[26] An einzelnen Stellen ist die Rede von Sektionen, welche

Gelehrte an Tieren vornahmen, um den Bau der Organe oder

Funktionsstörungen zu erforschen.

Die osteologischen Daten stützen sich auf die Untersuchung

der menschlichen Leiche[27], der größte Teil der anatomischen

Kenntnisse beruhte aber -- wie namentlich die Eingeweidelehre zeigt

-- nur auf den Beobachtungen, die man beim Schlachten der Tiere

machte[28], weshalb sich ein näheres Eingehen auf die Details hier

erübrigt. Interessant sind vom anatomischen Standpunkte die Angaben

über angeborene oder später erworbene Leibesfehler (welche zum

Priesterdienst untauglich machten); in der langen Liste kommen z. B.

abnorme Kopfbildungen (der kegelförmige, birnförmige, hammerförmige,

kahnförmige, der zu lange Schädel), Gibbus, Genu varum und Genu

valgum, Plattfuß, Polydaktylie vor. -- Betreffs der Funktion der

einzelnen Organe lehrte eine ~volkstümliche~ Tradition folgendes:

„Die Nieren raten, das Herz prüft, die Zunge schneidet zurecht (die

Laute), der Mund vollendet (sie), die Speiseröhre nimmt alle Arten

von Speisen auf und gibt sie weiter, die Luftröhre bringt die Stimme

hervor, die Lunge saugt alle Arten von Flüssigkeiten auf, die Leber

erregt Zorn, die Galle wirft in ihn einen Tropfen und beruhigt ihn,

die Milz erregt Lachen, der Magen erregt Schlaf, die Nase bewirkt

das Erwachen.” Im einzelnen dürften in den gelehrten Kreisen ganz

andere Ansichten geherrscht haben, so geht z. B. aus einer Bemerkung

hervor, daß man den Sitz des Verstandes im „Mark des Schädels”

annahm. Man wußte, daß die Exstirpation der Milz und des Uterus bei

Tieren nicht tödlich sei[29], daß Lähmung der unteren Extremitäten

auf Verletzung des Rückenmarks schließen lasse u. a. -- Nach der

talmudischen Zeugungstheorie stammen die Knochen und Sehnen, die

Nägel, das Mark im Kopfe und das Weiße im Auge vom Vater, „der das

Weiße (Sperma) sät”; Haut, Fleisch, Blut, die Haare und das Schwarze

im Auge von der Mutter, „welche das Rote sät”; Gott gibt Leben und

Seele, den Glanz des Gesichts, das Sehen des Auges, das Hören des

Ohres, die Sprache des Mundes, das Erheben der Hände, das Gehen der

Füße, Verstand und Einsicht. Nach der Ansicht mancher beginnt die

Entwicklung mit dem Kopfe, nach Ansicht anderer vom Nabel aus. Das

Aussehen der Frucht wird mit einer Heuschrecke verglichen, die Augen

sind wie zwei Fliegenpunkte, nur weit voneinander entfernt, die beiden

Nasenlöcher ebenfalls wie Fliegenpunkte, nur nahe beieinander, der

Mund ausgespannt wie ein haardünner Faden, das Genitale wie eine

Linse, bei der weiblichen Frucht der Länge nach gespalten, wie ein

Gerstenkorn, der Einschnitt an Händen und Füßen ist nicht vorhanden.

Die Bestimmung des Geschlechts der Frucht erfolge im Augenblick

der Kohabitation, wenn die Frau zuerst den Samen säe, so entstehe

ein männliches, wenn der Mann, ein weibliches Kind. Gegenüber der

herrschenden Lehre, daß die Entwicklung bei beiden Geschlechtern

gleichmäßig stattfinde (Vollendung am 41. Tage), findet sich auch die

Ansicht vertreten, daß die männliche Frucht mit 41, die weibliche

dagegen mit 81 Tagen vollendet sei. Um männliche Kinder zu zeugen,

wird geraten, daß der Mann sein Sperma zurückhalte (damit die Frau

zuerst ejakuliere), oder daß das Bett zwischen Norden und Süden

gestellt werde. Psychischen Einflüssen im Moment der Kohabitation

schrieb man viel Bedeutung für die Gestaltung des Kindes zu. Die

Dauer der Schwangerschaft wird mit 271-274 Tagen angegeben. In den

ersten drei Monaten liege das Kind im unteren Teil seiner „Wohnung”,

in den drei folgenden im mittleren Teile, in den letzten Monaten im

oberen Teile; „es hat seine Hände auf seinen beiden Schläfen, die

beiden Ellbogen auf den beiden Hüften, die beiden Fersen auf den

beiden Hinterbacken, sein Kopf ruht zwischen den Knien, der Mund ist

geschlossen, der Nabel geöffnet, es ißt von dem, was die Mutter ißt,

und trinkt von dem, was die Mutter trinkt, entleert aber keinen Kot,

weil es sonst seine Mutter töten würde. Wenn es an das Licht der

Welt herausgeht, öffnet sich das Geschlossene und schließt sich das

Geöffnete.” Ein Teil der Früchte werde von vornherein als Neun-, der

andere als Siebenmonatskinder angelegt; werde eines der letzteren

erst mit acht Monaten geboren, so bleibe es am Leben (damit sollte

die von der antiken Tradition bestrittene, aber zuweilen beobachtete

Lebensfähigkeit der Achtmonatskinder erklärt werden). Ein mit 6½

Monaten oder noch früher geborenes Kind ist nicht lebensfähig. --

Von Mißbildungen sind verschiedenartige erwähnt, z. B. Anenkephalus,

Cyklopie, Sirenenbildung, der Foetus papyraceus.

[27] Nach den Autoren des Talmuds besteht das Skelett aus 248

Knochen. Diese Zahl wurde vielleicht bei der Untersuchung einer

16-17jährigen Person gewonnen, deren Leiche dem Kochungsprozeß

unterworfen worden war, wobei die noch nicht durch feste

Verknöcherung verschmolzenen Teile auseinanderfielen. Es wird

berichtet, daß sich die Schüler des R. Ismael (um 100 n. Chr.)

die Leiche einer zum Tode verurteilten Prostituierten ausbaten

und dieselbe kochten, um die überlieferten Angaben über die

Zahl der Knochen nachzuprüfen. -- Der Arzt Thodos konnte als

Experte mit Sicherheit aussprechen, daß eine ihm vorgelegte

Anzahl von Wirbeln nicht von demselben Menschen stammte. --

Die im Talmud vorkommende Legende von dem Knöchelchen Luz,

welches infolge seiner Härte der Verwesung widerstehe, wurde von

leichtgläubigen Anatomen noch im 17. Jahrhundert für bare Münze

genommen; bald schien der 7. Halswirbel oder das Steißbein,

bald ein Nahtknochen des Schädels oder ein Sesambein der großen

Zehe dem Wunderknöchelchen zu entsprechen.

[28] Manche der Beschreibungen sind vom Standpunkt der Tieranatomie

überraschend gelungen, das gilt namentlich für die

pathologischen Befunde.

[29] Man berief sich darauf, daß die ägyptischen Händler den Kühen

und Schweinen vor dem Verkauf in die Fremde die Gebärmutter

ausschnitten, damit die Rasse in anderen Ländern nicht

fortgepflanzt werden konnte.

~Zur Diätetik, Hygiene und Prophylaxe.~ Die Pflege des Körpers gilt

als religiöse Pflicht. Was zunächst die ~Nahrungsweise~ anlangt, so

wird vor jeder plötzlichen Aenderung derselben und namentlich vor

Unmäßigkeit gewarnt, weil sonst Darmleiden entstünden. „Wenn deine

Mahlzeit dir ein Genuß ist, dann ziehe deine Hand zurück.” Kinder

sollen nicht an Fleisch und Wein gewöhnt werden, wichtig sei ein

kräftiger Morgenimbiß und der tägliche Genuß von frischem Gemüse.

Als schädlich galt es, zu essen, ohne zu trinken. „Wer ißt, ohne zu

trinken, ißt Blut (d. h. er zehrt vom eigenen Körper), und das ist

der Anfang von Darmleiden.” Das richtige Maß sei ein Becher auf ein

Brot. Nicht wenige diätetische Regeln waren im Schwange, welche von

dem Einfluß bestimmter Nahrungsmittel handelten. So heißt es z. B.:

Mangoldbrühe ist gut für den Magen (Herz) und für die Augen und noch

mehr für die Därme. Lauch ist gut für die Därme, aber schädlich für

die Zähne, Milz umgekehrt, weshalb man Milz kauen und dann ausspeien,

Lauch aber ungekaut verschlucken solle. Nach jedem Essen iß Salz, und

nach jedem Trinken trinke Wasser, so wirst du nie zu Schaden kommen

u. s. w. Zur Erhaltung der Gesundheit sind ~Bäder~ (es gab zahlreiche

gut eingerichtete Badehäuser), ~Massage~, ~Salbungen~ empfohlen;

als prophylaktisches Mittel erfreute sich auch der ~Aderlaß~ großer

Beliebtheit, jedoch wird vor dem Uebermaß und vor mißbräuchlicher

Anwendung der Venäsektion bei alten Leuten gewarnt; der Aderlaß

soll höchstens alle 30 Tage, vom 50. Lebensjahr an jedoch seltener

vorgenommen werden. Widerraten war die Ausführung bei schlechtem

Wetter und an astrologisch ungünstigen Tagen (z. B. am Dienstag,

weil der Mars in der achten Stunde regierte); vor dem Aderlaß hatte

man sich einem sehr restringierten Regime zu unterwerfen, nachher

wurde eine nahrhafte, aber leicht verdauliche Kost (verboten waren

z. B. Käse, Zwiebeln, Knoblauch, Kresse, Geflügel) verordnet, jede

Anstrengung oder Koitus galt als schädlich, auch sollte man sich vor

Erkältung in acht nehmen; wichtig war das Verbot, die Aderlaßwunde zu

betasten. Nicht wenige Vorschriften betreffen die ~Regelung der Harn-

und Stuhlentleerung~ (Konzentration der Gedanken auf das Vorhaben,

abwechselndes Aufstehen und Niedersetzen am Aborte, Warnung vor zu

starkem Pressen, laxierende Mittel, Waschung der Hände nach jedem

Stuhlgang, Reinigung des Afters mit Scherben, Verbot, den Penis

anzufassen u. s. w.), die ~Geschlechtshygiene~ (z. B. Bestimmung der

Häufigkeit des Koitus, je nach dem Lebensberuf und Stand, Verbot

sexueller Exzesse und Perversitäten etc.). ~Körperliche Arbeit~

ist nachdrücklich zur Erhaltung der physischen und moralischen

Gesundheit empfohlen. Einen ganz besonders breiten Raum nehmen im

Talmud die ~Reinheits- und Desinfektionsgesetze~ ein, wobei die

sozial-hygienischen Prinzipien zumeist durch religiös-ethische,

manchmal auch durch abergläubische (dämonistische) Motivierung

verschleiert sind; in äußerst subtilen Distinktionen werden

verschiedene Grade der Verunreinigungen angenommen und danach wieder

die Maßnahmen des Reinigungsverfahrens bestimmt. Es würde zu weit

führen, auf Einzelheiten einzugehen; es sei nur bemerkt, daß sich in

den einschlägigen Vorschriften Ideen vorfinden, die gerade im Lichte

der modernen Wissenschaft berechtigt erscheinen. Das Händewaschen

vor und nach dem Essen, nach jeder Harn- und Stuhlentleerung,

nach dem Aderlaß, nach dem Nägelschneiden, das Reinigungsbad für

Menstruierende und Wöchnerinnen, die Maßregeln zur Verhütung der

Krankheitsübertragung (z. B. durch Exkrete, Gebrauchsgegenstände,

Nahrungsmittel) u. v. a. zählen hierher. Von einschneidender Bedeutung

sind endlich die Bestimmungen über das Schlachten (~Schächten~),

über die ~obligatorische Fleischbeschau~ und über die ~Zubereitung

der Speisen~. Zu genießen verboten ist jedes Schlachttier, bei

dessen Untersuchung sich Verletzungen oder sonstige abnorme Zustände

vorfinden, denen das Tier in absehbarer Zeit erlegen wäre. Die

Erörterungen über das Thema, was als koscher oder als trepha anzusehen

ist, gewähren einen auch kasuistisch interessanten Einblick in die

erstaunlich entwickelte Veterinärpathologie. Zu den Befunden, welche

den Genuß des Schlachttieres ausschließen, gehören: Perforation

beider Häute des Oesophagus, perforierende Querwunden der Trachea,

Perforation der Hirnhaut, des Herzens, Bruch der Wirbelsäule mit

gleichzeitiger Trennung des Rückenmarks, Defekte der Lunge, Verletzung

des Magendarmkanals, in deren Folge Speise- oder Kotmassen in die

Bauchhöhle oder in das umliegende Zellgewebe austreten können,

vollständige Entfernung der Leber, Perforation der Gallenblase,

Eiterung oder fauliger Zerfall einer Niere; was die Lunge anlangt, so

kommen namentlich in Betracht Perforation der Lunge oder Pleura (beim

Aufblasen von der Trachea her, hört man ein zischendes Geräusch),

fistulöse Kommunikation zweier Bronchien, Ulzeration der Bronchien

(Unterscheidung von Bronchiektasien), Verwachsungen der Pleura

(eingehend werden die Perlsuchtgebilde auf der Pleura geschildert,

aber nicht für lebensgefährlich erklärt).

~Zur allgemeinen Pathologie und Therapie.~ Abgesehen von der

Grundansicht, daß Krankheit und Heilung Gottes Werk sei, finden

im Talmud die verschiedenartigsten ätiologischen Anschauungen

Vertretung, mystische sowohl wie rationelle. So werden Krankheiten

einerseits von ~dämonischen Einflüssen~ oder vom ~bösen Blick~

hergeleitet, anderseits auf ~Erkältung~, ~Erhitzung~, ~auf die Luft~,

~schlechtes Trinkwasser~, ~fehlerhafte Lebensweise~, ~auf die Galle~,

~Plethora~ oder auf ein ~gestörtes Mischungsverhältnis~ (zwischen

Blut und Wasser) zurückgeführt; der Einfluß der ~Erblichkeit~ und

der ~Uebertragung~ (durch Personen und Gegenstände) ist ausdrücklich

hervorgehoben. Als prognostisch günstige Zeichen galten Niesen,

Schweiß, Stuhlgang, Pollution, Schlaf und Traum. Die ~Medikamente~

waren überwiegend pflanzlicher Herkunft (Droge im ganzen, Blätter,

Wurzeln, Rinde, pflanzliche Oele -- Aufgüsse, Abkochungen, Pulver,

Latwergen, Salben, Pflaster, Breiumschläge etc.), selten tierischen

Ursprungs (z. B. Honig, Ziegenmilch, Galle, Saft einer Ziegenniere

gegen Ohrleiden, Leber des tollen Hundes gegen Lyssa); großer

Wertschätzung erfreute sich der Theriak. Außer den Arzneien verstand

man auch die Heilwirkung des Sonnenlichtes, der Bäder (Warmbäder,

Flußbäder, Seebäder, Schlammbäder, Heilquellen), des Luftwechsels

zu nutzen. Der ~Aderlaß~ spielte im Heilverfahren bei verschiedenen

Krankheiten (Fieber, Kopf- und Brustschmerzen, Bräune, Podagra

etc.) eine Hauptrolle, namentlich im Beginne des Leidens (z. B. bei

einem Fieber nach zweitägiger Dauer); gewarnt wird jedoch vor dem

Mißbrauch des Aderlasses, vor der Anwendung beim stehenden Kranken,

in der Akme des Fiebers u. s. w. Dem ~diätetischen Regime~ in

der Krankenbehandlung wandte man größte Aufmerksamkeit zu; es gab

diätetische Heilmittel und Heiltränke, und gewissen Nahrungsmitteln

wurde eine spezifische Heilwirkung zugeschrieben. ~Von psychologischem

Blick zeugt die noch heute sehr beherzigenswerte Mahnung, auch

bei unheilbaren Krankheiten bestimmte Diätvorschriften zu geben.~

Verschiedene ~diätetische Regeln~ waren im Umlauf, z. B. folgende:

Zehn Dinge bringen den Kranken zu seiner Krankheit zurück, und seine

Krankheit wird schlimmer: Der Genuß von Ochsenfleisch, fettem Fisch,

gebratenem Fleisch, von Geflügel, gebratenen Eiern, Kresse, Milch,

Käse, das Scheren und das Schwitzbad, nach manchen auch der Genuß von

Nüssen und großen Gurken. Sechs Dinge heilen den Kranken von seiner

Krankheit, und ihre Heilkraft ist eine nachhaltige: Kohl und Mangold

und Kamillen, der Labmagen, der Uterus, die Leber, nach manchen auch

kleine Fische. -- Auffallend wenig umfangreich ist die Dreckapotheke

(erwähnt werden Harn, Hundekot, Kinderkot), sehr reich dagegen die

~magische Therapie~ in Form des ~Besprechens~ (z. B. gegen Fieber,

Ausschläge, Verschlucken, Blutfluß, Lyssa), des ~Handauflegens~,

der ~Sympathiekuren~, des ~Amulettgebrauchs~ (Amulette bestanden aus

beschriebenen Gegenständen oder aus Kräutern, Knoten, Schellen).

~Zur speziellen Pathologie und Therapie.~ Fieber wurde mancherseits

als eine unter Umständen nützliche Reaktionserscheinung betrachtet.

Man unterschied mehrere Arten von essentiellen Fiebern und führte

unter den Ursachen auch Verdauungsstörungen an. Die Therapie

bestand aus diätetischen Maßnahmen (anfangs Fasten), Aderlaß oder

bewegte sich im Geleise des volksmedizinischen Aberglaubens. ~Zu den

begünstigenden Momenten für das Auftreten von Epidemien rechnete man

Anhäufung von vielen Menschen und Hungersnot, auch war es bekannt,

daß durch Karawanen, Tiere (z. B. Schweine) etc. Verschleppung

stattfinden könne.~ Von Krankheiten der Mundhöhle werden Foetor ex

ore, Ranula, Stomatitis, Abszesse erwähnt; die häufig genannte Askara

entspricht dem epidemischen Krupp. Unter „Polyp” der Nase ist wohl dem

Zusammenhang nach, die Ozäna zu verstehen; gegen Nasenbluten wird eine

komplizierte Tamponade empfohlen. Bei Ohrleiden wurden, wenn sie mit

Ausfluß verbunden waren, feste Arzneimittel (z. B. Steinsalz), sonst

flüssige verwendet. Um zu erkennen, ob das aus dem Munde kommende Blut

der Lunge entstamme, sollte man es mit einem Weizenstrohhalm prüfen;

haftete es an, so galt dies als positives Zeichen. Wie das griechische

καρδία bezeichnet das hebräische leb, libba so viel wie Magengrube

═ Herzgrube; bei den entsprechenden Krankheitsnamen: Schmerz,

Schwäche, Schwere des leb oder libba handelt es sich wohl zumeist um

Magenaffektionen; als Schutzmittel gegen Kardialgie diente der Genuß

von Schwarzkümmel. Der Morbus cardiacus figuriert unter diesem Namen

auch im Talmud. Von Verdauungsstörungen, Stuhlverstopfung etc., deren

Ursache und Prophylaxe (diätetische Vorschriften) ist viel die Rede.

Unter den Darmkrankheiten spielte die Dysenterie eine Hauptrolle. Bei

Leibschmerzen und Darmaffektionen empfahl man erwärmende Einreibungen,

Auflegen erwärmter Tücher, Aufsetzen einer Schüssel mit warmem

Wasser, Aufstülpen eines Bechers auf den Nabel, Trinken von altem

Wein, Pfefferkörner im Wein, Kümmel etc. Hämorrhoiden werden mit

anderen Affektionen des Mastdarms zusammengeworfen. Man kannte mehrere

Arten von Darmparasiten, zu den Wurmmitteln gehörten Knoblauch,

Ysop, Lorbeerblätter mit Wein, Raukensamen. Ein Gallenmittel war aus

Gerste, Saflor und Salz zusammengesetzt. Der von manchen Forschern

als Gelbsucht gedeutete Krankheitsname wird von anderen auf Blutarmut

bezogen. Gegen Milzleiden wird außer sympathetischen Mitteln unter

anderem empfohlen: Blutegel in Wein, Trinken von „Schmiedewasser”.

Wassersucht glaubte man auch von Verstopfung herleiten zu können.

Von Affektionen des Urogenitalsystems finden Strangurie (bei

Blasenstein [?] Einspritzungen), Fisteln und Spaltbildungen des

Penis, Kastratentum, Kryptorchismus, Hermaphroditismus, Pollutionen

und Gonorrhoe Erwähnung. Ueber die Deutung der im Talmud vorkommenden

Hautleiden herrscht trotz der relativ sorgfältigen Beschreibung noch

ungeklärter Widerstreit. Bemerkenswert ist es, daß zwar die Zaraath

vorwiegend als Gottesstrafe wegen verschiedener Laster gilt, bei

anderen Hautleiden aber schlechte Ernährung, mangelnde Hautpflege

u. a. ätiologisch verantwortlich gemacht werden. Vom „Aussatz” sind

zwei Hauptformen unterschieden, je nachdem die Flecke glänzend weiß

oder matt erscheinen. Fälle von Lepra mutilans werden erwähnt. Die

Ausschließung der Aussätzigen wurde zwar beibehalten, doch zeigt sich

gegenüber den biblischen Zeiten eine gewisse Milderung in der Form,

wenigstens durfte der Lepröse im Lehrhause in einem abgesonderten,

durch eine hohe Wand von den übrigen Besuchern getrennten Raum

verweilen. In der Kosmetik spielen die Enthaarungsmittel (Erdarten)

eine wichtige Rolle. -- Als Ursache der Epilepsie wird sehr häufig

anstößiges Verhalten der Eltern bei der Kohabitation angeführt,

die Erblichkeit des Leidens war bekannt, prophylaktisch oder

therapeutisch standen auch Amulette im Gebrauch. In einem Gleichnis

wird ein Fall erzählt, der lebhaft an hysterische Stummheit erinnert.

Kopfschmerz galt als eines der häufigsten und schmerzhaftesten Leiden,

Hemikranie dürfte als besondere Form unterschieden worden sein; in

der Aetiologie tritt der Dämonismus bisweilen hervor, therapeutisch

kamen Einreibungen mit Wein, Essig, Oel oder sympathetische Mittel

zur Anwendung. Vom Irrsinn im engeren Sinne (Melancholie, Manie,

Kynanthropie) wurden Schwachsinn, Verwirrtheit, Bewußtseinsstörungen

im Verlauf akuter Krankheiten getrennt, auch ist der periodische

Charakter der Psychosen hervorgehoben. Interessant ist der Satz:

„Kein Mensch begeht eine Uebertretung, wenn nicht in ihn der Geist

des Irrsinns gekommen ist.” Von einer Behandlungsweise der Irren ist

nichts erwähnt. -- Gegen Lyssa wird in hergebrachter Weise die Leber

des tollen Hundes empfohlen, doch knüpfte man an dieses Mittel keine

allzu großen Hoffnungen.

~Chirurgisches.~ Zum ärztlichen Instrumentarium gehörten ein

größeres und ein kleineres Messer, der Trepan, die Lanzette und

der „Nagel” (für den Aderlaß), Schröpfköpfe u. a. Bei Ausführung

einer Operation hatte der Chirurg ein Schurzfell um; vor schwereren

Eingriffen gab man zuweilen dem Kranken einen „Schlaftrunk”. Bei der

Behandlung von Wunden und Geschwüren kamen Oel und warmes Wasser,

Balsam, Bähungen mit Essig oder Wein, Weizenbrei und gemahlener

Kümmel, Kräuter etc., Watte, Schwämme, neue Lappen, Binden, Pflaster,

Kataplasmen zur Verwendung; in gewissen Fällen wurden die Wunden

ausgebrannt, vergiftete ausgesaugt. Stets mußte vom Verletzten eine

bestimmte Diät eingehalten werden. Wichtig ist die ~Warnung vor

Berührung der Wunden~, weil „die Hand Entzündung mache”. Abszesse

wurden inzidiert oder ausgeschält. Spärlich und unklar sind die

Bemerkungen über die Reposition von Luxationen (Unterkiefer) und

Frakturen (Schienenverband). Von Operationen kommen vor Amputation

(z. B. von leprösen und kariösen Gliedern), Trepanation, Operationen

an den männlichen Genitalien (Beschneidung, Operation der Harnfistel,

Epispadie), eine Bauchoperation zwecks Entfernung des übermäßigen

Fettes, Anlegung eines künstlichen Afters bei Atresia ani. An einer

Stelle heißt es, daß die Exstirpation der Milz nicht tödlich sei[30].

Die rituelle Zirkumzision setzte sich aus vier Akten zusammen:

Abtragung der Vorhaut, Entblößung der Eichel bis zur Freilegung

der Eichelkrone, Aussaugen, Verband (Vornahme in der Norm am 8.

Lebenstage, bei kranken Kindern Aufschub bis zur vollen Genesung).

Außer der rituellen Zirkumzision wird auch die Beschneidung bei

Erwachsenen (Heiden) wegen einer Geschwürsaffektion am Penis erwähnt.

-- Interessant sind die Angaben über Prothesen (Ersatzstück für den

Vorderteil des Fußes, mit einer Höhlung für Fetzenpolsterung versehen;

ein zur Fortbewegung dienender Stelzstuhl für Krüppel), künstliche

Zähne (auch aus Gold oder Silber).

[30] Interessant ist die Erwähnung der Tracheotomie an einem Schafe.

Man schnitt demselben ein fensterartiges Stück aus der Luftröhre

aus und verschloß es mit einer Rohrhaut. Der Bericht stammt aus

dem 2. nachchristlichen Jahrhundert und bezieht sich vielleicht

auf alexandrinische Aerzte.

~Augenärztliches.~ Unter den im Talmud vorkommenden Namen für

Augenleiden sind unter anderem Augenentzündung, Hornhauttrübung

oder Star, Hornhautfell, Tränenfistel, Nachtblindheit, Tagblindheit

zu verstehen. Umschläge von Wasser, Wein, Augenschminken und

Salben bildeten die wichtigsten Heilmittel, doch standen auch

viele abergläubische und absonderliche Prozeduren im Schwange (z.

B. Bestreichen mit Speichel, mit dem Blut der Fledermaus oder des

Auerhahns, sympathetische Mittel, Beschwörungen). Von Mar Samuel wird

die Aeußerung angeführt: ein Tropfen kalten Wassers (ins Auge) und

das Waschen von Händen und Füßen sind besser als alle Kollyrien.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 12 / 76 段