Dem •Podagra• ist das letzte Buch der Pathologie des Alexandros

ausschließlich gewidmet. Es werden vier Formen unterschieden, je nach

dem zu Grunde liegenden Krankheitsstoff; verdankt das Podagra z. B.

der Galle seine Entstehung, so erscheint das Gelenk zwar gerötet, aber

nicht geschwollen; bildet der Schleim die Ursache, so fehlt die Hitze

und Röte, dagegen ist die Spannung und der Schmerz sehr bedeutend u.

s. w. Wenn die Menge des Blutes die Schuld trägt, so sind Aderlässe

angezeigt, welche auch schon aus prophylaktischen Gründen vorgenommen

werden können. Zu den sonstigen Mitteln zählen starke Purgantien,

schweißerregende Dekokte, urintreibende Arzneien, Narkotika,

äußerlich, je nach Bedürfnis, kühlende Salben und Umschläge, ölige und

vinöse Einreibungen, erwärmende Pflaster, Hautreize und Vesikantien

(Senfpflaster, Kanthariden), Bähungen mit Salz, warme Bäder u. dgl.

Von großem Wert ist die Regelung der Lebensweise (nicht zu kräftige

Nahrung, Vermeiden sexueller Exzesse und ~Abstinenz vom Weingenuß~),

namentlich in Form der „zyklischen Kuren”, die mit dem Gebrauch von

milden Abführmitteln an bestimmten Tagen verbunden waren[20].

[20] Am Schlusse teilt Alexandros eine ganze Reihe von

Sympathiemitteln gegen Podagra mit, z. B. folgendes: Man nehme

ein goldenes Blatt und schreibe bei abnehmendem Monde die

untenstehenden Worte darauf; dann binde man die Sehnen eines

Kranichs darum und schließe es in eine dem Blatte entsprechende

Kapsel ein, welche der Kranke an den Fersen tragen muß. „μεί,

θρεύ, μόρ, φόρ, τεύξ, ζά, ζών, θέ, λού, χρί, γέ, ζέ, ών.. Wie

die Sonne in diesen Namen fest wird und sich täglich erneuert,

so macht auch dieses Gebilde fest, wie es früher war, schnell,

schnell, rasch, rasch. Denn siehe! Ich nenne den großen Namen,

in welchem das wieder fest wird, was dem Tode geweiht war: ἰάζ,

ἀζύφ, ζύων, θρέγξ, βαίν, χωώκ. Macht dieses Gebilde fest, wie

es dereinst war, schnell, schnell, rasch, rasch.”

•Dermatosen.• Alopecie, Pityriasis, Achor und Favus werden

beschrieben und im Sinne der Krasenlehre aufgefaßt. In der örtlichen

Behandlung des Haarausfalles behaupten das Abrasieren der Haare

an der erkrankten Stelle, Abwaschen der Kopfhaut, schwefelhaltige

Präparate den Platz, unter den Bestandteilen von Haarfärbemitteln

werden Galläpfel, Akazienextrakt, Rinde unreifer Nüsse und Eicheln,

Rotwein, Myrrhen, Eisenhammerschlag, Kupfervitriol, Alaun, Bleifeile

u. a. genannt. Gegen Pityriasis dienen fette Tonerde, Einreibungen

mit Wein, Oel, gepulvertem Weihrauch, Waschungen mit Salzwasser.

•Augenkrankheiten.• Der in dem Hauptwerk des Alexandros enthaltene

Abschnitt über Augenleiden stellt eine Rezeptsammlung dar, mit

spärlichem verbindendem Text; eine genauere Erörterung ist nur dem

Karbunkel der Lider gewidmet. Die Therapie findet ihren Stützpunkt

in der Krasenlehre. Mittel zur Stärkung des Sehvermögens enthalten

Kupfer, Galmei, Pfeffer u. a. Die ebenfalls dem Alexandros

zugeschriebene Augenheilkunde (herausgegeben und übersetzt in

Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”, Berlin 1886) ist

bemerkenswert wegen der Unterscheidung der entzündlichen von der

einfachen ~Chemosis~ und wegen der Beschreibung zweier Lidgeschwülste,

des „~Emphysems~” und des ~Oedems~. Am Schlusse des 1. Buches

dieser Abhandlung finden sich interessante Bemerkungen über die

Prädisposition zu Augenaffektionen. Es heißt unter anderem: „Trübungen

des Sehvermögens und Glaukosis treffen ältere Personen und Blauäugige

mehr, als Leute mit schwarzen Augen. ... Die Mydriasis befällt

mit Vorliebe diejenigen, welche ziemlich große und schwarze Augen

haben.... Wenn man kleine Dinge sehen will und sich Mühe gibt, starr

darauf zu blicken, so entwickeln sich Entzündungen der Augen; ebenso

werden Personen, welche sich beständig im Meere baden, in räucheriger

Luft oder hauptsächlich in der Sonnenglut arbeiten und eine salzreiche

Kost genießen, häufig von Augenleiden ergriffen.... Ferner erkranken

solche, welche gern Bäder nehmen, reichlichem Geschlechtsgenuß frönen

und in sehr heißen Orten, besonders in der Gegend des ägyptischen

Theben, wohnen. Das angestrengte Lesen verursacht eine Disposition

zu Augenleiden. Auch die Eisenarbeiter und Zimmerleute leiden sehr

leicht an den Augen Schaden, die Läufer dagegen nicht....”

•Ohrenleiden.• Ohrenschmerz, Ohrentzündung, Blutungen, Fremdkörper

des Ohres, Ohrensausen, Schwerhörigkeit und Taubheit sind die

bekannten Krankheitstypen. Die Therapie gründet sich im Wesen

auf die Lehre von den Dyskrasien und zeichnet sich durch Sorgfalt

und Vorsicht aus. Gegen Otalgie aus entzündlicher Ursache kommen

Einspritzungen (mit Rosenöl, Opium, Bibergeil etc.), warme Bähungen,

Räucherungen (Dämpfe, Wermutabsud), Kataplasmen, Narkotika und

Aderlaß zur Anwendung. Bei Ohrkatarrh warnt Alexandros davor, sofort

örtliche Mittel zu gebrauchen und empfiehlt statt dessen Bäder und

Schröpfköpfe auf das Hinterhaupt. Blutungen werden, wenn sie anhalten,

durch Einführung styptischer Medikamente (z. B. Galläpfelpulver)

gestillt. Zur Entfernung von Fremdkörpern waren folgende Methoden

gebräuchlich: die Ausspritzung, das Saugen mittels eines Rohres,

das Herausziehen mit einem Ohrlöffel, der mit Wolle umwickelt und

mit einem leimartigen Stoff bestrichen ist (bei der letztgenannten

Methode wird Niesen erregt und dabei Mund und Nase geschlossen,

damit die Luft den fremden Körper nach außen treibe). Ohrensausen

soll durch blähende, dicke Luft und zähe, dicke Säfte im Innern des

Ohres entstehen. Da die Schwerhörigkeit und Taubheit auf gallige

oder zähe Säfte zurückgeführt wurde, so werden dagegen abführende,

schleimentziehende und Niesemittel, Bädergebrauch etc. neben lokalen

Einspritzungen empfohlen. Manche Aerzte, so erzählt Alexandros,

haben auch die Arteriotomie vorgenommen, ~dem Kranken mit Hörnern

ins Ohr geblasen und durch starke Geräusche das verlorene Gehör

wiederherzustellen versucht~. -- Die Parotitis entstehen durch den

Ueberfluß an unverdauten, dünnen und hitzigen oder dicken und kalten

Säften. Therapie: Aderlaß, Kataplasmen von Leinsamen, erweichende

Salben und Pflaster, kühle Umschläge etc.

Schriftsteller des 7. Jahrhunderts.

•Theophilos• (~Protospatharios~). Früher hat man sämtliche unter

dem Namen Theophilos gehende Schriften dem zur Zeit des Heraklios

(610-641) lebenden, mit dem Titel Protospatharios (═ Oberst der

kaiserlichen Leibwache) ausgezeichneten, Archiater Theophilos

zugeschrieben. Da aber in den Handschriften bald ein ~Theophilos~

kurzwegs, bald ein Theophilos ~monachos~, bald ein Theophilos

Protospatharios als Autor genannt wird, so besitzt die Annahme ganz

verschiedener Verfasser größere Wahrscheinlichkeit. Schriften: ~περὶ

τῆς τοῦ ἀνθρώπου παρασκευῆς ═ über die Einrichtung des menschlichen

Körpers~, ~περὶ οὔρων ═ über den Harn~, ~περὶ διαχωρημάτων ═ über die

Kotausscheidung, περὶ σφυγμῶν ═ über den Puls~. Außerdem gehen unter

dem Namen Theophilos noch Scholien zu den Aphorismen des Hippokrates

und eine noch ungedruckte Abhandlung περὶ φλεβοτομίας. Von mancher

Seite wurde ihm jene Abhandlung über die Fieber zugeschrieben, welche

wir unter Paladios (vgl. S. 75) angeführt haben.

Die Abhandlung ~περὶ τῆς τοῦ ἀνθρώπου παρασκευῆς βιβλία έ~ (Ausgabe

von W. A. Greenhill, Theophili Protospatharii de corporis humani

fabrica, Oxford 1842) ist im wesentlichen ein jeder Originalität

entbehrender Auszug aus Galens de usu partium und mehr eine

physiologische als eine anatomische Schrift. Eine fromm begeisterte

Teleologie bildet ihr Grundprinzip. Ausführlich ist nur die Lehre

von den Eingeweiden und Sinnesorganen, minder genau die Knochenlehre

dargestellt, bezüglich des Muskel-, Nerven- und Gefäßsystems verweist

der Verfasser auf die einschlägigen Schriften Galens. Eine unbefangene

Ueberprüfung des Inhalts (durch v. Töply) hat ergeben, daß man dem

Theophilos nur auf Grund unrichtiger Deutungen ganz mit Unrecht

die erste Beschreibung des Olfactorius zugeschrieben hat. Immerhin

bleibt es anerkennenswert, daß er manches, was sich zerstreut oder

in unklarer Darstellung in Werken der Vorgänger fand, in deutlicherem

Zusammenhang und in größerer Klarheit wiedergab, dies gilt z. B. für

die Lehre von der Blutbewegung und Ernährung; interessant ist die

im 2. Kapitel des IV. Buches mitgeteilte Bemerkung, ~es hänge die

Gestaltung der Schädelknochen und der Wirbelsäule von der Entwicklung

des Gehirns und Rückenmarks ab~.

Die jahrhundertelang als maßgebend geltende Schrift ~περὶ οὔρων~

(ed. in Idelers Phys. et medici gr. minor I) stützt sich auf die

galenische Grundanschauung, daß der Harn aus der unteren Hohlvene

abgesondert werde, fügt jedoch noch die Hypothese hinzu, daß die

wässerigen Harnbestandteile schon in der Pfortader vorhanden seien

und von dort durch äußerst feine, haarförmige Kanäle in die Hohlvene

gelangen. Aus der Beschaffenheit des Urins kann man den Zustand des

gesamten Blutes, aber auch die Leiden einzelner Körperteile erkennen.

Farbe[21], Konsistenz, Trübungen, Bodensatz etc. des Harns werden

ausführlich besprochen und zu diagnostisch-prognostischen Schlüssen

verwertet. Die Uroskopie des Theophilos basiert zum großen Teile

auf den Angaben Galens (de crisibus liber I) und anderer älterer

Aerzte. In der Vorrede wird auch der Spezialarbeit eines ~Magnos~

über den Harn gedacht. Es ist dies wahrscheinlich nicht Magnos von

Antiochia (vgl. S. 46), sondern •Magnos von Emesa• (6. Jahrhundert?);

es sprechen manche Gründe dafür, daß die meisten Abschnitte der

pseudogalenischen Schrift über den Harn von diesem herrühren.

[21] Folgende sind die wichtigsten Farben, welche der Harn zeigen

kann: λευκόν, γαλακτῶδης, γλαυκόν, χαροπόν, ὑπωχρον, ὡχρόν,

ὑπόῤῥυον, πυρρόν, ὑπόξανθον, ξανθόν, ὑπέρυθρον, ἐρυθρόν,

οἰνωπόν, κυανοὑν, χλωρόν, πελιδνόν, μέλαν.

Die Schrift ~περὶ διαχωρημάτων~ (über die Kotausscheidung, ed.

in Idelers Phys. et medici gr. minor, I) lehnt sich an Hippokrates

und Galenos an und stammt jedenfalls von dem Autor der Schrift über

den Harn; sie ist deshalb von Interesse, weil sie zeigt, wie sehr

die griechischen Aerzte bestrebt waren, alle Hilfsmittel für die

Diagnostik auszunützen. Aus dem Inhalt wäre unter anderem folgendes

zu erwähnen: Durchfälle entstehen durch Erschlaffung oder durch Reiz;

Hämorrhoidalfluß ist oft heilsam, weshalb er Ασκληπιασμός genannt

werde; bisweilen gehe Fett im Stuhl ab. Im Anschluß an die Vorgänger

glaubt der Verfasser an die schädliche Einwirkung des Darminhaltes

auf das Gehirn.

Die Schrift ~περὶ σφυγμῶν~ (ed. in Ermerins, Anecdota medica graeca,

Leyden 1840) ist nur ein mangelhafter Auszug aus der galenischen

Pulslehre. Mit der Pulslehre des Theophilos ist trotz großer

Aehnlichkeit eine andere, nur in lateinischer Uebersetzung vorhandene

Schrift „Liber ~Philareti~ de pulsibus” nicht zu verwechseln.

•Stephanos• von Athen, Schüler des Theophilos, verfaßte Scholien zum

Prognostikon des Hippokrates, eine Exegese zu Galens methodus medendi

ad Glauconem (ed. Dietz, Scholia in Hipp. et. Galen, Königsberg

1834) und schrieb über den Puls; die Identität mit dem Astrologen

und Alchemisten Stephanos von Alexandria ist wohl zu bezweifeln.

•Paulos• von Aigina (daher •Aiginetes•) praktizierte in der ersten

Hälfte des 7. Jahrhunderts in Alexandria und zeichnete sich ganz

besonders als Chirurg und Geburtshelfer aus. Von seinen Werken

kennen wir nur das aus sieben Büchern bestehende, ὑπόμνημα betitelte,

Kompendium der Medizin, welches noch einmal das medizinische Wissen

der Antike klar und prägnant zusammenfaßt. Nach arabischen Angaben

soll er auch über Frauenkrankheiten und Toxikologie geschrieben haben.

Für die große Wertschätzung, der sich Paulos erfreute, spricht es,

daß sein Werk schon zwei Jahrhunderte nach seinem Tode ins Arabische

und verhältnismäßig früh ins Lateinische übertragen wurde.

Die vorhandenen Ausgaben des ganzen Werkes (Venedig 1528 und Basel

1538) genügen den modernen Ansprüchen keineswegs, von den lateinischen

Uebersetzungen -- auch einzelne Bücher wurden übertragen -- ist jene

des Guintherus Andernacus (Paris 1532 u. ö.) und des J. Cornarius

(Basel 1556) erwähnenswert. Wegen ihres ausführlichen Kommentares

empfiehlt sich (die ohne Benutzung von Handschriften verfaßte)

~englische~ Uebersetzung von Fr. Adams, The seven books of Paulus

Aegineta, (London 1845-1847). Das VI. Buch wurde (auf Grund von 19

Handschriften) herausgegeben und ins ~Französische~ übersetzt von René

Briau unter dem Titel Chirurgie de Paul d'Egine, Paris 1855. Nach den

Angaben arabischer Autoren schrieb Paulos noch eine Abhandlung über

~Frauenkrankheiten~, welche aber verloren gegangen ist.

Inhalt der sieben Bücher. Buch I: Diätetik der Schwangeren und

Kinder, Kinderkrankheiten, Massage, Gymnastik, Sexualhygiene, über

das Erbrechen, Laxieren, Baden, Verhalten auf Reisen und Seefahrten,

Ernährung und Ernährungstherapie, Schlaf. Buch II: allgemeine

Pathologie, Fieberlehre, Semiotik. Buch III: Haarleiden, Kosmetik,

Krankheiten des Gehirns und der Nerven, der Augen, der Ohren,

der Nase, des Gesichts, des Mundes, der Zähne. Buch IV: Lepra,

Hautleiden, Verbrennungen, Entzündungen, Schwellungen, Geschwülste,

Wunden, Geschwüre, Fisteln, Blutungen, Ankylose, Erschlaffung der

Gelenke, Würmer. Buch V: Toxikologie. Buch VI: Chirurgie. Buch VII:

Arzneimittellehre.

Wie Oreibasios widmet auch Paulos der ~Kinderheilkunde~ einige

Aufmerksamkeit, wobei die einschlägigen Schriften des Mnesitheos,

Rhuphos, Soranos, Athenaios u. a. den Ausgangspunkt bildeten. Eine

Reihe von Mitteln soll zur Beförderung der Dentition dienen (z. B.

häufiges Reiben des Zahnfleisches und Bestreichen mit verschiedenen

Fettarten), nach dem Durchbruch der Zähne soll das Kind an geschälter

Iriswurzel kauen, Eklampsie wird mit Bädern behandelt, Verstopfung

mit Suppositorien, Honig etc., Durchfälle mit erwärmenden Umschlägen,

Einreibungen (von Minze), Hirsebrei etc. Die Aphthen zerfallen

in weißliche, rötliche und schwarze, von denen die letzteren die

gefährlichsten sind. Was die ~Lungenleiden~ anlangt, so berichtet

Paulos, mehrmals das Aushusten von Lungensteinen beobachtet zu

haben; er kennt die Eiterversetzung nach der Blase im Verlauf der

Phthise ═ tuberkulöse Blasengeschwüre, die vikariierende Hämoptöe

bei Amenorrhöe und erwähnt differentialdiagnostische Kennzeichen

des Rheumatismus der Brustmuskeln gegenüber der Pleuritis, die er

mit Aderlaß, Purganzen oder scharfen Klistieren behandelt. Von der

„~Angina~” unterscheidet er vier Formen der Entzündung, nämlich

~συνάγχη~ und ~παρασυνάγχη~ ═ Entzündung innerhalb und außerhalb des

Pharynx, ~παρασυνάγχη~ und ~παρακυνάγχ~ ═ Entzündung innerhalb und

außerhalb des Larynx. Weit mehr als alle übrigen griechischen Aerzte

richtete Paulos seine Aufmerksamkeit auf die ~Herzaffektionen~ wenn

er auch auf diesem Gebiete wegen mangelnder pathologisch-anatomischer

Kenntnisse nicht weit vordringen konnte; er spricht von erysipelatösen

Entzündungen des Herzens, die so tödlich seien wie Herzwunden, von

sympathischen Herzaffektionen bei Gehirn- und Magenleiden und führte

manche Fälle von Herzklopfen auf Plethora zurück. Von ~Erkrankungen

des Magen-Darmtrakts~ werden erwähnt: Magengeschwüre, eine gastrische

und eine dysenterische Form der Lienterie, Eingeweidewürmer, Ileus,

der durch Indigestion, Obstruktion oder durch das ~Hinuntertreten

der Därme in das Skrotum~ (Brucheinklemmung) entstehe. Im letzteren

Falle wird Reposition und Anlegung einer Bandage empfohlen, von

einer Operation des eingeklemmten Bruches ist keine Rede. Für

die historische Pathologie von Wert ist die Schilderung einer

Kolikepidemie des 7. Jahrhunderts, die sich seuchenartig über

große Teile des römischen Reiches verbreitete und entweder mit

Lähmungen (ohne Empfindungsstörung) oder mit epileptiformen

Krämpfen endigte. Ueber die ~Gicht~ entwickelt Paulos eine sehr

beachtenswerte Theorie. Nach seiner Ansicht entsteht nämlich infolge

einer ungenügenden Assimilationsfähigkeit (θρεπτικὴ δύναμις) der

Körperteile aus dem Ueberfluß von Nahrung, bei träger Lebensweise

und häufigen Verdauungsstörungen ein Krankheitsstoff, den in erster

Linie die geschwächten Gelenke, aber auch Leber, Milz, Hals, Ohren,

Zähne anziehen. Die Theorie zieht also als Faktoren einerseits die

Entstehung eines Krankheitsstoffes infolge von Stoffwechselstörungen,

anderseits die Ablagerung desselben in „geschwächten” Teilen in

Betracht. Von der ~Ischias~, die anschaulich geschildert wird, kennt

er die beiden Formen der I. postica und antica; zur Beseitigung

des Leidens sollten Aderlässe dienen. Bei ~Apoplexie~ bildete die

Venäsektion das Hauptmittel, bei ~Epilepsie~ soll die Ausgangsstelle

der Aura mit Kanthariden geätzt werden, ~Tetanus~ wurde mit Opium

behandelt. Von der „~Phrenitis~”, die als Entzündung des Gehirns und

der Gehirnhäute galt, trennte Paulos schärfer die Fieberdelirien, den

Sitz der ~Anosmie~ suchte er in den vorderen Gehirnhöhlen. Unter den

~Psychosen~, zu denen auch übermäßige Liebe gehöre, wird eine Form

geschildert, bei der die Kranken mit höheren Mächten in Verbindung zu

stehen glaubten und die Zukunft vorhersagten, ferner der ~Blödsinn~.

Hautleiden und Genitalaffektionen finden eine ausführliche, aber

unklare Darstellung, immerhin behauptet Paulos die Kontagiosität der

~Lepra~ und gedenkt der ~Filaria medinensis~, welche namentlich in

Oberägypten und Indien vorkomme. Ein ganzes Buch (V.) handelt über

die Behandlung der ~Intoxikationen~ durch Tierbisse oder Tierstiche,

ferner durch den Genuß giftiger vegetabilischer oder mineralischer

Substanzen. Bei der Behandlung vergifteter Wunden kamen innerliche

und äußerliche Mittel (Aussaugen, Skarifizieren, Kauterisation) zur

Anwendung. Die Hydrophobie entstehe durch den Biß eines an Lyssa

leidenden Hundes und breche gewöhnlich um den 40. Tag, bisweilen

aber später aus ... Paulos berichtet, er kenne keinen, der gerettet

worden sei, wenn die Wutkrankheit schon ausgebrochen war, dagegen

seien viele Gebissene vor Ausbruch der Krankheit gerettet worden.

Die Behandlung derselben bestand in der Kauterisation der Wunde

und scharfen Umschlägen, neben gewissen inneren Mitteln. -- Die

Heilmittellehre des Paulos ist aus Dioskurides, Galenos und Oreibasios

entlehnt, doch sind noch manche früher nicht erwähnte Arzneipflanzen

hinzugefügt.

Das VI. Buch gibt ein anschauliches Bild von der antiken •Chirurgie•

(vgl. E. Gurlt, Geschichte der Chirurgie, Bd. I). Wie wohl aufgebaut

auf die Schriften des Hippokrates und Galenos, des Leonides, Soranos

und Antyllos, verrät die Darstellung doch überall das selbständige

Urteil und die geschickte Hand des tüchtigen Fachmannes. Wir können

hier nur auf einige der wichtigsten Abschnitte hindeuten.

Ueber die ~Venäsektion~ (vorwiegend an den drei Venen der

Ellenbogenbeuge, aber auch an anderen Venen), das ~Schröpfen~ (am

besten weitbauchige bronzene Schröpfköpfe), die ~Skarifikation~

(mit dem Bistouri), die ~Kauterisation~ (des Kopfes, z.

B. bei Augenentzündungen, der Achselhöhle bei habitueller

Schultergelenksluxation, der Bauchdecken bei Erkrankungen der Leber,

der Milz, des Magens etc.) werden genaue Vorschriften erteilt; als

Blutstillungsmittel ist, abgesehen vom Glüheisen, zwar die ~Ligatur~,

keineswegs aber die Torsion erwähnt. Unter den Abschnitten über

die Wundbehandlung besitzt das (88.) Kapitel über die ~Entfernung

von Pfeilspitzen~ den interessantesten Inhalt, da es einen tiefen

Einblick in die damalige Kriegschirurgie gewährt und durch die Fülle

detaillierter Vorschriften überrascht (vgl. die deutsche Uebersetzung

dieses Kapitels von Fröhlich, Wien. med. Wochenschrift 1880).

Wertvoll sind die Angaben über die diagnostischen Kennzeichen der

Verletzung lebenswichtiger Organe: „Wenn die ~Hirnhäute~ verwundet

sind, ist ein heftiger Kopfschmerz vorhanden, mit Glänzen und Rötung

der Augen, mit Verwirrung der Sprache und des Bewußtseins. Wenn das

~Gehirn~ mitverletzt ist, findet sich Kollaps, Aphonie, Verzerrung

der Gesichtszüge, galliges Erbrechen, Blutausfluß aus der Nase und

dem Gehörgange, Entleerung einer weißen, breiartigen Flüssigkeit

durch die Wunde, wenn die Jauche daselbst einen Ausweg findet. Wenn

ein Eindringen in die ~Brusthöhle~ stattgefunden hat, tritt Luft bei

vorhandener Weite der Wunde aus. Bei Verwundung des ~Herzens~ findet

sich der Pfeil nahe der linken Brustwarze, nicht wie in einem Hohlraum

liegend, sondern wie in einem festen Körper steckend und bisweilen

auch eine pulsierende Bewegung zeigend; dabei ist ein Ausfluß dunklen

Blutes, wenn dasselbe einen Ausweg findet, vorhanden, mit Kälte,

Schweiß und Ohnmacht, und ohne Verzug erfolgt der Tod. Ist die ~Lunge~

verwundet und die Oeffnung der Wunde weit, so wird schaumiges Blut

entleert, ist sie es aber nicht, so wird das Blut vielmehr erbrochen;

dabei sind die Gefäße am Halse ausgedehnt, die Züge in ihrer Farbe

verändert, die Kranken atmen mühsam ein und trachten nach Kühlung.

Bei Verwundung des ~Zwerchfells~ erscheint der Pfeil in der Gegend

der falschen Rippen eingedrungen, die Inspiration ist mühsam und

geschieht mit Schmerzen und Seufzen in allen zwischen den Schultern

gelegenen Teilen. Hat am Bauche eine Verwundung stattgefunden, so

erkennt man dies aus dem Entleerten, wenn die Wunde weit ist, oder

wenn der Pfeil ausgezogen worden, oder der Schaft abgebrochen ist;

denn aus dem ~Magen~ fließt Chylus, aus den ~Därmen~ Kot ab. Bisweilen

fällt auch ~Netz oder Darm~ vor; bei Verwundung der ~Blase~ entleert

sich Urin.” -- Die Lehre von den ~Frakturen~ und ~Luxationen~ ist

mit außerordentlicher Gründlichkeit, im Anschluß an Hippokrates,

Soranos und Galenos dargestellt, doch weicht Paulos von seinen großen

Vorgängern in manchen wesentlichen Punkten ab. ~Soranos~ hatte acht

Varietäten der Schädelverletzungen unterschieden, darunter auch

die Fraktur durch Contrecoup, die letztere wurde aber von Paulos

geleugnet. Auch gibt er für die Ausführung der Trepanation einige

vom Herkommen abweichende Vorschriften. Eingehend schildert er die

Frakturen der Nase, des Unterkiefers, des Schlüsselbeins, der Skapula,

des Sternums, der Rippen, der Extremitätenknochen u. s. w. und überall

werden detaillierte Angaben über die Lagerung, Verbände, Schienen

etc. gemacht. Dabei zeigt sich, daß der Standpunkt der Hippokratiker

von den Neueren in mancher Hinsicht verlassen oder modifiziert

worden war. So z. B. wurden Schienen gleich beim ersten Verbande

angelegt, nicht, „wie es die Alten taten,” erst nach einer Woche.

In der Besprechung der komplizierten Frakturen wird erwähnt, daß

Hippokrates die Reposition hervorstehender Fragmente für gefährlich

hielt, „doch,” setzt Paulos hinzu, „die Zeit hat inzwischen dargetan,

daß das Verfahren bisweilen von Erfolg ist.” Nach seiner Ansicht sind

Schienen auch bei mit Wunden komplizierten Brüchen nicht zu entbehren,

während „andere” z. B. bei der komplizierten Unterschenkelfraktur

eine hölzerne oder tönerne Hohlschiene gebrauchten. Die Luxation

definiert er als das Herausfallen eines Gliedes aus seiner Gelenkhöhle

nach einer ungewohnten Stelle, wodurch die willkürliche Bewegung

gehindert wird. Im Gegensatz zu Hippokrates, dem er in der Lehre

von den Verrenkungen vorzugsweise folgt, rät er auch dann, wenn

die Luxation mit Wunden kompliziert ist, zur baldigen Vornahme der

Reposition, allerdings mit Auswahl der Fälle.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 17 / 76 段