~Eine sehr wichtige Rolle im Geistesleben der damaligen Zeit

spielten~ -- analog den Syrern und Persern im Orient -- ~die

spanischen Juden~, welche bis zur maurischen Eroberung unter dem

Drucke der Westgoten geschmachtet hatten und sich später durch

Einwanderung sehr vermehrten. Unter der arabischen Herrschaft

genossen sie wahre Toleranz und durften ihre Fähigkeiten frei

entfalten; manche von ihnen gelangten sogar zu hohen Staatsämtern

(Veziere, Gesandte). Vermöge ihrer linguistischen Kenntnisse eigneten

sie sich vorzüglich zu Vermittlungsdiensten in der Wissenschaft

(Uebersetzern)[22] und dank ihrer ererbten alten Kultur zeichneten

sie sich in hervorragendster Weise als Forscher auf verschiedenen

Wissensgebieten, als Aerzte, Philosophen und Dichter (Ibn Gabirol,

Jehuda Ha-Levi, Maimonides) aus. -- In schroffem Gegensatz zu den

bedeutenden Einflüssen, welche im Orient von den Nestorianern und

Syrern ausgingen, erlangten die spanischen Christen nur geringe

Bedeutung für die arabische Wissenschaft, weil der Klerus geistig

tiefer als im Osten stand.

[22] Beispielsweise leistete Abu Jusuf Chisdai ibn Schaprut, welcher

unter Abdarrahman III. und seinem Nachfolger als Finanzminister

fungierte, sehr wichtige Dienste bei der unter Leitung des

Mönches Nikolaos angefertigten Dioskuridesübersetzung.

Geringere Pflege fand die Wissenschaft in ~Aegypten~, dem jüngsten

Kalifate. Immerhin ist es bemerkenswert, daß der Fatimide Hakim

Biamrillah im Jahre 1005 zu Kairo das sogen. „Haus der Weisheit”

errichtete, d. h. eine Art von Akademie und Hochschule, die mit

einer 18 Säle füllenden Bibliothek verbunden war. Hier hielten reich

besoldete Gelehrte (Theologen, Rechtskundige, Philosophen, Philologen,

Mathematiker, Astronomen[23], Aerzte) für Studienbeflissene aller

Bekenntnisse Vorträge ab.

[23] Im Auftrage Hakims stellte Ibn Junis berühmt gewordene

Sterntafeln her.

Das „Haus der Weisheit” zu Kairo scheint nur etwa ein halbes

Jahrhundert bestanden zu haben.

Was die ~Unterrichtsverhältnisse~ anlangt, so übertraf die

islamische Epoche gerade darin alle vorhergegangenen. Ganz besondere

Aufmerksamkeit wurde schon früh dem Volksunterrichte gewidmet

-- durch Errichtung von zahlreichen Elementarschulen im ganzen

Reiche. Der Besuch begann mit dem 6. Lebensjahre (für unbemittelte

Kinder unentgeltlich); die Kenntnis des Lesens und Schreibens -- im

Anschluß an den Koran gelehrt -- war allgemein verbreitet. So wie

die Volksschulen gewöhnlich mit den Moscheen in Verbindung standen,

so wurde ursprünglich auch in den Nischen, Gängen oder in eigenen

Sälen derselben der höhere Unterricht erteilt, indem Gelehrte vor

einem Kreise von Wißbegierigen der verschiedensten Altersklassen

freie Vorträge oder Vorlesungen aus Heften über die verschiedensten

Wissensgebiete hielten; die Lehrer lebten gewöhnlich von einem

Nebenberuf (als Koranleser, Prediger, Richter, Aerzte, Kaufleute,

Handwerker u. s. w.). Erst zur Zeit des beginnenden Verfalls der

arabischen Kultur wurden durch Stiftungen oder Vermächtnisse eigene,

dem höheren Unterrichte (vornehmlich der Theologie, Rechtspflege,

Philosophie, Grammatik) dienende Anstalten, die „~Medresen~” (zumeist

an den Moscheen), errichtet, welche große Bibliotheken, Lesesäle

und Wohnräume für die Lehrer sowie einen Teil der Schüler besaßen;

sehr berühmte Schulen dieser Art befanden sich in Bagdad, Damaskus,

Nisabur, Basra, Bochara, Samarkand, Kairo, Fez und in Spanien (in

der Blütezeit gab es dort 17). Belebt wurde der Unterricht dadurch,

daß es den Zuhörern gestattet war, Fragen an den Lehrer zu richten

resp. durch Disputatorien, welche sich dem Vortrag anschlossen;

doch scheinen gerade die Medresen, im Geiste des wissenschaftlichen

Dogmatismus und der religiösen Orthodoxie, vieles zur Stagnation

des geistigen Lebens beigetragen zu haben -- was die Gelehrten

Transoxaniens voraussahen, denn bei Errichtung der ersten dieser

Anstalten (in Bagdad) veranstalteten sie zu Ehren der Wissenschaft

eine Trauerfeier. Die Studierenden ließen sich oft von ihren Lehrern

Zeugnisse über den Besuch ihrer Vorlesungen ausstellen und schriftlich

Lizenzen für eigene Lehrtätigkeit erteilen. Neben dem öffentlichen

Unterricht verlor die private Unterweisung nie an Bedeutung, ja gerade

letztere führte gewöhnlich zur höchsten Stufe des Wissens und der

praktischen Beherrschung derselben.

~Die Blüte der arabischen Kultur~, welche an Lebhaftigkeit und

Vielseitigkeit diejenige des kaiserlichen Rom (im 2. Jahrhundert), an

Umfang alle früheren übertraf, erhielt sich bis ins 11. Jahrhundert.

Späterhin wirkten die desolaten politischen Verhältnisse und der

wirtschaftliche Niedergang zersetzend[24]. Nicht wenig trugen dazu

auch die religiösen Parteiungen bei und namentlich die schließlich

triumphierende Orthodoxie[25]. ~Das 13. Jahrhundert entschied den

Verfall~: im Westen besiegelte der Fall Cordobas (1236) das weitere

Schicksal, im Osten setzte der Mongolensturm der Abbassidenherrschaft

in Bagdad ein Ende (1258) und brachte die Kultur zu einer Versandung,

aus der es kein Auferstehen gab. Doch noch jahrhundertelang nach der

Blütezeit[26] wurde Bedeutendes namentlich im maurischen Spanien,

Manches auch in Aegypten, wohin die Mongolen nicht vorgedrungen waren,

geleistet, ja selbst unter dem Zepter der Seldschuken und Mameluken

erlosch das geistige Streben nicht gänzlich[27], und ~unverweht haben

sich bis heute die zahlreichen Spuren erhalten, welche die arabische

Epoche dem Werdegang der Menschheit aufdrückte~[28].

[24] Das Arabertum, dessen Wehrkraft gesunken war, wurde im

Staatsleben im Westen von den Berbern, im Osten von Söldnern

(Seldschuken, Mameluken) zurückgedrängt. Steuerdruck,

unaufhörliche Kriege, Seuchen etc. vernichteten den Wohlstand.

[25] Die Angriffe von seiten der abendländischen Welt (Kreuzzüge)

erregten begreiflicherweise allmählich religiöse Intoleranz

und nährten die Orthodoxie.

[26] Als längst die Blüte vorbei war, besaß Bagdad noch 36

Bibliotheken, in Merw bestanden um 1200 zehn, von denen eine

12000 Bände zählte.

[27] In Persien bestanden Wissenschaft und Literatur sogar während

der Mongolenherrschaft fort. Sogar der blutige Hulagu gründete

eine großartige Sternwarte in Meraga.

[28] Der Sprachschatz der europäischen Völker und der europäischen

Wissenschaft enthält eine Fülle von Worten, welche auf die

arabische Kultur und ihre weitreichenden, nachhaltigen Einflüsse

hindeuten. Hierher gehören nicht nur zahlreiche Bezeichnungen

der Astronomie, Mathematik, Chemie, Pharmazie, des Seewesens,

des Handelsrechts u. s. w., sondern auch viele Namen von

Genußmitteln, Stoffen, Kleidungsstücken, Gebrauchsgegenständen

des täglichen Lebens etc.

Die Arbeitssumme der arabischen Epoche ist eine enorme. Kein

Hauptgebiet der Kultur ging dabei leer aus. Nach einem überraschend

kurzen Vorstadium, in welchem alles verwertet und assimiliert wurde,

was Natur und Geisteswelt entgegenbrachten, gelangten Künste[29] und

Wissenschaften, Technik und Gewerbe zu einer herrlichen Entwicklung,

von deren Intensität und Ausdehnung wir uns ohne Zuhilfenahme der

Phantasie kaum ein volles Bild machen können. ~Es gab nach langer

Unterbrechung wieder ein Fortschreiten nach verschiedenen Richtungen~,

ein äußerst reges wirtschaftliches, künstlerisches, wissenschaftliches

Leben, und trotz aller Anknüpfung an die Vorbilder der großen fremden

Vergangenheit machte sich in den Schöpfungen der Pulsschlag der Zeit,

die Eigenart der Oertlichkeit, das Denken und Empfinden der Volksseele

geltend.

[29] Unter den Künsten blühte -- da die Bildhauerei und Malerei durch

religiöse Grundsätze behindert war -- am meisten die Baukunst

(Spitzbogen, Hufeisenbogen, starke Verwendung von Stuck,

Vorliebe für Farbe und Ornament: Arabesken). Zu großartiger

Entwicklung gelangte auch die Tonkunst (Streichinstrumente),

wobei die Perser als Lehrer dienten. Die seit alten Zeiten

gepflegte Dichtkunst bereicherte in der Glanzperiode der

Kalifen ihren Stoff außerordentlich und spiegelte einerseits

Lebensfreude (Liebeslieder, Weinlieder), anderseits den

philosophischen Pessimismus wieder; später entartete sie durch

Sprachkünstelei und Ueberladenheit.

Die Erhaltung der alten und die Anlage vieler neuer ~Städte~

gab den geeigneten Boden für die Pflege der Künste des Friedens,

der bewundernswerte Aufschwung der Kultur war in hohem Maße durch

das ~Verschwinden der aristokratischen Kriegerkaste~ begünstigt;

~das Fehlen eines eigentlichen Klerus~ bewahrte die Bildung

davor, das Vorrecht eines Standes zu werden, und im befruchtenden

~Wechselverkehr~ der Völker, im ~Wettstreit~ der ~zahlreichen

Kulturzentren~ konnte der Konventionalismus niemals so sehr

erstarken, um jegliche Individualität zu ertöten. Eine ~reiche

Literatur~[30], welche sich vielverzweigt auf jedes Fach erstreckte,

ein verhältnismäßig hochentwickeltes ~Unterrichtswesen~ sicherte

die ~Kontinuität der Forschung~, ~die Verbreitung des Wissens~;

das Zusammentreffen fördernder äußerer Umstände begünstigte den

~wissenschaftlichen Betrieb~, ermöglichte die Ausführung kühngefaßter

Projekte, die ~Verbesserung der Methodik~.

[30] Die fast unübersehbare Literatur erstreckte sich auf alle

Wissenszweige und Künste (z. B. Musiktheorie), auf die

verschiedensten Gewerbe, auf die Landwirtschaft, die Kriegskunst

etc., aber auch auf Wahrsagerei, Zauberei, Taschenspielerkunst

u. s. w. Sehr wichtig waren die zahlreichen ~Sammelwerke~,

~Enzyklopädien~, ~Lexika~.

Unter den Wissenschaften blühten -- abgesehen von Theologie,

Jurisprudenz, Philologie und Geschichte[31] -- namentlich die

~mathematischen~ und ~empirischen~ Zweige, vornehmlich auf sie richtete

sich schon die Tätigkeit der Uebersetzer und nachher der Fleiß der

selbständigen Forscher. Es war nicht bloß der reine Erkenntnistrieb,

sondern auch das Utilitätsprinzip, das den Ausschlag gab, ähnlich wie

sich in der Geistesart der Wüstensöhne mit dem Eroberungsdrang kluger

kaufmännischer Sinn mischte.

[31] Die Sprachwissenschaft entwickelte sich auf nationaler Grundlage

zu vollendeter Meisterschaft. -- Die anfangs bloß annalistische

und lokale Geschichtsschreibung reifte allmählich zum

Universalismus und zur philosophischen Betrachtungsweise heran.

Ein später Vertreter der letzteren -- Ibn Khaldun (1332-1406) --

stellte gründliche Forschungen über den kausalen Zusammenhang

der geschichtlichen Geschehnisse an und rückte bereits das

soziale Leben, die gesamte geistige und materielle Kultur in

den Mittelpunkt der Betrachtung. -- Sehr sorgfältig wurde auch

die Geschichte einzelner wissenschaftlicher Zweige, einzelner

Stände, der Parteien etc. und die Biographik bearbeitet.

Namentlich in der ~Mathematik, Astronomie und Geographie~, in der

~Mechanik und Optik~, in der ~Chemie, Botanik und Mineralogie~

haben die Araber Bedeutendes geleistet und die Vorgänger durch neue

wertvolle Forschungsergebnisse überholt. Hier folgten sie den Spuren

der Alexandriner, nicht sklavisch, sondern selbständig. Reichliche

~Beobachtungen~ und ~Experimente~ führten zu einer überraschend großen

Bereicherung des überkommenen Wissensmaterials, scharfsinnige ~Analyse~

und ~Klassifikation~ sicherten die Herrschaft über die Fülle der mit

erstaunlichem Sammeleifer aufgestapelten Tatsachen. Und wie sehr man

für die Praxis aus der Theorie Nutzen zu ziehen verstand, davon zeugt

besonders die ~hochentwickelte Technik~.

Was die ~Mathematik~ anlangt, so wäre hervorzuheben, daß die

Araber das indische Ziffernsystem einführten, die arithmetischen

Grundoperationen verbesserten, die Algebra und die Trigonometrie

erweiterten (Auflösung von Gleichungen höheren Grades mit Hilfe

der Kegelschnitteigenschaften; Sinusrechnung, Tangente, Sekante).

Allgemein bekannt sind die großen Verdienste um die ~Astronomie~,

die wissenschaftliche Terminologie erinnert noch heute daran. Die

Araber vervollkommneten die Beobachtungsinstrumente (Astrolabien),

berechneten genauer die Bahn der Sonne, des Mondes, der Planeten,

die Schiefe der Ekliptik, die Jahreslänge etc., verfertigten

musterhafte astronomische Tafeln, Himmelsgloben u. a. Die arabischen

~Geographen~ (Forschungsreisen) erweiterten in sehr bedeutendem

Maße die Länderkenntnis (Innerasien, Afrika) und gaben ihrem

Wissenszweige durch die Verbindung mit Mathematik und Astronomie

größere Exaktheit[32]. Die ~Mechanik~ der festen und flüssigen

Körper (Lehre vom Schwerpunkt, vom Schwimmen u. s. w.) wurde sehr

sorgfältig bearbeitet; die arabischen Naturforscher verwendeten

äußerst empfindliche Wagen, bedienten sich des Pendels zur

Zeitmessung, ersannen neue Methoden zur Bestimmung des spezifischen

Gewichts (Pyknometer)[33]. Man verfertigte Bewegungsmaschinen,

automatische Apparate, Wasseruhren, Wasserräder, Springbrunnen

etc. Auf mathematischen, respektive physikalischen Kenntnissen

beruhend, erreichte die Baukunst, Feldmessung, Zimmermannskunst, der

Schiffbau, die Pneumatik, die Geschützkunst[34] eine hohe Stufe.

Was die ~Optik~ anlangt, so führten die Araber (durch Verwertung

geometrischer Prinzipien und auf dem Wege des Experiments) die Lehre

von der Reflexion (an sphärischen, zylindrischen, konischen Konkav-

und Konvexspiegeln) und von der Brechung der Lichtstrahlen bedeutend

weiter und benutzten die gefundenen Gesetze auch zur Beantwortung

astronomischer Fragen (Dämmerung, Höhe der Atmosphäre u. a.)[35].

Ganz besonders glänzend war der Aufschwung, welchen die ~Chemie~ --

freilich unter alchemistischen Gesichtspunkten -- nahm, teils durch

die Verbesserung und Bereicherung der Methoden, teils durch die

Darstellung neuer Stoffe[36]. Die ~Botanik~ erfuhr in ihrem speziellen

Teile einen enormen Zuwachs (~Ibn Beitar~), nebstdem wurde aber auch

die Physiologie der Pflanzen (z. B. geschlechtliche Verschiedenheit,

Saftbewegung), sowie die Geographie derselben zu bearbeiten begonnen.

Durch Heranziehung der Methoden zur Bestimmung des spezifischen

Gewichts gewann die ~Mineralogie~ (namentlich Kenntnis der Edelsteine)

an Exaktheit (~al-Biruni~). Die ~Zoologie~ (Damiri) schritt über den

Standpunkt des Aristoteles kaum hinaus.

[32] Die Werke mancher arabischer Geographen, welche jahrzehntelang

durch die Welt zogen, sind von höchstem Interesse wegen ihrer

lebendigen Schilderungen der Länder und Städte, der Volkssitten,

der Landesprodukte u. s. w.

[33] Das Aräometer benutzten bereits die Alexandriner. Durch

Bestimmung der Dichte glaubte man auch in das Wesen

alchemistischer Prozesse eindringen zu können.

[34] Es gab ein eigenes Bombardierkorps.

[35] Diese großen Errungenschaften sind dem, im Abendlande unter dem

Namen ~Alhazen~ bekannten, ~Ibn al-Haitam~ zu danken, welcher

auch als Mathematiker (Monographie über den Asymptotenbegriff

u. v. a.) und Astronom Hervorragendes leistete und sich mit

philosophischen Fragen eifrig beschäftigte. Ibn al-Haitam

stammte aus Basra und wurde von al-Hakim nach Aegypten gerufen,

um daselbst, wie er sich dessen berühmt hatte, das Steigen des

Nils (durch eine Stauwehranlage?) gleichförmig zu gestalten. Da

ihm dies aber nicht gelang, so zog er sich den Zorn des Fürsten

zu, simulierte Wahnsinn und mußte sich bis nach dessen Tode

verborgen halten. Er verdiente sich sein Brot als Abschreiber

mathematischer Texte und starb 1038. Besonders wichtig ist

seine ~Sehtheorie~, welche die griechische Irrlehre, daß vom

Auge ausgehende Strahlen das Sehen bewirken, bekämpfte.

[36] Repräsentiert wird die arabische Chemie (Alchemie) durch

~Geber~ (vgl. S. 150). Er kannte sehr genau das Wesen der

Amalgamation und Legierung, verstand die Metalle zu oxydieren,

zu sulfurieren. Der wesentlichste Fortschritt bestand darin,

daß sich, neben der bisher vorzugsweise betriebenen Chemie der

Schmelzprozesse, das Verfahren auf ~nassem~ Wege entwickelte,

mittels Anwendung der ~Salpetersäure~ (gewonnen durch Erhitzen

von Salpeter und Vitriol), der ~Schwefelsäure~ (gewonnen

durch Glühen von Alaun), des ~Königswassers~ (Zusatz von

Salmiak zur Salpetersäure, Lösungsmittel des Goldes) -- das

Altertum kannte nur die Essigsäure. Durch das Auflösen der

Metalle kam man zur allerdings unreinen ~Darstellung von

bisher unbekannten Verbindungen, namentlich von Salzen~,

wobei außer dem Destillieren auch das ~Umkristallisieren~,

die ~Sublimation~, das ~Filtrieren~ als geeignete Verfahren

dienten (auch Wasserbäder und Oefen zum chemischen Gebrauch

waren bekannt). Dargestellt wurden Höllenstein, Quecksilberoxyd,

Pottasche, Kalilauge, Natronlauge, Schwefelmilch u. v. a. -- An

die großen Leistungen der Araber erinnern viele Bezeichnungen

in der Chemie, z. B. Elixier, Alkohol, Alkali, Salmiak, Soda,

Alaun etc.

~Durch neuere Forschungen ist es sicher gestellt, daß die Araber

aus dem Osten (von den Chinesen) den Kompaß und die Papierbereitung

entlehnten, wahrscheinlich verwendeten sie auch schießpulverähnliche

Mischungen.~

Verschiedener Ansicht kann man darüber sein, welche Bahnen eine

solche Kultur wohl schließlich eingeschlagen hätte, wenn ihrer

Fortentwicklung durch den politischen Verfall und die Orthodoxie[37]

kein vorzeitiges Ende gesetzt worden wäre. ~Das tatsächlich Erreichte

läßt aber, trotzdem so viele Leistungen ihren mittelalterlichen

Ursprung fast vergessen machen, doch nur den Gesamteindruck aufkommen,

daß der immensen Arbeit zwar eine sehr beträchtliche Mehrung des

Erfahrungsmaterials, aber keine neue grundlegende allgemeine Erkenntnis

als Ertrag entsprach~, daß die Araber im Banne der späthellenischen

Forschungsmethodik verharrten und niemals die Denkstufe ihrer

Vorgänger wesentlich überschritten. Es handelte sich nicht um

eine Wiedererweckung des echten, freien Griechengeistes, sondern

bloß um eine ~kongeniale Fortführung des, durch den Neuplatonismus

angekränkelten, Alexandrinertums~.

[37] Diese wurde ganz besonders dadurch gestärkt, daß ~Berbern und

Türken~ anstatt der mehr indifferenten oder skeptischen Araber

die Hegemonie erlangten.

Mit der alexandrinischen teilt die islamische Blüteepoche Vorzüge und

Mängel, letztere noch verstärkt durch die Einflüsse des Epigonentums

und der orientalischen Geistesanlage. Daher einerseits der erstaunliche

Sammeleifer und die erfolgreiche Bearbeitung der Philologie, der

Mathematik und einzelner Zweige der exakten oder beschreibenden

Naturwissenschaft, anderseits ~der Hang zur enzyklopädischen

Vielschreiberei, die Befangenheit in aprioristischen und superstitiösen

Vorurteilen und jener verhängnisvolle Begriffsfetischismus~, welcher

mit einem durch das Sprachstudium gezüchteten Pedantismus sehr oft die

bloß logischen an Stelle der realen Zusammenhänge rückte, überhaupt

in der Dressur des formalen Denkens das Wichtigste sah.

Gleich dem Koran galt die griechische Wissenschaft als etwas

Feststehendes von zeitlosem Wert, das wohl der Erläuterung,

der Erweiterung, keineswegs aber der grundsätzlichen kritischen

Ueberprüfung bedürfe, und so fiel denn der Forschung hauptsächlich die

Aufgabe zu, das ererbte und neu erworbene Erfahrungsmaterial in ein

abgeleitetes Wissen umzuwandeln, die überkommenen Denkgewohnheiten als

Denknotwendigkeiten zu formulieren, die überlieferten Systeme durch

lückenlose Beweisführung zu stützen. Unbeschadet, daß einzelne sich

ihre Selbständigkeit wahrten, daß auch innerhalb der enggezogenen

Schranken sehr Bedeutendes geleistet wurde, ging doch eine gewaltige

Geistesenergie im Dienste der Syllogismentechnik verloren, und mancher

hoffnungsvolle Ansatz zu einer Neubegründung der Naturanschauung blieb

ungenützt, weil scharfsinnige Scheinbeweise, verwegene Hilfsannahmen

den Gegensatz zwischen den wissenschaftlichen Traditionen und den

unbefangenen neuen Beobachtungen immer wieder verwischten[38].

[38] So erhielt sich z. B. die Lehre von den vier Elementen trotz

der chemischen Fortschritte.

Den Widerstreit zwischen Theorie und Wirklichkeit einzugestehen,

dazu gebrach es an Mut, und der platte Rationalismus fand einen umso

größeren Spielraum, weil jene produktive Phantasie fehlte, welche,

hinwegsetzend über das Herkömmliche, auch in der Naturforschung

zu dem wahrhaft Großen hinleitet. Wie die arabische Poesie kein

Drama hervorbrachte, wie die arabische Kunst am Dekorativen haften

blieb, so schwang sich auch die arabische Wissenschaft, trotz aller

vorbereitenden Kleinarbeit, zu neuen umwälzenden Erkenntnissen

nicht auf, sie stellt einen geistigen Verdauungsprozeß dar -- keinen

Zeugungsprozeß.

Den besten Beweis dafür, daß der Autoritätsglaube die freie Gestaltung

fesselte und daß zwischen dem Scharfsinn und dem Tiefsinn zu Ungunsten

des letzteren ein Mißverhältnis bestand, bietet die arabische

Philosophie, welche zwar Jahrhunderte zuvor dieselben Probleme

behandelte, die später das Abendland beschäftigten[39], aber niemals

zur Selbständigkeit heranreifte. Auch die Größten im Reiche des

abstrakten Denkens -- im Osten ~Avicenna~, im Westen ~Averroës~ --

durchwanderten nur ein Land, das andere vor ihnen entdeckt hatten.

[39] Eines der Hauptprobleme war der sogenannte Universalienstreit,

d. h. die Frage, ob die allgemeinen Begriffe, Gattungen und

Arten etwas Wirkliches oder bloße Gedanken seien. Angeregt

wurde dieses Problem durch die Isagoge des (neuplatonischen und

als Vorkämpfer des Vegetarianismus interessanten Philosophen)

Porphyrios (vgl. S. 31), in welcher die fünf Begriffe

(Universalia) γένος, διαφορά, εἶδος, ἴδιον und συμβεβηκός

═ Gattung, Wesensverschiedenheit, Art, Proprium, Accidens

abgehandelt werden. Die Isagoge (Εἰσαγωγὴ περὶ τῶν πέντε

φονῶν), eine Einleitung zum aristotelischen Organon, diente

jahrhundertelang als Lehrbuch der Logik.

Die arabische Philosophie geht von den aristotelisch-neuplatonischen

Vorstellungen der späteren Alexandriner aus und nähert sich zusehends

einer mehr nüchternen Spekulation im Sinne der Peripatetik. Im Osten

wird dieser Weg durch die Systeme des ~al-Kindi~, ~al-Farabi~ und des

~Avicenna~ bezeichnet; nach diesem verflüchtigt sich die Philosophie

in Mystik -- ~Ghazzali~ -- oder verdorrt in formaler Logik. Die

Philosophie des Westens zeigt schon im Beginn ein rationalistisches

Gepräge -- ~Avempace~, ~ibn Tofaïl~ (~Abubacer~)[40] -- um im

Intellektualismus des ~Averroës~[41] zu enden. Sehr bedeutenden, ja

weit tieferen Einfluß als auf die muhammedanische Welt übten diese

philosophischen Strömungen zunächst auf das Judentum (~ibn Gabirol~,

~Maimonides~ u. a.), wo geradezu eine Verquickung der Religionslehre

mit aristotelischen Philosophemen stattfand.

[40] Er suchte im Gewande eines Romans „Hai ibn Jakzan” zu zeigen,

daß der Mensch, ganz abgesehen von aller Offenbarung, im stande

sei, zur Erkenntnis der Natur und Gottes zu gelangen. Ibn Tofaïl

war Vezier und Leibarzt.

[41] Averroës betrachtete den Aristoteles als die höchste

Inkarnation des, einem Sterblichen überhaupt erreichbaren,

Wissens und setzte es sich daher zur Aufgabe, die vielfachen

Mißverständnisse der früheren Erklärer zu beseitigen, die Lehre

des Stagiriten, richtig erfaßt, darzustellen. Averroës sah die

Welt als einen streng an den Kausalnexus gebundenen, ewigen

Werdeprozeß an, durchdrungen von der Gemeinvernunft, welche

Erkenntnis schaffend in die Seele des Menschen hineinleuchtet;

er lehrte die Vergänglichkeit alles Individuellen.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 22 / 76 段