~Trepanation~ (mittels des Perforativtrepans), Indikation geben
namentlich Schädelverletzungen; bei Hydrencephalocele verwirft Paulos
ihre Anwendung. Die ~plastischen Operationen~ zur Deckung der Defekte
sind nach Galenos und Antyllos dargestellt, ebenso die zur Behebung
des „~Ankyloglosson~” vorzunehmende Durchtrennung des Zungenbändchens.
Die ~Tonsillotomie~ soll erst nach dem Aufhören der Mandelentzündung
ausgeführt werden (als Instrument diente das mit einer schneidenden
Krümmung versehene Ankylotom). ~Fremdkörper~ (z. B. Fischgräten)
entfernte man mit einer Art Schlundzange oder durch einen, an einem
Faden befestigten Schwamm, den der Patient verschlucken mußte. Bei der
~Exstirpation von Drüsenanschwellungen~ am Halse, die recht sorgfältig
geschildert ist, wird besonders vor Verletzung der Karotiden und der
Nervi recurrentes gewarnt. Paulos überliefert uns die Vorschrift des
~Antyllos~ über die Ausführung des ~Luftröhrenschnittes~ (vgl. Bd.
I, S. 404), die Stelle lautet: „Wenn wir dazu schreiten, werden wir
unterhalb des Kehlkopfes, etwa am zweiten oder dritten Ringe, einen
Teil der Luftröhre durchschneiden, denn sie ganz zu durchschneiden,
würde gefährlich sein. Diese Stelle ist nämlich zweckmäßig, weil
sie ohne Weichteile ist und weil die Gefäße entfernt von der
Durchschneidungsstelle gelegen sind. Indem wir also den Kopf des
Patienten nach hinten beugen, damit die Luftröhre deutlicher sichtbar
werde, machen wir einen ~queren~ Einschnitt zwischen zwei Ringen
derart, daß nicht der Knorpel getrennt wird, sondern die die Knorpel
verbindende Membran. Wenn jemand bei der Operation etwas zaghaft ist,
mag er die Haut trennen, nachdem er sie mit einem Haken angespannt
hat, und mag darauf, wenn er auf die Luftröhre gekommen ist, indem er
die Gefäße zur Seite schiebt, den Schnitt machen” (Paulos VI, 33).
Unser Autor fügt zu dieser Beschreibung noch folgendes hinzu: „So
verfuhr Antyllos, indem er die Luftröhre für eröffnet hielt, wenn
die Luft aus derselben mit einiger Gewalt ausströmte und die Stimme
verloren war. Sobald die Erstickungsgefahr vorüber ist, wendet man,
nach Anfrischung der Wundränder, die Naht an, indem man jedoch bloß
die Haut ohne den Knorpel näht und vereinigende Mittel anwendet.”
(l. c.)
~Operationen am Thorax.~ Exstirpation der hypertrophierten
männlichen Brustdrüse, Kauterisation des Carcinoma mammae oder
~Exstirpation~ desselben (mit nachfolgender Kauterisation). In
der chirurgischen Therapie des Empyems scheut Paulos vor der
Rippenresektion, ja sogar schon vor der einfachen Eröffnung zurück,
statt dessen empfiehlt er die Kauterisation mit der in Oel getauchten
und im Feuer erhitzten Wurzel der Osterluzei an bestimmt angegebenen
Stellen des Thorax.
~Operationen am Unterleibe.~ Applikation des ~Glüheisens~ bei
Leberabszeß, bei Milzleiden, bei chronischen Magenkatarrhen auf der
Haut über den betreffenden Organen. Die ~Parazentese~ bei Ascites
geschieht in der Weise, daß man mit der Spitze eines sehr spitzigen
Messers einen Einschnitt in die Bauchwand macht, etwas oberhalb
desselben das Instrument durch das Peritoneum einstößt, sodann wird
durch die beiden Wunden hindurch eine bronzene Röhre, welche ähnlich
den Schreibrohren zugeschnitten ist, eingeführt; das Wasser wird
durch die Röhre aber nicht vollständig abgelassen. Hämorrhoiden
können durch ~Kauterisation~ des ligierten Knotens oder (nach
der Methode des ~Leonides~) dadurch beseitigt werden, daß man sie
zuerst mit einem quetschenden Instrument anhaltend komprimiert und
dann abschneidet; in der Beschreibung des Operationsverfahrens bei
Mastdarmfisteln (geknöpftes Fistelmesser des Leonides) erwähnt Paulos
das ~Spekulum~ (ὁ ἑδροδιαστολεὺς, τὸ μικρὸν διόπτριον). Im Anschluß
an die Vorgänger entwickelt Paulos die Lehre von den ~Hernien~,
als deren Ursache allen alten Aerzten Zerreißung oder Verlängerung
des Bauchfells galten; es ist stets nur von Nabel-, Skrotal- und
Inguinalbrüchen die Rede. Zur Behebung dienen dreieckige Pelotten
und lokale Applikation von adstringierenden Substanzen oder die
~Radikaloperation~ (bei Skrotalhernien entfernt er jederzeit auch
die Hoden!); Verschluß der Bauchfellwunde durch eine X-förmige Naht;
nach der Operation mußten die Kranken sieben Tage lang, täglich fünf
warme Bäder zur Verhütung der Entzündung gebrauchen. Operation der
~Hydrokele~ (Exzision der Tunica vaginalis mit nachfolgender Naht
nach Antyllos), der ~Varicokele~, des Scrotum pendulum etc., des
Hermaphroditismus, der ~Hypospadie~, der ~Phimose~ u. a. ~Kastration~
(mittels Zerquetschung oder Exstirpation). Von größtem Interesse
sind die eingehenden Beschreibungen, welche sich bei Paulos über den
~Katheterismus~ und den ~Steinschnitt~ finden (Kap. 59 und 60). „Indem
wir einen dem Alter und Geschlecht angepaßten Katheter auswählen,
treffen wir die zu dessen Gebrauche erforderlichen Vorbereitungen.
Dieselben bestehen im folgenden: Wir binden um ein Stückchen Wolle
in der Mitte einen leinenen Faden und führen mittels einer Binse
den Faden durch die Höhlung des Katheters bis zu dem an seinem Ende
angebrachten Fenster, schneiden darauf das Ueberschüssige von der
Wolle ab und tauchen den Katheter in Oel. Nachdem wir den Patienten
auf einen kleinen Stuhl sich haben setzen lassen, ergreifen wir den
Katheter, führen ihn zuerst gerade bis zur Wurzel des Penis und
ziehen darauf den letzteren aufwärts nach dem Nabel hin, denn an
dieser Stelle ist der Blasenkanal gekrümmt, und schieben sodann den
Katheter in dieser Weise vor. Wenn er am Perineum in die Nähe des
Afters kommt, müssen wir wieder das Glied, mit dem darin liegenden
Instrument, abwärts in seine natürliche Stellung bringen, denn vom
Perineum an erstreckt sich der Blasenkanal aufwärts; wir schieben
darauf den Katheter vor, bis er in die Höhle der Blase gelangt. Wir
ziehen sodann den im Katheter liegenden Faden an, damit der von der
Wolle angezogene Urin nachfolge, wie dies bei den Hebern der Fall ist.
Dies ist die Art der Einführung des Katheters. Da wir jedoch häufig,
wenn die Blase geschwürig ist, dieselbe ~ausspülen~ müssen, machen
wir, wenn Ohrenspritzen im stande sind, die ~Injektion~ zu bewirken,
von denselben auf die angegebene Weise Gebrauch. Wenn dies aber
nicht möglich ist, so befestigen wir an dem Katheter eine Rindsblase
und machen durch jenen die ~Einspritzung~.” Die Lithiasis ist bei
Paulos unter den Krankheiten der Harnwerkzeuge (Lib. III, Kap. 45)
beschrieben. Kleine Steine wurden durch ~Urethrotomie~ entfernt. Die
Ausführung des ~Steinschnittes~ geschah folgendermaßen: „Wenn wir
zur Operation schreiten, wenden wir zuerst das Schütteln an, sei es
durch Mitwirkung von Gehilfen, sei es, daß der Patient selbst von
einer Höhe herabspringt, damit der Stein in den Blasenhals hinabfalle.
Wir bringen darauf den Patienten in eine Stellung, wie ein aufrecht
Sitzender, in dem er seine Hände unter seine eigenen Oberschenkel
legt, damit die Blase auf einen kleinen Raum zusammengedrängt werde.
Wenn wir nun bei dem äußeren Zufühlen finden, daß der Stein infolge
des Schüttelns bis zum Perineum herabgetreten ist, schreiten wir
sofort zur Operation; wenn er aber nicht herabgetreten ist, führen wir
den Zeigefinger der linken Hand, sobald der Patient ein Kind ist, oder
auch den Mittelfinger bei einer älteren Person, mit Oel bestrichen,
in den After ein, suchen mit den rückwärts gebogenen Fingern nach
dem Steine und bringen ihn, wenn wir ihn gefunden haben, nach und
nach in den Blasenhals, wo wir ihn festhalten, und drängen mit dem
Finger oder den Fingern den so fixierten Stein nach außen, indem wir
einem Gehilfen anbefehlen, die Blase mit den Händen hinabzudrängen,
und einen anderen Gehilfen anweisen, mit seiner rechten Hand die
Hoden hochzuhalten und mit seiner linken das Perineum nach der
entgegengesetzten Seite von derjenigen zu spannen, wo der Schnitt
gemacht werden soll. Wir selbst ergreifen das sogenannte Lithotom und
machen zwischen dem After und den Hoden, jedoch nicht in der Mitte
des Perineums, sondern auf der Seite, nach der linken Hinterbacke zu,
einen schrägen Schnitt, indem wir auf den darunter gelegenen Stein
einschneiden, derart, daß der äußere Schnitt weiter ist, der innere
aber nicht größer, als daß der Stein durch denselben hindurchfallen
kann, denn in der Tat wird manchmal durch den Druck der Finger oder
des Fingers im Mastdarm zugleich mit dem Schnitt und ohne Extraktion
der Stein leicht herausgedrängt; kommt er jedoch nicht von selbst
heraus, ziehen wir ihn mit Hilfe des Steinausziehers aus.”
•Geburtshilfe und Gynäkologie.• Embryulcie und Embryotomie,
Extraktion des toten Fötus, Lösung der Placenta. ~Die Wendung auf
den Kopf wird nicht ausdrücklich, die Wendung auf die Füße nicht
mit klaren Worten erwähnt -- ein Umstand, der in der Folgezeit,
bei der unbestrittenen Autorität des Paulos, das Verschwinden
dieser wichtigen Operationen aus der Geburtshilfe verschuldete.~
Die Indikationen für die Zerstückelungsoperationen sind viel
oberflächlicher als von ~Soranos~ und selbst von ~Aëtios~ angegeben.
Bei Menstruationsanomalien auch Allgemeinbehandlung. Gegen Hysterie
Binden der Glieder, gegen Nymphomanie Abtragung der Klitoris.
Differentialdiagnostische Unterscheidung der Carcinoma uteri von
der chronischen Metritis. Kondylome der weiblichen Genitalien etc.
Im Absatz über die Abszesse am Muttermunde wird die Lagerung der
Patientin bei gynäkologischen Operationen und die Anwendungsweise
des ~Schraubenspekulums~ beschrieben: „Um zu operieren, wird die
Frau auf einem Stuhle hintenüber gelagert, mit nach dem Bauche
zurückgeschlagenen Beinen, die Oberschenkel voneinander entfernt.
Ihre Vorderarme werden in die Kniekehlen gebracht und aneinander
mit Schlingen befestigt, die am Nacken aufgehängt sind. Der auf der
rechten Seite sitzende Operateur untersucht mit einem dem Lebensalter
der Patientin entsprechenden Spekulum. Der Untersuchende muß mit einer
Sonde die Tiefe der Scheide der Frau messen, damit nicht, wenn der
Körper des Spekulums zu groß ist, die Gebärmutter gedrückt werde, und
wenn man ihn größer findet als die Scheide, sind Kompressen auf die
Schamlippen zu legen, damit sich das Spekulum auf sie stützen kann.
Man führt den Körper des Spekulums mit nach oben gerichteter Schraube
ein, und während das Spekulum selbst von dem Operateur gehalten wird,
wird von dem Gehilfen die Schraube umgedreht, um durch Entfernung
der Blätter derselben die Scheide zu erweitern” (Lib. VI, 73).
•Augenheilkunde.• Die Darstellung des Paulos gewährt einen
erschöpfenden Einblick in das Wissen und Können der Alten auf diesem
Gebiete. Vgl. die Zusammenstellung der wichtigsten Abschnitte
und deren ~deutsche~ Uebersetzung in J. Hirschbergs Geschichte
der Augenheilkunde (Leipzig 1899) S. 370 ff. Weit mehr als die
Angaben über die Kauterisation des Kopfes, Arteriotomie hinter
den Ohren oder an den Schläfen, Hypospathismus (Unterminierung der
Stirnhaut mit einer besonderen Spatel), Periskyphismus (Hautschnitt
von einer Schläfe zur anderen)[22] -- Verfahren, welche von der
Humoralpathologie diktiert wurden -- interessieren die Beschreibungen
der Operationsmethoden bei ~Trichiasis~, ~Ektropium~, der
Balggeschwülste, der Lidverwachsung, des Flügelfells, des Staphyloms
und die ~Staroperation~[23]. Was die letztere anlangt, so handelt es
sich nur um die ~Depression~ (nicht um die Extraktion). „Wir setzen
den Kranken ins helle Licht, aber aus der Sonne, verbinden sorgfältig
das gesunde Auge, ziehen die Lider des kranken auseinander und nehmen
von dem Hornhautrand nach dem Schläfenwinkel einen Abstand, so groß
wie die Breite eines Sondenknopfes und markieren hier mit dem Knopf
der Starnadel den Einstichspunkt. Dann drehen wir das Instrument
wiederum und stoßen die Spitze der an ihrem Endstück abgerundeten
Nadel kräftig an der markierten Stelle hinein, bis wir in den Hohlraum
des Auges gelangen. Das Maß des Eindringens in die Tiefe ist der
Zwischenraum zwischen dem Rande der Pupille und dem der Hornhaut.
Nun führen wir die Starnadel nach oben zum Scheitel des Stars (man
sieht aber das Metall ganz deutlich wegen der Durchsichtigkeit der
Hornhaut) und versenken mittels derselben den Star in die Tiefe des
Augengrundes. Ist derselbe sofort niedergedrückt, so warten wir ruhig
einen Augenblick. Steigt er aber wieder auf, so drücken wir ihn noch
einmal nieder. Nach der Versenkung des Stars ziehen wir behutsam die
Nadel unter Drehbewegungen heraus” (Lib. VI, 21).
[22] Vgl. Bd. I, S. 235 u. 318. Severos und ihm folgend Aëtios hatten
diese Methoden als barbarisch bezeichnet.
[23] ~Der Star wurde als Gerinnung einer ausgeschwitzten Flüssigkeit
betrachtet, und als sein Sitz galt der Raum zwischen
Regenbogenhaut und Kristall.~
•Otiatrie.• Beseitigung der Atresie des äußeren Gehörganges mittels
Durchtrennung und Exstirpation der verschließenden Membran oder
Fortnahme der Wucherung. Entfernung von Fremdkörpern mit Ohrlöffel,
Haken, Pinzette, durch Schütteln des Kopfes, durch Ansaugen mit einer
Röhre, durch Erregen des Niesens mit nachfolgender Verschließung der
Nase und des Mundes, eventuell durch Inzision hinter dem Ohrläppchen.
•Rhinologie.• Kauterisation bösartiger Nasengeschwülste, Abtragung
der Nasenpolypen (Erweiterung des Nasenloches mit der linken Hand;
der Polyp wird an der Ursprungsstelle in der Nase umschnitten und
nach Umkehrung des Instrumentes mit dessen löffelähnlichem Teile
ausgezogen. Wenn die in die Nase eingespritzte Flüssigkeit nicht am
Gaumen in den Pharynx gelangt und es klar ist, daß in der Gegend
des Siebbeins im obersten Teile der Nase sarkomatöse Massen sich
befinden, fädelt man einen ziemlich starken schnurähnlichen Faden,
der auf 2-3 Fingerbreite mit Knoten versehen ist, in das Oehr einer
mit zwei Knöpfen versehenen Sonde ein und führt das andere Ende der
Sonde in die Nase und durch die Choanen in den Mund, ergreift die
Schnur mit beiden Händen und durchsägt mittels der Knoten sozusagen
die fleischigen Massen. Während der ganzen Nachbehandlung werden
bleierne Röhren in die Nase eingeführt).
Eine der letzten Leistungen der alexandrinischen Schule (im Beginne
des 7. Jahrhunderts) war die Aufstellung eines ~Kanon der galenischen
Schriften~, der •„sechzehn Bücher”• des Galenos[24] -- das Gegenstück
zu einem ähnlichen Kanon von zwölf Schriften des Hippokrates. In
der Gelehrtenkommission, welche die kanonische Auswahl vornahm,
ragte insbesondere •Joannes von Alexandria• (Joannes Alexandrinus
grammaticus s. medicus) hervor; derselbe verfaßte zu den „sechzehn
Büchern” des Galenos, sowie zu einzelnen hippokratischen Schriften (de
natura pueri, Epidem. VI) Kommentare (vgl. Dietz, Apollonii Citiensis
etc. scholia in Hipp., Königsberg 1834), die sehr lange in hohem
Ansehen standen[25]. In dieselbe Zeit (nach anderer Meinung aber schon
ins 5. Jahrhundert) verlegt man gewöhnlich auch die „Medizinischen
Pandekten” des Arztes und Presbyters •Ahron von Alexandria•, in
welchen die ~Blattern~ beschrieben wurden; von den Pandekten (sie
bestanden aus 30 Abteilungen und wurden ins Syrische und Arabische
übersetzt) ist nur das Fragment einer arabischen Uebersetzung übrig
geblieben.
[24] Die Zusammenstellung war folgende: I. de sectis; II. ars
medica; III. de pulsibus ad tirones; IV. ad Glauconem de medendi
methodo; V. de elementis secundum Hipp.; VI. de temperamentis;
VII. de facultatibus naturalibus; VIII. fünf Bücher über
Anatomie: a) de ossibus, b) de musculor. dissectione, c) de
nervor. dissectione, d) de venar., e) de arteriar. anatome; IX.
sechs Bücher über die Ursachen und Zeichen der Krankheiten: a)
de differentiis morborum, b) de morbor. causis, c) de symptomat.
differentiis, d) de symptomat. causis libri tres; X. de loc.
affectis; XI. a) de differentiis puls., b) de dignoscendis
pulsib., c) de causis puls., d) de prognosi ex pulsu; XII.
de differentiis febrium; XIII. de crisibus; XIV. de diebus
criticis; XV. Methodi medendi libri; XVI. de sanitate tuenda.
[25] Von den Kommentaren des Joannes Alexandrinus zu den galenischen
Schriften sind jene zu unterscheiden, welche •Joannes
Philoponos• im 6. Jahrh. verfaßt hatte.
•Meletios•, ein phrygischer Mönch, Verfasser der Schrift ~περὶ τῆς
τοῦ ἀνθρώπου κατασκευῆς~ (ed. in J. A. Cramers Anecdota graeca, Oxford
1836, Bd. III, lat. Uebersetzung von Nicol. Petreïus Corcyraeus,
Meletii philosophi de natura structuraque hominis opus, Venet.
1552) dürfte im 7. oder 8. Jahrhundert gelebt haben. Die Schrift
über den Bau des Menschen verrät den naturphilosophischen Theologen
und reiht sich den Abhandlungen des Gregorios von Nyssa (deutsche
Uebersetzung von F. Oehler, Leipzig 1859) und Nemesios (vgl. S.
78-79) an. Abgesehen davon, daß Meletios eigener Erfahrung gänzlich
entbehrte und bei seiner literarischen Sammelarbeit vorwiegend
sekundäre Quellen benützte, lieferte er keine systematische Anatomie,
sondern wählte nur solche anatomische Kapitel aus, die sich für
physiologisch-psychologische Auseinandersetzungen im Sinne des
religiös gefärbten Zweckmäßigkeitsgedankens verwerten ließen.
Dem 8. Jahrhundert gehört ein dem Archiater ~Joannes~
zugeschriebenes ~Rezeptbuch~ an, welches handschriftlich vorhanden
ist und den Titel θεραπευτικαὶ καὶ ἰατρεῖαι συντεθεῖσαι παρὰ διαφόρων
ἀνδρῶν ἰατρῶν κατὰ τὴν ἐκτεθεῖσαν ἀκολουθίαν τοῦ ξενῶνος führt. Es
enthält Rezepte für alle Krankheiten und ist sprachlich wegen der
vulgären pathologischen Benennungen von Interesse (vgl. Daremberg,
Notices et extraits, Paris 1853).
Schriftsteller des 9.-12. Jahrhunderts.
Der unter dem Kaiser Theophilos (829-842) lebende Iatrosophist
•Leon• schrieb ein medizinisches Kompendium ~Σύνοψις ἰατρική~ und
nach Art des Meletios eine (handschriftlich erhaltene) Abhandlung
σύνοψις εἰς τὴν φύσιν τοῦ ἀνθρώπου.
Die ~σύνοψις ἰατρική~ (ed. in Ermerins Anecdota graeca, Leyden
1840), ein kurzgefaßtes Handbuch der Medizin in sieben Büchern,
enthält manches Bemerkenswerte. Insbesondere verdient der Umstand
Erwähnung, daß in der Darstellung der Therapie auch der Chirurgie
in bedeutendem Ausmaß Rechnung getragen wird (z. B. Operation der
Nasenpolypen, Resektion der Tonsillen, operative Beseitigung der
Mastdarmfisteln und Kondylome, Punctio abdominis). Leon bespricht
die Sehnen- und Muskelzerreißung, zeigt in der Augenheilkunde einige
Selbständigkeit (Empfehlung von Bädern und Diät bei Phthisis bulbi
statt der Kollyrien, der ἁπλοτομία-Schnitt an der Bindehautseite
des Lidrandes bei Trichiasis, Paracentese beim Star u. a. Erwähnung
des Trachoms, des Blutergusses in die Bindehaut, der „Anschoppung”
des Sehnerven, wobei die Kranken nicht sehen, obwohl sie am Auge
selbst nichts haben, Differentialdiagnose des Stars gegenüber
dem Mückensehen), auch gedenkt er der Perkussion des Abdomens
(bei Tympanitis und Askites) und des beim Oedem stehen bleibenden
Fingerdruckes.
Der gelehrte Patriarch von Konstantinopel ~Photios~ (ca. 820-891)
berücksichtigte in seinem berühmten literarhistorischen Werke
„Bibliothek” oder Myrobiblion (ed. J. Bekker, Berlin 1824) auch die
medizinischen Autoren (mit kritischen Rezensionen versehene Exzerpte);
besonders wichtig sind die Auszüge aus Dioskurides, Oreibasios,
Aëtios.
Angeregt durch den Kaiser Konstantin Porphyrogennetos (912-959),
welcher auf verschiedenen Wissensgebieten enzyklopädische
Exzerptensammlungen herstellen ließ, (z. B. die Geoponika), verfaßte
•Theophanes Nonnos• ein medizinisches Kompendium ~Ἐπιτομὴ τῆς
ἰατρικῆς ἁπάσης τέχνης~, auch kurz ἰατρικὸν genannt (Theophanis
Nonni epitome de curatione morborum graece et latine recens. J.
Steph. Bernard, Gotha u. Amsterdam 1794-95). Dieses Opus stellt
ein Gemenge von kritiklos aneinandergereihten Auszügen aus den
älteren Sammelwerken (Oreibasios, von dem sogar die Vorrede entlehnt
ist, Aëtios, Alexandros, Paulos) dar. Die Krankheitsbeschreibung
und Pathologie steht im Hintergrunde, die Chirurgie ist beinahe
gänzlich übergangen; die medikamentöse Therapie, ziemlich den
ganzen Arzneischatz umfassend, ohne ernstere Indikationsstellung
zusammengewürfelt, macht die Hauptsache aus. Immerhin finden sich in
dem Werke manche interessante Einzelheiten. Angenehm fällt es auf,
daß Theophanes Nonnos die dämonistische Aetiologie der Epilepsie
in Abrede stellt und auch sonst einigermaßen vom Aberglauben des
Zeitalters frei bleibt. Er verfaßte außer seinem Hauptwerke noch eine
kurze Abhandlung über Fieber, ferner eine Diätetik und ein Arzneibuch
εὐπόριστα (handschriftlich erhalten).
Keinesfalls vor das 10. Jahrhundert ist die merkwürdige ~Pulslehre
des Mönches~ •Merkurios• (Μερκουρίου μοναχου ἀναγκαιοτάτη διδασκαλία
περὶ σφυγμῶν bei Ideler II) zu setzen, welche sich durch äußerste
Spitzfindigkeit auszeichnet. Der Puls soll an der rechten Handwurzel
des Kranken mit vier Fingern der rechten Hand palpiert werden; der
Pulsschlag unter den einzelnen Fingern wird nach seiner Völle, Härte,
Gleichförmigkeit und Frequenz beurteilt und deutet auf bestimmte
~Organe~, so daß man mit dem Zeigefinger Leiden des Kopfes, mit
dem Mittelfinger Leiden der Brust, des Magens und der Milz, mit
dem Ringfinger Leiden des Darms, der Milz und der Blase, mit dem
Kleinfinger Leiden der unteren Extremitäten nachweisen kann. Es
braucht wohl nicht gezeigt zu werden, wie sehr dieses System an die
chinesische Pulsuntersuchungsweise erinnert[26].
[26] Es handelt sich wahrscheinlich um kein Originalwerk, sondern
um eine Uebersetzung aus dem Arabischen (Avicenna?).
In das 10. oder 11. Jahrhundert gehört die Schrift des •Damnastes•
περὶ κυουσῶν καὶ βρεφῶν θεραπείας (Handschrift in der Laurentiana zu
Florenz).
(Konstantin, oder nach dem Mönchsnamen Michael) •Psellos•, der
bedeutendste Mann des 11. Jahrhunderts (2. Hälfte), wirkte als
ὕπατος τῶν φιλοσόφων an der Akademie in Konstantinopel und schrieb
in der Weise der Polyhistoren zahlreiche Werke über Theologie,
Jurisprudenz, Philologie, Archäologie, Geschichte, Naturwissenschaft,
Alchemie, Mathematik, Astronomie u. a. Seine stärkste Seite liegt
in der Form (Rhetorik) und in der Erneuerung des Platonismus,
wodurch er seine Zeitgenossen aus dem Banne der Scholastik zu lösen
suchte. Auch das Interesse für Naturforschung wußte er zu beleben,
freilich im Sinne einer phantastischen an die Mystik anknüpfenden
Naturphilosophie. Von den zahlreichen, unter seinem Namen (zum Teil
wohl fälschlich) gehenden Schriften kommen nicht wenige auch für die
Medizin in Betracht. Gedruckt sind folgende: Διδασκαλία παντοδαπή ═
allerlei Lehre, eine allgemeine Enzyklopädie, auch Physiologisches
enthaltend (ed. in Fabricius Biblioth. graeca V), ~περὶ διαίτης~
(lat. Uebersetzung Basel 1529 und 1557), ~περὶ λίθων δυνάμεων~ ═
über die Kräfte der Edelsteine (mit lat. Uebersetzung, ed. Bernard,
Leyden 1795), ~πόνημα ἰατρικὸν ἄριστον δι' ἰάμβων~ (med. Lehrgedicht,
von welchem 1373 Verse vorhanden sind), ~περὶ λοῦτρου~ ═ über das
Bad (sämtlich in Idelers Phys. et med. graeci minor.), ~περὶ τοῦ
πῶς αἱ συλλήψεις γίνονται~ ═ über die Konzeptionen (Kap. 1 u. 5 in
Fabricius Bibl. gr. V, die übrigen vier Kapitel ed. von Ruelle in
Ann. de l'Assoc. pour l'encouragement des Etudes grecques en France
1879), ~περὶ καινῶν ὀνομάτων τῶν ἐν νοσήμασιν~ (med. Lexikon ed.
F. Boissonade in Anecdot. graec. I, Paris 1829), ~περὶ ἐνεργείας
δαιμόνων~ ═ über die Wirkung der Dämonen (ed. Boissonade, Nürnberg
1838). Handschriftlich sind vorhanden: die alphabetische Sammlung
über die Kräfte der Nahrungsmittel ═ σύνταγμα ἐκλεγὲν ἀπὸ ἰατρικῶν
βιβλίων καὶ ἐκτεθὲν κατὰ στοιχεῖον περὶ δυνάμεως τροφῶν καὶ τῆς ἐξ
αὐτῶν ὠφελείας καὶ, ferner „Fragen und Antworten über
medizinische Gegenstände”, eine Sammlung „medizinischer Grundsätze”,
ein Hausarzneibuch. Die Frage, ob alle der erwähnten Schriften oder
welche von ihnen mit Sicherheit dem Psellos zuzusprechen sind, harrt
noch der Lösung.
In der Διδασκαλία παντοδαπή wird nach dem Muster der
pseudoaristotelischen προβλήματα eine Reihe von physiologischen Fragen
abgehandelt, z. B. die Lehre von den Temperamenten, die Theorie des
Sehens (Vermischung des inneren und äußeren Lichtes), die Möglichkeit,
nach Belieben männliche oder weibliche Kinder zu erzeugen, die Ursache
des Heißhungers etc.