~Jakub ben Ischak al Kindi~ (813-873?) -- •Alkindus• -- Sohn eines

Statthalters von Kufa, lebte in Basra, sodann in Bagdad, wo er bei den

Kalifen al-Mamun und al-Mutasim wegen seiner eminenten Gelehrsamkeit

in höchstem Ansehen stand. Er schrieb mindestens 200 Abhandlungen

über Philosophie, Mathematik, Astronomie, Astrologie, Physik, Musik

u. a. Unter seinen (etwa 22) medizinischen Schriften erlangte das

Buch über die Grade der Arzneimittel die größte Bedeutung (vgl. S.

167): ~De medicinarum compositarum gradibus, investigandis libellus~

(Argent. 1531 und öfter mit den Oper. Mesues; auch in den opuscul.

illustr. medicorum de dosibus, Patav. 1556 u. ö.).

~Thabit ben Kurra~ (826 oder 836-901) aus Harran (Sabier),

hervorragend durch seine linguistischen, philosophischen,

mathematischen und astronomischen Kenntnisse, erfreute sich der Gunst

des Kalifen Mutadhid, der ihn unter seine Astronomen aufnahm. Er soll

außer seinen Uebersetzungen gegen 150 wissenschaftliche Schriften

verfaßt haben, darunter auch medizinische, z. B. über anatomische

Fragen, über den Puls u. a.

~Jahja ben Serabi~ (ben Serafiun), christlicher Arzt aus Damaskus

(zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts) -- •Serapion (d. Aeltere)• --

kompilierte in syrischer Sprache[1] ein größeres aus 12 und ein

kleineres aus 7 Büchern bestehendes Werk über spezielle Pathologie

und Therapie. Letzteres ist in lateinischen Uebersetzungen unter

verschiedenen Titeln, ~Practica~, ~Breviarium~, ~Therapeutice

methodus~, ~Aggregator~, öfters herausgegeben (Venet. 1479 u. ö.,

Ferrariae 1488, Basil. 1499 u. ö., Lugdun. 1510). Die Anordnung

in der Pathologie ist sehr mangelhaft, auf Rezeptformeln wird das

Hauptgewicht gelegt. ~Serapion~ empfahl bei den meisten entzündlichen

Affektionen den Aderlaß und gab subtile Vorschriften über die Wahl

der Venen bei Ausführung der Venäsektion. Die unter Mesuë angeführten

Aphorismi Johannis Damasceni wurden von manchen dem (älteren) Serapion

zugeschrieben[2].

[1] Infolge frühzeitiger Uebersetzung bürgerten sich die Schriften

Serapions in der arabischen Literatur ein.

[2] Da Serapion von seinem späteren Herausgeber Albanus Torinus

(Basil. 1543) „Janus Damascenus” genannt wird, so wurde er

öfter mit dem älteren Mesuë verwechselt.

•Rhazes• (um 850-923 oder 932),

Abu Bekr Muhammed ben Zakarijja ar-Razi (d. h. aus Raj in Chorasan)

-- •Rhases•, Rasis, Abubater, Albubeter, Bubikir u. a.

~Rhazes~ verfaßte mehr als 200 Schriften, teils medizinischen,

teils philosophischen, mathematisch-astronomischen oder

chemisch-physikalischen Inhalts, wovon aber das Meiste verloren

gegangen ist. Die wichtigsten unter den medizinischen sind

nachfolgende:

~Al-Hawi ═ Continens~ (Behältnis der Medizin), ein wenig geordnetes,

hauptsächlich auf den Leistungen der Griechen und der vorhergegangenen

arabischen Aerzte beruhendes Riesenwerk über alle Zweige der

Heilkunde. Lateinische Uebersetzungen Brescia 1486, Venet. 1500 u. ö.

Die Anzahl der Bücher in den verschiedenen Ausgaben ist 25 oder 37. In

einer vollständigen arabischen Handschrift des Escurial besteht das

Werk aus 70 Büchern. Inhalt: Erkrankungen des Kopfes; Augenleiden;

Ohrenleiden; Nasenleiden; Sprachkrankheiten; Mundleiden; Krankheiten

der Atmungsorgane; Blutungen aus dem Munde; Brustkrankheiten;

Magenkrankheiten; Purgiermittel; Bauchfluß; Hypertrophie, Atrophie;

Krankheiten der Mamma; Herzleiden; Leberleiden; Ikterus; Hydrops;

Milzleiden; verschiedene Arten von Kolik; Gebärmutterleiden;

Krankheiten der Harnorgane; Krankheiten des Anus, der Vulva, der

Hoden, der Harnröhre, Hernien; Würmer; Erkrankungen der Extremitäten,

Gibbus, Varices, Elephantiasis, Filaria medinensis; Abszesse, Krebs,

Phlegmone, Karbunkel, Erysipel, Verbrennungen, Hydrocephalus; Wunden,

Geschwüre, Aderlaß, Schröpfköpfe, Blutegel, Kontusionen, Stich- und

Bißwunden etc.; Frakturen und Luxationen; Fieber; Symptomatologie;

Verdauung, Zeiten der Krankheit, Krisen, Krankheitsursachen;

Heilung, Rezidive; Biß von giftigen Tieren, Toxikologie; Haar-,

Hautkrankheiten; Arzneimittellehre. Die Fülle von Zitaten, welche sich

in diesem Werke vorfinden -- meist wörtliche Auszüge -- macht dasselbe

zu einer Fundgrube für die literarhistorische Forschung. Das größte

Interesse bieten die von Rhazes selbst beobachteten Krankheitsfälle.

~Kitab al tib Almansuri -- Liber medicinalis Almansoris -- liber

medicinae Mansuricus.~ Lat. Ad Almansorem libri, Mediolani 1481,

Venet. 1494 u. ö., Lugd. Batav. 1511, Argent. 1531, Basil. 1544.

Kompendium der Medizin, welches durch knappe und übersichtliche

Darstellung ausgezeichnet ist; zerfällt in 10 Traktate: 1. Anatomie

(die erste systematische Darstellung, welche aus der arabischen

Literatur auf uns gekommen ist), 2. Physiologie, allgemeine Pathologie

und Diagnostik, 3. Lehre von den Nahrungsstoffen und einfachen

Arzneimitteln, 4. Gesundheitslehre, 5. Kosmetik, 6. Gesundheitsregeln

auf Reisen, 7. Allgemeine Chirurgie, 8. Toxikologie, 9. ~Spezielle

Therapie~, 10. Fieberlehre. ~Das neunte Buch~ (~nonus Almansoris~)

diente im Abendlande lange Zeit als Grundlage der akademischen

Vorlesungen; deshalb wurde es auch selbständig oder gemeinschaftlich

mit anderen Werken lateinisch herausgegeben (Venet. 1483 u. ö., Patav.

1480). -- Textausgabe und französische Uebersetzung des 1. Buches

von P. de Koning in Trois traités d'Anatomie arabe, Leyden 1903. --

Deutsche Uebersetzung des augenärztlichen Teiles von W. Bronner, Die

Augenheilkunde des Rhases, Berlin 1900, Dissert.

~De variolis et morbillis~ -- früher liber de pestilentia genannt --

über die Blattern. Neuere Ausgaben: Arab.-lateinisch. Ed. Channing,

London 1766. Lateinische Uebersetzung von Channing, Göttingen 1781;

englische Uebersetzung von Greenhill, Lond. 1847; französische

Uebersetzung von Leclerc und Lennoir, Paris 1866.

Unter dem Titel Opera parva (z. B. Venet. 1500, Lugd. 1510

u. ö.) sind folgende Schriften zusammengefaßt: ~Antidotarium~

(Vorschriften zur Bereitung von Arzneien, darunter auch heilkräftigen

Oelen), ~Divisiones~ (liber divisionum) ═ Kompendium der Medizin

in 159 Kapiteln, ~Introductio in medicinam, Aphorismi~ (Director)

aus sechs Abschnitten bestehend (Prognostik, Heilmittel gegen

einzelne Krankheiten, Krankengeschichten, Diätetik, Paraphrasen zu

hippokratischen Lehrsätzen, Aphoristische Sätze), außerdem noch eine

Reihe kleinerer Schriften, z. B. de juncturarum aegritudinibus (über

Gliederkrankheiten), ~de praeservatione ab aegritudine lapidis~

(prophylaktische Diät gegen Steinkrankheit), ~de aegritudinibus

puerorum et earum cura~ (zusammenfassende Darstellung der wichtigsten

Kinderkrankheiten und der entsprechenden Arzneien), de sectionibus,

cauteriis et ventosis, de facultatibus partium animalium. Die Schrift

über die Prophylaxe der Steinkrankheit gab ~P. de Koning~ in ~Traité

sur le calcul dans les reines et dans la vessie par Abu Bekr Muhammed

Ibn Zakariya al Razi~ (Leyden 1896) arabisch-französisch zugleich

mit einer anderen Abhandlung des Rhazes heraus, welche auch das

Chirurgische berücksichtigt. Letztere Abhandlung stammt aus einem

bisher nicht veröffentlichten Kompendium des Rhazes, ~Fakhir~ ═ ~liber

pretiosus de morbis particularibus membrorum a vertice ad pedes~.

Nach einem hebräischen Texte veröffentlichte Steinschneider

(Virchows Archiv Bd. 36 und 37) die deutsche Uebersetzung der Schrift

„~über die Umstände, welche die Menschen von den achtbaren Aerzten

abwenden~”. Eine französische Uebersetzung (mit arabischem Text) der

kleinen Abhandlung „~über rasche Kuren mancher Leiden~” (fundamentum

medicinae, de morbis, qui intra horam sanari possunt) gab J. Guigues

unter dem Titel „La guérison en une heure de Razès”, Paris 1904,

heraus; hier findet sich die Widerlegung der These, daß Krankheiten

ebenso viel Zeit zu ihrer Heilung wie zu ihrer Entstehung bedürfen.

Aus dem reichen Inhalt der medizinischen Werke des Rhazes wäre

unter vielem anderen folgendes hervorzuheben.

Aus der •inneren Medizin•: Unterscheidung der bloß symptomatischen

von den essentiellen Fiebern. Schweißausbruch bedeute keine wahre

Krisis, sondern zeige nur an, daß die Natur eine anderweitige

Entscheidung bewirken werde; manche unregelmäßige Fieber entstehen

durch Vereiterung der Nieren; die Behandlungsweise der Fieber soll

sich nach den Ursachen richten. Bei hitzigem Brennfieber empfahl

Rhazes die Anwendung von kaltem Wasser (Continens Lib. XVI, cap.

2), bei putrider Brustentzündung stärkende Mittel und Wein (l. c.

Lib. IV, cap. 3), bei Phthise Milch und Zucker, bei schlechter

Verdauung Buttermilch und kaltes Wasser. Wassersucht könne auch

durch Nierensteine hervorgerufen werden, Gelbsucht entstehe durch

Verstopfung der Gallengänge. Bemerkenswert ist die Empfehlung des

Schachspieles zur Behandlung der Melancholie und die Schilderung der

Hypochondrie, des Gesichtsschmerzes etc. (Lib. XVIII, cap. 5, Lib.

Division. Tr. VII, cap. 14). Die schädlichen Folgen der Sumpfluft

waren ihm bekannt. Den übermäßigen Gebrauch der Purganzen schränkte

Rhazes wesentlich ein, bei Ileus zieht er Oele dem Quecksilber vor.

Den Aderlaß verwendete Rhazes bei den verschiedensten Affektionen

(namentlich Phrenitis, Pleuritis, Hämoptoe), doch ließ er es insofern

nicht an Vorsicht fehlen, als er Jahreszeit, Klima, Alter und

Konstitution berücksichtigte, bei Kindern und Greisen sollte nur in

den allerdringendsten Fällen die Venäsektion vorgenommen werden, unter

den zahlreichen Gegenanzeigen kommt auch die Fettleibigkeit vor. Die

Auswahl der Venen gründet sich auf Galens Gefäßtheorie; so wurde z. B.

bei Leiden oberhalb des Schlüsselbeins die Cephalica, bei Affektionen

des Thorax und Unterleibs die Basilica geöffnet, bei Hämoptoe nahm

Rhazes den Aderlaß am Fuße, bei Leber- und Milzentzündung an der

leidenden Seite vor, bei vollblütigen Pleuritischen zuerst auf der

gesunden und dann auf der kranken Seite etc.

Aus der •Diätetik und Arzneimittellehre•. Auf diätetische

Mittel legte Rhazes größten Wert; zu diesen zählten verschiedene

leichtverdauliche Gerichte aus der Krankenküche (Ptisane,

Linsenabkochung, Zubereitungen aus Schaf- oder Hühnerfleisch,

gehacktem Fleisch), Gemüse, Obst, die bei der sauren Milch

ausgeschiedene käsige Masse, Wein, reines Brunnenwasser,

Granatäpfelsaft, Rosenwasser mit Zucker, Zitronen-, Trauben-,

Quittensaft, einige Syrupe etc.; Bäder und Waschungen empfiehlt

Rhazes selbstverständlich ganz besonders; hingegen war er kein

Freund vom diätetischen Erbrechen. -- Der Arzneischatz ist ein

bedeutender, da neben der griechischen auch die indische Materia

medica herangezogen ist, außer pflanzlichen werden auch tierische

(Milch, Blut, Hirn, Auswurfstoffe etc.) und mineralische Stoffe

benützt. Besonders wären hervorzuheben: Kampfer, Moschus, Ambra,

Cardamomum, Muskatnüsse, Kubeben, Anakardien, Cassia fistula, Manna,

Nux vomica, Senna, Caryophilli, Salmiak, verschiedene Oele (z. B.

Eieröl, Rosenöl, Mandelöl, Zitronenöl), verschiedene ~alkoholische~

Getränke, Arrak. Was die Formen der Arzneien anlangt, so kennt Rhazes

für den internen Gebrauch Dekokte, Infuse, Pulver, Pillen, Linctus,

Syrupe, Pastillen, Mus, Roob (dickflüssiges Extrakt); für die äußere

Anwendung Salben (darunter ~Quecksilbersalbe~ gegen verschiedene

Hautleiden), Linimente, Pflaster, Cerate, Suppositorien, Gurgelwässer,

Niesemittel, Umschläge, Räucherungen, Klistiere, Augenkollyrien.

•Chirurgie.• Bei ~penetrierenden Bauchwunden~ wird empfohlen:

Fomentieren der aufgeblähten vorgefallenen Därme mit warmem Wein,

Reposition der Därme im warmen Bade, Wegschneiden des mit beginnendem

Brande behafteten Netzes nach Unterbindung seiner Gefäße mit feinen

Fäden (Lib. medic. VII, cap. 3). Unter den Hautaffektionen ist auch

~Erysipel~, „Ignis sacer oder persicus”, erwähnt (l. c. cap. 18,

Continens lib. 27, 7. u. 8. Tr.); um die ~Filaria medinensis~ zu

entfernen, band man ein kleines Bleigewicht an den Wurm (Lib. medic.

VII, cap. 24, Contin. 26, 2 Tr. cap. 2). Beim ~Ausziehen der Pfeile~

etc. kam eine Zange zur Verwendung, deren Maul rauh wie eine Feile

war (l. c. cap. 25, vgl. die deutsche Uebersetzung dieses Abschnittes

bei H. Fröhlich, „Aus der Kriegschirurgie vor 1000 Jahren”, v.

Langenbecks Arch. f. klin. Chir. 1883, S. 862 ff.). Im VIII. Buch des

Lib. medic. ist die Lehre von den ~Bissen und Stichen giftiger Tiere~

abgehandelt. Nach einem Viperbiß soll man das Glied fest oberhalb

der Wunde umschnüren, und wenn es sich um eine sehr schlimme Art

jener Tiere handelt, das Glied sogleich abschneiden (l. c. cap. 2).

Zur ~Entfernung von Fremdkörpern~ aus der Speiseröhre ist ein eigens

konstruiertes Instrument beschrieben (Lib. medic. L. IX, cap. 49).

~Harnverhaltung~ kann durch einen Stein oder durch Lähmung bewirkt

sein (Divisiones, lib. I, cap. 71); haben Arzneimittel keinen Erfolg,

so ist der Katheter zu applizieren (Lib. medic. IX, cap. 73). Sehr

ausführlich sind Ursprung, Symptome und Behandlung der ~Blasensteine~

(Steinschnitt) im 23. Buche des Continens geschildert. Bei Behandlung

der ~Hernien~ werden auch Bandagen empfohlen (Lib. medic. IX, cap.

89), bei Behandlung der Hüftgelenksentzündung das Glüheisen (l. c.

cap. 90). Die ~Tracheotomie~ nach der Methode des Antyllos ist im

VII. Buche des Continens (2 Tr. cap. 2) beschrieben. Wichtig ist

die Schilderung der ~Spina ventosa~ im 28. Buche des Continens.

-- In der Schrift de morb. infant. erwähnt Rhazes einen Fall von

monströsem ~Hydrocephalus~ und empfiehlt beim ~Nabelbruch~ Pflaster

mit Adstringentien oder mit Leim; eventuell Kauterisation ringsherum.

•Geburtshilfe• (Continens Lib. IX und in Liber medic. ad

Almansorem). Zur Erweiterung der Geschlechtsteile bei schwierigen

Fällen dienen Instrumente mit Schraubenwirkung (Paulos von Aigina).

Als einzig normale Lage gilt die Kopflage, die Wendung auf den Kopf

hat man daher mit allen möglichen Verfahren (auch Schüttelungen)

selbst bei vollkommener Fußlage zu versuchen. Ist weder diese,

noch die Extraktion an den Füßen ausführbar, so schreite man zur

Zerstückelung des Kindes. Bei starkem Kinde wird die Herausbeförderung

durch •Zug an umgelegten Schlingen• angeraten.

•Augenheilkunde.• Im Continens (Lib. II) finden sich zahlreiche

eigene Beobachtungen des Rhazes. Gegen Lidläuse ist Quecksilbersalbe

empfohlen. Sehstörungen, welche vom Gehirn herrühren, werden von

Kopfschmerz und Ohrsausen begleitet; liegt die Ursache im Sehnerven,

so beobachtet man dabei Erweiterung der Pupille, wenn das andere

Auge geschlossen wird; wenn nichts von beiden vorliegt, so sitzt

die Krankheit im Auge. Man muß die Pupille betrachten. Unter den

Operationen werden die Abtragung des Pannus, des Flügelfells, die

Operation der Lidverwachsung beschrieben, ferner der Starstich nach

~Antyllos~[3], die Aussaugung des Stars mittels einer gläsernen

Röhre[4], das Ausbrennen der Tränenfistel, die Trepanation derselben,

die Operation der Haarkrankheit und des Entropium. Im IX. Buche des

Liber medicinalis Almansoris befindet sich eine sehr knapp gefaßte

Augenheilkunde; wichtig ist besonders die Bemerkung, ~daß sich die

Pupille auf Lichteinfall verengert~. Auch im Liber divisionum wird

die Augenheilkunde kurz abgehandelt. Außerdem verfaßte Rhazes noch

eine Reihe von (nicht mehr erhaltenen) augenärztlichen Sonderschriften

über die Beschaffenheit des Sehens, über die Gestalt des Auges, über

die Bedingungen des Sehens, über die Verengerung der Pupille bei

Lichteinfall und über ihre Erweiterung in der Dunkelheit, über die

Chirurgie des Auges, über die Arzneien des Auges. -- Hinsichtlich

der ~Ohrenheilkunde~ wäre hervorzuheben, daß Rhazes das Ohr im

einfallenden Sonnenlichte untersuchte; was die ~Zahnheilkunde~

anlangt, so kannte er die Ausfüllung kariöser Zähne mit einer Mischung

von Mastix und Alaun.

[3] Aus der verloren gegangenen Chirurgie des ~Antyllos~ wird

folgende Beschreibung mitgeteilt: Beim Starstich sitze der

Kranke im Schatten, entgegengesetzt dem Sonnenball. Sein Kopf

werde festgehalten. Er blicke gegen den größeren Augenwinkel

hin, ohne von dieser Richtung abzuweichen. Nun entferne der

Arzt das Instrument vom Hornhautrande (schläfenwärts) ebenso

weit, wie von demselben die Pupille absteht. Der Arzt ergreife

das stumpfe Ende des Stieles der Nadel und drücke dasselbe

hier ein, so daß eine Marke davon entsteht und somit die Nadel

nicht gleite bei der Durchbohrung. Das Maß des Eindringens der

Nadel sei der Abstand zwischen dem Rand der Pupille und dem der

Hornhaut, so daß es den Rand der Pupille nicht überschreitet

oder doch höchstens um das Maß eines Gerstenkorns. ... Nun

wird die Spitze der Nadel aufgesetzt an dem Ort der Marke und

die Bindehaut und die harte Haut durchbohrt. ... Ist nun die

Nadel im Auge, so bringe deinen Mund an das Auge und blase auf

dasselbe, damit die Pupille ordentlich bleibt. Das Instrument

verharre an seinem Orte. Du betrachte seine Spitze. Ist sie noch

nicht genügend nahe (dem Star), so drücke sie ein wenig vor.

Hat sie den Ort des Stares überschritten, so ziehe sie zurück,

daß sie in gleicher Höhe mit dem Stare sei. Ist dies geschehen,

so hebe die Handhabe der Nadel ein wenig nach oben, daß die im

Innern des Auges befindliche Spitze nach unten gedrückt wird

und durch dieses Manöver der Star nach dem unteren Teil des

Auges niedergedrückt werde. Ist der Star schwierig, weil er

beim Niederdrücken nach oben hin zurückkehrt, so ~zerstückle~

ihn nach den Seiten hin, wo es dir leichter erscheint, ihn zu

beseitigen, bis der Kranke dann sofort sieht. Ist dies gelungen,

so ziehe die Nadel aus und leg auf das Auge Eiweiß mit Rosenöl

auf 3 Tage. (Im weitern folgen Vorschriften über die Rückenlage,

Verbinden des zweiten Auges, Aufenthalt im dunklen Zimmer,

Inachtnahme vor Niesen, Reden, Husten; Abnahme des Verbandes

nach 3 Tagen.)

[4] Ebenfalls aus ~Antyllos~: Einige spalteten den unteren Teil

der Pupille und ~zogen den Star heraus~; das geht nur beim

dünnen Star, beim dicken nicht, weil die Eiweißfeuchtigkeit mit

herausfließt. Einige führten an Stelle der Nadel eine gläserne

Röhre ein und saugten die Eiweißfeuchtigkeit mit aus.

Schriftsteller des 10. Jahrhunderts.

Persien und Irak.

Abul Hasan Ahmed ben Muhammed ~at-Tabari~ (aus Tabaristan, zweite

Hälfte des 10. Jahrhunderts). Sein nur in arabischen Handschriften

erhaltenes „~Buch der hippokratischen Behandlungen~” besteht aus

10 Büchern: 1. Von den für den Arzt, der nicht Philosoph ist,

unentbehrlichen Vorbegriffen; 2. Krankheiten der Haut des Kopfes

und Gesichtes; 3. Krankheiten der inneren Teile des Kopfes;

4. Augenkrankheiten; 5. Krankheiten der Nase und des Ohres; 6.

Krankheiten des Mundes, der Zähne, des Gaumens, des Rachens, der

Kehle; 7. Hautkrankheiten; 8. Krankheiten der Brust, der Lungen,

des Zwerchfells, des Herzens und seines Beutels; 9. Krankheiten

des Magens und der Speiseröhre; 10. Krankheiten der Leber, der

Milz und der Baucheingeweide. Bisher wurde nur der augenärztliche

Teil von ~Hirschberg~ (in seiner Geschichte der Augenheilkunde)

verdientermaßen gewürdigt; nach dem Urteil dieses Forschers ist Tabari

ein hervorragender Kliniker von reicher Erfahrung und selbständiger

Denkweise.

~Ali ibn al-Abbas al-Madschusi~ (d. h. der Magier ═ Feueranbeter),

Leibarzt des Emirs Adhad ed-Daula († 994) -- •Ali Abbas• (~Haly

Abbas~) -- widmete diesem sein Hauptwerk ~al-Malaki ═ Liber regius~

(~regalis dispositio~), lat. Uebersetzung Venet. 1492, Lugdun.

1523[5]. Das königliche Buch zerfällt in zwei Teile, in einen

„theoretischen” und in einen praktischen, zu je 10 Büchern. Der

erstere handelt über Anatomie, Physiologie, Diätetik, allgemeine

Pathologie, Semiotik, über spezielle Affektionen (z. B. Abszesse,

Hautkrankheiten, Wunden und Geschwüre), über innere Krankheiten und

Prognostik. Der praktische Teil enthält: Hygiene, Diätetik, Lehre

von den Arzneimitteln und deren Anwendung, spezielle Pathologie und

Therapie, Chirurgie, Materia medica. ~P. de Koning~ hat (in Trois

traités d'anatomie arabes, Leyde 1903 und in Traité sur le calcul

dans les reines et dans la vessie etc., Leyde 1886) die einschlägigen

anatomischen und urologischen Abschnitte arabisch mit französischer

Uebersetzung veröffentlicht. Das Augenärztliche liegt in der Berliner

Dissertation (1900) von Gretschischeff „Die Augenheilkunde des Ali

Abbas” vor. Ueber die geburtshilflichen Abschnitte vgl. v. Siebold

(Gesch. d. Geburtshilfe I, 269).

[5] Diese Ausgaben enthalten die Uebersetzung des Stephanus von

Antiochien. Eine frühere von Constantinus Africanus herstammende

lateinische Uebertragung ist in dessen opera (Basil. 1536) und

in der Gesamtausgabe der Werke des Isaac Judaeus als „Pantegni”

veröffentlicht.

Aus dem Inhalt wäre unter anderem hervorzuheben, daß die Diätetik

vortrefflich bearbeitet ist, wobei auf die verschiedenen Lebensalter,

Jahreszeiten, Klimate, namentlich auf die Lebensgewohnheiten Rücksicht

genommen wird; auch die Wirkung des Wassers (Mineralwässer), der

Kleidung etc. auf die Gesundheit findet Erörterung. Den Aderlaß

verwendete Ali Abbas bei sehr vielen Affektionen (jedoch bei Kindern

und Greisen nur in den dringendsten Fällen); dabei kamen, je nach dem

betroffenen Organ, verschiedene Venen in Betracht. Bei der Pleuritis

wurde, wenn Schmerz in der Claviculargegend bestand, auf der gesunden

Seite zur Ader gelassen, hingegen, wenn es sich um protrahierte

Fälle handelte, an der Basilica der kranken Seite venäseziert. Wie

andere arabische Aerzte rühmt Ali Abbas den Nutzen des Zuckers als

Nahrungsmittel für Neugeborene; Schwindsüchtigen empfiehlt er Milch

und Zucker. Manche Krankheitsbeobachtungen (z. B. Kolik mit Lähmungen)

entbehren nicht des Interesses. Die Pulslehre ist sehr spitzfindig

entwickelt. Ueber die Wirkung neu eingeführter Arzneimittel solle

man sich durch Versuche (eventuell an Tieren) Erfahrung erwerben.

Was die Geburtshilfe anlangt, so wird die Tatsache von der

Geburtstätigkeit des Uterus (im Gegensatz zu der hippokratischen

Annahme von dem aktiven Austreten des Kindes) gebührend betont; von

Operationen am toten Kinde sind Abtragung von Extremitäten, Oeffnen

und Zusammendrücken des Schädels, Hakenextraktion geschildert.

Aegypten und Maghrib.

~Abu Jakub Ischak ben Soleiman al-Israeli~ († in hohem Alter gegen

die Mitte des 10. Jahrhunderts) -- •Isaac Judaeus• -- jüdischer Arzt,

welcher zuerst in Aegypten augenärztliche Praxis betrieb, später

nach Mauretanien auswanderte und zuletzt in Kairowan als Leibarzt

wirkte. Von seinem reichen Wissen verdankte er vieles dem ~Ischak

ben Amran~, einem sehr gelehrten Arzte aus Bagdad, welcher sich um

die Verbreitung der wissenschaftlichen Medizin in Nordafrika große

Verdienste erworben hatte, aber infolge von Verdächtigungen auf Befehl

eines Aglabitenfürsten hingerichtet wurde[6]. Die Schriften des Isaac

Judaeus (namentlich über ~Diät~, über ~Fieber~, über den ~Harn~) waren

im christlichen Abendlande sehr angesehen und verbreitet, wofür die

lat. Gesamtausgabe (Lugd. 1515) und die Spezialausgaben ~de diaetis

universalibus et particularibus~ (Patav. 1487) und ~de febribus~ (in

Collectio de febribus, Venet. 1576) zeugen. In der Gesamtausgabe sind

außer den genannten noch enthalten ~de elementis~, ~de urinis~, ~liber

definitionum~, ~Viaticum~[7] u. a. (ferner das in einen theoretischen

und praktischen Teil zerfallende „Pantechnum” [Pantegni], welches

sich mit dem Liber regalis des Ali Abbas deckt). Dem Isaac Judaeus

wird zumeist auch die sehr interessante Schrift „~Führer der Aerzte~”

(richtiger Führung oder Sitte der Aerzte) zugesprochen, welche nach

dem hebräischen Urtexte Musar harophim zuerst von Soave italienisch

(Giornale Veneto delle scienze mediche 1861), sodann von D. Kaufmann

in deutscher Sprache (Magaz. f. d. Wissensch. d. Judentums, Berl.

1884) herausgegeben worden ist.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 29 / 76 段