•Hygienisch-diätetische Schriften.• ~Ὑγιεινὰ παραγγέλματα~ ═

~Gesundheitsvorschriften~ (früher dem Asklepiades oder dem Oreibasios

zugeschrieben), ed. Bussemaker in Poetae bucolici et didactici, Paris

1851; griech. Text in 83 jambischen Versen mit lat. und deutscher

metr. Uebersetzung von v. Welz unter dem Titel „Des Asklepiades von

Bithynien Gesundheitsvorschriften”. Ein aus 21 Versen bestehendes

Fragment ~Ἀσκληπιαδῶν ὑγιεινὰ παραγγέλματα~ bei Ideler (Phys. et

med. gr. minor. I). -- ~περὶ τροφῶν~ ═ ~über die Nahrungsmittel~,

dem Kaiser Konstantinos Pogonatos (668-685) gewidmet, Fragment, ed.

Ermerins in Anecdota med. gr., Leyden 1840. -- Dem Wiener Kodex des

Dioskurides und der zweiten Aldine des Dioskurides, Venet. 1518,

beigefügt ist ein griechisches Lehrgedicht ~über die Heilkräfte der

Pflanzen~ (ed. M. Haupt im Index lectionum Berolinens, a. 1873/74).

-- ~περὶ τὰ ἐν πυθίοις θερμά~ ═ ~über die Pythischen Heilquellen~,

Gedicht des Paulus Silentiarius (ed. in Boissonade's Ausgabe des

Anakreon, Paris 1831). -- ~Aristotelis Epistola ad Alexandrum

Magnum de conservatione sanitatis~ (alte ital. Uebersetzung in F.

Puccinoti, Storia della medicina, Florenz 1870, Bd. II) geht auf

ein byzantinisches Original zurück. -- ~περὶ τῶν δώδεκα μηνῶν τοῦ

ἐνιαυτοῦ ὁποίαις δεῖ χρῆσθαι τροφαῖς ἑνὶ ἑκάστῳ αυτῶν καὶ ἀπὸ ποίων

ἀπέχεσθαι~, ed. Fr. Boissonade in Anecdota graeca, Paris 1831, Bd. III

und bei Ideler l. c. I. Aehnliche diätetisch-hygienische Vorschriften

für die einzelnen Monate existieren in zahlreichen Codices. -- Mehrere

~medizinische Kalender~ bei Ideler l. c. II. -- ~περὶ καταρχῶν~ ═ ~de

actionum auspiciis~, Gedicht des Maximus, ed. Bussemaker (in Poet.

bucolici et didactici, Paris 1851), enthält einen Abschnitt über den

Einfluß der Konstellationen und die Wahl der Aderlaßtage.

•Populäre Arzneibücher• ═ ~ἰατροσόφια~ (zumeist in

vulgärgriechischer Sprache), welche oft die Namen berühmter

Verfasser (z. B. Blemmydes, Johannes von Damaskos, Psellos) tragen,

ebenso •Schriften magisch-medizinischen Inhalts• (Astrologie,

Beschwörungsformeln, Gebete gegen bestimmte Krankheiten etc.) sind

handschriftlich in großer Menge vorhanden; vgl. hierzu K. Krumbacher,

Geschichte der byzantinischen Literatur, München 1897.

•Uebersetzungen.• ~Synesios~ übersetzte von dem Reisehandbuch

„Zad al Mosafer” des arabischen Arztes Dschafer Ahmed ben Ibrahim

el Dschezzar unter dem Titel Ἐφόδια τοῦ ἀποδημοῦντος zwei Bücher ins

Griechische; das erste handelt über Fieber (ed. St. Bernard, Amsterdam

und Leyden 1749). Eine vollständige griechische Uebersetzung wird

dem ~Constantinus Rheginus oder Memphites~ zugeschrieben. ~Georgios

Choniates~ übersetzte ein persisches Werk über Gegengifte ins

Griechische (handschriftlich erhalten).

Verpflanzung griechischer Medizin nach dem Orient durch

syrische Vermittlung.

~Syrien~ mit seiner buntgemischten, leichtbeweglichen, wegen mangelnder

Eigenkultur zur Assimilation stark hinneigenden Bevölkerung war

unter der Herrschaft der Seleukiden akut und intensiv hellenisiert

worden und galt in römischen Zeiten als eine der am meisten

kultivierten Provinzen; es besaß in seinen reichen Städten blühende

Bildungsanstalten (namentlich in Antiochia und Berytos) und gab

Männern den Ursprung, welche auf den verschiedensten Wissensgebieten

Ruhm erlangten[1]. Die hellenischen Einflüsse erstreckten sich über

die wechselnden Grenzen hinaus und kreuzten sich bisweilen wundersam

mit semitischem Geiste, wie dies namentlich die merkwürdige Kultur

Palmyras oder der mesopotamischen Stadt Harran[2] beweist.

[1] Unter ihnen waren viele Aerzte.

[2] Bei den Harraniern (Sabiern) verknüpften sich die Reste

altbabylonischer Weltanschauung mit neuplatonischen

Vorstellungen.

Die Kirche, welche seit dem Ende des 2. Jahrhunderts in Syrien festen

Fuß gefaßt hatte, beförderte auf den Wegen ihrer Missionstätigkeit

noch mehr die Expansion der griechischen Bildung nach dem Osten[3],

indem sie in Mesopotamien Schulen errichtete -- die bedeutendsten

waren in ~Nisibis~ und ~Edessa~ -- in welchen neben der Theologie auch

dem Studium der profanen Wissenschaften (Grammatik, Rhetorik, Poetik,

Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, Medizin u.a.),

teils zu den Zwecken der Exegese, teils um Vertreter verschiedener

praktischer Berufe (darunter insbesondere Aerzte) heranzubilden,

gebührende Sorgfalt zugewendet wurde. Von größter Tragweite aber war

es, daß sich in den christlichen Lehranstalten -- ausgehend von der

Uebertragung der Bibel und der Kirchenväter -- eine reiche, vielseitige

~Uebersetzertätigkeit~ entfaltete, welche seit dem 5. Jahrhundert eine

wachsende Zahl von moraltheologischen, philosophischen (z. B. Schriften

des Aristoteles in neuplatonischer Ueberarbeitung), mathematischen,

naturwissenschaftlichen und medizinischen Schriften der Griechen den

Einheimischen im Gewande der syrischen Sprache zugänglich machte[4].

Im Wetteifer der Lehr- und Uebersetzertätigkeit zeichneten sich die

heterodoxen Sekten der ~Jakobiten~ (Schulen von Kinnesrin und Rasain)

und ~Nestorianer~ (Edessa) am meisten aus. Der hervorragendste,

namentlich für die Medizin in Betracht kommende, Uebersetzer war

~Sergios von Rasain~ (Presbyter und Arzt in der ersten Hälfte des 6.

Jahrhunderts), welcher ~Werke des Hippokrates und Galenos ins Syrische

übertrug~.

[3] Vorher hatten auch die jüdischen Schulen von ~Tiberias~,

~Sepphoris~ und ~Nisibis~ die Verbreitung einer mit griechischen

Elementen durchsetzten Kultur nach dem Osten begünstigt.

[4] Als älteste Uebersetzer werden Ihiba, Pruba (Probas), Kumi (Mitte

des 5. Jahrhunderts) genannt, Lehrer von Edessa.

Religiöser Fanatismus vertrieb die nestorianischen Gelehrten im Jahre

432 vorübergehend, 489 aber dauernd, aus ihrem Hauptsitz Edessa und

zwang sie zur Flucht über die Grenzen des Byzantinerreiches nach

Persien, wo sie sich unter dem Schutz der toleranten Sassaniden als

Forscher und Lehrer frei betätigen konnten. Ihrem ersprießlichen

Wirken dankte die alte Schule von Nisibis neuen Aufschwung, und bald

entstanden auch andere Lehranstalten, unter denen die ~Akademie

von Dschondisabur~ höchsten Ruf gewann. Daselbst wurden außer den

theologischen auch philosophisch-naturwissenschaftliche Studien

betrieben und Uebersetzungen griechischer Werke ins Syrische und

Persische veranstaltet.

Griechische Kultureinflüsse machten sich in Persien[5] zwar schon

zur Zeit der Partherherrschaft geltend, ganz besonders aber waren

es die Sassaniden (seit 224 n. Chr.), welche trotz ihres strammen

Nationalsinnes die Verpflanzung hellenischer Kunst und Bildung

förderten. Wahrscheinlich kamen auch griechische Aerzte ins Land; eine

eigentliche ~medizinische Lehranstalt~ scheint jedoch erst am Ende des

5. Jahrhunderts von den Nestorianern in ~Dschondisabur~, im Anschluß an

ihre kirchliche Schule, begründet worden zu sein. Unter der Regierung

des weisen Chosrau Nuschirwan (532-579), welcher der Förderung

medizinischer und philosophischer Studien ganz besonderes Interesse

zuwendete[6], blühte die medizinische Schule von Dschondisabur empor

und wurde späterhin sogar für Jahrhunderte die bedeutendste Hochschule

des Orients; sie bildete den ~Kreuzungspunkt griechischer und indischer

Heilkunst~[7]. Die Verbindung der Anstalt mit dem Hospital erwies sich

sehr vorteilhaft für die praktische Ausbildung der Zöglinge.

[5] Auch in Persien haben jüdische Gelehrte (Schulen von ~Sura~,

~Pumbeditha~, ~Nehardea~) nicht wenig den späteren Missionären

der westlichen Bildung vorgearbeitet.

[6] Zu Chosrau Nuschirwan flüchteten die sieben Philosophen, welche

Justinian von ihren Lehrstühlen in Athen vertrieb. Als Beweis

seiner Aerztefreundlichkeit wird folgendes erzählt: Einer der

berühmtesten Praktiker seiner Zeit, Tribunos aus Palästina,

hatte den König einst mit Erfolg behandelt und war reichlich

beschenkt wieder entlassen worden. Als Chosrau aufs neue nach

dem Arzt Verlangen trug, war er gerade mit Justinian in Krieg

verwickelt. Er schloß mit dem Kaiser einen Waffenstillstand

unter der Bedingung, daß Tribunos ein ganzes Jahr bei ihm

bleiben solle. Nach Jahresfrist bat Tribunos zum Lohne für

seine Leistungen um die Freilassung einer Anzahl vornehmer

griechischer Kriegsgefangener, und der König gewährte nicht

allein diese Bitte, sondern setzte noch außerdem 3000 andere

Gefangene in Freiheit.

[7] Chosrau schickte seinen Leibarzt Burzweih (Barsudje) nach

Indien, um von dort Arzneien zu holen und medizinische Werke

zu studieren. (Burzweih brachte außerdem das Schachspiel

und die Fabeln der Bidpai mit.) -- Es scheint, daß neben

den Nestorianern zeitweilig auch Inder an der Akademie von

Dschondisabur als Lehrer tätig gewesen sind.

Als Persien unter die Herrschaft des Islam kam, verblieben die

Nestorianer trotzdem im Besitze der Schule von Dschondisabur.

Welch emsiges Streben dort geherrscht haben muß, beweist die rasche

Entwicklung der arabischen Medizin, welche gerade dieser Schule so

vieles verdankte.

Die Medizin bei den Arabern.

~Motto~:

Gottes ist der Orient!

Gottes ist der Occident!

Nord- und südliches Gelände

Ruht im Frieden seiner Hände.

Westöstl. Diwan.

Das Erlöschen eines jeden Wettstreits und der Mangel an frischen

Triebkräften hatte die Medizin in Byzanz zur Erstarrung gebracht; seit

dem 8. Jahrhundert führte sie dort trotz zeitweiligen Aufflackerns

nur mehr ein Scheinleben. Glücklicherweise war das Schicksal der

Heilkunde im Mittelalter nicht an Byzanz allein gebunden! Wie ein

spezieller Fall des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft nimmt es

sich aus, daß mit dem Sinken der geistigen Energie im Heimatlande

eine zwar an Verirrungen reiche, aber doch lebendige Entwicklung der

griechischen Heilkunst in der Fremde parallel läuft, daß die Medizin

in der inzwischen entstandenen Welt des Islam eine Stufe erreichte,

welche jedenfalls im Mittelalter unüberschritten blieb.

Der Aufschwung der Heilkunde in arabischen Landen knüpfte sich an

die Machtstellung, an die erstaunlich rasch aufschießende, üppig

blühende Kultur des Kalifenreiches, er beruhte auf der Neubelebung des

griechischen Bildungsmaterials durch den fermentartig wirkenden Geist

orientalischer Völker, die unter der siegesfrohen Fahne des Propheten

zu einem Dasein voll Regsamkeit erwacht waren. Umgeackert durch die

Pflugschar arabischer Tatkraft, ließ der alte Kulturboden Syriens,

Mesopotamiens und Persiens, Aegyptens und Indiens aus seinen frisch

gezogenen Furchen wieder eine reiche Saat emporkeimen, die wohl zumeist

dem, in verschwenderischer Fülle verstreuten, Samen griechischer

Gedanken entstammte, aber auch durch manche beigemischte Eigenart das

spezifische Erdreich nicht verleugnete.

Es entstand ein neues, griechische mit orientalischen Elementen

verschmelzendes Gebilde -- ~die arabische Medizin~, deren rasches

Aufblühen nur durch die lange vorher in den alten Kulturländern

Aegypten, Syrien, Mesopotamien und Persien geleistete Vorarbeit

erklärlich wird. ~Aber nicht bloß die Grundlegung, sondern auch der

Aufbau war nicht ausschließlich, ja nicht einmal überwiegend das

Werk der Nationalaraber.~ Zwar stellt die reiche und vielseitige

medizinische Literatur sprachlich und auch der Geistesrichtung nach,

ein einheitliches Ganzes dar, aber an ihrer Schöpfung beteiligten sich

außer den Arabern Angehörige der verschiedenen Nationen des islamischen

Weltreiches, das sich in seiner Blüteepoche vom Himalaja bis zu den

Pyrenäen, vom Schwarzen Meere bis zum Golf von Aden erstreckte.

Arabien selbst, das einer durch die gemeinsame Arbeit der Semiten,

Arier und Hamiten geschaffenen Kultur den Namen gab, blieb für die

wissenschaftliche Heilkunde ohne Einfluß; die Zentren der „arabischen”

Medizin befanden sich in den Ländern mit reicher Mischbevölkerung.

Immerhin bedeutete die Kulturmedizin den arabischen Eroberern

keineswegs etwas vollkommen Neues, denn sie hatten die Superiorität

derselben bereits früher im Heimatlande, schon in der vorislamischen

Zeit durch jüdische und christliche Aerzte kennen gelernt, welche

unter ihnen lebten und neben den eingeborenen Volksärzten, den

Vertretern einheimischer abergläubisch-empirischer Traditionen, tätig

waren. Manche Spuren weisen darauf hin, daß schon in alter Zeit hie

und da Verbindungen mit der syrischen, persischen oder indischen

Medizin angeknüpft worden sind.

Der in der Epoche Muhammeds sehr angesehene (christliche) Arzt

~el Harits ben Kalada~, aus el Taïf bei Mekka, studierte an der

Hochschule von Dschondisabur und bereiste Indien, um seine Kenntnisse

zu erweitern. Bemerkenswert ist es, daß er den Propheten in seinen

hygienisch-medizinischen Anschauungen beeinflußte, wozu er umsomehr

berufen schien, da er selbst auf Mäßigkeit und Reinlichkeit abzielende

Gesundheitsregeln verfaßte, die der arabischen Lebensweise angepaßt

waren.

Wie in den älteren Religionsurkunden, so spielen auch in den

muhammedanischen hygienisch-medizinische Dinge eine wichtige Rolle.

Der •Koran• besitzt einen, im Vergleich zum Alten Testament weit

geringeren, doch immer noch ansehnlichen hygienischen Inhalt[1] --

Vorschriften über Reinlichkeit (Waschungen), Nahrungsweise (Verbot des

Schweinefleisches, des Weingenusses), Geschlechtsleben u. s. w. --,

hingegen enthält er nur wenig, was zur Beurteilung der medizinischen

Anschauungen[2] des Zeitalters benützt werden könnte. In dieser

Hinsicht bilden die dem Propheten durch die Tradition zugeschriebenen

Aussprüche, welche als ~Medizin des Propheten~ in später Redaktion

vorliegen (vgl. Perron, Médecine du prophète, Alger et Paris 1860),

eine interessante Ergänzung; neben der einheimischen volkstümlichen

Tradition tritt darin bereits der fremdländische Einfluß zu Tage,

welcher durch jüdische und christliche Aerzte vermittelt worden

war. Der Prophet, welcher sich selbst in leichteren Fällen mit

der Behandlung Kranker abgab, legte den Gläubigen die Pflege der

Gesundheit sehr ans Herz, empfahl ihnen bei gewissen Krankheiten

Arzneien oder rationelle Heilverfahren (z. B. gegen anhaltenden

Kopfschmerz und Fieber kalte Uebergießungen und Skarifikationen[3]),

ließ unter Umständen auch abergläubische Gebräuche zu, wenn sie

dem Monotheismus nicht allzusehr widersprachen, und gewährte in

dringenden Fällen die Erlaubnis, bei Kranken von den rituellen

Gesetzen abzuweichen[4]. Das Glüheisen dient als ultimum refugium

in Krankheiten und als Blutstillungsmittel, die Behandlung der

Knochenbrüche durch Reposition und Verband ist kurz erwähnt, gegen

Biß der Schlangen oder des tollen Hundes wird Einschneiden der Wunde,

Aussaugen, Schröpfen (mit dem Horn eines Tieres) empfohlen. Männern

und Frauen ist es ausdrücklich gestattet, auch Kranke des anderen

Geschlechts zu pflegen, selbst wenn es sich um die Genitalien handelt.

Bei Ausbruch ansteckender Krankheiten wird Vorsicht empfohlen, doch

verboten, das Land zu verlassen.

[1] Seine Vorschriften fußen zum großen Teile auf den mosaischen,

unterscheiden sich aber dadurch, daß manches vereinfacht

oder den örtlichen Verhältnissen angepaßt ist, wodurch

oft vernünftige Erleichterungen, manchmal aber auch

hygienische Rückschritte erzielt wurden. Eine große Tat war

das, sonst in keinem Religionssystem mit solcher Strenge

ausgesprochene ~Verbot, berauschende Getränke zu genießen~.

-- Merkwürdigerweise ist eine der wichtigsten Zeremonien des

Islam, die Beschneidung, im Koran (im buchstäblichen Sinne)

gar nicht erwähnt.

[2] In der Krankheitsätiologie des Koran spielen jedenfalls neben

rationellen Momenten auch Satan und Dämonen eine wichtige Rolle.

[3] Widerraten ist das Schröpfen in der Nackengegend, weil es den

Verlust des Gedächtnisses, das im hinteren Teile des Gehirns

seinen Sitz habe, nach sich ziehe.

[4] Als ein Kranker dem Propheten gegenüber den Wunsch äußerte,

Schweinefleisch zu essen, gestattete es dieser und sagte: „Wenn

ein Kranker irgend etwas begehrt, muß man es ihm verschaffen.”

Als die tapfern und begabten, aber noch urwüchsigen Araber, entflammt

durch religiöse Begeisterung, im Sturmeslaufe von den reichsten

Kulturländern Besitz ergriffen, lag ihnen das Interesse für Bildung

noch gänzlich fern; in ihrem barbarischen Stolze achteten sie

die Gelehrsamkeit, das künstlerische Schaffen, den Gewerbfleiß

der Unterworfenen höchstens in dem Sinne von Dienstleistungen,

die dem waffenführenden Herrenvolke nützlich werden können. Ihr

geistiges Streben wandte sich, abgesehen von der glutvollen und

empfindungsreichen, nationalen Dichtkunst, ausschließlich dem

religiösen Schrifttum zu, woran dann allmählich das Studium der

arabischen Grammatik angeschlossen wurde, zwecks genauer Feststellung

des heiligen Textes und mit Rücksicht auf die Neubekehrten, welchen

der Koran nur im Original, nicht aber übersetzt, übermittelt werden

durfte -- ein Umstand, welcher die ~Erhebung des Arabischen zur

Literatursprache~ bewirkte.

Genährt durch den Gegensatz der Sprache und der Religion, herrschte

die Indolenz der Araber gegenüber der fremden Kultur während des

1. Jahrhunderts der Hidschra und noch darüber hinaus, umsomehr als

ohnedies die besten Kräfte teils durch die Feldzüge, teils durch innere

Wirren in Anspruch genommen waren. Wenn auch die Kalifen aus dem Hause

der ~Omajjaden~ (661-750) ihre Residenz nach Damaskus, dem Hochsitze

gräko-syrischer Bildung verlegten, die frühere Einfachheit der Sitten

mit verfeinerten Lebensformen nach dem Muster der byzantinischen

vertauschten, fremde Künstler, Gelehrte, Aerzte[5] beriefen und

ihnen Einfluß gewährten -- einer wirklich intensiven Förderung der

nichtmuhammedanischen Wissenschaft stand der religiös inspirierte

Nationalismus noch allzusehr entgegen. Zum größten Teile blieb die

Pflege der Kunst und Wissenschaft den Ungläubigen überlassen. Nur wo

praktische Interessen in Frage kamen oder der Mystizismus anlockte

-- auf dem Gebiete der ~Alchemie~ und ~Medizin~ -- machen sich

schon in dieser Epoche Spuren der Wißbegierde oder selbst ernsterer

Aneignungsversuche bemerkbar, wobei vorerst die alexandrinische

Gelehrsamkeit als Hauptquell diente. Namentlich als Förderer der

Alchemie wird der omajjadische Prinz ~Khaled ben Jezid~ genannt; um

die Verbreitung griechischer Heilkunst sollen sich ~Theodokos~ und

~Abd el Malik ben Abhar Alkinâni~ Verdienste erworben haben. Ein

jüdischer Arzt, ~Masardjaweih~ (um 683) aus Basra, übertrug die schon

in syrischer Sprache vorliegenden Pandekten des Presbyters Ahron (vgl.

S. 128) ins Arabische. Schon im Jahre 707 stiftete der kunst- und

wissensfreundliche Kalif el Welid das ~erste Krankenhaus~ und stellte

Aerzte an demselben an.

[5] ~Der Umstand, daß Muhammed selbst einen Ungläubigen zum

Arzte genommen und denselben empfohlen hatte~ (vgl. S. 143),

~erleichterte der wissenschaftlichen Medizin außerordentlich

das frühzeitige Eindringen in die Länder des Islam~.

Der Muawide Khaled ben Jezid († 704) beschäftigte sich unter

Anleitung des Mönches Marianos mit Alchemie, Medizin u. a. angeblich,

um in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit Trost für die Nichtwahl

zum Kalifen zu finden; er galt als Autor mehrerer einschlägiger

Abhandlungen.

Theodokos († 708) soll treffliche Schüler, darunter den jüdischen

Arzt Forat ben Schânâsa, herangebildet haben und verfaßte ein noch

lange angesehenes, häufig zitiertes Werk, das besonders von den

Heilmitteln und ihrer Zubereitung handelte, Kannasch (Pandekten),

wahrscheinlich das älteste medizinische Buch der arabischen

Literatur. Abdalmalik ben Abhar Alkinani (ein zum Islam übergetretener

Christ arabischer Abstammung) bemühte sich um die Verpflanzung der

alexandrinischen Medizin nach Syrien und Mesopotamien. Masardjaweih

(Masardjoje, Masardjis) schrieb auch selbständige Abhandlungen über

die Kräfte der Medizinalpflanzen und Nahrungsmittel.

Zwar entwickelten sich schon im Zeitalter der Omajjaden ~Basra~

und ~Kufa~, wo Muslimen, Christen und Juden zusammenströmten, zu

Pflegestätten wissenschaftlichen Lebens, der eigentliche Aufschwung

der arabischen Kultur erfolgte aber erst von der Zeit an, da ~die

Abbassiden~ zur Herrschaft gelangten (750), und die ebenso so rasch

ansteigende wie vielseitige Entwicklung, welche ihr unter den Kalifen

aus diesem Hause beschieden war, hängt wenigstens im Beginne damit

zusammen, daß das Nationalarabertum seinen Vorrang im Staate zu Gunsten

der allmählich entstandenen Mischrasse verloren hatte, und namentlich

die Perser, bezw. deren arabisierten Abkömmlinge, eine einflußreiche

Stellung gewannen. Der Uebergang zu großzügigen, kosmopolitischen

Tendenzen, mit dem Gefolge von höheren Formen des wirtschaftlichen und

geistigen Lebens fand seinen Ausdruck alsbald in der Verlegung der

Residenz nach ~Bagdad~, welches, auf dem Boden des Zweistromlandes

erbaut, die Traditionen altorientalischer Weltreiche verkörperte

und als Knotenpunkt aller großen Handelsstraßen Vorderasiens zum

Tummelplatz des Völkerverkehres wie geschaffen war. Von höfischem

Prunk umstrahlt, byzantinischem Kunstsinn nacheifernd und persischen

Luxus überbietend, magnetisch die Volksmassen und die Schätze aus zwei

Weltteilen an sich ziehend, wuchs Bagdad zur größten und prächtigsten

unter allen Städten empor[6]. Hier entsprangen jene mächtigen Impulse,

welche zur Gewinnung und Verwertung der Naturschätze lockten, dem

Gewerbfleiß stets neue Aufgaben stellten, den Umsatz der Produkte

durch Ausbahnung und Vermehrung der Verkehrswege beschleunigten. Aber

der Sitz einer weltgebietenden Macht, der Brennpunkt der Industrie

und des Handels, die Stätte des maßlosen Luxus und des wahnsinnigen

Genußlebens wurde auch eine Hochschule der Gelehrsamkeit[7], und nicht

minder, wie für die materielle Kultur, war auch auf dem Felde des

Geistes der Wille und Ehrgeiz der Kalifen anfangs die einzige, die

stärkste Triebfeder für die erstaunlich fruchtbare Arbeit, mittels

der man sich das kulturelle Fremdgut anzueignen wußte.

[6] In der Glanzzeit soll Bagdad 2 Millionen Einwohner gehabt haben.

Die Stadt war mit prächtigen, im Innern luxuriös eingerichteten,

Palästen geschmückt; in der Umgebung gab es Villen, Tiergärten

etc.

[7] So wie Bagdad in politischer Hinsicht Damaskus in den Hintergrund

drängte, so überstrahlte es bald auch in Bezug auf das

wissenschaftliche Leben die bisherigen Pflegestätten Basra und

Kufa.

Am Ausgang des 8. und im Beginne des 9. Jahrhunderts, zu einer Zeit, da

das Kalifat die höchste Macht besaß und die Wohlfahrt des muslimischen

Reiches durch blühende Landwirtschaft, durch rege gewerbliche

Betriebsamkeit und weit ausgedehnten Handel gesichert war, entstand

jene bewundernswerte, welthistorisch bedeutungsvolle geistige Bewegung,

welche dem Arabertum in kurzer Frist eine erstaunliche Fülle von abend-

wie morgenländischer Bildung zutrug. Was in Syrien und Mesopotamien

durch die Verpflanzung hellenischen Wissens begonnen, was in Persien

unter den Sassaniden vorbereitet worden war, kam bei den Muslimen zu

ungeahnter Vollendung, indem sie von einem unvergleichlich größeren

~Import des fremden Kulturgutes~ zu wirklicher ~Assimilation~ und auf

manchen Gebieten auch zu ~originalen Leistungen~ fortschritten.

Im Anschlusse an die früheren Vermittlungsversuche der Syrer und

Perser, bildete eine überaus reichhaltige ~Uebersetzungsliteratur~

die Basis der arabischen Wissenschaft.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 20 / 76 段