•Spezielle Pathologie und Therapie: Fieberlehre.• Im wesentlichen

vertritt Alexandros hinsichtlich der Pathologie der Fieberkrankheiten

die gleichen Anschauungen wie die Vorgänger; bei jeder Fieberform wird

die Genese und Symptomatologie (darunter Puls- und Harnbeschaffenheit)

angegeben. Der Unterschied der kontinuierlichen Fieber von den

intermittierenden ist darin begründet, daß die Krankheitsstoffe

sich bei den ersteren innerhalb, bei letzteren aber außerhalb der

Gefäße anhäufen und durch das Aufsteigen zur Haut Frost erregen.

Die Quotidiana wird entweder durch die gelbe Galle oder aber

durch den schwarzgalligen Saft (hefenartige Blutbeschaffenheit)

hervorgerufen, der Milztumor schwillt nach starken Entleerungen

rasch ab. In der Therapie der Fieber kommen Bäder, Einreibungen,

diätetische Maßnahmen, außerdem aber je nach dem Falle Abführmittel,

Schwitzmittel, Diuretika, bei Schlaflosigkeit Opiate, bei Schwäche

Wein zur Verwendung.

•Nervenleiden.• ~Kopfschmerz~ kann die Folge von Säfteanomalien

an Ort und Stelle sein oder im Verlauf von Magen-, Leber-,

Milzkrankheiten, Fiebern vorkommen, oder durch übermäßigen Weingenuß,

mechanische Gewalteinwirkung auf den Schädel veranlaßt werden.

~Chronischer Kopfschmerz~ entwickelt sich aus allgemeiner Plethora,

Säfteanomalien des Kopfes, Erhitzung der Galle, Verdauungsstörungen,

Schlaflosigkeit und Kummer. Als Symptom der Hirnhautentzündung ist der

Kopfschmerz oft der Vorläufer von Krämpfen und Delirien, ja zuweilen

eines plötzlichen Todes. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache.

~Hemikranie~ entsteht primär im Kopfe, wenn sich unreine Stoffe

festsetzen, verdicken und in Gase umwandeln, oder sekundär durch

Affektionen des Unterleibs. Die Behandlung hängt von den zu Grunde

liegenden Dyskrasien ab, die bekämpft werden müssen, Venäsektion

ist nur bei allgemeiner Plethora indiziert. ~Ohnmacht~ wird bei

den verschiedensten Zuständen beobachtet, bei Fiebern, allgemeiner

Schwäche, Diarrhöe, starker Schweißsekretion, Inanition, heftigen

Gemütsbewegungen, Magen-, Darm-, Gebärmutterleiden etc. Namentlich

scheinen Ohnmachten leicht vom „Magenmund” hervorgerufen zu werden,

wenn derselbe nämlich durch schleimige und gallige Säfte affiziert

ist. Therapie: Frottieren, Baden, Besprengen mit kaltem Wasser,

Reizmittel, Luftzufuhr, Binden der Extremitäten, Wein, kräftigende

Speisen, erwärmende Umschläge, Einreibungen, Diuretika. ~Apoplexie~

besteht in der Aufhebung des Bewegungs- und Empfindungsvermögens.

~Paralysen~ beruhen darauf, daß entweder im Zentralorgan des

Nervensystems oder in einzelnen peripheren Nerven Stockungen und

Verstopfungen (durch die Säfte) auftreten. Ist das Gehirn beteiligt,

so sind Hemiplegien oder Lähmungen der Nerven des Gesichtes zu

erwarten. Therapie: Behebung der Säftestauung durch zyklische

Stoffwechselkuren, durch Abführmittel, Venäsektion, Frottierungen,

Bäder, Thermen; lokale Reizung der gelähmten Teile durch Applikation

von Blutegeln, Skarifikation, Senfpflaster, Pechpflaster, aromatische

Umschläge, Räucherungen etc. ~Epilepsie~ wird durch Verstopfung des

Gehirns mit Schleim und schwarzer Galle hervorgerufen; es gibt drei

Formen der Krankheit, je nachdem sie im Kopfe entsteht oder vom Magen

oder einem anderen Körperteil ausgeht. Die Therapie richtet sich

nach der Form der Epilepsie und nach dem Lebensalter des Kranken.

Bei Kindern kommt vorzugsweise die erste Form vor. Handelt es sich

um einen Säugling, so ist für gesunde und nahrhafte Milch Sorge zu

tragen (Alexandros gibt vortreffliche Anleitungen für die Auswahl der

Amme und für die Prüfung und Verbesserung der Milch), außerdem sind

Bäder und Frottierungen anzuwenden. Bei älteren Kindern empfehlen

sich Purgiermittel, Brechmittel. Bildet der Magen den Ausgangspunkt

der Epilepsie, so ist für die Herstellung einer normalen Verdauung

durch Abführmittel oder schleimlösende Mittel nebst entsprechender

Diät zu sorgen. Macht sich eine Aura epileptica an der Peripherie

des Körpers deutlich fühlbar -- diese charakterisiert die dritte Form

der Epilepsie -- so verordnet Alexandros neben einer systematischen

Purgierkur, die in seiner Therapie der Epilepsie die Hauptrolle

spielt, örtliche Reize verschiedener Art an der Ausgangsstelle

der Aura. Alle drastischen Maßnahmen, wie z. B. Blutentziehungen,

Inzisionen der Kopfhaut, Kauterisation, Arteriotomie, Trepanationen

etc. werden verworfen, hingegen wird der Diät, den Leibesbewegungen,

dem Bädergebrauch und gewissen Vorbeugungsmitteln (z. B. Vermeidung

scharfer Gerüche) große Bedeutung zuerkannt. Anhangsweise gibt

Alexandros eine Uebersicht über die gebräuchlichsten ~Wundermittel~

gegen Epilepsie, „damit der Arzt in der Lage sei, in jeder Weise

seinen Kranken zu helfen”. Dieser Absatz ist aus den Schriften des

Archigenes und anderer Autoren, sowie auch direkt aus der Volksmedizin

geschöpft.

•Psychosen.• „~Phrenitis~” gilt als eine durch die Galle erzeugte

Entzündung des Gehirns und seiner Häute. Die Behandlung wird mit einer

Venäsektion eingeleitet, darauf folgen beruhigende Applikationen (z.

B. Mischung von Essig mit Rosenöl) auf den Kopf, Schlafmittel („~denn

der Schlaf ist das einzige und beste Heilmittel des Wahnsinns~”),

eventuell lauwarme Bäder, Frottierungen; Weingenuß kann denen,

welche daran gewöhnt sind, gestattet werden; zur Nahrung empfehlen

sich hauptsächlich schleimige Getränke und Suppen; Sorge für

gesunde Wohnungsverhältnisse (Licht, Luft) und Ruhe (Besuche nur in

beschränktem Maße und nur von vertrauten Freunden). „~Lethargos~”,

eine durch Schleimanhäufung im Gehirn verursachte Geisteskrankheit,

die mit Schwäche und Somnolenz einhergeht, erfordert kühlende und

reizende Mittel, ganz besonders angemessen ist aber der interne

und externe Gebrauch von Bibergeil. Bei ~Karos~ ist eine ähnliche

Behandlungsweise am Platze; der Sitz dieser Krankheit ist im vorderen

Teile des Gehirns zu suchen. ~Melancholie~ ist nach Alexandros ein

Krankheitsbegriff, der nicht bloß die gewöhnlich darunter verstandene

Geistesaffektion, sondern auch Tobsucht, Wahnsinn, Verrücktheit und

manche Fälle von Stumpfsinn in sich schließt. Die Krankheitsursache

ist in einer schlechten Beschaffenheit des Blutes (zu große Menge

oder schädliche Beimengungen von galligen, scharfen, schwarzgalligen

Stoffen) zu suchen; die zum Gehirn aufsteigenden Dämpfe trüben das

πνεῦμα ψυχικόν und erregen Wahnvorstellungen. Die (sehr eingehend

besprochene) Therapie besteht in angemessener Diät, Bädern,

Abführmitteln (der weißen Nieswurz wird der „armenische Stein”

vorgezogen), Sorge für Ruhe, Schlaf; zuweilen bringt die psychische

Heilmethode Erfolge (Eingehen auf die Wahnideen)[16], desgleichen

Ortsveränderung, Reisen, Theaterbesuch, gesellige Unterhaltungen

und leichte Beschäftigung. ~Manie~ ist eine zur Tobsucht gesteigerte

Melancholie.

[16] Sehr interessant sind mehrere Fälle von ~Psychotherapie~: „So

heilte der Arzt ~Philotimos~ (vgl. Bd. I, S. 244) einen Kranken,

welcher an der Idee litt, daß man ihn, weil er ein König

gewesen wäre, enthauptet habe, dadurch, daß er ihm plötzlich

eine bleierne Mütze auf den Kopf setzte, so daß er die Schwere

fühlte und die Ueberzeugung bekam, er habe seinen Kopf wieder

erhalten.” ... „Eine Frau, die eine Schlange verschluckt zu

haben glaubte, wurde dadurch geheilt, daß man in ihren Auswurf

ein kleines Tierchen setzte, welches vollständig dem Gebilde

ihrer Phantasie glich und dem Tiere entsprach, wie es ihr leerer

Wahn ihr vorgemalt hatte.”

•Krankheiten des Respirationssystems.• ~Angina~ wird mit

Gurgelwässern (schwach adstringierende Pflanzensäfte, später

alkalinische Substanzen), Umschlägen, bei Vollblütigen auch

mit Aderlaß (an den Venae sublinguales oder Venae jugulares),

Abführmitteln behandelt. ~Husten~ kann als Symptom verschiedenartige

Krankheiten begleiten, und bald von diesem, bald von jenem Organ

ausgehen. Die Therapie hat sich nach der zu Grunde liegenden

Dyskrasie zu richten, die besten Erfolge bringen die (nur mit

Vorsicht anzuwendenden) Opiumpräparate, Räucherungen (mit Weihrauch,

Bibergeil, verschiedenen ätherischen Harzen etc.), ölige Einreibungen

auf der Brust. In den zahlreichen Rezepten, die Alexandros anführt,

nehmen Storax, Myrrhe, Anis, Terpentin, Bibergeil, Süßholz, Schwefel

die wichtigste Stelle ein. Je nachdem die ~Hämoptoë~ von einer

Ruptur oder aber von einer Erosion der Gefäße herrührt, ist die

Therapie des Bluthustens mit einem Aderlaß (an der Ellenbogenvene

und am Fußknöchel) einzuleiten (3 Stunden nachher) oder aber davon

abzusehen, außerdem kommen kühle (adstringierende) Getränke, kalte

Brustumschläge, blande Diät, Ruhe, Milchkur, von Arzneimitteln

der Blutstein in Betracht. Ueber die Behandlung der ~Pneumonie~

findet sich bei Alexandros wenig. Zu den diagnostischen Methoden,

die Existenz eines ~Empyems~ nachzuweisen, gehört in erster Linie

das ~Sukkussionsgeräusch~. „Wenn der Eiter in der Brust sitzt, so

läßt sich dies sowohl aus manchen anderen Erscheinungen, als auch

besonders aus dem Gefühl der Schwere in dem betreffenden Teile der

Brust, sowie daraus schließen, ~daß man bei plötzlichen Wendungen

des Kranken ein Rauschen hört~.” Therapie: Regelung der Diät,

Hebung des Kräftezustandes, ätherische Harze. In der Behandlung

der ~Phthise~ ist die zweckmäßige Ernährung (verdauliche, kräftige

Nahrung), der fortgesetzte Milchgenuß (Eselstutenmilch), der Gebrauch

der Heilquellen das wichtigste, außerdem wirken Luftveränderung

und Seereisen sehr günstig. ~Pleuritis~ (Entzündung der die Rippen

bekleidenden Haut, zum Unterschiede vom Seitenschmerz) ist mit

heftigem Fieber, stechenden Schmerzen, Atembeschwerden und Husten

verbunden. Die Intensität des Fiebers bei diesem Leiden ist von

der Nähe des Herzens herzuleiten. Die Farbe des Sputums läßt den

Krankheitsstoff erkennen, rotes deutet auf das Blut, goldgelbes auf

die gelbe Galle, weißes und klebriges auf den Schleim, schwarzes auf

die schwarze Galle. In den ersten Stadien und bei manchen Formen

der Pleuritis fehlt der Auswurf. Bei der Differentialdiagnose

gegenüber manchen Leberleiden mit ähnlichen Symptomen ist zu

beachten, daß letzteren der stechende Charakter der Schmerzen, die

Härte des Pulses, der mit reichlichem Auswurf verbundene heftige

Husten mangelt. Die Gesichtsfarbe des Leberkranken ist bleicher

als diejenige, die man bei Pleuritikern beobachtet. Verschaffen

Bähungen den Kranken Erleichterung, so genügen diese allein zur

Zerteilung des Krankheitsstoffes; wo dies nicht der Fall, greife

man zu Abführmitteln oder zum Aderlaß (jedoch nicht ohne dringende

Notwendigkeit!). Statt der Venäsektion empfiehlt es sich oft nur

blutige Schröpfköpfe anzuwenden. Außerdem sind äußerlich warme

Bähungen, Auflegen von Schwämmen (die in laues Wasser getaucht sind),

Kataplasmen, erweichende Pflaster und Salben, innerlich schleimige

Dekokte, Honiglimonade angezeigt. Leichtverdauliche Nahrung, Opiate

nur bei gefahrdrohender Schlaflosigkeit.

•Krankheiten des Digestionsapparates.• Alexandros erörtert eingehend

die Ursachen, welche den „Magenmund” (Stomachos, Kardia) so häufig

zum Ausgangspunkt von Krankheiten machen (vgl. hierzu Galenos) und

schildert die ~Symptomatik der Magenaffektionen~. Appetitlosigkeit

beruht auf der zu großen Menge oder auf der abnormen Mischung der

Säfte, die sich im Magen ansammeln, Heißhunger ist auf die kalte

Dyskrasie des Magens, die Erhitzung des Magenmundes und die Schwäche

der hemmenden Kraft des Magens zurückzuführen, übermäßiger Durst ist

eine Folge der Dyskrasien oder verdorbener Magensäfte, Erbrechen

wird durch Ansammlung schädlicher Stoffe verursacht, die sich

entweder nur im Magen oder im ganzen Körper bilden, Singultus[17]

entsteht durch die Schärfe, seltener durch die Trockenheit des

Mageninhalts, Auftreibung des Magens tritt dann auf, wenn Gase (aus

unverdauten Speisen) keinen Ausweg finden. Die Therapie, welche

empfohlen wird, ist im Sinne der Krasenlehre eine kausale; so

kommen je nach der Indikation bald erwärmende und trocknende, bald

kühlende und adstringierende, bald reizende oder stärkende Arzneien

in Betracht, abgesehen von den ausleerenden Mitteln. Die angeführten

Krankheitserscheinungen zeigen sich bei der ~Entzündung des Magens~.

Alexandros ist der letzte Autor, welcher eine Schilderung des viel

umstrittenen „Morbus cardiacus” (καρδιακὴ διάθεσις) entwirft; nach

seiner Ansicht wäre die bisweilen tödlich verlaufende Affektion

eine Folge der Anhäufung ätzender und giftiger Säfte im Magenmunde.

~Kolik~ wird durch kalte, dicke, schleimige oder durch heiße und

gallige Säfte, die sich im Dickdarm ansammeln, hervorgebracht,

kann sich aber auch sekundär aus Affektionen benachbarter Organe

(Entzündungen der Nieren, Leber, Milz, Blase etc.) entwickeln. Auch

die differentialdiagnostischen Charakteristika der Kolik gegenüber

anderen, namentlich Nierenleiden, werden ausführlich entwickelt. Zu

den wichtigsten Heilmitteln gehören: warme Bähungen des Unterleibes,

Kataplasmen, ölige Einreibungen, Frottierungen, warme Sitzbäder,

Trinken von schwefelhaltigen Mineralwässern, warme Klistiere,

Einblasungen von Luft in den After („Schlauchkur”) mit nachfolgendem

Klistier, Purgier-, Brechmittel und Carminativa, Opiate nur bei

unerträglichen Schmerzen und sehr geschwächten Kranken[18]. Als

eine im Verlaufe einer Kolik auftretende Erscheinung betrachtet

Alexandros den ~Ileus~. Von der „~Cholera~”, welche sich in Erbrechen

und Diarrhöen äußere und auf vollständiger Umwälzung des Magens

beruhe, unterscheidet er vier Formen, wobei nicht bloß Fälle der

Cholera nostras, sondern schon leichtere Magendarmaffektionen

mitgezählt werden; unter den Schädlichkeiten, die krankheitserregend

wirken können, ist auch der Genuß von Wassermelonen erwähnt.

Gegen das Erbrechen wird ein Dekokt von Gartenminze verordnet,

bei Kälte der Extremitäten sollen Reibungen mit erwärmten Händen,

Umwickelungen, heiße Bäder u. dgl. vorgenommen werden, äußerlich

kommen in der Magengegend aromatische, erwärmende Applikationen,

auf den Leib trockene Schröpfköpfe zur Anwendung. Die ~Ruhr~, deren

Krankheitsbild mit Naturtreue entworfen wird, kann primär oder

sekundär im Darm entstehen, im letzteren Falle gehen Affektionen

der Leber („Leberruhr”), der Milz, der Mesenterialgefäße etc.

voraus. Vom Sitz der Geschwüre hängt der klinische Verlauf ab.

Wenn die oberen Partien des Dünndarms ergriffen sind, so treten

erst einige Stunden nach heftigen Leibschmerzen dünne, hautartige,

bluthaltige Entleerungen auf; tiefer gelegene Geschwüre bewirken

früher mit einer geringen Beimischung von Eiter versehene Stuhlgänge;

Geschwüre im Dickdarm machen Schmerzen in der unteren Bauchgegend,

Tenesmus und fleischartige Entleerungen; solche im Mastdarm nur

Tenesmus und blutige Ausscheidungen. Die sogenannte Leberruhr ist

darauf zurückzuführen, daß infolge der geschwächten Leberfunktion

Diarrhöen hervorgerufen werden, welche schließlich zur Bildung von

Darmgeschwüren Anlaß geben. Bei der Behandlung ist auf den Sitz

der Geschwüre und auf den Grad der Diarrhöe Rücksicht zu nehmen,

eventuell auf den Ausgangspunkt des Leidens. Sitzen die Geschwüre

im oberen Darmabschnitt, so werden die Heilmittel durch den Mund,

sonst durch den After eingeführt. Starke Diarrhöen indizieren den

Gebrauch von schleimigen und stopfenden Dekokten, adstringierenden

Pflanzensäften, Opiaten, Pillen aus Arsenik, Sandarach, Opium u.

dgl., Galläpfelpulver. Stuhlzäpfchen, Klistiere aus schleimigen,

adstringierenden und narkotischen Substanzen, erwärmende Umschläge,

Salben, Pflaster und Einreibungen ergänzen den Heilapparat, abgesehen

von zweckentsprechender Diät.

[17] Gegen Singultus werden, wie noch heute in der Volksmedizin,

auch verschiedene Wundermittel empfohlen mit der Motivierung:

„Man darf gewisse Dinge nicht gering achten, sondern man muß

alles anwenden, aber bei der Behandlung zugleich die übrigen

Vorschriften beobachten, welche die Wissenschaft gibt.”

[18] Auch eine ganze Reihe von Wundermitteln wird aufgezählt, z.

B.: „Man nehme einen eisernen Ring, mache den Reif desselben

achteckig und schreibe auf das Achteck: Fliehe, fliehe o Galle!

Die Lerche hat dich gesucht. Darunter mache man auf den Kopf des

Ringes das Zeichen ϗ.” „Ich rate euch,” sagt Alexandros, „diese

Mittel nicht dem ersten besten, sondern nur den Gläubigen und

solchen, welche sie wohl zu bewahren verstehen, mitzuteilen.”

Von ~Eingeweidewürmern~ zählt Alexandros drei Arten auf, in denen

die Oxyuris vermicularis, der Ascaris lumbricoides und die Taenia zu

erkennen sind. Die Symptomatologie wird treffend geschildert, auch

der Wanderung der Askariden in den Magen gedacht. In einem Falle

beobachtete man eine Taenia von 16 Fuß Länge. Die Entstehung der

Würmer erkläre sich aus der Zersetzung der genossenen Speisen oder

aus der Fäulnis der unverdauten Säfte des Magens. Zur Abtreibung

der Bandwürmer und runden Würmer dienen die Blüten und Samen des

Granatbaumes, Farnkrautwurzel, Wurmkraut, die Samen von Heliotropium

europaeum, Scammonium, schwarze Nieswurz, Ysop, Rizinusöl,

Myrtenblätter u. a. m. Gegen die runden Würmer noch speziell Dekokt

aus Artemisia maritima, Koriandersamen, Thymian; gegen die dünnen

kleinen Würmer Klistiere (Kamillentee, ätherische Oele), abführende

Mittel (Wermut, Knoblauch, Kümmel, Aloë u. a.). Die ~Leberleiden~

zerfallen in die ~Entzündung~, ~Verstopfung~ und ~Schwäche~ der

Leber. Alexandros bemüht sich die diagnostischen Merkmale der

verschiedenen Leberentzündungen (der Häute, der konvexen, der

konkaven Seite) festzustellen, schildert die Symptomatologie (darunter

Schmerzqualität, Hautverfärbung, Magen-Darmsymptome, Hustenanfälle)

und kennt den Ausgang in Verhärtung oder Eiterung. Die Behandlung wird

mit dem Aderlaß eingeleitet, sodann folgen, abgesehen von äußerlichen

Applikationen, Diuretika, Sudorifera, Emetika und Laxantia. Die

Verstopfung der Leber zeigt ähnliche Symptome, aber milderen Grades

und verläuft ohne Fieber. Die Leberschwäche ist die Folge einer

Dyskrasie. Bei der heißen Dyskrasie beobachtet man großen Durst,

rauhe Zunge, Trockenheit der Haut, gallige, grünspanartige Massen

im Erbrochenen, psychische Verstimmung; bei der kalten wenig Durst,

schwarzen Stuhl, keinen galligen Auswurf, sauren Geschmack im Munde;

bei der trockenen Dyskrasie Steigerung des Durstgefühles, Trockenheit

des Körpers, spärlichen und dicken Stuhl; bei der feuchten keinen

Durst, feuchte Zunge, Diarrhöen. Die Ursache der ~Wassersucht~ sucht

Alexandros in einer Funktionsstörung der Leber, wodurch die Nahrung

nicht in Blut, sondern in Wasser (Askites), Schleim (Anasarka) oder

Gase (Tympania) umgewandelt wird. Beim Askites bewegt sich die in der

Bauchhöhle befindliche Flüssigkeit wie in einem Schlauch umher, wenn

der Kranke die Lage verändert (~Fluktuation!~). ~Bei der Tympania

hört man, wenn man auf den Unterleib des Kranken klopft, einen Ton,

welcher dem der Trommel gleicht (Perkussion!).~ Beim Anasarka ~bleibt

der Fingerdruck in der Haut längere Zeit bestehen~. Die Kranken leiden

gewöhnlich an Verdauungsstörungen, Husten mit unbedeutendem Auswurf,

Oligurie, manchmal an Stuhlverstopfung oder Diarrhöe, stechenden

Schmerzen im Unterleib, Fieber. Ueber die Punktion des Abdomens

erwähnt Alexandros nichts, in seiner Therapie spielen Abführmittel,

Diuretika, Sudorifera, Eisenpräparate und Carminativa neben äußeren

Applikationen die Hauptrolle. Uebrigens warnt er vor Polypragmasie

und läßt Blutentziehungen (bei Anasarka) nur mit Vorsicht vornehmen.

Seereisen, mäßige Bewegung; in den späteren Stadien Bäder und

Heilquellengebrauch, Luftveränderung, Zerstreuung.

•Krankheiten des Urogenitalsystems.• ~Strangurie~ kann mit oder ohne

Schmerzen verlaufen. Beschwerliche und schmerzhafte Harnentleerung

deutet auf den Krankheitssitz in der Blase; enthält der Harn dabei

Eiter, so sind Geschwüre der Blase vorhanden; sind die Schmerzen

zwar mit Spannung, nicht aber mit dem Gefühl der Schwere verbunden,

so befinden sich in der Blase aufblähende Gase. Wenn sich in der

Gegend der Blase weder Schmerz, noch Geschwulst, noch Spannung

zeigt, so hat das Leiden seinen Sitz in den Ureteren oder in der

Niere. Therapie: urintreibende Arzneien, schweißerregende Dekokte,

reichlicher Genuß lauwarmen Wassers und Wein, warme Vollbäder,

Thermen. Bei der ~Nierenentzündung~ besteht vermehrter Zufluß von

abnorm zusammengesetztem Blute; wenn es zur Eiterung kommt, so nehmen

Fieber und Schmerzen zu, und ohne jede äußere Veranlassung stellen

sich Frostschauer und Fieberanfälle ein; beim Liegen auf der gesunden

Seite empfindet der Kranke eine größere Schwere als früher, und

jede Bewegung steigert den Schmerz. Der Urin enthält Blut und Eiter

und verbreitet zuweilen einen üblen Geruch. Aus der Untersuchung

des Harns versucht Alexandros den Sitz der Geschwüre festzustellen.

Therapie: Aderlaß, Abführmittel, Diaphoretika, urintreibende Getränke,

alkalische und säuretilgende Arzneien, Trinken von lauwarmem Wasser.

~Nierensteine~ entstehen am häufigsten nach fieberhafter Erhitzung

(Entzündung) der Nieren. Zum Unterschied von der Kolik ist der

Schmerz bei Nierensteinen heftiger, mehr umschrieben (hauptsächlich

in der Lendengegend), im Urin zeigen sich grießähnliche, sandige

Abgänge (aus deren Menge sich ein Schluß ziehen läßt, ob die Steine

gänzlich oder nur zum Teile entfernt worden sind). Therapie: warme

Bäder (protrahiert), erwärmende Einreibungen, Bähungen, Kataplasmen,

ölige Klistiere, Diuretika, innerlicher Gebrauch von geronnenem

Bocksblut, Opiate. Prophylaxe: Vermeidung von gepfefferten, stark

gewürzten, dicken und breiartigen Speisen, Kuchen, harten Eiern,

Milch, Käse, fettem Fleisch, vielem Stehen u. a. ~Blasensteine~

erfordern dieselbe Behandlung, auf die operative Behandlung geht

Alexandros nicht ein[19]. Unter „~Blasenkrätze~”, gegen welche

insbesondere Milchtrinken und Abführmittel verordnet werden, ist wohl

die ~Cystitis chronica~ zu verstehen (Urin zeigt dicke Beschaffenheit

und enthält kleienartige Schüppchen). „Gonorrhoe” ═ unwillkürliche

Samenergießungen ist vorzugsweise durch Regelung der Lebensweise zu

bekämpfen; gegen nächtliche Pollutionen wird empfohlen, Bleiplatten

auf die Lenden zu legen, damit infolge des Druckes rechtzeitig das

Erwachen erfolge. ~Priapismus~ entsteht, wenn sich das an Hohlräumen

reiche Zeugungsglied des Mannes mit aufblähenden Gasen anfüllt.

Therapie: Vermeidung von erhitzenden Speisen, kühlende Salben,

Turnübungen, körperliche Anstrengungen.

[19] Hingegen werden Wundermittel mitgeteilt.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 16 / 76 段