~Zur Geburtshilfe und Gynäkologie.~ Die Bezeichnungen der einzelnen

Abschnitte des weiblichen Genitale sind nicht einwandsfrei zu deuten,

jedenfalls unterschied man die Vagina vom Uterus. Die Untersuchung

erfolgte in der Regel durch die Frauen selbst oder durch andere

Frauen, welche dem Arzte resp. in foro Bericht zu erstatten hatten;

gelegentlich der Erörterung über Blutungen wird das Spekulum erwähnt

(Rohr, welches im Inneren einen Stab barg, der auf der Spitze Werg

trug; eine bleierne Röhre, deren Mündung nach innen umgebogen war).

Zu Geburten wurde der Arzt nur dann herangezogen, wenn Kunsthilfe

unbedingt erforderlich schien. Bei beginnender Pubertät steige unter

der Brustdrüse eine Falte auf oder bilde sich wenigstens eine seichte

Rinne, die Brüste neigen sich nach vorn, die Warze färbe sich dunkler,

die Mamilla lasse sich eindrücken und richte sich langsam wieder

empor. Herkunft und Lebensweise beeinflussen das frühere oder spätere

Eintreten der Geschlechtsreife (am häufigsten sei sie im 12. Jahre).

Die Menstruation dauere normaliter 7 Tage und wiederhole sich in

Zeiträumen von 30 Tagen (der geringste Intervall betrage 11 Tage),

subjektiv markiere sie sich durch Gähnen, Niesen, Schmerzen in der

Nabelgegend, Fieberschauer etc. Streng verboten war die Kohabitation

mit einer Menstruierenden oder sonst aus dem „Blutquell” (Uterus)

blutenden Frau; für die Menstruierende und überhaupt jede blutende

Frau ist ein Reinigungsbad vorgeschrieben. Aus rituellen Gründen war

die Diagnose, ob das Blut aus dem Uterus stammte, wichtig; manche

Gelehrte sollen in der Unterscheidung verschiedener Blutarten (auch

durch den Geruch) große Fertigkeit erlangt haben. Zum Nachweise von

Blutflecken überhaupt, dienten 7 Reagentien (Speichel eines nüchternen

Menschen, Bohnenwasser, zersetzter Harn, mineralisches Laugsalz,

vegetabilisches Alkali aus der Asche verbrannter Salzpflanzen,

alkalireiche Tonerde, Seifenwurzel); mit jedem derselben mußte der

Fleck dreimal gewaschen, sodann abgespült werden; das Verschwinden

oder Hellerwerden deutete auf das Vorhandensein von Blut. Gegen

„Blutfluß” (Metrorrhagie) wurde eine ganze Reihe von Volksmitteln

und sympathetischen Kuren angewendet. Bekannt war, daß Defloration

auch ohne Blutung stattfinden könne. Ein altes Volksmittel zum

Nachweise der Jungfräulichkeit bestand darin, daß man die Frau auf

die Oeffnung eines Weinfasses setzte, bei einer Deflorierten sollte

ihr „Geruch ausströmen”, bei einer Virgo nicht. -- Mit dem Beginn

der Schwangerschaft zessieren die Menses, das Blut verwandle sich

in Milch, ausnahmslos aber sei das Zessieren der Menses nicht.

Aeußerlich erkennbar sei die Gravidität, wenn sie 3 Monate bestehe.

Kohabitation während der Schwangerschaft galt in den ersten 3 Monaten

als schädlich für Mutter und Kind, in den zweiten 3 Monaten als

schädlich für die Frau, in den Schlußmonaten aber als dienlich für

beide. Die Schwangeren oder die es werden wollten, trugen zum Schutz

vor bösen Zufällen den „Erhaltungsstein” (Aëtit, Klapperstein oder

Jaspis). Die Möglichkeit der Ueberschwängerung wurde zugegeben, über

das Problem der Superfötation herrschten divergierende Ansichten.

Unmittelbar vor der Geburt finde das Stürzen (Culbut) des Kindes

statt, der Lage von Mann und Frau beim Koitus entsprechend liegen

die Mädchen bei der Geburt mit dem Gesicht nach oben (facie ad partes

obscoenas), die Knaben nach unten (ad podicem matris conversi). Als

normal galt nur die Kopflage. Die Hebamme benützte wahrscheinlich

Oel zum Einschmieren der Geburtswege. Der Gebärstuhl stand sicher im

Gebrauch. Die Nachgeburt (Fälle von Retention sind erwähnt) wurde

aufbewahrt, „damit das Kind warm wird”, verboten waren eine Reihe

von heidnischen Gebräuchen, die sich an die Plazenta knüpfen. Die

Wöchnerin galt als unrein 40 Tage nach Geburt eines Knaben, 60 Tage

nach Geburt eines Mädchens. Die Wiederaufnahme des ehelichen Verkehrs

hatte das rituelle Bad zur Voraussetzung. Bei gegebener Indikation

durfte die ~Embryotomie~ auch des lebenden Kindes vorgenommen werden,

vorausgesetzt, daß kein großer Teil -- nach anderer Ueberlieferung

der Kopf -- geboren war. Der ~Kaiserschnitt~ post mortem wurde

sogar am Sabbat ausgeführt. Daß unter dem Terminus ~Jocé dophen~

(d. i. ein durch die Wand, die Seite scil. des Bauches der Mutter

herausgekommenes) entweder der Kaiserschnitt an der Lebenden gemeint,

oder die Operation der Bauchschwangerschaft zu verstehen ist, kann als

wahrscheinlich angenommen werden, aber es ist kein zwingender Beweis

dafür zu erbringen, daß einer dieser Eingriffe zur Zeit des Talmuds

auch wirklich ausgeführt worden ist; bestimmt ist nur, daß eine auf

einem anderen als dem natürlichen Geburtswege erfolgende Geburt mit

glücklichem Ausgange für Mutter und Kind bekannt war.

~Zur Pflege des Neugeborenen.~ Zeichen der Reife sind die

ausgebildeten Haare und Nägel. Zu den Maßnahmen, welche beim

Neugeborenen zur Anwendung kamen, gehörte das Baden (auch in Wein) und

die Abreibung mit Salz. Sofort nach der Geburt, jedenfalls aber noch

vor Ablauf von 24 Stunden, wurde das Kind an die Brust gelegt, das

Säugen galt als Pflicht der Mutter, an deren Stelle nur ausnahmsweise

die Amme treten sollte. In der Regel säugte die Frau das Kind 24

Monate. Ueber das Säugen unmittelbar an der Tierzitze wird mehrmals

gesprochen; mußte die Frau wegen erneuter Gravidität das Säugen

aufgeben, so wurde das Kind mit Milch und Eiern ernährt.

Die Medizin im Mittelalter.

Zur Einführung.

Den Jahrhunderten des Verfalls der antiken Medizin folgte ein

Jahrtausend, welches nur bei tieferem Eindringen und höchstens auf

einzelnen Gebieten einen schwachen Fortschritt der Heilwissenschaft

erkennen läßt, im großen und ganzen aber den Anschein zähen Stillstands

erweckt.

Zwar versiegte der Quell der griechischen Heilkunst niemals gänzlich,

aber er wurde getrübt und vorübergehend sogar verschüttet.

Während das Abendland von kümmerlichen Resten der antiken Literatur

zehrte und die Heilkunde inmitten trostloser Barbarei nur bei

den ~Mönchen~ Zuflucht fand, trat Ostrom das Erbe des reichen

Bildungsschatzes an, wurde die •Medizin der Byzantiner• zur

kontinuierlichen Fortsetzung der hellenisch-römischen. Aber diese

Fortsetzung war keine wahre Weiterentwicklung. Mehr darauf bedacht,

die Form unversehrt zu erhalten, als den geistigen Kern aus der Hülle

zu lösen, in stolzem Selbstgefühl des Hellenismus auf den Besitz des

Ueberkommenen pochend, jeder Neuerung abhold, ließen die Byzantiner

die Medizin veröden. Sie waren eifersüchtige Schatzhüter, welche

das Kleinod für bessere Zeiten, für andere Völker hüteten, aber sie

verstanden das Ererbte nicht zu verwerten oder gar zu mehren.

Von diesem im späteren Verlaufe versandenden Hauptarme der hellenischen

Heilkunst zweigte -- auf dem Umwege syrisch-persischer und ägyptischer

Vermittlung -- die weit lebhafter pulsierende, neue Elemente

heranziehende, aber im Wesen dem ~Galenismus~ sklavisch folgende

•Medizin der Araber• ab. Sie schloß manchen hoffnungsvollen Keim

für die Zukunft in sich, ihre welthistorische Bedeutung liegt aber

vornehmlich darin, daß sie als Kollateralbahn griechisches Wissen

und Können, allerdings in bizarrer, phantastischer Verzerrung, dem

Westen zutrug und im Verein mit der ~Scholastik~ •die abendländische

Heilkunde• auf eine wissenschaftliche Stufe erhob.

In der byzantinischen, in der arabischen, in der scholastischen Medizin

usurpierte ein mit gelehrten Flittern prächtig umhülltes Phantom den

Platz der wahren hippokratischen Heilkunst.

Der Hippokratismus war erloschen oder glomm nur im Verborgenen weiter.

Erst am Schlusse des Zeitraums wurde er von neuem angefacht, als dem

sinkenden, untergehenden Byzanz der echt antike Geist entströmte, um

nunmehr in ungehemmtem Aufflug, hoch erhaben über die Schranken der

Nation und Heimat, die Welt zu durchwehen.

Die Medizin bei den Byzantinern.

~Motto~:

Was du ererbt von deinen Vätern hast,

Erwirb es, um es zu besitzen. Goethe.

Durch die Zertrümmerung des weströmischen Reiches erlitt die

abendländische Kultur unermeßliche Verluste. Herrliche Schöpfungen

der Kunst, reiche Schätze der Literatur fielen der Zerstörung anheim,

verfeinerte Lebensformen schwanden unter dem Tritt der rohen Gewalt;

die urwüchsigen Eroberer knüpfte kein Band an die große Vergangenheit,

unter dem tosenden Kriegslärm verstummten die geistigen Regungen, und

bloß die Kirche verhinderte, in ihrer Weise, den völligen Untergang der

alten Bildung. Nur äußerst langsam wandten sich die Dinge zum Besseren,

aus einzelnen Kristallisationskernen wuchsen allmählich Neugestaltungen

von kultureller Eigenart heran, aber es währte ein Jahrtausend, bis

die abendländische Menschheit wieder jene Stufe erklomm, von der sie

seit dem 2. Jahrhundert herabgesunken war.

Die Flut des geistigen Lebens strömte vom Westen zurück, Byzanz blieb

der einzige Hort der Kultur, bis es von der noch unverbrauchten Kraft

orientalischer Völker abgelöst wurde.

~Die politische und kulturelle Präponderanz der Byzantiner beruhte

auf dem ununterbrochenen Zusammenhang mit der hellenisch-römischen

Vorzeit.~ Mühelos und unmittelbar übernahmen sie dasjenige als

legitimen Besitz, was andere Völker erst in hartem Ringen und

stückweise erwerben mußten. Unter der Flagge der ruhmvollen

Ueberlieferung des Imperium Romanum stützte sich ihr Staat auf

das römische Verwaltungs-, Rechts- und Heerwesen und verfügte über

alle technischen Behelfe der Kaiserzeit; dieses breite historische

Fundament erhielt das Reich der Romäer aufrecht inmitten der

germanisch-slawisch-hunnischen Völkerflut und sicherte ihm die

erstaunliche Widerstandskraft im aufreibenden Kampfe mit den Persern

und Muslim, wiewohl die Bevölkerung nicht durch wahre Vaterlandstreue,

sondern bloß durch straffe Zentralisation, sprachliche und kirchliche

Gemeinschaft zu einer künstlichen Einheit verbunden war. Die

wissenschaftlichen Bestrebungen schlossen sich direkt an die antike

Literatur, und die reichlichst vorhandenen Bildungsmittel bewahrten das

geistige Leben trotz des lähmenden Einflusses fortgesetzter äußerer und

innerer Wirren vor dem oftmals drohenden gänzlichen Erlöschen, denn

zündend blitzte auch aus der Asche griechisches Denken immer wieder

empor. Ganz von selbst bot sich der Kunst die Antike als heimisches

Vorbild dar, bereit zur Verflechtung mit den nach sinnlichem Ausdruck

ringenden christlichen und den in Volksanschauungen, im Hof- und

Kirchenzeremoniell, in der Gewandung vordringenden orientalischen

Motiven.

Aber ebenso wie die anfangs kräftig zur Weltmacht aufstrebende

Herrschaft der Romäer verhältnismäßig bald in ihren Expansionsgelüsten

behindert und zu einer immer kläglicher werdenden Defensive gezwungen

wurde, so büßte auch die byzantinische Kultur schon nach kurzdauernder

Blüte ihre fortzeugende Kraft ein, worüber alle Breitenentfaltung nicht

hinwegtäuschen kann, und verfiel einer ~vorzeitigen Seneszenz~, die

sich, wie bei den altorientalischen Völkern, durch starres Festhalten

an versteiften Typen, durch ängstliche Abwehr des Neuen und Fremden,

durch den Mangel der Anpassung an die veränderte Umgebung kundgab.

Abgesehen davon, daß es an günstigen Bedingungen für eine freie,

aufsteigende Kulturentwicklung in einem Reiche fehlte, welches von

außen von Feinden umlauert, im Inneren durch religiösen Zwist und

Unduldsamkeit, Palastrevolutionen, Thronumwälzungen, Weiberintrigen

und Günstlingswirtschaft zerrüttet war, dessen Untertanen unter dem

Drucke des Cäsaropapismus schmachteten -- läßt sich die frühe Ermattung

des geistigen Lebens gerade auf jene Ursache zurückführen, die von

vornherein den gewaltigen Vorsprung der Byzantiner bewirkt hatte, auf

ihr ~Epigonentum~. Angesichts des faszinierenden Reichtums der ererbten

Schätze versiegte der Trieb und die Kraft zu eigenen Leistungen.

Schon in den letzten Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit war unter

dem Einflusse der geistigen Depression jede Hoffnung entschwunden, über

die gegebene Kultur durch Erneuerung der wesentlichen Grundstoffe,

durch Zufuhr frischer Triebkräfte jemals hinausdringen zu können;

der Steinbruch der klassischen Antike galt als unerschöpflich, und

die Aufgabe der Gegenwart wie der Zukunft schien lediglich in der

Sammlung, Sichtung, Erklärung, Verarbeitung des aus der Vergangenheit

überlieferten Wissensmaterials zu bestehen; die Kirche, welche ohnedies

die Geister, von Natur und Leben abseits, dem Transzendenten zuwandte

und auf allen Gebieten kanonischen Abschluß herbeiwünschte, nährte

diese Anschauung ganz erheblich.

Die Byzantiner gingen auf der abschüssigen Bahn nur weiter.

Uebersättigt mit Traditionen, welche alle Denkgewohnheiten zu

Denknotwendigkeiten stempelten, erfüllt von dem hochfahrendsten

Nationaldünkel, der sich mit dem Adel der hellenisch-römischen

Vergangenheit brüstete, konnten und wollten sie die historische Brücke

nicht abreißen, die morsche Ruine durch ein neues Gebäude ersetzen; ja

es lag außerhalb ihres Interessenkreises, unter Betonung des merklicher

werdenden Gegensatzes zwischen Gegenwart und Vergangenheit, nach

Abscheidung des Veralteten und Leblosen in jenen bewußten Wettkampf mit

der Antike zu treten, der den wahren Humanismus beseelt. Vergessend,

daß eben der frei entfaltete Volksgeist die Vorzeit so groß gemacht

hatte, ging man so weit, sogar die lebendigste Aeußerung desselben

zu unterdrücken, indem man, steif am Attizismus festhaltend, der

Umgangssprache den Zutritt zur Literatur verschloß; mehr und mehr

unfähig, das Wesen zu erfassen, klammerte man sich krampfhaft an

die ~Formen~ -- ein Spiegelbild der Zeremonien- und Titelsucht im

Staatsleben -- und schleppte den toten ~Mechanismus~, die ~Mumie der

Antike~ fort durch ein Jahrtausend, statt aus den Elementen der alten

Kultur ein neues Gebilde organisch zu entwickeln.

Wie im Leben, so war auch im Schrifttum die Form, der glänzende

Schein, das oberste Gesetz, und gerade das Mißverhältnis zwischen dem

schwülstigen Prunk der Rhetorik, dem geistheuchelnden Gaukelspiel der

Dialektik einerseits und dem dürftigen Inhalt anderseits, verlieh

der Literatur jene Züge von Steifheit, von gekünsteltem Wesen, von

gleißnerischer Unwahrheit, welche den Byzantinismus sprichwörtlich

gemacht haben; zu wirklichem Fortschritt konnte es dort nicht kommen,

wo stets mit denselben Elementen gewirtschaftet wurde, wo die ~maßlose

Verehrung der alten Autoritäten~ die freie Kritik erstickte, den

Gedankenflug fesselte und den Mut zum originellen Schaffen verkümmern

ließ. Bloß die Kunst gebar unter christlichem Anhauch einen neuen Stil,

der auch orientalischer Prachtliebe Genüge leistete, und die Technik

wurde durch die drängenden Erfordernisse des Tages vorwärts getrieben.

Aber die Wegspur der Antike war breit, und den Kärrnern bot gerade

der Traditionalismus ein weites Arbeitsfeld des Excerpierens,

Kommentierens, der enzyklopädischen Abrundung. Gefördert von

wissensfreundlichen Herrschern, über den reichen Bücherschatz

großangelegter Bibliotheken verfügend, war die literarische Tätigkeit

der Byzantiner eine ungemein mannigfaltige, und was besonders

hervorzuheben, unter den Autoren herrschte, obwohl theologische

Fragen stets auf der Tagesordnung standen, das gebildete Laientum

vor -- ungleich dem Abendlande, wo um diese Zeit fast nur Mönche

für Mönche schrieben. Am meisten und darunter höchst Ansehnliches

wurde auf den Gebieten der Theologie, Rechtspflege, Philologie,

Archäologie, Geschichte, Kriegswissenschaft geschaffen, während der

letzten Jahrhunderte (als griechisches Wissen von den Persern und

Arabern zurückströmte) auch in der Mathematik und Astronomie, ohne daß

es jedoch zu wirklich originären Neuschöpfungen gekommen wäre. Dort

aber, wo die eherne Kette der Ueberlieferung im Stiche ließ, wo es

auf unbefangene Beobachtung, mutige Kritik, auf Gefühl und Phantasie

ankam, versagte der Pedantismus der Byzantiner gänzlich, darum haben

sie in den Naturwissenschaften nichts hervorgebracht, darum blieb

ihre Philosophie eine bloß formale, und abgesehen von der kirchlichen

oder volkstümlichen, war ihre Poesie ein totgeborenes Kind. Wie stets

in den Zeiten geistigen Druckes, suchte der individuelle Drang seine

Zuflucht im Halbdunkel der Mystik; neben Astrologie und Alchemie

wucherte das Unkraut aller Gattungen des Aberglaubens üppig fort. Das

künstlerische Schaffen mußte gerade deshalb, weil es den Kerngehalt

des neuen Daseins, das Wesen des Byzantinismus zu charakteristischem

Ausdruck brachte, ins Typische, Konventionelle, Schablonenhafte

verfallen, sowie einmal die neue eigenartige Stilgattung entwickelt

war; virtuose Darstellung fertig ausgebildeter Formen und höchste

Prachtentfaltung bezeichnete das Endziel des Strebens, und alles lief

auf einen künstlichen Mechanismus hinaus. Diese Tendenz führte die

Architektur, mit ihrem geistvoll kombinierten stolzen Kuppelsystem,

zur technischen Vollkommenheit (Hagia Sophia), erweckte eine

bewunderungswürdige Kleinkunst, beschränkte hingegen die Plastik

auf das Relief und hemmte den Aufschwung der ans Mosaik gebannten

Malerei zur Wirklichkeitsfrische; die farbenglänzenden würdevollen,

aber unendlich steifen, ausdruckslosen, langgestreckten Gestalten auf

Goldgrund, bezeugen dies genügend.

Eingehende Detailstudien lehren freilich, daß im Verlaufe der

byzantinischen Kultur Phasen des Aufschwungs (im Zeitalter Justinians,

unter den Herrschern aus dem mazedonischen Hause, unter den Komnenen

und Paläologen) und Phasen des Niedergangs und Stillstands (während

des Bilderstreits, unter der Lateinerherrschaft) aufeinander folgen,

zeitweilig wurde auch der starre Zauberbann von einzelnen großen

Individualitäten (z. B. Photios, Psellos) durchbrochen, die dem

Humanismus vorarbeiteten -- von einer wahrhaft organischen Entwicklung

kann aber nicht gesprochen werden. Die welthistorische Bedeutung des

Byzantinertums liegt nicht in der Neugestaltung, sondern bloß in der

mechanischen Aufbewahrung des antiken Denkstoffes.

Dem Rahmen der allgemeinen Kulturverhältnisse fügt sich die Medizin

stilgerecht ein, die Beharrung macht ihren Grundzug aus und von

origineller Schaffenstätigkeit finden sich bloß vereinzelte Spuren.

Der Hauptsache nach ist ~das ärztliche Schrifttum der Byzantiner~ eine

Blumenlese aus der antiken Literatur und gipfelt in enzyklopädischen

Kompilationen, die sich weniger durch den Inhalt als durch die

Ausführlichkeit und die mehr oder minder selbständige Kritik

voneinander unterscheiden; aus der Reihe der fleißigen Sammler und

gelehrten Interpreten ragt bloß ausnahmsweise einmal ein wirklicher

Beobachter hervor, der überwiegenden Mehrheit galten die Lehrmeinungen

der Alten als geheiligter Kanon, an dem nichts Wesentliches geändert

werden dürfe. Nichtsdestoweniger besitzt die byzantinische Epoche für

die Medizin eine sehr große Bedeutung, weil sie die Errungenschaften

der Antike vor dem Untergang schützte und den Faden der Tradition

so lange getreulich festhielt, bis das edle Reis der hellenischen

Heilkunst in ein neues, für die Weiterentwicklung günstiges Erdreich

überpflanzt werden konnte.

Die Phasen des Aufstiegs oder Niedergangs der byzantinischen

Kulturmacht gingen zwar nicht spurlos an der medizinischen Literatur

vorüber, aber tiefgreifend war die Wirkung kaum, da die ärztliche Kunst

vom spezifisch byzantinischen Geistesleben wenig berührt wurde und

ihre Impulse nicht von der Akademie in Konstantinopel[1], sondern von

jenen Stätten empfing, die noch vom echten Geist der Antike umwoben

waren. Deshalb bildete tatsächlich nur die ~Eroberung Alexandrias~

(642) durch die Araber, welche dem Griechentum die wichtigste ärztliche

Schule raubte, eine wahre Cäsur im Ablauf des Ganzen, ~die Grenzscheide

zweier wohlcharakterisierter Perioden der byzantinischen medizinischen

Literatur~.

[1] Die Akademie in Konstantinopel wurde (als Gegengewicht gegen

das heidnische Athen) von Theodosius II. gegründet, während

des Bilderstreits geschlossen, sodann seit der zweiten Hälfte

des 9. Jahrhunderts allmählich wiederhergestellt.

Die erste dieser beiden Perioden fällt mit dem frühbyzantinischen,

d. h. mit jenem Zeitalter zusammen, in welchem das ~antike

römisch-hellenische Wesen~ erst nach langen Kämpfen dem allmählich

erstarkenden ~mittelalterlichen christlich-byzantinischen Geiste~

unterlag. Da der letztere der wissenschaftlichen Heilkunde keine

positive Förderung zu bringen vermochte, so wurde die Medizin von den

allgemeinen Strömungen der Epoche nur so weit günstig beeinflußt, als

die Antike noch darin prävalierte.

Das frühbyzantinische Zeitalter, mit der Aera des Justinian als

Höhepunkt, reicht bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts. Byzanz, das

durch glänzende Eroberungen im Westen und Osten (Belisar, Narses,

Kaiser Herakleios) schon auf dem Wege war, ein zweites Rom zu werden,

wurde am Ende des Zeitraums auf enge Grenzen beschränkt (unglückliche

Feldzüge gegen die Perser, Siegeslauf der Araber), nachdem schon lange

vorher der Sektenstreit seine verheerende Wirkung entfaltet und eine

fast 50 Jahre dauernde, von Erdbeben begleitete Seuche („Pest des

Justinian” 531 bis 580) schwerstes Leid über das Reich verhängt hatte.

Die literarische Tätigkeit dieser Epoche war, auch abgesehen

von der theologischen, eine reiche; die kirchliche Dichtung war

jugendfrisch, die Geschichtschreibung nahm einen neuen Aufschwung,

die Philosophie erlebte eine Nachblüte des Neuplatonismus und

zeitigte wertvolle Kommentare zu Aristoteles (Johannes Philoponos).

Unter Justinian wirkten treffliche Historiker (Agathias, Prokop),

fand das Recht (Tribonianus) seinen Abschluß (Codex Justinianeus,

Pandekten, Institutionen, Novellen), schuf die Baukunst die herrliche

Hagia Sophia (Anthemios von Tralles, Isidoros von Milet), blühte

Handel und Industrie (Einführung der Seidenraupenzucht). Aber die

Schattenseite bildet die enorme Erhöhung der Abgabenlast und die

Intoleranz der Orthodoxie, welche letztere sich in der Schließung der

Schule von Athen (529) und Vertreibung der (heidnischen) Philosophen

ein herostratisches Denkmal setzte; wurde doch damit die Vernichtung

der antiken Geistesfreiheit offenkundig dokumentiert.

Die Tendenz nach abschließender Zusammenfassung, welche dem

frühbyzantinischen Zeitalter eignet und auf dem Gebiete der Kunst

im Kuppelbau der Hagia Sophia, auf dem Felde der Wissenschaft in der

Kodifizierung des Rechts vollendetsten Ausdruck fand, beherrschte auch

die ärztliche Literatur, ohne aber den Trieb zur eigenen Beobachtung,

den Mut zur unbefangenen Kritik völlig zu unterdrücken. ~Die

Enzyklopädie des Oreibasios diente als Vorbild, aber man erstrebte das

gleiche Ziel mit größerer Selbständigkeit und Kürze; Galen galt zwar

viel, aber noch nicht alles, neben ihm blieb auch den übrigen Meistern

der Antike die gebührende Stellung bewahrt, und wiewohl niemand mehr

am theoretischen Lehrgebäude des Pergameners zu rütteln wagte, in

praktischen Fragen wich man oft erheblich von ihm ab.~

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 13 / 76 段