[49] Als Naturphilosoph wendete er sich einerseits gegen die Leugnung

eines Weltschöpfers, anderseits verteidigt er die Ewigkeit der

Urmaterie und lehrte, daß der Körper das Prinzip der Bewegung

in sich selbst habe. ~Bemerkenswerterweise war er der Dialektik

sehr abhold.~

[50] Die Erblindung wird zumeist auf eine Mißhandlung von seiten

des Fürsten al-Mansur von Chorasan zurückgeführt; dieser habe

ihm nämlich aus Zorn darüber, daß die in der Confirmatio artis

chemiae beschriebenen Experimente nicht glücken wollten, einen

Peitschenschlag über den Kopf versetzt. Anfangs wollte er sich

operieren lassen, doch stand er davon ab, da der Augenarzt seine

Frage, „wie viel Häute das Auge habe”, nicht zu beantworten

wußte. Als man ihm dennoch zur Operation weiter zuredete,

sagte er: Ich habe von der Welt so viel gesehen, daß ich ihrer

überdrüssig bin.

~Rhazes~ war ein Mann von seltenen Kenntnissen, der das Wissen seines

Zeitalters mit den Errungenschaften der Vergangenheit verknüpfte,

ein rastloser Schriftsteller von ungeheurer Produktivität und

Vielseitigkeit, ein gefeierter Lehrer -- aber er besaß noch ein

köstlicheres Gut als Gelehrsamkeit, die Fähigkeit, im Buche der Natur

selbst lesen zu können, er verfügte über den ~klinischen Blick~, der am

Krankenbett immer noch Neues erspäht, der den Einzelfall nach seiner

Individualität zu erfassen und zu behandeln ermöglicht. Und hierdurch

-- nicht wegen seiner Bücherweisheit, worin ihn manche Nachfahren

erreichten oder übertrafen -- ~als Kliniker, erhebt er sich über

die übrigen arabischen, vielleicht sogar über alle mittelalterlichen

Aerzte~, freilich ohne, daß es ihm gelingt, den galenischen Dunstkreis

jemals ganz zu verlassen.

In der Krankheitstheorie war Rhazes Galenist[51], in der Praxis

ließ er sich aber mehr von den Grundsätzen des Hippokratismus

leiten, indem er eine, auf die ~Beobachtung des Krankheitsverlaufs~

gestützte ~individualisierende Behandlung~ anstrebte und auf

~hygienisch-diätetische Maßnahmen neben einfachen Arzneien~ besonderes

Gewicht legte. „~Im Anfang der Krankheit~,” sagte er, „~wähle Mittel,

durch welche die Kräfte nicht vermindert werden~.” „~Wo du durch

Nahrungsmittel heilen kannst, da verordne keine Arzneien, und wo

einfache Mittel hinreichen, da nimm keine zusammengesetzten.~”

[51] Im Widerstreit der pathologischen Theorien der alten Autoren

mußte nach einem festen Anhaltspunkt gegriffen werden. Galen

war anscheinend am meisten berufen, die oberste Autorität zu

bilden.

Er berücksichtigte den Einfluß des Klimas, der Jahreszeit, der

Witterung, achtete darauf, daß in den Krankenzimmern gesunde Luft

und angemessene Temperatur herrsche und erkannte den Wert rationeller

Gesundheitspflege in vollstem Maße (zweckmäßige Anlage und Einrichtung

der Wohnhäuser, Beseitigung schlechter Gerüche durch Räucherungen,

Sorge für gutes Trinkwasser, Waschungen, Bäder, Diät).

Charakteristisch für Rhazes ist es auch, daß er die

~Krankheitsbeschreibung~ höher bewertete als die theoretische

Spekulation; in seinen Werken finden sich darum zahlreiche

~Krankengeschichten~, welche seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe

bezeugen[52].

[52] Unter den verloren gegangenen Schriften befand sich eine

Sammlung von Beobachtungen aus dem Krankenhaus in Bagdad.

Große Sorgfalt verwendete er auf die Diagnostik und Prognostik, ohne

dabei aber, wie die meisten seiner Zeitgenossen, die Harnschau zu

überschätzen, insbesondere bekämpfte er energisch die scharlatanmäßige

Ausartung derselben[53].

[53] Die betrügerische Harnschau hatte manchen zu Reichtum und Würden

verholfen. Es sei beispielsweise nur erwähnt, daß im Jahre

766 der Apotheker Abu Koreisch Isa deshalb zum Leibarzt des

Kalifen al-Mahdi erhoben wurde, weil er der Gemahlin desselben

die Geburt eines Sohnes mittels Uroskopie vorausgesagt hatte.

~Den Weg selbständiger Erfahrung betrat Rhazes nicht nur auf dem

Gebiete der Krankheitsbeschreibung, sondern auch in der Therapie,

indem er Versuche mit chemischen Präparaten[54] anstellte.~

[54] Dies war eine Konsequenz seiner eifrigen Beschäftigung mit der

Alchemie, welche er in einer eigenen Schrift gegen al-Kindi

(vgl. S. 167) verteidigte. ~Rhazes war sichtlich bemüht, die

Chemie in den Dienst der Medizin zu stellen.~

Das medizinische Schrifttum des Rhazes besteht aus größeren

Werken, kurzen Abhandlungen, Monographien etc. in sehr verschiedener

Ausführung. Leider ist seine ~Autobiographie~ verloren gegangen.

In die Werkstätte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gewährt

insbesondere das wahrhaft gigantische Hauptwerk ~al-Hawi~ ═ ~Continens~

(Behältnis der Medizin) Einblick, welches die Frucht eines langen,

von unermüdlicher Arbeit erfüllten Lebens darstellt. Er enthält

eine überraschende Fülle von (meist wörtlichen) Auszügen aus der

griechisch-arabischen (von Hippokrates bis Hunain) und indischen

Literatur sowie eine Menge von Aufzeichnungen aus der eigenen Praxis,

welche das Gesamtgebiet der Medizin betreffen. Leider hat der Verfasser

die letzte Hand an das Werk nicht gelegt, es wurde erst nach seinem

Tode veröffentlicht, und die mangelhafte Anordnung des Stoffes, die

ungleichmäßige Ausarbeitung der einzelnen Kapitel spricht dafür, daß

es sich um eine riesige Sammlung von Exzerpten und eigenen Notizen

handelt, die möglicherweise einmal einer planmäßig ausgeführten

medizinischen Enzyklopädie zur Grundlage hätten dienen sollen.

Die erwähnten äußeren Mängel, insbesondere aber der kolossale Umfang

des Hawi, der abschreckend auf den Leser wirken mußte, bewirkten

es, daß ein zweites Werk des Rhazes, der ~Kitab al tib Almansuri~ ═

~Liber medicinalis ad Almansorem~, eine (dem Statthalter von Chorasan

al-Mansur ibn Ischak gewidmete) kompendiöse Gesamtdarstellung der

Medizin, in der Folgezeit mehr praktische Bedeutung gewann. Diese

Schrift zeichnet sich durch Uebersichtlichkeit, gute Schreibart und

reichen (allerdings vorwiegend kompilatorischen) Inhalt aus.

Der aus 10 Büchern bestehende Liber medicinalis ad Almansorem stützt

sich hauptsächlich auf Hippokrates, Galen, Oreibasios, Aëtios und

Paulos. Außerdem verfaßte Rhazes noch zwei andere Kompendien, den

liber divisionum und den liber pretiosus (Fakhir).

Dauernden Nachruhm verdankt Rhazes aber namentlich seiner Schrift

~über die Blattern und Masern~ ═ de variolis et morbillis (früher

de pestilentia genannt), welche allgemein und mit Recht als eine

Zierde der medizinischen Literatur der Araber betrachtet wird; sie

ist äußerst wertvoll in historisch-epidemiologischer Beziehung ~als

älteste Monographie über Variola~ -- und zeigt uns Rhazes so ganz als

gewissenhaften, von dogmatischen Vorurteilen fast freien Praktiker,

im Sinne des Hippokratismus.

Die ältesten arabischen und abendländischen Nachrichten vom

Vorkommen der Blattern beziehen sich auf das 6. Jahrhundert[55].

Die früheste ärztliche Erwähnung findet sich in den Bruchstücken,

welche von den Pandekten des Ahron (vgl. S. 128) bei Rhazes erhalten

sind. Ahron beschrieb die Blattern als eine Weltseuche, die infolge

miasmatischer Einflüsse entstehe und besonders jene Leute befalle,

welche die Venäsektion lange verabsäumt haben.

[55] Im Koran, Sure 105 und bei den arabischen Geschichtschreibern

(al Wagidi und Abd el Malik ben Hischam) ist die Rede vom

sogenannten Elefantenkrieg, in welchem das Heer der Abyssinier

während der Belagerung von Mekka durch eine Seuche aufgerieben

wurde.

Rhazes zitiert in seiner Monographie einige arabische Vorgänger

und meint, daß die Krankheit dem Galen bereits bekannt gewesen sei.

Von den Pocken (Dschedrij) trennt er die Masern (Hasbah) nicht

scharf, sondern beschreibt sie nur als eine, klinisch aber nicht

nosologisch getrennte, Unterart derselben[56]. Die Krankheitstheorie

ist humoralpathologisch und gipfelt in der Annahme, daß die

Krankheit einen (der Gärung des Weins vergleichbaren) ~notwendigen

Reinigungsvorgang des Blutes~ darstelle, welches im Fötalleben durch

das (während der Schwangerschaft nicht ausgeschiedene) mütterliche

Menstrualblut verunreinigt worden sei.

[56] Er hält die Masern im allgemeinen für gefährlicher als die

Blattern, mit Ausnahme der durch letztere häufig bewirkten

Erblindung. Der Begriff Hasbah war übrigens gewiß weiter als der

heutige Begriff Morbilli und schloß wahrscheinlich Scharlach u.

a. in sich. -- Außer der Spezialschrift handeln auch Stellen

im Continens (Lib. XVIII, cap. 8), im liber ad Almansorem und

im liber divisionum (cap. 149) von demselben Gegenstand.

Sorgfältig schildert Rhazes die Initialsymptome und den klinischen

Verlauf der Blattern (bezw. der Masern) -- ~seit langem wieder

einmal in der Literatur eine frische, wahrhaft naturgetreue

Krankheitsbeschreibung~ --, und die therapeutischen Maßnahmen sind

durchwegs aus der Krankheitsbeobachtung abgeleitet. Hierbei werden,

~je nach dem Falle und dem Krankheitsstadium, zwei verschiedene Wege~

eingeschlagen: der eine besteht in der ~beabsichtigten Kupierung

und Entgiftung durch Refrigerantia und Exstinguentia~ (Genuß kalten

Wassers, verschiedene Acetosa, ~kampferhaltige~ Mischungen, kalte

Abwaschungen, Begießungen, Bäder, Aderlaß, Abführmittel), der andere

in der ~Beförderung des Exanthemausbruches~ (Anwendung äußerer Wärme,

namentlich warmer Wasserdämpfe, Vermeidung der Exstinguentia und jeder

anderen Arznei). Die Indikation für das eine oder andere Verfahren

gibt die Höhe des Fiebers, die Beschaffenheit des Exanthems, das

Verhalten des Pulses, der Atmung, der Entleerungen u. s. w. Um den

Komplikationen und Folgezuständen in Betreff des Auges, Ohres, der

Nase, des Schlundes entgegenzuwirken, um Verschwärungen und tiefere

Narbenbildungen zu verhindern, werden ausführliche Vorschriften

gegeben (Adstringentia, Eröffnung großer Blattern, fettmachende

Mittel, Bäder etc.). Sehr genau ist auch die Prognose angegeben;

als besonders ungünstig gelten fettfarbige, konfluierende, grüne und

violette, harte, warzenähnliche Blattern.

~Rhazes bildet eine herrliche Einleitung zur arabischen Medizin, er

hat viele Schüler herangezogen, denen er bezeichnenderweise als ein

zweiter Galen erschien, seine Werke blieben dauernd eine reiche und

vielbenützte Quelle für die ärztliche Forschung, aber er fand nur

wenige wahre Jünger und Nachfolger, soweit dasjenige in Betracht

kommt, was seine Größe eigentlich ausmacht, -- die nüchterne klinische

Richtung.~

Zu diesen wahren Nachfolgern gehört wohl der, in der zweiten

Hälfte des 10. Jahrhunderts lebende Abul Hasan Ahmed ben

Muhammed ~at-Tabari~, dessen handschriftlich erhaltenes „Buch

der hippokratischen Beobachtungen” Zeugnis von seiner klinischen

Meisterschaft gibt.

~Rhazes~, der wirklich durch innere Vokation Arzt geworden war,

die vorausgegangene griechische und arabische Literatur, wie selten

jemand, beherrschte und unermüdlich seine Kenntnisse am Krankenbette,

durch Lektüre und Studienreisen, im Verkehr mit den Gelehrten und dem

Volke bereicherte, hatte eine sehr hohe Auffassung vom ärztlichen

Berufe und erkannte mit offenem Blick die Grenzen und zeitlichen

Mängel der Kunst. Dies beweisen, abgesehen vom sachlichen Inhalt

seiner Werke, manche seiner Aussprüche, die noch heute, richtig

verstanden, beherzigenswert sind, z. B.: „~Die Wahrheit in der

Medizin ist ein Ziel, das nicht erreicht wird, und die Heilart,

wie sie in den Büchern beschrieben wird, steht weit unter der

praktischen Erfahrung eines geschickten denkenden Arztes.~” -- „~Die

Medizin ist eine zu erlernende Kunst, deren Ziel die Niedrigen im

Volk erreichen; wie schwierig ist sie aber dem guten Arzte.~” Die

Anforderungen, die er an die ärztliche Ausbildung stellt, sind sehr

bedeutende. Insbesondere verlangt er ~gründlichste Kenntnis dessen,

was die Vorgänger geleistet haben~, da der Umfang der Wissenschaft

die Kräfte eines Einzelnen weitaus übersteigt. Fieri enim nequit

(heißt es in der lat. Uebersetzung des Liber medicinalis ad Almansorem

IV, 32), ut vir unus, quantamcunque is aetatem attigerit, rem ita

diffusam atque amplam animo comprehendat, nisi antiquorum vestigiis

institerit, cum scientiae hujus ambitus longe extra angustos humanae

vitae limites excurrat, quod utique non in hac solum sed in aliis

plerisque artibus verum est. Haud pauci sunt ii auctores, quorum

laboribus increvit medicina; atque horum monumenta intra paucorum

annorum breve curriculum frustra percipere speres. ~Est ut per mille

annos mille scriptores professionem hanc auxerint. Is autem qui in

eorum libris intelligendis diligenter operam posuerit, intra exiguos

vitae terminos aeque animum suum cognitione rerum instruet ac si

millenos ipse annos medicinae studio impendisset.~ Die literarische

Kenntnis bildet aber im Sinne des Rhazes nur die Voraussetzung, und

erst die eigene Erfahrung, welche den bloßen Folgerungen der „Logiker”

vorzuziehen sei, macht den wahren Arzt aus.

Rhazes soll eine Reihe von kleinen Schriften verfaßt haben, welche

die ~Apologetik~ der wahren Heilkunst und des ehrlichen Arztes

zum Gegenstand hatten (z. B. „Warum einige leichte Krankheiten

schwerer zu erkennen und zu heilen sind als schwerere”; „Ueber die

Ursachen, weshalb der große Haufe den gescheiten Arzt tadelt”. „Ueber

zweifelhafte Krankheiten und Verteidigung des Arztes”, „Daß auch der

gescheite Arzt nicht alle Krankheiten heilen könne, daß jedoch dem

Arzte Dank und Lob gebühre, wenn er dies auch nicht vermöge”, „Daß der

Mangel an Erkenntnis in dem Wesen der Künste überhaupt liege, nicht

gerade in der Medizin” und „Ueber die Ursache, weshalb unwissenden

Aerzten und gemeinen Weibern die Heilung einiger Krankheiten öfter

gelingt als den Gelehrten” u. s. w.). Möglicherweise handelt es

sich hierbei nur um verschiedene Titel derselben Abhandlung.

Die Charlatanerie des Zeitalters schildert Rhazes mit großer

Anschaulichkeit (im 27. Kap. des VII. B. ad Almansorem), in einigen

Schriften hält er auch mit Vorwürfen gegen manche Standesauswüchse

nicht zurück, überall echter Humanität das Wort führend[57].

[57] In den „Aphorismen” heißt es: Qui quamplures medicorum

interrogaverit, in errorem incidit plurimum. -- Eine Schrift

bezog sich auf das Thema „quod medicus non solum prudens

esse debeat, sed aegrotorum desideriis indulgens.” Von

edelster ~humaner Gesinnung~ zeugt die, in den „Aphorismen”

ausgesprochene, Mahnung, daß der Arzt auch dann den Patienten

noch trösten solle, wenn bereits die Zeichen des bevorstehenden

Todes sichtbar werden. Man beachtet hier gegenüber der

Antike den, unter dem Einfluß der monotheistischen Religionen

eingetretenen Fortschritt im humanen Auftreten der Aerzte, vgl.

hierzu S. 40 und 85.

Ein grelles Streiflicht auf die ärztlichen Standesverhältnisse

und auf die stets gleichbleibende Psychologie des Publikums wirft

die Abhandlung „~Ueber die Umstände, welche die Herzen der meisten

Menschen von den achtbaren Aerzten abwenden~”. Wir entnehmen daraus

folgendes.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 24 / 76 段