Der Iatrosophist ~Severos~ verfaßte eine Abhandlung über die

Anwendung von Klistieren in der Therapie der Kolik, der fieberhaften

Affektionen etc., περὶ ἐνετήρων ἥτοι κλυστήρων. (Severi de clysteribus

liber, ed. F. Reinhold Dietz, Königsberg 1836.)

Medizinisches in den Werken der Kirchenväter.

Medizinische Fragen zu berühren, fanden die Kirchenväter

gelegentlich Anlaß, vor allem bei Erörterung der ~christlichen

Lebensweise~. Namentlich ~Clemens Alexandrinus~ († zwischen 211 und

218) und ~Hieronymus~ (331-420) bringen die Diätetik und Hygiene zur

Sprache, wobei sie bemerkenswerterweise zwar heftig gegen Schwelgerei,

Trunksucht und Ausschweifung ankämpfen, aber -- im Gegensatz zu

manchen Sekten -- kein absolutes Verbot des Fleisch- und Weingenusses

geben und in gewissen Grenzen den Gebrauch von Bädern, Arzneien etc.,

überhaupt eine rationelle Körperpflege anempfehlen. So sagt Clemens

Alexandrinus: „Wer den Wein, eine Arznei, unmäßig gebraucht, bedarf

einer neuen Arznei wider den Wein.” ... „Ich bewundere jene, die ein

strenges Leben gewählt haben und den Trank der Mäßigkeit begehren, das

Wasser, welche weit fliehen vor dem Wein wie vor einer Feuersgefahr.

Es genügt übrigens, daß man Knaben und Mädchen im allgemeinen von

diesem Pharmakon fernhält.” ... „Schon bejahrten Leuten indes kann

man einen mehr erheiternden Trunk nicht wehren ... doch gibt es

auch für sie eine Grenze.... Ich erinnere mich, daß ein gewisser

~Artorius~ in seiner Makrobiotik die Meinung aufstellt, man solle nur

so viel trinken, als zur Befeuchtung der Speise nötig ist, um sich

eines längeren Lebens zu erfreuen.” ... „Wasser sowohl wie Wein sind

Schöpfungen Gottes, jenes aber ist notwendig, dieser ein Heilmittel

bei geschwächter Gesundheit.” ... „Zum Gebrauch von Bädern gibt

es vier Motive: die Reinigung, die Erwärmung, die Gesundheit, das

Vergnügen. Zum Vergnügen aber soll man nicht baden. Die Weiber müssen

ein Bad nehmen im Interesse der Reinlichkeit und Gesundheit, die

Männer im Interesse der Gesundheit allein. Ueberflüssig ist das Motiv

der Erwärmung; den vor Kälte erstarrten Gliedern kann man auch auf

andere Weise zu Hilfe kommen. Der fortgesetzte Gebrauch der Bäder aber

setzt die Kräfte herab und erschlafft die natürliche Spannkraft; oft

führen sie auch Entkräftung und Ohnmacht herbei.” Hieronymus, welcher

einen sehr interessanten Abriß über die Nahrung der verschiedenen

Völker hinterließ, warnt vor Uebermaß im Essen und Trinken und hält

insbesondere zu viel Fleischgenuß für gesundheitsschädlich, wobei

er sich auch auf das Gutachten eines Hippokrates und Galen beruft.

„Wer krank ist,” sagt er, „empfängt die Gesundheit nur wieder von

schmaler Kost und eingeschränkter Lebensweise, was man magere Diät

nennt. Mit den Speisen, mit denen wir die Gesundheit wieder erlangen,

kann sie demnach auch bewahrt werden. Niemand möge glauben, daß

Gemüse Krankheiten erzeuge. Wenn es aber auch nicht solche Kräfte

verleiht, wie sie jener Milo aus Kroton besaß, die nur eine Folge

von Fleischspeisen sind und durch sie erhalten werden, so ist darauf

zu sagen: wozu ist denn auch dem weisen Manne und dem christlichen

Philosophen eine solche Stärke zu besitzen notwendig, wie dem Fechter

und Soldaten, deren Besitz doch nur zu Lastern aufreizt?”

Ganz besonders aber erwuchs den christlichen Apologeten ein

sachliches Interesse für medizinische Fragen bei der Verteidigung

gewisser Thesen, z. B. ~der Existenz der Seele~, ~der leiblichen

Auferstehung~, ~der Zweckmäßigkeit der Weltordnung~. Auf diesem

Gebiete kam vorwiegend Physiologisches und Psychologisches in

Betracht, und am meisten ragt hier der gelehrte und scharfsinnige

~Tertullianus~ (um 150-230) hervor, welcher mit Recht von sich

rühmen durfte, er habe auch in die Medizin einen Blick getan;

seine Schrift de anima verrät eine intensive Beschäftigung mit

der medizinischen Literatur, und an vielen Stellen verwendet er

medizinische Redewendungen und Gleichnisse. Die Seele betrachtet er

als etwas Körperliches (allerdings nicht Grob-Materielles), was sich

schon aus ihrer Empfindungsfähigkeit ergebe. Das oberste Lebens-

und Denkzentrum (ἡγεμονικόν) verlegt er ins Blut. Bei der Darlegung

seiner Psychophysik kommt er mehrmals auf den „methodicae medicinae

instructissimus auctor” Soranos zu sprechen, dem er manches Argument

entlehnt, auch berichtet er von verschiedenen psycho-physischen

Theorien, wonach die Aerzte Andreas und Asklepiades ein oberstes

Denkprinzip geleugnet, während Hippokrates, Diokles, Herophilos,

Erasistratos und vor allem Soranos die Annahme eines ἡγεμονικόν

verteidigt hätten. Das oberste Seelenprinzip sei jedoch nicht im

ganzen Körper verbreitet (Moschion), noch sitze es im Kopfe (Plato),

noch im Scheitel (Xenokrates), noch im Gehirn (Hippokrates), noch in

der Hirnbasis (Herophilos), noch in den Hirnhäuten (Erasistratus),

noch in der Mitte zwischen den Augenbrauen (Straton), noch im ganzen

Brustkasten (Epikuros), sondern im Herzen, nach dem Spruch des

Orpheus oder Empedokles: αἷμα γὰρ ἀνθρώπὸις περικάρδιόν ἐστι νόημα.

Asklepiades wollte durch Experimente an Tieren, denen er den Kopf

abschnitt (Fliegen, Wespen, Heuschrecken) oder das Herz herausriß

(Ziegen, Schildkröte, Aale), gezeigt haben, daß es kein oberstes

seelisches Prinzip gebe; gegen ihn und seine Anhänger richtet

Tertullian die Worte: „Asklepiades mag seine Ziegen suchen, die ohne

Herz blöken, und mag seine Mücken jagen, die ohne Kopf fliegen, und

alle jene, welche aus der Beschaffenheit der Tiere Schlüsse ziehen

wollen auf die Einrichtung der menschlichen Seele, mögen wissen, daß

sie selbst ohne Herz und Hirn leben”[23]. Auch die höchsten seelischen

Funktionen seien gleich vom Anbeginn da, was aus der Beobachtung des

Säuglings erkannt werden könne, Erziehung und Umgebung bedingen die

Verschiedenheiten der geistigen Entwicklung, das Wachstum der Seele

gehe der körperlichen Entfaltung parallel (körperliche und geistige

Pubertät -- im 14. Jahre -- fallen zusammen), die einzige natürliche

Begierde sei der Nahrungstrieb. Mit großem Nachdruck vertritt

Tertullian die Ansicht, daß die Seele nicht erst im Momente der Geburt

mit dem Körper vereinigt, vielmehr mit demselben zusammen erzeugt

werde. In derb-realistischer Weise führt er unter anderem folgendes

zum Beweise an: „Ne itaque pudeat necessariae interpretationis.

~Natura veneranda est, non erubescenda.~... Denique, ut adhuc

verecundia magis pericliter quam probatione, in illo ipso voluptatis

ultimae aestu, quo genitale virus expellitur, nonne aliquid de anima

quoque sentimus exire atque adeo marcescimus et devigescimus cum lucis

detrimento? Hoc erit semen animale protinus ex animae destillatione,

sicut et virus illud corporale semen ex animae defaecatione.” Er

verweist auf die Kindesbewegungen, welche die Schwangeren fühlen

und kommt auch auf die „Grausamkeit” der Geburtshelfer zu reden,

welche, um das Leben der Mutter zu retten, die Frucht zerstückeln.

Der Geschlechtsunterschied sei schon von der ersten Anlage an gegeben.

-- ~Clemens Alexandrinus~ sucht in der Widerlegung einer gnostischen

Allegorie nachzuweisen, daß die Milch nur verwandeltes Blut sei, und

auch er ergeht sich ausführlich über sexuelle Dinge. Die Gestaltung

des Embryo erfolge durch den Samen, der sich mit dem reinen Reste des

Menstrualblutes vermische, die dem Samen innewohnende Kraft wirke auf

die Natur des Blutes, mache es gerinnen, wie das Lab die Milch. --

Die Möglichkeit der leiblichen Auferstehung suchten die Apologeten

zumeist durch den Hinweis auf die Entstehung des komplizierten

Menschenleibs aus einem winzigen Samentropfen zu begründen. Vom

medizinischen Standpunkt interessanter ist aber der Einwurf, den

~Methodios~ († um 312) in seinem Dialog über die Auferstehung

des Fleisches durch den Arzt Aglaophon erheben läßt. Dieser fragt

nämlich, welcher Leib auferstehen werde, der des Kindes oder des

Jünglings oder des Greises, und verweist auf die stetige Umwandlung

des menschlichen Körpers durch den Stoffwechsel (nach Aristoteles

und dem hippokratischen Buche περὶ χυμῶν). -- Ein fruchtbares Gebiet

eröffnete sich den Kirchenvätern bei der ~teleologischen Betrachtung

des menschlichen Körpers~. Sie spielt bereits in der Schrift des

~Dionysius Alexandrinus~ (um die Mitte des 3. Jahrhunderts) „Ueber

die Natur” eine Hauptrolle und dient als kräftiges Argument gegen die

Atomistik. „Der Gebrauch der Glieder,” sagt Dionysius am Schlusse,

„ist bei Unwissenden und Wissenden gleich; jene haben nur nicht die

Erkenntnis desselben ... sie schreiben töricht die treffliche, der

größten Bewunderung würdige Erhaltung dem zufälligen Zusammentreffen

der Atome zu. Die Aerzte aber, welche eine genauere Betrachtung

dieser Dinge vornahmen und besonders die inneren Vorgänge genau

untersuchten, haben, von Bewunderung erfüllt, der Natur göttliches

Wesen zugeschrieben.” In umfassender Weise hat ~Lactantius~ († bald

nach 325) dasselbe Thema in seiner von anatomischen, physiologischen

und psychologischen Betrachtungen erfüllten Schrift de opificio dei

behandelt. Er erläutert besonders im Anschluß an Aristoteles und

Varro die Zweckmäßigkeit des Körperbaues und seiner Funktionen in

allen damals bekannten Einzelheiten. Die Erkenntnis der unzähligen

Varietäten der Lebewelt trotz der Einheit des Grundtypus kommt in den

Worten zum Ausdruck: illud commentum dei mirabile, quod una dispositio

et unus habitus innumerabiles imaginis praeferat varietates. nam in

omnibus fere, quae spirant, eadem series et ordo membrorum est ...

nec solum membra suum tenorem ac situm in omnibus servant, sed etiam

partes membrorum ... Das Konvergieren der Augen habe seine Grenze und

werde nur durch Absicht erreicht. Die Geschmacksempfindung sitze nicht

im Gaumen, sondern in der Zunge. Bei der Beschreibung der inneren

Fortpflanzungsorgane, resp. ihrer doppelten Anlage verweist Lactantius

auf den Befund in tierischen Kadavern: Sicut enim renes duo sunt, ita

testes, ita et venae seminales duae, in una tamen compage cohaerentes,

quod videmus in corporibus animalium, cum interfecta patefiunt. Die

beiden Theorien über den Ursprung des Samens: ex medullis -- ex omni

corpore, werden für ungewiß erklärt. Aus der rechten Seite gehen die

männlichen, aus der linken Seite die weiblichen Embryonen hervor:

sed illa dexterior masculinum continet semen, sinisterior femininum,

et omnino in toto corpore pars dextra masculina est, sinistra vero

feminina ... item in feminis uterus in duas se dividit partes ...

quae pare in dextram retorquetur, masculina est, quae in sinistram

feminina ... Die Entwicklung beginne nicht mit dem Herzen, sondern mit

dem Kopfe -- was aus der Beobachtung von Vogelembryonen hervorgehe.

Der Geschlechtscharakter hänge davon ab, daß der männliche oder

„weibliche” Same überwiege, doch bleibe es nicht ohne Einfluß, ob

die Befruchtung in der rechten (männlichen) oder linken (weiblichen)

Uterushälfte stattfinde; daraus erkläre sich dann die Entstehung von

männlichen Individuen mit femininen Eigentümlichkeiten und umgekehrt.

In seiner Psychologie nimmt Lactantius zwar von den verschiedenen

Theorien Notiz, neigt auch zur Annahme, daß die Vernunft im Kopfe

throne, doch verhält er sich auf diesem Gebiete sehr skeptisch:

omnia quae ad motus animi animaeque pertineant, tam obscurae altaeque

rationis esse arbitror, ut supra hominem sit, ea liquido pervidere.

[23] Ein verwerfendes Urteil hat Tertullian auch über die angeblichen

Vivisektionen des Herophilos mit den Worten gefällt: Ille

medicus aut lanius, qui sexcentos homines exsecuit, ut naturam

scrutaretur, qui hominem odit, ut nosset, nescio an omnia ejus

liquido explorarit, ipsa morte mutante quae vixerant, et morte

non simplici, sed ipsa inter artificia exsectionis.

Der Ausspruch des ~Gregorios von Nazianz~ (330-390):

„Bewundere Mensch, wie du gebildet und gestaltet bist, und wie

groß Gottes Weisheit in deiner Erschaffung sich bezeugt, und

was für ein Naturgeheimnis darin innewohnt” leuchtet auch in

den naturphilosophischen Schriften eines ~Gregorios von Nyssa~

(332-395) und ~Nemesios von Emesa~ (geb. um 340) durch und ist bei

der Beurteilung ihres anatomisch-physiologischen Inhalts stets zu

beachten, der nur das Piedestal für die Theologie abgibt[24]. In

der Abhandlung des ~Gregorios von Nyssa~ „Von der Erschaffung des

Menschen” heißt es bedeutsam: „Ueber die genaue Einrichtung unseres

Körpers belehrt sich ein jeder aus dem, was er sieht, erlebt und

empfindet, und hat dabei seine eigene Natur zur Lehrerin. Indes

können wir auch die von tüchtigen Gelehrten in Büchern ausgearbeitete

Darstellung dieser Dinge vornehmen und in allem genaue Studien machen.

~Sollte jedoch jemand sich lieber die Kirche als Lehrerin über alle

diese Dinge wünschen, um für nichts einer von außerhalb kommenden

Belehrung zu bedürfen~ -- so wollen wir in kurzen Worten auch darüber

eine Auseinandersetzung geben.” Drei Kräfte erhalten, nach Gregorios,

das Leben: die erste durchdringt das Ganze mit Wärme, die zweite netzt

das Erwärmte mit Feuchtigkeit, die dritte hält die Glieder zusammen

und erteilt allen die Fähigkeit selbständiger und freiwilliger

Bewegung -- drei Organe sind unbedingt notwendig für's Leben: Herz,

Leber, Gehirn. Das Fleisch ist empfindungsfähig; Bewegung erfolgt

mittels der die Nerven durchströmenden Kraft, ihr Ursprung liegt in

der ~Gehirnhaut~, deren Zerreißung sofortigen Tod bedingt. Der ganze

Körper ist von Kanälen durchzogen, von denen die einen vom Herzen

entspringen und Pneuma führen (Arterien), während die anderen aus der

Leber hervorgehen und Blut enthalten (Venen). Das Pneuma gelangt durch

die Atmung in die Lunge und wird vom Herzen angezogen (nach Art der

Blasebälge in den Schmieden). Der Atmungsprozeß erfolgt unwillkürlich,

indem das an die Lunge angewachsene Herz durch seine Kontraktion und

Expansion die Lunge abwechselnd herabzieht (erweitert) und dann wieder

zusammendrückt (wodurch die Ein- und Ausatmung entsteht). Der durch

das Herz in seiner Wärme erhaltene Magen verlangt umso stärker nach

Nahrung (gleichsam nach Brennstoff), je mehr er in Hitze gerät, die

Verdauung ist eine Verkochung des Stoffes, welcher in die gröberen

und edleren Teile zerfällt. Der Bodensatz geht durch die Därme und

gewährt ihnen eine Zeitlang Nahrung, die vielfachen Darmwindungen

haben den Zweck, den Ausfall zu hemmen, damit nicht zu schnell wieder

Verlangen nach dem Essen auftrete. Die Leber, welche Pneuma durch

eine Arterie zugeführt erhält, wodurch das Blut gerötet wird, liegt

deshalb vom Herzen entfernt, weil die beiden Quellen der Lebenskraft

nicht auf allzu engem Raume zusammengebracht werden konnten. Die

durch Vermischung der Feuchtigkeit und Wärme entstandenen Dünste

nähren das Gehirn, dessen Haut sich röhrenartig durch den Wirbelkanal

fortsetzt. In wunderbarer Weise gehen aus dem gleichen Nahrungsstoff

die verschiedenartigsten Körpersubstanzen hervor. Die Haare entstehen

durch Austritt der Dünste aus den Poren, und zwar die langen und

geraden, wenn die Dünste den geraden Weg nehmen, die krausen oder

geringelten, wenn sie durch krumme Kanäle getrieben werden.

[24] Diese Art der naturphilosophischen Schriften der kirchlichen

Autoren nahm ihren Ausgangspunkt von dem Hexaëmeron (Ueber die

sechs Tage der Weltschöpfung), welches ~Basileios der Große~

(älterer Bruder des Gregorios von Nyssa) verfaßt hatte. In dem

von glühender Phantasie, echtem Natursinn, aber auch starrem

Buchstabenglauben erfüllten Werke (das später im Abendlande

vom hl. Ambrosius lateinisch überarbeitet wurde) fehlte eine

Betrachtung über den Menschen. Die Lücke füllten ~Gregorios

von Nyssa~ und später ~Nemesios~ aus. Von Basileios wollen

wir hier anführen, daß er in seinen Schriften auffallend viele

medizinische Gleichnisse verwendete und sich über den Wert der

Medizin äußerst anerkennend ausgesprochen hat. Wie hoch er den

ärztlichen Beruf schätzte, geht aus den schönen Worten hervor:

ἔστι μὲν καὶ πᾶσιν τοῖς τὴν ἰατρικὴν μετιοῦσι ~φιλανθρωπία τὸ

ἐπιτήδευμα~ (Brief an den Arzt Eustathios).

Ebensowenig wie dem Gregorios von Nyssa, kann dem ~Nemesios~ von

Emesa in anatomisch-physiologischen Dingen Originalität zugesprochen

werden, verdient es doch schon vollste Anerkennung, daß die Theologen

sich mit Eifer und Gründlichkeit in die Fachschriften des Aristoteles,

Galenos u. a. vertieften, um ihre psychologischen Ausführungen auf

eine solide Basis stellen zu können. Die Abhandlung des ~Nemesios~

~περὶ φύσεως ἀνθρώπου~ (beste Ausgabe von Chr. Fr. Matthaei, Halae

Magdeb. 1802, deutsche Uebersetzung von Osterhammer „Von der Natur

des Menschen”, Salzburg 1819) war im Mittelalter sehr verbreitet

und wurde schon früh und wiederholt ins Lateinische übersetzt.

In seiner Seelenlehre machte der patristische Philosoph von der

Hypothese des πνεῦμα ψυχικόν, welches die Einwirkung des Geistes auf

den Körper, die Sinnesempfindungen etc. erklären muß, Gebrauch und

mit ~Poseidonios~ verlegte er ~die Einbildungskraft in die vordere,

den Verstand in die mittlere, das Erinnerungsvermögen in die hintere

Hirnhöhle~. Die geistige und körperliche Beschaffenheit des Menschen

betrachtete er nicht als vereinzelt dastehende Erscheinung, sondern

als den Höhepunkt der Schöpfung, in welcher eine ~Stufenreihe von den

anorganischen Bildungen bis zu den vollkommensten Wesen ansteigt~.

Im Anschluß an die herrschenden Lehren seines Zeitalters trug er die

Elementartheorie vor und führte den Unterschied der Nahrungsmittel von

den Arzneistoffen darauf zurück, daß erstere den Elementarqualitäten

verähnlicht werden, die letzteren aber ihnen entgegenstehen. Der

Same werde im Gehirn bereitet, dann durch die Adern hinter den Ohren

abwärts geführt und in den Hoden abgesetzt (diese Lehre hatte sich

von Zeiten der Pythagoräer durch die ganze Literatur fortgepflanzt);

die Substanz der Lunge sei schaumiges Fleisch (Erasistratos, Galenos);

die Galle unterstütze die Verdauung und befördere die Darmentleerung

(Galenos); die Nerven unterscheiden sich von den Sehnen durch ihre

Empfindungsfähigkeit. Diese und andere Bemerkungen wurden eine

Zeitlang ganz mit Unrecht für etwas dem Autor Eigentümliches gehalten,

und Neider Harveys gingen sogar so weit, aus Nemesios eine Vorahnung

des Blutkreislaufes herauslesen zu wollen. Wir setzen seine Worte

selbst hierher, damit sich der Unbefangene von der Haltlosigkeit

derartiger Deuteleien überzeugen kann: „Die Pulsbewegung geht vom

Herzen aus, besonders von dessen linker Kammer, der sogenannten

pneumatischen, welche die Lebenswärme durch die Arterien nach allen

Teilen des Körpers hin verbreitet, wie die Leber den Nahrungsstoff

durch die Blutadern. ... Wenn die Schlagader sich erweitert, so

zieht sie von den nächstgelegenen Venen das Blut an sich, das dem

Lebensgeiste zur Nahrung dient; zieht sie sich zusammen, so leert sie

alles Unreine durch den ganzen Körper und die unsichtbaren Poren aus.”

Von einer Selbständigkeit der Auffassung oder gar von grundlegenden

Entdeckungen auf unserem Gebiete kann demnach keine Rede sein, und man

wird dem Verdienste des ~Nemesios~ völlig gerecht, wenn man anerkennt,

daß er auch seinerseits dazu beigetragen hat, physiologische Ideen

der Antike zu erhalten. Noch höher aber ist es ihm anzurechnen, daß

er, in derselben Schrift, den astrologischen Träumereien wuchtig

entgegentrat -- hierin seiner Zeit wahrhaft voraneilend!

Die Lehre des hl. ~Augustinus~ (354-430), daß der Fötus im

zweiten Monate beseelt[25] und im vierten Monate geschlechtlich

differenziert werde, spielte späterhin in der Gesetzgebung eine

bedeutende Rolle, seine Anschauung über die ~Strafbarkeit des

absichtlich hervorgerufenen Abortus~ wurde maßgebend. In der Schrift

de nuptiis cap. 15 heißt es: Si quis causa explendae libidinis vel

odii meditatione homini aut mulieri aliquid fecerit vel ad potandum

dederit, ut non possit generare aut concipere vel nasci soboles, ut

homicida tenetur.

[25] Et ideo attendite, quod prius seminatur homo, postea concipitur

in vulva et ibi caro formatur, deinde post dies quadraginta

septem creatur anima et corpori infunditur (Sermones ad fratres,

Sermo 25).

Die Medizin im Talmud.

Vereinzelt finden sich bei antiken Autoren Hinweise auf jüdische

Aerzte, wahrscheinlich ist es auch, daß jüdische Aerzte am Geistesleben

Alexandrias regen Anteil genommen haben, von einem medizinischen

Schrifttum derselben ist aber nichts bekannt geworden. Unter diesen

Umständen gewährt bloß ~der Talmud~, dessen Abfassungszeit sich ~vom

2. bis zum 6. Jahrhundert~ erstreckt, Einblick in die Heilkunde der

Juden während der bezeichneten Zeitspanne. Bei Benutzung dieser Quelle

ist aber wohl zu beachten, daß sie zum Teile nur ~volksmedizinische

Anschauungen~ wiedergibt, und überdies, daß der Talmud, gemäß

seinem Charakter als Gesetzbuch, ~ärztliche Dinge zumeist nur soweit

behandelt, insofern der Ritus~ (Opfer-, Reinheits-, Speisegesetze u.

a.) ~oder das Zivil- und Kriminalrecht davon berührt werden~.

Die talmudische Medizin ist reichhaltig, aber begreiflicherweise

unsystematisch, auf manchen Gebieten überrascht sie durch

erstaunliche Kenntnisse, während auf anderen kaum Ansätze zu einer

höheren Entwicklung angetroffen werden, bald tritt die Sonderart

und Originalität hervor, bald machen sich die fremdländischen

Einflüsse stark geltend; von diesen sind (neben den älteren

ägyptisch-babylonisch-persischen) die durch Syrien und Alexandria

vermittelten ~hellenischen~ besonders wichtig, sie verraten sich

schon äußerlich in nicht wenigen hebräisierten Krankheits- oder

Arzneimittelnamen.

Die Frage, ob und welche Beziehungen zwischen der Medizin des Talmuds

und der mittelalterlichen abendländischen Heilkunde bestehen, bedarf

noch der Untersuchung. In Anbetracht der Bedeutung, die den jüdischen

Aerzten im Mittelalter zukommt, ist es wohl denkbar, daß durch

dieselben manches in die Gesamtmedizin hineingetragen worden ist, was

aus der Enzyklopädie des Talmuds herstammte.

Der ~Arzt~ des talmudischen Zeitalters (rōphē, auch assia)

beherrschte die gesamte Heilkunde, ihm stand der Aderlasser (ummān)

zur Seite, welcher die Venäsektion, das Schröpfen und auch die

Beschneidung ausführte; die Geburtshilfe war -- abgesehen von

besonders schweren Fällen -- Sache der Hebamme (chakama, chajja). Die

Aerzte bereiteten die Medikamente selbst. Ueber ihren Studiengang

erfahren wir nichts Näheres, die berufsmäßige Ausübung der Praxis

scheint eine behördliche Approbation vorausgesetzt zu haben; in

Fällen von erwiesener Fahrlässigkeit wurde der Arzt zur Verantwortung

gezogen. Die Zahl der Aerzte war nicht gering; sie bildeten eine

conditio sine qua non für jedes größere Gemeindewesen, wurden bei

religionsgesetzlichen Zweifeln, als Sachverständige bei Gericht,

bei Bemessung der Strafen, namentlich aber in allen Fragen der

öffentlichen Gesundheitspflege zu Rate gezogen. Mit dem ausdrücklichen

Titel, der Arzt, sind nur wenige Männer im Talmud erwähnt, hingegen

heißt es von mehreren Talmudlehrern, daß sie auch in der Heilkunst

tüchtig gewesen seien. Die meisten wissenschaftlich-ärztlichen

Aussprüche rühren von dem Babylonier ~Mar Samuel~ (165-257) her,

welcher als Arzt alle übrigen überragte und auch als Astronom berühmt

war. Der ärztliche Beruf war sehr angesehen, dennoch behauptete sich

neben der wissenschaftlichen stets auch die Volksmedizin.

~Zur Anatomie, Physiologie und Embryologie.~ Hie und da

wurden wissenschaftliche Untersuchungen an Tieren und an Föten

angestellt[26].

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 11 / 76 段