Rheginos), Lateinische und

Hebräische (Dzedat el-derachim) übersetzt. Ausgabe eines Buches der

Uebersetzung des ~Synesios~ (über Fieber; enthält eine Schilderung

der Pocken und Masern) von St. Bernard, Synesios, de febribus gr. et

latine, Amstelod. et Lugd. Batav. 1779, mit dem Anhang einer alten

lateinischen Uebersetzung Viaticum peregrinantium. M. G. Dugat, Etudes

sur le traité de médecine d'Abou Djàfar Ah'mad (Extrait du Journal

asiatique), Paris 1853. (Uebersetzung von 2 Kapiteln: über die Liebe

und über die Wasserscheu.) Er war ein fruchtbarer Schriftsteller und

schrieb unter anderem ~über die Ursachen der Pest in Aegypten~ u. a.

~Abu Abdallah Muhammed~ •at-Tamimi• aus Jerusalem, später

in Aegypten lebend (um 980), schrieb hauptsächlich über

Arzneikompositionen (dabei Pflanzenbeschreibungen) und Diätetik.

Spanien.

~Abu Daud Soleiman ben Hassan~ •Ibn Dscholdschol•, Leibarzt des

spanischen Kalifen Hischam II (976-1013), machte sich besonders um

die Arzneimittellehre verdient und verfaßte unter anderem die beiden

Schriften: „~Auslegung der Namen der Heilmittel des Dioskurides~” und

„~Ueber die in dem Werke des Dioskurides fehlenden Arzneimittel~”.

Auch schrieb er über Geschichte der Medizin und Philosophie.

~Abul Hasan Garib ben Said~ ist bemerkenswert als Verfasser

eines (handschriftlich erhaltenen) Werkes über Geburtshilfe und

Kinderheilkunde (vgl. Siebold, Gesch. d. Geburtshilfe).

~Abul Kasîm Chalaf ben Abbas al-Zahrawi~ (wahrscheinlich zweite

Hälfte des 10. Jahrhunderts) -- •Abulkasim• (Abulcasis, Albucasis,

Bucasis, Alzaharavius etc.). -- Sein umfassendes Werk über Medizin

~Altasrif~ (aus 30 Abschnitten bestehend) erlangte mehr als bei den

Arabern, im christlichen Abendlande langdauerndes Ansehen, namentlich

durch den chirurgischen Teil. Derselbe besitzt wegen der beigegebenen

~Abbildungen von Instrumenten~ noch heute große historische Bedeutung.

Unvollständige lateinische Uebersetzung des medizinischen Teils:

Liber theoricae nec non practicae Alsaharavii (Aug. Vindel. 1519).

Wahrscheinlich stellt die Schrift Liber Servitoris sive liber XXVIII.

Bulchasim Benaberaçerin, Venet. 1471, die Uebersetzung des Abschnittes

von der Zubereitung der Heilmittel dar. Die Chirurgie liegt uns vor:

in der arabisch-lateinischen Ausgabe von ~J. Channing~, ~Albucasis de

chirurgia~, Oxon. 1778, und in der französischen Uebersetzung von ~L.

Leclerc~, ~Abulcasis Chirurgie~, Paris 1861. Die auf Weiberkrankheiten

bezüglichen Kapitel sind enthalten in den Gynaeciis von Casp. Wolf,

Basil. 1566 und von J. Spach, Argentor. 1597. Die Kapitel über den

Steinschnitt veröffentlichte ~P. de Koning~ (arabisch-französisch)

in seiner Schrift Traité sur le calcul dans les reines et dans la

vessie etc., Paris 1886.

Die •Chirurgie• zerfällt, abgesehen von der Einleitung, in 3

Bücher. Sie beruht hauptsächlich auf Paulos. Das erste Buch handelt

von der Anwendungsweise, Indikation und Kontraindikation der

~Kauterisation~. Dieselbe wurde vorwiegend mit passend geformten,

aus Eisen verfertigten Instrumenten (vgl. die Abbildungen in

der Ausgabe von Leclerc), seltener mit Aetzmitteln an bestimmten

Stellen vorgenommen. Eine Unzahl von Leiden gibt die Indikation zur

Ausführung der Kauterisation (z. B. Drüsengeschwülste, Abszesse,

Anasarka, Hernien, Hämorrhoiden, Mastdarmfisteln, Gelenkleiden,

rezidivierende Luxationen, Krebs, Gangrän, Lepra etc.). Bei den

verschiedensten inneren Leiden (z. B. Lähmung, Kopfschmerz, Migräne,

Gesichtsschmerz, Magen-, Leber-, Milzleiden) dient die Kauterisation

als Ableitungsmittel. Die Ausführung der Thorakocentese wird als

lebensgefährlich verurteilt. Das letzte Kapitel ist der Blutstillung

gewidmet. Auch hier spielt die Kauterisation gegen arterielle

Blutungen eine große Rolle, nebstdem werden aber auch die anderen

Methoden, nämlich völlige ~Durchtrennung~ der verletzten Arterie,

~Ligatur~ (doppelte Unterbindung der mittels Haken emporgehobenen

Arterie mit doppeltem Faden), ~styptische Mittel~, im Notfalle

~Digitalkompression~, erläutert.

Im zweiten Buche, welches den größten Teil der Chirurgie

erschöpfend behandelt, tritt die Anlehnung an Paulos, selbst in der

Anordnung, hervor -- immerhin finden sich auch nicht wenige eigene

Beobachtungen oder abweichende Methoden beschrieben, was, abgesehen

von den erläuternden Abbildungen, dem Werke Bedeutung verleiht.

Aus dem gewaltigen Inhalt heben wir nur folgendes hervor. Abulkasim

beschreibt unter den verschiedenen Arten der Nähte die ~umschlungene

Naht~ (z. B. gelegentlich der Kolobomoperation), die ~Kürschner- und

Doppelnaht~ (gelegentlich der Behandlung penetrierender Bauchwunden),

er schildert eingehend den ~Steinschnitt~ (bei Frauen Vaginalschnitt),

die ~Lithotrypsie~ (im medizinischen Teile des Altasrif Tr. XXI),

die ~Circumcision~; hinsichtlich der Tracheotomie bemerkt er, daß

er niemanden kenne, welcher diese Operation ausgeführt habe. Bei

den ~Resektionen~ (interessanter Fall von Nekrose der Tibia) kamen

verschiedenartige Sägen zur Anwendung, für die ~Amputationen~ bilde

Gangrän, welche durch innere oder äußere Ursachen entstehen könne,

die Indikation; zulässig ist die Vornahme der Amputation bis hinauf

zum Ellenbogen- und Kniegelenk, gehe der Brand höher hinauf, so sei

der Tod unvermeidlich. „Und die Weise, das Glied abzuschneiden oder

es abzusägen, ist, daß du zusammenziehest ein Band unterhalb der

Stelle, welche du abschneiden willst, und ein anderes Band befestigest

über der Stelle; und es zieht ein anderer Diener das obere Band

aufwärts, du aber schneidest das Fleisch zwischen den beiden Binden

mit einem breiten Messer, bis daß abgeschält ist das ganze Fleisch,

alsdann schneidest du oder sägest” (II, cap. 89). Blutungen während

der Operation werden durch das ~Glüheisen und Styptika~ gestillt,

von der Ligatur ist hier nicht die Rede. In den letzten Kapiteln

wird ausführlich beschrieben: Die ~Venäsektion~ (bisturiartiges

Phlebotom), das ~Schröpfen~ (Schröpfköpfe von verschiedener Größe,

aus Horn, Holz, Kupfer und Glas; für das blutige Schröpfen werden 14

Applikationsstellen angegeben) und die Applikation von Blutegeln.

Das dritte Buch enthält die Lehre von den Frakturen und Luxationen.

Der Verband besteht (nach Ausführung der Koaptation und der

Applikation eines, auf weiches Werg gestrichenen Linimentes) aus auf-

und wieder abwärts steigenden Bindentouren, die an den Bruchstellen

am festesten angezogen sind, Ausfüllung der Unebenheiten mit Werg

oder Leinwandlappen) und Schienen (aus gespaltenem Rohr, Holz, Ruten

u. s. w. mit Binden und darüber mit Bändern befestigt). Die Schienen

dürfen wegen der Entzündung nicht vor dem 5. oder 7. Tage angelegt

werden. Das Wiederzerbrechen eines fehlerhaft geheilten Knochens

verwirft Abulkasim energisch. In dem Kapitel (9) über die Wirbelbrüche

werden die Lähmungserscheinungen (verschiedenartig je nach der Höhe

des Sitzes) erörtert. Bei einer Fraktur des Schambogens soll man,

im Falle es sich um eine Frau handelt, die Reposition dadurch zu

erreichen suchen, daß man in die Scheide eine Schafblase einführt

und diese durch ein Rohr aufbläst (erste Spur des ~Kolpeurynters~).

In der Behandlung der mit einer Wunde komplizierten Frakturen spielt

das ~Einschneiden eines Fensters~ in dem Verbande eine bedeutende

Rolle -- zum Zwecke der Freilegung der Wunde.

•Geburtshilfe• (im zweiten Buche der Chirurgie cap. 75-78). Die

einschlägigen Abschnitte sind sehr bemerkenswert wegen Erörterung

der Behandlungsmethoden bei Vorfall einer Hand, bei Fußlage, beim

Vorliegen der Kniee und der Hände, bei Querlage mit Vorfall einer

Hand, beim Vorliegen mit der Weiche. Neu ist die Empfehlung, bei

vollkommener Fußlage nach dem Zurückdrängen der Füße die Geburt

in Steißlage zu erstreben, die Vornahme eines geburtshilflichen

Eingriffes bei ~Hängelage~, die Anwendung von Schlingen zur Extraktion

des Kindes. Abulkasim weist auch bereits auf die ~Gesichtslage~

hin. Kapitel 77 enthält die ~Beschreibung mehrerer geburtshilflicher

Instrumente~, deren ~Abbildung~ beigefügt ist. Darunter findet sich

eine Zange mit gekreuzten Armen, die eine ziemlich kreisförmige

Kopfkrümmung bilden.

•Augenheilkunde.• Im zweiten Buche der Chirurgie sind folgende

Augenoperationen beschrieben: Abtragung von Lidwarzen, Behandlung

des Hagelkorns, Operation der Hydatis, der Haarkrankheit, des

Hasenauges, des Ectropium, der Lidverwachsung, des Flügelfells,

der Karunkelgeschwulst, des Ectrop. sarcomat., der Chemosis, des

Pannus, der Tränenfistel, Zurückbringung des vorgefallenen Augapfels,

Ausschneidung des Irisvorfalls, Behandlung des Hypopyon, Staroperation

(Depression). Das Aussaugen des Stares wird als eine im Irak übliche

Operation erwähnt[8].

[8] Im Liber servitoris ist eine eingehende Beschreibung des

Verfahrens enthalten, um aus Ebenholz, Buchsbaum oder Elfenbein

Augenstempel (vgl. S. 10) herzustellen. Die in Handschriften

enthaltenen Abbildungen von Kollyrienstempeln sind von P.

Pansier (Collectio ophthalmologica veterum auctorum II)

veröffentlicht worden. Der Name des Arztes fehlt auf den

Stempeln der spanischen Araber. Der Gebrauch stammte aus der

römischen Zeit und war im Irak und in Aegypten unbekannt.

•Ohrenheilkunde.• Die Entfernung von Fremdkörpern soll stets

~bei einfallendem hellem~ (Sonnen-) ~Lichte~ vorgenommen werden,

und zwar durch Verfahren, welche der jeweiligen Beschaffenheit

der eingedrungenen Substanzen entsprechen. Es gibt vier Arten von

Fremdkörpern, harte Körper (z. B. Stücke Eisen und Glas), Samen

von Vegetabilien (z. B. Bohnen), Flüssigkeiten und endlich lebende

Tiere. Bei festen Körpern hat man die Entfernung zu versuchen

durch Oeleingießen, Anwendung von Niesemitteln (bei gleichzeitigem

Verschließen der Nasenlöcher und Emporziehen der Ohrmuschel), Ansaugen

(durch eine in den Gehörgang eingesetzte Kanüle), Ausziehen mit einer

Pinzette oder einer Sonde, welche mit einem Klebmittel bestrichen

ist. Bleiben diese Versuche erfolglos, so wird die Ohrmuschel zur

Hälfte abgelöst und die Extraktion vorgenommen. Ein aufgequollener

vegetabilischer Fremdkörper ist zuerst mit einem kleinen leichten

Messer zu zerkleinern. Um lebende Tiere zu entfernen, soll man warme

Oelinjektionen (durch eine Spritze) machen oder die Fremdkörper durch

eine Kanüle ansaugen. -- Zur Behebung von Gehörgangsatresien sind

zweckmäßige Operationsverfahren angegeben.

•Zahnheilkunde.• Entfernung des Zahnsteines mittels verschieden

gestalteter Schabeisen. Die Zahnextraktion soll erst dann zur

Anwendung gelangen, wenn das ganze Arsenal medikamentöser Mittel

im Stiche gelassen hat. Der Extraktion ging das Ablösen des

Zahnfleisches, die allmähliche Lockerung mit den Fingern voran. Das

Ausziehen erfolgte in der Längsrichtung, mittels einer kräftigen, aus

gehärtetem Stahl verfertigten Zange, deren Zähne ineinander griffen.

Die Höhle des Zahnes soll vorher mit Leinwand ausgefüllt werden. Zur

Extraktion der Wurzeln dienten verschiedenartige Instrumente, darunter

storchschnabelförmige Zangen. Unregelmäßig entwickelte Zähne wurden

ausgezogen oder abgefeilt, lose gewordene Vorderzähne durch Umwinden

mit Gold- oder Silberdraht an den festgebliebenen Zähnen befestigt,

verlorene Zähne durch künstliche aus Rindsknochen ersetzt.

•Avicenna• (980-1037),

~Abu Ali al-Husain ben Abdallah~ •Ibn Sina•. Von dem medizinischen

Hauptwerke des Avicenna, dem ~Kanon~ (El kanun fi't-tib), ~Canon

medicinae~, gibt es ungefähr 30 lateinische Ausgaben, von denen

die Juntinen am geschätztesten sind; die sehr gute lateinische

Uebersetzung des Vopiscus Fortunatus Plempius (ed. Lovan. 1658)

enthält nur die beiden ersten Bücher und einen Teil des vierten

Buches. Arabische Ausgaben: Rom 1593 und Bulak 1877. Lateinische

Uebersetzung der Abschnitte über Geisteskrankheiten von P. Vattier

(Abugalii filii Sinae sive, ut vulgo dicitur, Avicennae de morbis

mentis tractatus ... interprete Petro Vatterio), Paris 1659, vgl.

Bumm, Münch. med. Wochenschr. 1898. Uebersetzungen einzelner Partien

in moderne Sprachen. Kurt Sprengel, Ebn Sina: Von den Primitivnerven,

arabisch und deutsch, in Beitr. z. Gesch. d. Med., 3. Stück, Halle

1796; Jos. v. Sontheimer, Die zusammengesetzten Heilmittel der

Araber, nach dem fünften Buch des Canons von Ebn Sina übersetzt,

Freiburg 1844; P. de Koning: in Traité sur le calcul dans les reines

et dans la vessie etc., Leyde 1886 -- die Abschnitte über Nieren-

und Blasensteine, und in Trois Traités d'Anatomie Arabes, Leyde 1903

-- die anatomischen Abschnitte französisch übersetzt; Hirschberg und

Lippert, Die Augenheilkunde des Ibn Sina, Leipzig 1902.

Der Kanon besteht aus ~fünf~ Büchern. Jedes derselben zerfällt in

folgende Unterabteilungen: ~fen~ ═ Abschnitt; taalim ═ ~tractatus~,

~doctrina~; dsch'omlat ═ ~summa~, fasl ═ ~capitulum~. Inhaltsangabe

~Buch~ I: 1. Definition und Aufgabe der Medizin, Lehre von den

Elementen, Temperamenten und Säften, vom Bau und den Verrichtungen

der Organe; 2. von den Ursachen und Symptomen der Krankheiten im

allgemeinen, Pulslehre und Uroskopie; 3. Diätetik des kindlichen

Alters (mit Einschluß der Kinderkrankheiten), Diätetik und Gymnastik

in den verschiedenen Lebensaltern, für Gesunde und Kranke, Prophylaxe

(Vorbeugungsregeln gegen Hitze, Kälte, schlechtes Wasser etc. und auf

Reisen); 4. allgemeine Therapie (Abführmittel, Klistiere, Umschläge,

Aderlaß, Schröpfen, Blutegel, Onkotomie, Kauterisation etc.). ~Buch~

II: Lehre von den einfachen Arzneimitteln; berücksichtigt werden Name

und Beschaffenheit, Kennzeichen der Güte, Elementarzusammensetzung und

Grad, Wirkung und Eigenschaft im allgemeinen, medizinische Verwendung,

Surrogate. ~Buch~ III: Spezielle Pathologie und Therapie a capite ad

calcem (den Schilderungen der Erkrankungen der einzelnen Körperteile

gehen stets anatomisch-physiologische Erörterungen voran); Krankheiten

des Gehirns, der Augen, Ohren, der Nase, des Mundes, der Zunge, der

Zähne, der Lippen; Erkrankungen des Pharynx und Larynx; Krankheiten

der Lungen, des Herzens, der Brustdrüsen; des Magens, der Leber, der

Milz, der Gedärme, der Harnorgane und der männlichen und weiblichen

Geschlechtsorgane, Hernien, Krankheiten der Extremitäten (besonders

der Gelenke). ~Buch~ IV: Ueber die Fieber (darunter auch Dschedrij,

Hasbah, Humak ═ ~Blattern~, ~Masern~, Röteln u. a.), Semiotik,

Prognostik und Krisenlehre, Chirurgie (Phlegmone, Erysipel, Brand,

Drüsenabszesse, Geschwülste, Lepra, Wunden, Verbrennungen, Geschwüre,

Knochenleiden, Luxationen, Frakturen), Toxikologie, Behandlung der

Verletzung durch Biß oder Stich giftiger Tiere, Kosmetik, Haar-,

Hautkrankheiten, Bekämpfung zu großer Magerkeit und Fettleibigkeit,

Erkrankung der Finger und Nägel. ~Buch~ V: Antidotarium, Lehre von

den zusammengesetzten Arzneimitteln.

In der Krankheitslehre des Kanon stößt man auf manche dem

Verfasser eigentümliche Ideen und Beobachtungen. Unter anderem

wäre hervorzuheben, daß Avicenna auf die Schmerzqualitäten (deren

er 15 unterscheidet) viel Gewicht legt, die Verbreitung der

Krankheitsprodukte durch den Boden und das Trinkwasser kennt, die

Pleuritis von der Mediastinitis sondert, die Phthise für kontagiös

hält etc. Besonders sorgfältig sind z. B. die Hautleiden, die

männlichen Geschlechtsleiden (sexuelle Perversitäten), die nervösen

Affektionen (verschiedene Arten des Kopfschmerzes, Gesichtsschmerz

etc.) bearbeitet. Vortrefflich ist die Diätetik dargestellt.

Am meisten hat man in neuerer Zeit der Psychiatrie Avicennas

Aufmerksamkeit geschenkt, weshalb wir hier die Hauptsätze seiner

in dieses Gebiet fallenden Anschauungen wiedergeben wollen.

Psychische Alterationen beruhen auf krankhaften Veränderungen in den

Mischungsverhältnissen des Gehirns. Sie zerfallen in bloß elementare

geistige Störungen (des Vorstellens, des Gedächtnisses etc.) und in

eigentliche Psychosen (Melancholie, Manie, Schwachsinn, Blödsinn).

Lokalisation und Intensität der Mischungsverhältnisse bedingen die

Verschiedenheit der psychischen Affektionen. Geistesstörungen, aus

schwarzer Galle entstanden, verraten sich durch Aengstlichkeit und

Traurigkeit; liegt gelbe Galle zu Grunde, so treten Verwirrtheit,

Reizbarkeit und Gewalttätigkeit hervor, übermäßig angehäufter,

faulender Schleim erzeugt eine ernste, düstere Stimmung. Anomalien des

~Vorderhirns~ bekunden sich durch Störungen des Wahrnehmungsvermögens

(sei es, daß der Kranke halluziniert, sei es, daß er sich die Objekte

nur ungenau vorzustellen vermag), Schwachsinn und Blödsinn beruhen

auf Anomalien des ~mittleren~, Gedächtnisstörung auf Anomalien des

~hinteren Hirnventrikels~[9]. Phrenitis -- verursacht durch Anhäufung

von gelber Galle in den Gehirnhäuten oder im Gehirn -- ist eine

bei akuten fieberhaften Leiden vorkommende Geistesstörung, welche

sich mit Vergeßlichkeit für die jüngste Vergangenheit einleitet

und sich in Verwirrtheit mit Bewegungsunruhe äußert. Lethargus --

verursacht durch intrakranielle Schleimanhäufung -- manifestiert

sich in Vergeßlichkeit mit großer Erschöpfung, mäßigem Fieber und

profusen Schweißen. Coma vigil ═ Schlafsucht mit Unbesinnlichkeit

und Vigilia veternosa ═ leiser, schreckhafter Schlaf sind durch

Anhäufungen des Schleims und der Galle bedingt, im ersteren Falle

überwiegt der Schleim, im letzteren die Galle. Manie hat als Symptome:

Schlaflosigkeit, Irrereden, große Unruhe und Gewalttätigkeit. Die

kausale Behandlung besteht in der Anwendung von Purgiermitteln oder

Aderlässen, je nachdem die Galle allein oder aber Ueberfüllung

mit Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle die Krankheit

bedingen. Bei der symptomatischen Behandlung kommen Narkotika

(decoctum papaveris, Einreibung mit narkotischem Oel), ableitende

Mittel (feuchtkalte Umschläge auf den Kopf und die Extremitäten),

diätetisches Regime (leichtverdauliche Speisen, verdünnter Wein,

Vermeidung heißer Getränke und harntreibender Substanzen); wenn

Selbstbeschädigungsgefahr vorhanden, soll der Kranke festgebunden

werden etc. Eine besondere Art der Manie ist jene, bei der sich

der Kranke nach Art der Hunde aggressiv und zugleich kriechend,

unterwürfig zeigt. Melancholie bietet die Symptome: krankhaftes

Vorstellen, Furcht und Angst, Hang zur Einsamkeit, Lebensüberdruß,

Herzklopfen, Schwindel, Beschwerden in den Hypochondrien etc. Ursache:

unverbrannte schwarze Galle. Die kausale Behandlung besteht in der

Anwendung der Purgantia und Vomitiva (bei Amenorrhoe Emenagoga).

Die symptomatische Therapie zerfällt in eine hygienisch-diätetische

(Aufenthalt an Orten mit gemäßigtem Klima und feuchter Luft,

leichtverdauliche Speisen, Genuß von verdünntem Weißwein, Bäder,

Massage), medikamentöse (Narkotika, Roborantia, Stomachika, Vomitiva),

chirurgische (Aderlaß, Schröpfen) und ~psychische~; letztere

bezweckt die Aufheiterung der Kranken durch Lektüre und Musik, in

hartnäckigen Fällen die Erregung von Furcht und Angst. Eine Unterart

der Melancholie ist die Lykanthropie (Entstehungszeit am häufigsten

im Februar). Eine gewisse Aehnlichkeit mit Melancholie besitzt der

amor insanus, dessen Diagnose aus dem Pulse (heftige Schwankungen bei

Erwähnung des Namens der geliebten Person) gemacht werden könne[10].

-- Alpdrücken kommt auch als Prodromalstadium der Epilepsie, Apoplexie

und Manie vor. -- Die mittlere Inkubationszeit der Hydrophobie betrage

40 Tage. -- Schließlich finden auch die Folgezustände der passiven

Päderastie Erörterung.

[9] Entsprechend der bekannten Lokalisationslehre.

[10] Avicenna machte angeblich selbst eine solche Diagnose bei dem

liebeskranken Neffen des Kalifen Kabus in Dschordschan, indem

er während der Untersuchung alle Namen der im Palaste wohnenden

Personen nennen ließ und dabei bemerkte, wie der Puls bei der

Nennung eines bestimmten weiblichen Namens in starke Erregung

geriet. Vgl. hierzu die recht ähnlichen Erzählungen in der

Biographie des Hippokrates und Erasistratos.

Die Arzneimittellehre beruht auf einer spitzfindigen Anwendung der

Theorie von den Elementarqualitäten. Bei Beurteilung der Wirkung

ist zu berücksichtigen, 1. daß das Mittel in seinem natürlichen

Zustand angewandt wird, 2. daß die Krankheit, gegen die es

gebraucht wird, eine einfache ist, 3. daß die Probe des Mittels in

zwei entgegengesetzten Fällen gemacht wird, 4. daß die Kraft des

Arzneimittels der Heftigkeit der Krankheit ex contrario entspricht,

5. daß die Zeit genau beobachtet wird, wenn das Mittel zu wirken

beginnt, 6. daß sorgfältig beobachtet wird, ob das Mittel immer

oder wenigstens meistens denselben Effekt hat, 7. daß der Versuch

am menschlichen Körper gemacht werde. Geschmack, Farbe, Geruch

etc. lassen schon von vornherein Schlüsse auf die Wirkungsweise

zu. Der Arzneischatz beruht auf Mitteln des Galen und Dioskurides,

sowie auf der arabisch-indischen Materia medica; er umfaßt etwa 760

Arzneistoffe. Die Beschreibungen, welche Avicenna gibt, sind in Bezug

auf das Botanische dürftig; bemerkenswert ist die Rücksichtnahme

auf klimatische Momente bei der Auswahl der Mittel. Die zahlreichste

Klasse bilden die harzigen Substanzen, die metallischen finden zwar

zumeist nur äußere Anwendung, doch gelten z. B. Gold und Silber

als herzstärkende Arzneien (daher der ~Gebrauch des Vergoldens

und Versilberns der Pillen~!), die Dreckapotheke (Fäces oder Urin

verschiedener Tiere, Menstrualblut etc.) ist sehr reichhaltig.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 30 / 76 段