~Daremberg~, Oeuvres d'Oribase, Paris 1856-1876, Text und französische
Uebersetzung; von den sechs Bänden enthält der letzte, von A. Molinier
herausgegebene, alte lateinische Uebertragungen der Synopsis und der
Euporista. Von einer verlorenen Schrift über die Augenkrankheiten
ist noch ein Auszug vorhanden.
Von den 70 Büchern der ~ἰατρικαὶ συναγωγαί~ (Collecta medicinalia)
ist nur mehr etwa ein Drittel vorhanden, worin folgendes abgehandelt
wird: Nahrungsmittel, Getränke, Gymnastik und Diätetik, Blutentziehung
und die übrigen Ausleerungsmittel, Klimatologie und Hygiene, äußere
Heilmittel, Bäder, einfache und zusammengesetzte Arzneimittel,
allgemeine Physiologie und Pathologie, Symptomatologie, Embryologie,
Anatomie, Entzündung, Geschwülste, allgemeine Chirurgie, Frakturen,
Luxationen, Lehre von den Verbänden, Apparaten und Instrumenten,
Harn- und Geschlechtsleiden, Hernien, Geschwüre, Varia. Viele
wichtige Abschnitte, welche die innere Medizin betrafen, sind
verloren gegangen. An manchen Stellen tritt die selbständige
Erfahrung des Verfassers hervor, so z. B. in der Lehre vom ~Aderlaß~
(die Venäsektion soll nicht schablonenhaft an einem bestimmten
Tage, sondern je nach der Stärke der Krankheit und dem Zustand
der Kräfte vorgenommen werden; bei Entzündungen auf der leidenden
Seite), in der Lehre von der ~Diät~, ~Gymnastik~, ~Massage~, in
der weitläufigen Abhandlung von den ~Klistieren~ (die er auch bei
~Blasenaffektionen~ anwandte) u. s. w. Im großen und ganzen stehen
aber die eigenen Ideen und Leistungen des Verfassers allzusehr im
Hintergrunde, ja in strittigen Fragen scheut er sogar vor einem
entscheidenden Urteil zurück und bringt statt dessen Exzerpte über
dasselbe Thema von verschiedenen Autoren. So wird z. B. die ~Lepra~
dreimal abgehandelt, nach ~Galenos~, ~Rhuphos~ und ~Soranos~. In den
anatomischen Abschnitten macht sich diese Unselbständigkeit besonders
fühlbar, denn auf diesem Gebiete entbehrte ~Oreibasios~ zumeist wohl
der zur Kritik nötigen Erfahrung, er schildert z. B. die Gebärmutter
einmal nach ~Galen~, das andere Mal nach ~Soranos~, weil beide in der
Beschreibung divergieren, und sogar in den seltenen Fällen, wo er in
der Lage war, die Angaben der galenischen Anatomie zu ergänzen oder
zu korrigieren, unterließ er dies aus übertriebener Ehrfurcht vor den
Leistungen des großen Pergameners, dem er, neben Lykos und Soranos,
ausschließlich folgte. An einer Stelle, wo er vom Aderlaß spricht,
berichtet er, daß er bei Zergliederung von Affen Nerven unter und
neben der Vena mediana des Vorderarms gefunden habe, dennoch erwähnt
er diese Entdeckung in seiner Anatomie nirgends, geschweige denn, daß
er sie zum Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen der Armnerven gemacht
hätte. Die ἰατρικαὶ συναγωγαί bilden neben den Werken Galens[2] und
den byzantinischen Autoren eine Hauptquelle für unsere Kenntnisse
über die antike Medizin[3]. Ohne Oreibasios würden wir von manchem
Autor nicht einmal den Namen wissen[4].
[2] Vgl. den Index im 20. Bande der Kühnschen Ausgabe, in welchem
mehr als zweihundert von Galen zitierte Autoren vorkommen.
[3] Oreibasios dient als Quelle für: ~Agathinos~, ~Antyllos~,
~Apollonios von Pergamon~, ~Archigenes~, ~Asklepiades~,
~Athenaios~, ~Demosthenes~, ~Dieuches~, ~Diokles~,
~Erasistratos~, ~Heliodoros~, ~Herodotos~, ~Kriton~, ~Lykos~,
~Meges~, ~Menemachos~, ~Mnesitheos~, ~Philagrios~, ~Philumenos~,
~Philotimos~, ~Rhuphos~, ~Theophrastos~, ~Xenokrates~, ~Zopyros~
u. a.
[4] Hierher zählt z. B. ~Sabinos~, von dessen ~klimatologischer~
Abhandlung Oreibasios ein sehr interessantes Fragment bringt.
Der Verfasser erinnert in seiner Auffassung lebhaft an das
hippokratische Buch de aëre, aq. et loc. und leitet aus
seinen Wahrnehmungen Regeln ab für die Anlage der Straßen in
den Städten. Sie sollen breit sein, um der Sonne Zutritt zu
gestatten, gerade und ununterbrochen verlaufend, von Nord nach
Süd und von Ost nach West sich schneidend, um den Winden offen
zu stehen.
Bezüglich der Lehre ~von den Verbänden und chirurgischen Apparaten~
vgl. die Bücher 48 und 49 (Daremberg IV, p. 253-458, ferner die
Abbildungen p. 691 ff.). Zur Ergänzung unserer früheren Darstellung
sei hier auf einige in den chirurgischen Büchern des Oreibasios
erhaltene Fragmente des ~Archigenes~, ~Heliodoros~ und ~Antyllos~
verwiesen, welche für die Geschichte der Chirurgie in der römischen
Kaiserzeit von Wert sind.
~Archigenes~ (vgl. Bd. I, S. 335). Oreib. XLVII, 13: ~Amputation
mit dem Zirkelschnitt~: „Es sind nun die zur Durchschneidungsstelle
führenden Gefäße zu unterbinden oder zu durchnähen oder bei manchen
das ganze Glied mit einem Bande zu umgeben, auch Kälte anzuwenden,
bei einigen auch zur Ader zu lassen ... die Absetzung im Gelenke ist
zu vermeiden. Man muß also die Haut nach dem Gesunden mit einem Bande
oder einem anderen, einen kreisförmigen Druck ausübenden Gegenstande
hinaufziehen, neben welchem Bande auch die Umkreisung mit dem Schnitt
stattfinden kann. Entsprechend dem abzunehmenden Gliede muß auch
das Absetzungsinstrument sein. Gelagert aber wird der zur Absetzung
bestimmte Körperteil so, daß die zur Ausführung des Kreisschnittes und
der Absägung dienenden Instrumente ihr Werk ungehindert verrichten
können. Nach der Durchschneidung sind rundherum die Sehnen zu
entfernen und, nachdem man die Häute abgeschabt hat, die Knochen zu
durchsägen. Wenn eine erhebliche Blutung vorhanden ist, muß man mit
glühenden, eine gewisse Dicke besitzenden, Brenneisen kauterisieren.”
~Heliodoros~ (vgl. Bd. I, S. 335). Oreib. XLIV, 8f.: Operation
sichtbarer und verborgener Abszesse, ~Rippenresektion~. XLVI c. 11:
~Trepanation~ mit einem, dem Perforativtrepan ähnlichen Instrumente.
XLVII, 14: ~Amputation~: „Es wird die Hand oder der Fuß abgenommen,
wenn Gangrän vorhanden, irgend ein Ende eines Gliedes infolge einer
anderen Ursache abgestorben ist. ... Einige befleißigen sich einer
unnützen Schnelligkeit, indem sie in einem Zuge alle Weichteile
durchschneiden und darauf die Knochen durchsägen; eine solche
Amputation ist aber nicht ungefährlich, weil viele Gefäße zugleich
bluten; deshalb halte ich es für zweckmäßiger, die weniger fleischigen
Teile des Gliedes zuerst zu durchschneiden, z. B. am Schienbein,
dann zu durchsägen und nach der Durchsägung der Knochen die übrigen
Weichteile bis zur vollständigen Entfernung des Gliedes zu trennen.
Ich bin gewohnt, zunächst über der Durchsägungsstelle ein ~Band
umzulegen, um so viel als möglich eine Verschließung der Gefäße
herbeizuführen~, und dann in der angegebenen Weise zu verfahren.
Beim Absägen muß das Blatt der Säge gleichmäßig geführt werden,
damit die Sägefläche der Knochen eine glatte werde. Nach dem Absägen
der Knochen durchschneidet man darauf mit einem Messer die noch im
Zusammenhang gebliebenen Weichteile, unmittelbar nach der Absetzung
werden große Charpiewieken aufgelegt und statt des Charpiehalters
nebeneinanderliegende Kompressen. Außen werden Schwämme und ein
ziemlich fest angedrückter Verband angelegt.” XLVIII, 20: über die
~Binden~ (Rollbinden, gespaltene Binden). Ibid. 33 ff.: verschiedene
kunstvolle Verbände. XLIX: ~Behandlung der Luxationen~ (Reposition mit
den Händen, mit Utensilien des gewöhnlichen Lebens, mit Maschinen).
L, 9: ~Behandlung der Strikturen der Harnröhre~, welche als Folge
von fleischigen Wucherungen galten. Die Exzision wurde mit einem
schmalen Stilett gemacht, sodann legte man eine ~Bougie~ aus trockenem
Papier ein, welche in ihrem Inneren ein metallenes Röhrchen oder
eine Federpose barg. Ibid. c. 3, 4: Behandlung der Hypospadie und
des Harnträufelns.
~Antyllos~ (vgl. Bd. I, S. 404). Oreib. VII, 7-11: Technik der
Venäsektion, ibid. 14: ~Arteriotomie~, ibid. 21: ~Bdellotomie~, XLIV,
8: chirurgische Behandlung der Abszesse (Schnittrichtung), ibid. 22,
23 über Fisteln (Untersuchung mit der Sonde, aus Papyrus angefertigte
Bougies zur Erweiterung, Operationsmethoden), XLV, 24: ~Aneurysmen~,
ibid. 25, 26: ~Kolobome~ (des Augenlids, der Stirn, der Wange, der
Nase, der Ohren), L, 5 ff.: Operation der Phimose und Circumzision.
Inhalt der ~Synopsis~: Gymnastik, Coitus, Blutentziehungen,
Purgantien, Emetika, Klysmen, Diaphoretika, Bäder, Rubefacientia,
Arzneimittellehre, Nahrungsmittel und Getränke, Ammenwesen, Hygiene
der Kindheit und des späteren Lebens, Krisenlehre, Uroskopie,
Auswurf, Fieberlehre, Wunden, Geschwüre, Geschwülste, Hautleiden,
Nervenkrankheiten, Psychosen, Haar-, Nasen-, Lippenleiden,
Augenkrankheiten, Wiederbelebung Erhängter, Brust-, Magen-,
Darmleiden, Leberkrankheiten, Nieren-, Blasenleiden, Gynäkologie,
Gicht, Ischias. -- Von besonderem Interesse sind die Abschnitte
über die Diätetik der Schwangeren (V, 1), Ammenwahl (V, 2),
Kinderkrankheiten (V, 5-13), Kindererziehung (V, 14, Beginn des
Unterrichts mit 6-7 Jahren bei freundlichen Lehrern, bei denen die
Kinder mit Freude lernen; Gemütsruhe trägt viel zum körperlichen Wohl
bei, ἡ δὲ ἄνεσις τῶν ψυχῶν εἰς εὐτροφίαν σώματος μεγάλα συμβάλλεται,
Enthaltung von Wein), Temperamentenlehre (V, 43-53; cap. 45 enthält
eine kurze Phrenologie). Bemerkenswert ist es, daß Oreibasios bei
fieberhaften Exanthemen den Gebrauch von Schwitzmitteln verwarf und
an ihrer Stelle milde Laxantia empfahl, Asthma mit harntreibenden
Mitteln, die Harnruhr mit Schwitzbädern bekämpfte und die Hämorrhoiden
als Ausdruck eines Allgemeinleidens ansah etc.
In der Synopsis finden sich Angaben über medizinische Metrologie,
sowie Rezepte gegen verschiedene äußere Affektionen angeführt,
welche von dem „Iatrosophisten” ~Adamantios~, einem Zeitgenossen
des Oreibasios, herrühren; aus weiteren Fragmenten geht hervor, daß
Adamantios sich ganz besonders auch mit der ~Zahnheilkunde~ abgab
(Mittel gegen Zahnschmerz, z. B. Malvendekokt, Hyoscyamussaft,
spielten -- bei der damaligen Scheu gegen die Extraktion --
die Hauptrolle). Erhalten sind von ihm außerdem noch Fragmente
einer Abhandlung über die Winde (Val. Rose, Anecdota graeca et
graeco-latina, I, S. 29, Berlin 1864) und die aus dem einschlägigen
Werke des Rhetors ~Polemon~ exzerpierte Schrift über ~Physiognomik~
(J. G. Fr. Franz, Scriptor. physiognomiae veteres, Altenburg 1780).
Möglicherweise ist ~Adamantios~ identisch mit dem gleichnamigen
jüdischen Arzte, der sich gelegentlich der Vertreibung der Juden aus
Alexandrien unter Theodosius II. taufen ließ.
Die Εὐπόριστα (remedia parabilia, Hausmittel) sind dem Gelehrten
Eunapios gewidmet und für gebildete Laien bestimmt. Sie verfolgen den
Zweck, den letzteren einen gewissen Grad von medizinischer Bildung
zu vermitteln, damit sie im Notfalle bei leichteren Krankheiten,
plötzlichen Unglücksfällen auf der Reise oder auf dem Lande, wenn kein
Arzt in der Nähe ist, rationell verfahren können. ~In der Vorrede wird
auf das gemeingefährliche Treiben der Kurpfuscher (unter denen sich,
wie stets, anmaßende ehemalige Heilgehilfen befanden) hingewiesen
und nachdrücklichst betont, daß die vollkommene Ausführung ärztlicher
Agenden stets ein Wissen voraussetzt, welches nur durch eine besondere
theoretisch-praktische Ausbildung erworben werden kann.~ Oreibasios
erwähnt als Vorgänger in diesem vornehmeren populärmedizinischen
Schrifttum den „bewunderungswürdigen” Galen (dessen Schrift aber nicht
mehr vorhanden sei, vgl. Bd. I, S. 365), Dioskurides (vgl. Bd. I, S.
326, deutsche Uebersetzung von J. Berendes im Janus 1907), Apollonios
von Mys und Rhuphos.
Welch' feine Beobachtungskunst selbst am Ausgang des Altertums
wenigstens bei einzelnen griechischen Aerzten noch anzutreffen
war, beweisen die Fragmente aus den Werken des ~Philagrios und
Poseidonios~ (den beiden Söhnen des Arztes Philostorgios). Abgesehen
von manchen anderen selbständigen Leistungen, erwarb sich der erstere
namentlich auf dem Gebiete der ~Milzkrankheiten~, letzterer auf dem
Gebiete der ~Psychosen~ jahrhundertelangen Nachruhm. An den Namen
des ~Poseidonios~, der -- eine seltene Ausnahme -- den dämonischen
Ursprung gewisser Geisteskrankheiten bestritt, knüpft sich auch ein
früher Versuch, die ~Lokalisation der Gehirnfunktionen~ vorzunehmen.
~Philagrios~ stammte aus Epirus und praktizierte in der zweiten
Hälfte des 4. Jahrhunderts in Thessalonike; er verfaßte zahlreiche
Schriften (70 Monographien, ferner Handbücher und einen Kommentar
zu Hippokrates), von denen einzelne Fragmente auf uns gekommen
sind und sich auf den medizinischen Nutzen verschiedener Getränke
(Honigwein, Mohntrank, Trank aus Quittenkörnern, Kornelkirschen und
Wasser etc.), auf die Diagnostik und Therapie der Milzaffektionen,
auf Podagra, Nierensteine, Diabetes, Spermatorrhöe, Phthise,
Frauenleiden, Magen-, Darm-, Leberaffektionen, Mund-, Zahn-,
Rachen-, Ohrenleiden etc. beziehen. In der Krankheitsauffassung ist
die Humoralpathologie maßgebend; in der (von Mystizismus ziemlich
freien) Therapie wird außer auf Arzneimittel auch auf diätetische
Vorschriften großer Nachdruck gelegt. Was die ~Milzleiden~ anlangt,
so erlangte Philagrios auf diesem Gebiete eine Autorität, die sich
jahrhundertelang erhielt, und dankte dieselbe der Sorgfalt, mit der er
die feineren diagnostischen Kennzeichen (soweit es die Hilfsmittel des
Zeitalters ermöglichten) angab. Vgl. insbesondere die alte lateinische
Uebersetzung der einschlägigen Abhandlung und deren deutsche
Uebertragung in Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”,
Berlin 1886; das griechische Original ist nicht mehr vorhanden. Wie
seine Vorgänger (Hippokratiker, Aretaios) wußte Philagrios, daß bei
Wechselfieber und bei manchen akuten Infektionskrankheiten Milztumor
auftritt, er lehrte, daß die Milz von den verschiedenen Dyskrasien,
besonders der kalten, außerdem aber auch von Entzündung, Vergrößerung,
Schrumpfung, Verhärtung, Skirrhus ergriffen werden könne und erwähnte
den Husten der Milzkranken. Die Behandlung, welche sich nach der
vermeintlichen Dyskrasie, nach dem Krankheitsstadium etc. richtete,
bestand in diätetischen Maßnahmen, äußeren Applikationen, Aderlaß,
Laxantien, Brechmitteln, Diureticis (die Präparate verschiedener
Aspleniumarten und der Kappernwurzel). Gegen Gicht empfahl er Oel-
und Salzeinreibungen, unter den Darmaffektionen beschrieb er die
~Fettdiarrhöe~ (gegen welche ein hydrotherapeutisches Verfahren zur
Anwendung kam); ~Spermatorrhöe~ suchte er durch reizherabsetzende
Nahrungsmittel, Spaziergänge, Gymnastik, Massage, Fernhaltung von
psychischen Reizen (schlüpfrige Lektüre, Schauspiele), passende
Maßnahmen während der Nachtruhe (Vermeidung der Rückenlage,
Bleiplatten unter die Lenden) zu beseitigen, auch riet er in manchen
Fällen, anhaltend Bohnenwasser zu trinken, in welchem glühendes Eisen
mehrfach gelöscht worden war. Ausführlich schrieb Philagrios über die
~Nierensteine~; dieselben kämen (im Gegensatz zu den Blasensteinen)
häufiger bei alten Leuten vor, besäßen verschiedene Beschaffenheit in
Bezug auf Größe, Form, Farbe und Oberfläche, lägen im Nierenbecken;
zu den Symptomen gehöre Schmerzhaftigkeit der Nierengegend, zumeist
auch Obstipation; eine bestehende Nierenentzündung verrate sich
durch Geschwulst, Schmerz beim Bücken, Harnanomalien (Oligurie,
Anurie, Hämaturie); runde und glatte Steine würden am leichtesten
ausgeschieden; gelange der Stein in die Blase, so erfolge Abgang von
viel Grieß und Stuhl. In einem Falle, wo ein Stein in die Harnröhre
eingeklemmt war, entfernte ihn Philagrios durch Urethrotomie oberhalb
der Eichel, verordnete nachher Eselinnenmilch, sowie entsprechende
Diät (Fische, Geflügel). Gegen Frauenleiden hinterließ er mancherlei
Rezepte (z. B. gegen hysterische Beschwerden Räucherung mit Juniperus
Sabina), und auch als Chirurg soll sich Philagrios ausgezeichnet
haben; bei seiner Behandlungsweise des ~Ganglion~ spielte unter dem
Deckmantel von Medikamenten das Zerdrücken die Hauptrolle. Taubheit
leitete er, wenn er andere Ursachen nicht nachzuweisen vermochte,
von einer Nervenläsion her.
Von dem Schrifttum des ~Poseidonios~ (nicht zu verwechseln mit dem
gleichnamigen Verfasser einer Abbandlung über die Pest, vgl. Bd.
I, S. 280) sind ebenfalls nur spärliche Fragmente erhalten, denen
aber eine nicht geringe Bedeutung für die Geschichte der antiken
Psychiatrie zukommt[5]. Das Wesen der ~Phrenitis~ erblickte er in
einer ~Entzündung der Hirnhäute~ und unterschied drei Formen, je
nachdem bloß ~die Phantasie~ (Sinnestätigkeit) oder ~der Verstand~
oder endlich beide gestört sind. Wenn in fieberhaften Krankheiten
~das Gedächtnis~ zu Grunde geht, so leiden auch zumeist Verstand
und Phantasie. ~Die drei Geistesvermögen werden~ von Poseidonios
~lokalisiert, und zwar die Phantasie in den vorderen Teil des Gehirns,
der Verstand in die mittlere Hirnhöhle, das Gedächtnis in die hinteren
Hirnteile.~ Diese Lehre von den drei Seelenorganen, die erste Spur
der Gehirnlokalisation, erhielt sich außerordentlich lange in der
psychologisch-psychiatrischen Literatur. In der Therapie der Phrenitis
kamen neben geeigneter Lagerung (in einem warmen oder kühlen, in
einem lichten oder dunklen Zimmer, je nach dem Falle), lauwarmen
Umschlägen, Klistieren, Aderlässen auch ~schlafmachende Mittel~
(Einreibe-, Riech- oder innere Mittel) zur Anwendung, doch sollten
die letzteren nur während der Abnahme der Paroxysmen, keinesfalls
andauernd gegeben werden. Der ~Lethargos~ könne auf zweierlei Weise
entstehen, indem das Gehirn entweder primär oder sekundär ergriffen
werde (in letzterem Falle sitze die Krankheit ursprünglich im
Herzen und in den Eingeweiden); auch entwickle sich Lethargos im
Verlaufe chronischer Affektionen (Wechselfieber) oder im Verlaufe
von Hirnentzündung, besonders wenn dieselbe mit narkotischen Mitteln
in unangemessener Weise behandelt worden sei; die Somnolenz könne
andauernd sein oder periodisch auftreten. Therapie: Lagerung in einem
warmen, hellen Zimmer, Riechmittel (z. B. Castoreum), Niesemittel,
warme Bähungen um den Kopf, öfteres Aufrütteln des Kranken, eventuell
Klistiere und Aderlaß. ~Karos~, worunter wohl ein (im Gefolge von
verschiedenen Krankheiten auftretender soporöser Zustand verstanden
werden muß), unterscheide sich von dem Lethargos durch den Grad der
Bewußtseinsstörung: bei Lethargos antworte der Kranke auf Befragen und
liege nicht ganz sprachlos da, bei Karos dagegen sei er von tiefem
Schlafe umfangen, ~empfinde zwar beigebrachte Stiche~, vermöge aber
weder zu reden, noch die Augen zu öffnen. ~Koma~ kennzeichne sich
durch einen mehr als naturgemäßen Schlaf, Irrereden, Offenstehen des
Mundes, ~Katalepsie~ durch Bewußtlosigkeit und Empfindungslosigkeit.
~Schwindel~ werde durch das Aufsteigen warmer und scharfer Dünste
nach dem Kopfe, besonders um die Verdauungszeit und beim Erwachen
des Morgens ausgelöst; dauere das Leiden an, so werde es schon von
geringfügigen Anlässen (z. B. wenn der Kranke ein Rad in Bewegung
sieht) hervorgerufen; die wichtigste Vorbauungs- und Heilungsregel
sei die Berücksichtigung verhaltener Ausscheidungen. Das ~Alpdrücken~
(Ephialtos) ~sei nicht dämonischen Ursprungs~ -- wie man damals
allgemein glaubte --, sondern durch Ansammlung dicker, kalter Dünste
in den Hirnhöhlen verursacht, welche die Innervation verhindern; die
Behandlung habe die Ausleerung schädlicher Säfte oder die Beseitigung
der Plethora anzustreben; außerdem Kopfbähungen, wollene Decke im
Schlafe. Häufig sei das Alpdrücken Vorbote der Apoplexie, Manie
oder Epilepsie. Die Krämpfe entstünden bei der ~Epilepsie~ dadurch,
daß der Nervenursprung von einem fremdartigen Inhalt gereizt werde
und denselben fortzuschaffen suche. In chronischen Fällen verordne
man vieles Wassertrinken, bei gegebenen Indikationen Purgantien
(Helleborus oder Koloquinthen), Bäder, Aderlässe, blutige Schröpfköpfe
auf Unterleib und Hinterhaupt, Niesemittel, Schleimauswurf befördernde
Mittel. Kenne man den peripheren Auslösungspunkt der Epilepsie, so
sollen daselbst nach der allgemeinen Ausleerung Topika appliziert
werden (z. B. Sinapismen). Heilung der Epilepsie der Greise und
Neugeborenen sei zumeist unmöglich, warmes Verhalten und Diät
angemessen. ~Manie~ komme durch übermäßigen Zufluß von Blut oder
durch Anhäufung verdorbenen Blutes oder der Galle im Gehirn zu stande,
wobei Kopfschwäche, zornmütige Gemütsbeschaffenheit, Potus, schlechte
Verdauung, Verhaltung der Menses disponierend wirken. Formen der Manie
gebe es viele, manche treten ~periodisch~ auf. Wenn die Manie vom
Blute allein entstehe, so erhebe der Kranke ein unendliches Gelächter,
da er lachenswerte Gegenstände sehe, er mache ein heiteres Gesicht
und singe fortwährend, zuweilen höre er von den aufsteigenden Dämpfen
Töne wie von Flötenbläsern; ~das Gedächtnis sei unverletzt, was
man daraus erkenne, daß die Kranken gewohnte Lieder singen, während
Einbildungskraft und Vernunft leiden~. Wenn Galle mit Blut gemischt
sei, so erlange dieses eine scharfe Beschaffenheit, so wie wenn Hirn
und Hirnhäute gleichsam gestochen und angebohrt würden. Die Kranken
seien aufbrausend, zanksüchtig, verfallen in wütende Rasereien.
Durch scharfe und salzige Nahrung, viele unruhige Bewegung erlange
das Blut eine Schärfe, weshalb oft ohne alle Hilfe, durch knappe
und angemessene Diät das Hirn mit der Zeit sich reinige und gesund
werde. Therapie: dünne, wässerige Diät, Aderlässe, Bäder, Bähungen,
eventuell Niesemittel, Emenagoga, Expectorantia etc. Nach ähnlichen
Grundsätzen werden auch für die ~Melancholie~ Heilvorschriften
erteilt (Purgantien, Klistiere, Aderlässe, Sudorifera, Diuretika,
Bäder, Salbungen, Bewegung, Arbeit, krampfstillende Mittel). Sehr
eingehend und zutreffend schildert Poseidonios die ~Lyssa~, wobei
das Symptom der Wasserscheu auf Schreckbilder, die dem Kranken in
der Flüssigkeit des Trinkgefäßes erscheinen, zurückgeführt wird.
Ein Philosoph sei von einem tollen Hunde gebissen worden, habe
mit edler Ergebung sein Leiden ertragen und in seinem Trinkgefäße
das Schreckbild des Hundes gesehen; bei sich überlegend, daß der
Hund mit dem Gefäße nichts gemein haben könne, habe er sich selbst
überwunden, unerschrocken getrunken und sei von der Krankheit
(hysterische Hydrophobie!) geheilt worden. Zur Behandlung der
Lyssa wird Erweiterung und Kauterisation der Wunde, Skarifikation
der Umgebung, Unterhaltung der Eiterung, innerlich Theriak, nach
Verheilung des Geschwüres weiße Nieswurz empfohlen, außerdem gedenkt
der Autor mancher Volksmittel (gekochte Leber des Hundes, Präparate
aus verschiedenen animalisch-vegetabilischen Stoffen, Anagallis). Ein
Mittel, um zu prüfen, ob der verdächtige Hund wirklich toll gewesen
oder ob der Lyssakranke vollkommen genesen sei, bestehe darin, daß
man den vom Geschwür genommenen Breiumschlag einem Hahn zum Futter
vorwerfe; wenn dieser vom Genuß nicht zu Grunde gehe, sei keine Gefahr
vorhanden. Das Angeführte macht es begreiflich, daß die Abhandlung des
Poseidonios, welche sich neben der eigenen Beobachtung auf Vorgänger
(Aretaios, Archigenes, Rhuphos, Galenos u. a.) stützte, allen Späteren
als Fundgrube in Fragen der Neurosen und Psychosen diente. Vgl. die
Fragmentensammlung von Lewy und Landesberg über die Bedeutung des
Antyllus, Philagrius und Posidonius in Henschels Janus 1847 u. 1848.
[5] Vgl. hierzu den entsprechenden Abschnitt bei Galenos, Bd. I, S.
391.