Der Diätetik kam, abgesehen von griechisch-indischen Vorbildern,

namentlich der Umstand zu statten, daß der Koran die hygienische

Regelung des Lebens jedem Gläubigen zur religiösen Pflicht machte

und somit in den weitesten Volksschichten die stabile Gewohnheit

erzeugte, jederzeit auf diätetische Maßnahmen sorgfältig Bedacht zu

nehmen; was schon für die Tage der Gesundheit, für die ~Prophylaxe~

Geltung hatte, wurde natürlich mit noch größerer Rigorosität auf

die Behandlungsweise der Krankheiten übertragen und bis in minutiöse

Details für therapeutische Zwecke präzisiert[102]. Die ~diätetische

Therapie~ ist in den medizinischen Lehrbüchern an die Spitze gestellt

und bildete auch einen beliebten Vorwurf für Spezialabhandlungen.

[102] Hier sei übrigens bemerkt, daß sich die Aerzte bei ihren

diätetischen Vorschriften nicht immer streng an rituelle Gebote

hielten, dies gilt namentlich hinsichtlich des Weingenusses.

So haben z. B. Abulkasim und Avicenna den Wein als wichtiges

Mittel verordnet. Der strenggläubige Muslim, der den in Oxford

befindlichen Kodex des Abulkasim abschrieb, setzte allerdings

die Worte hinzu: „Wein hat uns Allah verboten. Wenn es dem

Kranken beschieden ist, gesund zu werden, wird er auch ohne Wein

gesund werden.” Interessant ist es auch, daß Isaac Judaeus das

Schweinefleisch als eine sehr gesunde Speise empfiehlt. Vgl.

S. 144 Anm. 1.

Der ~Arzneischatz~ nahm beträchtlich zu; zur Vermehrung trug

hauptsächlich der rege Handelsverkehr bei, welcher Drogen aus Vorder-

und Hinterindien und China nach dem Westen brachte[103], nebstdem kam

aber noch, wenn auch in untergeordneter Weise, die emporstrebende

Chemie durch ihre Präparate in Betracht. ~Die Araber haben nicht

wenig neue Arzneimittel -- besonders Aromatika und Lenitiva -- und

zuerst eigentliche chemische Präparate eingeführt.~ Sie suchten die

Drastika der Griechen durch milde, eröffnende Mittel (z. B. Cassia,

Senna, Tamarinden) zu ersetzen oder stark wirkende Substanzen (z. B.

Scammonium) durch indifferente Zusätze (Veilchenwurz, Zitronensaft

etc.) abzuschwächen. Die ~Arzneimittellehre~ fand intensivste Pflege,

und schon seit dem 8. Jahrhundert entwickelte sich eine umfangreiche

Fachliteratur über ~medizinische Botanik~[104], welche an die Alten,

insbesondere Dioskurides, anknüpfte, aber auf dem Wege emsigster

Eigenforschung über die Ueberlieferung hinausschritt. Im Anschluß

an die Arzneimittellehre und unter dem Einfluß gewisser kultureller

Verhältnisse wurde auch die ~Toxikologie~ eifrig und erfolgreich

bearbeitet.

[103] In arabischen Reisewerken finden sich Berichte über die

Herkunft und Gewinnungsart vieler Drogen (z. B. Kampfer,

Moschus, Ambra, Santalum, Kubeben, Aloe, Rheum, Crocus, Asa

foetida etc.).

[104] Viele Aerzte waren eifrige Botaniker und machten botanische

Exkursionen; in später Zeit wurden auch botanische Gärten

angelegt.

Der Umfang des Arzneischatzes und die Erfindung neuer Arzneiformen

(z. B. Sirup, Julep[105], Roob, Sief[106] u. a.), die Vorliebe für

künstlich zubereitete, kompliziert zusammengesetzte Medikamente und

die höhere Entwicklung der pharmazeutischen Technik (systematische

Anwendung des Destillationsverfahrens etc.) machten eine Arbeitsteilung

nötig, welche in der Existenz eines eigenen ~Apothekerstandes~, in der

Gründung von öffentlichen ~Apotheken~ zum Ausdruck kam[107]! Es ist

sehr wahrscheinlich, daß die Apotheken unter staatliche Beaufsichtigung

gestellt wurden und daß nach den, von der Obrigkeit autorisierten,

Antidotarien (Grabadinen ═ Dispensatorien) gearbeitet werden mußte.

[105] Julep unterscheidet sich vom Sirup dadurch, daß er nicht so

lange gekocht wird, daher weit dünner ist.

[106] Augenkollyr.

[107] Auch hier war das Vorbild der Nestorianer in Dschondisabur

(vgl. S. 165) maßgebend.

Das Apothekergewerbe ging aus dem Stande der Spezereiwarenhändler

hervor, worauf die ursprüngliche Bezeichnung Szandalani (Verkäufer

von Sandelholz) hindeutet. Die Apotheker erfreuten sich bei den

Arabern nicht geringen Ansehens -- im Gegensatz zu den Pharmakopolen

etc. der Griechen und Römer -- und verdankten dies dem Aufschwung

der pharmazeutischen Technik, die sie über das Niveau des bloßen

Arzneihandels erhob. Auch große Aerzte hielten hie und da Apotheken.

Die erste öffentliche Apotheke in Bagdad wurde zur Zeit des al-Mansur

gegründet. Es scheint, daß Visitationen üblich waren, auch gab es

Feldapotheken für die erkrankten Soldaten. Die Krankenanstalten waren

mit Apotheken verbunden.

Die berühmtesten Dispensatorien rührten von Sabur ben Sahl (vgl.

S. 165), al-Antari und Ibn at-Talmid her.

Ob die Medizin der Araber in ihren Fortschritten anderen Wissenszweigen

gleichkam oder nachstand, darüber wird das Endurteil beim Rückblick

auf das Ganze schwanken -- ~einhellige Anerkennung verdient aber

jedenfalls vom didaktischen Standpunkt die Art, wie das überkommene

und neu erworbene Wissensmaterial in einen allgemein zugänglichen,

leicht übersehbaren Lehrstoff verwandelt wurde~. Die Araber waren es,

welche Licht und Ordnung in die oft unklar gefaßte, nur in Bruchstücken

vorliegende Ueberlieferung der Antike brachten, sie haben an Stelle der

mechanischen Auszüge, der geistlosen Kompilationen, der verwirrenden

Sammelschriften der Byzantiner ~wirkliche umfassende Handbücher~ mit

einheitlichem, alle Spezialfächer organisch verbindendem Grundzug

geschaffen, sie haben den Lehrzweck in mannigfachen Formen (Kompendien,

Tabellenwerke, Lehrgedichte etc.) zu erreichen verstanden und der

lebendigen Muttersprache -- nicht einem längst erstorbenen Idiom --

eine mustergültige ~wissenschaftliche Terminologie~ abgerungen.

Entsprechend der Höhe des Unterrichtswesens (vgl. S. 155) im

allgemeinen -- im Orient war das Autodidaktentum stets verpönt --

erfreute sich auch der ~medizinische Unterricht~ sorgfältiger Pflege.

Während an den Hochschulen der Schwerpunkt auf die Theorie gelegt

wurde, sorgten die als Lehranstalten dienenden Krankenhäuser (mit ihren

Spezialabteilungen und Ambulatorien) vorzugsweise für die praktische

Unterweisung. Von großer Bedeutung war es, daß sich bei den Arabern

ein ~Prüfungswesen~ entwickelte, welches die Ausübung der ärztlichen

Praxis von dem erbrachten ~Befähigungsnachweise~ abhängig zu machen

strebte -- eine Institution, die gewiß eine Verbesserung der ärztlichen

Standesverhältnisse hätte herbeiführen können. Leider scheint es

aber an einer strengen Durchführung, wenigstens auf die Dauer und an

verschiedenen Orten, gefehlt zu haben[108].

[108] Zum Beweise diene folgende köstliche Prüfungsgeschichte. „Im

Jahre 319 d. H. erfuhr al-Muktadir (der Kalife), daß einer von

den Aerzten einen Kunstfehler bei einem Manne gemacht hatte,

woran dieser gestorben war. Da befahl er dem Polizeimeister,

allen Aerzten die Ausübung der Praxis zu verbieten, falls

sie nicht Sinan ben Tabit ben Kurra geprüft und ihnen einen

Praktizierschein ausgestellt hätte, und er befahl dem Sinan

sie zu prüfen und jedem einzelnen die Erlaubnis zur Ausübung

des Teiles der Heilkunde zu erteilen, den er verstand. Und es

erreichte ihre Zahl auf beiden Seiten Bagdads 800 und einige

60 Mann, abgesehen von denen, die ihre Berühmtheit von der

Prüfung entband ob ihrer hervorragenden Bedeutung in der Kunst

und von denen, die im Dienste des Kalifen standen. Und zu dem

drolligen, was bei der Prüfung der Aerzte passierte, gehörte,

daß zu Sinan ein Mann hineingeführt wurde, vornehm an Kleidung

und Aussehen, ehrfurchtgebietend und würdevoll. Da ehrte

ihn Sinan nach Maßgabe seiner Erscheinung und gab ihm einen

Ehrenplatz und pflegte, wenn etwas passierte, sich an ihn zu

wenden und hörte nicht auf, so zu tun, bis er seine Aufgabe an

diesem Tage beendet hatte; da erst wandte sich Sinan an ihn und

sagte: Ich würde mich freuen, etwas vom Scheiche zu hören, was

ich mir von ihm merken könnte und wenn er mir seinen Lehrer

in der Heilkunde nennen würde. Da zog der Scheich aus seinem

Aermel eine Rolle heraus, darin blanke Denare waren, legte sie

vor Sinan hin und sagte: Ich verstehe nicht zu schreiben und zu

lesen und habe nie etwas gelesen, aber ich habe eine Familie

und mein Lebensunterhalt ist ein immer volles (?) Haus und

ich bitte dich, daß du mir das nicht abschneidest. Da lachte

Sinan und sagte: Unter der Bedingung, daß du nicht auf einen

Kranken losgehst mit dem, was du nicht kennst und nicht zu

einem Aderlaß oder zu einem Abführmittel rätst, außer zu dem,

was von den Krankheiten naheliegt. Da sagte der Scheich: Das

ist meine Methode; mein Lebenlang bin ich nicht über Zuckerkand

und Rosenwasser hinausgegangen. Und er ging davon. Und anderen

Tags wurde ein Jüngling zu ihm hineingeführt, prächtig im

Anzug, schön von Antlitz und klug. Da blickte Sinan auf ihn

hin und sagte: Bei wem hast du gelesen? Er sagte: Bei meinem

Vater. Wer ist denn dein Vater? Er antwortete: Der Scheich,

welcher gestern bei dir war. Sinan sagte: Ein wackerer Scheich

und du befolgst seine Methode? Er sagte ja. Da sagte Sinan:

Ueberschreite sie nicht, und ging in Begleitung ab.” -- Eine

ganz ähnliche Anekdote wird aus dem 12. Jahrhundert von Ibn

at-Talmid als Prüfer erzählt. -- In Cordoba setzte der Emir

Dschedur ben Muhammed (im 11. Jahrhundert) eine ärztliche

Prüfungsbehörde ein und verfolgte die Scharlatanerie.

Neben der fortdauernd üblichen privaten Unterweisung einzelner

Jünger durch ältere erfahrene Aerzte, besaßen jene medizinischen

Lehranstalten, welche mit Hospitälern verbunden waren, die höchste

Bedeutung für die ärztliche Ausbildung; die Medresen, deren Entstehung

überhaupt erst der späteren Zeit angehört, berücksichtigten in ihrem

Studienplan nicht immer auch die Heilkunde und, wenn dies geschah,

vorzugsweise nur die Literatur und die theoretischen Zweige derselben.

Dem ärztlichen Unterricht diente die Lektüre und Interpretation der

Uebersetzungen ausgewählter griechischer und byzantinischer Autoren

zur Grundlage[109], daran schlossen sich Disputationen, welche eine

große Rolle spielten; die praktische Fertigkeit in der Diagnostik,

Prognostik (besonders Pulsuntersuchung und Harnschau), in der

Arzneimittelbereitung und Therapie konnte in den Krankenanstalten

unter Leitung der, auch als Lehrer tätigen, Spitalsärzte gewonnen

werden. Nach dem Beispiel der nestorianischen und jüdischen Schulen

kam allmählich der Gebrauch auf, daß sich die Studierenden Zeugnisse

über den Besuch der Vorlesungen ausstellen und die Erlaubnis zur

eigenen Lehrtätigkeit schriftlich erteilen ließen (i-gaze)[110].

Die medizinischen Schulen der Araber waren auch den Christen und

Juden zugänglich, ebenso bildete für die Lehrtätigkeit, selbst

unter den weniger toleranten Verhältnissen der späteren Zeit, der

Glaubensunterschied kein unübersteigliches Hindernis.

[109] Das Studium des Dioskurides wurde durch ~botanische

Exkursionen~ ergänzt.

[110] Ursprünglich konnte jeder als Arzt und medizinischer Lehrer

auftreten, ohne über die erworbene Ausbildung Rechenschaft

geben zu müssen.

Von einem ~Befähigungsnachweise für die ärztliche Praxis~ in Form

einer von der Obrigkeit angeordneten Prüfung hören wir einige Male, ob

aber diese Institution, welche dem Unfug der Scharlatanerie steuern

sollte, eine ständige oder bloß vorübergehende war, läßt sich nicht

entscheiden; die überlieferten Berichte zeigen jedenfalls, daß man es

unter Umständen mit der Sache nicht sehr genau nahm. Als Examinatoren

fungierten die „Vorsteher” der Aerzte ═ Protomedici, denen überhaupt

die Beaufsichtigung des ärztlichen Standes zufiel[111]. Ohne daß die

Berufsfreiheit für die Dauer gänzlich aufgehoben wurde, regulierten

sich die Verhältnisse wahrscheinlich von selbst in der Weise, daß

allmählich nur jene Aerzte Ansehen und Klientel erlangten, welche auf

ihren Studiengang unter Leitung anerkannter Lehrer hinweisen konnten.

[111] Das Amt des Protomedikus versah gewöhnlich der Leibarzt des

Fürsten.

Am Hofe wie im Volke galt der Arzt als Hauptrepräsentant der

Gelehrsamkeit, weil der Nutzen seines Wissens von vornherein jedermann

einleuchtete. Im allgemeinen nahmen deshalb die Aerzte im sozialen

Leben eine hohe Position ein. Ganz besonders gilt dies natürlich

von den einflußreichen Leibärzten, welche nicht nur verschwenderisch

besoldet[112], sondern außerdem noch mit Geschenken und Auszeichnungen

(nicht wenige waren Veziere) überhäuft wurden, freilich oft auch den

Wechsel despotischer Laune hart zu spüren bekamen. Gelungene Kuren

wurden von den Reichen freigebig honoriert, und es scheint, daß die

Bezahlung auf freiwilliger Vereinbarung vor oder nach der Behandlung

beruhte.

[112] Ein Beispiel bildet Dschabril ben Bachtischua, dessen

jährliches Einkommen sich auf ungefähr 280000 Franken belaufen

haben soll. Solche Aerzte verstanden es auch, ihrem Reichtum

entsprechend, zu leben. Von der luxuriösen Lebensweise des

Sohnes des Dschabril berichtet ein Augenzeuge folgendes: Ich

besuchte ihn an einem außerordentlich heißen Tage und fand ihn

in einem tapezierten Sommergemache, dessen kuppelförmiges Dach

mit Rohrmatten bedeckt und von außen mit feinster Leinwand

überzogen war. Er trug einen schweren Kaftan aus südarabischem

Seidenstoff und hüllte sich noch überdies in einen Mantel ein.

Ich staunte über diesen Anzug bei solcher Hitze, aber kaum hatte

ich Platz genommen, so empfand ich eine auffallende Kälte. Da

lachte er, ließ mir einen Kaftan und Mantel bringen und befahl

einem Diener, den Tapetenstoff von der Wand zu entfernen. Nun

erst sah ich, daß sich in der Wand Oeffnungen befanden, die in

einen Raum gingen, der ganz mit Schnee gefüllt war; Diener aber

waren unablässig beschäftigt, mit großen Fächern die kühle Luft,

die sich dort ansammelte, in das Gemach zu fächeln. Es wurde

nun das Essen aufgetragen und der Tisch mit den köstlichsten

Speisen bedeckt. ... Ein anderes Mal besuchte ihn derselbe an

einem kalten Wintertage, wo er ihn in einem Gewächshause, wie

in einem Garten sitzend, antraf. Vor ihm stand ein silbernes

Kohlenbecken, in welchem mit wohlriechenden Hölzern die Glut

unterhalten wurde. Als der Besucher sich über die angenehme

Wärme wunderte, ließ der Hausherr den Tapetenstoff der Wände

entfernen, und da sah er, daß hinter dem Gemache Sklaven

beschäftigt waren, stets Feuer zu unterhalten, dessen Wärme

das Gemach füllte.

Daß übrigens nicht selten die Aerzte auch über Undank zu klagen

hatten, und daß das glänzende Los einzelner Auserwählter keinen

Maßstab für die materielle Lage der großen Masse der Praktiker abgibt,

beweisen z. B. die Aeußerungen des Rhazes und des Isaac Judaeus (vgl.

S. 174 u. 177). Bei der sehr beträchtlichen Zahl der Aerzte in den

großen Städten war der Konkurrenzkampf ein schwerer, umsomehr als

rohe Empiriker und Scharlatane in den mannigfachsten Spielarten,

trotz aller Bekämpfung, ihr Unwesen trieben; unter diesen Umständen

ist es nur zu begreiflich, wenn die kollegialen Verhältnisse und die

ärztliche Ethik manches zu wünschen übrig ließen[113].

[113] Vgl. die Titel der standesärztlichen Abhandlungen des Rhazes

und namentlich seine Schrift „über die Umstände, welche die

Herzen der meisten Menschen von den achtbaren Aerzten abwenden”,

S. 172 u. ff. Die Schriften über ärztliche Ethik knüpften an

die hippokratischen an.

Es ist auch nicht zu übersehen, daß bei der großen Menge

beständig die rohempirischen und abergläubischen Praktiken

der Volksärzte (Tabib), ebenso die Zaubermedizin (Amulette,

Talismane) und die Theurgie (Händeauflegen, Koranstechen

etc.) auf starken Anhang rechnen konnten. Von den Arten des

medizinischen Aberglaubens ist der (unter indischem Einflusse)

erstarkte ~Glaube an die Heilkraft der Steine~ (in Form von

Amuletten) der interessanteste. Ueber dieses Gebiet handelte

die mineralogische Literatur (~Steinbücher~) mit größtem

wissenschaftlichen Ernst. Den Ausgangspunkt bildete eine

fälschlich dem Aristoteles zugeschriebene Schrift arabischer

Herkunft über die Steine (lat. ed. von Val. Rose, Zeitschr. f.

d. Altertum N. F. VI, 1875).

Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Aerzte in Kollegien oder Gilden

vereinigt waren, das Spezialistentum gedieh üppig, ohne daß es aber,

wie in der Augenheilkunde, stets durch wirklich wissenschaftlich

gebildete Praktiker vertreten war[114]; befördernd wirkte hier der

Umstand, daß sich die gelehrten Aerzte von den chirurgischen Fächern

zumeist fernhielten und dieselben den Empirikern überließen[115].

[114] Die Augenärzte bildeten eine besondere Korporation.

[115] Es gab Wundärzte, Schröpfer, Zahnärzte, Steinschneider etc.

Bemerkenswert ist es, daß einzelne Familien (wie die Bachtischuah,

Kurra, Hunain, Zohr) durch mehrere Generationen angesehene Aerzte

lieferten, was einerseits die Ausbildung sehr beförderte, anderseits

aber die Erstarrung der Tradition begünstigte.

Das auf Tradition pochende Selbstgefühl der arabischen Aerzte und

die Begeisterung für die ärztliche Wissenschaft fand den erhebendsten

Ausdruck in der Pflege der ~Geschichte der Medizin~, deren Höhepunkt

ein Arzt des 13. Jahrhunderts, •Ibn Abu Useibia•, bezeichnet. Seine

„~Quellen der Belehrung über die verschiedenen Klassen der Aerzte~”,

von den Anfängen der Heilkunde bis zum Zeitalter des Verfassers

reichend, bilden die wichtigste Grundlage für die neueren Darstellungen

der arabischen Medizin.

Die medizinische Geschichtsforschung der Araber besitzt einen

vorwiegend chronistischen, bio- und bibliographischen Charakter,

sie umfaßte auch Autobiographien (z. B. des Rhazes, Avicenna),

Darstellungen einzelner Epochen (z. B. ~Dscholdschol~ über das Leben

einiger Aerzte und Philosophen zur Zeit des Mowajjidbillah), die

Geschichte einzelner Spitäler u. a. Die medizinische Biographik,

Bibliographie resp. Geschichte wurde auch in solchen Werken oft sehr

eingehend berücksichtigt, welche die wissenschaftliche Literatur im

allgemeinen (namentlich die philosophische) oder die kulturelle und

politische Universalgeschichte behandeln. In dieser Hinsicht kommen

besonders in Betracht der Kitab-al-~Fihrist~ des Muhammed ben Ischak

an-Nadim (10. Jahrhundert) und das Gelehrtenlexikon des Dschamal

ad-Din ibn al-~Kifti~ (13. Jahrhundert), die Geschichte Aegyptens

des Abd el-Letif und des Makrizi, die Geschichte der Dynastien des

~Abul Faradsch~ Dschordschis (~Bar Hebraeus~, 13. Jahrhundert)[116].

[116] Wichtige Quellen aus späterer Zeit sind die Werke des Hasan Ibn

Muhammed Alwazzan, als Christ ~Leo Africanus~, und das Lexicon

bibliographicum des ~Hadschi Khalfa~ (beide im 16. Jahrhundert).

Der literarhistorische Sinn der arabischen Aerzte wurde durch ihre

Bibliomanie angefacht und unterhalten. Beispielsweise wird berichtet,

daß al-Dschezzar bei seinem Tode eine Bibliothek hinterließ, welche

25 Zentner wog.

An die arabische Medizin ist nicht derselbe Maßstab zu legen,

wie an die griechische, denn ihr Leben nährte sich meist nur vom

Lichte, das die Sonne untergegangener Geschlechter im Scheiden

warf. Die fruchtbaren Keime zu einer Neugestaltung, welche in ihr

lagen, vermochte sie selbst nicht zur Entfaltung zu bringen. Sie

war der Hauptsache nach ein Bau, der die Trümmer der Vorzeit in

architektonischer Schönheit zusammenschloß. Aber dieser Bau gewährte

noch Jahrhunderte lang der ärztlichen Wissenschaft ein schützendes

Heim.

In den arabischen Aerzten ward der Orient noch einmal der Lehrer

des Westens. Dankbar für das, was sie den Nestorianern schuldeten,

eröffneten die Muslimen den Christen des Abendlandes willig die Pforten

der wissenschaftlichen Heilkunde und erschlossen ihnen die Schätze

antiker Geistesarbeit, freilich oft in bizarrer Umhüllung. Und darin

lag eine hohe Mission!

Neuen Rassen fiel es zu, das Ueberlieferte von den Schlacken zu

befreien, in reiner ursprünglicher Form wieder darzustellen und

durch selbsttätiges Schaffen zu ungeahnter Höhe fortzuführen.

Als bloß vorbereitende Uebergangserscheinung konnte die arabische

Medizin dem Ansturm der Zeiten nicht widerstehen, das Gerüst mußte

fallen, entsprechend dem ehernen Gesetze des Fortschritts -- an der

Geschichte aber ist es, auch den vermittelnden Bindegliedern der

Geistesentwicklung ein ehrendes Gedenken zu bewahren.

Die Geschichte des arabischen Einflusses auf die abendländische

Heilkunde und der allmählich erstarkenden Reaktion gegen den

Arabismus macht den Hauptinhalt der Geschichte der Medizin im späteren

Mittelalter und im Beginne der Neuzeit aus.

Literarhistorische Uebersicht.

Vorbemerkung.

Im folgenden sind nur die allerwichtigsten Autoren und vorzugsweise

solche Werke berücksichtigt, welche in gedruckten Uebersetzungen (ins

Lateinische oder in moderne Sprachen) vorliegen.

Schriftsteller des 9. Jahrhunderts.

~Jahja (Juhanna) ben Masawaih~, christlicher Arzt (777-857) --

•Mesuë (der Aeltere)• war Schüler des Dschabril ben Bachtischua und

wurde von ihm zum Direktor des Krankenhauses in Bagdad ernannt; er

genoß das Vertrauen der Kalifen von Harun bis Mutawakkil. Abgesehen

von seiner Uebersetzertätigkeit (vgl. S. 149) verfaßte er eine

Reihe von medizinischen Schriften, die sich auf Anatomie, Diätetik,

Arzneimittel, Behandlung verschiedener Krankheiten, Augenleiden u. a.

bezogen. Aus den bei Rhases vorkommenden Zitaten geht hervor, daß er

die scharfen Abführmittel durch gelinde (z. B. Cassia, Tamarinden,

Senna) zu ersetzen trachtete, die Blattern auf eine (notwendige)

Gärung des Blutes zurückführte etc. Die ~Aphorismi Johannis Damasceni~

(Bonon. 1489) werden ihm gewöhnlich zugesprochen. (In lateinischen

Uebersetzungen wird nämlich Mesuë häufig zu einem „Janus Damascenus”

infolge Verwechslung mit einem anderen Arzte dieses Namens.)

~Hunain ben Ischak~, christlicher Arzt aus Hira (809-873) --

•Johannitius• -- der bedeutendste der medizinischen Uebersetzer

(vgl. S. 149), war Schüler des Jahja ben Masawaih, mit dem er jedoch

später zerfiel. Erfüllt von großer Wißbegierde, begab er sich zur

Vervollkommnung seiner sprachlichen und medizinischen Kenntnisse auf

Reisen (Mesopotamien, Persien, Griechenland), um sodann in Bagdad als

Arzt aufzutreten und Vorlesungen zu halten (letztere hatten solchen

Erfolg, daß selbst der alte Dschabril ben Bachtischua dieselben

besuchte). Der Kalif al-Mutawakkil ernannte Hunain, nachdem er seine

Ehrenhaftigkeit in einer harten Gewissensprobe erwiesen hatte, zum

Leibarzt und betraute ihn mit der Herstellung von Uebersetzungen,

auf welchem Gebiete er sich die größten Verdienste erwarb. Er starb

-- verdächtigt von religiösen Gegnern, deren Haß er sich wegen

seines Abscheus vor dem eingerissenen Bilderdienst zugezogen hatte

-- wahrscheinlich durch Selbstvergiftung. Hunain schrieb eine Menge

von Abhandlungen über Diätetik, Bäder, Puls, Harn, Arzneimittel,

Fieber, Dysurie, Steinkrankheit, Magenleiden, Epilepsie, Augenleiden,

Chirurgie, Anatomie u. a. Am meisten Verbreitung fand seine

Einführung in Galens Mikrotechne (vgl. Bd. I, S. 368), welche schon

früh ins Lateinische übersetzt wurde und an den mittelalterlichen

Universitäten des Abendlandes als eines der wichtigsten Lehrbücher

diente: ~Isagoge Johannitii ad Tegni Galeni~ (Venet. 1483, 1487,

Lips. 1490), Johannitii isagoge in artem parvam Galeni (Argentor.

1534). Die Schrift ist nach dem Muster der pseudogalenischen εἰσαγωγή

verfaßt und enthält eine ungemein spitzfindige Ausführung galenischer

Grundgedanken (so ist z. B. die Kräftelehre bedeutend erweitert und

spezifiziert). Hunains Werk über Augenheilkunde soll nach den neuesten

Forschungen in zwei mittelalterlichen lateinischen Uebertragungen

als liber de oculis translatus a Demetrio und als liber de oculis

Constantini Africani überliefert worden sein. -- Auch der Sohn Ischak

ben Hunain und der Neffe Hubeisch haben neben den Uebersetzungen

einzelne Originalarbeiten verfaßt.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 28 / 76 段