In περὶ λίθων δυνάμεων ist die Heilkraft der Steine besprochen. Der

Achat heilt das Fließen der Augen, den Kopfschmerz, die Wassersucht

und unterdrückt die Menstruation; Amethyst die Trunksucht und den

Kopfschmerz; Bernstein Urinbeschwerden, Fieber und „Magenflüsse”, auch

stärkt er die Sehkraft; Beryll beseitigt Krämpfe, Augenentzündungen

und Gelbsucht; Diamant das Fieber; Jaspis die Epilepsie;

Magneteisenstein die Melancholie; Sardonyx (Karneolart) heilt das

Fließen der Augen, verhindert (im Gürtel um den Leib getragen) die

Frühgeburt; Smaragd wirkt zerrieben gegen Augenleiden, innerlich

gegen Aussatz und Blutflüsse u. s. w.

•Simeon Seth•[27], Zeitgenosse des Psellos, benützte die Schriften

desselben als Vorlage für die eigene enzyklopädische Vielschreiberei.

Dies zeigt namentlich die Vergleichung seines medizinischen

Hauptwerkes ~Σύνταγμα κατὰ στοιχεῖον περὶ τροφῶν δυνάμεων~ ═

~Alphabetische Sammlung über die Heilkräfte der Nahrungsmittel~

(ed. Langkavel, Leipzig 1868) mit der ähnlich betitelten Schrift

des Psellos. Außerdem verfaßte er Abhandlungen über physiologische

Fragen ~φιλοσοφικὰ καὶ ἰατρικά~ (über Geruch, Geschmack und Gefühl,

bei Ideler), über den ~Harn~, über ~Diätetik~, eine Schrift ~gegen

die philosophischen Theorien Galens~ (alles bloß handschriftlich

erhalten), ferner ein lateinisches Lexikon, eine Geschichte der

Tiere, eine Erd- und Himmelskunde, auch übersetzte er ein arabisches

Traumbuch ins Griechische. -- Sowohl bei Psellos als bei Simeon zeigt

sich schon deutlich arabischer Einfluß.

[27] Er wird in manchen Handschr. als πρωτοβεστιάριος ═

Obergarderobenmeister und als μαγιστὴρ Ἀντιοχείας ═ Oberaufseher

des von Antiochos erbauten Palastes in Konstantinopel

bezeichnet.

Die Schrift des ~Simeon~ über die Heilkräfte der Nahrungsmittel

(inklusive der Gewürze und Brechmittel nach den Mahlzeiten)

stützt sich nicht bloß auf griechische Vorarbeiten (Hippokrates,

Theophrastos, Dioskurides, Rhuphos, Galen, Oreibasios, Aëtios, Paulos

u. a.), sondern zieht auch ~die persische, arabische und indische

Materia medica~ heran, weshalb sie für das Studium der Beziehungen

zwischen morgen- und abendländischer Medizin von größtem Werte

ist. So werden hier erwähnt: ~Kampfer~ (καφουρά, bei entzündlichen

Affektionen und zur Herabstimmung der Geschlechtslust verwendet),

~Moschus~ (bei Schwächezuständen), ~Ambra~ (als stärkendes Mittel),

~Gewürznelke~, ~Muskatnuß~, ~Haschisch~, ~Sirupe~ (z. B. Veilchenwurz

gegen Brustleiden), mehrere Bereitungen von ~Julep~. Auch sonst trifft

man in der Schrift manche interessante Bemerkungen über die Wirkung

gewisser Nahrungsmittel, wobei wirkliche Erfahrungen zu Grunde liegen,

wiewohl die Theorie auf der galenischen Elementarqualitätenlehre mit

ihren graduellen Abstufungen basiert.

Aus dem Ende des 11. Jahrhunderts stammt die Sammlung chirurgischer

Schriften (Hippokrates, Apollonios von Kittion, Soranos, Ruphos,

Galenos, Oreibasios, Paulos, Palladios), welche •Niketas•

veranstaltete und große Bedeutung für die Geschichte der antiken

Chirurgie besitzt; eine Florentiner Handschrift enthält kolorierte

Abbildungen. Gedruckt sind bisher daraus die Abhandlungen des

Soranos und des Oreibasios über Knochenbrüche (griechisch-lateinische

Ausgabe von A. Cocchi, Graecor. chirurgici libri, Florenz 1754) und

der Kommentar des Apollonios von Kittion über Luxationen und deren

Reposition (Schöne, Apollonius von Kittium, Leipzig 1896).

Wahrscheinlich von •Stephanos Magnetes• rührt das alphabetische

Arzneibuch her, welches in der Wiener Handschrift fälschlich die

Namen des Dioskurides und Stephanos von Athen trägt (lat. Uebersetzung

Alphabetum conpiricum ed. Casp. Wolph, Zürich 1581). Die Krankheiten

sind darin alphabetisch geordnet, und auf die Namen einer jeden

folgen die entsprechenden Mittel. Unter diesen finden sich manche,

welche erst unter dem Einfluß der Araber in die griechische Medizin

aufgenommen wurden.

Schriftsteller des 13.-15. Jahrhunderts.

•Demetrios Pepagomenes•, Leibarzt des Kaisers Michael VIII.

Palaiologos (1261-1281), verfaßte mehrere Spezialschriften, von

denen nur zwei auf uns gekommen sind, eine tierärztliche (über die

Ernährung und die Krankheiten der Jagdfalken) und eine andere über

die ~Gicht~ (σύνταγμα περὶ τῆς ποδάγρας, ed. J. St. Bernard, Leyden

1743; lateinisch in der Sammlung des Stephanus) in 46 Kapiteln.

Der Verfasser zeigt sich hierin als rationeller Beobachter und

vorsichtiger Therapeut, getreu dem in der Vorrede ausgesprochenen

Grundsatze: „~ὁ γὰρ ἄριστα διαγνοὺς, ἄριστα καὶ θεραπεύει~.”

Seine Vorbilder sind Hippokrates, Galenos, Alexandros von Tralles

und Paulos. Im Bestreben, die Krankheitslehre auf die Kenntnis

der Lebensvorgänge zu stützen, wählt Demetrios die Lehre von der

Ernährung zum Ausgangspunkt und findet den Hauptfaktor der Gicht in

einer Retention von krankhaften Auswurfstoffen (περιττώματα). Die

Gicht ist also eine Diathese, welche den ganzen Körper ergreift,

die Symptome erklären sich aus der Bewegung (dem Fluß, ῥευματισμός)

der Auswurfstoffe nach den ~geschwächten~ Teilen (vorzugsweise

Gelenken) und aus der Ablagerung (vgl. hierzu Paulos S. 122);

auch innere Organe, Herz, Leber und Gehirn, können von dem Leiden

befallen werden. Ohne von den hergebrachten Theorien (Ausartung der

schädlichen Säfte in Galle etc., vgl. Alexandros von Tralles S. 118)

abzuweichen, unterläßt es Demetrios doch, über die Beschaffenheit der

zu Grunde liegenden Dyskrasie spitzfindige Spekulationen anzustellen,

hingegen legt er den Nachdruck auf die Aetiologie und Therapie. Da

die Gicht ursprünglich durch Fehler der Lebensweise hervorgerufen

werde -- das Leiden pflanze sich ~hereditär~ in ganzen Familien

fort -- so kann der Krankheit nur durch ein diätetisches Regime,

welches allerdings, wie er sagt, leicht anzuempfehlen, aber schwer

zu befolgen ist -- vorgebeugt werden, unterstützend wirke auch die

prophylaktische Anwendung von Brechmitteln oder gelinden Abführmitteln

(allmonatlich); bei Anfällen verordnete er Emetika, stärkere Laxantia

(darunter die erst von den Arabern eingeführte ~Senna~), sowie

darauffolgend Molkenkur, Klysmen, bei Vollblütigen aber nur beim

ersten Anfalle vorsichtige Venäsektion an der leidenden Seite (wenn

der ganze Körper schon von Säfteverderbnis ergriffen sei, schade der

Aderlaß, weil durch denselben die schädlichen Säfte zu den leidenden

Stellen hingetrieben würden). Wie die meisten Vorgänger verbot er

den ~Weingenuß~, vom Fasten dagegen versprach er sich keinen Nutzen,

weil es die Säfteverderbnis begünstige, und zu den vielerlei äußeren

Linderungsmitteln (z. B. Mohnsaft mit Safran) nahm er nicht früher

Zuflucht, als bis schon eine genügende Entleerung erfolgt war.

Ueber die prophylaktische Diät bei Gicht schrieb in der zweiten

Hälfte des 13. Jahrhunderts •Joannes Chumnos• (Δίαιτα προφυλακτικὴ

εἰς ποδάγραν, ed. Fr. Boissonade in Anecdota Nova, Paris 1844).

•Nikolaos Myrepsos• (μυρεψός ═ unguentarius), welcher am Hofe des

Kaisers Joannes Dukas Vatatzes (1222-1255) zu Nicäa als ἀκτουάριος

lebte, verfaßte eine berühmt gewordene Rezeptsammlung, das Δυναμερόν.

Nach dem Berichte eines Zeitgenossen zeichnete er sich zwar als

Praktiker aus, entbehrte aber höherer Bildung. Er sammelte eine

Unmasse von Arzneiformeln -- die meisten scheint er während seines

Aufenthalts in Alexandrien, woher er stammte, und in Italien kennen

gelernt zu haben -- und veröffentlichte dieselben als Greis (etwa

1270-1290) in seinem Antidotarium (der Originaltext ist bis jetzt

ungedruckt, lateinische Uebersetzung mit Kommentar von Leonhard

Fuchs, Basel 1549 u. ö., auch in Stephanus, Medicae artis principes,

Paris 1567). Es enthält 2656 Vorschriften, welche in 48 Abschnitten

angeordnet sind. Die Titel derselben lauten in der lateinischen

Uebersetzung folgendermaßen: Antidota; Sales; Unguenta; Apomeli

et Apophlegmatismi (Hydromel, Masticatoria); Bechica; Glandes et

Epomphalia (äußere Abführmittel in Form von Nabelpflastern); Muliebria

et linguae mala; Drosata (Sirupe); Stomachica et Dysenterica;

Emplastra; Epithemata (Bähungen); Hedrica (Suppositorien); Eligmata

(Linctus); Anthelmintica; Errhina (Niesemittel); Olea; Enemata;

Smegmata; Zulapia et Decocta; Hepatica et Hemicranica; Suffimenta;

Theriaca; Hierae; Collyria; Pasmata sive Inspersilia (Streupulver);

Unctiones purgantes; Purgatoria et Condita; Purgantia eligmata;

Cerata; Cataplasmata colica et cephalica; Pilulae; Lexopyreta

(allgemeine Fiebermittel) et Lichenica; Malagmata et Unguenta;

Nardina, Nephritica, Nomas sanantia, Abstersoria; Pulveres; Oxymelita,

Oxyporia, Confectiones vini; Pessa; Propomata ad alopecias; Zulapia

etc.; Satyriaca, Sapones, Sinapismi; Pastilli, Hypoglottides, Aquae

etc.; Somnifera; Aquae, Diuretica, Uterina; Pediculos, lentigines etc.

amolientia; Fissuras labiorum et strumas sanantia; Scabiem sanantia

et Psilothra (Enthaarungsmittel); Auricularia. ~Das Arzneibuch des

Nikolaos bildet für sich eine Pharmakopöe, welche aus griechischen,

lateinischen und arabischen Autoren geschöpft ist.~ Von mineralischen

Mitteln kommen Salmiak und Kochsalz in verschiedenartigen Verbindungen

mit Pflanzenmitteln vor, das ~Quecksilber~ in Form von Salben gegen

Hautaffektionen (Krätze). Der arabische Einfluß macht sich stark

fühlbar -- Moschus, Kampfer, Senna, Ambra u. a. bilden den Bestandteil

vieler Arzneikompositionen, doch wird der Destillation nirgends

gedacht. Sehr zahlreich sind die Antidota mit hochtrabenden Namen (z.

B. Athanasia, A. isotheos, miranda, aphrastos, isochrysos, Mysterium

etc.), die Besprechungsformeln und abergläubischen Gebräuche;

Abortivmittel sind weggelassen.

Der letzte hervorragende byzantinische Arzt, •Joannes Aktuarios•[28],

Sohn des Zacharias (Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts), ein

Schüler des Philosophen Rakendytes, verfaßte mehrere verdienstvolle

Werke, welche in ihrer Diktion edle klassische Bildung, in ihrem

Inhalt eine, mit selbständiger Kritik und Eigenerfahrung gepaarte,

erschöpfende Literaturkenntnis verraten. Das Hauptwerk, Θεραπευτικὴ

μέθοδος, zeigt, daß Joannes, geleitet von hippokratischem Geiste, in

der Behandlungsweise nach ~Individualisierung~ strebte, die einfachen,

milden Heilstoffe soweit als möglich den üblichen Arzneimischungen oder

drastischen Mitteln vorzog[29] und daß er auf dem Wege unbefangener

Beobachtung manche wertvolle ~klinische Erfahrung~ zu machen verstand.

Die Theorie ist zwar im wesentlichen galenisch, doch suchte Joannes

-- wie dies namentlich aus der Darstellung der ~Pulslehre~ hervorgeht

-- die allzugroße Weitschweifigkeit und damit verknüpfte Unklarheit

des Pergameners zu überwinden. Ueber die immer mehr beliebt gewordene

~Uroskopie~ schrieb er eine, später als grundlegend und klassisch

angesehene, Monographie in sieben Büchern ~περὶ οὔρων~, worin aber --

im Gegensatz zur herrschenden Strömung -- der Harnschau keineswegs der

Wert eines diagnostischen Universalmittels beigelegt ist, sondern immer

auch auf die Bedeutung der übrigen Untersuchungsmethoden verwiesen

wird[30]. Seiner ganzen Richtung nach, wie schon aus dem Hauptwerke

hervorgeht, schloß sich Joannes am meisten der Schule der ~Pneumatiker~

an[31]; von ihren Grundsätzen konnte er namentlich in der ~Psychologie~

und ~Psychopathologie~ (von welcher sich der philosophisch geschulte

Arzt wohl ganz besonders angezogen fühlte) Gebrauch machen; die

Frucht seiner einschlägigen Forschungen bildet die, auch praktisch

bemerkenswerte, aus zwei Büchern bestehende Schrift ~περὶ ἐνεργειῶν καὶ

παθῶν τοῦ ψυχικοῦ πνεύματος καὶ τῆς κατ' αὐτὸ διαίτης~ ═ ~über

die Funktionen und krankhaften Störungen des Seelengeistes und die

darauf bezügliche Diät~.

[28] Dieser Beiname rührt davon her, daß Joannes mit dem Titel eines

ὰκτουάριος am Hofe der Paläologen lebte.

[29] Hier macht sich der Einfluß der inzwischen erstarkten arabischen

Medizin geltend, welche insbesondere in der Fiebertherapie an

Stelle der drastischen Purganzen anfeuchtende, kühlende Mittel

einführte.

[30] Wenn auch Hippokrates, Galen, Oreibasios, Aëtios, Alexandros und

Paulos bald mehr, bald weniger ausführlich über die Harnschau

schrieben, so betrachtete doch keiner von ihnen die Uroskopie

als diagnostisches Universalmittel, dem gegenüber die übrigen

Methoden vernachlässigt werden dürften. Noch Aëtios legte auf

die Pulsuntersuchung den Nachdruck, wenn er auch namentlich

bei fieberhaften Affektionen die Harnschau für sehr nützlich

hielt. Joannes Aktuarios suchte der durch Magnos, Theophilos

u. a. begründeten einseitigen Vorliebe für die Uroskopie

entgegenzutreten, indem er sogar in der Spezialschrift über

den Harn die Notwendigkeit der Untersuchung des Pulses, der

Atmung, des Sputums, der Fäces u. s. w. betonte. Im allgemeinen,

sagt er, genügt keine einzige Methode für sich allein, um

eine richtige Diagnose und Prognose zu stellen, namentlich

bedürfe die (an sich leichtere) Uroskopie der Ergänzung durch

die (schwierigere und weniger zuverlässige) Pulsuntersuchung,

nur die Vereinigung beider gebe die nötige diagnostische

Sicherheit. Der Puls lasse auf die Beschaffenheit der inneren

Wärme und Lebenskräfte schließen, der Harn zeige die Quantität

und Qualität der Säfte an, die Exkrete endlich weisen auf

die Art der Kochung (Verdauung etc.) hin. Welche Methode im

einzelnen Falle am wichtigsten ist, hänge somit von der Natur

der Krankheit ab.

[31] Die Prinzipien der Pneumatiker ließen sich am leichtesten mit

der christlichen Weltanschauung vereinigen.

Joannes war ein Vorbote jener Renaissance, welche der Medizin nach

einigen Jahrhunderten beschieden sein sollte.

~Joannes Aktuarios~ schrieb außer den oben genannten Werken noch

über den Aderlaß, über Dysurie und Lebensordnung, über Gewichte,

ferner Kommentare zu den hippokratischen Aphorismen und zu

aristotelischen Büchern. In Idelers Phys. et med. gr. minor. sind die

Originaltexte der sieben Bücher περὶ οὔρων, der beiden ersten Bücher

der Θεραπευτικὴ μέθοδος, Methodus medendi, περὶ διαγνώσεως παθῶν und

der Schrift περὶ ἐνεργειῶν καὶ παθῶν τοῦ ψυχικοῦ πνεύματος καὶ τῆς κατ'

αὐτὸ διαίτης enthalten. Im 16. Jahrhundert wurden lateinische

Uebersetzungen (zuerst der beiden letzten, dann aller sechs Bücher)

des Methodus medendi, der Monographien über den Harn und über den

Seelengeist veranstaltet, vgl. Opera omnia, Paris 1556 (Lugd. 1556)

und die Sammlung des H. Stephanus, Medicae artis principes etc.

[Illustration: Harngefäß]

Die Schrift über den Harn verwertet mit besonnener Kritik die

Beobachtungen des ~Hippokrates~ und ~Galenos~, die Vorarbeiten des

~Magnos~ und ~Theophilos~ (vgl. S. 120, 121), enthält aber außerdem

viele eigene Erfahrungen des Verfassers; die Theorie, auf welcher

seine Uroskopie fußt, ist die galenische. Der Harn ist die Kolatur des

Blutes und wird aus der unteren Hohlvene ausgeschieden[32], aus seiner

Beschaffenheit lasse sich daher ein Rückschluß auf die Veränderungen

des ganzen Blutes bei Krankheiten machen. Die Veränderungen,

welche der Harn durch die besonderen Affektionen einzelner Organe

erleidet, erklären sich aus der Sympathie. Joannes unterscheidet wie

Theophilos (vgl. S. 121) zahlreiche Farben des Harns, er beobachtet

den Bodensatz, das Enäorem[33], die Wolke und zieht aus den oft sehr

subtilen Wahrnehmungen seine Schlüsse im Sinne der Humoralpathologie.

Das Harngefäß soll aus weißem Glase verfertigt und zur genaueren

Bestimmung in elf Grade eingeteilt sein. Der Bodensatz nimmt die vier

untersten Grade ein, das Enäorem den sechsten, siebenten und achten,

die Wolke den zehnten und elften; der fünfte und neunte bilden die

Zwischenräume zwischen Bodensatz und Enäorem, bezw. zwischen diesem

und der Wolke. Vgl. die vorhergehende Zeichnung S. 135.

[32] Der Harn ist nach der Lehre des Joannes Aktuarios nichts

anderes als ein Ausscheidungsprodukt, welches bei der Pepsis

in der Leber entstehe. In der Aneignung und Umwandlung

des Nahrungsstoffes unterschied er nämlich mehrere Stufen,

nämlich 1. die Verdauung im Magen, 2. die Verarbeitung des

Nahrungsstoffes in den Gekrösvenen, der Pfortader und im

unteren Teile der Leber, 3. ~die weitere Umwandlung in den

Gefäßen des oberen Teiles der Leber~, 4. die Assimilation

in den Organen; diesen vier Stufen entsprechen die

verschiedenartigen Ausscheidungen: 1. Erbrechen und Stuhlgang,

2. Gallenabsonderung, 3. ~Harnabsonderung~, 4. Ausdünstung,

Schweiß und Ausschläge.

[33] Enaiorema ═ das Aufgehängte, d. h. die im Harn schweben

bleibende Wolke. Galenos sagt im Kommentar zu Hipp. Progn.: „Ich

nenne Enaiorema das Dichte und Weißliche im Harne, das weder

oben in der Flüssigkeit, noch am Boden des Gefäßes, sondern

ungefähr in der Mitte der flüssigen Masse oder doch etwas unter

derselben sich sammelt.... Oft sammelt sich nun etwas ähnliches

an der Oberfläche des Harns, und das nenne ich dann eigentlich

Wolke (νεφέλη).”

Aus byzantinischer Zeit sind noch andere Abhandlungen über den

Harn auf uns gekommen, so die Schriften des ~Joannes Tzetzes~, des

Syrers ~Isaak Taxeotes~ (handschriftlich) und mehrere anonyme oder

pseudonyme (vgl. Ideler, Phys. et med. gr. minor. II).

Das Hauptwerk „μέθοδος θεραπευτική” schrieb Joannes zunächst zum

Gebrauche seines ehemaligen Mitschülers Apokauchos, als dieser als

Gesandter zu den hyperboräischen Skythen (Russen) ging. Das erste und

zweite Buch enthält eine allgemeine Diagnostik, verbunden mit einer

kurzen Uebersicht über die Erkrankungen der einzelnen Organe und

Systeme. Das dritte Buch handelt von der Venäsektion und Arteriotomie,

den Klysmen, Suppositorien, Einspritzungen, Gurgelungen, Purganzen,

Bädern, von der Diät und der Fieberbehandlung. Das vierte Buch

stellt ein Kompendium der speziellen Pathologie und Therapie dar.

Die beiden letzten sind der Arzneimittellehre gewidmet, die sich

vorteilhaft von der des Myrepsos unterscheidet. Die Chirurgie ist

nur ganz spärlich vertreten; die Augenheilkunde zeichnet sich durch

Genauigkeit aus (Text und deutsche Uebersetzung des einschlägigen

Abschnittes in J. Hirschberg, „Die Augenheilkunde bei den Griechen”,

Arch. f. Ophth. 1887); so kennt Joannes das früh durch Angewöhnung,

das durch Kontraktur entstandene, endlich das angeborene Schielen.

Hervorzuheben wäre es, daß Joannes die ~Lokalisationslehre des

Poseidonios~ in dem psychiatrischen Abschnitte seines Werkes benützt,

den ~Tetanus~ auf Säfteandrang zum ~Rückenmark~ zurückführt, ~die

bei Vergiftung mit Bleiglätte auftretende Kolik~ kennt und zuerst

den Peitschenwurm (Trichocephalus dispar) erwähnt. Die ~Pulslehre~

bearbeitete Joannes im Sinne Galens, doch weit übersichtlicher. Was

seine Therapie anlangt, so wendete er sich gegen den Gebrauch der

drastischen Abführmittel (ausgenommen Aloë), an deren Stelle die

zwei Arten der Myrobalane, Senna, ~Manna~ u. a. traten (äußerlich

ließ er mit Euphorbiumsalbe Einreibungen der Fußsohle zum Zwecke des

Purgierens machen, als Brechmittel verordnete er auch Zäpfchen aus

Nieswurz); wie die Vorgänger verordnete er Pfeffer in Wechselfiebern,

Schwefel bei Brustleiden, Mohnsaft bei Dysenterie und bei chronischer

Bronchitis, Moschus gegen Herzklopfen. Von der Venäsektion glaubte

er, daß sie nicht bloß Plethora, sondern auch die Verderbnis der

Säfte beseitigen könne, auch nahm er den Aderlaß bei den einzelnen

Affektionen an bestimmten Stellen vor, z. B. bei Kopfleiden am

Oberarm, bei Brustleiden an der Ellenbogenbeuge, bei Milz- und

Leberleiden am Unterarm oder an der Hand. Gewöhnlich bevorzugte er

~derivatorische~ Aderlässe, die ~revulsorischen~ nur in bestimmten

Fällen (z. B. am Fuße bei Kopfleiden, am Arm bei Entzündungen der

Geschlechtsteile); bei Pleuritis empfahl er die Venäsektion auf der

~leidenden~ Seite.

Die Hauptsätze der Psychophysik des Joannes Aktuarios sind folgende:

Das Göttliche im Menschen, die Seele, ist einfach und mit vielen

Kräften begabt, körper- und gestaltlos. Das Organ der Seele ist das

Pneuma, und dieses macht den wesentlichsten Teil des in der sinnlichen

Welt lebenden Menschen aus. Das πνεῦμα φυσικόν wird aus der Nahrung

in der Leber bereitet und vermittelt das Begehrungsvermögen; dasjenige

Pneuma, welches durch die untere Hohlvene ins Herz gelangt, wird dort

zum Lebensgeist, πνεῦμα ζωτικόν, umgewandelt und verbreitet sich auf

dem Wege der Arterien im ganzen Körper. Die höchste Umwandlung erfolgt

im Gehirn, wo der Seelengeist, das ψυχικόν, entsteht. So wie

sich der Saft der Pflanzen in allen Teilen verändere, so erleide

auch das Pneuma in den einzelnen Teilen des Körpers Umwandlungen,

~und seine verschiedenen Verrichtungen werden durch den verschiedenen

Bau der Organe bedingt, ähnlich wie das Licht die Farbe des von ihm

durchschienenen Glases annehme~. Die Sinnestätigkeit, welche durch

das Pneuma vermittelt wird, erklärt Joannes nach der Emanationstheorie

des Empedokles (vgl. Bd. I, S. 158), zum Beweise, daß beim Sehen aus

dem Auge Pneuma ausströmt, wird das Glänzen der Augen bei vielen

Tieren, die Erweiterung der Pupille beim Schließen des anderen

Auges, das Funkensehen bei mechanischer Reizung angeführt. Als

Geistestätigkeiten unterscheidet er die Wahrnehmung (αἴσθησις), die

Einbildungskraft φαντασία), das Urteilsvermögen (μέρος δοξαστικόν),

den Verstand (διάνοια) und die Vernunft (νοῦς). Die Vernunft nimmt

die höchste Stelle ein und ist am wenigsten mit dem Pneuma verbunden,

die Einbildungskraft ist den höheren Seelenkräften untergeordnet.

(In der Seele der Tiere dagegen, welche sich hauptsächlich durch

den Mangel einer Vervollkommnungsfähigkeit von der menschlichen

unterscheide, bilde die Einbildungskraft den vornehmsten Teil.)

Wiewohl Joannes das Verhältnis der Einbildungskraft zum Gedächtnis

treffend erläutert, lokalisiert er doch mit Poseidonios die erstere

in die vordere, das letztere in die hintere Hirnhöhle, und während er

der Vernunft die mittlere zum Sitze anwies, blieb er in Ungewißheit,

welche Hirnteile vom Urteilsvermögen und vom Verstande eingenommen

werden. -- Im zweiten Buche der Schrift werden die Einflüsse der

Lebensweise (Nahrung, Getränke, Schlaf, Leibesbewegung, Bäder u. s.

w.) besprochen.

Aus dem 15. Jahrhundert stammt eine ganz kurze griechische

Aufzählung der Körperteile Ἑρμενεία τῶν τοῦ σώματος μερῶν von

~Georgius Sanguinaticius~ (mit dem Beinamen Hypatus), welcher um 1450

lebte, römischer Konsul und lateranensischer Graf war. Ausgabe und

lateinische Uebersetzung in Anonymi Introductio anatomica graece et

latine, cum notis Dn. W. Trilleri et J. St. Bernardi, Lugd. Batav.

1744.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 19 / 76 段