13. Jahrhundert manche anerkennenswerte Leistung in einzelnen
Zweigen (Arzneimittellehre, Augenheilkunde) zeitigte und erst
seit dem 14. Säkulum in totale Stagnation verfiel, entbehrt des
universalhistorischen Interesses. Daran ändert auch der Umstand nichts,
daß sie die große Vergangenheit noch Jahrhunderte hindurch überdauerte,
ja selbst in unseren Tagen über weite Länderstrecken[84] verbreitet
ist -- gleich der indischen und chinesischen Medizin bloß vom einstigen
Ruhme zehrend, erstarrt, versteinert, eine sieche Greisin.
[84] Persien, Indien, Türkei, Aegypten, Nordafrika.
Da das bisher bearbeitete handschriftliche Material im Verhältnis
zum Umfang der Originalliteratur noch ein sehr dürftiges ist,
und die Forschung -- wie es mehrmals geschehen -- manchen höchst
überraschenden Fund ans Licht bringen kann, so sind wir derzeit außer
stande, über die Leistungen der arabischen Medizin ~im einzelnen~ ein
abschließendes Urteil abzugeben. Wir kennen nur ihre ~Hauptrichtung~
und strenggenommen auch diese bloß insoweit, als sich dieselbe in
den Einwirkungen auf die abendländische Heilkunde -- auf dem Wege der
mittelalterlichen lateinischen Uebersetzungen -- offenbarte. Immerhin
wird damit ~das Fazit~ gezogen, ~welches der Gesamtentwicklung der
Heilkunde tatsächlich zu gute gekommen ist~.
Mit diesem Vorbehalt dürfen wir sagen, daß die Araber die
Hinterlassenschaft der antiken Medizin durch die Verbindung des
Galenismus mit orientalischen Elementen, durch den scharfsinnigen
Ausbau der Theorie, durch eine auf manchen Gebieten ganz erhebliche
Zufuhr des Erfahrungsmaterials eigenartig ausgestaltet, den
Zeitverhältnissen und Volkssitten angepaßt haben, daß es ihnen
aber an Selbständigkeit fehlte, an den überkommenen Leitprinzipien
fruchtbringende Kritik zu üben und etwas grundsätzlich Neues von
umwälzender Bedeutung zu schaffen. Im ganzen handelte es sich nur
um eine äußerst regsame Kleinarbeit nach gegebenen Mustern, um ein
teilweise recht intensives Fortschreiten in den längst bestehenden
Bahnen, nicht um ein wahrhaftes Aufstreben zu einer höheren
Entwicklungsstufe.
Als ursächliche Momente ließen sich im allgemeinen alle jene Umstände
anführen, welche auch auf andere Gebiete der geistigen Kultur schädlich
einwirkten, die übermäßige Verehrung der griechischen Ueberlieferung
im Sinne des Buchstabenglaubens, die Vorherrschaft der dialektischen
Methode, der konservative, autoritätsfrohe, nach dogmatischer Synthese
drängende Geisteszug des Orientalen u. a. -- speziell für die Medizin
ist aber die Wurzel des Uebels in dem ~Mangel der anatomischen
Untersuchung~ zu suchen. Damit war die wichtigste Quelle der Erkenntnis
verstopft, die Hauptader rationeller Kritik unterbunden, schon von
vornherein jeder Ausweg versperrt, der ~galenischen Physiologie und
Pathologie~ jemals entrinnen zu können, und gerade, je intensiver der
Kausaltrieb sich entfaltete, desto tiefer mußte er in den Irrgarten der
Spekulation geraten, in das Gehege der ~Teleologie~, des ~Dynamismus~,
der ~Elementarqualitätenlehre~, der ~Humoralpathologie~.
Die ~Anatomie~ der Araber folgt nahezu sklavisch den Lehrmeinungen
des Aristoteles und Galen. Abgesehen von der Autorität der
griechischen Meister, war hier die selbständige Nachprüfung
fast gänzlich gehemmt, weil die Glaubenslehre die Vornahme
von Leichenzergliederungen verpönte -- vereinzelt unternommene
Tiersektionen (z. B. von Rhazes) oder gelegentliche Untersuchungen von
menschlichen Knochen (Avenzoar, Abd el Letif)[85], boten nur einen
sehr schwachen Ersatz, vermochten höchstens einige der galenischen
Doktrinen zu erschüttern oder zu berichtigen. Damit soll aber
keineswegs gesagt werden, daß die arabischen Aerzte den Wert der
Anatomie verkannten, im Gegenteil, alle hervorragenden Autoren machten
mehr oder minder ausführliche anatomische Erörterungen, verknüpft
mit teleologischen Spekulationen, zur Grundlage der Krankheitslehre.
So sind z. B. in dem Handbuch der Medizin des Rhazes 26, in dem des
Ali Abbas 37, in dem des Averroës 37, in dem Kanon des Avicenna 95
Kapitel der Anatomie gewidmet. Ueberdies gibt es in der arabischen
Literatur zahlreiche Spezialschriften anatomischen Inhalts (z. B. über
die Anatomie einzelner Organe)[86]. Sehr bemerkenswert ist es, daß
manche Handschriften mit ~anatomischen Abbildungen~ (z. B. Kreuzung
der Sehnerven) geschmückt sind[87].
[85] Abd el Letif (1162-1231) berichtigte auf Grund zahlreicher
Untersuchungen an menschlichen Schädeln den Irrtum Galens, daß
der Unterkiefer aus zwei getrennten Teilen zusammengesetzt sei,
auch lehrte er, daß das Kreuzbein in der Regel nicht aus sechs,
sondern in der Regel nur aus einem Knochen bestehe.
[86] Als Verfasser von Schriften anatomischen Inhalts wären z. B.
Jahja ben Masawaih, Thabit ben Kurra, Rhazes hervorzuheben.
[87] Z. B. die Handschrift des Morched ═ Direktor des Muhammed
el-Gafiki enthält nicht nur Abbildungen von Instrumenten,
sondern auch Darstellungen des Faserverlaufs der Arterienhäute,
der Schädelnähte und des Chiasma opticum, ebenso finden sich in
augenärztlichen Schriften schematische anatomische Abbildungen.
Unter solchen Umständen verharrte auch die Physiologie in den alten
ausgefahrenen Bahnen. Höchstens auf einzelnen Gebieten (z. B. in
der Sinnesphysiologie) wurden Fortschritte gemacht, im großen ganzen
herrschte die bis ad absurdum getriebene teleologische Spekulation
vor. Die Methode des Experiments, welches in der Physik und Chemie
schöne Resultate zu Tage förderte, kam in der Physiologie nicht zur
Anwendung. Daß die allgemeine Pathologie keine Fortschritte, über den
Galenismus hinaus, machen konnte, bedarf keiner näheren Begründung,
sie wurde wie ein Zweig der Philosophie spekulativ mit allen Finessen
der Dialektik bearbeitet.
In Anlehnung an den Galenismus und nach dem Vorbilde der
alexandrinisch-syrischen Schulen wurden aber nicht allein die
theoretischen, sondern auch die praktischen Fächer unter die
Vormundschaft der ~Spekulation~ gebracht, wobei man allen Scharfsinn
darauf verwandte, die Vorgänger durch minutiöse Pedanterie und
dialektisches Raffinement zu übertreffen. So wuchs die, hauptsächlich
auf eine ~äußerst spitzfindige Pulslehre~ und ~komplizierte Harnschau~
gegründete, Semiotik zu einem ganzen Systeme aus, welches anscheinend
eine exakte Diagnostik und Prognostik[88] verbürgte; ebenso erhielt
die Therapie durch ~anatomisch-physiologische Fiktionen~[89] und durch
die, bis in feine Details ausgesponnene, ~Elementarqualitätenlehre~[90]
scheinbar die Gewähr, die Behandlung jedes Einzelfalles nach
unverrückbaren Grundsätzen, mit fast mathematischer Sicherheit
formulieren zu können. Bei dem großen Ansehen, in welchem die
~Astrologie~ bei den Arabern stand, kann es nicht wundernehmen, daß
auch diese Pseudowissenschaft in die Medizin hineinspielte[91].
[88] Die Araber standen auch bei den Byzantinern als Prognostiker
in hohem Ansehen.
[89] Vgl. das S. 166 über den Aderlaß Gesagte.
[90] Gemäß der Elementarqualitätenlehre erfolgte (nach dem
Grundsatze Contraria contrariis) die Wahl der Mittel und in
zusammengesetzten Arzneien die Bestimmung der Dosis jedes
einzelnen Bestandteils.
[91] Ein im abendländischen Mittelalter geschätztes Werk, welches
diesen Gegenstand betrifft, rührt von dem berühmten jüdischen
Gelehrten Abraham ben Meïr ibn Esra (Avenares, Avenerzel) aus
Toledo (um 1150) her und zeigt, wie kompliziert sich allmählich
das astrologische System in seiner Einwirkung auf die Medizin
gestaltete (lat. unter dem Titel de diebus criticis, Lugd. 1496
u. ö.). -- Von einzelnen überlegenen Denkern wurde freilich
die Berechtigung der Astrologie energisch bestritten (z. B.
Avicenna, Avenzoar, Averroës).
Die hie und da erwachende Skepsis war viel zu schwach, das übernommene
und weitausgebaute medizinische Lehrsystem zu erschüttern oder gar
etwas Besseres an seine Stelle zu setzen[92]; glücklicherweise wirkten
aber mehrere Umstände zusammen, die es gestatteten, daß auch innerhalb
der starren theoretischen Schranken doch auf einigen Gebieten die wahre
Beobachtung und der, auf reale Erfahrung gerichtete, Sammelfleiß zur
Geltung kommen konnten, daß auch jenen Forschern, welche in der Medizin
etwas anderes als ein bloßes Anhängsel der formalen Philosophie,
etwas anderes als einen Spielball geistreicher Begriffskonstruktionen
erblickten, noch eine Wirkungsstätte übrig blieb. In dieser Hinsicht
ist in erster Linie auf die großartige Institution der ~Spitäler~ zu
verweisen, welche von den Arabern, neben ihrem humanen Zwecke, auch
in ganz hervorragender Weise für die ärztliche Forschung und den
Unterricht ausgenützt worden sind[93].
[92] Die gleiche Erscheinung läßt sich, trotz mancher Anläufe
zur scharfen Kritik, im Verhalten zum Ptolemäischen Systeme
beobachten.
[93] Vgl. hierzu die byzantinischen Zustände S. 103.
Das Spitalwesen (vgl. S. 145) bildet wahrhaft einen Glanzpunkt in
der arabischen Kultur und zeugt von dem humanen Sinn der Fürsten
und Großen des islamischen Reiches. Stiftungen und Vermächtnisse
ermöglichten im Laufe der Zeit die Gründung und (oft luxuriöse)
Einrichtung von Krankenhäusern in zahlreichen Städten, worüber
namentlich Reisebeschreibungen und geschichtliche Werke mehr oder
minder eingehende Kunde bringen. So hören wir von Krankenhäusern,
welche in Bagdad, Damaskus, Antiochia, Jerusalem, Mekka, Medina,
Mosul, Hama, Harran, Aleppo, in Merw, Raj, Ispahan, Schiras, in
Alexandria, Kairo, Fez, Algesiras, Cordoba und an anderen Orten
bestanden. Als Vorbild diente den ältesten arabischen Spitälern das
Krankenhaus in Dschondisabur (vgl. S. 141), worauf schon die aus dem
Persischen entnommene Bezeichnung el Mâristân hindeutet.
In ~Bagdad~ existierte schon im 9. Jahrhundert ein Krankenhaus,
woran sich nach und nach mehrere andere, mit größeren Mitteln
ausgestattete Spitäler reihten, so z. B. das im Jahre 914 von dem
menschenfreundlichen Vezier Ali ben Issa errichtete. Das größte
war jenes, welches der Bujide Adhad Addaula 977 stiftete. Hier
überwachten 24 Aerzte (darunter Spezialisten) die Kranken, welche je
nach dem Leiden in besonderen Abteilungen (für innere, chirurgische
und Augenleiden) untergebracht waren; für die Zubereitung der
Speisen sorgte das Pflegepersonal, die Verwaltung leitete ein
Oekonom, der unter einem hohen Beamten (z. B. ein Kadi) stand. Ueber
merkwürdige Fälle wurden (wie auch sonst in den arabischen Spitälern)
Krankengeschichten geführt. Dieses Krankenhaus existierte jedenfalls
noch im 13. Jahrhundert.
In ~Damaskus~ gab es ebenfalls mehrere Spitäler, das größte
von diesen (angeblich erst von ~Nurredin~ errichtet) besaß
Spezialabteilungen und zeichnete sich durch eine so gute Verpflegung
aus, daß mancher sich krank stellte, um nur dort bleiben zu dürfen;
es diente auch als Lehranstalt und enthielt eine reichhaltige
medizinische Bibliothek.
Am besten sind wir über die Spitäler Aegyptens unterrichtet. Das
erste wurde schon 875 von Ibn Tulun mit reichen Mitteln gestiftet
und erfreute sich einer vortrefflichen Einrichtung (Bäder, gute
Verpflegung, eigene Irrenabteilung), weiterhin hören wir von
Krankenhäusern in ~Misr~ (957 errichtet), in ~Fostat~ (eines
existierte schon im 10. Jahrhundert, ein anderes entstand unter
Saladin) u. a. Das größte und am besten eingerichtete war später, wie
gleich hier bemerkt sein soll, das Mansurische Hospital zu ~Kairo~,
welches durch den Machtspruch des al-Mansur Gilâvûn 1283 mit einem
ungeheuren Kostenaufwand zu stande kam und aus den zugewiesenen
Landgütern die reichsten Einnahmen bezog; mit der Krankenanstalt wurde
eine Moschee, eine Hochschule, eine Bibliothek und ein Waisenhaus
verbunden. In der Beschreibung Makrizis (vgl. Wüstenfeld in Janus I,
1846) heißt es unter anderem: „Als der Bau vollendet war ... ließ
al-Mansur einen Becher mit Wein aus dem Hospitale bringen, trank
daraus und sprach: ‚Dieses habe ich gestiftet für meines Gleichen und
Geringere, ich habe es bestimmt für den Herrscher und den Diener, den
Soldaten und den Emir, den Großen und den Kleinen, den Freien und
den Sklaven, Männer und Frauen.ʻ Er bestimmte die Medikamente, die
Aerzte und alles übrige, was jemand darin in irgend einer Krankheit
nötig haben konnte; stellte männliche und weibliche Bettmacher an
zur Bedienung der Kranken und bestimmte ihre Gehalte, er richtete die
Betten für die Kranken ein und versah sie mit allen Arten von Decken,
die in irgend einer Krankheit nötig waren. Jede Klasse von Kranken
bekam einen besonderen Raum: Die vier Säle des Hospitals bestimmte er
für die an Fiebern und dergleichen Leidenden, einen Hof sonderte er
für die Augenkranken, einen für die Verwundeten, einen für die, welche
an Durchfall litten und einen für die Frauen ab; ein Zimmer für die
Rekonvaleszenten teilte er in zwei Teile, den einen für Männer und
den anderen für Frauen. In alle diese Stellen ist das Wasser geleitet.
Ein besonderes Zimmer war für das Kochen der Speisen, Medikamente und
Sirupe, ein anderes für das Mischen der Konfekte, Balsame, Augensalben
u. dgl.; an verschiedenen Orten wurden die Vorräte aufbewahrt, in
einem Zimmer waren die Sirupe und Medikamente, allein in einem Zimmer
hatte der Oberarzt seinen Sitz, um medizinische Vorlesungen zu halten.
Die Zahl der Kranken war nicht begrenzt, sondern jeder Bedürftige
und Arme, welcher dahin kam, fand darin Aufnahme; ebensowenig war
die Zeit des Aufenthalts eines Kranken darin bestimmt, und es wurde
daraus sogar denjenigen, welche zu Hause krank lagen, alles, was sie
nötig hatten, verabreicht.” In der Folgezeit erfuhr dieses Hospital
noch manche bauliche Verbesserung und Erweiterung. Die Verpflegung
war eine vortreffliche, mit den Mitteln für die Kuren wurde nicht
gespart, und beim Verlassen der Anstalt erhielt jeder Pflegling eine
Unterstützung, damit er nicht sofort schwere Arbeit zu verrichten
brauchte. -- Das im Jahr 1420 eröffnete Muajjidische Spital in Kairo
diente nur kurze Zeit als Heilanstalt.
Es gab bei den Arabern in Bagdad, Damaskus, Kairo ~eigene
Augenkliniken~ und ~Irrenanstalten~. Bezüglich letzterer sei rühmend
hervorgehoben, daß die ~Geisteskranken~ in den Ländern des Islam
sorgfältige, liebevolle Pflege fanden und nicht, wie solange in der
abendländischen Welt, nach Art der Verbrecher behandelt wurden.
In den gut eingerichteten und unter rein ärztlicher Leitung stehenden
Spitälern ergab sich am ehesten die Gelegenheit, die nosologischen und
therapeutischen Kenntnisse zu mehren. Daß man diese Gelegenheit nicht
ungenützt ließ, beweist der wiederholte Hinweis auf die ~Register,
welche in den Krankenanstalten über interessante Beobachtungen
geführt wurden~. Wenn auch die neuen klinischen Ergebnisse zur Zahl
der ärztlichen Schriftsteller und Spitäler in einem Mißverhältnis
zu stehen scheinen, so dürften doch die ~Fortschritte~, welche die
Araber ~in einigen Zweigen der speziellen Pathologie und Therapie~
über die griechische Ueberlieferung hinaus unleugbar gemacht haben, zu
nicht geringem Teile den Erfahrungen in den Krankenhäusern zu danken
sein. Am meisten gewann die Symptomatologie der ~Haut-, Nerven- und
männlichen Geschlechtsleiden~, die ~Epidemiologie~ und namentlich
die ~Augenheilkunde~. Uebel stand es dagegen um die ~Chirurgie~,
welche einerseits infolge der mangelhaften anatomischen Grundlagen,
anderseits durch ethische Bedenken des höheren Aerztestandes und durch
das Volksempfinden am Aufschwung gehemmt war; die aus zwiefacher
Ursache entspringende Scheu vor blutigen Eingriffen erzeugte eine
verhängnisvolle ~Bevorzugung des Glüheisens oder medikamentöser
Aetzmittel~ gegenüber dem Messer. Noch trauriger war es um die
~Geburtshilfe~ bestellt.
Bezüglich der Leistungen im einzelnen vgl. die unten in der
literarhistorischen Uebersicht bei den Hauptautoren gemachten Angaben,
über die Chirurgie, Zahn- und Ohrenheilkunde besonders Abulkasim.
Die intensive Pflege der ~Augenheilkunde~[94] äußert sich in
einer erstaunlich umfangreichen Literatur. Abgesehen von den sehr
eingehenden Darstellungen in den Werken allgemein ärztlichen
Inhalts[95] wurden (etwa 30) eigene Lehr- oder Handbücher der
Augenheilkunde und zahlreiche Sonderschriften verfaßt. Die
wertvollsten Lehrbücher -- es haben sich 13 erhalten -- rühren
von ~Ali ben Isa~, ~'Ammar ben Ali al-Mausili~ (beide aus dem
11. Jahrhundert), ~Chalifa~ und ~Salah ad-din~ (beide aus dem 13.
Jahrhundert) her; vgl. „Die arabischen Augenärzte”, nach den Quellen
bearbeitet von J. Hirschberg, J. Lippert und E. Mittwoch, Leipzig 1904
u. 1905, 2 Bände. Wiewohl im wesentlichen auf griechischen Vorlagen
und manchen indischen Zusätzen beruhend, zeichnen sich die arabischen
Schriften über Augenheilkunde doch durch größere Vollständigkeit
und weit bessere Anordnung des Stoffes, namentlich durch eine
bedeutend genauere Schilderungsweise der Operationsmethoden aus. Die
arabische Operationsmethode geht in vielen namentlich praktischen
Einzelheiten weit über die griechischen Ueberlieferungen hinaus. Die
Bereicherungen betreffen die Kenntnis von vorher nicht beschriebenen
Affektionen[96], die Untersuchungsweise und namentlich die Therapie.
Besonders wäre hervorzuheben: Die Beschreibung und Behandlung des
~Pannus~ (Abtragung eines breiten Streifens der Augapfelbindehaut
rings um die Hornhaut), die Therapie des ~Trachoms~ (Abschaben), die
Vervollständigung der Theorie über die ~Leiden der tieferen Teile
des Auges~ (Affektionen des Glaskörpers, der Netzhaut, der Aderhaut,
des Sehnerven), die Beschreibung der ~tierischen Schmarotzer des
Auges~ (~Lidläuse~ [Therapie: ~Quecksilbersalbe~], ~Fadenwurm~,
~Fliegenlarvenkrankheit~), der ~Augenkrankheiten der Kinder~; die
Verwertung der ~Pupillenreaktion auf Lichteinfall für die Prognostik
des Stars~, die ~Vermehrung des augenärztlichen Heilschatzes[97]~
(z. B. Kampfer, Moschus, Ambra, Muskatnuß), und ~Verbesserung der
Verschreibungsweise~, die minutiöse Sorgfalt, welche der Vorbereitung
und Ausführung der Staroperation[98] (Depressionsmethode), sowie
der Nachbehandlung zugewendet wurde, endlich die (allerdings später
wieder vergessene) ~Radikaloperation des Stars durch Aussaugen~
(Hornhautschnitt oder -stich und Einführung einer gläsernen Röhre;
Lederhautstich, Einführung einer ~metallischen Hohlnadel~)[99]
bei weichem oder halbweichem Star. Möglicherweise wurde hie und
da auch wundärztliche Betäubung (Mandragora) vorgenommen. Das
augenärztliche Instrumentarium war ein reiches, wie aus den 36 (in der
Handschrift erhaltenen) Abbildungen der Augenheilkunde des Chalifa
hervorgeht (vgl. hierzu S. 198 ff. der vorzüglichen „Geschichte der
Augenheilkunde bei den Arabern” von J. Hirschberg, Leipzig 1905, in
Graefe-Saemisch Handbuch der gesamten Augenheilkunde).
[94] Die Augenheilkunde wurde zum großen Teile von wissenschaftlich
gebildeten Spezialisten betrieben. In Bagdad, Damaskus, Kairo
gab es eigene Augenabteilungen in den Krankenhäusern, ja sogar
eigene Augenkliniken.
[95] So bei Rhazes, Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna, Avenzoar,
Averroës u. a.
[96] Bei Ali ben Isa sind 130 Augenkrankheiten beschrieben, bei
einem Autor des 14. Jahrhunderts sogar 153.
[97] Ali ben Isa nennt 143 einfache Arzneimittel.
[98] Operiert wurde (nach dem Vorbild der Griechen) in der Regel mit
dem Lederhautstich schläfenwärts (etwa 4 mm vom Hornhautrande
entfernt); als Vorakt diente (um ein sanfteres Eindringen der
Starnadel zu bewirken) eventuell ein Einschnitt in die Bindehaut
(indisches Verfahren).
[99] Das Verfahren des Aussaugens mittels der Röhre stammte aus dem
Irak, die Anwendung einer Hohlnadel wurde wahrscheinlich zuerst
von 'Ammar ersonnen.
Die ~Chirurgie~ fand bei den Arabern keineswegs die gebührende
Pflege, da sich die Mehrzahl der höher gebildeten Aerzte von ihr
fernhielt und im Volke aus fatalistischen Gründen eine tiefe Abneigung
gegen blutige Eingriffe wurzelte; die Ausführung mancher Operationen
scheiterte übrigens schon an der übertriebenen Schamhaftigkeit
der Orientalen (vgl. S. 186). ~Abulkasim~, der bedeutendste
chirurgische Autor, beklagt in der Einleitung zu seinem Spezialwerke
die mangelhaften anatomischen Kenntnisse seiner Zeitgenossen und
illustriert den Tiefstand der Chirurgie durch die Mitteilung einer
Reihe schwerster Kunstfehler, die von unwissenden Wundärzten begangen
wurden[100]. Von selbständigen Beobachtungen in der chirurgischen
Pathologie oder Neuerungen in der Technik zeigen sich nur ganz wenig
Spuren; das meiste, was die Literatur bietet, ist den Griechen,
namentlich Paulos von Aigina, entlehnt. Die operative Tätigkeit
beschränkte sich auf eine geringe Zahl von Operationen und namentlich
solche, bei denen der Blutverlust gering und die Blutstillung leicht
war. ~Die Pyrotechnik spielte die Hauptrolle.~
[100] Die Operationskunst, sagt er, ist bei uns verschwunden, fast
ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Nur in den Schriften
der Alten findet man noch einige Hinweise darauf, aber auch
sie sind durch schlechte Uebersetzungen, durch Irrtümer und
Verwechslungen nahezu unverständlich und unbrauchbar geworden.
Die ~Geburtshilfe~ fiel gänzlich den Hebammen zu, diese vollzogen
auch in pathologischen Fällen die operativen Eingriffe; die Aerzte
standen zu dem Fache fast nur in einem theoretischen Verhältnisse.
Bemerkenswerterweise bezogen aber nicht nur die Werke allgemein
ärztlichen Inhalts (Rhazes, Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna) den
Gegenstand in ihre Darstellung ein, sondern es erschienen auch
Spezialschriften über Geburtshilfe (so verfaßte z. B. Arib ben Said
aus Cordoba im 10. Jahrhundert eine solche). Die Kenntnisse der
Araber in der Geburtshilfe stützten sich zum größten Teile auf Paulos
Aiginetes[101] und ließen manches Wichtige unberücksichtigt, was
ältere griechische Autoren enthielten. Der Dammschutz ist vergessen,
die Wendung auf die Füße ist unbekannt. Die Lehre von der Dystokie
steht unverrückt auf dem alten Standpunkt, nur daß auch der schmalen
Hüften, aber ohne Bezugnahme auf die Räumlichkeit des Beckens, gedacht
wird. Als normal gilt nur die Kopflage; alle geburtshilflichen
Maßnahmen wurden von dem Bestreben geleitet, alle anderen Lagen
-- selbst die vollkommene Fußlage -- in Kopflagen zu verwandeln;
die hierzu nötigen Eingriffe sind nur mangelhaft beschrieben. Neu
ist die ~Anwendung von Schlingen zur Extraktion des toten Kindes~.
Zerstückelungsoperationen wurden sehr häufig (auch bei lebendem
Kinde) vorgenommen. Unter den ~geburtshilflichen Instrumenten~ --
wovon ~Abbildungen~ bei Abulkasim erhalten sind -- finden sich neben
Dilatatorien (auch mit Schraubenwirkung), Haken etc. ~auch Zangen
mit gekreuzten Armen~ (darunter solche mit Kopfkrümmung). Daß die
Araber Zangen zur Extraktion des lebenden Kindes gebrauchten, läßt
sich nicht bestimmt erweisen.
[101] Von den Arabern „Alkawabeli” genannt, d. h. der Geburtshelfer
(κατ' ἐξοχὴν).
Wahrhaft selbständig zeigte sich die arabische Medizin auf dem Gebiete
der ~Diätetik~ und ~Arzneimittellehre~; hier erntete die Schaffenskraft
reiche Erfolge und brachte Leistungen hervor, welche die Nachwelt
anerkennen muß.