Um sich dem Banne, der von Avicenna ausging, entziehen zu können, dazu

hätte die unbefangene klinische Beobachtung, wie sie durch Rhazes

in so großzügiger Weise inauguriert worden war, einen Ausweg bieten

können, aber das Gift, das benebelnd vom Kanon ausströmte, erweckte

eine heute kaum mehr begreifliche Zuversicht zum Falschen und gewöhnte

die überwiegende Mehrzahl der Aerzte, die Erscheinungen am Krankenbette

nur durch die Brille vorgefaßter Theorien zu betrachten, nicht die

Natur zu befragen, sondern Willkürkonstruktionen in sie hineinzutragen.

Voreilig aber wäre es, Avicenna kurzwegs mit seinen Nachbetern

zusammenzuwerfen, denn der Kanon ergibt, auf seinen tatsächlichen

Inhalt geprüft, manche Beweise von guter Beobachtung, er enthält

treffliche Krankheitsbeschreibungen (namentlich der Haut-, Nerven-,

Geistes- und Geschlechtsleiden), ausgezeichnete diätetische und bei

allem Uebermaß sorgsam abwägende therapeutische Maßnahmen. Rühmenswert

ist auch die Abneigung gegen die Astrologie. Und wenn auch dies alles

kaum an die Leistungen des Ali Abbas, geschweige an die klinische

Meisterschaft des Rhazes hinanreicht, so dürfen wir doch nicht außer

acht lassen, daß diejenige Schrift, welche den wahren Maßstab für

Avicenna als Praktiker geben würde, nicht auf die Nachwelt gekommen

ist -- seine als Anhang zum System bestimmten eigenen Beobachtungen.

Der gewaltige Einfluß, den Avicenna auf die Weiterentwicklung der

Medizin ausgeübt hat, bestand aber unleugbar darin, daß fortan in

den arabischen Schulen, wenigstens des Ostens, ~jene Richtung~

triumphierte, ~welche dem Einzelgeschehen nur so weit Interesse

zuwandte, insofern es aus den herkömmlichen allgemeinen Prinzipien

ableitbar erschien, hingegen die Beobachtung der konkreten

Erscheinungen an sich, vernachlässigte~.

Ganz dasselbe macht sich in der arabischen Philosophie des Ostens

nach ~Farabi~ und ~Avicenna~ bemerkbar; die in Rhazes und den

„lauteren Brüdern” gipfelnde Naturphilosophie mußte allmählich der

streng logischen Richtung weichen, welche in abstrakten Distinktionen

und Wortspielereien das Um und Auf erblickte. Nach Avicenna

wagte niemand mehr mit selbständigen philosophischen Anschauungen

hervorzutreten, es kam die Zeit der Kommentare und Kompendien, der

Glossen und Superglossen.

Aber noch mehr, ~der Kanon zog nicht nur von der unbefangenen

klinischen Beobachtung und eigenen Untersuchung ab, sondern auch

vom Studium der antiken Literatur~, schien er doch, als höchste

wissenschaftliche Konzentration, dasselbe nunmehr völlig überflüssig

gemacht zu haben. Und so wurde es denn für die Besten in der Folgezeit

zur Losung, ~Avicenna zu kommentieren, zu kompilieren~, ihn, der selbst

im Grunde seines Wesens, trotz allen täuschenden Schimmers, nichts

anderes gewesen, als ein geistvoller ~Kommentator~, ein vielgewandter

~Kompilator~!

Im Orient kam es über Avicenna hinaus zu keinem Fortschritt im großen,

wohl aber traten noch im 11. Jahrhundert und später manche treffliche

Bearbeiter einzelner Spezialgebiete auf.

Diese Erscheinung entspricht in gewisser Hinsicht der

glänzenden Vertretung, welche gerade um diese Zeit die

mathematisch-physikalischen Spezialzweige (~Ibn al-Haitam~, vgl. S.

158) und die beschreibende Naturwissenschaft (~al-Biruni~, jüngerer

Zeitgenosse Avicennas, vgl. S. 159) fanden[67].

[67] ~Biruni~ (973-1048), ein eminenter Polyhistor und

positivistischer Philosoph, beschäftigte sich mit Mathematik,

Astronomie, Länder- und Völkerkunde, Geschichte und Medizin. Er

soll lange Zeit in Indien gelebt und daselbst wissenschaftliche

Studien gemacht haben. In einem allgemein naturgeschichtlichen

und in einem (noch erhaltenen) Werke über die Steine, besprach

er auch Medizinisches.

Von größerer Bedeutung wurden namentlich die augenärztlichen Schriften

des ~Ali ben Isa~ (•Jesu Haly•) und ~'Ammar ben Ali al-Mausili~, die

synoptischen Tabellenwerke des •Ibn Botlan• (über Diätetik) und des

•Ibn Dschezla• (über ~Nosologie und Therapie~), der Kommentar des ~Ali

ben Ridhwan~ (•Ali Rodoam•) zu Galens ars parva, die Arzneimittellehre

(Liber de medicamentis simplicibus) des •Serapion• (d. ~Jüngern~).

Zweifelhaft ist es, ob die pharmakologisch-pharmazeutischen Werke des

•„Mesue”• (d. ~Jüngeren~) der arabischen Literatur zugerechnet werden

dürfen; sie sind bloß lateinisch erhalten, und man vermutet, daß sich

unter dem Namen „Mesue” ein lateinisch schreibender Autor des 11. oder

12. Jahrhunderts verbirgt, welcher seinen Schriften leichter Eingang

verschaffen wollte. Immerhin tragen sie das Gepräge der arabischen

Epoche und vermittelten -- insbesondere das ~Antidotarium s. Grabadin~

-- arabische Arzneimittelkenntnis und Apothekerkunst dem Abendlande.

Den Ausgaben der Opera Mesuës ist gewöhnlich als Anhang (in

lat. Uebersetzung) ein Abschnitt aus dem Werke des ~Ibn Wafid~

(•Abenguefit•) ~über die einfachen Arzneimittel~ beigefügt; dieser

hervorragende Toledaner Arzt repräsentiert die mehr dem Tatsächlichen

zustrebende medizinische Richtung des islamischen Westens in

mustergültiger Weise.

~Im 12. Jahrhundert~ -- im Zeitalter der Kreuzzüge und der

Seldschukenherrschaft -- beginnt die arabische Medizin im Osten

von ihrer Höhe herabzusinken, wenn auch die literarische Produktion

fortdauernd eine reiche und vielseitige bleibt. Zwar bestanden die

alten Zentren (Bagdad, Damaskus, Kairo, Bochara, Samarkand u. a.)

noch fort, zwar wurden der ärztlichen Wissenschaft noch immer durch

Gründung von Spitälern, Bibliotheken und Schulen kräftige Impulse

gegeben, aber abgesehen von manchen gut gepflegten Spezialzweigen,

war tote Gelehrsamkeit an die Stelle ursprünglicher Schaffenskraft,

Routine an die Stelle klinischer Erfahrung getreten. Bemerkenswert

ist es, daß unter dem Einfluß fürstlicher Gunst (des Nureddin und des

Saladin) die medizinischen Schulen von ~Damaskus~ und ~Kairo~ immer

mehr den Vorrang gewannen, ferner, daß so wie in der Frühepoche der

arabischen Kultur, auch jetzt wieder vorwiegend Christen und Juden den

Ruf hervorragender ärztlicher Schriftsteller und Praktiker erlangten.

Weit regsamer und mit einer unverkennbar, vom Orient abstechenden,

Eigenart entfaltete sich während des 12. Jahrhunderts die arabische

Heilkunde im maurischen ~Spanien~, wo trotz der Ungunst politischer

Verhältnisse (Almorawiden- und Almohadenherrschaft) viele Keime,

welche die Vergangenheit ausgestreut hatte, zur Entwicklung kamen.

Wie die Meditationen der muslimischen Philosophen des Westens bereits

das erste Wehen jenes freien Geistes ankündigen, der späterhin auf

Sturmesfittichen das Abendland durchbrausen sollte[68], so verrät

auch die spanisch-arabische Medizin, wenigstens wie sie sich unter den

Händen ihrer besten Vertreter gestaltete, eine gewisse Annäherung an

die naturwissenschaftliche Forschung, eine merkwürdige Hinneigung zur

nüchternen Beobachtung am Krankenbette, mit gleichzeitig skeptischer

Ablehnung unbewiesener Traditionen.

[68] Im maurischen Spanien entfaltete sich die Philosophie

verhältnismäßig recht spät, lange nachdem schon Mathematik,

Naturwissenschaften, Medizin, Geographie und Geschichte eifrig

betrieben worden waren. Da im Westen die mannigfachen alten

Kulturschichten und Parteiungen mit ihren Divergenzen fehlten,

so bedurfte es, nicht wie im Oriente, der vielfach abgestuften

philosophischen Vermittlungsversuche zwischen Glauben und

Wissen, und ungestört von der Dialektik konnte die Orthodoxie

das Zepter führen. Gerade aber unter diesen einfacheren

Verhältnissen mußte sich bei einzelnen überlegenen Denkern der

Gegensatz zur gläubigen Masse viel schroffer entwickeln als

anderswo. So wird es auch verständlich, daß eben in der Zeit

des höchsten Geistesdruckes, im Zeitalter der Almorawiden und

Almohaden, wenn auch im Verborgenen und von wenigen kühnen

Anhängern getragen, jene Strömung aufkam, welche schließlich

in den, im Sinne der Theologie, irreligiösen ~Averroismus~

einmündete.

Den Spuren Dscholdschols und Ibn Wafids folgte in diesem Zeitraum

mit besonderem Erfolge al-Gafiki, welcher die Heilmittellehre durch

vorzügliche, über die Kenntnisse der Alten hinausgehende, botanische

Beschreibungen wesentlich förderte, die klinische Meisterschaft

verkörperte sich in der Familie ~Ibn Zohr~, welche vom 11. bis zum

13. Jahrhundert bedeutende Aerzte hervorbrachte, unter ihnen den

glänzendsten Vertreter spanisch-arabischer Heilkunst, ~Abu Merwan Ibn

Zohr~ (•Avenzoar•).

~Avenzoar~ wurde in der Nähe von Sevilla geboren und stammte aus

einer sehr angesehenen, im Beginn des 10. Jahrhunderts nach Spanien

eingewanderten Familie, welche Staatsmänner, Juristen und Mediziner

zu ihren Mitgliedern zählte. Bedeutenden Ruf als Aerzte erlangten

schon Avenzoars Großvater und Vater; von letzterem wird unter anderem

berichtet, daß er Avicennas Kanon mißachtete und von seinem Exemplar

dieses Werkes den unbeschriebenen Rand zum Rezeptschreiben benützte.

Ausgezeichnet veranlagt und sorgfältig herangebildet, entwickelte

sich Avenzoar bald zu einem vortrefflichen Praktiker und kam zu

großem Ansehen. Er stand in fürstlichen Diensten[69] und wurde mit

Ehren (Vezierat) und Geschenken überhäuft. Avenzoar starb hochbetagt

im Jahre 1162 und wurde vor dem Siegestor von Sevilla begraben. Ein

Umstand nimmt schon von vornherein günstig für Avenzoar ein. Er, der

unter dem Einflusse alter Familientraditionen mit medizinischem Geiste

durchsättigt und erst nach vieljähriger gründlichster Ausbildung die

Praxis aufnahm, widmete alle seine reichen Fähigkeiten ausschließlich

der Heilkunde, wollte mit Verzichtleistung auf enzyklopädische

Vielwisserei und Vielschreiberei einzig allein -- ~Arzt~ sein, indem

er dabei die höchsten Anforderungen an sich stellte.

[69] Ein Beispiel seiner aristokratischen Behandlungsweise ist

folgendes. Als der Emir Abd-al-Mumin Purgiermittel nehmen

wollte, ließ Avenzoar einen Weinstock mit Purgierwässern

begießen; von der reif gewordenen Rebe genoß der Fürst, wonach

die erwünschte Wirkung eintrat.

~Avenzoar~, der mit den drei großen Persoarabern in einem Atemzuge

genannt wird, steht dem Bedeutendsten unter ihnen, dem Kliniker

Rhazes, am nächsten. Wie dieser erblickt er nicht in der dialektischen

Bearbeitungsweise und in Theoremen, sondern in der sorgfältigen

~Krankheitsbeobachtung~ die Quelle des Fortschritts ärztlicher

Wissenschaft, ja er bildet unter den medizinischen Autoren der

arabischen Epoche geradezu eine Ausnahmserscheinung durch die

überraschende Freimütigkeit und Entschiedenheit, mit welcher er sich

gegen die ärztliche Sophistik, den Doktrinarismus und Autoritätsglauben

wendet. Aus seinen Schriften, namentlich dem an interessanten

~Krankheitsgeschichten~ so reichen Hauptwerke, ~al-Teïsir~

(Erleichterung betreffs der Heilmittel), tritt ~der Arzt κατ' ἐξοχὴν~

hervor, der, erfüllt von gesundem Realismus, die gleißenden Flitter

der Philosophasterei verschmähend[70], in der rationellen Praxis

Genügen findet, der trotz aller Verehrung für die Vorgänger keinen

höheren Meister anerkennt als die ~eigene Beobachtung~ und das aus

~selbständiger Erfahrung~ geschöpfte Urteil. ~Der Inhalt des Teïsir

bedeutet eine ganz erhebliche Vermehrung der nosologischen Kenntnisse~

(z. B. über Mediastinitis, Perikarditis, Pharynxlähmung, intestinale

Phthisis, Krätze u. a.), wobei die nüchterne Schilderung des

tatsächlichen Befundes, die getreue Beschreibung der Symptomenkomplexe,

die Vermeidung jedweden Schematismus sympathisch berührt; aus

manchen Angaben Avenzoars leuchtet sogar anatomisches Denken hervor,

welches freilich hinsichtlich interner Affektionen vorwiegend auf

hypothetischer Konstruktion, hingegen in der chirurgischen Kasuistik

auf Anschauung (Studien an Knochenpräparaten[71] etc.) beruhte.

Bemerkenswerterweise spricht er über die Indikationsstellung und

Technik mancher chirurgischer Eingriffe mit einer Gründlichkeit und

Sicherheit, welche nur durch praktische Erfahrung erworben werden

kann, ebenso lassen seine therapeutischen Vorschriften auf gute

Kenntnisse in der Arzneibereitung schließen[72]. Aus den Zeitumständen

erklärlich ist es, daß Avenzoar im ganzen Galen anhing -- aber nicht

ohne gelegentlichen Widerspruch in praktischen und selbst theoretischen

Dingen[73] -- ebenso, daß er nicht selten trotz aller Bevorzugung

rationeller Behandlungsmethoden in das Fahrwasser roher Empirie[74]

geriet. Der Astrologie war er abhold. Alles in allem hinterläßt er das

leuchtende Bild eines wahrhaft großen Praktikers, dessen Stimme zwar

bei den Zeitgenossen und Nachfahren verhallte, dessen Wirken aber eine

neue, vom Observantismus freie, Aera der Medizin ankündigte.

[70] Beispielsweise verwirft er den Streit über die größere

Wichtigkeit des Gehirns, der Leber, des Herzens, da auf dem

Zusammenwirken der Organe das Leben beruhe, die spekulative

Dosologie des Kindi (vgl. S. 167) u. a.

[71] Daß er solche Studien betrieben, betont er ausdrücklich.

[72] Vom Vorurteil befangen, hielten es vornehme Aerzte unter

ihrer Würde, sich mit manuellen Verrichtungen, chirurgischen

und pharmazeutischen zu befassen, Avenzoar hatte aber, wie er

selbst sagt, in beiden während seiner Ausbildungszeit gediegene

Kenntnisse erworben. Nur die Ausführung des Steinschnitts von

seiten des Arztes verwarf er aus Gründen der Dezenz (Entblößung

der Genitalien).

[73] Gelegentlich rüttelt er in speziellen Fragen an der galenischen

Qualitätenlehre, behauptet gegen Galen die Empfindungsfähigkeit

der Knochen und Zähne etc.

[74] Z. B. Empfehlung der Konkremente von Hirschaugen gegen Ikterus,

des Smaragds gegen Dysenterie, des Magnetsteins gegen Exostosen

-- verschiedener Sympathiemittel.

Weniger Günstiges läßt sich vom medizinischen Standpunkte über den

großen Zeitgenossen, Anhänger und Freund des Avenzoar sagen, über

den für die geistige Entwicklung des Abendlandes so bedeutungsvollen

Philosophen •Averroës•[75], dessen medizinisches Hauptwerk (Kitab

al-kullidschat ═ Buch der allgemeinen Prinzipien der Medizin)

~Colliget~ im Mittelalter fast die Autorität des Kanon besaß[76].

[75] Averroës spricht in Ausdrücken größter Verehrung von Avenzoar

und erklärt ihn für den Größten nach Galen. Avenzoar widmete

dem Averroës seinen Teïsir.

[76] Um die Erhaltung, Verbreitung und Verdolmetschung der Werke

des Avenzoar und Averroës haben sich die Juden die größten

Verdienste erworben.

~Averroës~ (~Ibn Roschd~) wurde 1126 zu Cordoba geboren, wo sein

Vater und Großvater als Oberrichter wirkten. Gemäß den Traditionen

seiner Familie widmete er sich zunächst der Rechtswissenschaft, trieb

aber außerdem auch mathematische, philosophische und medizinische

Studien. Er wurde zuerst in Sevilla, später in seiner Vaterstadt

Kadi und erlangte außerordentliche Berühmtheit. Der Beherrscher

von Marokko und Andalus al-Mansur Jakub schätzte ihn wegen

seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und damit vereinten seltenen

Charakterfestigkeit so sehr, daß er ihn 1196 sogar zum Statthalter

von Andalus ernannte. Diese Würde bekleidete er aber nicht lange,

denn seine Feinde verdächtigten ihn beim Fürsten der Ketzerei und

wußten seine Verurteilung, Ausstoßung aus der Gemeinschaft der

Rechtgläubigen, Verbannung (nach an-Nisaba, einem nur von Juden

bewohnten Orte bei Cordoba) durchzusetzen. Im Jahre 1198 wurde

Averroës auf Verwendung angesehener Männer, welche die Haltlosigkeit

der Anklagen nachwiesen, freigelassen und vom Nachfolger des al-Mansur

nach Marokko berufen, wo er bald darauf starb. Das ganze Leben dieses

außerordentlichen Mannes war von regster Tätigkeit erfüllt -- nur

zwei Nächte verbrachte er, ohne zu arbeiten, nämlich diejenige,

welche seiner Hochzeit und diejenige, welche dem Todestage seines

Vaters folgte. Seine zahlreichen hochbedeutenden Schriften bezogen

sich auf Philosophie, Philologie, Jurisprudenz, Astronomie und

Medizin. Auf seine Stammesgenossen hat der Philosoph weit weniger

eingewirkt als auf das Abendland, und zwar hauptsächlich durch seine

berühmten Kommentare zu dem von ihm grenzenlos bewunderten und als

einzige Wahrheitsquelle betrachteten Aristoteles (vgl. S. 161). Diese

Kommentare, welche dem Averroës im Mittelalter den Ehrennamen „~der

Kommentator~” eintrugen, bezweckten die Wiederherstellung des reinen

ursprünglichen Sinnes der aristotelischen Schriften, erreichten das

Ziel aber nicht vollkommen, und aus der Mischung von peripatetischen,

neuplatonischen und orientalischen Vorstellungen entstand diejenige

Schattierung des Pantheismus, welche man noch jetzt als Averroismus

bezeichnet.

Der außerordentlich umfangreiche, aus sieben Hauptabschnitten

bestehende[77] Colliget enthält ein mit eiserner Konsequenz

aufgebautes, vollkommen geschlossenes ~System der Heilkunde~, er

zeugt von enormer Belesenheit, scharfsinniger Kombinationsgabe und

dialektischer Meisterschaft, aber er ist ~weit weniger das Werk eines

Arztes als die virtuose Kunstleistung eines Philosophen, der es sich

zum Ziele setzte, die Medizin gänzlich in die Fesseln der Peripatetik

zu schlagen~. Diese Absicht ist schon im Titel und in den ersten

Sätzen des Colliget ausgesprochen; ja Averroës beansprucht, wie er

selbst sagt, nur Leser, welche in die Geheimnisse der Dialektik und

Naturphilosophie eingeweiht sind, für andere sei das Werk überhaupt

unverständlich. Avicenna noch überbietend[78], den Rationalismus auf

die Spitze treibend, erscheint in seiner Darstellung die Medizin als

mechanische ~Anwendung feststehender allgemeiner Prinzipien~, und wenn

auch notgedrungen in der therapeutischen Beeinflussung des einzelnen

Falles in letzter Linie doch noch an die Erfahrung appelliert werden

muß -- die fremden und gelegentlich angeführten eigenen Beobachtungen

dienen hauptsächlich als Mittel, um dem Gespinst abstrakter Ideen Halt

und Farbe zu geben.

[77] Anatomie, Physiologie, allgemeine Pathologie, Semiotik,

Arzneimittellehre, Hygiene, allgemeine Therapie.

[78] Der Colliget ist gleichsam der kolossale Kommentar zum 1. Buch

des Kanon, Averroës kommentierte übrigens Avicennas Canticum,

welches er für die beste Einleitung zur Medizin erklärte.

Neue Tatsachen bietet der Colliget kaum[79]; der praktische Inhalt

stellt die üppige Lesefrucht des Verfassers dar, dessen Lebensstellung

schon an und für sich zur Erwerbung eigener ärztlicher Erfahrung wenig

geeignet war. Bei seiner fanatischen Hinneigung zum Aristotelismus

unterlaufen ihm übrigens sogar in der Beurteilung von Fakten resp.

angeblichen Tatsachen hie und da lächerliche Ungereimtheiten. In

der Theorie stellt Averroës durch noch konsequentere Anwendung der

aristotelischen Prinzipien (Eutelechien etc.) sogar Avicenna in den

Schatten.

[79] Interessant sind hingegen manche theoretische Erörterungen, z.

B. die sehr rationelle Widerlegung von Kindis Lehre über die

Grade der Arzneimittel.

Averroës hat nur verrostete Theorien gestützt und die praktische

Heilkunde gewiß nicht weiter gebracht, aber abgesehen von dem

aufklärenden Einfluß seiner Philosophie, in seinem medizinischen

System lag etwas unscheinbar verborgen, was einstens zu einem für

die Umgestaltung der Medizin höchst bedeutungsvollen Faktor werden

sollte. ~Als Aristoteliker nämlich, der den Lehren seines vergötterten

Meisters auf allen Gebieten ausschließliche Geltung zu verschaffen

suchte, trat er dort, wo zwischen dem Stagiriten und dem Pergamener

keine Uebereinstimmung herrschte, stets zu Gunsten des ersteren ein

und hierdurch rüttelte er zuweilen nicht unerheblich an den Grundfesten

des galenischen Lehrgebäudes[80].~ Daran anknüpfend oder dem gegebenen

Beispiele folgend, haben Spätere einen fruchtbaren Weg beschritten,

den Weg, der scheinbar zurück zu Aristoteles und tatsächlich vorwärts

zur Natur lief!

[80] Einen Kompromißversuch stellt seine Schrift concordia inter

Aristotelem et Galenum dar.

Nach Herkunft und Bildung ist auch der berühmte jüdische

Religionsphilosoph und Arzt •Maimonides• („Rabbi Moyse”) dem

Kulturkreise des maurischen Spaniens zuzurechnen, wiewohl derselbe

seine Wirksamkeit in Aegypten entfaltet hat.

Moses ben Maimon wurde 1135 in Cordoba geboren und empfing

eine sehr sorgfältige Ausbildung, welche sich nicht bloß auf die

Wissenschaft des Judentums, sondern auch auf Mathematik, Astronomie,

Philosophie und Heilkunde erstreckte. Durch die Religionsverfolgungen

der Almohaden aus Andalusien vertrieben, fand er mit seinem Vater

zunächst in Fez (1159) für einige Jahre Zuflucht, sodann, nach einer

Reise über Akko und Jerusalem (1165), in Fostat (Altkairo) eine

dauernde Heimstätte[81]. In Aegypten erwarb er sich wegen seiner

eminenten Gelehrsamkeit und wegen seiner viel in Anspruch genommenen

ärztlichen Geschicklichkeit ein ganz besonderes Ansehen, was unter

anderem in seiner Stellung als Leibarzt des Veziers al-Fahdil und

der Söhne Saladins Ausdruck fand. Hochbegabt und mit unermüdlicher

Arbeitskraft ausgestattet, hatte sich Maimonides eine ungewöhnliche

Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur aller Zweige, namentlich

auch der griechischen (aristotelischen) Philosophie erworben, wovon

seine reiche und vielseitige schriftstellerische Tätigkeit glänzende

Beweise lieferte. Als Religionsphilosoph verfolgte er unablässig das

Ziel, die Grundsätze des Glaubens mit der Vernunft in Einklang zu

bringen, wie dies insbesondere in der berühmten (auch von christlichen

Theologen geschätzten) Schrift „Führer der Verirrten” zu Tage tritt.

Anfangs heftig angefeindet, erlangte später seine rationalistische,

an Aristoteles stark anklingende Richtung die größte Bedeutung für

die Entwicklung des Judentums. Maimonides starb im Jahre 1204.

[81] Durch den Fanatismus der Almohaden vertrieben, waren auch andere

jüdische Aerzte Andalusiens nach Aegypten gezogen, wo sie zur

Zeit Saladins eine ganz hervorragende Rolle spielten.

In seinen medizinischen Werken, von denen im Abendlande besonders

die ~Aphorismen~, die Schrift ~über die Gifte~ und das ~diätetische

Sendschreiben~ sehr geschätzt wurden, erweist sich Maimonides

als ein höchst gelehrter und erfahrener, vom Mystizismus völlig

freier, nüchtern beobachtender Arzt, welcher in der Therapie das

diätetisch-exspektative Verfahren entschieden bevorzugt. Die Methode

der Beschneidung hat er wesentlich verbessert. In der Theorie blieb er

dem Galenismus zwar treu, doch führte ihn gerade seine durchdringende

Kenntnis desselben dazu, gelegentlich an dem Pergamener Kritik zu üben.

Die Reihe der arabischen Aerzte von allgemeiner Bedeutung schließt im

13. Jahrhundert mit dem Hauptrepräsentanten der Arzneimittellehre --

•Ibn al-Baitar•.

Ibn al-Baitar[82] stammte aus Malaga, widmete sich unter Leitung

hervorragender Lehrer[83] besonders der Botanik und bereicherte seine

einschlägigen Kenntnisse auf Reisen, die ihn von Nordafrika über

Aegypten nach Syrien und Kleinasien führten. In Aegypten, wo er als

Leibarzt am Hofe und später auch als „Vorgesetzter der Aerzte und

Botaniker” tätig war, schrieb er eine große Heilmittellehre, welche

nicht nur das Wissen der Vorgänger (des Dioskurides und Galenos,

sowie zahlreicher arabischer Autoren), zusammenfaßt, sondern auch auf

vielen eigenen Untersuchungen beruht und viele den Alten unbekannte

Pflanzenbeschreibungen enthält. Er starb in Damaskus im Jahre 1248.

[82] D. h. Sohn des Tierarztes.

[83] Darunter der berühmte Botaniker Abul Abbas ~Annabati~ aus

Sevilla († 1239).

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 26 / 76 段