Mehr als die großen Aristoteliker wirkte auf die breite Masse die

Popularphilosophie der „~lauteren Brüder~” (eines im 10. Jahrhundert

in Basra entstandenen Geheimbundes), welche im Widerstreit der

Orthodoxen, der Rationalisten (Mutaziliten) und Mystiker (Sufis) eine

Versöhnung von Glauben und Wissenschaft herbeizuführen trachteten,

wobei sie von allegorischen Erklärungen reichlichst Gebrauch machten.

Die Philosophie der lauteren Brüder ist in einer, alle Wissenszweige

umfassenden, nach Stoffen geordneten Enzyklopädie niedergelegt,

die (in vier Hauptteilen) aus 51 Abhandlungen besteht. Aristoteles

bildet die Grundlage in formaler Hinsicht, während zur eigentlichen

Lösung der spekulativen Fragen der Neupythagoräismus (Zahlenlehre)

und Neuplatonismus (Weltseele) dienten[42].

[42] Die Abhandlungen der lauteren Brüder (vgl. die Schriften

von Fr. Dieterici) gewähren ein abgerundetes Bild von der

Naturanschauung und dem Wissen der Araber im 10. Jahrhundert.

Für uns sind besonders die Abhandlungen 22-30, welche über

die leibliche und geistige Beschaffenheit des Menschen

handeln, von großem Interesse. Es heißt dort (vgl. Dieterici,

Die Anthropologie der Araber etc., Leipzig 1871): „Als Gott

den Körper des Menschen schuf ... glich die Gründung dieses

Körperbaues und die Fügung seiner Teile der Gründung und dem

Bau einer Stadt. ... Also verfuhr Gott. Zuerst begann er mit

der Schöpfung und Herstellung der vier für sich bestehenden

Naturen (Hitze, Kälte, Feuchte, Trockenheit), die mit einander

sich befehdenden Kräften versehen sind. Darauf verband er je

zwei derselben, so daß vier Elemente, mit sich entsprechenden

Kräften, entstanden. Das sind die Elemente (Feuer, Luft,

Wasser und Erde). Darauf begründete Gott den Bau dieses Körpers

aus den vier Elementen und rief die vier Mischungen mit zwar

einander widerstreitenden Naturen, doch sich entsprechenden

Kräften hervor (Blut, Schleim, Gelbgalle, Schwarzgalle).

Darauf tat Gott diese vier Mischungen zusammen und schuf

daraus neun verschieden gestaltete Substanzen (Knochen, Mark,

Nerven, Adern, Blut, Fleisch, Haut, Nägel, Haar). Diese sind

die Stütze des Körperbaues; dann fügte und setzte er eines

über das andere als zehn geometrisch genau verbundene Stufen

zusammen (Kopf, Hals, Brust, Bauch, die zwei Weichen, Unterleib,

die zwei Schenkelpfannen, zwei Ober-, zwei Unterschenkel, die

zwei Sohlen). Diese verband er und stellte sie als 248 Säulen

(Knochen) von gleichem Schnitt her. Er zog die Bänder derselben

und band ihre Gelenke zusammen mit 720 dehnbaren darüber

gewundenen Bändern (Ligamente). Darauf bestimmte er die Depots

und verteilte die Schatzkammern, er setzte deren elf, die mit

verschieden gearteten Substanzen angefüllt wurden (Gehirn,

Lunge, Herz, Leber, Milz, Galle, Magen, Eingeweide, zwei

Nieren, zwei Hoden, zwei Röhren [Luft- und Speiseröhre]). Er

zog die Gänge, öffnete Weg und Tor und bestimmte 360 Laufgänge

(Schlagadern) für die Bewohner der Stadt. Er ließ Quellen

aus den Depots hervorgehen und zerteilte von ihnen aus 360

verschiedene Bäche (Venen), die nach allen Seiten hinliefen.

In die Mauer brach er zwölf rundliche Tore (zwei Ohren, zwei

Augen, zwei Nasenlöcher, zwei Gänge [Geschlechtsteile], zwei

Brüste, Mund und After) als Ausgänge für die Depots. Er übergab

dann die so angelegte Stadt den Händen von acht sich einander

helfenden Werkleuten (die anziehende, anhaltende, reifmachende,

scheidende, mehrende, zeugende, nährende, formbildende Kraft).

Dies sind die Meister jener Stadt, auch betraute er mit ihrer

Bewachung fünf Wächter (die fünf Sinne), um ihre Grundelemente

zu überwachen.” ... „Die natürlichen Kräfte und angeborenen

Anlagen zerfallen in drei Gattungen: a) Die Kraft der

Pflanzenseele hat ihre Stätte in der Leber, ihre Wirkung reicht

durch die Venen bis zu allen Enden des Leibes. b) Die Kraft der

Tierseele hat ihren Sitz im Herzen und übt durch die Pulsadern

ihre Wirkung bis zu allen Enden des Leibes aus. c) Die Kraft

der Vernunftseele hat als Stätte das Gehirn, durch die Nerven

reicht ihre Wirkung bis zu allen Enden des Leibes. Diese drei

Seelen sind aber nicht als einzelne, voneinander getrennte,

zu betrachten ... die Seele ist dem Wesen nach eine und hat je

nach ihren Wirkungen verschiedene Namen. Schafft sie im Körper

Ernährung und Wachstum, heißt sie Pflanzenseele, bewirkt sie im

Körper sinnliche Wahrnehmung, Bewegung, heißt sie Tierseele,

und schafft sie Ueberlegung und Unterscheidung, so heißt sie

Verstandesseele.” -- ~Nach der Darstellung der lauteren Brüder

werden die Funktionen durch 23 Kräfte hervorgebracht, die in

mannigfacher Wechselbeziehung (Diener-Herrscher) zueinander

stehen.~ „Vier davon” -- der Vergleich des Körpers mit dem

städtischen Leben wird bis ins einzelne durchgeführt -- „sind

den Häuptlingen vergleichbar (~Wärme~, ~Kälte~, ~Feuchtigkeit~,

~Trockenheit~), acht, die einander entgegengesetzt wirken,

gleichen den Handwerkern (~die anziehende~, ~festhaltende~,

~reifmachende~, ~scheidende~, ~nährende~, ~formende~,

~zeugende~ und ~Wachstum~ verleihende Kraft), fünf, die

einander gleichgeartet sind, entsprechen den Händlern (~die

fünf Sinne~), drei andere reichen sich einander zu, wie die

Diener (~Vorstellungskraft~, ~Denkkraft~, ~Gedächtniskraft~),

drei aber endlich befehlen wie Herren” (~Begehr-, Zornes- und

Verstandeskraft~). -- Bemerkenswert ist der Satz: „~Jedes Glied

des Körpers hat eine ihm speziell zukommende Kraft.~ Die Seele

schafft durch diese Kraft und dieses Glied eine Wirkung, welche

sie nimmer mit einem anderen Glied und einer anderen Kraft

schaffen kann. Man nennt nun diese Kraft die Spezialseele jenes

Gliedes.” -- Aus den Störungen im Kräftespiel werden Krankheiten

erklärt. -- Es sei hier noch die Ansicht über die Lokalisation

der Geisteskräfte und über die Apperzeption angeführt. „Die

Seele denkt mit dem ~Mittelhirn~ über die Dinge nach, stellt

sich das sinnlich Wahrgenommene mit dem ~Vorderhirn~ vor und

bewahrt die Wissensobjekte mit dem ~Hinterhirn~.” ... „Vom

Vorderhirn breiten sich feine Nerven aus, diese verbinden sich

mit den Sinnen, d. h. den Organen, sie zerteilen sich dort und

bilden hinter denselben ein Gewebe wie das Gespinst der Spinne.

Gelangt nun die Qualität des Wahrgenommenen zu den im (normalen)

Mischungszustand befindlichen Sinnen und ändert es dieselben

in ihrer Qualität, so gelangt diese Aenderung von diesen Nerven

aus zum Vorderhirn. Weil nun alle Sinne ihre Empfindung hieher

senden, sammeln sich alle Bilder des sinnlich Wahrgenommenen

bei der Vorstellungskraft. ... Haben sich bei ihr die Bilder

gesammelt, so übergibt sie dieselben der Denkkraft, deren Sitz

im Mittelhirn ist, um dieselben zu betrachten, ihren Sinn zu

erfassen, ihre Eigentümlichkeiten, eigentliche Eigenschaft,

ihren Nutzen und Schaden zu erkennen, dieselben der bewahrenden

Kraft (im Hinterhirn) zuzustellen und sie dann bis zur Zeit der

Erinnerung aufzubewahren.” -- Unverändert oder bloß modifiziert

finden sich die physio- und psychologischen Anschauungen der

lauteren Brüder auch bei den späteren arabischen Philosophen

und bei den Aerzten.

~In der Gesamtentwicklung der Wissenschaft bildete es anscheinend die

Hauptaufgabe der Araber, die antiken Lehrsysteme durch konsequente

logische Durchführung, durch Heranziehung eines reichen, angeblich

beweiskräftigen, Erfahrungsmaterials bis in alle Feinheiten

fortzubilden, ihre heuristische Leistungsfähigkeit bis zur Neige zu

erschöpfen.~

Die Unzulänglichkeit der Grundlagen, der Widerspruch zwischen Theorie

und Wirklichkeit mußte sich gerade bei diesem Verfahren allmählich

ergeben -- für eine wahrhaft unbefangene, von Autoritätsglauben freie

Betrachtungsweise. Zu einer solchen vermochte sich aber das muslimische

Zeitalter nicht aufzuschwingen, es verbrauchte allzuviel von seiner

Kraft für rettende Hilfsannahmen, advokatorische Scheinbeweise,

versöhnende Kompromißversuche. Erst weit späteren Epochen, denen die

arabische durch ihre lehrreichen Irrtümer, durch ihren empirischen

Wissensinhalt als Vorstufe diente, fiel die Sprengung der erstarrten

Begriffshülle, die Begründung einer neuen Naturanschauung zu.

~Ein Paradigma von konsequenter, streng einheitlicher

theoretisch-praktischer Durchführung eines antiken Lehrsystems, nämlich

des~ •Galenismus•, ~bietet die Medizin der Araber~.

Dieser Eindruck dürfte sich wohl auch dann kaum abschwächen,

wenn einmal genügende Grundlagen für eine wirkliche Geschichte der

arabischen Medizin herbeigeschafft sein werden; eine solche zu geben,

ist heute noch unmöglich, da bisher das literarische Material nur

zum geringsten Teile verarbeitet worden ist.

Eine ungeheure Menge von medizinischen Handschriften (vgl. die

Spezialwerke von Wüstenfeld und Leclerc) ruht noch unverwertet in

den Bibliotheken; arabisch gedruckt liegen bloß 18 medizinische

Werke vor; in neuere Sprachen ist noch sehr Weniges -- hauptsächlich

anatomische, pharmakologische, augenärztliche Schriften -- übersetzt

worden. Ueber die ~mittelalterlichen lateinischen Uebertragungen~

der Hauptautoren herrscht einhellig ein sehr ungünstiges Urteil, aus

ihnen allein läßt sich gewiß kein zutreffendes Bild von der arabischen

Medizin gewinnen, doch möge anderseits nicht vergessen werden, ~daß

die arabische Heilkunde gerade durch diese „Perversiones”~ (wie man

sie verächtlich bezeichnet) ~auf die abendländische eingewirkt hat~!

Die Heilkunde spielte bei den Arabern eine eminent wichtige Rolle, und

demgemäß zeigt ihr geschichtlicher Verlauf eine scharf ausgeprägte

Abhängigkeit von all jenen Momenten, welche den Gang der arabischen

Kultur im allgemeinen bestimmten. Sie hat eine außergewöhnlich reiche

und vielseitige Literatur hinterlassen, deren beste Leistungen in der

Zeit vom 10. bis zum 13. Jahrhundert zu stande gekommen sind.

Die hohe Wertschätzung, welche die Heilkunde bei den Arabern

genoß, drückt sich in der Literatur unter anderem auch darin aus,

daß medizinische Fragen nicht nur in ärztlichen, sondern auch

in Schriften anderer Wissenszweige (z. B. in philosophischen,

naturwissenschaftlichen und namentlich in Reisewerken) hie und da

Erörterung finden[43].

[43] In Betracht kommen z. B. die Werke des ~al-Masudi~, ~al-Biruni~,

~al-Idrisi Abd-al-Latif~, ~al-Kazwini~. Auch Dichter behandelten

gelegentlich medizinische Stoffe, z. B. einer der bedeutendsten,

Mutanabbi beschrieb in einem Lehrgedicht das Fieber, welches

er selbst infolge mangelnder Bewegung bekommen haben will (lat.

Uebers. bei Reiske opusc. med. ex monum. Arab. ed Gruner 1776).

Abgesehen von den weit zurückreichenden syrisch-alexandrinischen

Einflüssen, welche vorbereitend wirkten (vgl. S. 145), ist die

Nestorianerschule von ~Dschondisabur~ (vgl. S. 140) als eigentliche

~Wiege der arabischen Medizin~ anzusehen; denn von dort kamen jene

Aerzte, welche ihrer Kunst am Abbassidenhofe das größte Ansehen

erwarben, die so fruchtbare Uebersetzertätigkeit anregten (vgl. S.

147 ff.), und am meisten zur Verpflanzung der wissenschaftlichen

Forschungs- und Lehrweise, des Medizinalwesens nach Bagdad beitrugen.

Mit diesem Ursprung steht, wie gleich vorweg bemerkt sein möge, auch

die Tatsache in einigem Zusammenhang, daß die ~Persoaraber~ dauernd

eine ~dominierende Stellung in der arabischen Medizin~ eingenommen

haben.

Die große Bedeutung der Schule von ~Dschondisabur~, welche während

der ersten Jahrhunderte des Islam dem ganzen Osten voranleuchtete,

liegt nicht nur darin, daß sie den Kreuzungspunkt der gräko-syrischen

und indischen Heilkunst und die Zentralstätte einer syro-persischen

Uebersetzungsliteratur darstellte, sondern auch in dem Umstande, daß

sie für eine ~praktische Ausbildung der Studierenden~ sorgte -- ~in

einem Krankenhaus, das auch mit einer gut eingerichteten Apotheke

versehen war~.

Der Ahnherr der berühmten Nestorianerfamilie ~Bachtischua~, welche

drei Jahrhunderte lang (von der Mitte des 8. bis zur Mitte des

11.) in der Geschichte der arabischen Aerzte glänzt, ~Dschordschis

ben Dschabril ben Bachtischua~ (vgl. S. 148, 149), war, als er

765 an den Hof al-Mansurs berufen wurde, Direktor des Hospitals

von Dschondisabur. Der Vater des ~Jahjah ben Masawaih~ (Mesuë) war

Apothekergehilfe in Dschondisabur und studierte dabei Medizin, die

er später mit Erfolg in Bagdad ausübte. Im Jahre 864 starb ~Sabur

ben Sahl~, Vorstand des Krankenhauses in Dschondisabur, der Verfasser

eines Dispensatoriums (Grabaddin), das lange Zeit allgemein maßgebend

blieb.

Dank der Anregung nestorianischer Leibärzte (der ~Bachtischua~, des

Mesuë) und namentlich infolge der bewunderungswürdigen Tatkraft des

unermüdlichen ~Hunain~ (vgl. S. 149), um den sich eine erstaunlich

große Zahl von eifrigen Uebersetzern scharte, wurden ~die Araber noch

vor Ablauf des 9. Jahrhunderts mit der griechischen (und einigermaßen

auch mit der indischen) Medizin vertraut~ gemacht, und zwar in einem

Grade, daß der Uebergang zu einer paraphrastischen und immer mehr

selbständiger werdenden Bearbeitungsweise des gegebenen Stoffes

ungewöhnlich früh erfolgen konnte. Freilich darf hierbei nicht außer

acht gelassen werden, daß diese Erstlingsfrüchte der arabischen

Literatur zumeist von den christlichen Uebersetzern und am wenigsten

von den Nationalarabern selbst herrührten.

Von der ziemlich ansehnlichen Literatur dieser Frühepoche haben sich

einige Schriften in mittelalterlichen lateinischen Uebersetzungen

erhalten, ein Beweis für die langanhaltende Nachwirkung. Es

sind dies die ~Aphorismen des~ •Mesuë•[44] (d. Aelteren), ein

einleitender Kommentar des ~Hunain~, •Johannitius•, zu Galens ars

parva -- ~Isagoge~[45] die Abhandlung des ~al-Kindi~, •Alkindus•,

~de medicinarum compositarum gradibus~ und ein aus dem Syrischen

übertragenes Sammelwerk über die spezielle Pathologie und Therapie,

der ~Aggregator~ des (älteren) •Serapion•.

[44] Wir gebrauchen hier, wie im folgenden, vorzugsweise die

im abendländischen Mittelalter aufgekommenen Autorennamen

und Büchertitel und erwähnen fast nur jene ärztlichen

Schriftsteller, welche eine über den arabischen Kulturkreis

hinausgehende Bedeutung erlangt haben.

[45] Die Isagoge des Johannitius, nach dem Muster der galenischen

verfaßt, gehört zu den, am frühesten ins Lateinische übersetzten

Schriften.

So spärlich das Material ist, im Verein mit Zitaten späterer Autoren,

gewährt es doch genügenden Einblick in das Wesen, in die Bestrebungen

und Leistungen der erwachenden arabischen Medizin. Syro-Perser und

Araber, die einen als Erben alter Traditionen und Forschungsmethoden,

die anderen als gelehrige Schüler, betrachteten die ärztlichen

Meisterwerke der Griechen, insbesondere aber ~Galen~[46], als

untrügliches Orakel und richteten ihr eifriges Bemühen nur darauf,

das in den Grundlagen und im Aufbau scheinbar vollkommene Lehrgebäude

einerseits durch ~neue praktische~ (namentlich therapeutische)

~Erfahrungen~ auszuschmücken, anderseits durch ~logische Methoden~

und ~mathematisch-naturwissenschaftliche Entlehnungen~ zu stützen.

[46] resp. den Kanon der galenischen Schriften vgl. S. 128.

In der philosophischen Atmosphäre des Abbassidenhofes galt es

als ein dringendes Erfordernis, alle Wissenszweige und daher auch

die Medizin rationalistisch zu begründen, vom Standpunkte der

aristotelischen Logik zu bearbeiten. Wie über die Grundlagen der

Glaubens- und Pflichtenlehre, so wurde auch, anknüpfend an Galen,

in gelehrten Sitzungen darüber disputiert, ob die Medizin auf

Ueberlieferung, Erfahrung oder Vernunfterkenntnis beruhe, ob sie aus

mathematisch-naturwissenschaftlichen Prinzipien logisch deduziert

werden könne. Der Arzt sollte die „Naturen” der Nahrungs-, Genuß-

und Heilmittel, die Mischungen des Körpers, die Einwirkungen der

Gestirne kennen, er sollte beim Alchemisten in die Schule gehen,

nach ~logisch-mathematisch-naturwissenschaftlichen~ Grundsätzen seine

Kunst ausüben.

Neben tatsächlichen ~empirischen Fortschritten~ -- auf dem Gebiete

der ~Arzneimittellehre~ und ~Diätetik~ -- macht sich daher schon von

Anbeginn eine ~äußerst spitzfindige dialektische Bearbeitungsweise~

des gegebenen Stoffes in aristotelischer Manier, ~eine Sucht nach

Distinktionen und Klassifikationen~, aber auch eine Art von exaktem

Streben bemerkbar, welches sich freilich nur ~in Subtilitäten der

Puls- und Harndiagnostik, in präzisen Aderlaßvorschriften[47], in

Zahlenspielereien und astrologischen Deuteleien~ äußern konnte.

[47] Bei Serapion d. Ae. finden sich subtile Vorschriften über den

Ort der Aderlässe. Im Anschluß an die galenische Gefäßlehre

entwickelte sich bei den Arabern eine praktisch eminent wichtige

Lehre von der ~Wahl der Vene~, je nach dem Krankheitssitz.

Meistens wurde die •Revulsio e contrario• bevorzugt, d. h.

es wurde der Aderlaß (z. B. bei Pleuritis) nicht auf der

leidenden, sondern auf der gesunden Seite vorgenommen. Während

Hippokrates und Galen in der Regel auf der kranken Seite den

Aderlaß ausführten, machten im Altertum die ~Methodiker~ aus

der Revulsio e contrario ein Gesetz, und auch ~Archigenes~ sowie

~Aretaios~ venäsezierten gewöhnlich auf der ~gesunden~ Seite.

Die ~Isagoge~ des Hunain (Johannitius), welche während des

ganzen Mittelalters als einführendes medizinisches Lehrbuch

diente, gewährt eine knappe, mit logischer Konsequenz aufgebaute

Uebersicht des galenischen Systems, ausgehend von den ~sieben res

naturales~ [Elemente, Temperamente (Krasen, Komplexionen), Säfte,

Glieder, Kräfte, Funktionen, Pneuma], den ~sechs res nonnaturales~

[Atmosphäre, Bewegung und Ruhe, Speise und Trank, Schlafen und Wachen,

Verdauungsverhältnisse (Excreta et retenta), Affekte] und den ~drei

res praeternaturales~ [Krankheit, Gelegenheitsursachen, Symptome].

Die Schrift bildet in gewisser Hinsicht ein Analogon zur Isagoge des

~Porphyrios, dessen fünf logischen Fundamentalbestimmungen~ (vgl. S.

161) ~für die medizinische Logik maßgebend wurden~.

Eine Frucht der Distinktionssucht war die überaus komplizierte

~Lehre von den organischen Kräften~ (vgl. S. 162), welche sich schon

in der Isagoge des Johannitius ausgebildet vorfindet. Diese Lehre

beruhte übrigens auf der scharfsinnigen Analyse der physiologischen

Funktionen und fand auch auf die Pathologie Anwendung, so wurden z.

B. Atrophie oder Hypertrophie, gewisse Hautaffektionen auf Störungen

in der Funktion der ernährenden Kraft u. s. w. zurückgeführt.

~Ein klassisches Beispiel für die voreilige Anwendung der Mathematik

auf die medizinische Theorie~ bietet die Abhandlung des „arabischen

Philosophen” al-Kindi, welcher die galenische Lehre von den Qualitäten

und ~Graden~ auch auf die zusammengesetzten Arzneimittel übertrug

und mittels des Gesetzes der •geometrischen Progression• eine

exakte Rezeptverschreibung begründet zu haben glaubte. Grad ist eine

Steigerung der ersten Qualität über das Gleichgewicht (die gleiche

Mischung, temperamentum) hinaus um eine volle Distanz. Es können auch

Bruchteile von Graden angenommen werden. Im temperierten Medikament

haben wir 1 Teil Wärme und 1 Teil Kälte; im 1. Grade 2 Teile der

überwiegenden und 1 Teil der gebundenen Qualität; im 2. Grade 4 Teile,

im 3. Grade 8 Teile, im 4. Grade 16 Teile der überwiegenden Qualität.

~Die Grade der Arzneimittel bewegen sich also in geometrischer

Progression.~ Das Maß des ersten Grades ist das Doppelte, das Maß

des zweiten Grades das Vierfache der gleichmäßigen Mischung, das Maß

des dritten Grades ist das Achtfache und das Maß des vierten Grades

das Sechzehnfache der gleichmäßigen Mischung oder das Achtfache des

ersten Grades u. s. w. ~Dasselbe gilt auch von den zusammengesetzten

Mitteln.~ Macht die Quantität der kalten Mittel die Hälfte der warmen

aus, so muß das daraus zusammengesetzte Mittel warm im 1. Grade sein;

macht die Quantität der kalten Mittel den vierten Teil der warmen

aus, so ist die zusammengesetzte Arznei im 2. Grade warm; beträgt die

Quantität der kalten Mittel nur den achten Teil der warmen, so ist

die Zusammensetzung im 3. Grade warm. Folgendes Beispiel stellt eine

Mischung dar, welche im 1. Grade trocken (die Summe der trockenen

Teile ist doppelt so groß wie die der feuchten), hingegen in Rücksicht

auf Kälte und Wärme völlig gleichmäßig ist.

Arznei Gewicht Warm Kalt Feucht Trocken

Cardamom ʒj 1° ½° ½° 1°

Zucker ʒij 2° 1° 1° 2°

Indigo ʒj ½° 1° ½° 1°

Emblica ʒij 1° 2° 1° 2°

------------------------------------

ʒvj 4½° 4½° 3° 6°

al-Kindi ahnte bei dieser mathematischen Spielerei die

Proportionalität der Sinnesempfindung voraus und erregte durch

dieselbe nicht nur die Bewunderung der Zeitgenossen, sondern

beeinflußte auch die meisten späteren Autoren bis in die

Renaissancezeit. -- Es sei hier bemerkt, daß ~al-Kindi~, der die

Mathematik (worunter besonders neupythagoräische Zahlenspielereien

zu verstehen sind) als Grundlage der Philosophie bezeichnete,

selbstverständlich ein Vorkämpfer der Astrologie war, hingegen

~erklärte er die Alchemie für Schwindel~, weil es dem Menschen

unmöglich sei, dasjenige hervorzubringen, was nur die Natur allein

vermöge.

Die theoretisierende Richtung mit ihren vorgefaßten Anschauungen ließ

nur schwer eine wahrhaft unbefangene, nüchterne Beobachtungsweise

aufkommen. Durch die emsigen Uebersetzer war zwar das Wissen und

die Lehrmeinung der griechischen Aerzte sehr rasch in das arabische

Gewand gekleidet worden, aber der Geist, welcher das Größte in der

antiken Medizin geschaffen hatte, blieb zumeist unerschlossen; in

der Schule alexandrinisch-syrischer Interpretationskunst gedieh wohl

Gelehrsamkeit, kaum aber das Verständnis für den unschätzbaren Wert

selbständiger sinnlicher Erfahrung, und den freien Ausblick auf die

echt hellenische Heilkunst in ihrer edelsten Form, den Hippokratismus,

hemmte der, neben ~Aristoteles~ vergötterte ~Galen~. Nur ganz Wenige

wußten durch das Gestrüpp der Kommentare den Weg zum Meister von Kos

zu finden, keiner aber in dem Maße, wie jener Arzt, mit dem die Epoche

der mündig gewordenen arabischen Medizin überhaupt anhebt -- •Rhazes•.

~Rhazes~ wurde um 850 in Raj (einer Stadt in Chorasan, daher

der Beiname ar-Razi) geboren, betrieb daselbst philologische,

mathematische, philosophische Studien und widmete sich zunächst mit

großem Erfolge der Musik (Gesang und Zitherspiel). Erst im 30. Jahre

erwachte in ihm die Begeisterung für das Studium der Heilkunde. Er

begab sich nach Bagdad, wo er namentlich unter der Leitung des Ali

ben Sahl ibn Zein at-Tabari[48] eine ausgezeichnete medizinische

Ausbildung erwarb. In der Folgezeit war er zuerst in Raj, sodann in

Bagdad als Direktor des Krankenhauses, als Leibarzt und berühmter

Lehrer tätig, machte weite Reisen zu Studienzwecken, stand mit den

hervorragendsten Forschern in Verbindung und verfaßte mehr als 200

Schriften, welche sich nicht allein auf die Medizin, sondern auch

auf Philosophie[49], Mathematik, Astronomie, Physik und namentlich

Chemie bezogen. Wegen seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit, Erfahrung,

diagnostischer Geschicklichkeit und therapeutischer Sicherheit,

stand er bei den Fürsten und beim Volke, das den humanen Arzt

liebte, in sehr hohem Ansehen. Dem Glanz der Mannesjahre folgte

aber ein verdüstertes und verbittertes Greisenalter. ~Rhazes~ starb

erblindet[50] und (infolge allzugroßer Freigebigkeit) verarmt 923

oder 932.

[48] Sohn des jüdischen Arztes und Astronomen Zein at-Tabari (═ aus

Tabaristan).

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 23 / 76 段