Koran übertragen worden sein -- eine systematische, allmählich
alle Wissenszweige umfassende, Uebersetzertätigkeit großen Stiles
entfaltete sich erst, als kulturfreundliche Abbassiden, hauptsächlich
von ihren Leibärzten inspiriert, das Unternehmen mit reichen Mitteln
förderten, für die kostspielige oder nur auf diplomatischem Wege
mögliche Erwerbung der Originalhandschriften Sorge trugen und zur
Ausführung eigene Gelehrtenkommissionen bestellten; begreiflicherweise
erweckte das, von den Fürsten gegebene, Beispiel sehr bald unter den
Großen des Reiches ein den gleichen Zwecken dienendes Mäcenatentum.
Dauernd bewahrt die Geschichte in diesem Sinne die Erinnerung an die
Abbassiden ~al-Mansur~ (754-775) und ~Harun ar-Raschid~ (786-809), an
die hochgestellte Familie der ~Barmekiden~; das herrlichste Denkmal
setzte sich aber als Gönner der Wissenschaft der Kalif ~al-Mamun~
(813-833), welcher die größte Menge von Schriften zusammenbringen ließ
und ein förmliches, unter Leitung der angesehensten Gelehrten stehendes
Uebersetzungsinstitut errichtete, dessen imponierende Leistungen einen
gewaltigen Wissensstoff weithin verbreiteten. Auch von den Nachfolgern
dieses Fürsten -- besonders den Kalifen ~al-Mutassim~, ~al-Mutawakkil~
und ~al-Mutadhid~ -- begünstigt, zog sich die Uebersetzertätigkeit
fort, um vom Beginne des 10. Jahrhunderts an der Kommentierung und
freieren Bearbeitung des zugänglich gewordenen Bildungsmaterials Platz
zu machen.
Neben griechischen Schriften, welche die Hauptmasse ausmachten und
in der ersten Zeit auf dem Umweg über das Syrische, später direkt
aus dem Original übertragen wurden[8], fand auch die persische und
indische Literatur Berücksichtigung; was den Inhalt betrifft, so
kamen -- entsprechend den praktischen Zwecken -- anfangs namentlich
medizinische, mathematische, astronomische und geographische Werke
in Betracht, im weiteren Verlaufe aber auch philosophische und
naturwissenschaftliche[9].
[8] Die Uebersetzungen wurden oftmals erneuert; in dem Maße, als man
auf das Original zurückging, und die arabische Sprache durch
wissenschaftliche Technizismen bereichert wurde, schwand die
anfängliche Fehlerhaftigkeit.
[9] Die wichtigsten der übersetzten philosophischen Autoren waren:
Aristoteles, Platon, Theophrastos, Nikolaos von Damaskos,
Alexandros von Aphrodisias, Plotinos, Porphyrios, Themistios,
Jamblichos, Proklos. Die Mathematiker und Physiker sind
besonders repräsentiert durch Euklid, Archimedes, Apollonios
von Pergae, Diophantos, Pappos, die Astronomen durch Hipparchos
und Ptolemaios.
Aus der langen Reihe der Uebersetzer -- arabische
Quellen zählen etwa hundert auf -- ragen in Bezug auf das
medizinisch-naturwissenschaftliche Schrifttum ~Jahja ben Māsawaih~
(„~Mesue~”), ~Hunain ben Ischak~ („~Johannitius~”), dessen Neffe
~Hubaisch ben el Hasan~, der Sabier ~Thâbit ben Kurra~ aus Harran und
~Kosta ben Luka~ besonders hervor.
Von medizinischen Autoren wurden alle bedeutenderen ins Arabische
übertragen, namentlich aber Hippokrates, Dioskurides, Archigenes,
Rhuphos, Galenos, Oreibasios, Philagrios, Alexandros von Tralleis,
Paulos von Aigina. ~Die arabischen Uebersetzungen sind noch gegenwärtig
von großer Bedeutung, teils aus textkritischen Gründen, teils
deshalb, weil sie manche der großen Lücken in der antiken Literatur
ausfüllen[10].~
[10] Beispielsweise befand sich von den anatomischen Schriften Galens
weit mehr im Besitze der Araber, als auf uns gekommen ist. Die
kolossale Lücke im Original der ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις Bücher
IX-XV wird nur durch die arabische Uebersetzung ausgefüllt. Seit
kurzem liegt uns dieselbe in deutscher Uebertragung vor: Sieben
Bücher Anatomie des Galen, zum ersten Male veröffentlicht nach
den Handschriften einer arabischen Uebersetzung des 9. Jahrh.
n. Chr., ins Deutsche übertragen und kommentiert von Dr. med.
Max Simon, 2 Bde., Leipzig 1906. Es bedarf keines besonderen
Hinweises, wie sehr diese verdienstvolle Publikation unsere
bisherigen Kenntnisse über die galenische Anatomie erweitert.
Die ersten Abbassiden -- namentlich al-Mamun[11] -- erwarben eine
Menge von Handschriften wissenschaftlicher Werke durch Ankauf oder
erbaten sich wertvolle Manuskripte vom byzantinischen Kaiserhofe; von
Harun ar-Raschid wird erzählt, daß er eine Anzahl in griechischen
Städten erbeutete, von al-Mamun, daß er die Auslieferung solcher
literarischer Schätze zur Friedensbedingung machte. Am frühesten
(unter al-Mansur und Harun ar-Raschid) wurden die Elemente des
Euklid, der „Almagest” des Ptolemaios, die Physik des Aristoteles
und medizinische Schriften übersetzt, bei welch letzteren die
syrische Vorarbeit (Nestorianer) gute Dienste leistete. Außer
griechischen Werken übertrug man auch persische und indische
Schriften ins Arabische; von den indischen[12] waren (abgesehen von
der Sammlung indischer Tierfabeln) die mathematisch-astronomischen
und medizinischen (Charaka, Susruta) am wichtigsten; manche der
angeblich aus dem Indischen oder Chaldäischen übersetzten Werke, z. B.
die Schrift Schanaks über die Gifte und die beiden von Ibn Waschija
veröffentlichten chaldäischen Schriften über (die nabatäische)
Landwirtschaft resp. über Gifte, scheinen nach neueren Forschungen
zusammengestoppelte Falsifikate zu sein, denen freilich zum Teil alte
indische resp. babylonische Quellen zu Grunde lagen.
[11] Der hervorragende Bildungssinn dieses Kalifen, dem im Gegensatze
zu seinen Vorgängern al-Mansur und Harun neronische Anlagen
fremd waren, steht vielleicht damit im Zusammenhang, daß er
als Sohn einer Perserin geboren wurde.
[12] Als Uebersetzer wird z. B. der indische Arzt Manka genannt,
der den Kalifen Harun ar-Raschid erfolgreich behandelte.
Außer den Kalifen förderten auch die Wesire und hochstehende,
reichbegüterte Männer durch Geldmittel die Uebersetzertätigkeit, so
z. B. einzelne der Barmekiden, der ~Bachtischua~, die drei Söhne des
Musa ben Schakir, Muhammed, Ahmed und el-Hasan u. a.
Als Uebersetzer fungierten zumeist Syrer (darunter besonders
Nestorianer und Sabier), Perser, Griechen, Juden, die meisten
derselben übten den ärztlichen Beruf nebenbei oder ausschließlich
aus. ~Nicht zum mindesten war es gerade die Heilkunde, wegen welcher
die Kalifen der Sache so lebhaftes Interesse zuwandten.~
Eine Hauptanregung für die Uebertragung medizinischer Texte ins
Arabische ging zuerst von dem Nestorianer ~Dschordschis~ (Georg)
~ben Dschabril~ (Gabriel) ~ben Bachtischua~ aus, welcher dem Kalifen
al-Mansur als Arzt diente und selbst einige Schriften übersetzt haben
soll; als Förderer von Uebersetzungen machte sich auch sein Enkel
Dschabril ben Bachtischua, Leibarzt des Harun ar-Raschid, verdient.
In der Epoche von Harun bis al-Mutawakkil war der berühmte „Mesuë” ═
~Jahjah ben Māsawaih~ mit der Sammlung und Uebersetzung griechischer
Werke beauftragt. ~Die großartigste und vielseitigste Tätigkeit als
Uebersetzer entfaltete Hunain ben Ischak~, der Leibarzt des Kalifen
al-Mutawakkil. Ueber gründlichste Kenntnis des Syrischen, Arabischen
und Griechischen verfügend, lieferte Hunain einerseits selbst eine
erstaunliche Zahl korrekter Uebersetzungen (~hippokratischer~,
~galenischer Schriften~, ~Anatomie der Eingeweide aus Oreibasios~,
~7 Bücher des Paulos~), anderseits revidierte und verbesserte er die
von anderen gemachten Uebersetzungen (z. B. Uebertragung galenischer
Schriften des Isa ben Jahja, die Dioskuridesübersetzung des Stephanos,
Sohn des Basilios). Er ermunterte auch jüngere Leute, besonders seine
Söhne und seinen Neffen ~Hubaisch ben al-Hasan~ zu gleicher nützlicher
Arbeit. Der letztgenannte wirkte neben ihm als Hauptübersetzer
galenischer Schriften. Die Zahl der medizinischen Uebersetzer, welche
außer diesen wichtigsten erwähnt werden, ist sehr beträchtlich.
Hunain und sein Sohn Ischak widmeten sich auch der Uebersetzung
philosophischer und mathematischer, astronomischer, physikalischer
etc. Werke; auf diesem Gebiete zeichneten sich ganz besonders aus:
~al-Hadschadsch ben Jusuf ben Matar~, ~Jahja ibn el Batrik~, ~der
Sabier Thabit ben Kurra (Arzt und Astronom des Kalifen el-Mutadhid)~,
~Kosta ben Luka (Arzt aus Baalbek)~ u. a.
Daß die Araber bei ihrem Uebersetzungseifer die dichterischen
und historischen Werke der Antike außer acht ließen, erklärt sich
einfach daraus, daß Poesie und Geschichtschreibung bei ihnen zur
selbständigen Entwicklung gekommen waren und daher keine Sehnsucht
nach fremden Quellen erwachen ließen. Religion einerseits, starkes
Nationalgefühl anderseits beraubte sie der Empfänglichkeit für die
erhabensten Emanationen des antiken Geistes, machte sie verständnislos
für die griechische Kunst und die griechische Dichtung. Wer in diesen
Elementen die unersetzliche Grundlage wahrer Kultur erblickt, mag
dies beklagen, aber daraus, wie es von manchen Autoren geschieht,
einen gehässigen Vorwurf der Minderwertigkeit zu schmieden, sollte
einer objektiven Geschichtsauffassung ferne liegen.
Durch die mit beispielloser Hingebung geförderte, zielbewußt und
systematisch durchgeführte Uebersetzertätigkeit wurde den Arabern
schon im Laufe des 9. Jahrhunderts eine erstaunlich große, in der
Folgezeit stetig wachsende Summe von Wissen zugeführt, und während
sonst überall die Studien noch schlummerten oder gänzlich verkümmerten,
erlebte die antike Bildung im Irak eine glänzende Wiedergeburt.
Mit jugendfrischer Wißbegierde las man in Bagdad aristotelische und
platonische Schriften, gestützt auf Euklid und Ptolemaios trieb man
dort Mathematik und Astronomie, mit Hippokrates und Galen als Führern
trat man ans Krankenbett!
Doch verfehlt wäre die Annahme, daß sich diese Frühepoche arabischer
Kultur lediglich mit sklavischen Uebertragungen begnügt hätte und ohne
freiere Gestaltungen ganz in blinder Gefolgschaft, in widerspruchsloser
Verehrung der fremden Meister aufgegangen wäre. Wohl verbreitete
die gleichsam neu entdeckte Geisteswelt ihren blendenden Glanz, dem
sich keiner zu entziehen vermochte, doch gerade der Kontakt mit dem
überlegenen griechischen Denken entzündete die eigene Intelligenz,
und die außerordentliche Mannigfaltigkeit der aus West und Ost
zuströmenden, oft gegensätzlichen Bildungselemente schärfte die
Kritik. Bald richtete der eroberungslustige, hochgemutete, zur
Assimilation eminent befähigte Volkscharakter sein Streben dahin, das
von außen Empfangene durch Verarbeitung und zweckentsprechende innere
Weiterbildung in nationalen Eigenbesitz zu verwandeln. Freilich konnten
sich selbständige Leistungen anfangs nur sehr vereinzelt und bloß auf
wenigen Gebieten hervorwagen, doch schon im 2. und 3. Jahrhundert der
Hidschra fehlte es der islamischen Welt nicht gänzlich an Männern,
welche durch ihr reges Schaffen die frohe Botschaft verkündeten,
daß ~Bagdad die Rolle Alexandrias~ nicht ohne berechtigte Hoffnung
übernommen hatte.
Der Uebergang vom bloßen Uebersetzen zur paraphrastischen
popularisierenden Darstellung vollzog sich rasch, und schon das
~Kommentieren~ der Texte erweckte eine mehr selbständige, den
Zeitverhältnissen und dem Volksgeist Rechnung tragende Gedankenarbeit.
Nicht nur eine, mit wahrem Bildungsfanatismus aus den Quellen
schöpfende, ~Polyhistorie~[13] kennzeichnet die Glanzepoche der
Abbassiden, sondern selbst ~humanistisch~ gefärbte Strömungen
machten sich geltend, und bei den Versuchen zur Versöhnung von
Wissenschaft und Glauben durfte die ~philosophische Spekulation~
wenigstens vorübergehend einen Aufflug nehmen, der sogar vor sehr
kühnen Folgerungen nicht zurückzubeben brauchte[14] -- freilich die
nach al-Mamuns Tode leise beginnende, am Ausgang des 9. Jahrhunderts
bereits mächtig erstarkte und vom Kalifenhofe fortan begünstigte,
orthodoxe Reaktion wußte der Gedankenfreiheit nur allzu bald wieder
Zügel anzulegen. Von größter Tragweite aber wurde es, daß in den
gelehrten Kreisen Bagdads neben den theologisch-philosophischen,
~neben den philologisch-literarisch-historischen Studien, die
mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer~ eine sehr intensive
und dauernde Pflege fanden, und daß man gerade auf diesen Gebieten,
trotz steter Anlehnung an die Errungenschaften der Alten, daran ging,
das Ueberkommene durch neue Ideen, Beobachtungen und Erfahrungen
weiterzuführen. Freilich hatte bereits im 8. Jahrhundert der große
~Geber~[15] den Weg gewiesen, auf dem der arabische Genius seine
größten Triumphe feiern sollte -- aber erst in Bagdad, wo sich
hervorragende Meister zu gemeinsamer Arbeit verbanden, wo die Mittel zu
wissenschaftlichen Untersuchungen[16] freigebig flossen (z. B. Gründung
von Sternwarten), konnte der nüchternen, mit Zahl, Maß und Gewicht
hantierenden, auf Beobachtung gestützten, vom Bekannten stufenweise zum
Unbekannten aufsteigenden Forschung eine genügende Menge von Jüngern
gewonnen werden.
[13] Der glänzendste Repräsentant der Polyhistorie war im 9.
Jahrhundert der „arabische Philosoph” ~al-Kindi~.
[14] Unter dem Kalifen al-Mamun wurde das rationalistische (auch die
Atomenlehre vertretende) System der Mutaziliten sogar staatlich
anerkannt.
[15] Der im Abendlande unter diesem Namen bekannte Großmeister der
Alchemie hieß ~Dschabir ben Hajjan es-Sufi~ und lebte um die
Mitte des 8. Jahrhunderts in Kufa; er stammte vielleicht aus
dem Kreise der Sabier (Harran) und war Schüler des sechsten
Imam der Aliden Dschafer es-Sadik, welcher sich wegen seiner
Kenntnisse in der Astrologie, Alchemie etc. großen Ruf erworben
hatte.
[16] Es sei hier nur erwähnt, daß unter al-Mamun die Messung eines
Breitengrades zur Bestimmung des Erdumfangs ausgeführt worden
ist.
Für die Verbreitung der Bildung sorgten ~Schulen~ und reichhaltige
~öffentliche Bibliotheken~[17]. Den Austausch der Ideen vermittelten
gelehrte Vereinigungen. Der äußerst rege Verkehr[18], welcher
zahlreiche Lernbegierige nach der Metropole führte, erleichterte das
rasche Bekanntwerden neuer Schriften und geistiger Errungenschaften.
[17] Bücherliebhaberei gehörte zu den noblen Passionen, es gab eigene
Büchermärkte, und nicht wenige, welche Neigung und den nötigen
Fonds besaßen, legten sich Privatbibliotheken an, die zuweilen
hinter den öffentlichen nicht gar weit zurückgeblieben sein
sollen.
[18] Gute Straßen, Brücken, Karawanen, Herbergen, Brunnen etc.,
begünstigten das Verkehrsleben im ganzen Reiche; die Aufhebung
der Binnenzölle gewährleistete Freizügigkeit. Für die Schiffahrt
wurde durch Hafenanlagen gesorgt.
Der Reisedrang, durch die gewaltige Ausdehnung der arabischen
Herrschaft angeregt, war sehr verbreitet, er entsprang nicht
bloß religiösen Momenten (Pilgerzüge) oder Handelsinteressen,
sondern auch reiner Wißbegierde. Soll doch schon ein Ausspruch
Muhammeds gelautet haben: „Wer sein Haus verläßt, um der
Wissenschaft nachzuforschen, der wandelt auf dem Pfade
Gottes bis zu seiner Heimkunft.” Das Bewußtsein, überall
im weiten Reiche auf Kenntnis der arabischen Sprache, auf
Gesinnungsgenossen, auf gastfreundliche Aufnahme rechnen
zu können, ließ auch die weitesten Entfernungen überwinden,
wenn es galt, neue Kenntnisse zu erwerben, berühmte Lehrer zu
hören. „Durchwanderer aller Zonen” war ein Ehrentitel. Ganz
besonders kam dieser wissenschaftliche Reisetrieb der Erdkunde
zu gute -- einem Gebiete, auf welchem die Araber wahrhaft
Großes geleistet haben. Der vollendetste Typus eines solchen
Forschungsreisenden, der durch Beobachten und Nachfragen, nicht
durch Traditionsglauben und reine Vernunftschlüsse das Leben
seiner Zeit kennen lernen wollte, war der Geograph Makdisi
(10. Jahrhundert), welcher nur Selbstgeschautes beschrieb und
sein Wanderleben folgendermaßen schildert: Ich habe allgemeine
Bildung und Pflichtenlehre unterrichtet, bin als Prediger
aufgetreten und habe von dem Minarette der Moscheen den
Gebetsruf erschallen lassen. Gelehrten Sitzungen und frommen
Uebungen habe ich beigewohnt. Ich habe Suppe mit den Sufis,
Brei mit den Mönchen und Schiffskost mit den Matrosen gegessen.
Ich ging mit den Einsiedlern des Libanon um und dann wieder
lebte ich am fürstlichen Hofe. Kriege habe ich mitgemacht, auch
saß ich gefangen und wurde als Spion in den Kerker geworfen.
Mächtige Fürsten und Minister gaben mir Gehör, dann schloß ich
mich wieder einer Räuberbande an und saß als Kleinhändler auf
dem Markte.
Bagdad bewahrte jahrhundertelang seinen Ruhm als Brennpunkt des
geistigen Lebens, aber wie ein breiter Strom, in viele Arme geteilt,
ergoß sich die Bildung von dort allmählich auch in die Provinzen bis in
den äußersten Osten (Samarkand); selbst in Gegenden, wo heute wieder
tiefste Unkultur herrscht, entstanden vorübergehend Pflegestätten der
Wissenschaft -- als Abglanz der Kalifenstadt.
Ursprünglich aus dem Mäcenatentum der Abbassiden hervorgegangen, war
doch glücklicherweise der Fortbestand und die Weiterentwicklung der
arabischen Kultur nicht ausschließlich von der Machtstellung der in
Bagdad thronenden Kalifen abhängig. Während diese durch den Abfall
ehrgeiziger Statthalter auf einen immer enger begrenzten Besitz
beschränkt wurden und, die faktische Herrschergewalt an Söldnerführer
(Bujiden, Seldschuken) verlierend, schließlich zu Schattenfürsten
mit geistlichem Nimbus herabsanken, erhielt sich das Geistesleben
noch jahrhundertelang in voller Frische, ja gerade die Zersplitterung
des Reiches in zahlreiche selbständige Sonderherrschaften wirkte
fördernd, indem manche der neuen Dynastien, mit den Abbassiden und
untereinander wetteifernd, allerdings in sehr verschiedenem Ausmaße,
künstlerische und wissenschaftliche Bestrebungen unterstützten,
Gelehrte heranzogen[19], Unterrichtsanstalten und Bibliotheken
gründeten, so die Samaniden in Bochara, die Ghasnawiden in Ghasna, die
Bujiden in Persien, die Hamadaniden in Aleppo und Mosul, die Aglabiden
in Kairowan, die Idrisiden in Maghrib u. a.
[19] Ein Fürst beneidete den anderen um besonders hervorragende
Gelehrte; manche von diesen zogen bald flüchtig, bald unter
sicherem Geleit von Hof zu Hof.
Mit der in Bagdad erklommenen Höhe kann sich aber nur jene messen,
welche in Andalus in dem völkerdurchmischten ~Spanien~ erreicht wurde,
wo die Araber seit 711 festen Fuß gefaßt hatten; ein Jahrhundert später
als im Oriente aufstrebend, lief die Entwicklung der arabischen Kultur
an den Ufern des Guadalquivir parallel mit der am Euphrat und Tigris,
um schließlich sogar die Errungenschaften des Mutterlandes in mancher
Hinsicht zu überbieten.
Den Keim zu einer solchen Entfaltung legte der Zeitgenosse al-Mansurs,
der Omajjade Abdarrahman, welcher allein dem von den Abbassiden
angerichteten Blutbade entronnen war und in Cordoba das Banner der
Unabhängigkeit aufgepflanzt hatte; Weisheit und Milde mit siegesstolzer
Tapferkeit vereinend, schmückte dieser Fürst die Residenz mit
herrlichen Bauwerken und suchte den Glanz abbassidischer Kultur über
seinem Reiche zu verbreiten[20]. Dem vom Ahnherrn gegebenen Beispiele
folgend, förderten die tatkräftigen Herrscher aus dem Hause der
spanischen Omajjaden (755-1031) mit höchst anerkennenswertem Eifer und
lang nachwirkendem Erfolge sowohl die materielle Wohlfahrt des Landes,
als auch die geistigen Bestrebungen und künstlerischen Leistungen;
namentlich unter ~Abdarrahman~ III. (912-961) und ~Hakam~ II. (961-976)
brach ein wahrhaft goldenes Zeitalter an, wurde die Kalifenstadt
~Cordoba~ das Bagdad des Westens, der Sitz höchster Bildung und
erlesenster Kunstpflege, eine Sammelstätte reicher Bücherschätze,
ein Mittelpunkt wissenschaftlichen Strebens, eine Hochschule für
Tausende von Lerneifrigen. Auch in anderen großen Städten entwickelte
sich, seit dem ~10. Jahrhundert~, getragen von Arabern, Berbern,
Juden und Mozarabern, ein blühendes Kulturleben, welches fortan dank
seiner inneren Kraft die Zerrüttung, die Machteinbuße, ja sogar die
Zertrümmerung des Reiches überdauerte und bis ins 13. Jahrhundert
immer wieder aufs neue fürstliche Förderung empfing.
[20] Wie ein Symbol nimmt es sich aus, daß er auf spanischem Boden
die erste Palme pflanzte -- ein Ereignis, das in einer,
von ergreifender Sehnsucht nach Bagdad erfüllten, Elegie
verherrlicht wurde.
Die arabische Kultur Spaniens wird auch als maurische bezeichnet,
weil die überwiegende Masse ihrer Träger aus Berbern zusammengesetzt
war. Indessen ist daran festzuhalten, daß das Arabertum geistig
den größten Anteil daran hatte. Cordoba blieb mit Bagdad durch ein
geistiges Band verknüpft, wenn die Kultur in Andalus auch infolge
der Einflüsse der Landesverhältnisse oder der Rasse, namentlich
aber infolge der Beziehungen zu den christlichen Spaniern einen mehr
abendländischen Charakter erhielt.
Unter dem Zepter der fast ausnahmslos trefflichen Herrscher aus
dem Hause der Omajjaden erlebte Spanien eine noch nicht wieder
erreichte Blüte durch die Hebung der Landwirtschaft (Einführung von
Nutz- und Zierpflanzen aus Asien und Afrika), der Viehzucht, des
Bergbaues, der Gartenkunst, der Bewässerung u. s. w., durch die
Förderung des Handels (Anlage von Landstraßen) und der Industrie
(Weberei, Stickerei, Färberei, Glasarbeit, Töpferei, weltberühmte
Lederindustrie, Schmiedekunst u. a.). In regster wirtschaftlicher
und geistiger Verbindung mit der hochentwickelten Kultur des Ostens
(über das Maghrib und Aegypten) genoß das maurische Spanien alle
Vorzüge, ohne dabei unter dem despotischen Druck des Orients leiden
zu müssen -- eine günstige Lage, die mit derjenigen Griechenlands in
der alten Welt einige Analogien besitzt; die Nähe stets kampfbereiter
Feinde stählte die Tatkraft, die größere Milde des Klimas ließ
neben kaltem orientalischen Ernst auch heitere Anmut aufkommen --
Geisteseigenschaften, die in der spanisch-arabischen Kultur nicht
ohne Ausdruck blieben. Der wirtschaftliche Aufschwung begünstigte
Kunst und Wissenschaft. Noch heute bezeugt die von späten Epigonen
errichtete Alhambra die einstige Pracht der Baukunst, die Reste der
feinsinnigen Poesie erregen das Entzücken der Kenner. Die Wissenschaft
stand wohl an Frühreife der morgenländischen nach, übertraf sie aber
durch Stetigkeit. Schon die ersten der spanischen Omajjaden wirkten
als Gönner der Kunst und Wissenschaft. Spanien war übrigens im 8. und
9. Jahrhundert noch gänzlich auf den Zuzug orientalischer Gelehrter,
auf die Vermittlung der Errungenschaften aus dem östlichen Kalifat
angewiesen und brachte es erst im 10. Jahrhundert zu selbständigen
Leistungen ~einheimischer~ Forscher.
~Abdarrahman~ III., welcher den spanischen Kalifat auf den Gipfel
der Macht erhob (glückliche Kriege, Gesandtschaften des byzantinischen
Kaisers Romanos, Mitregenten des Konstantinos Porphyrogennetos[21]
und des deutschen Kaisers Otto I.), förderte während seiner langen
Regierung den Wohlstand des Reiches außerordentlich, zog noch weit
mehr als seine Vorgänger Gelehrte, Aerzte, Dichter und Künstler an
sein glänzendes Hoflager; schon zu seiner Zeit hielten Gelehrte,
nach Fachwissenschaften gesondert, Versammlungen ab. ~Hakam~
II., durch eigenst zu diesem Zwecke aus Bagdad berufene Gelehrte
erzogen, suchte seinen Ruhm hauptsächlich in der Förderung von
künstlerisch-wissenschaftlichen Bestrebungen und widmete sich
selbst mit seltenem Eifer den Studien. Er zog Gelehrte aus dem
Orient durch große Belohnungen heran, nahm persönlichen Anteil an
wissenschaftlichen Streitfragen, versah die zahlreichen Schriften, die
er las, mit gelehrten Anmerkungen, ließ für riesige Summen überall
Bücher ankaufen, bereicherte die Bibliothek in Cordoba angeblich
auf mehrere Hunderttausende von Büchern und soll eine Art von
Akademie (deren Mitglieder mit Spezialforschungen über Geschichte,
Literaturgeschichte und Naturwissenschaft beauftragt wurden), sowie
eine Menge von Volksschulen (in der Hauptstadt allein 27) errichtet
haben. Nie wurde die Wissenschaft höher geschätzt!
[21] Unter den Geschenken, welche diese Gesandtschaft überbrachte,
befand sich auch ein Exemplar des Dioskurides. Auf Wunsch
des Kalifen kam der gelehrte Mönch Nikolaos nach Cordoba und
besorgte eine Uebersetzung dieses Autors.
Auch nach dem Untergang der Omajjaden, in der kalifenlosen Zeit,
blühte die Kultur und fand an den Höfen der Teilfürsten reiche
Pflege, lähmend wirkte nur die fanatische Orthodoxie der Almoraviden
und Almohaden. Im 12. Jahrhundert soll das maurische Spanien 70
öffentliche Bibliotheken und 17 höhere Lehranstalten besessen haben,
und nicht nur aus Cordoba, sondern auch aus Almeira, Murcia, Malaga,
Granada, Valencia gingen viele Schriftsteller hervor.