•Krankheiten des Nervensystems und Psychosen.• „~Paralysis~” (De

morb. chron. II, cap. 1) bedeutet im engeren Sinne ~Lähmung der

Empfindung~ (Temperaturempfindung) ~und der Bewegung oder bloß der

einen von beiden~ -- est vel fit paralysis nunc sensus, nunc motus,

nunc utriusque. Et intelligitur ~sensus~ paralysis, quoties ~fervens~

atque ~frigidum~ non sentiunt aegrotantes manifesto partium naturalium

motu: ~motus~ autem, quoties fervens atque frigidum sentiunt, motu

partium carentes: ~utriusque~ vero paralysin factam accipimus,

quoties motu atque sensu caruerint. Es gibt zwei Grundformen der

Lähmung, nämlich spastische (conductione) und schlaffe (extensione).

Im weiteren Sinne bedeutet aber „Paralysis” ~Funktionsbehinderung

überhaupt~; bei dieser viel zu weiten Fassung des Begriffes werden

natürlich die mannigfachsten pathologischen Erscheinungen, auch

solche, die im letzten Grunde ~nicht neurologischer~ Art sind,

subsumiert. Caelius Aurelianus beschreibt außer den Lähmungen der

Extremitäten (bei der spastischen Form besteht Verkürzung, bei

der schlaffen Verlängerung) die „Paralyse” der Augenlider, der

Pupille (Mydriasis und „Phthisis pupillae” ═ Miosis), der Zunge, des

Geruchsinnes, der Lippen, des Kinns, des Gaumens, des Schlundes,

des Kehlkopfes, der Cardia, des Magens, des Darms, der Blase etc.

und hält es für sehr wahrscheinlich, daß auch andere Organe, wie die

Lungen, das Herz, das Zwerchfell, die Milz, die Leber, von Paralyse

ergriffen werden können. Als eine paradoxe, von Erasistratos zuerst

beobachtete Lähmungsform erwähnt er jene, welche durch ~Intermission~

charakterisiert ist, quo ambulantes repente sistuntur, ut ambulare

non possint et tum sursum ambulare sinuntur. Weit wertvoller als

der diagnostische Teil dieses Abschnittes ist der therapeutische,

da besonderer Nachdruck auf die •Mechanotherapie• in verschiedenen

Formen, auf die •Uebungstherapie• gelegt wird, abgesehen von inneren

oder äußeren Reizmitteln, Diät (Metasynkrise) etc. So empfiehlt

Aurelianus zur Behebung des Stammelns und Stotterns (beide werden

voneinander gut unterschieden) zweckmäßige ~Sprechübungen~ in

methodischem Ansteigen vom Leichteren zum Schwierigeren. Oportet

praeterea singulas partes in passione constitutas, suis ac naturalibus

motibus admonere ... linguam producendo atque conducendo. Haec sunt

aegrotantibus imperanda. Hortandi etiam ~locutionem~ tentare, quod si

minime facere potuerint, ex omni parte officio linguae cessante, erunt

suadendi, ut animo concepta volvant quae proferre non possunt. Saepe

enim quae loqui volentes mente perceperint, in alto formans spiritus,

accepto motu rumpit in vocem: Vel certe docendi sunt unius exprimendae

~literae~ curam suscipere, ut intra se exercendo manifestius probent

et magis ex ~vocalibus~, ne difficultate sonitus multarum literarum,

vocis organa concludantur potius quam reserentur: ac tum cum recte

pronunciare valuerint, dabimus ~λἑξεις~ atque nomina, quae sint

ex multis vocalibus conscripta, ut est ~Paean~ et his similia: Sic

etiam numeros dabimus et ex his exclamare provocabimus aegrotantes:

ac deinde lectionem offeremus vel disputationem. In der Behandlung

der Extremitätenlähmungen spielt die ~Heilgymnastik~ die Hauptrolle,

und zwar kommen bei Armlähmungen der ~Gebrauch von Halteren~, bei

Lähmung der Beine ~ein mit Binden und Schnüren versehener Apparat~

zur Anwendung, welcher sich zur Vornahme ~aktiver, passiver, Beuge-

und Streckbewegungen~ eignet. Bessert sich der Zustand, so wird bei

den ~Gehübungen~ eine Einschaltung von Widerständen vorgenommen

oder eine bedeutendere Geschwindigkeit angestrebt: conficienda

sunt ligna, quae transgredi pedibus nitantur aegrotantes. Tunc

etiam factis in terra lacunis, deambulationem imperabimus ac deinde

calceamentis adjuncto plumbo, prius parvo, ut exempli causa uncia,

tum plurimo atque pro augmentorum gradu usque ad libram deducto: tum

etiam itineris ~celeritas~ erit augenda: habet enim majoris laboris

officium. Außerdem werden ~Schwimmübungen~ (bei denen die gelähmten

Glieder mit Schwimmblasen versehen wurden), warme Sandbäder am

Meeresstrande, Heilquellen, kalte Duschen, Reisen zu Wasser und zu

Lande empfohlen. -- Den Hauptunterschied zwischen der ~Apoplexie~

(welche gewöhnlich als eine den ganzen Körper befallende, mit

Bewußtseinsstörung einhergehende Lähmung definiert wurde) und der

Paralyse erblickt Caelius Aurelianus lediglich darin, daß erstere ein

akutes, letzteres ein chronisches Leiden sei. Aus der Besprechung der

~Krampfleiden~ geht hervor, daß man tonische und klonische Formen

unterschied, an welche das Zittern angereiht wurde; hauptsächlich

werden der Emprosthotonus, der Episthotonus, der Tetanus und der

Spasmus cynicus (Tic convulsif) beschrieben. Vortrefflich ist die

~Epilepsie~ mit vielen feinen Beobachtungen von Details (z. B.

Gesichtsphänomene der Aura) geschildert, ohne daß aber die Eclampsia

infantium und parturientium abgetrennt wird. Von den sehr ähnlichen

hysterischen Zuständen unterscheiden sich die epileptischen durch

die tiefe Bewußtseinsstörung. Caelius Aurelianus gibt zwar eine sehr

gut orientierende Uebersicht über die mannigfaltigen therapeutischen

Versuche der einzelnen Schulen, er selbst will aber die Behandlung von

allen abergläubischen und gewaltsamen Eingriffen (z. B. Trepanation,

Kauterisation, Arteriotomie, Kastration) freigehalten wissen.

Den „~Incubo~” ═ Alp betrachtet er als eine Art von Vorstufe der

Epilepsie, unter ~Katalepsie~ (apprehensio, sive oppressio) sind

teils hysterische, teils hochgradige Schwächezustände zusammengefaßt.

Ueber verschiedene Arten des ~Kopfschmerzes~, über „Ischias” und über

den ~Schwindel~ (passio scotomatica Migraine ophthalmique) handeln

eigene Abschnitte. Die ~Hydrophobie~, welche manche Autoren aus der

Läsion der Hirnhäute erklären wollten, hält Caelius für ein Leiden des

ganzen Körpers; die Symptome sind trefflich beschrieben, doch finden

sich in der Darstellung hinsichtlich der Uebertragbarkeit mit den

richtigen, unrichtige Vorstellungen vermengt. Hominum hydrophoborum

quidam in hydrophobicam passionem devenerunt solius aspirationis odore

ex rabido cane adducto, cum deflectione quadam naturalis spiratio

vexata venenosum aerem adducit et principalibus inserit partibus.

Alii rabidi animalis unguibus laesi in rabiem devenerunt. Memoratur

denique sic mulierem in hydrophobicam passionem venisse, cui facies

fuerit leviter a parvulo catulo lacessita. Quidam a gallo gallinaceo

pugnante leviter laesus in rabiem venisse dicitur. Sartrix etiam

quaedam quum chlamydem scissam rabidis morsibus, sarciendam sumeret

atque ore stamina componeret et lingua pannorum suturas lamberet

assuendo, quo transitum acus faceret faciliorem, tertia die in rabiem

venisse memoratur. Est praeterea possibile, sine manifesta causa hanc

passionem corporibus innasci, cum talis strictio sponte generata,

qualis a veneno (De morb. acut. III, cap. 9).

In den Fällen von ~Phrenitis~ (vgl. hierzu Bd. I, S. 391) hat

man bei der Behandlung vor allem darauf Rücksicht zu nehmen,

ob „strictura” oder „solutio” den Grundzustand bilden, erstere

erfordert Abhaltung aller erregenden Einflüsse (daher Aufenthalt

des Kranken in einem ruhig gelegenen Zimmer, mit weit vom Boden

entfernten Fenstern, dunklen Wänden ohne Gemälde, Aderlaß etc.),

letztere Zufuhr von Reizen (starke Belichtung etc.); darnach

richtet sich auch die vorzuschreibende Diät. Caelius Aurelianus

überliefert in ungemein ausführlicher Weise die pathologischen

und therapeutischen Anschauungen der Vorgänger -- handelt doch das

ganze erste Buch von der Phrenitis. Im Gegensatz zu den Theorien,

welche die Basis des Gehirns, das Herz, den Herzbeutel, die Aorta,

die Hohlvene oder das Zwerchfell als Sitz der Krankheit erklärten,

vertritt unser Autor die Meinung, daß die Phrenitis ein Leiden des

ganzen Körpers sei, wenn auch der Kopf dabei vorzugsweise erkrankt

wäre. Vom Wahnsinn unterscheide sie sich dadurch, daß bei ihr die

Delirien dem Fieber folgen, während im Verlauf des Wahnsinns die

umgekehrte Folge beobachtet werde. Das Gegenstück zur Phrenitis,

der ~Lethargus~, dürfe mit ähnlichen soporösen Zuständen, wie sie

z. B. nach Vergiftung mit Mandragora oder Hyoscyamus auftreten,

nicht verwechselt werden. Die „~Manie~” (furor sive insania),

zu welcher auch der fixe Wahn gerechnet wurde, ist bei Caelius

Aurelianus sehr ausführlich dargestellt, sowohl was die Aetiologie

als die Symptomatologie anlangt; er hält sie in erster Linie

für ein somatisches Leiden, namentlich deshalb, weil krankhafte

körperliche Zustände vorausgehen. Die Behandlungsweise beruht auf der

zweckmäßigen und dem besonderen Falle Rechnung tragenden Kombination

von ~physischen~ und ~psychischen~ Mitteln. Zu den ersteren zählen

geeignete Diät, Sorge für Schlaf, Fomentationen, Einreibungen, unter

Umständen Blutentziehungen (auch mittels Blutegel), Bewegung, Bäder,

die Metasynkrise. Zwangsmaßregeln sollen nur im Falle dringender

Notwendigkeit und dann mit Schonung angewendet werden. Die psychischen

Mittel bestehen in der Isolierung des Kranken unter Aufsicht

verständiger Wärter, wobei auf die Einrichtung des Lagers, Abhaltung

jeder Erregung etc. Rücksicht zu nehmen ist. Für Rekonvaleszenten

eignen sich eine dem Bildungsgrade angemessene Beschäftigung

(Festredeübungen), Anhören von Komödien oder Tragödien, Spiele u. s.

w.[17]. Unter dem Begriff „Melancholie” ist auch die Hypochondrie

subsumiert; Verdauungsstörungen, Furcht und Kummer gelten als die

wichtigsten der auslösenden Momente.

[17] Nam literalis etiam lectio adhibenda est, quae sit aliqua

falsitate culpata, quo interius mentem exerceant aegrotantes.

Quapropter interrogationibus quoque erunt fatigandi ... tum sibi

dimittendi, data lectione, quae non sit intellectu difficilis,

ne plurimo labore vexentur. Haec enim si supra vires fuerint,

non minus afficiunt quam corporis immodicae gestationes....

Tunc proficiente curatione erunt pro possibilitate meditationes

adhibendae, vel disputationes.... Tunc post meditationem vel

disputationem deducendus mox est atque perungendus leviter

aegrotans et deambulatione levi movendus. Ei autem qui literas

nescit immittendae quaestiones erunt, quae sint ejus artis

propriae, ut rustico rusticationis, gubernatori navigationis: ac

si ex omni parte iners fuerit curandus, erunt vulgaria quaedam

quaestionibus tradenda vel calculorum ludus (De morb. chron.

I, cap. 5, vgl. hierzu Bd. I, S. 316).

•Hautleiden.• Das Kapitel, welches von der ~Lepra~ handelt (De morb.

chron. IV, cap. 1), ist verstümmelt auf uns gekommen und enthält

bloß Therapeutisches. Von Interesse ist namentlich die Notiz, daß

von manchen Aerzten die vollständige Absonderung (Verbannung) der

Aussätzigen vorgeschlagen wurde, um der ~Ansteckungsgefahr~[18] zu

begegnen: aegrotum in ea civitate, quae nunquam fuerit isto morbo

vexata, si fuerit peregrinus, excludendum probant, civem vero longius

exulare, aut locis mediterraneis et frigidis consistere, ab hominibus

separatum, exinde revocari, si meliorem receperit valetudinem, quo

possint caeteri cives nulla istius passionis ~contagione~ sanciari.

Die Kritik des Caelius Aurelianus lautet: Sed hi aegrotantem

destituendum magis imperant, quam curandum, quod a se alienum

humanitas approbat medicinae.

[18] Vgl. Bd. I, S. 388. Zu dem dort Gesagten sei noch eine

Stelle aus dem römischen Geschichtschreiber Ammianus

Marcellinus (um 330-400) angeführt, welche zeigt, daß man

die Weiterverbreitung ansteckender Affektionen durch passende

Maßregeln zu verhindern bemüht war. Es heißt dort nämlich: Hat

man einen schwer erkrankten Freund, nach dessen Befinden sich

ein Sklave erkundigt hat, so ist es gut, den mit Nachrichten

zurückkehrenden Boten nicht in das Haus des Herrn einzulassen,

bevor er in einer Badeanstalt ein Bad genommen hat. So verhütet

man wohl am ehesten die eigene Erkrankung.

•Ohrenleiden• wurden teils allgemein (z. B. antiphlogistisch),

teils lokal behandelt; in letzterem Falle kam die Sonde als

Arzneimittelträger zur Anwendung oder man machte Eingießungen „per

clysterem oticum”.

•Zahnheilkunde.• Die Angaben über schmerzstillende Mittel

(unter anderem Zahnkitt aus Galbanum, Pfeffer, Opium; Kauen der

Mandragorawurzel; Skarifikationen des Zahnfleisches mittels eines

besonderen Instruments (περιχαράκτηρ) sind überreich, hingegen ist

die Extraktion höchstens bei ganz lockeren Zähnen empfohlen, getreu

dem Grundsatze: detractio amissio partis est, non sanatio [De morb.

chron. II, cap. 4]).

* * * * *

Wie oben bemerkt wurde, machte Caelius Aurelianus das gynäkologische

Werk des Soranos zum Gegenstand einer lateinischen Bearbeitung. Im

Anschlusse daran wollen wir gleich hier erwähnen, daß wir einen aus

dem 5. oder 6. Jahrhundert stammenden Hebammenkatechismus in Fragen

und Antworten besitzen, welcher im wesentlichen ebenfalls auf Soranos

(und auf dem gynäkologischen Teile der libri responsionum? des Caelius

Aurelianus) beruht. Es ist dies die lateinisch abgefaßte Schrift des

•„Moschion”• (~Muscio~) ~über die Weiberkrankheiten~[19].

[19] Die Persönlichkeit des Verfassers ist historisch nicht bestimmt

festgestellt, keinesfalls ist sie mit dem bei Soranos und

Galenos erwähnten Arzte Moschion identisch. Das Werk spielte

in der Geburtshilfe lange eine sehr bedeutende Rolle und hatte

in der Literatur ein ganz eigenes Schicksal. Es wurde nämlich

ins Griechische übertragen (in mehreren Handschriften erhalten)

und, da man diese Uebersetzung für das Original hielt, später

wieder ins Lateinische zurückübersetzt (ebenfalls in mehreren

Handschriften). Vgl. Sorani gynaeciorum vetus translatio

latina, in der Soranosausgabe von Val. Rose, Lips. 1882. Aeltere

Ausgaben: Μοσχίωνος περὶ τῶν γυναικείων παθῶν, Basil. 1566,

und griechisch-lateinisch ed. Dewez, Vienn. 1793. -- Einige

Handschriften besitzen Abbildungen des Uterus mit Eileitern

und Ovarien, welche von Autoren der Renaissancezeit als Vorlage

benützt worden zu sein scheinen. „Moschion” benützte auch das

der Cleopatra zugeschriebene (wahrscheinlich aus dem 4.-5.

Jahrhundert stammende) gynäkologische Werk ~γενέσια~ (abgedruckt

in Spach, Harmania Gynaecior. Argent. 1597).

Ein allerdings weniger wertvolles Gegenstück zum Hauptwerke des

Caelius Aurelianus bildet das Kompendium des ~Cassius Felix~, mit

welchem die medizinische Literatur Westroms endet. Der Autor stammte

(nach dem barbarischen Latein und den im Texte vorkommenden punischen

Ausdrücken zu schließen) aus Nordafrika[20] und beabsichtigte,

wie aus der Vorrede erhellt, eine kurze Zusammenstellung der

theoretisch-praktischen Lehrmeinungen der ~dogmatischen~ Schule;

die Schrift wurde 447 verfaßt, ihr voller Titel lautet: ~de medicina

ex graecis logicae sectae auctoribus liber translatus sub Artabure

et Calepio consulibus~ (ed. Val. Rose, Lips. 1879). Im wesentlichen

handelt es sich um eine (nach dem beliebten Prinzip a capite ad calcem

angeordnete) spezielle Pathologie und Therapie, wobei die erstere

ziemlich dürftig ausgefallen ist (Erklärung des Krankheitsnamens,

Aetiologie, eventuell Pathogenese), und die letztere zum größten Teile

aus ~Galens~ therapeutischen Werken stammt. ~So finden denn beide,

der princeps methodicorum und der Pergamener, am Ausgang des Altertums

ihre Vertretung in lateinischen Schriften!~

[20] Bemerkenswert ist es, daß aus Nordafrika eine ganze Reihe von

Männern hervorging, welche sich in der römischen Literatur einen

Namen machten, z. B. Fronto, Apulejus, Gargilius Martialis,

die Kirchenväter Tertullian, Cyprian, Augustinus, der Rhetor

Arnobius, Martianus Capella, die medizinischen Autoren

„Apulejus”, Vindicianus, Caelius Aurelianus.

Das Werkchen des Cassius Felix (82 Kapitel) wurde von

mittelalterlichen Autoren benützt und bietet in mehrfacher Hinsicht

Interessantes. Vor allem schon durch die an Caelius Aurelianus

lebhaft erinnernde und stark zum Romanismus neigende Sprache, sowie

durch die spätlateinische und zugleich griechische Terminologie. Das

Rezeptarium ist ungemein reichhaltig. Unter den zitierten Autoren

ragen neben ~Hippokrates~ (Aphorismen, Prognosticum) und ~Galen~

(methodus medendi, ad. Glauconem de medendi methodo, de compos.

medicamentor. secundum genera, de comp. medicament. secundum locos,

de locis affectis) ~Magnos der Iatrosophist~, ~Philagrios~ und

~Vindicianus~ hervor. Cassius Felix benützte auch die fälschlich

unter dem Namen des Galen gehenden Euporista (die echten waren schon

zur Zeit des Oreibasios verschollen). Was den Inhalt anlangt, so

sei darauf hingewiesen, daß Cassius ähnlich wie Caelius Aurelianus

zur Diagnostik des Ascites resp. der Tympanitis die ~Perkussion und

Palpation~ verwendete (cap. 76: ~palma pulsatus, tympani sonitum

facit -- inflatio cum digitis fuerit impressa concavitatis formam

ostendit~), daß er unter den Ursachen des Hydrops auch die ~Verhärtung

der Nieren~ (~renum saxietas~) anführt, unter den Wurmmitteln auch

der ~Klysmen mit Wermutdekokt~ gedenkt u. v. a. Mittel aus der

Dreckapotheke stehen im Hintergrunde, chirurgische Eingriffe werden

fast niemals empfohlen.

~Die Scheidung zwischen West und Ost, welche unter dem Einflusse

von Byzanz allmählich zu einer ganz eigenartigen Kulturentwicklung

führte, hat auch in der medizinischen Literatur des 5. Jahrhunderts

ihre Spuren hinterlassen. Im hellenischen Osten erhielt sich die

Tradition ungeschwächt weiter, während sie, im barbarisch werdenden

Westen morsch geworden, endlich in Trümmer zerfiel.~ In Byzanz waren

treffliche, edel gesinnte Aerzte tätig -- so z. B. ~Hesychios und

dessen berühmter Sohn Jakobos~ -- und wenn auch oft nur in den Farben

sophistischer Manieriertheit leuchtend, die Gelehrsamkeit blühte noch

immer in dem altehrwürdigen, der Verwitterung noch lange widerstehenden

~Alexandria~. Dort war noch immer die hervorragendste Pflanzschule

für die Jünger der Heilkunst, dort wirkten gelehrte Iatrosophisten wie

~Palladios~ und ~Severos~, dort wurde der kenntnisreiche, vielseitige,

mit wahrem Forscherblick begabte ~Asklepiodotos~ geboren, welcher

unter günstigeren Verhältnissen wohl ein neues Zeitalter echter

Naturforschung und blühender Heilkunst hätte begründen können!

~Hesychios aus Damaskus~ ließ sich um 430 in Byzanz nieder, nachdem

er schon 40 Jahre vorher an verschiedenen Orten (in Hellas, Aegypten,

Italien) mit großem Erfolg als Praktiker tätig gewesen war. In weit

höherem Ansehen stand sein Sohn ~Jakobos~, der unter dem Kaiser

Leo (457-474) Comes archiatrorum wurde und seinen Zeitgenossen als

„Zeuxis und Pheidias der Heilkunst” galt. Man rühmte ihm nicht

allein umfassendes ärztliches Wissen und praktische Tüchtigkeit

nach, sondern pries auch seine warme Menschenliebe, seine seltene

Uneigennützigkeit; in dem ehrenden Beinamen Σωτήρ (Erretter), noch

mehr in der Errichtung einer Statue fand die Verehrung, die ihm alle

Stände begeistert zollten, Ausdruck. Von der literarischen Tätigkeit

des Jakobos haben sich bei späteren Autoren einige Rezepte (gegen

Podagra, Hemikranie, Neuralgie, Husten) erhalten, außerdem die Angabe,

daß er auf eine kühlende und wässerige Diät den größten Wert legte

(„weil er sah, daß die meisten Menschen sehr geschäftig und geldgierig

seien und ein Leben voll Kummer und Sorge führen”), weshalb er auch

~Psychrestos~ genannt wurde. „~Ein guter Arzt~” -- so lautet einer

seiner Aussprüche -- „~muß seinen Kranken entweder sogleich aufgeben

oder ihn nicht eher verlassen, als bis er ihn um etwas gebessert~.”

Als würdiger Anhänger des Jakobos erlangte der vielseitig begabte,

scharfsinnige und kenntnisreiche ~Asklepiodotos~ hohen Ruhm, ein

Forscher, welcher trotz seiner Zugehörigkeit zur neuplatonischen[21]

Schule -- er war ein Jünger des Proklos -- der realistischen Methode

zuneigte, hierin eine Ausnahmsgestalt in seinem schwärmerischen und

unselbständigen Zeitalter[22]. Neben den philosophischen Zweigen und

der Medizin pflegte er auch zoologische, botanische, mathematische

und physikalische Studien mit hingebungsvollem Eifer, überall eigene

Wege wandelnd. In der Medizin verehrte Asklepiodotos den Hippokrates

und Soranos als Muster; er huldigte einer mehr energischen Therapie

als die meisten der damaligen Aerzte (so führte er den Gebrauch der

weißen Nieswurz wieder ein) und förderte seine praktischen Leistungen

nicht wenig durch den Einfluß seines freundlichen und anmutsvollen

Wesens, wie übereinstimmend berichtet wird.

[21] Zu den hervorragenden Anhängern der neuplatonischen Schule

zählten auch Aerzte.

[22] Damaskios, der letzte Lehrer der Philosophenschule von Athen,

sprach sich folgendermaßen über Asklepiodotos aus: „Von Jugend

auf galt er für den scharfsinnigsten und kenntnisreichsten

seiner Altersgenossen, indem er unablässig nach allem forschte,

was die Natur oder irgend eine Kunst Bewunderungswürdiges

hervorbringt. So lernte er in kurzer Zeit alle Mischungen der

Farbstoffe und alle zur Verschönerung der Gewänder angewandte

Tünchen kennen, ebenso die tausendfachen Verschiedenheiten

der Holzarten mit bald gewundenem, bald geradem Verlauf

ihrer Fasern. Ferner beobachtete und erforschte er die

Eigenschaften und Gestalten der Steine und Pflanzen, nicht nur

der gewöhnlichen, sondern auch der seltensten, auf jede Weise.

Den Handwerkern machte er viel zu schaffen, indem er sich

fortwährend bei ihnen aufhielt und nach allem aufs genaueste

fragte. Sehr hohen Wert legte er auch auf die Naturgeschichte

der Pflanzen, noch höheren auf die der Tiere, indem er die

einheimischen ~durch eigene Anschauung~ unterschied, über die

fremden so viel als möglich Erkundigungen einzog und las,

was die Alten darüber geschrieben.” An dieses Lob knüpfte

Damaskios einige Worte, die vom Standpunkt der neuplatonischen

Hyperspekulation einen leisen Tadel einschließen, tatsächlich

aber dem Asklepiodotos zum höchsten Ruhme gereichen. Er soll

nämlich trotz seines tiefen Verständnisses der platonischen

Philosophie doch in „der höheren orphischen und chaldäischen

Weisheit, die den gewöhnlichen Verstand übersteige”,

zurückgeblieben sein und habe (auf ethischem Gebiete) die

Theorie auf das Niedere und auf die ~Phänomene~ beschränkt,

indem er, abweichend von den alten Spekulationen, ~alles auf

die Natur der irdischen Dinge bezog und zurückführte~.

Von dem Iatrosophisten ~Palladios~ sind noch ~Kommentare zu

hippokratischen Schriften~ (nämlich zum VI. Buche der Epidemien und

zur Lehre über die Knochenbrüche) vorhanden, welche deutlichsten

Einblick in die spitzfindige, aber unfruchtbare Lehrweise der

damaligen Alexandriner gewähren. Wahrscheinlich stammt von ihm

außerdem noch eine Abhandlung über die Fieber, ~περὶ πυρετῶν

σύντομος σύνοψις~ (in Idelers Physici et medi Graeci minor. I,

Berlin 1840), aus welcher manche Bemerkungen Erwähnung verdienen.

Das Fieber wird definiert als widernatürliche Erhitzung (θερμασία),

welche sich vom Herzen aus durch die Arterien in den ganzen Körper

verbreitet und die Körperfunktionen sinnlich wahrnehmbar stört. Die

Krankheitsstoffe vermögen Fieber erst dann zu erregen, wenn sie zum

Herzen gelangt sind. Fieberhitze folgt deshalb auf den Frost, weil

das (während des Froststadiums) von der Peripherie ins Innere des

Körpers zurückgedrängte Blut die natürliche Herzwärme verdopple,

und diese sich sodann wieder durch die Arterien verbreite. Bei den

Wechselfiebern ziehe sich der Fieberstoff während des Intervalles in

die Muskeln zurück und errege durch seine Rückkehr ins Blut wieder

von neuem einen Anfall. Septische Fieber beruhen auf Zersetzung, die

gutartigen Fieber auf bloßer Erhitzung des Blutes in den Gefäßen.

Hektische Fieber verschlimmern sich nach der Nahrungsaufnahme --

ähnlich wie ungelöschter Kalk durch Zufuhr von Wasser erhitzt werde.

(Dieser Analogie gedenkt auch Galenos.)

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 10 / 76 段