•Chirurgie.• Aëtios schließt sich zum größten Teile den besten

Vorgängern an und bringt aus den Werken derselben wichtige

Bruchstücke. Die Lehre von den Wunden und der Geschwürsbehandlung

stammt aus Galenos. Lib. XIV, cap. 51 enthält einen Auszug

aus ~Rhuphos~ über Blutung und Blutstillung (Fingerdruck,

Kompressivverband, Kälte, Adstringentien, Aetzmittel, ~Torsion~,

~Ligatur~, ~vollständige Durchtrennung angeschnittener Gefäße~), sowie

über die Entstehung traumatischer Aneurysmen aus Arterienverletzung.

Von ~Archigenes~ entnommen sind die Kapitel über den Ileus (wobei auch

der Brucheinklemmung gedacht wird, Lib. IX, 28), Leberabszeß (X, 4,

5), über die Behandlung der Ischias und Coxalgie mit dem Glüheisen

oder mit Moxen (XII, 3). Nach ~Leonides~ sind folgende Abschnitte

dargestellt: Eröffnung von Mandelabszessen (VIII, 5), Pathologie

und Therapie (Exstirpation) der Drüsengeschwülste am Halse (XV,

5), der Balggeschwülste (XV, 7), der Lipome (XV, 8), Anwendung des

Glüheisens in der Therapie des Mastdarmvorfalles (XIV, 8), Operation

der Mastdarmfistel (XIV, 11), Behandlung der Fissuren am Präputium

(XIV, 14), Behandlung der Hydrokele (XIV, 22, Kauterisation durch

wiederholte Applikation von Pflasterstreifen auf das Scrotum und

nach Freilegung der Tunica vaginalis Eröffnung derselben), Hernien

(XIV, 23, 24. Entstehung der Hernien teils durch Ausdehnung, teils

durch Zerreißung des Bauchfelles; Repositionsmanöver, Bandage,

Bruchpflaster), Filaria medinensis (XIV, 85). Von ~Philagrios~

überliefert sind Bruchstücke über die Entfernung von eingeklemmten

Steinen aus der Harnröhre durch Urethrotomie (XI, 5) und über das

Ganglion (XV, 9), von ~Rhuphos~ und ~Poseidonios~ Fragmente über die

Lyssa (VI, 24). Von dem sonstigen Inhalt wäre folgendes hervorzuheben.

Gute Beschreibung der Tonsillotomie. Entfernung von Fremdkörpern

aus der Speiseröhre: man läßt den Patienten ein an einem starken

Faden befestigtes, mit Terpentinharz befeuchtetes Stück Schwamm

verschlucken, um damit den Fremdkörper zu fangen und herauszuziehen.

Ausführliche Mitteilungen über die Behandlung der Verletzungen durch

Tierbiß oder Insektenstiche. Therapie der Feigwarzen und spitzen

Kondylome. Operation der Hämorrhoidalknoten durch Unterbindung und

Abschneiden derselben. Behandlung der fressenden Mastdarmgeschwüre,

Entzündungen und Geschwüre an den männlichen Genitalien, der Varices.

Aëtios widerrät im allgemeinen die Operation der Aneurysmen, mit

Ausnahme der durch Arterienverletzung in der Ellenbogenbeuge

entstandenen und gibt folgende Methode an: man nimmt zunächst

oberhalb des Aneurysma, 3-4 Zoll unterhalb der Achselhöhle eine

doppelte Unterbindung der freigelegten Arterie vor, durchschneidet

letztere zwischen den Ligaturen, sodann wird das Aneurysma eröffnet,

ausgeräumt, endlich die verletzte Stelle zwischen Doppelligaturen

gelegt und exstirpiert.

•Geburtshilfe und Gynäkologie[9].• Die Schilderung der anatomischen

Verhältnisse lehnt sich zumeist, aber nicht überall an Soranos an.

Beim Coitus ziehe der Uterus den Samen durch die Eileiter von den

Testes muliebres an; die Kotyledonen seien im menschlichen Uterus

kleiner als im tierischen; die Geburt werde dadurch veranlaßt, daß der

Eihautsack zu klein und die Blutversorgung unzureichend geworden sei,

weshalb das Kind die Eihäute zerreiße und in ~aktiver~ Weise zu Tage

trete. Die Lehre von der Schwangerschaft (auch von Anschwellungen der

Füße ist die Rede), die Diätetik der Schwangeren (Empfehlung häufiger

Bäder) ist sorgfältig dargestellt, als Zeichen der kommenden Geburt

gelten Abnahme der Ausdehnung des Oberbauches, häufiger Urindrang,

stärkere Schleimsekretion, leichtere Zugängigkeit der Gebärmutter für

den untersuchenden Finger; wenn bei den Wehen das Drängen nach den

unteren Teilen nicht stattfinde, so entstehe eine Anschwellung des

Halses. In den Fällen, wo eine Geburt am normalen Endtermin der Mutter

Gefahr bringen würde, wird der künstliche Abortus eingeleitet (Aderlaß

oder die verschiedenen ἀτόκια und φθόρια); der geeignetste Zeitpunkt

für die Einleitung ist der 3. Monat; Zeichen des bevorstehenden

Abortus sind wässerige, fleischwasserähnliche und blutige Abgänge.

Zu den Mitteln, um eine abgestorbene Frucht herauszubefördern, gehört

auch das Einlegen von trockenen Schwämmen oder Papyri (zuerst dünnere,

dann dickere).

[9] Vgl. die deutsche Uebersetzung des XVI. Buches von M.

Wegscheider.

Aëtios bringt in diesem Buche Bruchstücke aus den einschlägigen

Schriften des Archigenes, Galenos, Leonides, Philagrios,

Philumenos, Rhuphos, Soranos. Bei nicht wenigen Kapiteln,

die in ihrem Inhalt an Soranos erinnern, findet sich die

Bezeichnung „~nach Aspasia~”. Es ist die Vermutung ausgesprochen

worden, daß es sich bei „Aspasia” um ein so betiteltes, aus

der methodischen Schule hervorgegangenes Buch, nicht um eine

ärztliche Persönlichkeit handle.

Im 22. Kapitel wird bemerkenswerterweise unter den Ursachen der

Dystokie folgendes angeführt: „Ferner entstehen Schwierigkeiten

bei der Entbindung, wenn die Knochen der Schamgegend miteinander

verwachsen sind (die Symphyse verknöchert ist), so daß sie nicht im

stande sind, während der Geburt auseinander zu weichen; denn bei den

Frauen sind nicht wie bei den Männern diese Schambeine durch eine Fuge

(fest) verbunden, sondern ein kräftiges Band hält sie aneinander.

Ein Geburtshindernis entsteht auch, wenn die Kreuzbeingegend zu

stark ausgehöhlt ist und daher der Uterus beiseite geschoben wird.”

Hier sind demnach ~Skelettanomalien als Geburtshindernis~ angeführt.

Zuerst geschah dies von Herophilos und im Anschluß an ihn von

Soranos, gleichzeitig wird aber auch an der von Soranos inaugurierten

~Irrlehre von dem Auseinanderweichen der Beckenknochen~ intra partum

festgehalten.

Die Kapitel 23 und 24 sind nach Angabe des Aëtios dem ~Philumenos~

(vgl. S. 46) entnommen und beziehen sich auf Extraktion der Frucht,

Embryotomie, Embryulkie und Entfernung der Nachgeburt; sie erinnern in

den wichtigsten Stellen an Soranos. Untersuchung der Gebärenden mit

dem Mutterspiegel (διόπτρα), um die Ursache des Geburtshindernisses

festzustellen; Abtragung etwaiger Auswüchse, Inzision resistenter

Eihäute u. s. w. „~Sollte sich der Kopf des Kindes eingekeilt haben,

so muß man auch die Füße wenden und es so ans Licht ziehen~” (~Wendung

auf die Füße bei Kopflage~). Im folgenden werden die Indikationen

und die Technik der Perforation, Kephalotripsie, Dekapitation,

Zerstückelung angegeben. Zur Herausbeförderung der Nachgeburt führt

man bei geöffnetem Muttermund die linke Hand ein und nimmt die

etwa gelöste Placenta leicht heraus; sitzt sie fest, so ist bei

der Extraktion der direkte Zug nach abwärts zu vermeiden, damit

kein Gebärmuttervorfall entstehe. Um den geschlossenen Muttermund

zu erweitern, sind ölige Eingießungen, allmähliche Dilatation mit

den Fingern der linken Hand, Breiumschläge, Niesmittel, Emmenagoga,

Einlagen, Sitzbäder, aromatische Dämpfe etc. anzuwenden. -- Die

mannigfachen Frauenleiden werden in fast derselben Anordnung wie

bei Soranos besprochen. Die Anzahl der mitgeteilten Heilmittel

ist sehr groß, von Interesse sind vorzugsweise die chirurgischen

Eingriffe. Bemerkenswert sind unter anderem die Ausführungen über

die Differentialdiagnose der fressenden Geschwüre, Operation

des Mammakarzinoms (nach Archigenes, Leonides), der Uterus-

und Scheidenatresie, des Blasensteins (Vestibularschnitt), der

Hydrocele muliebris (Ausschneidung eines Stückes der Cystenwand),

der Inguinalhernien (wenn Bandagen versagen, Radikalheilung durch

Unterbindung und Vernähung des Bruchsackes), der Varices vulvae

(Unterbindung und Exstirpation), die Amputation der Clitoris,

Blasenmole (erste Beschreibung). Im 90. Kapitel gelegentlich der

Besprechung der operativen Behandlung der Abszesse am Muttermunde wird

die Anwendungsweise des ~Spekulums~ (ganz ähnlich wie bei Soranos

vgl. das Kapitel bei Moschion Qua doctrina organo aperiendae sunt

mulieres) geschildert. Diese Beschreibung stammt ursprünglich wohl

aus einer Schrift des Archigenes und findet sich wörtlich auch bei

Paulos von Aegina.

•Augenheilkunde[10].• Die einschlägige Abhandlung (Lib. VII) ist

nach fachmännischem Urteile die beste, geistreichste und, abgesehen

von der mangelnden Beschreibung der Staroperation, die vollständigste

des Altertums. Zwar stützt sich Aëtios auf die ganze vorausgegangene

ihm bekannte Literatur, doch fehlt es nicht an zahlreichen eigenen

Bemerkungen, namentlich hinsichtlich der Therapie. Er kennt 61

Augenaffektionen und befolgt schon einigermaßen eine anatomische

Einteilung: „Die sogenannte eigentliche Augenentzündung, die

Chemosis, die Bindehautreizung, die Schwellung, der Bluterguß und

das Flügelfell sind Erkrankungen der ~Bindehaut~. Allein sie schwärt

auch, erkrankt an Karbunkel und Krebs: der trockene Bindehaut- und

Lidrandkatarrh sind ein den Lidern und dem Auge selbst gemeinsames

Leiden. An der äußeren Fläche der ~Lider~ entstehen Wasserblasen,

Honigsackgeschwülste und Talggeschwülste; an der inneren Lidfläche

treten Rauhigkeiten auf, mit ihren weiteren Folgen (Körner- und

Feigenkrankheit), Hagelkörner, Verkalkungen, Verwachsung und

Verschluß, und Hasenaugen heißen diejenigen, bei denen das obere

Lid emporgezogen ist, so daß es den Augapfel nicht bedecken kann.

Ausstülpungen heißen diejenigen Leiden, bei denen das untere Lid

nach außen gedreht ist. Aber auch Spaltbildungen, Substanzverluste

und Geschwürsbildung treten an den Lidern auf. An den Lidfugen

kommt die sogenannte Haarkrankheit vor und der Schwund der Wimpern;

sodann Läusesucht, Kleiengrind, Gerstenkörner, endlich Milphosis,

bei der die Lidränder rot sind, wie Mennige. Die ~Augenwinkel~

sind die leidenden Teile bei den Tränensackgeschwülsten, aber

nicht sie allein. Vergrößerung der Karunkel und Tränenfluß sind

Leiden der Augenwinkel allein. An der ~Hornhaut~ treten auf neblige

und wolkige Flecke, Randgeschwürchen, oberflächliches Geschwür,

Abszeß, breites, flaches Geschwür, grubiges Geschwür, Durchbruch,

Vorfall, Ringabszeß, Hypopyon, Pusteln, Karbunkel, Krebs. An der

~Beerenhaut~ kommen folgende Leiden vor: Vorfall, Fliegenköpfchen,

Traubengeschwulst, Nagel; Pupillenerweiterung, Pupillenverengerung,

Synchysis, Verzerrung der Pupille. Star tritt auf gerade an der

Oeffnung der Beerenhaut, das heißt an der sogenannten Pupille. Aber

auch der ~wässerigen Flüssigkeit~ Vermehrung und Verdickung hindert

das Scharfsehen, und ihre Verminderung dörrt die Linse aus. Dies

nennt man ~Glaukosis~; sie ist nichts anderes als starke Austrocknung

der Linse. Die ~Amaurose~ ist eine Verstopfung des ~Sehnerven~,

so daß die an derselben Leidenden durchaus nichts sehen können,

obgleich die Pupille klar erscheint. Geschädigt an ihrem Sehwerkzeug,

ohne äußerlich sichtbare Veränderung an den Augen, sind auch die

Nachtblinden. Eine deutliche Schädigung des ganzen ~Augapfels~ ist

auch das Herausdrängen des Augapfels.” (Kap. 2.) Aëtios überliefert

uns in seiner ophthalmologischen Abhandlung wichtige Fragmente des

~Demosthenes~ (z. B. über krebsige Geschwüre in den Augen, Abszesse,

Augenschwäche, Amaurose, Star, Ektropium, Hasenauge), des ~Severos~

(über Augengeschwüre, Fremdkörper, Lidkarbunkel, Behandlung der

eitrigen •Bindehautentzündung der Neugeborenen•[11], Trachom,

Trichiasis, Entropium), des ~Leonides~ (über das Empor- und Herabnähen

zur Behebung der Trichiasis), des Antyllos (Operation des Ektropiums).

Vortrefflich ist die Beschreibung der ~Staphylomoperation~: „Bei

denjenigen Staphylomen, welche eine enge Basis und gutartige

Natur besitzen, schafft eine Operation Ordnung, und zwar die mit

Umschnürung. Ihre Ausführung geschieht folgendermaßen: Zwei Nadeln

muß man nehmen, jede mit einer Zwirnsfadenschlinge, deren Enden

gleich lang sind. Dann setze den Kranken und gib ihm eine richtige

Lage, indem du gegen deine Unterschenkel seinen Kopf zurücklehnst;

das Hinterhaupt desselben muß auf deine Kniee sich stützen. Während

dann die Lider auseinandergehalten werden, muß man mitten durch die

Basis des Staphyloms von oben nach unten die eine Nadel durchstoßen.

Dieselbe sei nicht sehr dick und auch nicht zu lang. Während dann

der Augapfel durch die eingestochene Nadel immobilisiert ist, führe

man die zweite Nadel mit dem Zwirnsfaden gleichfalls durch, vom

kleinen Augenwinkel zum großen, gleichfalls durch die Mitte der

Basis des Staphyloms, so daß die beiden durchgestochenen Nadeln die

Figur eines Kreuzes bilden oder annähernd die eines Chi (Χ). Denn

wenn der Einstich ein wenig schief wird, ist hernach das Ausziehen

der Nadeln leichter. Darauf schneiden wir den Kopf der Fadenschlinge

durch, legen die beiden oberen Fadenenden unter das obere Ende der

(senkrechten) Nadel, die beiden unteren unter das untere und schnüren

(jedes Paar für sich) kräftig zusammen. Ebenso verschnüren wir auch

die Fadenenden der wagrechten Nadel. Aber die eleganteste Abschnürung

besteht darin, daß immer ein senkrechter Faden mit einem wagrechten

verschnürt und so zusammengebunden wird. Darauf schneiden wir den

Gipfel des Staphyloms ab und lassen nur die Basis stehen, wegen der

Fäden.” (Kap. 37.)

[10] Vgl. die deutsche Uebersetzung von J. Hirschberg.

[11] Schon Soranos empfahl, unmittelbar nach der Geburt Oel in

die Augen der Neugeborenen zu träufeln, um den Augenleiden

vorzubeugen (vgl. Bd. I, S. 346). Auch Aëtios empfiehlt dies

(Lib. IV. cap. 3).

•Ohrenleiden.• Zur Entfernung von Fremdkörpern dienen Niesmittel,

Erschütterung des Kopfes, der Ohrlöffel, die mit einem Klebemittel

versehene Sonde; Würmer werden durch Eingießen von bitteren oder

scharfen Mitteln herausbefördert.

•Nasen-Mundkrankheiten.• Bei den zahlreichen in dieses Gebiet

fallenden Affektionen wird eine reichhaltige medikamentöse Behandlung

empfohlen, die Chirurgie dagegen ganz übergangen. Selbst von der

Extraktion der Zähne macht Aëtios keine Erwähnung.

•Alexandros von Tralles• (Lydien), der Sprößling einer hochbegabten

Familie[12], wurde um 525 geboren und empfing den ersten medizinischen

Unterricht von seinem Vater, dem vielbeschäftigten Arzte Stephanos.

Nachdem er in seinem weiteren Studiengange, insbesondere durch den

Vater des Kosmas (Indikopleustes?) gefördert worden war, reiste er nach

Italien, Gallien, Spanien, Nordafrika, überall praktische Erfahrungen

sammelnd, um sich schließlich dauernd in Rom niederzulassen; dort

wirkte er, vielleicht auch als Amtsarzt und Lehrer, bis ins hohe

Greisenalter. Das wissenschaftliche Ergebnis seiner langen und

gewissenhaften ärztlichen Tätigkeit legte ~Alexandros~ in seinem

Hauptwerke nieder, welches zum Teil in Form akademischer Vorträge,

in schlichter, klarer und dabei anspruchsloser Darstellungsweise die

Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten behandelt (Originaltext

und deutsche Uebersetzung von Theodor Puschmann, zwei Bände, Wien

1878-79). Dieses Werk bildet wahrhaft eine erfrischende Oase in der

Wüste der byzantinischen Literatur, ja es erinnert stellenweise an die

unbefangene Beobachtungskunst eines Hippokrates, an die lebendige,

anschauliche Schilderung eines Aretaios; trotzdem der Verfasser

die Literatur sorgfältig benützt[13], verschwindet seine eigene

Persönlichkeit nirgends, und wiewohl er in der Theorie vorwiegend

dem anerkannten Meister Galenos Gefolgschaft leistet, weiß er sich

doch in allen praktischen Fragen unerschütterliche Selbständigkeit zu

bewahren; erhaben über dem blinden Autoritätsglauben des Zeitalters,

wagt Alexandros, wieder eigene, auf wirklicher Erfahrung beruhende

Meinungen zu äußern[14]. Nur darin verleugnet er seine Epoche nicht,

daß er, geleitet von einer Humanität, welche kein Mittel im Interesse

des Kranken unversucht lassen will, auch abergläubische Heilverfahren

empfiehlt, wenn die rationellen versagen -- vorausgesetzt, daß die

Patienten nach Wunderkuren Verlangen tragen.

[12] Von den vier älteren Brüdern des Alexandros erlangte der Erbauer

der Hagia Sophia, ~Anthemios~, der bedeutendste Mathematiker

und Mechaniker seiner Zeit, unvergänglichen Ruhm, ~Metrodoros~

zeichnete sich als Grammatiker, ~Olympios~ als Jurist,

~Dioskoros~ als Arzt aus.

[13] Zitiert werden unter anderen Aëtios, Apollonios, Archigenes,

Asklepiades, Dioskurides, Erasistratos, Galenos, Hippokrates,

Jakobos Psychrestos, Magnos, Mnaseas, Philagrios, Philotimos,

Rhuphos, Severos, Xenokrates.

[14] Bemerkenswert ist namentlich eine Stelle (ed. Puschmann II,

154), wo Alexandros den Galen wegen seiner Therapie tadelt und

sich folgendermaßen entschuldigt: Hier gilt in Wahrheit jenes

Wort, welches Galen über Archigenes sprach: „Er war ein Mensch,

und es ist deshalb schwer anzunehmen, daß er sich nicht in

manchen Dingen geirrt haben sollte, da er manches überhaupt gar

nicht gekannt, anderes unrichtig gedeutet oder nur oberflächlich

beschrieben hat.” Zwar hätte ich nicht gewagt, dies von einem

Manne zu sagen, der in wissenschaftlicher Hinsicht so hoch

dasteht, wenn nicht die Wahrheit mir Mut eingeflößt, und ich

das Schweigen für eine Sünde gehalten hätte. Denn wenn der Arzt

sich eine Ansicht bildet und sie nicht ausspricht, so tut er

großes Unrecht, handelt frevelhaft und bringt sich durch sein

Stillschweigen freiwillig in großen Schaden. Man muß dabei

den Grundsatz befolgen, welchen, wie er sagt, Aristoteles

ausgesprochen hat: „Lieb ist mir Plato, lieb ist mir aber auch

die Wahrheit, und wenn es sich um die beiden handelt, so muß

man der Wahrheit den Vorzug geben.”

Die Schriften des Alexandros übten sehr bedeutenden Einfluß auf die

Entwicklung der Medizin; sie wurden nicht bloß von allen späteren

Byzantinern stark benützt, sondern im Gewande von Uebersetzungen

nach Ost und West verbreitet[15]; durch sie blieb wenigstens ein

nachahmungswürdiges Vorbild der echten ärztlichen Beobachtung und

Kritik selbst in den dunkelsten Zeiten erhalten.

[15] Ins Lateinische wurde Alexandros schon früh, jedenfalls lang

vor dem 9. Jahrhundert übersetzt. Späterhin wurden Schriften des

Alexandros ins Syrische, Arabische und Hebräische übertragen.

Die in Puschmanns Ausgabe vorangestellte Abhandlung ~über die

Fieber~, welche früher zum Hauptwerke als 12. Buch gerechnet wurde,

bildet neben demselben eine eigene Schrift, dasselbe gilt von

dem „Brief” über die ~Eingeweidewürmer~ (Puschmann II, 586-599).

Alexandros gedenkt auch einer von ihm verfaßten Schrift über die

~Augenkrankheiten~, von der Puschmann zwei Bücher aufgefunden zu

haben glaubte (Ausgabe und Uebersetzung in Berliner Studien f. klass.

Philologie 1886, Bd. V, Heft 2, „Nachträge zu Alexander Trallianus”);

neuerdings wurde aber die Ansicht ausgesprochen, daß dieses Fragment

aus späterer Zeit stamme. Eine Abhandlung über ~Kopfwunden~ und

~Knochenbrüche~, welche Alexandros erwähnt, ist nicht auf uns

gekommen. Mit Unrecht wurde Alexandros von Tralles früher auch zum

Verfasser der Ἰατρικὰ ἀπορήματα καὶ φυσικὰ προβλήματα ═ ~ärztliche

Fragen und naturwissenschaftliche Probleme~ (ed. in Idelers Phys.

et med. gr. minor.) gemacht, einer Schrift, welche jetzt gewöhnlich

auf ~Alexandros von Aphrodisias~ (vgl. Bd. I, S. 386) zurückgeführt

wird. In dieser Schrift kommen Fragen und Antworten (228) über alle

möglichen Gegenstände der Natur- und Heilkunde vor; von Interesse

ist es unter anderem, daß die Kontagiosität der Krätze, Schwindsucht

und epidemischen Augenentzündung angeführt wird (Probl. lib. II, 42,

vgl. hierzu Bd. I, S. 388).

Da ~Alexandros von Tralles~ ausschließlich praktische Zwecke

verfolgt, so berührt er nur gelegentlich die Anatomie und Physiologie,

wobei er vorzugsweise die Angaben Galens wiederholt.

•Allgemeine Pathologie.• Von den eigentlichen Krankheitsursachen,

die sich in der pathologischen Veränderung äußern, werden die

Gelegenheitsmomente, wie z. B. Temperatureinflüsse, Diätfehler,

Gemütsbewegungen etc., scharf gesondert. Bei der Entstehung der

Krankheiten kommt der Krankheitsstoff (Lehre von den Dyskrasien),

aber auch die Funktionsstörung der Lebenskräfte in Betracht. Die

Beschaffenheit des Krankheitsstoffes beeinflußt den Charakter des

Leidens. Es gibt lokale und allgemeine, primäre und sympathische

Affektionen; die Symptome zerfallen in wesentliche und akzidentelle;

in akuten Krankheiten sind drei Stadien ἀκμὴ, παρακμὴ, πέψις zu

unterscheiden, die Kochung zeigt sich hauptsächlich durch die dunkle

Färbung des Urins. ~Entzündung~ ist durch Temperaturerhöhung bedingt,

welche der vermehrte Zufluß von Blut resp. Schleim, gelber oder

schwarzer Galle hervorruft; der Eiter, den man an der Farbe, an dem

Geruch (beim Verbrennen), sowie daran erkennt, daß er sich im Wasser

auflöst und nicht zu Boden fällt (im Gegensatz zum Schleim), entsteht

ebenfalls durch Fluxion von Krankheitsstoffen. ~Fieber~ beruht auf

abnormer Steigerung der eingepflanzten Wärme, wobei entweder das

Pneuma oder die flüssigen oder die festen Teile betroffen werden.

~Blutungen~ kommen durch Ruptur, Erosionen oder „Anastomosen” der

Gefäße zu stande. Manche Krankheiten führen bei längerer Dauer zur

Entartung der Gewebe.

•Diagnostik.• ~Inspektion~ (Farbe der Haut, der Haare, des Auswurfs,

der Exkrete), ~Palpation~ (Temperatur der Haut), ~Pulsuntersuchung~

(harter, schwacher, großer, kurzer, schmaler, kleiner, seltener,

undeutlicher Puls), ~Beobachtung der Atmung und Atmungsgeräusche~,

~Harnuntersuchung~ (Sedimente etc.); ferner kommen in Betracht die

~Geschmacksempfindung des Kranken~ (bittere weist auf die Galle,

salzige auf den Schleim, essigartige auf die schwarze Galle als

Krankheitsstoff), die Wirkung der therapeutischen Verordnungen,

die individuellen und allgemeinen Verhältnisse (Alter, Geschlecht,

Konstitution, Jahreszeit, Gegend).

•Allgemeine Therapie.• Die Behandlung ergibt sich aus der Diagnose

und hat in erster Linie die Beseitigung der Krankheitsursache

anzustreben. Beobachtung der ~natürlichen Heilbestrebungen~,

Beförderung der ~kritischen Ausleerungen~; leitendes Prinzip der

Therapie das ~Contraria contrariis~. „Die Aufgabe des Arztes ist es,

das Warme zu kühlen, das Kalte zu erwärmen, das Feuchte zu trocknen

und das Trockene zu befeuchten.” Vermeidung der drastischen Kuren (z.

B. reichliche und plötzliche Blutentziehung, starke Abführmittel,

Arteriotomie, Kauterisation) und der Polypragmasie, Vorsicht beim

Gebrauch der Narkotika, Rücksichtnahme auf die individuellen und

ätiologischen Verhältnisse, Bevorzugung der hygienisch-diätetischen

Behandlung, Prophylaxe. „~Leider gibt es viele Leute, welche

diejenigen Aerzte, die ihre Lust am Brennen und Schneiden haben,

für tüchtiger halten als jene, die durch eine vernunftgemäße Diät

die Heilung versuchen.~” Die Wirkung der Heilmittel beruht auf

den elementaren Eigenschaften, physikalischen Kräften, auf der

spezifischen Organwirkung oder auf geheimen Kräften; sie zerfallen

in kühlende, erhitzende, anfeuchtende, trocknende, verdünnende,

verdickende, zusammenziehende, erschlaffende, ätzende, anziehende,

zurückhaltende, ablenkende, metasynkritische, spezifische und

Geheimmittel. Ratio und (noch mehr) Experimentum bedingen die Wahl

der Arzneimittel; die zusammengesetzten bezwecken, gleichzeitig

verschiedenen Indikationen zu entsprechen. Neben den Arzneien spielen

diätetische Maßnahmen und Bäder (Mineralquellen, Thermen, Seebäder)

eine sehr bedeutende Rolle. Der Aderlaß wird herkömmlich an den

bekannten Prädilektionsstellen vorgenommen, doch ist die Stelle

gleichgültig, da sich die Blutentziehung auf die ganze Blutmasse

verteile.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 15 / 76 段