ungleichem Maße eigenes Urteil und selbständige Erfahrung mit der
Tradition zu verknüpfen verstanden, durch: •Aëtios, Alexandros von
Tralles und Paulos von Aigina•. ~Aëtios~ erhob sich am wenigsten über
den Stoff; sein „~Tetrabiblon~”, welches das Gesamtgebiet der Heilkunde
in sehr zweckmäßiger Anordnung behandelt, verrät zwar stellenweise
die reiche Erfahrung und die selbständig erworbene Anschauung eines
geistig hochstehenden Praktikers, haftet aber zum größten Teile
sklavisch an den überaus fleißig benützten Quellen. Den wohltuendsten
Gegensatz zu Aëtios bildet sein jüngerer Zeitgenosse ~Alexandros von
Tralles~, dessen zwölf Bücher über Pathologie und Therapie der inneren
Krankheiten trotz sorgfältigster Berücksichtigung der vorausgegangenen
Literatur nirgends frische Beobachtung, klare Auffassung und freies
Urteil vermissen lassen, ja durch Inhalt und edle Darstellung geradezu
an die Blütezeit der antiken medizinischen Literatur lebhaft erinnern;
es ist der unverfälschte hippokratische Geist, der aus diesem Werke --
für lange zum letzten Male -- spricht. Auch das verhältnismäßig kurz,
aber dabei sehr vollständig abgefaßte -- aus sieben Büchern bestehende
-- Kompendium des ~Paulos von Aigina~ bildet zwar, wie der Verfasser
selbst in der Vorrede zugesteht, im wesentlichen nur einen Auszug
aus den alten Schriftstellern, enthält aber eine Fülle von eigenen
Zutaten, die der lebendigen Praxis entnommen wurden; insbesondere
tritt die Selbständigkeit des Autors im sechsten Buche hervor, welches
die Chirurgie in glänzender Weise zur Darstellung bringt. Diese
drei Hauptvertreter der frühbyzantinischen Heilkunde, auf denen der
Nachglanz der Antike ruht, besitzen hohen literarhistorischen Wert --
verdanken wir ihnen doch reichen Einblick in die hellenisch-römische
Medizin, wo der Untergang der Originalschriften unausfüllbare Lücken
hinterließ -- sie haben aber auch, namentlich Alexandros und Paulos,
den Werdegang der Wissenschaft außerhalb der griechischen Heimat in
bedeutendem Maße beeinflußt.
Was sonst aus der Literatur dieser Epoche auf uns gekommen, besteht
aus Exegesen zu hippokratisch-galenischen Schriften, Machwerken,
die größtenteils dem Galen entstammen, hygienisch-diätetischen
Abhandlungen. Von Interesse sind höchstens einige Schriften des
„~Theophilos~”, welche der zunehmenden Vorliebe für ~subtile
Pulsuntersuchung und Uroskopie~ Rechnung tragen und vom Standpunkte
einer religiös angehauchten aprioristischen Teleologie die Lehre
vom Bau und von den Funktionen der Körperteile behandeln. Eine zu
betrübenden Schlußfolgerungen anregende Erscheinung bildet es, daß
(im Gegensatze zu den Historikern Euagrios, Prokopios und Agathias)
kein einziger ärztlicher Schriftsteller von den schweren, unzählige
Opfer fordernden Seuchen etwas erwähnt, welche zur Zeit des Justinian
im byzantinischen Reiche wüteten.
Durch den Eifer hervorragender Aerzte konnte wohl ~die spezielle
Pathologie~ gefördert, ~die chirurgische Technik~ auf der Höhe
erhalten werden -- der allgemeinen Krankheitslehre aber verwehrte die
völlige Stagnation der anatomisch-physiologischen Forschung[2] jeden
tatsächlichen Fortschritt; die iatrosophistische Spekulation vermochte
nicht einmal einen scheinbaren Ersatz zu bieten, da sie sich infolge
ihrer Ideenarmut stets in jenem Kreise bewegen mußte, den die Antike
gezogen hatte.
[2] Schon die Beschäftigung mit Tiersektionen konnte bei dem damals
im Volke herrschenden Aberglauben in den Verdacht der „Zauberei”
bringen.
Die zweite, mit dem Untergang der alexandrinischen Schule einsetzende
Hauptperiode stand unter einer ziemlich ungünstigen Konstellation.
Die Heilkunde litt schwer in den Phasen des kulturellen Verfalls,
ohne wie andere Wissenszweige in den Phasen des Aufschwungs an den
fördernden Einflüssen entsprechend zu partizipieren; wenn man die
bekannt gewordene medizinische Literatur überschaut[3], gewahrt man
ein weites Flachland, aus dem nur einige wenige, nicht gar steile
Höhen hervorragen.
[3] Ein sehr ansehnliches Material liegt nur handschriftlich vor und
entzieht sich der allgemeinen Kenntnis, erst von der kommenden
Forschung dürfen wir wirklichen Aufschluß erwarten.
Der reichen literarischen Tätigkeit des frühbyzantinischen
Zeitalters folgte fast unvermittelt eine trostlose geistige Verödung,
welche sich von der Mitte des 7. Jahrhunderts bis in die ersten
Dezennien des 9. Jahrhunderts erstreckte und mit Ausnahme der
Theologie alle Gebiete betraf. Besonders verhängnisvoll wirkten
die Wirren des Bilderstreits (726-842), denn das Schwert, welches
gegen das Mönchtum gezückt war, traf unbeabsichtigt gerade die
Wissenschaft am empfindlichsten; mit der durch Leo den Isaurier
geschlossenen Akademie in Konstantinopel verlor sie ihre wichtigste
Pflegestätte. Vorboten des kommenden Aufschwungs machten sich zwar
unter der Regierung des Kaisers Theophilos, der die öffentlichen
Lehranstalten wiederherstellte, bemerkbar, der eigentliche Beginn
einer kräftig aufstrebenden Entwicklung fällt aber erst in die Mitte
des 9. Jahrhunderts und ist vorwiegend auf den gelehrten Patriarchen
~Photios~ zurückzuführen, welcher, begünstigt vom bildungsfreundlichen
Cäsar Bardas und von Basilios I., den Sinn für höhere Bildung
durch Wiederbelebung des Studiums der Antike erweckte. Unter der
Herrschaft der Mazedonier, von denen manche (wie Leo der Weise und
Konstantin Porphyrogennetos) selbst als Schriftsteller auftraten,
unter den Komnenen und Dukas, entfaltete sich das wissenschaftliche
Leben zu ungeahnter Blüte, freilich ohne wirkliche Schöpferkraft
und in innigster Anlehnung an die Antike. Im 10. Jahrhundert wurden
bedeutende Enzyklopädien (z. B. Lexikon des Suidas) geschaffen, das
11. wird durch die Lichtgestalt des ~Psellos~ repräsentiert, welcher
den Platonismus erneuerte und als erstaunlicher Polyhistor auf
verschiedenen Gebieten höchst anregend wirkte. Das 12. Jahrhundert
bedeutet geradezu eine Renaissance für alle Arten des literarischen
Schaffens und lockerte auch einigermaßen die konservative Starre durch
Berücksichtigung der Zeitverhältnisse und der fremden Kultureinflüsse.
Neuerdings wurde der Fortschritt gewaltsam unterbrochen, ja scheinbar
vernichtet, als die Kreuzfahrer Konstantinopel einnahmen, die Schätze
der Literatur und Kunst barbarisch zerstörten und die Herrschaft der
lateinischen Kaiser aufrichteten. In dieser Zeit (1204-1261) fand
die byzantinische Kultur nur an den Höfen von Nicaea und Trapezunt
Zuflucht. Die Thronbesteigung der Paläologen eröffnete nach einem
halben Jahrhundert der Verfinsterung eine neue -- die letzte --
Glanzepoche. Während der staatliche Organismus unaufhaltsam dem
Verfall entgegenschritt, herrschte die regste wissenschaftliche
Tätigkeit auf dem Felde der Exegese, Philologie, Geschichtschreibung,
Philosophie, Naturkunde, Mathematik, Astronomie, versuchten sich
rhetorisch-philosophisch gebildete, vom Geiste des Platonismus
erfüllte Männer (z. B. Blemmydes und Georgios Pachymeres im 13.,
Nikephoros Gregoras im 14., Gemistos Plethon und Bessarion im 15.
Jahrhundert) auf den verschiedensten Gebieten, blühte die Volkspoesie.
Dem neuerwachten Geistesleben vermochte der Tag, da der Halbmond das
Kreuz auf der Hagia Sophia (29. Mai 1453) verdrängte, kein Ende zu
bereiten -- die griechische Wissenschaft war durch Emissäre längst
nach dem Westen verbreitet worden und hatte dort eine gesicherte
Heimstätte gefunden.
Entsprechend dem allgemeinen kulturellen Tiefstand während der Epoche
des Bilderstreits klafft auch in der medizinischen Literatur von
der Mitte des 7. bis zum 9. Jahrhundert eine gewaltige Lücke, welche
höchstens durch die (nach Art des Theophilos verfaßte) teleologische
Abhandlung des ~Meletios~ über den Bau des Menschen und durch
(handschriftlich erhaltene) Rezeptbücher oder populärmedizinische
Schriften, Lehrgedichte u. dgl. ausgefüllt wird. Das 9. und 10.
Jahrhundert ist durch die Kompendien des Iatrosophisten ~Leon~ und
des ~Theophanes Nonnos~ repräsentiert. Eine reichere literarische
Tätigkeit entfaltete sich erst wieder im 11. Jahrhundert. Hiervon
liefert besonders die enzyklopädische, naturphilosophisch angehauchte
Schriftstellerei des Polyhistors ~Michaël Psellos~ und seines
Ausschreibers ~Simeon Seth~, das chirurgische Sammelwerk des ~Niketas~
und das Arzneibuch des ~Stephanos Magnetes~ Zeugnis. Die für die
Kultur so verhängnisvolle Herrschaft der lateinischen Kaiser markiert
sich in der medizinischen Literatur durch eine neuerliche Lücke;
erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stoßen wir auf die
umfangreiche Rezeptsammlung des ~Nikolaos Myrepsos~, welche auch
für die Pharmakopöen des Abendlandes bedeutsam wurde, und auf die
einer frischen Beobachtung entsprungene Spezialschrift des ~Demetrios
Pepagomenos~ über die Gicht. Wie auf allen übrigen Gebieten, scheidet
das Griechentum auch in der Medizin mit würdigem Abgang; in wahrhaft
glänzender Weise schließt die byzantinische Medizin mit den Werken des
~Joannes Aktuarios~ über Diagnostik und Therapie, über Uroskopie, über
Psychologie und Psychopathologie. Es ist ein in der antiken Literatur
gründlichst bewanderter, philosophisch gebildeter, feinsinniger
Schriftsteller, ein mit scharfer Beobachtungsgabe und gesunder
Urteilskraft begabter Arzt, der sein Zeitalter und seine Umgebung weit
überragend, zur Nachwelt spricht.
Auch von dieser zweiten Hauptepoche der byzantinischen Medizin gilt
das oben Gesagte, nämlich daß zwar die ~Kenntnis einzelner Krankheiten~
erweitert wurde, aber die antiken Grundlagen der allgemeinen Pathologie
unerschüttert blieben. Der Drang nach Betätigung führte zur Ausbildung
einer ~subtilen Pulslehre~ und zu den Verwirrungen der ~Uroskopie~,
welche beide in Spezialschriften Vertretung fanden. Charakteristisch
für die späteren Jahrhunderte ist es besonders, daß unter dem
langsam zur Geltung kommenden Einflusse kultureller Beziehungen zum
asiatischen Osten[4] persische, arabische und indische Arzneimittel in
den Heilapparat Aufnahme fanden (Psellos, Simeon Seth), ja daß sogar
arabische oder persische Werke ins Griechische übertragen wurden.
[4] Gerade Aerzte haben zur Anbahnung dieser kulturellen Beziehungen
viel beigetragen, sei es, daß sie aus Liebe zur Forschung Reisen
unternahmen, sei es, daß sie als Gesandte in fremden Ländern
verwendet wurden und ihren Aufenthalt für die Wissenschaft
ausnützten, z. B. Stephanos von Edessa, Uranios.
Auch in anderen Gebieten der Wissenschaft entwickelte sich
namentlich in der Paläologenzeit eine Uebersetzungsliteratur,
wobei den Griechen oft nur die vergessene Weisheit ihrer
Vorfahren in fremdländischem Gewande vermittelt wurde; so lernten
sie beispielsweise die μεγάλη σύνταξις des Ptolemaios in der
orientalischen Form des Almagest wieder kennen.
~Was die Byzantiner dem Orient entlehnten, ist gar nicht in Vergleich
zu ziehen mit dem überreichen medizinischen Wissensschatz, der diesem
insbesondere über Syrien und in erster Linie durch die heterodoxe Sekte
der Nestorianer vermittelt zufloß.~ Indirekt hat Byzanz hierdurch eine
Kulturtat höchsten Ranges vollbracht. Daß auch auf die abendländische
Heilkunde des Mittelalters einigermaßen eingewirkt wurde, ist wohl als
sicher anzunehmen, jedoch läßt sich die Tatsache bisher nur spurenweise
nachweisen, das Ausmaß dieses Einflusses noch gar nicht bestimmen.
Neben der wissenschaftlichen Heilkunde wucherte in Byzanz auch ~die
Volksmedizin~ üppig fort, und mehr als je verbreitete sich in allen
Schichten der ~medizinische Wunderglaube~, stets neuen Nährstoff
heranziehend aus dem ergiebigen Boden der uralten orientalischen
Mystik. Dem Drucke des Zeitgeistes nachgebend, trugen selbst
hervorragende medizinische Autoren kein Bedenken, Sympathiemittel,
Beschwörungsformeln, Amulette etc. mit dem Brustton der vollen
Ueberzeugung oder wenigstens im Sinne ärztlicher Politik warm zu
empfehlen.
~Aëtios~ teilt überzeugungsvoll eine Fülle von Wundermitteln
und abergläubischen Rezeptformeln mit, auffallender aber ist die
Anerkennung der magischen Therapie durch den geistvollen, aufgeklärten
~Alexandros von Tralles~ (z. B. bei Singultus, Epilepsie, Kolik,
Podagra). Derselbe beruft sich zur Entschuldigung auf Galen, welcher
anfänglich auch skeptisch gewesen sei, aber späterhin seine Ansicht
wesentlich geändert habe, und meint, ein verständiger Arzt dürfe kein
Mittel unbeachtet lassen und müsse ebenso mit den (geheimnisvollen)
Naturkräften wie mit wissenschaftlichen Gründen und der kunstgerechten
Methode Bescheid wissen. Daß dem Alexandros wenigstens teilweise die
Suggestion als Zweck vorschwebte, scheint die Stelle anzudeuten,
wo er vor Empfehlung von Wundermitteln gegen Podagra sagt: „Da
es manche Menschen gibt, welche weder eine bestimmte Lebensweise
einzuhalten noch Arzneien zu vertragen im stande sind, und uns daher
nötigen, Wundermittel und Amulette anzuwenden, so will ich dieselben
besprechen; denn ein tüchtiger Arzt soll überall zu Hause sein und
dem Kranken auf die mannigfaltigste Weise zu helfen verstehen.”
Handschriftlich existiert eine Menge von sogenannten Iatrosophieen,
d. h. populären, mit wüstem Aberglauben allerlei Art reichlichst
durchsetzten Arzneibüchern, welche meist in vulgärgriechischer Sprache
abgefaßt sind und zum Teil unter dem Namen berühmter Verfasser, z.
B. Johannes von Damaskos, ~Psellos~, Blemmydes laufen.
Dem Eindringen der Mystik in die Medizin und Naturkunde hat
namentlich der Naturphilosoph Psellos, welcher hermetische Bücher
benützt zu haben scheint und auch die Alchemie lebhaft förderte,
Vorschub geleistet; insbesondere wurde seine Schrift über die
Wunderkräfte der Steine von großer Bedeutung. -- Wie manche
der römischen, so waren auch einige der byzantinischen Kaiser
den Geheimwissenschaften sehr zugetan, z. B. Leo VI. und Manuel
(Astrologie).
Was die Unterrichts-[5] und Standesverhältnisse[6] anlangt, so
gewähren uns die spärlich vorliegenden Nachrichten kaum den dürftigsten
Einblick, doch ist der Analogie nach zu schließen, daß im allgemeinen
die spätrömischen Zustände im wesentlichen persistierten.
[5] Der Unterricht war wahrscheinlich mit der Demonstration
anatomischer Tafeln (vgl. Rob. Fuchs, Deutsche med. Wochenschr.
1898) verbunden.
[6] Als Titel von Hofärzten kommen je nach der Zeitperiode
verschiedene Rangbezeichnungen vor, z. B. κόμης τοῦ
ὀψικίου (comes obsequii) ═ Chef des kaiserlichen Gefolges,
πρωτοσπαθάριος ═ Oberst der kaiserlichen Leibwache, ἀκτουάριος
u. a.
Die Fürsorge des Staates richtete sich vornehmlich auf die Verbesserung
des ~Heeressanitätswesens~ und auf die Vermehrung der ~Krankenhäuser~,
welche letztere übrigens für die Forschung sterile Stätten blieben,
weil den Aerzten in ihren Mauern nicht der gebührende Wirkungskreis
eingeräumt war und statt des wissenschaftlichen Betriebs die
Bigotterie, der Aberglaube und der Dilettantismus das Szepter führten.
In byzantinischer Zeit gab es besondere Schiffsärzte. Die Reiterei
wurde -- wie aus den kriegswissenschaftlichen Werken der Kaiser
Mauritius, Leo VI. und Konstantin Porphyrogennetos hervorgeht -- von
Sanitätskolonnen ins Feld begleitet. Die Sanitätssoldaten (δεσποτάτοι,
διποτάτοι, σκρίβωνες) hatten die schwer Verwundeten aufzunehmen und
die erste Hilfeleistung zu bringen; sie führten Wasserflaschen mit
sich.
Von den byzantinischen Historikern werden an einzelnen Stellen die
Namen von Leibärzten angeführt, jedoch keiner derselben hat sich ein
Denkmal in der Geschichte der Wissenschaft zu setzen verstanden.
Zu den berühmtesten Krankenhäusern Konstantinopels gehörten: das
in der Nähe der Sophienkirche gelegene, von Justinian I. bedeutend
erweiterte Krankenhaus des hl. Samson, das von Alexius I. (1081-1118)
erbaute „Orphanotropheion”, welches eine außerordentlich große
Ausdehnung besaß, ferner das von Isaak Angelos (1185-1195) begründete
Hospital der vierzig Märtyrer. Außerdem gab es seit dem 5. und 6.
Jahrhundert Leproserieen, Findelhäuser, Magdalenenhäuser (deren erstes
von Justinian und seiner Gemahlin Theodora gestiftet wurde). In den
byzantinischen Krankenhäusern spielten Mönche[7] und fromme Laien
die Hauptrolle, manche der erhaltenen Rezeptsammlungen standen im
Gebrauche derselben.
[7] Es war überhaupt keine Seltenheit, daß Priester auch als
Aerzte fungierten, von einem solchen ließ sich z. B. Justinian
behandeln.
Das Interesse für Medizin reichte sehr hoch hinauf. Die berühmte
Anna Komnena besaß medizinische Kenntnisse und führte sogar bei den
Beratungen der Leibärzte (während der letzten Krankheit des Kaisers
Alexius I.) den Vorsitz. Kaiser Manuel (1143-1180) verordnete
Heiltränke und Salben zum Gebrauch in den Krankenhäusern und
behandelte in dringenden Fällen sogar in eigener Person Kranke.
Die medizinische Literatur der Byzantiner.
Schriftsteller des 6. Jahrhunderts.
•Aëtios• wurde am Anfang des 6. Jahrhunderts zu Amida (in Mesopotamien)
geboren, erlangte seine medizinische Ausbildung in Alexandria und
lebte in der Blüte seiner Jahre am byzantinischen Kaiserhofe (unter
Justinian I.) mit dem Range eines comes obsequii. Er hinterließ eine
aus sechzehn Büchern bestehende Kompilation (βιβλία ἰατρικὰ ἑκκαίδεκα),
welche gewöhnlich als ~Tetrabiblon~ zitiert wird, gemäß der (in einigen
Handschriften üblichen) Einteilung in vier τετράβιβλοι zu je vier
λόγοι.
Eine Gesamtausgabe des ~Tetrabiblon~ steht noch aus, wir besitzen
bloß eine alte Ausgabe der ersten acht Bücher (Aetii Amideni librorum
medicinalium tomus primus, Venet. 1534) und Partialeditionen von
einzelnen Büchern oder von Bruchstücken. Die wichtigsten sind:
Fragmente aus Buch 1-3, 5-6, 8, 10-12 ed. Daremberg-Ruelle (in Oeuvres
de Rufus, Paris 1879), Bruchstücke aus Buch IX (in Συλλογὴ ἑλληνικῶν
ἀνεκδότων Ἀνδρέου Μουστοξύδου καὶ Δημητριοῦ Σχινᾶ, Venedig 1816),
Lib. XII Ἀετὶου λόγος δωδέκατος, πρῶτον νῦν ἐκδοθεὶς ὑπὸ Γεωργίου
Α. Κοστομοὶρου (Paris 1892), Lib. XVI ed. Skévos Zervòs (Aetii Sermo
sextidecimus et ultimus, Leipzig 1901). ~Uebersetzungen~: Lateinische
(des ganzen Werkes) von Cornarius und Montanus, Basel 1533-35 u. ö.;
von Cornarius allein, Basel 1542, und in späteren Auflagen. Auch
in der Sammlung des Henricus Stephanus, Medicae artis principes
post Hippocratem et Galenum, Paris 1567. Deutsche Uebersetzung und
Textausgabe des VII. Buches von J. Hirschberg „Die Augenheilkunde
des Aëtius aus Amida”, Leipzig 1899. Deutsche Uebersetzung des XVI.
Buches (nicht ganz vollständig) von Max Wegscheider „Geburtshilfe und
Gynäkologie bei Aëtios von Amida”, Berlin 1901. -- Verloren gegangen
ist eine im Tetrabiblon erwähnte Abhandlung über Chirurgie.
Inhalt des Tetrabiblon. Buch I: die pflanzlichen Arzneistoffe in
alphabetischer Anordnung; Buch II: die mineralischen und animalischen
Arzneistoffe, die erwärmenden, abkühlenden, austrocknenden,
anfeuchtenden etc. Medikamente; Buch III: allgemeine Therapie und
Hygiene, Gymnastik, Geschlechtsleben, Blutentziehung, Purganzen,
Klimatologie, Bäder, Kataplasmen und Derivantien; Buch IV: Diätetik
der Kinder, Kinderkrankheiten, Diätetik des späteren Lebens und
des Greisenalters, Temperamente; Buch V: Prognostik, allgemeine
Pathologie und Diagnostik, Pest; Buch VI: Kopfleiden, Haar-, Nasen-,
Ohrkrankheiten; Buch VII: Augenkrankheiten; Buch VIII: Kosmetik (c. 12
Tätowieren), Mund- und Zahnleiden, Tonsillarhypertrophie, Fremdkörper
in den Luft- und Speisewegen, Erkrankungen des Respirationstrakts;
Buch IX: Krankheiten des Digestionsapparats, Würmer; Buch X: Leber-
und Milzleiden, Wassersucht; Buch XI: Krankheiten des Harnapparats;
Buch XII: Ischias, Rheuma, Gelenksaffektionen; Buch XIII: Bißwunden
durch Tiere, Gegengifte, verschiedene Hautleiden; Buch XIV:
Krankheiten des Mastdarms, Afters, der Geschlechtsteile, Hernien,
Wund- und Geschwürsbehandlung, Blutung und Blutstillung, allgemeine
Chirurgie, verschiedene Hautleiden, Luxationen, Nagelkrankheiten,
Varices, Filaria medinensis; Buch XV: Geschwülste, Aneurysmen, Favus,
Pharmazie; Buch XVI: Geburtshilfe und Gynäkologie, Vorschriften für
kosmetische Präparate, Salben, Oele, Küchenrezepte und Räuchermittel,
Mittel zur Einbalsamierung eines Toten[8].
[8] Hauptquellen des Werkes sind ~Archigenes~, ~Soranos~, ~Galenos~
und ~Oreibasios~. Soranos ist wohl indirekt durch die
Kompilation des ~Philumenos~ benützt; Archigenes namentlich auch
für die Lehre von den giftigen Tieren, Giften und Gegenmitteln.
Außerdem kommen in Betracht: ~Adamantios~ (Zahnheilkunde),
~Antyllos~, ~Asklepiades~, ~Demosthenes~, ~Didymos~,
~Dioskurides~, ~Heras~, ~Herodotos~ (Wurmleiden), ~Hippokrates~,
~Justos~, ~Kriton~, ~Leonides~ (Genital- und Afteraffektionen),
~Markellos von Side~ (Lykanthropie), ~Markianos~, ~Philagrios~
(Milzleiden), ~Poseidonios~ (Gehirnleiden), ~Rhuphos~,
~Severos~.
•Innere Medizin.• Die Fieberlehre ist vorzugsweise nach Galenos
vorgetragen, originell ist aber die Behauptung des ~Aëtios~, daß
~„erysipelatöse” Entzündung der Eingeweide~ (Tetrabiblon V, 89)
verschiedenartige Fieber erregen könne; hier wird in der Therapie
(kühlende Behandlung, Trinken von kaltem Wasser) von der Tradition
deutlich abgewichen. Befällt die Entzündung den Magen, so entsteht
Lipyria, ein Fieber, wobei die inneren Teile von brennender
Hitze verzehrt werden, während die äußeren frieren. Bildet die
Leber den Ausgangspunkt, so erfolgt „Typhusfieber”, bildet die
Lunge den Ausgangspunkt, so erfolgt Frostfieber κρυμώδης). Ebenso
gehört dem Aëtios unter anderem die Aufstellung einiger Formen von
zerebralen Leiden an, z. B. die „erysipelatöse” Hirnentzündung,
eine Hirnentzündung der Kinder (IV, 13); gut ist auch die Apoplexie
beschrieben (VI, 27); eigene Erfahrungen leuchten hervor in der
Schilderung des Aussatzes, der gastrischen Affektionen (IX, 24, 25),
in der Behandlung der Pleuritis (Abführmittel, IV, 68) etc. Sehr
bemerkenswert ist die Beschreibung einer epidemischen Halsaffektion,
in deren Verlauf auch Lähmung des Gaumensegels vorkommen kann, und
die wohl nur als ~Diphtherie~ zu deuten ist, es handelt sich um
die ἕλκη ἐν παρισθμίοις λοιμώδη καὶ ἐσχαρώδη (IV, 46). „Bei Kindern
entwickelt sich das Leiden fast stets aus vorhergehenden Aphthen. Die
Geschwüre aber sind bald weiß und fleckenartig, bald von aschgrauer
Farbe, oder sie gleichen den durch Kauterien erzeugten Schorfen.
Es stellt sich sodann bei den Kranken Trockenheit des Schlundes
ein, und heftige Atemnot tritt hinzu, hauptsächlich, wenn eine
Rötung unter dem Kinn entsteht, oder wenn, nachdem diese Schärfe
vorübergegangen ist, Noma und Fäulnis die Stellen ergreift....
Aber auch das Fieber bedarf der Fürsorge, denn gewöhnlich tritt
es in heftigem Grade hinzu. Und während der Ausscheidungen muß man
am meisten auf die Geschwüre achten. Denn die Mehrzahl der Kinder
wird in der Periode der Ausscheidung von Krämpfen ergriffen, andere
ersticken durch Austrocknung des Halses. Bei manchen wird auch das
Zäpfchen zerfressen, und wenn dann nach langer Zeit die Geschwüre
zum Stillstand kommen und sich vertiefen, indem Vernarbung sich
einstellt, so reden sie undeutlich, und das Getränk dringt beim
Schlucken in die Nase. So habe ich gesehen, daß noch nach dem 40.
Tage ein Mädchen starb, welches sich bereits in der Genesung befand.
Die meisten aber sind bis zum 7. Tage in Gefahr ...” (Vgl. hierzu
Bd. I, S. 340, Aretaios und S. 335 Archigenes; die von dem letzteren
herrührende Beschreibung der Diphtherie ist bei Oreibasios erhalten.)
-- Von großer literarhistorischer Bedeutung sind die Fragmente aus
den Werken früherer Autoren, so des ~Archigenes~ über Fieber (V, 74),
Lethargus (VI, 3), Schwindel (VI, 7), Manie (VI, 8), Starrkrampf
(VI, 39), Lähmung (VI, 28), Ruhr (IX, 43), Kachexie (X, 19), Lepra
(XIII, 120), Pruritus (XIII, 123, 126), des ~Rhuphos~ über Pest (V,
95), über Bluthusten (III, 8 ff.), des ~Herodotos~ über Helminthen
und Anwendung der Granatwurzelrinde (IX, 39, 40), Therapie der
Erkältung (IV, 45) etc., des ~Philumenos~ über Durchfall (IX, 35), des
~Philagrios~ über gastrische Fieber (V, 90), Leber-Milzkrankheiten
(X, 7, 15), Spermatorrhöe (XI, 33), des ~Poseidonios~ über
Hirnlokalisation und Nervenleiden (VI, 2, 7, 8, 12, 24, 30). -- Von
der Anhängerschaft des Aëtios an die magische Therapie bildet z. B.
folgende Beschwörungsformel, welche eine im Halse stecken gebliebene
Gräte lösen soll, ein Beispiel: Ὡς Ἰησοῦς Χριστὸς Λάζαρον ἀπὸ τάφου
ἀνήγαγε, καὶ Ιωνᾶν ἐκ τοῦ κήτους· λέγε, κατέχων τὸν λάρυγγα τοῦ
πάσχοντος· Βλάσιος ὁ μάρτυς ὁ δοῦλος τοῦ Θεοῦ λέγει, ἀνάβηθι ὀστοῦν
ἢ κατάβηθι (VIII, 50). Hier kommt der Name des Heilands und eines
christlichen Märtyrers vor, an anderen Stellen dagegen altheidnische
Beschwörungsformeln oder Amulette (z. B. das Jaspisamulett des Königs
Nechepso [II, 35]). Der ~Magnetstein~ soll Gichtschmerzen beseitigen,
wenn man ihn in Händen halte.